Film 1: Drehbuch

Erstes Buch
Fernweh
1919-1928
 
101 Wiesen oberhalb Schabbachs

Ruhig liegen die Wiesen auf einem Hügel vor Schabbach da und atmen schwer als Paul aus dem Krieg zurückkehrt. Müde schreitet er über das heimatliche Grün seinem Heimatdörfchen Schabbach entgegen. Der Anblick auf das Dorf herab lässt seine vom Marsch ermüdeten Glieder wieder Kraft fassen und zeichnet einen Ausdruck von Glück und Erlösung in sein kriegsgeblendetes Gesicht.
 

102 Dorfstraße in Schabbach


Paul kommt in Schabbach an. Wie eine Fata Morgana mustert er die Gebäude seines Heimatdorfs: die Kleinhäuser, die Höfe, die Dorfkirche. Die Kirche war der Mittelpunkt der Zweihundertseelengemeinde. Am Kirchplatz angekommen hält Paul inne und blickt ins Dorf hinein. Es scheint so, als könnte dieser Anblick über die vergangenen Kriegsjahre hinwegtrösten. Ein älterer Dorfbewohner ist gerade damit beschäftigt, seine kleine Ziegenherde am Strick nach Hause zu führen. Neugierig bleibt ein Geißlein stehen und beschnuppert ein am Wegrand im Dreck grundelndes Schwein. Paul ist belustigt davon und ein erlösendes Lächeln schleicht sich in sein Gesicht.
 
103 Bürgermeisterhaus in Schabbach (Marias Elternhaus)


Maria lehnt im offenen Fenster um selbiges zu putzen, als sie in den Fensterscheiben die Reflexion des Heimkehrers Paul bemerkt und ihren Blick auf die Straße lenkt, die Paul seinem Elternhaus entgegen hinaufschreitet. Marias Mutter, die Frau des Bürgermeisters, hat Paul offenbar auch bemerkt und schiebt sich neugierig ans Fenster, um durch die Spitzengardinen einen Blick zu riskieren. Maria wendet sich erfreut an ihre Mutter.

MARIA Is das nit der Simons Paul?
 

104 Dorfstraße Schabbach


Paul geht jetzt schneller. Als ihm eine ältere Dorfbewohnerin, die einen Leiterwagen hinter sich herzieht, begegnet, nickt Paul ihr im Gehen stumm aber doch freundlich zu. Zu groß ist der Drang nach Hause zu kommen, als dass er jetzt stehen bleiben könnte, um ausgefragt zu werden, wie es ihm denn ergangen sei, und wo er denn im Krieg überall gewesen wäre. Die alte Frau bleibt stehen und sieht dem Heimkehrenden entgeistert nach. Als Paul weitergeht, sieht er eine junge Frau, die beim Dorfwirt hinter Fenstergittern steht und die Scheiben wischt: es ist das Dienstmädchen Apollonia. Paul hat sie noch nie zuvor gesehen. Seinen Gang verlangsamend, schenkt er ihr ein Nicken zum Gruß und geht dann weiter. Auch Apollonia wirft ihm einen schüchternen Blick zu. Außen vor dem Fenster steht Glasisch, der Apollonia, indem er von außen lasziv über die Scheiben fährt, neckig versucht, auf sich aufmerksam zu machen.

APPOLONIA Hau ab, Mensch!

Apollonia wringt angeekelt von Glasisch ihren Fensterlumpen in einem Blecheimer aus, und wie sie so starr in die trübe Brühe blickt und ihre schwarzen Locken auf ihren Wangen tanzen, hat sie etwas sehr trauriges, verlorenes und fremdes in ihrem Ausdruck.
 

105 Hof des Simonhauses - Schmiede

Pauls Gang wird immer schneller, als er um das Hauseck herum eilt. Aus der Schmiede hört man lautes Hämmern, das in Pauls Ohren wie Musik klingt. Als er durch die kleinen Scheiben ins Innere der Schmiede blickt, springen ihm tanzende Eisenspäne entgegen. Sein Vater formt gerade ganz in seine Arbeit vertieft einen Radbeschlag, indem er mit einem Hammer auf das rot und gelb glühende Metall klopft. Paul eilt zum Vordach der Schmiede und greift sich einen Vorschlaghammer, um seinem Vater, der ins Freie tritt, zur Hand zu gehen. Dieser nimmt mit einem kurzen Blick Notiz von seinem heimgekehrten Sohn, bestrebt, zuerst die Arbeit zu beenden. Zusammen beschlagen die beiden das Rad, das sie eingespielt sogleich an die Wagendeichsel montieren. Jetzt erst wendet sich Mathias an Paul.

MATHIAS Der Wagen gehört dem Legrands Kath. Und dem sei Helmut ist am Weichselbogen gefalle.

Mathias geht daraufhin wieder in die Schmiede, während Paul die Radmontage beendet. Er befreit sich von seinem Rucksack und folgt Mathias in die Werkstatt nach, wo sie zusammen ein weiteres Eisenstück mit abwechselnden Hammerschlägen formen. Währendessen tritt Katharina Simon, Pauls Mutter, aus dem Wohnhaus und erkennt ihren verloren geglaubten Sohn.

MATHIAS Gott sei Dank!

Auch Paul bemerkt jetzt seine Mutter.

KATHARINA (zu sich, erlöst) Der Paul ist wieder da!

Paul eilt zu Katharina, die ihn unbeholfen vor Freude an den Schultern nimmt, und ihn sogleich ins Innere des Hauses, in die Mitte der Familie schieben will. Paul aber dreht sich aus ihren einverleibenden Händen und wendet sich liebevoll an sie.

PAUL Mutter, wart mal’n Moment!

Paul geht in Richtung des Misthaufens, der zwischen der Schmiede und dem Wohnhaus liegt, und öffnet sich im Gehen seinen Hose, um auf den Misthaufen zu pinkeln. Katharina kommentiert Pauls Ritual mit einem erlösten Lachen zu ihrem Mann Mathias hinüber, der das Schauspiel ebenfalls aus der Schmiede heraus verfolgt. Als Paul so am Misthaufen steht und seiner Blase Erleichterung verschafft, ist es so, als würde der ganze Druck, seine ganze Angst und Verzweiflung der letzten Jahre von ihm rinnen.
 

106 Haus Simon - Wohnstube


Der Fliegenfänger hängt ebenso klebrig mit allerlei Insekten von der selben Stelle der Decke wie eh zuvor. In der kleinen Wohnstube des Haus Simones schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Nichts erweckte den Anschein, dass sich etwas, seitdem Paul in den Krieg gezogen war, verändert hatte. Eduard, der ältere der drei Simon Geschwister sitzt an seinem Platz am Fenster, den er seiner Lungenkrankheit wegen eigentlich meiden sollte. Der eingeheizte Ofen, bedeckt mit riesigen Kochtöpfen, die Paul als Kind wie riesige Badewannen vorkamen, brodeln vor sich hin. Paul starrt gedankenverloren auf den Fliegenfänger, während Pauline, seine jüngere Schwester und Katharina, mit Herz dabei sind, ihrem Paul ein Essen zu bereiten. Milch wird ihm in einen Teller geschänkt und Pauline schneidet ihm ein besonders dickes Stück Brot ab. Paul scheint das Essen nicht zu interessieren. Katharina muss ihm den Löffel in die Hand drücken. Appetitlos wirft Paul einen Blick auf das einfache Mahl. Katharina wendet sich etwas enttäuscht an Pauline.

KATHARINA Paulin, komm!

Die heben einen mit gekochten Kartoffeln gefüllten Trog vom Herd auf den Boden. Im Hinstellen bemerkt Katharina Eduard, der nach wie vor am offenen Fenster sitzt.

KATHARINA (besorgt) Eduard, dei Lung! Dau sitzt ja schon wieder am Fenster.

Eduard schaukelt zeitungslesend mit seinem Stuhl unbeeindruckt weiter, während Mathias, der händewaschend neben ihm steht, das Fenster unkommentiert schließt, um zu vermeiden, dass Katharina sich weiter aufregt.

KATHARINA Du wirst noch mit deinem Stuhl umfalle! Zappel doch net so!

Erklärend ruft sie in Pauls Richtung, der noch immer still am Tisch sitzt:

KATHARINA Wo er doch so aufpasse muss auf sei Gesundheit.

Katharina und Pauline tragen den Trog jetzt weiter in Richtung Fenster.

KATHARINA Eduard, komm wech vom Fenster. Du holst dir noch de Tod uf dei Brust!

Gestört beim Zeitungslesen steht Eduard, noch immer vertieft in einen Artikel, auf und setzt sich ans andere Ende des Raums, wo er ein anderes Fenster öffnet. Paul scheint mit seien Gedanken weit weg zu sein. Mit geschlossenen Augen hört er sich geduldig die belanglosen Erzählungen seiner Familienangehörigen an. Jetzt würde man ihm alles erzählen, vor keiner peinlichen Einzelheit, vor keinem noch so kleinen Ereignis würde man ihn verschonen. Für jeden war Paul jetzt wieder daheim.

PAULINE Der Wiegand hat seit vierzehn Tag ein Motorrad.

KATHARINA Mit nem Sack Krumbeere hat ers bezahlt.

Wiegand fährt in diesem Augenblick vor Eduards Fenster vorbei.

EDUARD Wie die Katz auf`m Schleifstein sitzt er, der Wiegand auf seim Motorrad.

Auch Mathias stimmt jetzt in das Gespräch mit ein.

MATHIAS Und gestern is er mir beinah über die Füß gefahre.

KATHARINA Ach, übertreib doch net!

MATHIAS Ja, dat is wahr, er ist mir auch bald drübergefahre.

KATHARINA Komm, halt´s Maul.

MATHIAS Ja, bei dir soll man ja immer ruhisch sein.

Pauline bemerkt Pauls Abwesenheit und kommentiert seine Appetitlosigkeit etwas zynisch.

PAULINE Paul, hon dir die Franzose in Frankreich so viel zum Esse gegebe, dass du bei uns keinen Hunger mehr hast?

Paul antwortet nur, indem er die Augen senkt.

EDUARD (lachend) Hahaha, ei so ebbes! (liest laut aus der Zeitung vor) In London verlief der 1. Mai so gut wie unbemerkt ... nee, nee.

Marie-Goot, Katharinas Schwester, und ihr Mann Mäthes-Pat kommen zur Tür herein. Sofort läuft Marie-Goot zu Paul hin.

MARIE-GOOT Ei, Paul, ei, Paul, dass du noch am Leben bist. (Sie klopft ihm tapsig auf die Schultern.) Kaum zu glaube. Nee, nee, Paul.

EDUARD E stark Stück is dat!

MÄTHES-PAT Kaum zu glaube.

EDUARD Jede Anhäufung von Pferdedung oder Kuhmist in den von amerikanischen oder französischen Truppen besetzten Ortschaften muss vor dem 1. Mai 1919 weggeschafft werden. Der Dünger ist mindestens zweimal die Woche zu entfernen und muss auf die Felder geschafft werden, die mindestens tausend Meter außerhalb der Ortsgrenzen sein müssen. (kopfschüttelnd) Die honn se net mehr all!

MARIE-GOOT Dem Paul sei Händ, die sinn so weiß. Nee, nee!

KATHARINA Der Paul hat immer so schmale, weiße Händ gehabt. Weißt du dat dann net mehr?

MARIE-GOOT Ich dachte, wenn man im Kriesch war und wieder heimkommt, hat man andere Händ.

Marie-Goot greift nach Pauls Händen, die einen Boxbeutel umklammern. Fremd und eingezwängt sitzt er zwischen den Familienmitgliedern.

MÄTHES-PAT Lass doch dem Paul sei Händ!

Paul setzt an zum Trinken, wird von Mäthes-Pat aber wieder daran gehindert.

MÄTHES-PAT Net war, Paul?

KATHARINA (sich die Hände an einem Lumpen abwischend) Ich habs jedefalls immer gewusst, dass er wiederkommt, der Paul.

PAULINE Und da sitzt er jetzt.

Paul versteht nicht mehr, was er denn in der Ferne so vermisst hatte. Jetzt wo er daheim war, konnte er sich einfach nicht mehr daran erinnern.

KATHARINA (zu Marie-Goot) Wie der Paul in Frankreich war, und sieben Monat kei Post kam, da honn ich nachts unter meinem Fester seine Schritte gehört. Und da honn ich gewusst, dass er noch am Lebe ist.

EDUARD (weiter lesend) In Münche honn die Spartakiste die Fahrgäste der Straßebahn ausgeplündert.

PAULINE Gott sei Dank, dass wir in Schabbach kei Straßenbahn honn.

MARIE-GOOT Ich fahr in meinem ganze Leben net in die Stadt.

Mäthes-Pat wendet sich an Paul. Auch die anderen lauschen seiner Erzählung.

MÄTHES-PAT Ich weiß noch ganz genau wie die Mobilmachung war. Wir waren auf´m Feld und honn Korn gemäht. Und da hat der Glockzieh die Glock geläut, und der Post-Willi, der hat die Post ausgetrage, en Plakat honn sie angenagelt, wir sind noch durchs Dorf gerannt, weil wir dachten, es tät brenne, und da war se ausgebrochen, die Mobilmachung.

EDUARD (Mit dem erhobenen Zeigefinger) Und die Toten stehe nit wieder auf.

MARIE-GOOT Dau hast gut schwätze, Eduard!

Katharina nimmt Eduard sofort in Schutz.

KATHARINA Der Jung hatts auf der Lung, dat weißt Du doch ganz genau, Goot.

Pauline stimmt, die Kartoffel knetend, in die Rede der Mutter mit ein.

PAULINE (rotzig) Und schriftlich hat er`s, von der Musterungskommission.

EDUARD (verträumt) Ich wär gern Flieger geworde.

Marie-Goot bemerkt, dass es vor dem Fenster etwas zu sehen gibt. Neugierig lehnt sie sich an Eduard vorbei aus dem Fenster. Unten auf der Straße geht Maria zusammen mit Apollonia am Haus Simon vorbei.

MARIE-GOOT Ha, dat eine hats Geld, un dat andere is hübsch. Aber so schwatz wie dat ist, dat könnt direkt von nem Zigeuner sein.

Marie-Goots Lästerei erweckt jetzt auch Pauls Aufmerksamkeit. Mäthes-Pat bemerkt Pauls Interesse.

MÄTHES-PAT Ach, dat kennste net, Paul. Dat is dat Apollonia aus Dickeschied, die is hier in Stellung gegange. Wegen dem Legrands Helmut.

MARIE-GOOT (erklärt Paul) Die Lumpesammler von de Schiffbach, die sind nach Dickenschied gezoge, und da hat se jemand angenomme. (zu den anderen) Un es is doch en Zigeunerkind!

Paul starrt weiter in seinen Teller, während Katharina und Pauline weiter ihrer Arbeit nachgehen und der Rest der Familie sich weiter über Apollonia äußert.

MÄTHES-PAT Marie, das kannste doch net sage, dat weiß doch keiner ganz genau.

MARIE-GOOT Aber ...

PAULINE Un jetz is sie obbe beim Lindewirt in Stellung.

MARIE-GOOT Aber dat die Wiegands Maria mit so einer Freundschaft hat, und dat der anständige Legrands Helmut so etwas heirate wollt, (haut mit der Hand auf den Tisch) die hat den bestimmt verhext.

EDUARD Und jetzt liegt er schon zwei Jahre am Weichselboge und ist tot. In Woppert han wir nen Flieger gehabt, der Rudi Molz. Der hat im letzten Kriegsjahr noch vierzehn Feinde abgeschosse.

MARIE-GOOT Und jetzt liegt er am Boden und is net mehr.

EDUARD Die Flieger, wenn die runterstürze, die leide net ...

KATHARINA Eduard, red net.

EDUARD ... die sind wie hypnotisiert, wenn die in de Bode rinfahre. Die denken vielleicht an das schöne Stückelche Gras, dat sie ruiniere. Aber an sich denke die net.

Eduard setzt sich wieder ans Fenster und schaut, den Stuhl an das Fensterbrett gelehnt, hoch zum Himmel.

EDUARD (pathetisch) Die Flieger sind die wahre Helde!

Glockzieh betritt in Begleitung von Legrands Kath die Wohnstube. Er geht direkt auf Paul zu.

GLOCKZIEH Eich honn’en doch gleich erkannt. Dat is ja der Simons Paul.

Glockzieh reicht Paul die Hand, kommt aber an ihn nicht ran, so dass er näher an ihn herantreten muss. Geduldig streckt Paul ihm auch seine Hand entgegen.

FRAU LEGRAND Paul, dat dau wieder do bist, wo doch mein Helmut in Russland gebliebe is. Weißtet schon?

Stumm schüttelt Paul seinen Kopf. Glockzieh und Frau Legrand nehmen Platz.

GLOCKZIEH Paulinsche, die Gläser ...

Eduard wirft wieder einen Satzfetzen aus der Zeitung in den Raum.

EDUARD In Russland honn se wieder vier Großfürste erschosse. Vier Stück auf enmohl. Un vorher honn sie sich nackisch ausziehe müsse.

MARIE-GOOT (empört) Was, nackisch?

Sofort eilt sie zu Eduard, um seinen Bericht zu überprüfen.

MARIE-GOOT Wo?

Empört schüttelt sie den Kopf, dabei sieht sie draußen Glasisch, der im vorbeigehen auch kurz zum Fenster heraufsieht.

MARIE-GOOT Den Glasisch-Karl, den hat sie auch auf´m Gewisse, die Apollonia, die Hex´. Nit genuch, dat er sich die Hautkrankheit mitgebracht hat aus`m Krieg von dem Giftgas, jetzt verdreht sie ihm auch noch de Kopf und hält ihn sich vom Leib. Ja, und da hat er’s Saufe angefange.

KATHARINA Marie-Goot, sei doch still! (Sie sieht Eduard am Fenster) Und Eduard, zappel net so mit dem Stuhl herum!

MARIE-GOOT Aber et is doch wahr. Dat hat nur dat Unglück von de Männer im Kopf, dat schwarz Mensch.

PAULINE Dat Apollonia will den Glasisch net weil der den Ausschlag hat, und nix anderes.

EDUARD Den hat er vom Gelbkreuz in Flandern zurückbehalte. (zu Paul) Hast du auch mal im Gas gestande, Paul?

Glasisch platzt mit Neuigkeiten zur Türe herein.

GLASISCH Die Stadtleute waren grad da, zu Fuß und mit den Rucksäcken und wollte was zum esse honn, aber der Wiegand hat se zum Teufel gejacht.

PAULINE Mir haben immer ebbes zum esse gehabt, sag das dem Paul, Mutter.

MÄTHES-PAT Die Franzosen wollte uns aushungere.

PAULINE Wir sind hier auf dem Land.

Glasisch hat nun Paul entdeckt und steuert mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Auch Paul erhebt sich, hebt seine Hand aber nicht Glasisch zum Gruß hin, sondern befreit eine noch lebendige Fliege vor ihrem sicheren Tod an der klebrigen Insektenfalle. Alles im Raum hält für Sekunden den Atem an. Aufmerksam sieht die Versammlung Paul dabei zu. Als Paul die Fliege loslässt und sie entflieht, ist er erschrocken davon, dass sie überhaupt noch fliegen kann. Melancholisch sieht er ihr nach. Dann entdeckt Paul den einäugigen Jungen Hänschen Betz am Fenster, der neugierig ins Innere der Stube schaut. Paul sieht lächelnd zu dem Außenseiter hinaus.

