Film 1: Drehbuch

Erstes  Buch
Die Zeit der ersten Lieder (1960) 
 

101 Wohnküche, Haus Simon in Schabbach

Klärchens Brief liegt aufgeschlagen auf dem Tisch.

Ein stiller Nachmittag im Sommer. In der Wohnküche halten alle Dinge den Atem an: der warme Suppentopf, der neben dem Teller steht, der wartende Löffel, das Brot, die feinen Staubpartikel, die vor dem offenen Fenster im Sonnenstrahl schweben, die Vorhänge, der Herd und die Einmachgläser, die glänzend vor Frische neben den Gartenbohnen bereitstehen, gerade vor zehn Minuten von der Mutter vorbereitet zum Einfüllen und Einkochen. Die Geräusche des Dorfes wehen zum Fenster herein, leise, wie im Nachmittagsschlaf. Jeden Moment kann sich die Küchentür öffnen, kann die Mutter zurückkehren, kann der Lärm des Landlebens zurückkommen. Dann würde die Stube wieder atmen, das Bild des toten Großvaters wieder von der Wand lächeln, Oma Katharina wieder gütig aus dem Holz-rähmchen schweigen, würden die Zwiebeln auf dem Brett zerhackt, würde das Bohnenkraut in das Bohnengemüse, würden die Bohnen in die Gläser gestopft . . . Auf dem Hackbrettchen liegt Klärchens Brief, aufgeschlagen mitten im Lesen liegengelassen, ein Beweisstück, ein Familienskandal, ein Vorfall, der an diesem Nachmittag das ganze Küchenleben unterbrochen hat.

KLÄRCHEN. »Hermann, mein lieber Hermann, nun bin ich wieder allein und fühle mich trotzdem nicht einsam und verlassen. Mir ist immer noch warm von Deinem Gesicht in meinem Schoß und Deinen heißen Händen, die mir so viel Kraft geben, daß ich glaube, ich muß laut schreien und alle Menschen halbtot drücken, damit sie etwas abkrie-gen von unserer Liebe. Ach, Hermann, als wir uns in dem kleinen Zelt aneinandergekuschelt haben und wir beide nicht mehr frieren mußten, da gab es nur noch Dich und mich und die Ewigkeit. Ich weiß nicht, wie lange die ist, aber auch wenn sie nur noch einen einzigen Tag dauert - es ist gut so. Ist das nicht verrückt? Jetzt bin ich doch schon ganz schön alt und erwachsen. Ich weiß, Du mußt lachen, wenn Du das liest, aber ein kleines Mädchen bin ich geblieben. Und nun gibt es Dich auf der Welt, und mir kann gar nichts Schlimmes mehr passieren. In der langen, schönen Zeit bei Dir zu Hause mußte alles heimlich geschehen. Jetzt ist es so einfach und so klar- ich habe keine Angst mehr. Wir dürfen auch nicht mehr traurig sein und weinen. Versprichst Du mir das? Bei Deiner Mutter, die von unserer Liebe nichts wissen durtte, da hätte auch unser Kind nicht leben können. Da bin ich ganz sicher. Aber in ein paar Jahren, wenn wir uns dann immer noch liebhaben, dann kriegen wir ein Kind oder zwei oder drei oder zehn. Hermann, ich liebe Dich, auf immer - Dein Klärchen«

Es ist die Stunde der Stubenfliegen, die ungestört und träge über den Brief, das Gemüsebrett und die scharfen Küchenmesser laufen.
  

102 Hermanus Schlafzimmer

Hermann hält das Erinnerungsfoto vor seine Augen, auf dem er und Klärchen in dem kleinen Zelt aneinandergekuschelt sind, ein Selbstaus-löser-Bild, das Hermann einst auf der Radtour ins Rheintal gemacht hat. Glücklich schauen die beiden aus dem Dreieckszelt heraus in die Kamera, lachen wie zwei Kinder, die sich versteckt haben vor den Erwachsenen. Hermann weint beim Anblick dieses Fotos aus glücklichen Tagen. Ein bitteres Schluchzen schüttelt seinen Körper. Es wird gegen die Zimmer-tür gepocht und brutal auf die Türklinke geschlagen. Das Schloß hält gerade noch dem Ansturm stand. Hermann hat sich mit seinem Foto eingeschlossen.

STIMME DER MUTTER. Hermann? Mach die Tür uff, Hermann. Her-mann!!

STIMME DES BRUDERS ANTON. Ich schlage die Tür in! Mach sofort uff!

Hermann zieht sich das Federbett über den Kopf, verbirgt sich mit seinem Schmerz tief in den Decken. Er ist entschlossen, niemanden an sich herankommen zu lassen. Als die Mutter und der aufgebrachte Bruder draußen keine Ruhe geben wollen, bäumt Hermann sich kurz auf und schreit: »Nein«! Dann fällt er wieder in seine Trauer-Einsamkeit zurück. Hermanns Schrei hat wohl seine Wirkung getan: Die Stimmen vor seiner Schlafzimmertür entfernen sich.