MÄTHES-PAT Franzos, Franzos, jetzt gibts was auf die Hos! (er lacht zynisch)

MATHIAS So honn mir gesacht un honn se selber kriegt.

MÄTHES-PAT Wie die Franzose uns besetzt hatte, da habe die ihr Pferde in die Kirch reingestellt.

MARIA-GOOT (bestätigend) In die Kirch!

GLASISCH Da haben wir in Flandern ganz andere Stückelcher gemacht.

Paul wird immer gedankenverlorener. Wo war er denn jetzt? Wie konnte er all das nur vermisst haben in der Fremde.

MÄTHES-PAT Bei uns ist so ein Franzos auf den Hof gekomme, der is immer da rumgelaufen, hat nach de Hinkel geguckt, und dann hat er gerufe : "Los, los, Huhn, Huhn", und dabei hat er sich mit dem Stöckelche an den Stiefel geklopft.

GLOCKZIEH Un dann kame die Amerikaner.

KATHARINA Die ware anständiger.

PAULINE Die honn de Mädchen net hinterhergepfiffe.

GLASISCH Wenn die dicke Berta in die Dörfer reingeschosse hat, das hat ein Krach gegebe ...

Alle Männer mit Ausnahme Pauls stoßen mit Schnaps an.

GLASISCH ... wir mussten jedesmal die Zeltpflöck tiefer in de Buden rinnhaue, so hat alles gezittert.

EDUARD Das deutsche Heer war nicht geschlagen, aber seine Kräfte schwanden dahin.

FRAU LEGRAND (ihren gefallenen Sohn verteidigend) Mei Helmut hat in kei Dörfer ringeschosse, mei Helmut net.

EDUARD Und erst die Flieger mit ihre Bombe.

GLOCKZIEH (Mit einem Glas Schnaps in der Hand) Mir hatten ne gute, gute Waffentechnik.

Jetzt bemerkt auch Glasisch Hänschen Betz am Fenster. Für einige Zeit wird es still in der Stube. Glasisch fragt in den Raum hinein.

GLASISCH Was hat`n der Jung mit seinem Auge gemacht?

KATHARINA Dat is Korbmachers Hänsche.

GLASISCH Ach der, den kenn ich noch, als der so klein war. (zeigt)

Pauline und Katharina tragen den Kartoffeltrog in die Speisekammer hinaus.

PAULINE (im Gehen) Dem hat sein Bruder bei der Kommunionsfeier dat Auge ausgestoche mit der Gabel.

GLASISCH Mit der Gabel?

KATHARINA Mit der Gabel!

GLASISCH Beim Esse?

KATHARINA Beim Esse!

PAULINE Ja, beim Esse!

EDUARD (wieder aus der Zeitung vortragend) Da honn zwei Männer in Rhaunen den Apotheker Hartmann erschlage.

Daraufhin springt Marie-Goot auf und eilt zu Eduard hin, um sich erneut von der Wahrheit zu überzeugen.

MARIE-GOOT Was? Bei dem honn ich doch in der letzte Woch noch mei Herztropfe geholt.

EDUARD (ließt vor) Raubmord in Rhaunen! Da der Apotheker Hartmann fast sein ganzes Geld in Kriegsanleihen angelegt hat, kann die Beute nicht den Erwartungen, welche die Verbrecher gehegt haben, entsprechen.

MARIE-GOOT Ich honn noch in der letzte Woche in Rhaunen die Zigeuner gesehen.

EDUARD (weiter) Unter dringendem Tatverdacht wurden zwei Hausierer festgenommen.

MARIE-GOOT Eich honns doch gewusst. Eich honns doch gewusst.

MÄTHES-PAT Steht was drin, wie er gestorbe is?

EDUARD (liest) Einer der Verbrecher würgte dann weiter am Halse des Hartmann, während der zweite mit einem schweren Gegenstande dem auf dem Boden liegenden auf den Schädel einschlug und insbesondere durch Zertrümmerung der Schläfe den alsbaldigen Tod herbeiführte.

Paul scheint es, als würde er seinen gefallenen Freund Helmut Legrand im Zimmer stehen sehen.

HELMUT LEGRAND Tach Paul. siehst Du mein weiß Gewand?

MÄTHES-PAT ... die Schädeldeck eingeschlage.

HELMUT LEGRAND Ich honn en weiß Gewand wien Engelsche. Alle Soldaten komme in de Himmel und kriegen e weiß Gewand.

Glasisch hält Paul seine durch den Ausschlag gezeichneten Hände hin. Pauls Konzentration aber liegt auf der geisterhaften Erscheinung Helmut Legrands. Ergriffen und doch ohne äußerliche Reaktion verfolgt Paul die Worte, die er von seinem Freund Helmut vernimmt.

GLASISCH (im Hintergrund) Ich honn`s im voraus gewusst, dass anderes Wetter kommt. Mein Ausschlag hat sich bemerkbar gemacht, und schon war die Sonn weg.

MÄTHES-PAT (im Hintergrund) Ein Raubmord im Hunsrück, so was hats früher vorm Kriesch net gegebe.

HELMUT LEGRAND Ich kann den Schnee liegen sehen in Russland. So viel Schnee hat`s auf`m Hunsrück zu Lebtag noch nit gegebbe.

In der Zwischenzeit hat sich ein kleiner Streit in der Wohnstube Simon entwickelt. Katharina und Marie-Goot liefern sich ein Wortgefecht.

KATHARINA (zu Marie-Goot) Und dat ihm dei bös Geschwätz erspart gebliebe ist, ist auch gut!

Mit dem Wort der Hausfrau ist die Streiterei beendet. Marie-Goot verschränkt beleidigt die Arme. Pauline hält es für notwendig weitere Erklärung in den Raum zu stellen.

PAULINE Unser Paul un der Helmut, dat sin die beste Freunde gewese.

KATHARINA (ermahnend) Mathias!

Katharina nimmt Mathias die Schnapsflasche weg. Daraufhin wendet sie sich besorgt an Eduard, der nach wie vor schaukelnd und zeitungslesend am offenen Fenster sitzt und schleißt das Fenster.

KATHARINA Jung, dei Lung!

Jetzt meldet sich Marie-Goot wieder zu Wort und beginnt aufs Neue, ihrer Skepsis betreffend Apollonia Nachdruck zu verleihen.

MARIE-GOOT Mit so nem schwarzen Mensch kann man kei Freundschaft halte.

FRAU LEGRAND Mein Helmut und dat Apollonia hatte sich dat Heirate versproche, ehe er in de Krieg gezoge is.

MÄTHES-PAT Aber e schön Mädchen isses, dat Apollonia.

MARIE-GOOT Hat sie dich auch schon verhext, alter Flabbes?!

Paul sieht nach wie vor Helmut im Raum stehen. Er steht am Ofen und nimmt einen Löffel Suppe zu sich. Traurig wartet Paul darauf, was weiter passieren wird.

HELMUT LEGRAND Ich seh die Schlachtfelder unnen liegen. Ganz ruhig liegen se da, als wollte se sich ausruhe.

Paul ist völlig benommen. Er schließt die Augen.

GLOCKZIEH In Kirchberg konnte man die letzten drei Jahre den Kanonedonner von Frankreich höre. Und da sin mir auf die Straß gegange und honn uns de Krieg angehört.

Jetzt machen sich alle daran, Platz an dem großen Holztisch, der inmitten der Stube steht, zu nehmen. Glockzieh klopft Paul, der wohl eingeschlafen sein muss, auf die Schultern.

GLOCKZIEH Paul, Paul ...

Katharina drängt Glockzieh an ihren Essenstisch.

FRAU Tach Paul, schön, dat du wieder da bist.

KATHARINA Tach, setzt euch emol hin! Der Paul schläft mir ein ...

Katharina setzt sich zu Paul an den Tisch. Als würde der ihr kleiner Junge nach dem Spielen mit zerrissenen Hosen hereinkommen, greift Katharina ihm an den Hosenstoff ...

KATHARINA Paul, dei Bux ist ja zerisse!

GLOCKZIEH Habt ihr schon gehört?

GLASISCH Wat dann?

GLOCKZIEH Ei, da wird a neuer Sportplatz gebaut.

Pauline ist begeistert.

PAULINE (zum schlafenden Paul) Paul, e Sportplatz wolle se mache, Paul.

KATHARINA (beugt sich vor zu Pauline, leise) Der Paul is eingeschlafe.

Enttäuscht macht sich Pauline wieder an ihre Arbeit, als plötzlich Eduard rückwärts mit dem Stuhl umkippt. Paul öffnet, aufgewckt durch den Lärm, erschrocken die Augen.

KATHARINA (besorgt) Siehst es Eduard, eich hons ja gewusst.

Helmut Legrand schaut Paul jetzt mit einem morbiden Lächeln an und sagt einen Vers im Hunsrücker Platt auf:

HELMUT LEGRAND Ue, unne, vore, hinne,

drue, drunne, drauße, drinne

loo, doo, hie,

mir, dir, dat, wat,

eisch, deisch, meisch,

die Goot un de Pat,

im Himmel schwätze se Hunsrücker Platt.

Daraufhin verschwindet die Erscheinung Helmut Legarand wieder. Katharina, mütterlich besorgt um Paul, legt ihm die Hand auf die Stirn, senkt Pauls Kopf langsam auf den Tisch und fährt ihm zärtlich durch sein Haar. Eduard hebt seine mit ihm zu Boden gefallene Zeitung auf und beginnt mit Bewunderung auf eine weitere Schlagzeile hinzuweisen, während Glasisch synchron zu ihm mitliest.

EDUARD Die Flieger honn jetzt Sauerstoffzuleitunge, damit se übber sechstausend Meter steige könne.

Paul scheint erneut eingeschlafen zu sein. Sein Kopf liegt auf seinen verschränkten Armen gestützt auf dem Küchentisch inmitten der Schabbacher Runde, zwischen Teller, Schmalztopf und Milchkanne. Pauline nutzt die Gelegenheit, um Pauls Boxbeutel an sich zu nehmen und die Flüssigkeit vorbei an Hänschen Betz, der nach wie vor auf dem Dachvorsprung stehend ins Innere des Haus Simones blickt, aus dem Fenster zu gießen, wo es unterhalb auf dem schieferdächernen Vorsprung auftrifft. Neugierig steckt Hänschen seinen Finger in die Lache und schnuppert daran.
 

107 Wiesen vor Schabbach


Zwei Jahre sind vergangen. Das Frühjahr hat erneut Einzug nach Schabbach gehalten. Blütenbeladen stehen die Obstbäume auf den Wiesen und die Farbe des Laubes hat ein saftiges Grün angenommen. Dazwischen ragt stolz der Turm der Dorfkirche hervor, so als wollte er das Frühjahr mit seiner goldenen Spitze krönen.

 

108 Gleisstrecke vor Schabbach

1921

Ein Bahnbediensteter, der die Gleisstrecken abgeht, um die Schienen auf Fehler zu untersuchen und diese von größerem Unrat zu befreien, schreitet langsam auf den großen schwarzen Steinen über die Schwellen der Gleise. Als er eine lockere Schraube entdeckt, zieht er diese mit einem großen Schraubenschlüssel wieder fest. Wie er weitergeht entdeckt er etwas, das aussieht wie ein großer Quader der wie aus dem Nichts hinter einem Hügel auftaucht und langsam ihm entgegenschwebt. Erst nach einiger Zeit wird deutlich, dass es sich um einen großen Granitblockr handelt, der auf einem Pferdeanhänger befestigt ist. Der Streckengeher geht seiner Arbeit weiter nach.
 

109 Dorfplatz Schabbach


Eine kleine Gemeinde hat sich um den Granitblock versammelt. Daraus soll das neue Kriegerdenkmal gefertigt werden. Der große Stein baumelt an einem Seilzug, der ihn in die richtige Position zu bringen vermag. Neugierig wohnt auch Hänschen Betz dem Schauspiel bei. Jeder versucht geschäftig sein Wissen anzubringen.

GLASISCH Das ist ja schon ganz durchgescheuert, ihr müsst das andersrum mache.

Ein Kriegerdenkmal in Schabbach!
 

110 Straße nach Schabbach


Angestrengt tritt der Briefträger in die Pedale, um Schabbach mit der Außenwelt zu verbinden. Hänschen Betz sieht ihm interessiert hinterher, schaut dann hoch zum Himmel.
 
111 Haus Simon - Dachboden

Paul sitzt mit Kopfhörern bestückt an einem Tisch auf dem Speicher seines Elternhauses und dreht unablässig und versunken in seine Arbeit an technischen Geräten herum, die er vor sich aufgebaut hat. Als Eduard zu ihm auf den Dachboden stößt, sieht er am Himmel einen Drachen tanzen, von dem eine Schnur herunter durch die Dachluke zu Pauls Geräten führt.

EDUARD (aufgeregt) Wat is dat dann?

PAUL Dat is mei neue Hochantenn. Damit will ich versuche, bis nach Hilversum zu komme.

EDUARD (erstaunt) Hilversum?

PAUL (leise) Dat ist ein neuer Sender in Holland.

EDUARD Und kommst du jetzt bis dahin?

PAUL Wohin?

Jetzt vernimmt man Morsezeichen.

EDUARD Na, nach Hilversum.

Paul konzentriert sich auf den Morsecode.

PAUL (aufgeregt) Gib mal nen Bleistift!

Eduard eilt zum Tisch um einen Stift für Paul zu suchen, findet ihn und reicht ihm diesen assistierend.

PAUL (übersetzt) E-li-sa - beth - bringt - vier - hun - dert - Zent – ner - Ka - bel – jau - nach - Wil - helms - hafen. Ende. Da staunste, wat?! Dat is Seefunkverkehr, Morsezeichen sin dat. Dat honn ich im Krieg gelernt, bei de Funker!

Eduard blickt erstaunt aus dem Fenster hoch zum Drachen.

EDUARD (aufgeregt) Und dat kommt alles über den Drachen? Mensch, bei uns is was los! Wir könne in die ganze Welt reinhorche.

PAUL (nüchtern) Ach, noch lang net.

Plötzlich reißt Paul sich den Kopfhörer von den Ohren, springt auf und wirft einen Blick aus dem Dachfenster hoch zum Drachen. Dieser verliert an Höhe und taumelt auf den Boden zu.
 

112 Vor dem Haus Simon


JUNGE Hei, Walter, da oben ist ein Drachen.

Mehrere Kinder aus dem Dorf eilen herbei um das Schauspiel des abstürzenden Drachen zu sehen. Als dieser auf den Boden zurast, laufen die Kinder los. Jeder möchte den Drachen greifen. Paul kann "seine Drachenantenne" gerade noch vor den Kindern fassen. Eduard schaut Paul aus der Haustüre heraus nach. Beim Fangen des Drachen ist Paul ins Straucheln geraten. Als er sich aufrichtet, steht Apollonia direkt vor ihm. Fasziniert und sehnsüchtig blickt er in ihre Augen.

APOLLONIA Ich honn grad an dich gedach, Paul.

Paul atmet schneller. Sein Blick weicht nicht mehr von Apollonia.
 

113 Kriegerdenkmal

1922

Wieder ist ein Jahr in Schabbach vergangen.
 

114 Gartenhecke unweit der Kirche

Hinter einer Gartenhecke hat sich eine kleine Horde von Kindern versammelt, die übermütig den vorbeigehenden Glockzieh mit einem Vers ärgern. Glockzieh droht den Kindern daraufhin mit seinem Stock und schlägt einige Male auf die Hecke hinter der die Buben in Deckung gegangen sind.

GLOCKZIEH (verärgert) Ich hau euch mit dem Stock auf de Kopf.

Als Glockzieh weitergeht lachen die Kinder über seine Verärgerung.

KINDER (im Chor singend) Der Glockzieh mit dem Stecken, der soll dabei verrecken!

Glockzieh hebt noch einmal mahnend seinen Stock. Auch über diese Geste des alten Mannes können die Kinder nur lachen.
 

115 Glockenturm in der Dorfkirche

Glockzieh setzt sein ganzes Gewicht ein, um die Kirchturmglocken über ein Seil zum Leuten zu bringen. Im Takt der Glocke wird er am Seil immer wieder nach oben gezogen.
 

116 Am Kriegerdenkmal


Paul nähert sich langsam dem Kriegerdenkmal, an dem ein Bildhauer gerade damit beschäftigt ist, die Namen der Gefallenen einzumeißeln. Traurig betrachtet Paul die Namen. Unter ihnen steht auch sein Freund Helmut Legrand. Jetzt nähert sich Glasisch, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, den Inschriften.

GLASISCH Der Otto und der Adolf...

PAUL Da hätte wir auch bald draufgestande, Karl.

GLASISCH (spitz) Und jetzt gucke wir zu, wie sich unsere Mädchen unner die Franzose lege! Ich honn dich mit der Apollonia gesehen.

Paul weiß nicht, was er mit Glasischs Aussage anfangen soll. Plötzlich vernimmt Paul lautes Motorengeräusch. Alois Wiedgand, der Bürgermeister von Schabbach und Marias Vater, fährt wacklig auf seinem Motorrad über die Dorfstraße auf Paul zu, der noch immer am Kriegerdenkmal steht. Aufgeregt hält Wiegand sein qualmendes Gefährt vor Pauls Füßen an.

WIEGAND Paul, sach emol, so´n Radio, ich mein: so’n richtiges, son großes, mit nem Trichter wie man es auf die Bilder sieht, is dat teuer?

PAUL Nun ja, ich kenn da in Leipzig en Firma, die stellt die Teile her. Also wenn man et selber zusammebaut, ... nur weißte, heutzutage mit dem Inflationsgeld, da liefert ja keiner mehr.

WIEGAND Paul, komm mal her!

Paul geht daraufhin näher an Wiegand ran, so dass dieser leiser sprechen kann.

WIEGAND Wenn du das mitn paar Dollar bezahle könntst. (geht näher an Pauls Ohr, spricht leiser) Ich honn noch ebbes in Reserve, du brauchst ja keinem zu verzieln.

Paul überlegt.

PAUL Daheim honn ich en Schaltplan. Un ne Bauanleitung für nen Zweikreiser mit zwei Röhren und mit Rückkopplung.

WIEGAND Ach!

Unweit der beiden steht Glasisch, der die Unterredung aus der Entfernung verfolgt. Der Dorfwirt gesellt sich zu ihm hinzu. Misstrauisch schauen sie zu Wiegand und Paul hinüber.

WIRT (über Wiegand) Wenn ich das mal rauskriegen könnt, wie der dat Auto bezahle will, dat der bestellt hat. Der hat doch genau wie mir a sei ganz Geld in die Kriegsanleihe gesteckt – (zynisch) "Gold gab ich für Eisen!"

GLASISCH Wenn einer soviel Land hat wie der ...

WIRT So ein Geizkragen. Der dickste Bauer hier im Dorf und net mal seinem Hund gibt er satt zu fresse ...