HERMANN. Sie hatten mir meine erste, meine einzige Liebe zerstört. Meine Mutter, mein Stiefbruder, das ganze Hunsrückdorf hatten sich zusammengerottet, um mich von meinem geliebten Klärchen zu trennen. Sie war zwölf Jahre älter als ich und - was schlimmer war - ein Flüchtlingsmädchen, ohne Vermögen, ohne Hof, ohne Familie. Sie hatten sie wie eine Kriminelle verfolgt und verjagt, alles unter dem Dechmäntelchen der Mutterliehe und der Fürsorge für mich.

Über Hermanns Leid scheint die milde Nachmittagssonne auf das zerwühlte Bett, auf Hermanns Beine, die unter der Decke heraus- schauen, auf das alte Klavier neben der Türe, auf das Foto von Otto Wohlleben, Hermanns Vater, das darüber hängt. Hermann ist ruhiger geworden. Langsam erhebt er sich und nähert sich der Verbindungstüre, die früher zu Klärchens Schlafstube führte. Er legt seine Hand auf die Klinke und öffnet behutsam. Ein Windstoß reißt ihm die Tür aus der Hand. Schreiendes Sonnenlicht fährt ihm ins Gesicht. Hermann ist geblendet: Das frühere Klärchenzim-mer existiert nicht mehr. Die Tür führt ins Freie. Vor seinen Füßen klafft ein Abgrund, über dem nur noch Reste des ehemaligen Liebeszimmers hängen: Vorhänge, Bilder, ein Ofenrohr, angesengte Tapeten. Entsetzt blickt Hermann in die Tiefe seiner Vergangenheit. Hermann ist in sein Zimmer zurückgekehrt. Die Sonne steht jetzt schon tief und scheint orangefarben auf die Wand. Hermann kniet vor seinem Bett nieder, faltet die Hände zum Gebet. Er blickt in die untergehende Sonne, während er anfängt, mit Gott zu sprechen.

HERMANN. Lieber Gott, du bist in mir. Deswegen kannst du mich auch hören. Deswegen gelobe ich jetzt folgendes. Erstens: Mit der Liebe soll es für alle Zeiten vorbei sein. Wenn es nämlich die Liebe gibt, dann gibt es sie nur einmal, und lieber wollt' ich mir die Zung' abbeißen, als zu einer anderen Frau zu sagen: Ich liebe dich. Und auf die zweit und dritt und viert und fünfzehnt Lieb' kann ich verzichten, weil ich sie lächerlich finde. Zweitens: Ich schwöre, daß ich aus Schabbach und dem fürchter-- lichen Hunsrück fortgehe. Vor allem von meiner Mutter und dem Elternhaus - und ich will nie mehr zurückkommen, auch dann net, wenn ich mal berühmt bin und sie mich alle gern sehen wollen. Dann erst recht net. Drittens: Die Musik soll meine einzige Liebe sein und meine Heimat. Die Musik ist überall, wo die Menschen frei sind. Ich weiß, daß mich niemand verstehen wird, aber ich will von den großen Meistern lernen, die auch alle einsam waren.

Lieber Gott, ich schwöre, daß ich all das eisern in die Tat umsetzen werde, sobald ich neunzehn bin und das Abitur bestanden habe. Amen. Wie von Geisterhand öffnet sich in diesem Augenblick die Spiegeltür von Hermanns Kleiderschrank. Hermann spürt das und wendet den Blick ins Zimmer. Er sieht das Spiegelbild, das seinen nackten Rücken zeigt, und ihn, wie er im Abendlicht kniet nach seinem Gelübde. Der Blick in den Spiegel ist wie ein Blick in eine andere Welt.
 

103 Dorfkirche, Orgelempore

Das kleine Kirchenschiff ist erfüllt von brausenden Orgelklängen.

Hermann, weinend, wütend, aufgelöst vor Schmerz, sitzt an dem alten Spieltisch und traktiert die Tasten und Register. Er improvisiert ein dramatisches Stück, das die pathetischen Vorsätze seines Gebetes noch einmal ausdrückt und in dröhnende musikalische Wallungen umsetzt.

Das Gymnasium ist ein sakral anmutender Bau mit einem Glockenturm, der wie ein Kirchturm über das Schuldach ragt. An diesem Tag der mündlichen Abiturprüfungen haben die Schüler der anderen Klassen frei. Der Schulhof liegt leer, fast sonntäglich da. Nur zwei Primaner in feinen Anzügen schlendern über den Hof. Sie versuchen, einen Blick durch eins der Hochparterrefenster zu werfen.

Das Prüfungszimmer scheint eine ehemalige Hauskapelle gewesen zu sein: Rundsänlen teilen es in Haupt- und Seitenschiff, ein Deckenge-wölbe gibt dem Raum eine einschüchternde Würde, so wie der alte Steinfußboden und die U-förmig angeordnete Tischrunde, hinter der die Prüfungskommission residiert.

Hermann sitzt an seinem kleinen Tisch hinter einem Wandschirm und versucht, sich auf seinen Prüfungstext vorzubereiten.

HERMANN. Als einziger in meiner Klasse mußte ich die Abiturprüfung auch in Religion ablegen. Das war der letzte Versuch des Dechanten, mich als sein »Lämmchen« einzufangen. Nicht in Musik, auch nicht in Philosophie oder Literatur sollte ich meine Reife beweisen, son-dern in Theologie, die ich als Glaubensfrage ablehnte.

Jetzt wird Hermann aufgerufen. Er packt sein Heft, seine Schultasche. Er schreitet mutig auf die Lehrerrunde zu. In der Mitte vor der Kommis-sion steht ein einsamer Holzstuhl, auf den Hermann sich aber nicht setzt. Er bleibt hinter dem Stuhl stehen und hält sich unauffällig an der Stuhllehne fest. Hermanns Blick geht abwartend in die Runde. Die Studienräte, der Direktor, der Beamte des Kultusministeriums, der Dechant, der Superintendent, sie alle tun sehr beschäftigt, blättern in ihren Akten, mustern Hermann ein wenig, lassen ihn aber vorerst nur warten. Herr Schiller, Hermanns Musiklehrer, der mit in der Prüfungs-kommission sitzt, gibt Hermann ein heimliches Aufmunterungszeichen und erhebt seine Finger zum »Victory«-V.

HERMANN. »Freiheit ist der Zweck des Zwanges, wie man eine Rebe bindet, daß sie, statt im Staub zu kriechen, froh sich in die Lüfte windet.« Uber diesen Vers sollte ich sprechen und über Freiheit. Aber ich konnte nicht an einen Gott glauben, der mir einen Kopf gab und mir dann übelnimmt, wenn ich damit denke. Der Direktor fordert Hermann auf, Platz zu nehmen. Jetzt wendet sich der Beamte des Ministeriums an Hermann.

PRUFUNGSBEAMTER. Wie kommt es, daß Sie diese schlechte Vorzensur in Religion haben? Ich sehe hier eine Eins in Deutsch, Eins in Musik, Kunsterziehung Eins, alle musischen Fächer Eins, Mathematik, Phy-sik Eins - in Chemie haben Sie eine Zwei-, aber eine Fünf in Religion! Herr Dechant, können Sie mir das erklären?

Der Prüfungsbeamte wendet sich fragend an den katholischen Pfarrer, der in seinem schwarzen Rock wie das Gericht Gottes dasitzt.

DECHANT. Wir sehen darin keine Glaubensfrage, Herr Regierungsrat. Da können Sie sicher sein. Aber der Schüler Simon wird wohl selbst wissen, warum er in den letzten zwei Jahren die Mitarbeit in Religion verweigert hat. Religion ist ein Fach wie jedes andere.

Während dieser aufgebrachten Worte des Dechanten wird es Herrn Schiller, Hermanns Lieblingslehrer, fast schlecht vor Erregung. Her-mann wirkt aber sehr selbstsicher und gefaft.

PRUFUNGSBEAMTER. Der Herr Dechant meint, Sie sollen diesen Text mal nach theologischen Gesichtspunkten zu interpretieren versu-chen.

Hermann rückt sich in Positur. Er spricht im Tonfall der Uberlegenheit. Er geht die Sache »wissenschaftlich« an.

HERMANN. Ich spreche jetzt über »Staub und Kriechen«, »Winden und Binden«. Bei »Staub und Kriechen« denkt der Autor an den Teufel, der wie eine Schlange über den Boden kriecht. . . Ich finde aber, daß das Bild hinkt, weil eine Rebe doch eigentlich gar nicht in den Himmel kommen kann - oder?

Hermann hat seinen Faden gefunden. Sein Vortrag wird immer flüssi-ger, immer mehr baut er sich zum brillanten Dialektiker auf und verblüfft seine Lehrer. Herr Schiller atmet auf. Er braucht jetzt eine Entspannungszigarette. Er erhebt sich leise und verläBt den Saal.

HERMANN. In dem Text geht es um den Freiheitsbegriff. Ein altes Streitthema unter den Theologen - seit Augustinus. Schon im vierten und fünften Jahrhundert hat man sich über die Prädestination gestrit-ten, über die Vorherbestimmung. Da ist man von dem Gedanken ausgegangen, wenn Gott allmächtig ist und gleichzeitig allwissend, dann weiß er. ..