Glasisch hat Apollonia bemerkt, die aus dem Wirtshaus kommt, um Schmutzwasser auszuschütten. Sein Blick klebt an ihr, bis Apollonia wieder im Haus verschwindet.

WIRT ...und da muss er a noch dauernd alles habbe was neu ist, erst dat Motorrad, und jetz dat Auto. Und seit meim Großvadder war et so, dat der Gemeinderat jede Woch hier bei uns in der Wirtschaft getacht hat, in dem Sälchen. Aber seit der Wiegand Loi, seitdem der Bürgermeister is, da treffe die sich immer bei dem in der gut Stub, damit se hier bei mir die paar Biersche un de Trester spare könne.

GLASISCH Und in dem seiner guten Stub stimmt so schnell auch keiner gegen den. Verstehste wat isch meine?

WIRT Wenn der sisch doch nur emohl sei Hals bresche tät auf seim Motorrad. Der neidisch Hund, der raulische!
 

117 Wiesen und Felder vor Schabbach


Es ist Sommer geworden in Schabbach. Reif steht das Korn auf den Feldern und das saftige Grün der Wälder hat sich in ein dunkles türkisgrün gewandelt.
 
118 Wirtshaus


Glasisch lauert in der Gaststube auf Apollonia. Durchs Fenster späht er auf sie, als sie sich von der Straße her nähert. Listig bringt er sich neben der Türe in Stellung. Da Apollonia zur Türe hereinkommt, hält er sie lasziv an ihrer Schürze fest. Apollonia dreht sich nur langsam angeekelt um.

GLASISCH Hey Apollonia, isch hon gehört, bei de Zigeuner rasiere sich die Weibsleut unterum. Stimm das?

APOLLONIA Tu dei Grindfinger da wech!

Ihre Erstarrung löst sich in einer saftigen Ohrfeige für Glasisch. Sofort verlässt sie die Gaststube in Richtung Küche.

GLASISCH Bischt du jetz rasiert oder net?

Von seinem Misserfolg getrübt geht er wieder ans Fenster und blickt auf den Misthaufen vor dem Gasthaus, als die Türe von der Küche aufgeht und der Wirt hereintritt.

WIRT (bestimmt) Glasisch, loss die Finger von der Apollonia! Die will nix von dir!

GLASISCH Hat se jetzt a Kind von em Franzos oder hat se keins?

WIRT Glasisch, dat geht uhs zwei nix an.

GLASISCH Wenn das aber wahr ist, dat dat Kind draußen in deiner Jauchegrub liecht, wie die Leut sage, dann gehts dich wohl doch ebbes an.

WIRT Glasisch, in meiner Jauchegrub is nur Scheiße. Willst do dei Nas jetzt auch reistecke wie die andere Leit.

GLASISCH Na na na ...
 

119 Keller des Wirtshauses


Apollonia rollt kraftlos ein Bierfass in den Keller und verschwindet in der Dunkelheit des Gewölbes.
 
120 Misthaufen vor dem Wirtshaus


Mit einem lanzenartigem Werkzeug bewaffnet machen sich Dorfbewohner auf zum Misthaufen beim Wirtshaus. Dort hat sich eine kleine Gemeinde bestehend aus Kriminalbeamten, Polizisten und Schabbachern versammelt, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen ... Einige Meter entfernt stehen zwei Dorfbewohnerinnen.

1. FRAU Ei, wat macht denn dat Stink Pitche aus Morbach da.

2. FRAU Ja, dem Apollonia sei Kind, dat soll doch da in in der Jauchegrub liege.

Jetzt werden die Gerätschaften in Stellung gebracht. Der Kriminalbeamte gibt einem Mann, der mit einem Stock auf dem Misthaufen steht, den Einsatz, dass mit der Suche begonnen werden kann.

KRIMINALBEAMTER Dann fangen Sie mal mit Ihrer Arbeit an!

Angeekelt hält er, um sich vor den Gerüchen zu schützen, sein Schneutztuch an die Nase.

1. FRAU (zur anderen) Komm, do gehe mer gucke!

Neugierig gehen sie auch vor zum Misthaufen, während der Mann auf dem Misthaufen vorsichtig in ihm herumstochert. Glasisch kommt dem Misthaufen nun auch näher und beugt sich vor, um ungebetene Ratschläge geben zu können.

GLASISCH Das dicke Zeug muss weg. (wendet sich an den Kriminalbeamten) Ihr müsst das mit dem Eimer machen oder besser noch mit der Pump`.

KRIMINALBEAMTER Jetzt gehn sie mal weg, Herr Glasisch, und lasse se uns das machen.

Der Mann auf dem Misthaufen stößt mit seinem Stecken auf etwas.

MANN Da ist was hartes!

KRIMINALBEAMTER Kriege sies zu fasse?

MANN Ah, da kenn isch mich aus. Wenn ich´s ihnen sag, da is was hartes!

Sofort wird seine Aussage von den beiden Dorfweibern kommentiert.

1. FRAU Sie honn was gefunne. Dann hat der Glasisch doch recht gehabt.

Der Mann stochert immer wieder prüfend auf der Stelle im Misthaufen herum.

MANN Aber für ein Kind is das doch viel zu hart. Ei, das ist Metall. Metall ist das. Das könnt a Geschütz sin, vielleicht vom letzte Krieg.

Besorgt verlässt der Wirt, der der Suche beigewohnt hat, die misstrauische Runde in Richtung Gasthaus.

MANN Sage se mol, ist da im letzte Kriesch a Geschütz durchgefahre?

KRIMINALBEAMTER Bleiben Sie doch hier Herr Jakob, bitte.

Daraufhin macht der Wirt zaghaft kehrt.

BEAMTER Können Sie uns sagen, was da hartes drin sein könnte?

WIRT Isch wüßt nit, wat da hartes drin sin könnt.

Ein Hebeversuch wird unternommen. Eduard kommt mit dem Fahrrad herbeigefahren.

GLASISCH Eduard, komm mal her und hilf emol.

Daraufhin schnellt Eduard auf den Misthaufen. Aufgeregt rennt Alois Wiegand herbei.

EDUARD Scheint ja was größeres zu sein.

Alois Wiegand nimmt seine Mütze gerade zum Gruß für den Kriminalbeamten ab, als er etwas in der Jauchegrube entdeckt: Sein Motorrad, das er seit einem Jahr vermisst hat, kommt jauchebeladen aus den Tiefen des Misthaufens zum Vorschein.

2. FRAU (lachend) Das ist dem Wiegand sei Motorrad!

Beide Frauen lachen schadenfroh. Zornig geht Wiegand auf den Wirt los.

WIEGAND Wie kummt denn mei Motorrad in dei Jauchegrub?!

WIRT Das weiß isch doch nit, eisch hons ja net neigeschmisse!

WIEGAND Ich glaub bei dir trommelts! Wenns bei dir do drinne war!

MANN (vom Misthaufen herab) Jedenfalls hat das Ding da drin gelegen.

WIEGAND (bestimmt) Herr Oberinspektor, ich erstatte Anzeige gegen unbekannt. (dabei deutet er mit seinem Finger gezielt auf den Wirt.)

WIRT (zornig) Wiegand, pass auf, wos du mit dei Finger hinzeichst!

WIEGAND (zum Kriminalbeamten) Nehme sie zu Protokoll, dass das mein Motorrad ist, und dass das über ein Jahr beim Jakob in der Jauchegrub gelege hat.

Schmunzelnd hört sich der Kriminalbeamte "den Fall" an.

WIRT Alles Verdächtigunge und Beleidigunge! (zeigt auf Glasisch, der den "Tatort" verlässt) Aber da verzieht sisch einer, und Wiegand hat erzählt, dass da was unne is.

Zynisch kommentiert Wiegand indem er sein Gesicht verzieht, was der Wirt ihm sagt.

MANN Herr Oberinspektor! Soll ich weitersuchen?

Belustigt winkt der Kriminalbeamte aber ab und kehrt dem Misthaufen den Rücken.
 

121 Vor dem Haus Wiegand

Wiegand hat sein Motorrad inzwischen weg vom Dorfwirt zu sich nach Hause geschoben. Er und Eduard stehen vor dem traurigen Gefährt.

WIEGAND Über a Jahr honn ich de Spitzbub gesucht. Ihr Lumpekrämer! Der Lucifer!

EDUARD Wiegand, isch han noch Fünftausender von 1914. Die tät ich ihne gebe für (abfällig) dat stinkisch Ding.

WIEGAND Von dene Lappe hab ich vor a paar Tag noch welche in de Kücheherd geworfe.

EDUARD Ich mein sie könnens auch zum Alteisenhändler nach Ohlsweiler bringe. Da kriege se zweihundert Mark und a Tass Gerstekaffee dafür.

WIEGAND (dreht sich weg) Gib mer dei Geld und mach damit was du willst.

Ins Haus gehend muss er noch etwas anbringen.

WIEGAND Ich kauf mir sowieso a Auto, wenn die Zeite wieder besser werde.

Stolz beäugt Eduard seinen Kauf. Als er prüfend auf den Balg der Hupe drückt spritzt ihm Gülle entgegen. Stink Pitche, der gerade herbeikommt, weicht angewidert zurück.
 

122 Am Kriegerdenkmal


Hinter dem mit Eichenblättern geschmückten Rednerpult steht Eduard, der geschäftig eine Schnur in Händen hält.

EDUARD Jetzt lass uns das nochemol ausprobiere. Wenn mein Denkmalenthüllungspatent klappt, dann geht das wie a Lauffeuer von Dorf zu Dorf und die übernehme das dann, bis hinner Moorbach.

Jetzt erkennt man eine Balkenkonstruktion im Baum über dem Denkmal, über die Fäden vom denkmalverhüllenden Tuch in die Hände von Eduard und seine Helfer, die sich im und um den Baum justiert haben, führen.

EDUARD Also du bist jetzt in der Mitt´, du bist links, ne links bin ich, du bist rechts. Stichwort ist "Verneigen wir uns stumm vor ihnen". Wie am Schnürche muss das funktioniere.

Ruck für Ruck zieht Eduard an seiner Konstruktion und das Tuch hebt sich dabei wie ein Gespenst vom Kriegerdenkmal. Als es an Höhe gewonnen hat, gibt Eduard ein weiteres Kommando.

EDUARD Runterlasse, runterlasse, sonst sieht man ja scho alles.

Daraufhin wird das Tuch wieder abgesenkt.

EDUARD (zu seinen Helfern) Jetzt kommts nur noch auf uns an. Hoffentlich reißt das Seil nit, grad im feierlichste Augenblick. Das wär ja so traurig, dass mer lache müsst.

Einer seiner Helfer lacht schon jetzt über den Gedanken.

EDUARD Jetzt bleibt ernst. Da hinne kommt schon der Kinderchor.

Eine Frau, auf dem Weg zum Festgottesdienst in die Kirche wirft ihm im Vorübergehen zu:

FRAU Na Eduard, klappts denn?

EDUARD Ein Eduard-Patent klappt immer.

Der Kinderchor nähert sich vorbei an dem Fahnenabgeordneten des Veteranenvereins hin zum Kriegerdenkmal.

123 Keller des Wirtshauses


Allein sitzt Apollonia auf einer Steintreppe im Keller des Wirtshauses. Sie weint still in sich hinein. Ihr Blick geht ins Leere. Sie muss schon eine ganze Ewigkeit so dagesessen sein, als Maria in den Keller kommt.

MARIA (zärtlich) Apollonia. Mitfühlend kniet sich Maria vor ihre Freundin.

MARIA Wat hoste dann?

Apollonia kann ihre Tränen nicht länger verbergen und beginnt zu schluchzen.

MARIA Hmm? Apollonia.

APOLLONIA Seit drei Johr geht dat jetzt schon. Die schwätze und schwätze und mache böse Sprüch hinter mei her. Ich rackere mich hier zu Tod und die gönne mir noch nit amol an freundliche Gruß. - So kann man net leben, Maria.

MARIA Mach dir nix draus.

Apollonia hebt ihren Blick und sieht Maria mit ihren dunklen tränengeschwollenen Augen an.

APOLLONIA Der einzige, der mich verteidigt hot, dat war der Simons Paul.

MARIA ... der Simons Paul?

Beim Aussprechen seines Namens läuft ein Lächeln über Marias Gesicht.
 

124 Einweihungsfeier am Kriegerdenkmal


Die Dorfgemeinschaft hat sich versammelt um das neue Kriegerdenkmal in einem Festakt einzuweihen. Die Gemeinde hat sich für dieses Ereignis herausgeputzt: Zylinder und Spitzenkrägelchen zieren die Schabbacher. Unter ihnen auch Paul. Als der Lehrer seinem Schülerchor den Einsatz erteilt, beginnt es zu regnen, so als wollte der Himmel das peinliche Ereignis beweinen und mit jedem Takt des Trauerlieds steigert sich der Regen zu einem großen Schauer. Die Schabbacher verschwinden unter ihren - denn man weiß ja nie – mitgebrachten Regenschirmen.

KINDERCHOR Die Himmel rühmen ...

Stumm und stolz steht die Festgemeinde vor dem Denkmal, dem Kinderchor und den Herren aus der Politik. Unter einem der Regenschirme steht Glasisch zusammen mit Mäthes-Pat und Marie-Goot.

MÄTHES-PAT Die weihen jetzt überall die Denkmäler ein. Die Woch wore se in Simmere, in Kirchberg und in Sohre. In Sohre honn se sogar e Glockenspiel eingebaut im Denkmal. Und überall halte se die gleiche Red.

GLASISCH Und wer am meisten dran verdient, das is der Steinbruch unne an der Noh. Die liefern jetzt über fünftausend Stück, bis hinter Trier un in die Eifel.

MARIE-GOOT Es sind ja auch genug gefalle!

Pauline tritt mit ihrem Schirm aus der Menge heraus und hält ihn schützend über den inzwischen pitschnassen dirigierenden Lehrer. Mit dem Ende des Liedes lässt auch der Regen nach und hört ganz auf. Die Schabbacher kommen daraufhin wieder unter ihren Schirmen hervor. Nun beginnt der Politiker die Festrede abzulesen und sie rhetorisch betont vorzutragen.

POLITIKER Meine lieben hier Versammelten. Die hier Eingemeißelten, sie wussten, wofür sie kämpften. Sie trugen nicht den schweren Tornister des bösen Gewissens - wie ihre Feinde, die feige ein friedliebendes Volk überfielen. Nein, sie zogen gegen diesen Weltfeind mit dem Sturmgepäck des leichten Gewissens...

Wiegand, der mit dem Gemeinderat und dem Pfarrer von Schabbach vor dem erhöhten Rednerpult steht, kann sich nicht zurückhalten, die festliche Ansprache zu kommentieren.

WIEGAND Endlich mal einer, der der Besatzungsmacht die Stirn zeigt.

GEMEINDERAT Ein couragierter Mann!

Eduard lässt seine Enthüllungsschnur nicht aus den Augen. Immer wieder testet er den Zug.

POLITIKER (steigert seine Lautstärke immer mehr) ... Wir Deutsche, die wir noch Ideale haben, wir sollten für die Herbeiführung besserer Zeiten wirken, wir sollten kämpfen für Recht und Treue und Sittlichkeit - im Namen unserer Gefallenen. Gerade wegen des Versailler Fastnachtsfriedens, der unser Volk so spekulativ zur Schau stellt! Eines Tages wird Deutschland den Genius aus seinem Blute erwecken, der uns aus diesem Kerker der Erniedrigung holen wird – wie ein Heiland!

Die Schabbacher lauschen ganz still der mitreißenden Rede.

POLITIKER Schon ahnen wir in der Ferne seine Lichtgestalt. Dann wird der Friede kommen, ein Friede wie er notwendig ist für eine starke Zukunft unseres Reiches und der den Gang der Weltgeschichte beeinflussen wird. (betont) Unsere Lieben sind nicht vergeblich gefallen. Verneigen wir uns stumm vor ihnen!

Jetzt gerät Hektik in Eduards Enthüllungstruppe. Auf dieses Stichwort haben sie gewartet. Er spricht das Stichwort mit.

EDUARD (aufgeregt) Achtung ... stumm vor ihnen! (Zu einem seiner Helfer) Und schön musikalisch sin!

Die Zylinder werden abgenommen und die Musikkapelle stimmt ihren Trauermarsch an (Ich hatt einen Kameraden ...). Im Takt der Pauken und Trompeten lüftet sich das abdeckende Tuch über dem Denkmal und schwebt wie ein Gespenst in die Lüfte. Was für ein bewegender Moment. Eduard nimmt seinen Hut ab und hält ihn an sein Herz. Plötzlich schneidet eine Kinderstimme die festliche Stimmung entzwei. Es ist Hänschen Betz, der winkend über die Festgemeinde zu Mäthes-Pat hinüberruft.

HÄNSCHEN Mäthes-Pat, eisch sin auch do!

Teilweise belustigt, teilweise gestört über den Zwischenrufer beugt sich die Festgemeinde vor, um den Störenfried sehen zu können. Hänschen Betz stellt ihnen sein lausbubenhaftes Grinsen entgegen.

Als Bäcker Böhnke aus Simmern, das Kriegerdenkmal als Miniatur vor sich her tragend und einen abgewandelten Text zur Musik krächzend die Straße zum Denkmal herabschreitet, kommt Unruhe bei den Schabbachern auf.

BÄCKER Ein Vogel kam geflogen, gilt sie mir oder gilt sie dir? ...

Paul wendet sich an Mäthes-Pat.

PAUL Wer is dat dann?

MÄTHES-PAT Dat is doch der Bäckermeister Böhnke aus Simmern. Der hat im Krieg drei Buben verloren.

Jetzt sieht Paul den seltsamen Mann mit anderen Augen.

BÄCKER Als wärs ein Stück von mir ... (die Stimme bricht ihm) Als wärs ein Stück von mir ...
 

125 Blick auf Schabbach

Schabbach im Altweibersommer.
 

126 Wiegandhaus
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Als Maria mit einem Eimer zur Gartenarbeit aus dem Haus tritt, bemerkt sie Pauls Fahrrad, das am Treppenaufgang lehnt. Unterhalb des Fensters läuft ein Draht vom Boden ins Innere des Hauses. Paul ist zur Freude von Maria bei Wiegands, um am Radio weiterzubauen. Allerlei Schnüre und Drähte durchkreuzen die Wohnstube, Transistoren und Röhren, Lötkolben und Schraubenschlüssel zieren den Raum. Am Tisch neben Paul sitzt Wilfried, Marias achtjähriger Bruder. Er spielt mit einer Schere, die Paul gerade für die Montage braucht.

PAUL Du hast immer grad das in der Hand, was ich brauch.

Er nimmt sich die Schere. Konzentriert versucht Paul etwas zu löten, was bei Wilfried Neugierde erweckt.

WILFRIED Warum verqualmt n´das immer so blau?

PAUL (erklärt) Das Lötfett verbrennt ebbes blau.

Wilfried hat schon wieder etwas anderes am Tisch entdeckt. Respektlos greift er nach der Radioröhre.

WILFRIED Is dat die Röhre?

PAUL (enerviert) Loss dei Finger davon, die sin empfindlich!