Herr Schiller hört Hermanns Stimme auch noch draußen im Gang. Er raucht am offenen Fenster und erlebt, wie sein Schüler sich durch die Prüfung windet.
 

108 Schulaula, Musiksaal

Die große Aula ist bis auf den letzten Platz gefüllt: Die Schüler der oberen Klassen, die Eltern der Abiturienten und der gesamte Lehrkörper sind zur Abiturfeier gekommen. Uber der Bühne prangt ein Schild mit dem Text »Abitur I960«; auf der Bühne haben das Schulorchester und der Schulchor Aufstellung genommen. Unter rauschendem Applaus hat der Direktor nun Hermann auf die Bühne gebeten.

HERMANN. Ich bestand das Abitur mit einer Eins in Religion. Für diese Note, die der Beamte des Kultusministeriums durchgesetzt hatte, schämte ich mich vor den Kameraden, die in mir den Ketzer und Klassenrevoluzzer sehen wollten. Statt der Abiturrede, die ich im Namen der Kameraden halten sollte, komponierte ich ein Konzert für Klavier, Chor und das Schulorchester. Ich nahm ein Gedicht von Rilke als Vorlage. Heimlich dachte ich dabei an Klärchen, die weinte, als ich ihr diese Verse auf unserem Dachboden einmal vorlas.

Hermann hat sich kurz vor seinem Auditorium verbeugt, dann schlägt er seine Partitur auf, gibt dem Chor das Zeichen zum Aufstehen und verständigt sich mit dem ersten Geiger. Das Orchester signalisiert Bereitschaft.

Auf der Bühne steht ein Konzertflügel, an dem Hermann nun Platz nimmt. Seine Bewegungen sind fast schon professionell, jedenfalls die eines selbstsicheren Musikers. Aus den Reihen der anderen Abiturien-ten, die unterhalb der Rampe mit den Gesichtern zum Auditorium sitzen, gibt es manch bewundernden Blick für Hermann, der heute seinen großen Tag hat.

Hermanns Komposition beginnt mit einem virtuosen Klaviervorspiel, bestehend aus dramatisch-feierlichen Akkorden mit einem jubelnden Lauf über die gesamte Klaviatur. Auf dem Höhepunkt gibt Hermann jetzt dem Orchester das Zeichen, dann dem Chor. Die Mädchen der Schule (unter ihnen auch »Schnüßchen«) hören voll Bewunderung Hermanns »Canto Triumphale«.

CHORTEXT.

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff. Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff . . . Unter den Gästen der Schule sitzt auch Hermanns »Marie-Goot«. Die Patentante vertritt Hermanus Mutter, die nicht zur Abiturfeier erschie-nen ist. Die Marie-Goot ist noch wie die alten Hunsrücker Bauersfrauen gekleidet, mit schwarzem Häkeliäckchen und einer »Chenillehaube«, unter der ein Ohrverband hervorschaut. Mariegoot trägt ihre dicke Kurzsichtigenbrille. Es scheint aber, daß sie trotzdem alles sehr gut hört und sieht. Sie wendet sich stolz an ihre pikierte Nachbarin.

MARIE-GOOT. Gell, dat is en scheen Musik!

CHORTEXT.

. . . Dann ist ein Hallen von den vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß. Erst wenn es dunkelt, lassen wir dich los: Und deine kommenden Konturen dämmern. Gott, du bist groß.

Das Musikwerk ist in triumphalen Akkorden zu Ende gegangen. Sofort setzt der begeisterte Applaus ein, in dem Hermann und seine Musiker sich baden.

Schnüßchen wendet sich klatschend an ein Mädchen neben ihr. SCHNUSSCHEN. Isch han ihm dat Küssen beigebracht!

Sie ist stolz, auch an Hermanns Größe mitgebaut zu haben.

Noch einmal läBt Hermann sein Orchester aufstehen, noch einmal rauscht der Beifall empor. Draußen auf dem Gang dreht sich alles um den jungen Komponisten und seinen Auftritt.

Der Musiklehrer Schiller paBt Hermann am Ausgang ab. Er präsentiert ihm ein Abschiedsgeschenk.

MUSIKLEHRER SCHILLER. Das ist mein Geschenk an dich. Der Lehrer überreicht Hermann einen Stadtplan von München.

MUSiKLEHRER SCHILLER. Paß auf, wenn du ihn falsch faltest, fällt alles auseinander. Aber es ist der beste Stadtplan, den es von München gibt. Er paBt genau in deine Manteltasche.

Die Mitschüler applaudieren im Hintergrund weiter, verabschieden Hermann durch Zwischenrufe und lassen dem Lehrer kaum Zeit, sein Geschenk in Hermanns Manteltasche zu stecken.
 

106 Gymnasium, Ausgang

Als Hermann an das schmiedeeiserne Schultor kommt, paft ihn dort der Dechant in Mantel und Hut ab. Der Geistliche steht starr und sehr ernst da. Er versperrt Hermann den Weg.

HERMANN. Der Dechant wartete am Ausgang auf mich. In seiner Erregtheit brachte er fast keine Worte hervor. Er verlangte von mir, daß ich mich zu einem Kloster in der Eifel begebe, um dort bei Exerzitien und religiösen Ubungen »meinen Hochmuta zu überwin-den. Aber nicht Gott, sondern ich selbst hatte mir geholfen. Darauf bestand ich eisern. Gerade jetzt, mit dem Abitur und dem Applaus der ganzen Schule in der Tasche.

Erst als er im Regen wegging, bemerkte ich, daß der Gottesmann meinetwegen weinte.

Hermann hat den Umschlag, den der Dechant ihm überreichen wollte, nur kurz betrachtet. Er enthält eine Einladung zu den Exerzitien in der Eifel und Fahrkarten für die Hin- und Rückfahrt. Hermann hört sich auch die Worte des Geistlichen nicht richtig an, sondern gibt den Umschlag so definitiv zurück, daß der Dechant resigniert weggeht.

Noch lange sieht Hermann hinter dem schwarzgekleideten Mann her, der mit seinem Regenschirm in den naßkalten Tag hinausgeht.
 

107 Haus Simon, Dorfrand Schabbach

Es ist früh am Morgen. In dem schieferbeschlagenen Hunsrückhaus brennt noch Licht, als Hermann aus der Haustür kommt und sich sein Gepäck zurechtstellt: ein unhandlicher Reisekoffer, ein Matchsack, aus dem oben Hermanns Partiturrolle herausragt, die Gitarre in ihrem schwarzen Kunststoffkasten. Den Matchsack wirft Hermann sich über die Schulter, er packt Koffer und Gitarre und macht sich entschlossen auf den Weg, zuerst über den Hühnerhof, dann an der Schmiede des Großvaters vorbei zur Dorfstraße. Hier begegnet ihm der alte Nachbar, der mit seinem Stock auf das Haus deutet.

NACHBAR. Hermännchen, wo ist denn dei Mutter?

HERMANN. In der Küch.

NACHBAR. Ei, dann geh ich mal rein und »meie« noch ein bißchen.

Hermann geht eilig weiter, biegt links um die Ecke, auf die Straße, die zum Dorf hinausführt. Diesen Weg haben alle Schabbacher genommen, wenn sie ihrer Heimat den Rücken kehrten.

HERMANN. Als ich am 2. September I960 Schabbach für immer verließ, hatte ich seit fast zwei Jahren nichts mehr von meinem Klärchen gehört. Ich ging - und war eiskalt in der Seele.

Ich wollte nach München. Das war für mich die Stadt der Künste, die heimliche Hauptstadt mit ihren tausend Farben in den Nächten. Mit Konzerten, Premieren, Museen und Galerien, Künstlerkneipen, Film-studios und Schwabinger Cafes, Mansarden und Ateliers. Ich hatte beschlossen, mich nicht noch einmal umzudrehen. Ich fühlte, daß die Freiheit auf mich wartete. Endlich entschied ich allein, was gut war oder böse, was schön, was erlaubt sein mußte - was vielleicht verboten war.

Ich wurde zum zweiten Mal geboren, diesmal nicht aus meiner Mutter, sondern aus meinem eigenen Kopf. Ich zog aus, suchte »meine zweite Heimat«.

Als Hermann den Dorfausgang erreicht, wartet dort schon der Bus neben dem Schabbacher Ortsschild. Hermann muß einer kleinen Schaf-herde ausweichen, die mitten auf der Straße angetrottet kommt. Der Busfahrer scheint unendlich Zeit zu haben, er liest seine Zeitung und läft sich von seinem einzigen Fahrgast nicht aus der Ruhe bringen. Hermann setzt sich mitten in den Bus und blickt, umgeben von seinem Gepäck, entschlossen geradeaus.

Endlich setzt sich der Bus Schabbach-Simmern in Bewegung. Zuerst entschwindet das gelbe Ortsschild, dann die Schafherde und zuletzt, in aufwirbelndem Staub, die vertraute Dorfsilhouette.
 

108 Schnellzug, Rheintal

Der silberfarbene Schnellzug rast auf der linken Rheinseite nach Süden. Hermann hat einen Fensterplatz und betrachtet nachdenklich das schöne Rheintal. Gerade geht es an Sankt Goar vorbei - auf der gegenüberliegenden Seite liegt Kaub, der Ort, in dem er einst sein Klärchen getroffen hat, im Rhein jetzt die »Pfalz«, Schiffe, Hermanns Spiegelbild in der Scheibe: Hermann reist in ein neues Leben.