Wilfried legt sie wieder ab, nimmt einen Lederriemen und entflammt ihn am Bunsenbrenner. Erschrocken bemerkt Paul die Zündelei und schreit Wilfried an.

PAUL Damit wirst du noch emol dat ganze Haus anstecke.

Er greift sich den brennenden Lederstriemen und wirft ihn aus dem Fenster, wo er neben Maria, die noch immer unbemerkt von Paul unter dem Fenster steht, zum Liegen kommt. Wilfried schaut seinem brennenden Experiment hinterher und wird als er sich aus dem Fenster beugt von Maria gesehen. Die patscht sofort hoch zu dem kleinen "Brandstifter", den sie aber nicht erreicht. Sofort eilt sie ihm ins Haus hinterher, wo sie ihn zur Pauls Belustigung tadelnd ins Bett schickt.

MARIA Also Wilfried, ab ins Bett jetz.

WILFRIED Aber s is doch erst halb acht!

Wilfried will sich noch nicht von Paul und dem Radio trennen, so dass Maria ihn aus dem Raum schleift.

MARIA Kein Widerred! (lächelnd zu Paul) Wenn der nit immer dat letzte Wort hat!

Auch Paul schenkt ihr ein Lächeln.
 

127 Marias Schlafkammer

Der Mond scheint bereits durch das Fenster in die Kammer. Maria hat sich schlafen gelegt, als ihr plötzlich so ist, als ob sie etwas hören würde. Sie richtet sich auf und dreht die Öllampe auf ihrem Nachtisch heller. Kritisch betrachtet sie sich im Spiegel, wirft sich einen Mantel über ihr Schlafgewand, als sie noch ein Stück Schokolade entdeckt ...
 
128 Stube im Wiegandhaus


Paul sitzt noch immer bei der Arbeit an seinem Radio, als Maria ihren Kopf durch den Türspalt steckt.

MARIA Hast es eingefange?

PAUL Wat eingefange?

Maria schließt die Türe leise. Paul versucht sich weiter auf das Radio zu konzentrieren.

MARIA (flüsternd) Na die Musik, die ich ebe gehört hon.

PAUL Da wor ken Musik!

MARIA Isch hans doch gehört. Lauter Trommele und Trompete.

PAUL Dat is völlig ausgeschlosse. Isch han noch gar nicht alles ausgepack.

Jetzt zieht Maria die Schokolade aus ihrer Manteltasche und beginnt das Staniolpapier langsam zu aufzublättern.

MARIA Isch han mir immer so gewünscht bald Musik von dir zu höre, Paul.

PAUL Die Röhre sind noch nit angeschlosse.

Maria offenbart ihr Mitbringsel, wovon Paul freudig ein Stück nimmt und es gierig zu kauen beginnt.

MARIA Du musst die Schokolad ganz langsam im Mund zergehe lasse. Dat mach isch immer wenn isch abends im Bett liege. Da nehm isch mir a Stückelsche in der Mund und behalte dat so lange drin bis dat zergeht. Da kann man dann lang wat davon hon.

PAUL Und warum schenkste se mir?

MARIA Du bist so ruhig. Dat gefällt mir.

PAUL Ruhig?

MARIA Ja, bist du schon. Solche wie du, die gefalle mir.

PAUL Wie ich noch im Krieg war, da han ich mir immer gedacht, wenn ich da mal raus komme, dann mach ich wat ganz besonderet und hör nit uff, bevor ichs gemacht han.

MARIA Aber dat machste doch!

PAUL (unsicher) Meinst du?!

MARIA (begeistert) Ei allemol. Du bist doch der einzige, der soebbes kann.

PAUL Meinst Du wirklich?

MARIA Wenn man der einzige ist, dann ist man auch der erste.

Paul lässt sich die Worte von Maria intensiv durch den Kopf gehen, dabei bemerkt er, wie sie interessiert an der Technik auf sein Werk schaut. Er lässt Maria assistieren.

PAUL Halt mol! Ruhisch. Net wackele!

Paul führt Marias Hände an den Transistor, wo sie mit einer Spitzzange ein Kabel fixieren soll. Mit ruhiger Hand führt Paul den Lötkolben.

PAUL Eines Tages, da bau ich mir an Apparat für Kurzwelle. Damit kann ich mir dann die ganze Welt anhören.

Den Kolben weglegend, treffen sich die Blicke der beiden.

PAUL Ich brauch en Anodebatterie.

MARIA (lächelnd) Dann besorg dir eine.

Marias Herz klopft wie wild, als sie dem Paul so in die Augen schaut.
 

128 Koblenz


Paul ist mit dem Fahrrad nach Bacharach gefahren, um sich die benötigte Anodenbatterie zu kaufen. Fasziniert von dem kleinstädtischen Flair der Stadt am Rhein schiebt er seinen Drahtesel durch die Gassen, vorbei an einer ausgelassenen Gesellschaft, die Batterie verpackt auf dem Gepäckträger. Paul traut seinen Augen zuerst nicht: Apollonia mit einem Kinderwagen kommt unter einem Baum herausgefahren. Auch Apollonia erkennt ihn.

APOLLONIA Paul! Was machst du denn hier unge am Rhein.

PAUL Apollonia! Isch han mer an Anodebatterie gekauft, für den Wiegand sein Radio.

Paul beugt sich über den Kinderwagen um Apollonias Kind anzuschauen. Wie er so in den Wagen schaut, wird ihm wieder bewusst, was er an Apollonia verloren hat. Apollonia schiebt weiter die Straße hinunter. Paul blickt ihr entgeistert hinterher.

Zusammen kommen die beiden zum deutschen Eck, wo eine Gruppe mit Fahnen und Spruchbändern den Rhein besingt: Warum ist es am Rhein so schön, am goldnen Rhein. All die Lumpen aus dem Westen, uns die gute Luft verpesten. Darum ist es am Rhein so schön, am goldnen Rhein. Grölend entfalten sie ihre Spruchbänder. Apollonia und Paul kommen am Ufer zu stehen.

PAUL Also Apollonia, du als Mutter von dem Kind, das will mir nit in de Kopf.

APOLLONIA Mir will dat auch nit in de Kopf. Ich kann dat gar nit glaube ...

Die Gruppe von vorhin singt nun die dritte Strophe des Deutschlandliedes.

APOLLONIA ... Aber ich hans nunmal.

Paul schaut noch einmal in den Kinderwagen.

PAUL ... und so e schönes Kind! So schöne dunkle Auge.

Daraufhin kramt Apollonia in ihrer Geldbörse, um Paul ein Bild des Kindvaters zu zeigen.

PAUL Da hättst du erst mal dem Armansche sei Augen sin solln! Dat is der klei Franzos, der Vater von dem Kind. Der hätt´ dir auch gefalle, Paul ...

Paul schaut wortlos auf das verblasste Bild. Apollonia senkt ihre Augen.

APOLLONIA ... Ich hab ja nur mit ihm tanze wolle, aber so weit weg von daheim, da konnt ich net näh sagen.

Sie dreht sich weg von Paul und blickt ins Weite.

APOLLONIA Dat schlimmste is, was die Leut im Dorf sage.

PAUL Kümmer dich nit drum.

APOLLONIA Dat is nit alles, der Jakob, der Wirt, der gibt mir kei Geld mehr für mei Arbeit. Der sagt, ich könnt froh sin, dat ich mei Stellung nit verlier. (wendet sich Paul zu) Und ich mach mei Arbeit so gut wie früher. Überall rufe se mir Franzosehur hinterher. In der Kirch hon se mir amol de Stuhl unterm Hintern weggezogen. Eine Hex soll ich außerdem auch noch sein - wegen meine schwarze Haar. Und ich hätt dem Wegrands Helmut sein Andenke in de Dreck gezoge.

Paul schaut auf das Foto.

APOLLONIA Siebzehn Jahr war ich alt, jetzt sin ich zwanzig! Soll ich ewig dafür büße, dat Kriesch gewese ist?! Jetzt sagen se ich hätt mei Kind in die Jauchegrub geschmisse, nur weil ichs ihne net zeige will. E bees Dorf is dat, all die beese Leut.

Apollonia bricht die Stimme. Schluchzend wendet sie sich beschämt ab.

PAUL Apollonia! Ich freu mich, dat du es mir gezeigt hast, dei Kind.

Apollonia kommt zu ihm zurück.

APOLLONIA Ach Paul, die Leut sind net so wie du. Du bist sowieso anners wie die Leut im Dorf.

PAUL Ich bin auch nit anners.

APOLLONIA Doch, doch. Du mit deim Radiobauen. Jetzt bist du schon drei Jahr zurück ausm Krieg und du bist immer noch nit daheim. Wo bist du eigentlich, Paul?

Paul kann dazu nichts sagen. Still gibt er Apollonia das Foto zurück.

APOLLONIA Fährst du auch mit dem Drei-Uhr-Zug? (Paul nickt) Geh weiter Paul, ...

Paul schiebt sein Fahrrad still neben Apollonia her, als sie den Vater des Kindes, Arman, einen bulligen französischen Soldaten unter dem Baum stehen sieht, unter welchem Paul zuvor Apollonia entdeckt hat.

APOLLONIA Armansche!

Die beiden umarmen sich. Gemeinsam schieben sie das Kind ins Haus.
 

129 Zug nach Schabbach

Paul hat sich schon einen Platz im Zug gesucht, als Apollonia kurz vor Abfahrt des Zuges hinzukommt. In dem Moment, als Paul Apollonias Tasche auf die Ablage hebt, eröffnet sie ihm überglücklich eine Neuigkeit.

APOLLONIA Paul, dat Armansche will mich heirate. Deswegen hats so lang gedauert.

PAUL Und du?

APOLLONIA Ich weiß et nit. Ich weiß et nit. Aber dat Armansche hat noch nit mit seine Eltere geschwätzt. Der denkt, die stehen aufm Kopf, wenn die meisch sin. Aber dat is nit so! Dat is nit so ...

Paul hat seine Hand in Apollonias gelegt. Langsam gleiten sie durch den Hunsrück immer näher Schabbach entgegen.

APOLLONIA Wie schnell dat geht, wenn ich so neben dir sitz´.

So als wollte sie Paul nie mehr hergeben, legt Apollonia auch ihre zweite Hand zärtlich auf die von Paul.

APOLLONIA Jetzt sind wir schon fast in Simmern.

Paul löst sich aus ihren Händen und beugt sich vor.

PAUL Daheim sind sie alle unzufriede mit mir. Der Vatter will mich in der Schmied un aufm Feld han. Und dat ich so weiter mach wie er.

Apollonia stützt ihren Kopf auf Pauls Schultern.

APOLLONIA Ich könnt ewig so weiter fahre mit der Bahn ...

PAUL Und dann schwätze se vom Großvatter, und vom Urgroßvatter – und vom Ururgroßvatter und dat er seit vierhundert Jahr sei Handwerk weiterführt. Und dann guck ich mei Radio an und weiß nicht mehr wer ich bin.

Apollonia hängt an Pauls Worten. Mitfühlend bringt sie hervor:

APOLLONIA Ich weiß et aber ...

Überrascht dreht Paul sich wieder zu ihr hin, so dass ihre beiden Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander getrennt sind.

PAUL Wer ich bin?!

APOLLONIA Du gehörst auch nit nach Schabbach, so wie ich, Paul!

PAUL Wenn man dat nur wüsst.

Als Apollonia draußen durchs Fenster Schabbach in der Ferne erblickt, steht sie auf und geht ans Fenster.

APOLLONIA Dat is a bös Dorf, wie all die böse Dörfer da drauße. Wenn die so vorbeifahren immer schneller, dann krieg ich wieder Luft, Paul. - Paul, isch geh nit mehr nach Schabbach zurück!

PAUL Isch tät gern immer bei dir sein.

APOLLONIA Paul komm, wir fahre einfach weiter. Komm wir steigen in Kirchberg einfach nit aus und fahren weiter.

PAUL Bis ans Ende von der Welt?

APOLLONIA Da verstehst mich falsch, Paul. Isch meine, wir steigen

jetzt wirklich net aus!

PAUL Und wo?

APOLLONIA Mir suche uns wat.

PAUL Un die Batterie? Un mei Radioanlach?

Apollonia versteht, dass sie Paul nicht davon abbringen können wird, nach Schabbach zu seinem Radio zurückzukehren. Enttäuscht lehnt sie sich zurück.

APOLLONIA Dann geh allein nach Schabbach.
 

130 Bahnhof Kirchberg


Paul schiebt sein Fahhrad aus dem Zug und bleibt vor dem Fenster in Apollonias Abteil stehen. Traurig schaut er zu ihr hoch. Wie sein Spiegelbild so neben Apollonia im Fenstert steht und der Zug mit ich abfährt, scheint es, als würde auch ein Teil von Paul den Hunsrück für immer verlassen. Und als der Zug den Bahnsteig verlässt, weiß Paul schon nicht mehr, ob seine Entscheidung richtig war. Er wird Apolloinia nie wieder sehen.
 
131 Wohnstube Wiegand


Um Pauls Radio, um die Schraubenzieher und Lötkolben, die Radioröhren und Transistoren, die Spulen und Drähte war die gesamte Familie Wiegand versammelt und sang zur Hausarbeit.

WIEGANDS ... und zu Ende geht. Wos Mühlenrad am Bach sich dreht. Da steht im duftgen Blütenstaub, mein liebes altes Elternhaus ... Dahin verlangt mein Sehnen, ich denke oft daran mit Tränen, mein Elternhaus, so lieb und teuer...

Unter den strickenden, stickenden und klöppelnden Mädchen sitzt auch Maria, die über ihr ganzes Gesicht strahlt, als Paul den Raum betritt. Sofort wendet sich dieser seiner Radioarbeit zu.

MARIA Mir honn nix angefasst von deine Sache. Es is noch alles so wiest es liege hast lasse.

MARIAS COUSIN In Berlin, da han se’n Funkturm gebaut, mit´m Café om drin. Da blase se raus, die Musik. Han isch gelese.

VERWANDTER Kriegste den auch rin, den Berliner?

GROSSMUTTER Der Paul, der wird noch ens n´Geschäft aufmache, und wird´se in der ganz Gegend verkaufe, die Radios.

Martha Wiegand kommt stolz mit einer Rolle Leinenstoff in die Wohnstube, um es Paul zu zeigen.

MATHA WIEGAND Paul, guck mal, dat schöne Leine. Dat hat all die Marie gsponne! Für die Ewigkeit.

Marie hört am anderen Ende des Raumes zu, was Martha erzählt. Sie lächelt hinüber zu Paul, der das Leinen sanft streichelt.
 

132 Wiesen vor der Schabbacher Dorfkirche

1923 - Ein Sonntag.

Die Orgelklänge des Sonntagsgottesdienstes sind noch weit vor Schabbach zu hören.
 

133 Kirchplatz Schabbach


Wiegand hat sich ein Auto gekauft. Es steht unweit vor der Kirche entfernt. Wilfried sitzt bereits in seinem Matrosenanzug auf der Rückbank des Wagens, als die Schabbacher Gemeinde noch in der Kirche weilt, wo die Schlussmusik des Gottesdienstes gesungen wird. Eine Kindergruppe schleicht sich währenddessen leise aus der Kirche. Draußen bemerken sie sofort Wilfried, der sich in dem Auto aalt.

ERSTER JUNGE Ei, das is ja dem Wiegand sei Auto. Und der Wilfried sitzt drin. Komm wir gehn auch mal hin.

ZWEITER JUNGE Ja, dat mache mer.

Zielstrebig laufen sie zu Wiegand hinüber, den ein Junge übermütig am Kopf pitscht.

DRITTER JUNGE Hei, großer Wiegand, a schön Auto hast du.

Sofort beginnen alle Kinder am Wagen herumzuwackeln, und das seltene Gefährt zu untersuchen. Wilfried sitzt stolz wie ein Offizier weiterhin auf der Rückbank und lässt sich bewundern. Glasisch, der wohl nicht in der Kirche gewesen ist, kommt der Gruppe hinzu. Sein Fahrrad lehnt er an das Kriegerdenkmal.

GLASISCH Sag a mal, Wilfried, hast du eigentlich auch a Autobrill, so wie dei Vatter eine fürs Motorrad hat?

Wilfried gibt seinen Vater verteidigend sofort Kontra.

WILFRIED Mei Vatter fährt nit mehr Motorrad.

Glasisch beugt sich über die Türe auf die Rückbank. Neidisch versucht er Wilfried zu ärgern.

GLASISCH Da hinne, wo du sitzt, do sitze bei de fein Herrschafte nur die Hund. (Er bellt Wilfried an)

Jetzt tauchen die Kinder vor der Motorhaube auf und bewerfen Wilfried mit Kartoffeln. Unweit vom Auto steht auch ein Hänger, beladen mit Kartoffeln, der den Kindern weitere Munition gegen Wilfried liefert. Wild bewerfen sie ihn, der die Kartoffeln aufsammelt und sich wehrend zurückwirft. Glasisch erfreut sich an der Grausamkeit und fördert die Aggression der Kindergruppe mit seinen zynischen Kommentaren.

GLASISCH Hört doch uff, das kann man ja gar nit mit ansehn, wie der jung Wiegand sich nach de Krumbiere bücke muss. Da platzt ihm noch sei Stehkrägelsche.

Inzwischen ist der Gottesdienst beendet und die Kirchengemeinde verabschiedet sich beim Pfarrer, als Wiegand die neiderfüllte Attacke gegen sein Auto und seinen Sohn entdeckt und auch Glasisch sieht, der die Wagentüre mit seinen Fingern abtastet. Alois Wiegand läuft zum Amüsement der Schabbacher entzürnt auf Glasisch zu.

WIEGAND (brüllt) Hei, nimm dei Grinfinger von meim Auto. Du hättset wohl gern, du Dölfmurer.

Glasisch lässt vom Auto ab, unter den schlechtgezielten Würfen Wiegands, der die Kartoffeln auf der Motorhaube wild gegen den Peiniger feuert. Daraufhin steigt er stolz mit Martha in den Wagen, mit dem sie die fünfzig Meter Entfernung zum Wiegandhaus zurücklegen.

WIEGAND (zu Glasisch) Wärst wohl besser in de Kirch gange!

Zu Glasisch hat sich inzwischen auch Eduard und ein Teil der Kinder gesellt.

GLASISCH Wenn ich in Flandern gefallen wär, dann tät ich jetzt hier auf dem Denkmal stehen. (brüllt zu Wiegand hinüber) Und die Leut würden de Hut vor mir ziehe!

Daraufhin lüftet Eduard albern seinen Hut.
 

134 Picknick-Ausflug zur Burgruine Baldenau

Schwitzend muss Glasisch in die Pedale treten, um den Wiegands mit ihrem Auto hinterherzukommen: Wiegand am Steuer, neben ihm Martha, auf dem Rücksitz Maria mit Wilfried, der während der Fahrt aufsteht und dafür von seiner Mutter getadelt wird. Als die Wiegands die Burgruine erreichen sind sie nicht die ersten am Platz. Die Simons und Hänschen Betz haben schon ihre Decken ausgelegt und sind damit beschäftigt, alles für das Picknick vorzubereiten, die mitgebrachten Brote, die Marinaden und Weine. Auch Martha Wiegand steigt bestückt mit Brot und einem Korb aus dem Wagen zu der bereits versammelten Gemeinde auf die Wiese herunter.

KATHARINA Ach, guck wer kommt, die Martha!

Warmherzig werden die Wiegands empfangen. Zwischen den Gesprächen über das Essen, die Standortwahl für das Picknick, hört man Paul, wie er aufgeregt ein Kommando an Hänschen Betz ruft.

PAUL Los Hänsche, fahr die Antenne aus!

Daraufhin läuft Hänschen Betz wie vom Blitz getroffen quer über den Platz, so dass die Schnur für einen Moment an Katharina entlangstreift, was für einen Moment eine kleine Aufregung veranlasst.

PAUL Rasier dene nit de Köpfe ab!

Hänschen lacht nur schelmenhaft und läuft weiter bis zur anderen Seite der Ruine, wo er die Schnur spannt.

PAUL So ists gut.

Auch Glasisch kommt jetzt endlich in der Ruine an, von den Autoabgasen und Staub, den er von Wiegands Auto abbekommen hat, ist er ganz schwarz im Gesicht. Wiegand, der gerade vorsichtig das Radiogerät aus seinem Wagen hebt, lächelt Glasisch schadenfroh zu.

GLASISCH Klatsch mal in die Händ, Wiegand.

Als Glasisch Hänschen Betz sieht, läuft er zu ihm und hilft ihm höher auf den Mauerrest zu klettern, um die Antenne besser spannen zu können. Paul steht in einem Turmfenster in schwindelerregender Höhe.

PAUL Bisschen höher, Hänsche! Höher noch! Noch höher! Gut so, und jetzt stramm ziehe. (zu Eduard hinunter) Eduard, helft mir mal mei Zuleitung festmache.

Eduard springt sofort auf und wickelt die Zuleitungsschnur, die vom Radiogerät zur Antenne gehen soll, ab. Maria beobachtet von unten aus Pauls Werk mit Faszination.

PAUL (zu Eduard) Nee, wo die Erdung ist.

EDUARD Häh?

PAUL Am Spazierstock!

EDUARD Ah ja.

Wilfried nutzt die Unaufmersamkeit Glasischs - der immer noch bei Hänschen Betz steht - um sich für Glasischs Gemeinheiten am Vormittag zu rächen. Genussvoll stürzt er Wilfrieds Fahrrad, das am Auto lehnt, auf den Boden. Erschrocken vom Geräusch springt Glasisch auf den Boden.

MARTHA Wilfried, was machste dann nur?

Wilfried lächelt nur schelmisch.

KATHARINA Eduard, dei Lung! Du sitzt schon wieder aufm feuchte Bode.

Aus luftiger Höhe beobachtet Paul, wie Maria in ihrem weißen Kleid bei den anderen Platz nimmt. Katharina muss sich wieder über Eduards Nachlässigkeit ärgern.

KATHARINA Nee, nee, der Jung mit seiner Lung!

MÄTHES-PAT Also ich weiß nit, da zieht sich was zusamme, da hinne, dunkle Wolke. Ich mein, das gibtn Gwitter.

MARIE-GOOT Glab ich nit.

KATHARINA Dat glab ich auch nit.

MATHIAS Ich honn heut morge auf mei Kellertrepp geguckt, und die war trocke, und da gibts kei Gewitter, wenn mei Kellertrepp trocke is.

MARIE-GOOT Haste die Kellertrepp dann wenigstens amol mitgebracht, dass mer all mol gucke könne?

MATHIAS Du mit deim freche Maul!

Paul ist inzwischen vom Turm heruntergekommen und montiert in Entdeckerstimmung die letzten Teile seines Radios zusammen.

EDUARD An der Nah unten, da hat neulich einer gesehn, wie so a Gewitter sei Felder verwüstet hat. Da hat der sei Gewehr genomme und is vor die Tür gegange und hat in de Himmel neigeschosse. Aber grad wie er geschosse hat, da is ihm der Blitz in sein Gewehr neigefahre!

MARIE-GOOT Das ist richtig so, das hätt ich auch gemacht. Wenn ich der liebe Gott wär, dät ich mir nit gefalle losse, dass irgendjemand kimmt und so in mein Himmel reinschießt.

MATHIAS Aber auf mei Kellertrepp, da kann ich mich verlosse. Wenn die son bisschen feicht ist, dann gibts Regen, und wenn sichs so warm anfühlt, dann kriege mir a Gwiere. Und heut morgen war se richtig kalt.

MARIE-GOOT Was du nur immer mit deiner Kellertrepp host? Man könnt fast meinen, du wärst de Kellertrepp runter gefalle.

Das Radio gibt erste Töne von sich. Jeder von Pauls Schritten wird von Maria beobachtet. Ob es auch funktionieren wird? Sorgfältig dreht Paul am Frequenzrad, als plötzlich Orgelklänge zu vernehmen sind. Alle Anwesenden verstummen.

PAUL (glücklich) Dat is dat drahtlos Hochamt aus dem Kölner Dom!

Alle lauschen fasziniert von der Musik und den Radiokünsten von Paul nach Köln hinein. Wiegand ist den Tränen nahe vor Rührung.

WIEGAND Da hätte mer heut morgen gar nit in de Kirch zu gehe brauche.

KATHARINA Näh, die ganz Baldenau is ein einzig Kirch!

Während alle nach wie vor still der Musik lauschen, steigt Glasisch auf die Picknick-Decke und nimmt sich die Zeitung um sich abseits der anderen zu erleichtern.

MARIE-GOOT Glasisch, musst Du mit dei dreckische Füß da drauf?

PAUL Eduard, dat Voltmeter.

Paul hat die Antenne rausgezogen, so dass der Empfang zusammenbricht. Alle sind enttäuscht.

MARIA Paul, die schön Musik!

MARIE-GOOT Ach, wie schad.

PAUL Das kommt ja all noch viel besser. Ich muss erst einmal die Antenn abstimme.

Glasisch gebückt, mit heruntergelassenen Hosen, ruft zu Paul herüber.

GLASISCH Paul, du stehst schon in der Zeitung. (Paul lächelt) Hier steht: (liest vor) Auch in den Hunsrück hat das Radio schon Einzug gehalten. Hier steht auch noch ebbes anderes: Wer immer mit dem Gelde winkt, hat früher keins gehabt.

Wiegand versteht den Affront gegen sich. Beschämt und entzürnt dreht er sich weg, woraufhin Glasisch schadenfroh grinst.

MARIE-GOOT (zu Martha) Hast es schon g´hört. In Simmern lossen sich die Mäd allweil Bubiköpf schneide.

MATHA Ja is dat noch nit aus der Mode.

MARIE-GOOT Ja, müsse ja alle Mode mitmachen, geht ja nit anders. Ach, wie sieht denn das aus. (Glasisch kommt zurück) Jetzt is der Kerl schon wieder da.

Glasisch nimmt sich eine Gurke aus dem Glas.

MARIE-GOOT Also, jetzt geht er mit sei Finger innet Gurkeglas.

Schockiert entdeckt Katharina plötzlich Pauline, die abseits mit einer Zigarette steht.

KATHARINA Pauline, willste wohl aufhöre damit.

PAULINE (selbstsicher) Womit denn?

Demonstrativ nimmt Pauline noch einen Zug an der Zigarette. Auch Marie-Goot muss jetzt mitmischen.

MARIE-GOOT Hörste nit Pauline?

EDUARD Paulin, dei Lung!

Pauline muss über Eduards Spaß lachen und hustet.

WIEGAND (noch immer entzürnt) Ich sag immer, was wir nötig ham, heutzutag, das sind echt weibliche Frauen und echt männliche Männer! Innerlich und äußerlich!

Katharina hält dem Beleidigten das Gurkenglas unter die Nase. Mathias zieht in auf.

MATHIAS Was host de dann, dass du keine willst?

Voller Abscheu für Glasisch blickt Wiegand aus den Augenwinkeln in das Gurkenglas.

WIEGAND Da hat der Glasisch sei Grindfinger drin ghabt. Nee, dat ess ich nit.

MARTHA Jetz mach kein Sache, und ess ein!

Zum Vergnügen von Mathias windet sich Wiegand hin und her. Glasisch und Hänschen Betz stellen die Welt auf den Kopf und gehen in den Handstand. Auch Eduard sieht durch seinen Fotoaparat alles verkehrt herum. Ein Erinnerungsfoto soll von der Picknickgemeinde geschossen werden. Alle sind um das Radio herum versammelt und gehen in Pose, als das Radio plötzlich wieder Töne von sich gibt.

PAUL (aufgeregt) Dat is Fernempfang!

Paul dreht an seinem Frequenzrad weiter, bis die Stimme einer Frau zu hören ist.

RADIOSPRECHERIN Hier spricht die RAVAG aus Wien. (sie wiederholt) Hier spricht die RAVAG aus Wien. Sie hören jetzt das erste drahtlose Auftreten des Kammersängers Leo Slezag ...

Marie-Goot beanstandet, an der Antennenzuleitung ziehend die Radioansage.

MARIE-GOOT Wieso drahtlos? (deutet auf den Antenndraht)

MÄTHES-PAT Loss die Finger vom Draht!

RADIOSPRECHERIN ... im Radio.

KAMMERSÄNGER Meine verehrten Zuhörerinnen, Zuhörer, Schwarzhörer und geliebte Rückkoppler auf Welle Fünfhundertdreißig. Ich singe heut zum erstenmal Radio. Sie machen sich keine Vorstellung, wie aufgeregt ich bin. Der Gedanke, dass ich zur gleichen Zeit in Wien und in Frankfurt zu hören bin und man mich eventuell vernichtend kritisiert, macht mich erbeben ...

Wilfried schlägt ein Rad und tut sich dabei weh. Weinend läuft er zu

seiner Mutter, die ihn sanft tröstet.

KAMMERSÄNGER ... Mein Trost ist, dass mir niemand etwas an den Kopf werfen kann und der trauliche Hörer wehrlos ist. Ja, dass nicht mal eine Missfallensäußerung zu mir dringt. Ich kann dafür, für alle Fälle, das wohlige Gefühl haben, dass ich fabelhaft gesungen habe. Außerdem kann ich mich auf falsche Luftströmung, miese Atmosphäre oder geplatzte Radiowellen hinausreden. Nun begrüße ich sie noch einmal recht herzlich, meine Kinder in München, Königsberg und Prag. Meine Freunde im Weltall und Australien. Ich werde ihnen als erstes den Lindenbaum von Franz Schubert vorsingen. Hören sie!

Während der Sänger sein Lied beginnt trifft Eduard seine letzten Vorbereitungen für das Erinnerungsfoto. Behutsam legt er die Fotoplatte ein und wählt die Blende. Vom Auslöser hat Eduard eine Schnur weggespannt, so dass er aus der Ferne das Foto auslösen und somit auch auf dem Foto sein kann.

EDUARD So, jetzt alle bitte recht freundlich, freundlich, freundlich, freundlich, ja freundlich, freundlich ...

Glasisch kann es nicht bleiben lassen, Wiegand weiter zu ärgern und kniet sich deshalb für das Foto hinter Wiegand und legt seine Hand auf dessen Schultern. Wiegand windet sich unter der Vorstellung neben Glasisch auf dem Foto zu sein. Dann macht es "klick" und das

Erinnerungsfoto von dieser Sonntagsgesellschaft ist gemacht, mitsamt dem Radio und Eduard.
 

135 Feldweg

Maria und Paul schieben mit ihren Fahrrädern auf einem Schotterweg nebeneinander her. Links und rechts die sommerlich grünen Wiesen, vorne und hinten die saftigen Laubwälder.

MARIA Haste gesehn, wie mei Vater gekocht hat, wie der Glasisch sich neben den geschmisse hat auf dem Bild?

PAUL (blickt sich u) Isch hans gewusst: das Tal und die Burgruine, dat is wie so´ne große Schüssel, da sammle sich die Ätherwelle richtig drin. Dat fängt se ein ausm Weltall!

MARIA Weißte Paul, manchmal, du bist jetzt drei Jahr aus dem Weltkriech zurück, und du bist immer noch nit do.

PAUL Genau dat hat die Apollonia auch zu mir gesagt.

MARIA Du denkst noch oft an dat Apollonia. Dat sin isch dir schon lang an, Paul.

PAUL Na ja, dat schwätzt jetzt schon französisch, geht in die Geschäfte und kann auch schon französische Witz mache in de Normandie. Sie hat ebe nit zu uns gehöre wolle.

MARIA Warum hast du eigentlich misch nie gefrocht wie et ihr jeht? Mir hat se doch geschriebe. Ich weiß dat doch am allerbeste! Und sie hat geschrieb, dat wär e gesechnetes Land dat Frankreich, die hätt es do am beste von ganz Europa getroffe.

Paul sieht Maria mit weit aufgerissenen Augen an, schiebt dann schneller, um Maria ein paar Meter voraus zu sein.

MARIA (beschwichtigend) Sie lässt dich übrigens grüße! Ich seh sie noch vor mir, wie sie durch et Dorf geht, mit ihre schwarze Haar. Und immer so lustig, und die schön weiß Zähn, wenn sie gelacht hat. Sie konnte einen so herzlich angucke.

Maria holt Paul wieder ein. Er schaut sie an.

MARIA Mir hon oft über dich gesproche, Paul, als sie noch da war. Du warst der einzige im Dorf, den sie gelte lasse hat. Und wie se dat gequält hon. Schon als Kind in Schlierschied. Und nur weil keiner ihre Vater gekannt hat, hon se dat Zigeunerkind gerufe. Und alles hon se ihr in de Schuh geschobe, wat im Dorf passiert ist. Dabei hat se so ein gutes Herz gehabt. (zu Paul) Und keinem hat se zeige wolle, wie sie weinen muss. - Und disch hat se geliebt Paul!

Paul kann es nicht mehr ertragen. Verzweifelt rennt er, sein Rad neben sich herschiebend in einen abzweigenden Feldweg und verschwindet aus Marias Blickfeld. Diese schaut

Paul verunsichert hinte her. Dann erkennt sie seine Verletzung und aus ihrem Lächeln wird ein traurig-fragender Blick, den sie Paul hinterherwirft.
 

136 Im Wald


Als Maria Paul in den Wald hinterherschiebt, findet sie ihn weinend an einen Baum gelehnt, geschützt in den Mantel des Waldes gehüllt.

MARIA (zärtlich lächelnd) Du bist genau wie dat Apollonia! (Maria legt Pauls Kopf in ihren Schoß) Willst keinem zeigen wies dir ums Herz ist ... Paul, du hast mir doch mal ebbes versprochen.

PAUL (Vergräbt sich in ihrem Schoß) Wat dann?

MARIA Dat du was ganz besonderes machst! Und dat du der einzige und der erste bist.

Die Bewegungen von Pauls Kopf in Marias Schoß werden immer fester, so dass Maria sich lustvoll im Gras hin und her wälzt. Plötzlich schreckt sie hoch.

MARIA Paul, wat mache mer nur?

Paul sieht ihr fest und entschlossen in die Augen. Die Herzen der beiden schlagen wie wild. Paul richtet sich auf.

PAUL Maria, ich glaub, ich hab dich lieb! Willst du net mei Frau werde?

MARIA (mit tiefer Überzeugung) Ja, Paul.

Vor Glück laufen ihm die Tränen an den Wangen herunter.
 

137 Jahreszeiten

Sommer, Herbst, Winter. Das Jahreszeitenkarussel dreht sich unermüdlich weiter. War es nicht gerade noch Sommer und Paul und Maria haben sich das Heiraten versprochen? Da ist es schon Herbst und die Wälder vor Schabbach färben sich rot und gelb und braun und es wird still im Hunsrück, so dass der Winter Einzug halten kann und Schabbach und die anderen Dörfer unter einer weißen Schneedecke verschwinden. Doch auch der Winter vergeht und es wird wieder Frühling im Hunsrück.
 

138 Feld vor Schabbach


Eduard fröhnt wieder seiner Leidenschaft: dem Fotografieren. Das Motiv diesmal: seine Freunde Schorsch und Julius, die zwei Kaninchen erlegt haben. Eduard richtet das Bild ein.

EDUARD Die Karnickel, die balle ma jetzt auf de Platz. Richtig hochhalte.

SCHORSCH So?

EDUARD So, und hier habbe ma noch was, wenn ma se gegesse ham.

Er geht zu seiner Kamera zurück, die er aufzieht und einstellt. Die zwei Männer heben stolz, wie Eduard es ihnen gesagt hat, ihre Feldhasen hoch.

EDUARD So, freundlich, freundlich! Hergucke! Freundlich...

Und schon hat Eduard abgedrückt.
 

139 Straße nach Simmern


Laut rattert Eduard mit seinem Motorrad von Schabbach nach Simmern, Pauline aufgeladen auf den Gepäckträger, die angestrengt versucht, sich ihr Haarwerk vom Fahrtwind nicht zerstören zu lassen und sich eine Motorradhaube unterm Fahren aufzusetzen.

EDUARD Also Paulin, isch han dir doch gesagt, lass dir n´Bubikopf schneide! Dann hast de nachher kei Kuddel mehr.
 

140 Simmern – Platz vor der Stephanskirche


In Simmern angekommen hält Eduard sein Motorrad am Marktplatz an, wo die beiden Hasenjäger zusammen mit zwei Stadtmädchen stehen.

EDUARD Tach, Schorsch!

Pauline ist froh, endlich absteigen zu können und Eduards Fotoapparat, den sie die ganze Fahrt über halten musste, loszuwerden.

EDUARD (wiederholt) Tach Schorsch.

Eduard und Schorsch begrüßen sich mit einem Handschlag. Dann macht Eduard die beiden bekannt.

EDUARD Das ist mei Schwester, die Paulin, von der ich dir erzählt hon.

Schorsch Blicke gleiten währenddessen an Pauline rauf und runter. Auch sie begrüßen sich per Handschlag. Als Pauline die anderen drei Stadtleute sieht, geht sie freundlich, das Stativ noch in Händen haltend auf die zwei modisch gekleideten Mädchen und den Mann zu. Spitz begrüßt sie eine der beiden mit einem ironischen Seitenhieb auf Paulines Gewand.

ANNI Han sie aber ein schönes Kleid an! Ham sie das selbst genäht?

Pauline hat gut verstanden wie sie das gemeint hat. Beschämt wendet sie sich unwohl ab. Eduard ist fasziniert von den herausgeputzten Frauen.

EDUARD Tach Anni!

ANNI Tach Eduard.

Jetzt holt Eduard stolz seine Fotos mit den Hasen aus Paulines Tasche heraus.

EDUARD Guck emol, Schorsch, Julius. Isch hon se mitgebracht. Dat sind die Bilder vom letzte Sonntag. Die han isch entwickelt.

SCHORSCH Die Bilder sind gut geworde.

JULIUS Mensch, wunderbar.

ANNI Gut getroffe!

SCHORSCH Letzte Freitag und Sonntag, da hätte se müsse in Simmere sein. Da war was los.