Aus der Tiefe des Abteils vernimmt er jetzt die laute Angeberstimme eines Mitreisenden, der Vorträge über das Reiseziel München hält. Es ist Herr Edel, ein Mittfünfziger mit grauer Künstlermähne, der auf Her-mann und die anderen Studententypen im Abteil einredet. Herr Edel hat das Gesicht eines ungeschminkten Clowns.

EDEL. Männer und ihre Freunde machen Geschichte. Man könnte die ganze Geschichte umschreiben: Nicht große Persönlichkeiten machen Geschichte, auch nicht soziale Bewegungen, auch nicht ideologische Konzepte. Nein, Männer und ihre Freunde machen Geschichte. Wie war es denn bei Julius Cäsar? Erst als der Freundes-kreis um ihn zerfiel, da waren die kreativen Jahre zu Ende. Dann wurde es klassisch! Denken Sie doch mal an Goethe, an Schubert, an Hegel. Denken Sie an George und die anderen Münchner Figuren, an Mann, Brecht, Feuchtwanger, Steiner. Erst später wurden sie Klassi-ker, weil sie einen Tiefen-Bonus bekamen.

Herr Edel wartet die Wirkung seiner in gepflegtem Bayerisch vorgetra-genen Worte mit einem eitlen Grinsen ab. Hermann, der zuerst ein wenig genervt war, grinst zurück.

HERMANN. Wat? Tiefen-Bonus?

Herr Edel genießt seine Wortschöpfung. Dann wendet er sich an die Studentin zu seiner Rechten.

EDEL. Haben Sie Sendungsbewußtsein, Kollegin? Das ist ganz entschei-dend. Und unterschätzen Sie mir ja nicht die Schwabinger Cafes! Dort wächst das Sendungsbewußtsein. Das ist das, was die Leute zusam-menhält. Und natürlich ihre Unfertigkeit. Ihre Suche nach Leben, nach Sinn, nach Ziel. Bin ich Ihnen etwa zu schnell?

Die Studentin versucht zu lächeln. Herr Edel rückt ihr entschieden zu nah auf das Fell. Hermann beobachtet die Situation. Er lächelt der Studentin aufmunternd zu. Nun lenkt Edel ab. Er trällert ein Liedchen.

EDEL. »Unter der roten Laterne von St. Pauli, da wirst am Tag meiner Heimkehr einst stehn . . . «

Edels Blick entdeckt Hermanns Gitarre, die oben im Gepäcknetz liegt.

EDEL. Welches Instrument spielen Sie?

HERMANN. Gitarre. Und Klavier natürlich.

EDEL. Klassisch? (Hermann nickt.) Wenn Sie sich der Avantgarde zugehörig fühlen, dann muß ich Ihnen etwas sagen. Das einzige, was ich tun würde, wäre, die Avantgarde zu verlangsamen. Sie ist nämlich viel, viel zu schnell. Und noch etwas: Der erste von Ihnen, der ideologiefrei wird, der erste von Ihnen, der das schafft, der wird Karriere machen. Das glauben Sie mir natürlich heute nicht. Aber in ein paar Jahren. Wenn Sie dreißig sind, dann werden Sie mir alle zustimmen.

HERMANN. Ich kann mir nicht vorstellen, älter als dreifig zu werden.

EDEL. Sind SieJesus?

HERMANN. Nein! Aber wenn Jesus fünfzig geworden wäre, dann wäre seine Religion nur eine Jugendsünde gewesen und sonst gar nichts.

Draußen zieht jetzt flachere Landschaft vorbei - ein undefinierbares Deutschland, durch Geschwindigkeit verzerrt.
 

109 Hauptbahnhof München

Die Gleisanlagen zwischen dem Vorort Pasing und dem Münchner Hauptbahnhof sind ein Anblick wahrhaft großstädtischer Dimensio-nen, wie sie Hermann noch nie gesehen hat. Schnellzüge, internationale Expreßlinien, Vorortbahnen, Güterzüge und ein die Sinne verwirrendes Geflecht von Signalen, Oberleitungen, Schienen und Weichen. Der Zug, mit dem Hermann ankommt, reiht sich in die Schar anderer Züge ein und kommt an einem der Bahnsteige zum Halten.

Hermanns Füße betreten Münchner Boden, ein fast feierlicher Augen-blick. Es folgen die Gitarre, der Matchsack mit der Partiturrolle, der Koffer, der so schwer ist, daß Hermann ihn kurz abstellen muß, bevor er, alles um sich herum betrachtend, weitergeht. Hermann kommt nur langsam voran, so daß Edel ihn überholen kann. Hermanns Blick fällt nun auf Edels Handgepäck: eine alte Aktentasche in der einen Hand, ein Einkaufsnetz in der anderen mit einem Blumenkohl darin.