Pauline mit ihrem einfachen Gewand und dem Apparat noch in Händen, steht außen vor. Niemand scheint sie mehr zu beachten. Schorsch versucht die beiden Stadtmädchen noch mehr zu beeindrucken.

SCHORSCH Der Julius und ich, wir hon ganz schön ob de Putz gehaut. Mensch Eduard, das hast ja toll eingefange. Julius guck mal, da hinne, in der zweite Reih vorne, da stehe mir.

ANNI Das han mer doch in Kreuzach in der Zeitung gelesen, gell Sissi?!

EDUARD Die französische Besatzung hat den Bürgermeister Meckl verhaftet und nach Paris gebracht, weil er sich nit ausweisen wollte. (deutet auf ein Foto) Und isch han dat fotografiert! - Nit direkt, aber so a paar Stunde später war ich dabei. (blättert um zum nächsten Bild) do, in dem Haus han se ihn verhaftet.

Unbemerkt von den anderen ist Pauline weitergegangen. Alles erscheint ihr so groß und fremd in dieser Stadt. Pauline schaut in das Schaufenster eines Uhrenladens und liest die werbenden Schilder: "Gegen mitgebrachtes Gold fertige ich Trauringe in allen Größen an."

Als sie von den Schildern ablässt, blickt sie Robert Kröber in die Augen, der junge Uhrmacher, der zwischen der Schaufensterabdeckung herausschaut. Auch er sieht Pauline entgeistert an und schenkt ihr ein Lächeln. Plötzlich kommt eine Horde Männer angelaufen, die gröhlend die Fenster oberhalb des Uhrmacherladens einwerfen. Unter ihnen auch Schorsch, Julius und - Eduard, der Fotos von dem Krawall schießt. Von herabfallenden Scherben getroffen, wird Pauline an der Hand geschnitten, so dass sie Blutet. Schrill ertönt ein warnender Zwischenruf: "Aufpassen!". Die Gruppe läuft schnell davon. Pauline erkennt Eduard, der ihr im Wegrennen noch etwas zuruft.

EDUARD Paulin, ich komm wieder!

Verstört von den Ereignissen schaut Pauline den Uhrmacher an, der ihr deutet, dass sie hereinkommen soll und sie daraufhin ins schützende Haus geleitet.
 

141 Uhrmacherladen Robert Kröber

Wie Robert Kröber Pauline so sanft an ihrer verletzten Hand in seine Uhrmacherwerksatt hineinführt und Pauline all die verschiedenen Zeitmesser an den Wänden sieht, hat sie ihren Schmerz sofort vergessen. Durch ein Okular untersucht Uhrmacher Kröber die Wunde, um sie von Glassplittern zu befreien.

ROBERT Wie ich sie da drauße hab stehn sehn, da hab ich mir gleich gedacht, dass ich sie besser in den Laden reinhole möcht. Weil, weil über mir doch der Jud wohnt, der als Seperatist verschrie ist. (Schaut hoch zu Pauline) Den nenne se: ‚die Blindschleich`"!

Pauline kann darüber nicht lachen.
 

142 Französische Kaserne Simmern

Eduard bringt seinen Fotoapparat vor der französischen Besatzungskaserne in Stellung. Er, Schorsch und Julius planen einen neuen "Streich". Eduard gibt, sobald er an der Kamera alles eingestellt hat, den Einsatz.

EDUARD (leise) Achtung! (wartet auf einen günstigen Moment) Jetzt!

Schorsch und Julius schleichen sich zusammen mit den beiden Stadtmädchen an der Zaunhecke entlang, werfen eine am Kaserneneingang stehende Wachbude um und steigen triumphierend, als hätten sie ganz Frankreich erobert, mit ihrer Begleitung darauf. Eduard drückt ab. Sie werden von Wachen bemerkt.

WACHE Arrêtez, arrêtez!

Sofort laufen die "Eroberer" vor den herbeirennenden Wachen davon, nur Eduard kann seinen Apparat nicht schnell genug abbauen, so dass er von einer Wache mit einem Bajonett bedroht und festgenommen wird.

WACHE Arrêtez!
 

143 Uhrmacherladen

Robert versucht Pauline, die sich inzwischen eine Zigarette angezündet hat, mit einer Pinzette von den letzten Glassplittern zu befreien.

ROBERT Halte se schön still! Drei oder vier Seperatiste ham mer in Simmern. Davon hat jeder mindestens fünf oder sechs Fensterscheiben. Da könne sie sich vorstelle, was da kaputt gegange is in den letzten drei Tagen. Halt! Nicht wackeln.

PAULINE (unterdrückt) Au!

Dann hält Robert endlich den letzten Splitter in seiner Pinzette. Er zeigt ihn Pauline.

ROBERT Das ist er!

Fasziniert schaut Pauline den winzigen Glassplitter, der ihr solche Schmerzen bereitet hat an. Als ihre Augen davon ablassen, trifft sich der Blick der beiden. Pauline schaut ihrem Helfer tief in die Augen. Von draußen ist auf einmal Pferdelärm zu hören, was Robert dazu bewegt, sich von Pauline abzuwenden und zum Fenster zu gehen. Eduard wird gerade von den französischen Soldaten abgeführt. Eduard sieht Pauline im Schaufenster, lehnt schnell seinen Fotoapparat an das Schaufenster, legt seine Tasche ab und ruft ihr zu, als er von den Soldaten schon wieder zum weitergehen angetrieben wird.

EDUARD Die Platten sind in der Tasch. Vorsichtig, die Platten sind aus Glas!

ROBERT Was hat denn der da hingestellt?

Der Soldatenzug mit Eduard verschwindet aus dem Blickfeld der beiden.
 

144 Haus Simon


Paulinchen liegt mit Fieber im Bett. Schwitzend und krampfig windet sie sich in den Kissen. Katharina badet besorgt ihre vom Glas zerschnittene Hand in heißer Milch.

KATHARINA Das sieht mir bös nach Blutvergiftung aus. Mir müsse aufpasse, dass der Strich nit übers Handgelenk hinausgeht. (Pauline zieht ihre Hand aus dem kochend heißen Wasse) Nee, loss se drin. So heiß wiestet aushalten kannst muss dat sein, sonst kriegen wir die Bazillen nit raus. Paulin, neulich hon isch im Kalender gelese, was die Bazille so im Blut mache. Da muss man aufpasse, dass se nit ins Herz gehn und in de Kopp. Man kann se net sehn, aber raus müssen se aus der Hand. Halt still!

Pauline starrt auf das Christus-Bild an der Wand.
 

145 Vor dem Haus Simon


Paul hilft seinem Vater Mathias beim Beschlagen eines Pferdes, als Katharina mit der Schüssel mit heißem Wasser herauskommt, in die sie Paulines entzündeten Finger gehalten hat, um den Inhalt auf den Misthaufen zu schütten. Sie kommt ins Zögern.

KATHARINA Aufn Mist kann ich se net schütte, da komme se aufs Feld und wieder zu uns zurück. Nee!

PAUL Mutter, wat machste dann?

Verwundert schauen ihr Mathias und Paul nach, wie sie ziellos mit ihrer Schüssel auf dem Hof umherirrt. Paul läuft ihr nach.

PAUL Mutter, jetzt sag bloß, was hast de denn da? (er schaut in die Schüssel)

KATHARINA (ängstlich) Wo kann ma dann soebbes hinschütte? Da sind die Hase, da gehts auch nit. (sie schaut in die Schüssel) So, die bring ich jetzt hinters Haus.

Paul versteht nicht. Amüsiert ruft er ihr nach.

PAUL Mutter! Jetzt bleib doch mal stehen.

KATHARINA Da sind die Bazille aus der Paulin ihrer Hand.

Mathias ruft ungeduldig nach Paul, der ihm bei der Arbeit nicht zur Seite steht.

MATHIAS Paul, wo bleibste dann?

Paul läuft zurück zur Schmiede, wo Mathias dem Pferd das noch dampfende Eisen auf die Hufen schlägt. Katharina ist jetzt mit ihrer Schüssel in der Scheune angekommen, wo sie auf ihre hochschwangere Schwiegertochter Maria trifft, die sie vor der Gefahr aus der Schüssel warnen will.

KATHARINA (aufgeregt) Maria, geh mir ausm Weg. Bleib stehen, geh weg. Geh mir ausm Weg. Geh weg!

Maria versteht nicht, was Katharina von ihr will. Als sie verstört einen Schritt nach hinten tritt, steigt sie versehentlich auf eine Harke, die sie mit seinem Stiehl auf den Hinterkopf schlägt. Maria sinkt bewusstlos zusammen. Vor Schreck lässt Katharina die Schüssel fallen und die Flüssigkeit ergießt sich über Marias Füße und den Scheunenboden.

KATHARINA (erschrocken) Maria! Um Gottes Willen, Maria! Maria!

Diese erwacht sogleich wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit. Paul und Mathias haben die Schreie gehört uns sind zur Scheune herbeigeeilt. Katharina führt Maria, die noch wackelig auf den Beinen ist, heraus und gibt sie Paul in den Arm.

KATHARINA Paul, dei Frau. Bring se ins Bett! Die muss sich gleich hinlege. Ich kenne dat. Das gibt ne Frühgeburt. Grade im achte Monat ist das gefährlich. (sie stellt sich ängstlich vor die Haustüre) Nee Paul, nit ins Haus, da liegt das Paulin, und ich hab die Bazille verschütt. Bring se zu Wiegands!

Mit Unverständnis entgegnet er ihr.

PAUL Schwätz nit, Mutter! Hör uff!

Paul bringt Maria also ins Haus, Mathias tritt zu Katharina um sie zu trösten.
 

146 Haus Simon


Marie-Goot schleicht den Gang herunter. Sie hat von dem Unglücksfall erfahren und muss nun überprüfen, ob es denn Neuigkeiten oder etwas zu sehen gibt. Sie horcht erst an der Türe von Marias Zimmer, als nichts zu hören ist, öffnet sie diese langsam. Als Katharina sie erblickt, bedeutet diese ihr zu verschwinden.

MARIE-GOOT Ich weiß eigentlich gar nit, wat ihr von mir wollt.

Katharina drängt sie wieder aus dem Zimmer.

KATHARINA Psst. Die Hebamm is da.

Sorgfältig untersucht die Hebamme Marias schwangeren Bauch, indem sie ihn abtastet.

HEBAMME Tuts da weh?

Maria ist diese vorsorgliche Untersuchung, die Katharina veranlasst hat, sehr zuwider, wo ihr doch nur der Hinterkopf vom Stockhieb schmerzt.

MARIA Nee, da unte tuts mir nit weh! (langt sich an den Kopf) Da hinne, am Kopf tuts mir weh.

HEBAMME (erstaunt) Wieso am Kop?

Plötzlich ertönt ein schriller Schrei, der das Haus Simon zittern lässt.

KATHARINA Dat Paulin!

Sofort eilen Katharina, Marie-Goot und die Hebamme in das Krankenzimmer von Pauline. Maria bleibt allein zurück und muss sich aus der ungünstigen Tieflage auf dem Bett selbst befreien. Musternd stellt sie sich vor den Spiegel, als Marie-Goot zur Türe hereinspitzt.

MARIE-GOOT Gibts jetzt e Frühgeburt?
 

147 Krankenzimmer Pauline

Jetzt erst erkennt man, dass Paulines Krankenzimmer in der Küche eingerichtet wurde. Katharina kommt herein und setzt sich zu ihrer Tochter ans Bett, die schweißüberströmt fiebernd daliegt.

PAULINE Gut, dassde wieder da bist, Mutter.

KATHARINA Ich war die ganze Zeit im Haus.

PAULINE Nee, isch han disch in der Schiefergrub gesehn. Und der Wind hat ganz kalt aus der Höhl geblase ...

Neugierig hören sich auch Marie-Goot und die Hebamme durch den Türspalt Paulines Traumschilderungen an.

PAULINE ... un isch hon so gewart uf disch. Und über mir, da hat der Eduard im Wald gesesse und hat an Klumpe Gold zwische sei Händgehalte.

KATHARINA Der Eduard ist doch in Alzei ...

Daraufhin erblickt Katharina die beiden neugierigen Gestalten in der Türe und flüstert nur noch.

KATHARINA ... im Gfängnis!

PAULINE (zeigt die Größe) So en Klumpe Gold.

Die Hebamme und Marie-Goot treten herein. Wer weiß, vielleicht gibt es ja wirklich irgendwo Gold ...
 

148 Blick auf Schabbach

1924 .Spätsommer in Schabbach.
 

149 Wiese

Wie schnell das Jahr in Schabbach wieder vergangen ist. Die Simons helfen alle zusammen, das Heu von der Wiese einzuholen. Auch Glockzieh arbeitet mit. Er steht oben auf dem Heuwagen und verteilt es gleichmäßig. Dann ist ein Fliegergeräusch zu hören. Gebannt sehen alle zum Himmel hoch, wo ein Doppeldecker immer mehr an Höhe verliert und auf die Wiese zurast. Kurz bevor er mit den Simons kollidieren würde, zieht er noch gekonnt hoch. Die Pferde scheuen und Glockzieh fällt ins aufgeladene Stroh. Fasziniert rennt Eduard dem Flieger hinterher. Das Flugzeug dreht noch eine Schleife und setzt dann an zur Landung, bis es schließlich auf dem noch nicht abgemähten Feldabschnitt des Feldes zum Stehen kommt.

MATHIAS (zu Paul) Da wird sich einer in de Luft verirrt hon.

Eduard ist bereits zum Flugzeug geeilt, um den Piloten zu begrüßen und seine Hilfe anzubieten. Übermütig hebt er das Heck hoch und dreht das Flugzeug herum.

KATHARINA (besorgt) Eduard, dei Lung!
 

150 Haus Simon

Der fremde Flieger ist Amerikaner. Gastfreundlich haben die Simons ihn in ihr Haus eingeladen. Zusammen sitzen sie in einer großen Runde am Tisch in der Wohnstube und essen zu Abend. Der amerikanische Gast ist der Mittelpunkt der Runde und der Gespräche.

MÄTHES-PAT (Prostet dem Flieger zu) Prost, Ralph!

RALPH (mit englischem Akzent) Ja, Prost.

MÄTHES-PAT A votre santé!

MARIE-GOOT (leise zu Mäthes-Pat) Schwätz deutsch.

MÄTHES-PAT Der kann doch kei deutsch.

Apettitvoll verschling Ralph seine Suppe.

MÄTHES-PAT Dat is Quätsche.

MARIE-GOOT Dann schwätz doch hochdeutsch!

Pauline, die sich etwas abseits hinsetzt, versucht eine Kontaktaufnahme mit dem Fremden.

PAULINE Nee, das sie Ralph Windhäuser heiße und aus Amerika komme! Mir han in Argetal auch en Windheuser, der heißt Rudolph mit Vorname.

MATHIAS Früher, wie mei Großvater noch gelebt hat, da sind die Leut nach Brasilien ausgewandert. Und die heiße heut: Emilio, Francesko, Roberto und Makrillia.

Alle lachen über die seltsamen Namen.

MÄTHES-PAT Wie Margarine!

MATHIAS (zu Katharina) Und wenns es nicht glaube wolle, Katharina, dann gehn wir auf den Speicher, und dann gibste mir den Brief von dem Leopold Simon aus Matto Grosso.

MÄTHES-PAT Mathias, das is doch brasilianisch. Dat versteht doch der amerikanisch Flieger nit.

RALPH (selbstbewusst) Ich verstehe alles. Alles verstehe. Ja!

Eduard und Glasisch kommen zusammen mit anderen Männern aus dem Dorf herein, beladen mit benzingefüllten Milchkannen. Geschafft stellen sie die Kannen ab.

EDUARD (zu Ralph) Also, wenn sie noch mehr brauche ... Mit den Dollars kriege mir in Bernkassel was wir wolle.

KATHARINA So, Herr Windheuser, jetzt könne se ja beruhigt schlafe gehe.

Froh über die Hilfsbereitschaft der Schabbacher und besonders von Eduard und seiner Truppe kann der Flieger wieder entspannt lächeln.
 

151 Haus Simon - Dachboden

Es ist bereits tief in der Nacht. Katharina steigt die Stufen zum Dachboden hinauf, wo Paul wieder an seinem ersten Radioversuch sitzt. Alles ist improvisiert. Stolz stellt sich Katharina neben Paul, um ihrem Sohn bei seiner Arbeit zuzuschauen. Wie stolz sie auf ihren Paul ist.
 

152 Morgendämmerung auf dem Feld

Der Morgen naht und Eduard sitzt frierend auf einem Milchwägelchen am Rande der Wiese, wo er die ganze Nacht verweilt hat, um das Flugzeug zu bewachen. Der Dorfpolizist hat sich zu ihm gesellt. Eduard reibt sich die Arme, um die Kälte besser zu ertragen.

EDUARD Also, die Flieger sin die wahre Helde.

POLIZIST Da hast recht.
 

153 Hof vor dem Haus Simon

Paul sitzt müde und einem Gedanken nachhängend auf dem Treppenabsatz, als der fremde Amerikaner voller Elan und bereits mit Fliegermontur aus der Scheune tritt.

RALPH Guten Morgen, Mister Paul! Gut geschlafen?

Katharina tritt aus dem Haus. Sie übernimmt es, auf die Frage des Fliegers zu antworten.

KATHARINA (sorgenerfüllt) Unser Paul! Die ganz Nacht hat er oben aufm Speicher gesesse und hat Radio gehört.

Stolz schreit sie zu Mathias in die Schmiede hinüber, der gerade mitten in der Arbeit steckt.

KATHARINA Stell dir vor Mathias, London hat er reingekriegt!

RALPH (zu Paul) Oh, sie sind also ein Radiot!

KATHARINA Gucke se nur, wie schlecht er aussieht.

RALPH Oh, das geht schnell vorbei. (zu Paul) Kommen sie mit! Drehen sie eine Runde um das Dorf mit mir! Da weht ihnen die frische Morgenluft um die Nase.

Paul schnellt begeistert hoch. Er kann Ralphs Angebot gar nicht fassen.

PAUL (ungläubig) Ich soll mitfliege?
 

154 Straße am Ortsausgang Schabbach

Das halbe Dorf hat sich bereits neugierig um das Flugzeug versammelt. Paul und Ralph gehen mit schnellen, ausholenden Schritten und geschwellter Brust nebeneinander her wie zwei Astronauten, die gleich zum Mond starten werden. Eduard hat sich vor die Propellermaschine gestellt, und erklärt der Dorfgemeinschaft fachmännisch die Technik des Fliegers.

EDUARD Und da unne, da unne zum Beispiel ist eine ganz besondere Einrichtung. Da kann man nämlich das ganze Benzin rauslasse, wenn der in irgendwelche Notsituatione komme sollte. Zum Beispiel der Propeller hier ist ein ganz toller Propeller. Ein Gipsy-Major ...

Ralph, der sich ins Flugzeug schwingt, erklärt Paul.

RALPH Da oben fliegen wir auf den Ätherwellen. Schauen sie sich die Welt von oben an! Dann sind sie mehr als ein König.

Auch Katharina und Glockzieh wohnen der Sensation bei.

KATHARINA (leise) Paul, isch han Angst.

Eduard bemerkt, dass Paul ebenfalls in das Flugzeug gestiegen ist.

EDUARD Paul, fliegste jetzt mit?

PAUL (voller Vorfreude) Ja Eduard, ich darf mitfliege.

EDUARD Mr. Windheuser, ich tät auch gerne mitfliege.

RALPH Später, später. (Gibt ein Zeichen) Kinder weg!

Eduard gibt er ein Zeichen, den Propeller zu starten.

RALPH Propeller, Propeller.

Eduard setzt an zum Propellerstart, ist sich aber nicht ganz über die Drehrichtung sicher.

EDUARD So rum? So rum?

RALPH Ja.

Eduard startet jetzt den Propeller, Windhäuser bringt das Flugzeug in Startposition. Die Dorfkinder machen sich einen Spaß aus dem Schauspiel und laufen ein Wettrennen mit dem Flugzeug, als es sich in Bewegung setzt. Stolz erhebt sich die Maschine daraufhin in die Lüfte und Maria und Eduard, am Boden zurückgelassen, sehen ihrem Paul wehmütig nach.
 

155 Im Flugzeug

Wie schön der Hunsrück doch von oben aussieht. Die grünen Mischwälder zwischen den Steilen Felswänden, die Wiesen und Felder. Ralph deutet Paul, doch auch einmal auf der anderen Seite hinunter zu schauen, wo eine Burgruine zu sehen ist. Als Ralph die Maschine tiefer fliegen lässt, brüllt Paul plötzlich aus ganzer Seele.

PAUL Apollonia!

Eine Frau mit einem Kinderwagen ist in einiger Entfernung auf einem Feldweg zu sehen. Paul schreit sich die Seele aus dem Leib.

PAUL Apollonia! (hysterisch) Landen! Landen! Ich will raus! Ich will runter! Die Frau, ich will sie sehen! Halt! Bleib emol stehen!

Einige Zeit später setzt die Maschine schon am Boden auf und Paul springt aus dem Flugzeug und rennt so schnell es nur geht über die Wiese hin zur Frau mit dem Kinderwagen. Ralph startet inzwischen schon wieder und entschwebt.

PAUL Apollonia! Apollonia!

Als er überglücklich am Kinderwagen angekommen ist, schaut die Frau von ihrem Kind hoch zu Paul. Jetzt erst bemerkt er, dass es eine ganz andere ist, und jene schiebt pikiert und wortlos weiter den Weg entlang. Paul versteht nicht mehr. Müde setzt er sich auf gefällte Bäume um zu weinen.
 

156 Wiesen, Wald und Wasser

1927

Außer Atem rennt Eduard am Ufer eines kleinen Flusses entlang. Keuchend macht er an einer günstigen Stelle halt, um sich mit Wasser die Stirn zu kühlen.
 

157 Haus Simon - Wohnstube

Maria will ihre zwei Kinder gerade aus der Stube führen, um sie ins Bett zu bringen, als Eduard völlig unvermittelt und außer Atem hereinplatzt.

EDUARD (aufgeregt) Isch han wat erfahre. Hört mal, Vatter, Paul. Isch muss euch was erzählen. Isch han wat erfahre.

KATHARINA Setz dich erstmal.

EDUARD Es gibt Gold im Hunsrück, un ich weiß wo!

PAUL Komm Eduard, du host se net mehr all. Iß lieber wat.

EDUARD Mir ham nit umsonst solche Namen wie Dukatebach, Goldbach, Silberbach und wie se all heißen. Ich weiß es jedenfalls jetzt genau. Laue, am stumpfe Turm, da war a Auto von zwei Ingenieure vom geologische Institut in Bonn. Dene hab ich geholfe, ihre Reife zu flicke, die hatte Gesteinsprobe im Auto liege.

Mathias hört etwas belustigt, aber doch interessiert seinem Sohn zu.

EDUARD (weiter) Da ware Schächtelsche mit lauter so Brocke, mit Kupfer und Eiseerz un uf einem Schächtelsche, do stand druf: "Gold, Monzelfeld, 200 Milligramm pro zehn Tonne, 15. Juni 1927". Und andere Schächtelsche waren do, wo se Gold gefunde han, in Stromberg.

Eduards Keuchen geht immer mehr in ein asthmatisches Husten über.

EDUARD Und bei Kemp... (hustet) Kempfeld.

Nach Atem ringend geht Eduard zum Wasserhahn, um sich sein Gesicht zu kühlen.

EDUARD Die ganz Gegend ist voll Gold und keiner weiß es und dabei heißt der Goldbach schon tausend Jahr Goldbach, weil nämlich Gold drinliegt.

Jetzt lässt sich Katharina von Eduard überzeugen und erinnert sich.

KATHARINA Vor a paar Jahr, da hab ich soebbes in der Zeitung gelese.

Als sie sich zu Mathias dreht, schüttelt der nur abwehrend den Kopf, um ihr zu signalisieren, dass Eduard auf der falschen Fährte ist.

EDUARD Siehste Paul, han isch et nit gesagt?

PAUL Und da musst ausgerechnet du komme?!

Eduard ärgert sich darüber, dass niemand ihm glauben will.

EDUARD Donnerkeil! Auf dem Auto stand hinne druf: Geologisches Institut der Universität Bonn. Dat is n amtlicher Beweis!

Maria stellt Eduard einen Teller mit gekochten Kartoffeln auf den Tisch.

MARIA Eduard, nun ess ebbes.

EDUARD Paul, wir mache an Fehler, wenn mir da nicht hingehe nach Monzelfeld.

PAUL Ich geh da nit mit hin. Ich blamier mich doch nit vor der ganzen Gegend.

Eduard hustet wieder schwer.

KATHARINA Da haste a dick Butterschmier, dat is Gold - für dei Lung.

EDUARD (hustend) Paul, mir mache e Fehler, wenn mir da nit hingehe nach Monzelfeld.

KATHARINA Jetzt ess, sonst gehts dir wie damals in Alzei im Gefängnis und du spuckst Blut. (zu Maria) Nä, nä, was wir uns damals für Sorge gemacht habe.

EDUARD Die ganz Gegend ist voll Gold und keiner weiß es.
 

158 Am Fluss

Drei Goldsucher sind schwer in ihre Arbeit vertieft. Angestrengt waten sie durch den Fluss, schaufeln Sand und Kies vom Grund des Wassers ab, wühlen und sieben. Es sind Glockzieh, Glasisch und Eduard.

GLASISCH Glockzieh, meinst Du net, es wär jetzt besser, du gingst wieder auf dei Beobachtungspunkt?

EDUARD Es darf sich nämlich nit herumspreche, dat mer hier Gold finde kann.

GLASISCH Wenn sich das rumspreche tät, die sind im Stand, un baue hier e ganze Stadt rum.

Glockzieh begibt sich also wieder auf seinen Beobachtungsposten. Da hält Eduard auf einmal einen glitzernden Splitter in seinen Händen. Prüfend beißt er auf seinen Fund und steckt ihn daraufhin heimlich, ohne dass seine beiden Helfer davon etwas mitbekommen, in seine Hemdtasche. Schließlich findet auch Glasisch etwas goldenes in seinem Sieb. Angestrengt versuchen alle einen großen Blechbottich ans Ufer zu heben.

GLOCKZIEH Ei, da glitzerts ja noch drin.

EDUARD Ja, was hast du denn erwartet? Das glitzert wie bei de Ingenieure in de Schächtelsche.
 

159 Simmern

Die drei Goldsucher sind mit dem Fahrrad nach Simmern gefahren. Vor einem Fotoatelier, das Kameras in seinem Schaufenster anpreist, kommen die drei zum ersten Mal zum stehen. Eduard bewundert die neuartigen Apparate.

EDUARD Oi oi oi! Mit Zentralverschluss! Und wie kleen die ist.

GLOCKZIEH Ich kauf mir für mein Gold ...

EDUARD Biste wohl still, Glockzieh!

Die drei schieben weiter und kommen an einem Schustergeschäft vorbei.

GLOCKZIEH Ich kauf mir von (betont) mei Geld sechs paar Schuh. Schweinsleder, Rindsleder, Kalbsleder und gelbe und schwarze.

Glasisch, der am Schaufenster eines Modegeschäfts an der anderen Straßenseite steht, ruft seine beiden Partner herbei.

GLASICH Ei, kommt emol nüber!

Die beiden schieben zu Glasisch hinüber.

GLASISCH Hier gibts en (liest ein Schaufensterschild) Bisamwammenzickelmantel.

EDUARD Nä, nä, nä, nä.

GLASICH Oder hier: an Pechhanikmurmelmantel. Für Vierhundertfünfundsiebzig Mark. Das ist des teuerschte, was überhaupt angebote wird.

EDUARD So ebbes.

GLASISCH Oder was haltet ihr von Maulwurfkanin. (lacht) Das muss a Kreuzung aus Maulwurf und Kaninchen sin. Was es nit alles gibt.

EDUARD (zu Glockzieh) Damit kriegste jede Frau rum.

Die beiden lachen. Auf der anderen Seite ist das Uhrmachergeschäft von Robert Kröber, inzwischen Eduards Schwager. Eduard deutet auf das Haus, wo Pauline an der Ladentüre gerade Kundschaft verabschiedet.

EDUARD Mei Schwester Paulin.

PAULINE (zur Kundschaft) Wiedersehn. - (sie erblickt ihren Bruder und seine Belgeiter) Eduard, was macht ihr denn alle hier?

EDUARD Psst. Net so laut. Ist der Robert dahem?

PAULINE Nee, der kommt erst heut abend wieder. Der ist nach Koblenz gefahre. (neugierig) Wat hot ihr dann?

EDUARD Dat könne wir dir net sage.

Eduard verständigt sich lächelnd mit seinen beiden Partnern.

EDUARD Wir kommen später nochamal.

Pauline blick ihnen irritiert nach und geht dann in den Laden zurück.
 

160 Kaiserhalle Simmern

Es ist dunkel geworden. Eduard, Glasisch und Glockzieh kommen mit ihren Fahrrädern um eine Ecke geschoben, als sie Gelächter, Lichter und Musik aus einem Lokal vernehmen.

EDUARD Da is ja schwer was los, da drin. Da geh ma rin.

GLASISCH Das ist doch nix für uns.

EDUARD Ach was, der erste müde Tänzer. Mal gucke.

Eduard und Glockzieh äugen durch das Fenster, Glasisch schiebt schon weiter, als Eduard noch einmal nachhakt.

EDUARD Wat is, gehn mer rin?

GLASISCH Eduard, willst du da wirklich reingehn. Da können wir doch so nit reingehn mit unsere dreckiche Kleider.

EDUARD (protzig) Ab heute könne wir überall rein! Egal, wie mir aussehe.

GLOCKZIEH Ja da gehn mer rein, da geh ich auch mit.

Eduard und Glockzieh gehen in Richtung Eingang.

EDUARD Und dass dei Frau dich sieht, davor brauchste auch kei Angst habe.

GLOCKZIEH Hab ich auch net.

Glasisch bleibt zurück.

GLASISCH Also, ich geh da net rein. So ungewasche geh ich da net rein.

EDUARD (winkt ab) Ah! Auf gehts Glockzieh! (er schiebt Glockzieh zur Tür herein.)

Als würden sie in eine fremde Welt schauen, so blicken Glockzieh und Eduard durch die Tür in den Vorraum.

EINLASSER Wat wollt ihr dann?

EDUARD Zwei Eintrittskarte.

EINLASSER So kommt ihr da net rin.

Glockzieh lüftet seinen Hut.

GLOCKZIEH Vier Eintrittskarte.

EINLASSER Trotzdem, wenn ihr auch fünf nehmt, so kommt ihr nit da rin.

Eduard und Glockzieh gehen zur Tür des Tanzsaals.

EINLASSER Stehe bleibe!

EDUARD Mir gucke doch nur.

EINLASSER Bitte stehe bleibe!

Die beiden Schabbacher werfen einen Blick in das Innere des Saals, wo gute Stimmung herrscht. Foxtrott-Musik wird gespielt und alle tanzen ausgelassen. Glockzieh ist begeistert.

GLOCKZIEH (zum Einlasser) Zehn Eintrittskarte!

EINLASSER (lacht) Ne, ne und nochmal ne.

Als zwei Schönheiten aus dem Tanzsalon kommen, nimmt Eduard charmant seinen Hut ab. Die beiden Frauen können nur witzeln über ihn und seinen Begleiter, was Eduard aber nichts auszumachen scheint. Auch Glockzieh ist von den Damen beeindruckt. Beide gehen sie den Damen zur Klotür nach, um darauf zu warten, dass sie wieder herauskommen.

GLOCKZIEH Wenn die wieder rauskomme, dann sind se viel mehr wert.

EDUARD Und warum?

GLOCKZIEH Dann honse Perle in de Haar.

Ausgelassen lachen die beiden über den Witz, als Glasisch von draußen reinruft.

GLASISCH Eduard, Glockzieh!

Zu viert treten die Goldsucher wieder auf die Straße. In der ausgelassenen Stimmung hat Eduard wohl über das gefundene Gold gesprochen, so dass eine nette Dame den Dreien gerne Gesellschaft leistet und sie begleitet.

EDUARD Mir gehn jetz zu meim Schwager. Der kann genau prüfe, ob wir hundert Prozent hon oder nur achtzehn Karat.

MÄDCHEN Willste deine Frau beschenke oder biste gar nit verheirat?

EDUARD (lacht) Mir gehts noch lang nit ans Kapital.

GLOCKZIEH Mir hon hundert Prozent.

MÄDCHEN Mensch, das wär wunderbar. (geht einfach in die falsche Richtung los)

EDUARD Nenenene, mir müsse da lang.

Die Gruppe setzt sich in Bewegung in Richtung Uhrmacherei.
 

161 Uhrmacherladen Kröber

Ganz gespannt stehen Eduard, Glasisch und Glockzieh in der Werkstatt der Uhrmacherei.

PAULINE Eduard, du bist so komisch heut, was hoste dann?

EDUARD Psst.

Das Mädchen, das sich der Gruppe angehängt hat, bringt übermütig eine der vielen Maschinen zum laufen, erschrickt davon und stellt sie sofort wieder ab. Eduard holt jetzt stolz sein Schächtelchen heraus, und präsentiert den Inhalt Robert, der an seinem Arbeitstisch sitzt.

ROBERT Was soll dat dann sein?

GLASISCH Mir han noch mehr davon.

EDUARD (stolz) Gold.

PAULINE Gold?

GLOCKZIEH (lacht) Ja, Gold.

Robert beginnt auf einem Indikatorstreifen etwas von dem Gestein abzuschaben und versetzt nacheinander die Teststellen mit Scheidewasser, das Auskunft über den Goldgehalt gibt.

ROBERT Achtzehn Karat ist es nit. Es wird schwarz. ... Vierzehn Karat ist es auch nit, es wird wieder schwarz. Jetzt probier ichs mal mit acht Karat.

Auch jetzt reagiert der Teststreifen schwarz. Roberts Worte wirken ernüchternd.

ROBERT Es sieht zwar goldig aus, s´ist wahrscheinlich Kupferoxyd.

Enttäuscht sehen sich die drei Schatzfinder an, war das Glück doch zum Greifen nahe. Das Mädchen hat sich schon eine Perlenkette im Laden ausgesucht, mit der sie übermütig durch den Raum hüpft und den Schmuck besingt. Pauline bemerkt es, und ganz Geschäftsfrau entreißt sie ihr die Ware mit einem strafenden Blick. Einen anderen, winzig kleinen Splitter betrachtend meint Robert.

ROBERT Das könnt Gold sein.

GLOCKZIEH Das kann man ja kaum sehen.

GLASISCH (zynisch) Da wird einer mitm Goldzahn aufn Stein gebisse hon.

Eduard sagt gar nichts mehr.
 

162 Wald vor Schabbach

1928

Eduard, unterwegs mit seinem Motorrad, fährt auf einem Weg durch den Wald, um den Schabbacher Männern, die im Wald Holzarbeit verrichten, Verpflegung zu bringen. Als er bei den Holzfällern ankommt, sind diese in ihre harte Arbeit versunken.

EDUARD Dat Esse ist da.

Mathias gesellt sich zu Eduard, um ihm neue Arbeitsaufträge zu erteilen.

MATHIAS Eduard, sieh zu, dass du der Frau Molz aus Wopperoth die versenkbar Nähmaschine bringst, und die Frau Weckmüller, die hat ach noch gern zwei Dutzend Nadele.

EDUARD Ja, bin schon unterwegs. Ich muss noch zum Bahnhof nach Kehrbrich, die Lieferung abhole!

MATHIAS Aber stocher mer nit so viel in de Bäsch rum, (winkt ab) da ist noch niemand reich geworde.

EDUARD (im Wegfahren) Hab ich alles, geht in Ordnung.

Die Waldarbeiter machen sich währenddessen schon über die Verpflegung her. Zusammen sitzen sie in einer Gruppe und schwätzen. Nur Paul sitzt einige Meter abseits allein und sinniert vor sich hin, als er im Wald plötzlich etwas liegen sieht. Sorglos nähert er sich dem Fund, als er entdeckt, dass es sich um eine nackte Frau handelt die tot im Wald liegt. Entsetzt läuft er zu den anderen Männern zurück.

PAUL (aufgeregt) Kommt mal alle her. Da hinne liegt a Frau im Wald und ist tot!

ARBEITER Wo?

PAUL Do hinne. Da hinne liegt a Frau im Wald und ist tot.

Paul, tief geschockt wird immer manischer. Mathias beruhigt ihn und legt seine Hand auf Pauls Schultern.

MATHIAS Langsam, langsam Paul. Was hast du gesin?

PAUL (ruhiger) Da hinne liegt e Frau im Wald und is tot.

Jetzt hat auch Mathias verstanden, was los ist. Langsam geht auch er zu den anderen. Einer der Arbeiter kehrt zu Paul zurück.

ARBEITER Die is nit von hie! Isch hon die nit gesin. Isch glaub, die is gar nit aus userer Gegend.

PAUL Die hat gar nix an.

ARBEITER Noch nit emol an Ring.

Jetzt kehren auch die anderen Arbeiter zurück zu Paul.

ZWEITER ARBEITER Was mache mer nur mit der? Die könne mer nit so liege losse.

ARBEITER Wer weiß, wat die hot! Hobt ihr e Wund gesin?

MATHIAS Die fasse mir net an. Am beste is, mir holle die Stallkäht aussm Dorf. Paul, geh!

Paul gehorcht der Weisung seines Vaters. Unwohl ob des Geschehens blickt er sich aber noch einmal um.

MATHIAS Die is noch net lang tot.

ARBEITER Die sieht aus, als wennse noch lebe würd.

ZWEITER ARBEITER Scheinbar ists heut morge erst passiert.

DRITTER ARBEITER Und mir hom noch geschafft und nix gehört.

MATHIAS Wo die nur möscht herkum sin.

ZWEITER ARBEITER Des is aber kei Deutsche.

ARBEITER Könnt a Jude sein.

ZWEITER ARBEITER Dat könnt möglich sin.

DRITTER ARBEITER Vielleicht n Sittlichkeitsverbreche.

ZWEITER ARBEITER Odern Lustmord, wie bei Hamann.