Edel spürt Hermanns Blicke in seinem Rücken. Er dreht sich um.

EDEL. Den Blumenkohl habe ich in Sigmaringen gekauft, ein Sonderan-gebot. In München ist er doppelt so teuer oder noch teurer. Ich kaufe mir meine Lebensmittel immer auf dem Lande. Eine Uberlebensstra-tegie. Kennen Sie eigentlich »Blumenkohl polnisch« ?

HERMANN. Nein.

EDEL. Eine der gröften Erfindungen der Menschheit. Den mache ich mir heute abend mit viel Speck! Das schmeckt! Wissen Sie, München ist wie ein goldener Sattel auf einer dürren Mähre. Als Altbayer kenne ich mich aus. Tiefste Provinz, das Mittelalter. Sind Sie neu hier?

HERMANN. Ja, aber ich han en Stadtplan.

EDEL. Im Vertrauen unter uns Empfindsamen: Hier in München leben die schönsten Frauen der westlichen Hemisphäre, ein ewiger Rausch der Sinne, ein Delirium. Also, viel Glück, Jesus!

Edel hat Hermann mit einem zweideutigen Grinsen entlassen. Der Weg führt an dem Zug entlang, durch den hektischen Bahnsteigbetrieb, bis Hermann nun die Bahnhofshalle erreicht. Hier wird er von Zeitungsver-käufern empfangen, deren Geschrei die ganze Halle füllt: »Wieder Gold für Deutschland! « »Armin Hary, der schnellste Mann der Welt! « Es ist die Zeit der Olympischen Spiele 1960. Die Abendgeitung findet reißen-den Absatz.

An der großen Glastür, die das Bahnhofsgebäude von der Stadt trennt, hält Hermann kurz inne: Das also ist München.
 

110 Straßen in Bahnhofsnähe

Hermann, immer noch mit Koffer, Gitarre, Matchsack und Papprolle beladen, quält sich die engen Trottoirs entlang und behindert die Passanten. Er kommt an zwei Nachtbars vorbei, sieht die in Vitrinen ausgestellten Fotos von Stripteasetänzerinnen. Brüste und Schamhaar sind mit goldenen Papiersternchen beklebt. Hermann traut sich kaum hinzusehen und kann doch den Blick nicht wenden von diesen aufrei-zenden Bildern. Dabei übersieht er einen Mülleimer, stolpert darnber und verliert seine Partiturrolle, die exakt vor die Füße einer Hure rollt, die in einem Hauseingang steht. Ein Bayer in Strickjacke, der mit einem Biertragerl daherkommt, gerät in Wut, beschimpft Hermann mit den unflätigsten bayerischen Schimpfwörtern, so daß Hermann sich beeilt, die Partiturrolle unter dem Schuh der Nutte hervorzuholen und schnell weiterzugehen. Hermann überquert die Straße. Er windet sich durch den Verkehr. Jetzt ist er in der Häberlstraße angekommen. Das Haus Nr. zo ist eins der wenigen Jugendstilhäuser, die den Krieg überdauert haben, eine ein-drucksvolle Großstadtfassade, wenn auch verwahrlost.
 

111 Kanzlei Bretschneider

»DR. ALOIS BRETSCHNEIDER, RECHTSANWALT« steht auf einem Messingschild, das im Treppenhaus auf die Kanzlei des Studienfreundes von Herrn Schiller hinweist. Eine Adresse, die Hermann aus dem Hunsrück mitgebracht hat.

Renate, eine rundliche kleine Schwäbin, öffnet gerade die Eingangstüre, um einen Klienten des Anwalts zu verabschieden. So steht sie ganz plötzlich vor Hermann, der vom Treppensteigen verschnaufen möchte, nun aber, ganz überrumpelt, verlegen grüßt.

HERMANN. Ich wollt zum Dr. Bretschneider. Ich han hier einen Brief von meinem Lehrer, dem Musiklehrer Schiller aus Simmern, mit einer Empfehlung.

RENATE (schwäbisch). Ja, dann kommet Sie mal mit rein. Wo stellen wir denn jetzt das viele Gepäck hin? Fasset Sie mal mit an. So, jetzt müssen wir mal die Tür zumachen.

Renate ist offensichtlich eine sehr unkomplizierte Person. Sie packt Hermanus Gepäck, wuchtet es so schnell in die Diele, daß Hermann, mit seinem Empfehlungsschreiben in der Hand und seinem Provinztempo kaum noch mitkommt. Dr. Bretschneider kommt gerade von der Toilette. Die Klopapierrolle und das Handtuch hält er noch in der Hand, als er Hermann gegenüber-tritt. Hermanns Koffer steht ihm im Weg.

DR.BRETSCHNElDER. Renate?