ARBEITER Aber man sieht doch nix.

DRITTER ARBEITER Vielleicht hat se Krankheit und Seuche ingeschleppt.

MATHIAS (verteidigt die Tote) Dann wärse aber nit nackisch.

ZWEITER ARBEITER Kommt, mir gehe gucke, ob mer ihr Kleider nit finde.

MATHIAS So mache mers.

ARBEITER Kommt, wir gehen.

Die Gruppe geht wieder zurück zur Leiche, um nach den Kleidern zu suchen.

MATHIAS Und wenn mer se finden, die packe mer net an.
 

163 Scheune vor Schabbach

Paul war inzwischen im Dorf und hat die Hebamme verständigt. Die Nachricht über die unbekannte Tote hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, so dass die halbe Dorfgemeinschaft samt Kinder hinter Paul und der Hebamme herläuft, um der Sensation beizuwohnen.

PAUL Im Wald. Eisch, eisch hon se gefunne.

Die Gruppe erreicht die Scheune. Mathias, der gerade aus der Scheune kommt, wo man die Tote gerade hinbringt, vertreibt die Kinder.

MATHIAS Was wollen dann die Kind. Des is doch kei Kirmes hier wos ebbes zum gucke gibt.

Auch die Hebamme hält die Kinder zurück.

HEBAMME Ja bleibt dochmal fort hier. (zu den Männern in der Scheune) Und ihr kommt heraus.

Die Männer haben die Leiche zum Sichtschutz mit Zweigen bedeckt und auf eine Bare gelegt. Die Hebamme beginnt mit ihren Untersuchungen. Vor der Scheune warten die Leute gespannt auf das Ergebnis.

ARBEITER (zu Paul) Der Schuppe, der gehört doch deim Schwiegervatter, dem Wiegand. Da können mer se doch liege lasse?

PAUL Ja, könnt mer mache.

ZWEITER ARBEITER Ich könnt ja den Wiegand rufe.

Der Zweite Arbeiter macht sich sogleich daran, Wiegand zu verständigen, als die Hebamme mit ernstem Gesicht aus dem Schuppen kommt. Sie wendet sich an Mathias.

HEBAMME So e klein Loch (zeigt die Größe mit ihrem kleinen Finger auf.) hon isch gefunne, da hinne am Kopp. Dat war kei Krankheit, dat war wat ganz anderes.

MANN Kommt, wir gehen. Kommt!

Mathias wendet sich an Paul.

MATHIAS Einer muss hier bleiben. Am beste Paul, mach du dat. Paul nickt übereinstimmend und geht zum Schuppeneingang, wo er noch einmal einen Blick auf die Tote wirft.
 

164 Dorfstraße Schabbach

Wiegand, der auf einem stolzen Pferd sitzt und sich auf den Weg zu seiner Scheune macht, ist entzürnt über das Verhalten der Schabbacher gegenüber dem grausamen Fund.

WIEGAND Ist denn von euch keiner auf die Idee gekommen, gleich zur Polizei zu gehen? Und die Leiche in meinen Schuppen zu legen, dass ich selbst noch in Verdacht komm! Zum Donnerkeil nochemol!

Auch die Kriminalpolizei setzt sich mit dem Auto in Bewegung und folgt Wiegand zur Scheune.
 

165 Scheune vor Schabbach

Als Wiegand mit den Polizisten bei der Scheune ankommen dämmert es bereits. Paul steht noch immer am Scheuneneingang.

WIEGAND (zu den Polizisten) Das ist zwar mei Schuppe, aber ich hon mit der Leich nichts zu tun. Es war doch net mei Entscheidung, die Leich vom Fundort wegzutrage.

Der Kriminalbeamte geht zielstrebig auf Paul zu. Mit seinem Finger zeigt er fragend auf ihn.

KRIMINALBEAMTER Und wer sind sie?

WIEGAND Das ist mei Schwiegersohn, der war mit den anderen Leut im Wald bei der Frohnarbeit und hat se dort gefunne.

KRIMINALBEAMTER (zu Paul) Dann kommen sie mal mit zum Wagen!

Wiegand wirft jetzt auch einen Blick in seinen Schuppen auf die tote Frau. Der Kriminalbeamte diktiert einem Polizisten.

KRIMINALBEAMTER Wir nehmen zu Protokoll. (zum Polizisten) Fertig?

POLIZIST Jawohl!

KRIMINALBEAMTER Heute, am 26. Mai 1928, gegen dreizehn Uhr ...

Wiegand geht zurück zu seinem Pferd.

WIEGAND Also mich brauchen se jetzt nit mehr. Ich reite jetzt heim, mir ist kalt!
 

166 Dorfstraße Schabbach

Schabbach ist in Aufruhr. Polizisten streifen mit Hunden durch das Dorf. Jeder wird von den Kriminalbeamten nach seinem Alibi befragt. Zielstrebig geht der Kriminalbeamte auf einen Dorfbewohner zu. Die Mutter stellt sich sogleich schützend vor ihren Sohn.

KRIMINALBEAMTER Wo waren sie am 26. Mai gegen Mittag?

MUTTER Mei Sohn, der hat nichts mit der Leich zu tun. Überhaupt nichts.

KRIMINALBEAMTER Gute Frau, ich hab nicht sie gefragt, ich hab ihren Sohn gefragt. Also, nochmal von vorne: Wo waren sie an dem besagten Tag?

Der Befragte zuckt nur mit den Schultern. Ein anderer Dorfbewohner hat sich hinzugesellt und stichelt über die Arbeit der Beamten.

DORFBEWOHNER Da sehen sie die Polizei. Der einzige, der im Ort dafür in Frage kommt, und da gehe se nicht hin.

KRIMINALBEAMTER Wen meinen sie?

DORFBEWOHNER Ich sage nichts, das müsse sie selber rausfinde. Können sie erst mal die Beteiligte kontrolliere, und dann werden sie schon sehen.

Der Kriminalbeamte wendet sich ab, um einem Polizisten etwas zu diktieren, als Glasisch sich dazustellt.

GLASISCH Mir habe hier in Schabbach vor sechs Tach de Reichstag gewählt. Von unsere hundertzwanzig Wahlberechtigte hon 74 Zentrum gewählt, 26 han die Nationalpartei gewählt und sechs Liberale.

DORFBEWOHNER Und trotzdem habe se ein Linksbündnis nit verhindern könne.

GLASISCH Und dann habe mer noch zwei einsame Sozis. Aber weil einer von denen zwo seit einer Woche in Simmere im Krankenhaus liegt, kommt nur der in Frage, den er meint. Könne se mer folge?
 

166b Korbmacherhäuschen am Ortsausgang Schabbach

Die Polizeihunde beginnen zu kläffen, als sich der Schäferhund von Korbmacher Betz sein Revier verteidigend dem Zaun nähert, an dem die Unterredung stattfindet. Die Beamten machen am Zaun halt, trauen sich wegen des Hundes nicht in den Vorgarten. Hänschen Betz steht belustigt neben seinem Vater und beobachtet die gespannte Situation.

KRIMINALBEAMTER (zu Betz) Rufen sie gefälligst ihre Hunde zurück.

BETZ Wenn sie ihre zurückrufe, ruf ich auch meine zurück.

KRIMINALBEAMTER (zu einem Polizisten) Rufen sie die Hunde zurück!

POLIZIST Die kann ich net zurücknehme, die sprechen auf die Hunde des Gegners an.

BETZ Mei Hund, dat sin einfache Ziehhund und die sin auch andere Gerüche gewöhnt. Wo hon sie dann ihr Hund unnergebracht? Die rieche ja! Und das rieche mei Hund, dat die rieche!

Jetzt fühlt sich der Kriminalbeamte von Betz persönlich angegriffen und verteidigt die Polizeihunde.

KRIMINALBEAMTER Unsere Hunde riechen nicht! Das weise ich schärfstens zurück. Merken sie sich das!

BETZ Und trotzdem rieche se. Dat riecht man doch, dat die rieche.

Er ruft seine Hunde nicht zurück, setzt sich wieder an seinen Arbeitsplatz und bindet weiter Körbe. Die Polizisten und Kriminalbeamten ziehen unverrichteter Dinge mit den Hunden ab.
 

167 Haus Simon - Schlafzimmer Paul und Maria

Als Paul das Schlafzimmer betritt ist es schon mitten in der Nacht. Maria liegt schlafend im Bett, ebenso die Kinder Anton und Ernst. Paul entkleidet sich leise. Der Anblick seiner Kinder, die so unschuldig im Schlaf liegen, zeichnet ein Lächeln in sein Gesicht. Vorsichtig und bemüht Maria nicht aufzuwecken steigt er ins Ehebett. Über Marias Hand läuft eine Fliege. Paul hat das Bild der toten Frau wieder vor sich, wie sie da lag auf der Bahre. An der Schlafzimmerwand hängt ein kitschiges Bild einer toten Frau, die von Engeln heimgesucht wird, die ihr das weiße Totengewand entgegenfliegen. Jetzt schläft auch Paul

ein, seinen Kopf an Marias Schulter gelegt. Plötzlich durchdringt ein lautes Geräusch die Stille der Nacht. Maria schnellt im Bett hoch.

MARIA Wat war dat, Paul?

Paul erwacht nicht sofort. Maria schüttelt ihn. Das Vieh im Stall muht aufgeregt.

MARIA Paul! Da ist jemand im Haus.

PAUL Ich geh mal gucke. (er entzündet eine Öllampe)

MARIA Isch han seit Tagen schon das Gefühl, dass nachts einer im Haus is.

PAUL Mach den Ernst nit wach! Schlaf weiter,
 

167b Haus Simon - Dachboden

Maria gegenüber versucht er den Anschein der Gelassenheit zu vermitteln, obwohl er doch etwas nervös ist, als er vorsichtig auf den Dachboden steigt, wo ein lautes Schlaggeräusch zu hören ist. Mathias steht im Nachthemd auf dem Dachboden und wirft einen Gegenstand in eine Ecke.

MATHIAS Du Lump, du Lump!

PAUL Vatter?

MATHIAS Da kimmt der Marder doch tatsächlich bis auf de Speicher hoch. Und grad han isch ihn noch gesehn, den Knüppel nachgeworf - und weg war er. Und hier hot er sei Stempel hinterlosse.

Mathias hält Paul etwas haariges hin.

MATHIAS So sieht die Pfood von em Marder aus.

PAUL Mir stelle morgen e Fall auf, die mach ich in der Schmied.

Nach wie vor schreien die Kühe im Stall aufgeregt.

MATHIAS Ich geh mal runter, dat Vieh beruhige.

Jetzt erst sieht Paul wieder seine alte Radioanlage, die vergessen und verstaubt noch immer auf einem Tisch am Dachboden steht.
 

168 Haus Simon - Hof

Über den ganzen Hof verstreut liegen die Federn und Kadaver der vom Marder gerissenen Hühner. Großmutter Katharina erklärt Marias Kindern, was passiert ist.

KATHARINA Der böse Marder, der hat uns ja jetzt da die Hühner gerisse. So was! Hat die tot gebisse.

Verängstigt schauen die Kinder auf die toten Tiere.
 

169 Schmiede

Paul hat die Marderfalle gebaut: eine schwere Eisenfalle, die durch eine Feder gespannt wird. Paul versucht die Falle zu aktivieren und muss seine ganze Kraft einsetzen, um die Eisenflügel zu spannen. Mathias kommt hinzu.

PAUL Helf mer mol, Vater.

MATHIAS Die drei schönste Leerkornhühner hat er uns gerisse, der Marder, der Lumpes.

Paul nimmt eine Feder der gerissenen Hühner, um die Falle zu testen, und hält sie demonstrativ über die Falle.

PAUL Aber so kriegen wir ihn.

Paul lässt die Feder los, und sobald der leichte Federschaft die Falle berührt schnappt diese auch schon zu. Paul nimmt die Marderfalle und sie gehen ins Freie, um sie aufzustellen.
 

170 Garten der Simons

Mathias sieht noch einmal seine toten Hühner.

MATHIAS So en Schand.

KATHARINA Esse könne mir die net mer. Und die Feder könne mer auch net gebrauche.

Mathias sammelt die Kadaver ein.

MATHIAS Und grad die allerschönste weiße Rebhühner.

Paul hat die Falle inzwischen an einen günstigen Platz gebracht und spannt sie aufs neue. Antonchen spielt mit einem kleinen Stück vom toten Huhn. Paul ruft ihn zu sich, um das Stück als Köder auf die Falle zu legen.

PAUL Antonchen, komm emol her.

Unterdessen vergräbt Mathias die restlichen Kadaverstücke im Misthaufen. Ernstchen sieht seinem Großvater interessiert zu.
 

171 Garten der Simons

Als Paul ziellos durch den Garten an den Brennnesseln vorbeischlendert und zum Gartenzaun gelangt, schweift sein Blick über ein benachbartes Kornfeld, das sich sanft im Wind wiegt, ab in die Ferne.
 

172 Schmiede

Paul steht ungewohnt mit Mantel und Hut bekleidet in der Tür der Schmiede und es wirkt, als würde jeder seiner Blicke angestrengt versuchen, Eindrücke zu sammeln und zu speichern. Mathias merkt, dass etwas mit Paul nicht stimmt. Beunruhigt fragt er nach.

MATHIAS Paul, wat hoste dann?

PAUL Wat soll ich hon?

MATHIAS Wo willste dann hin?

PAUL Ich geh n Bier trinke.

MATHIAS Ah, so.

Mit dieser Antwort kann sich Mathias zufrieden geben und sich seiner Arbeit weiter zuwenden. Paul bleibt noch einige Zeit so stehen.
 

173 Dorfstraße Schabbach

Auf der Dorfstraße, vorbei am Wirtshaus, an dem Fenster wo er Apollonia zum ersten Male sah, geht Paul wie ferngesteuert, erst langsam und etwas unsicher, dann immer schneller und zielstrebiger. Am Straßenrand steht Eduard mit seinem Motorrad, der gerade von einer Frau eine Nähmaschine überreicht bekommt, die er nach Simmern zur Reparatur fahren soll.

FRAU Eduard, da hon isch noch de Deckel.

EDUARD Danke, nächst Woch is se repariert.

Da bemerkt Eduard seinen Bruder.

EDUARD Paul, wo willste dann hin?

Paul aber dreht sich nicht mehr um.
 

174 Felder vor Schabbach

Paul hat Schabbach schon hinter sich gelassen, als er draußen im Feld Mäthes-Pat sieht, der gerade dabei ist, eine Vogelscheuche aufzustellen. Der Weg führt an ihm vorbei, so dass Paul ihm nicht ausweichen kann.

MÄTHES-PAUL Paul, ha. Heut morgen war die Marie-Goot beim Wiegand Kaffeetrinke, und da hat se sisch die Butter aber so dick auf et Brot geschmiert, und dem Wiegand sei Augen sind immer größer worre. (lacht.) Aber dat Marie-Goot ließ sisch nit aus der Ruh bringe und sagt auch noch: "Ach, was habt ihr fürn fein Kässchmier." Ah, da ist der Wiegand aber bös worn. Und da sagt er: "Kässchmier hin, Kässchmier her. Da ißt du ja die Butter." (lacht schadenfroh)

Paul bleibt während Mäthes-Pat Erzählung nicht stehen, er geht einfach ohne zu antworten immer weiter, dreht sich noch einige Male um, um dann nur noch nach vorne zu sehen und in der Ferne zu verschwinden.
 

175 Schmiede

Stumm geht Mathias seiner Arbeit weiter nach. Die Hufeisen glühen, der Ofen wird nachgeheizt und das Metall am Ambos geformt.
 

176 Dorfstraße Schabbach

Maria kommt aus dem Wirtshaus. Sie wirkt abwesend und aufgelöst. Unsicher und suchend blickt sie sich immer wieder um, ob sie Paul denn nicht doch irgendwo sieht. Weiter hinten im Dorf entdeckt sie Frau Legrand im Plausch mit der Wirtin. Maria eilt zu ihnen hin.

MARIA Hobt ihr ihn dann nit gesehe?

FRAU LEGRAND Aber Maria, da ham wir doch nu schon so oft drüber gesproche. Wir hon ihn wirklich nit gesehn.

MARIA (verzweifelt) Du musst ihn doch gesehn han! Der wollt doch nur a Bier trinke gehn, da müsst er doch bei dir vorbeigekomme sin.

WIRTIN Und wenn isch ihn gesehn hätt, dann weiß isch doch net, wohin er geht.

Maria läuft verzweifelt weiter, dreht sich um.

MARIA Ja host ihn jetzt gesehn oder nit?

WIRTIN Ne, ehrlisch nit!

FRAU LEGRAND Isch hon ihn nit gesehn.

Maria läuft auf einen Dorfbewohner zu, der mit Mäthes-Pat auf der Straße steht.

MARIA Der Mäthes-Pat hat gesagt, er ist über euer Wies gegange.

Mäthes-Pat nimmt die Verzweifelte, um sie zu beruhigen und setzt sie auf eine Bank ab.

MÄTHES-PAT Komm Maria, komm. Setz dich da hin! Die finde ihn bestimmt. Die Polizei sucht ihn überall. Die finde ihn, komm setz dich. Maria, die finde ihn bestimmt.
 

177 Haus Simon - Wohnstube

Es ist ruhig geworden in der Wohnstube der Simons. Mathias sitzt versteinert am Tisch, Katharina knetet die Tränen unterdrückend einen Teig und Maria sitzt still und verzweifelt auf der Bank neben der Tür mit Frau Legrand und umklammert den Ehering als würde sie Paul in ihren Händen halten.

FRAU LEGRAND Der Paul hat keine Feinde gehabt, niemand denkt dat bei uns im Ort. Niemand hat ihm was böses gewollt. Nee, Feinde hat der keine gehabt. So e herzensguter Mensch. Keinem hat er was böses getan. Dat gibt et nit, dat gibt et nit.

Katharina kämpft jetzt stark mit den Tränen.

FRAU LEGRAND Passt mal auf. Auf einmal geht die Tür auf und der Paul is wieder da.

Die Türe öffnet sich. Maria erschrickt. Die Kinder kommen zusammen mit Marie-Goot in die Stube. Marie-Goot bringt eine Neuigkeit mit.

MARIE-GOOT Hört mal alle her. Isch han was gehört. Da is son Ausstellung in Mannheim von so Kurzwellefunk und Zubehör fürs Radio und lauter so Sache.

Ihre Körpersprache verrät, dass sie selbst nicht so ganz an ihre Theorie glaubt.

MARIE-GOOT Komm mal her, Maria. (Maria setzt sich neben Marie-Goot) Setz dich mal. Meinste dann nit, da könnt der Paul hingefahre sin? Dat wär doch möglich, oder?

MARIA Nee Marie-Goot, dat kann nit sin.

MARIE-GOOT Ja warum dann nit?

Maria antwortet nicht.
 

178 Haus Simon - Hof und Garten

Müde fallen vereinzelt Regentropfen auf die Marderfalle, die noch immer so dasteht wie von Paul aufgestellt auf das Raubtier lauert. Alle sind gespannt. Die Kinder Ernstchen und Antonchen, Mathias und ganz Schabbach warten auf das, was kommen wird.