Hermann nickt verlegen einen Gruß. Renate kommt auf ihren Stöckel- schuhen mehr getaumelt als gerannt. Sie räumt dem Anwalt den Koffer aus dem Weg. Als Bretschneider Hermann begrüßen will, faBt er sich plötzlich in die Seite.

DR.BRETSCHNEIDER. Au, mich sticht s da immer, ich weiß nicht, was das ist.

HERMANN. Guten Tag.

DR.BRETSCHNElDER. Grüß Gott! Wer ist denn das?

Hermann nimmt nicht an, daß der ungekämmte Mann mit der Klo- papierrolle der Herr Doktor sein könnte. Er bleibt deswegen ganz förmlich.

HERMANN. Simon . . . Hermann Simon . . . Ich hab da einen Brief für den Herr Dr. Bretschneider. Der ist von meinem Lehrer, dem Musiklehrer Schiller aus Simmern.

Bretschneider hat den Empfehlungsbrief einfach genommen, geöffnet und sich damit in sein Arbeitszimmer verzogen. Die Kanzlei ist eher eine muffige Junggesellenwohnung als ein Büro. Es gibt eine Schlafcouch und sogar ein Klavier. Renate stöbert geschäftig in einer Registratur, Hermann steht schüchtern in der Verbindungstür und wartet. DR.BRETSCHNEIDER. Ja, wie stellt der sich das denn vor, der Schiller Karl aus dem Hunsrück? München - Wohnungsnot. Studentenzimmer ist eine Mangelware!

RENATE.I8000 Studente allein an der Uni - net?! Hermann bleibt in der Tür stehen und wartet, bis der Anwalt, der sich auf sein Sofa gesetzt hat, die Brieflektüre unterbricht.

DR.BRETSCHNEIDER. Was, Musik studieren Sie auch noch? Womöglich Posaune! Da brauchen Sie ein Zimmer mit doppelten Wanden!

HERMANN. Nää! Ich spiele Gitarre und Klavier.

Jetzt hat sich Hermann näher gewagt. Bretschneider vertieft sich wieder in Schillers Brief. Die Erinnerungen überkommen ihn bei der Lektüre.

DR.BRETSCHNElDER (liest). »Noch oft muß ich an unsere schöne Zeit in

Innsbruck denken. Das war die beste Zeit unseres Lebens damals vor dem Krieg. Dein alter Freund Karl Schiller. « Na ja, wir haben beide in Innsbruck studiert, i Juristerei, er Komposi-tion. Das gleiche Madl ham wir gehabt - er hat's kriegt, i hab's geheiratet. Na ja, nach dem Krieg bin i dann zurückkomma aus der Gefangenschaft im November 47. Da war's weg, die Paula, mit einem Ktaftfahrer. Der ist auch nie zu Hause. Tja, da hab ich's nicht mehr ausgehalten in Innsbruck - seitdem bin i in München. Bretschneider hat während seines kleinen Lebensberichts mehrmals den Blickkontakt mit Renate gesucht, die aber offenbar Gefallen an Her-mann findet und ihn verführerisch anlächelt. Sie führt Hermann ins Nebenzimmer und beugt sich vertrauensvoll zu seinem Ohr.

RENATE. Dr. Bretschneider ist ein ganz berühmter Strafrechtler. Das ist schon 'ne Referenz, bei ihm zu arbeiten!

HERMANN. Studieren Sie Jura ?

RENATE. Im dritten Semester.

Hermann hat beobachtet, daß Dr. Bretschneider, den Schillers Brief wohl etwas aufgewühlt hat, zu seinem Aktenschrank geht und ein heimliches Schnapsfläschchen hervorholt, es entkorkt und seinen Inhalt hinunterkippt: die Rituale eines Alkoholikers. Renate lenkt Hermann von diesem Einblick in das Anwaltsleben ab. Sie deutet auf die Balkontüre, die sie öffnet, damit Hermann besser sehen kann, was sie meint.

RENATE. Sie, da fällt mir grad was ein! Sehen Sie da unten auf der anderen Seite das Geschäftle, wo »Lederreparatur und Laufmaschen-annahme« drauf steht?

HERMANN. Nä, wo?

RENATE. Augenblickle - sehen Sie da unten. Da im Schaufenster, da sind doch so kleine Zettel. Da haben andere Studenten Aushänge ge-macht, die Zimmer suchen. Vielleicht sollten Sie da mal hingehen.

HERMANN. Dat is ne gute Idee, das mache ich auch. Ist das da hinten die Frauenkirche?

RENATE. Ja.

Draußen regnet es in Strömen. Hermann sieht zum ersten Mal Mün-chens Dächer und das fremde Panorama.
 

112 Geschäft Moretti

Hermann hatte Renates Süddeutsche Zeitung als Regenschutz über den Kopf gehalten, rasch die verkehrsreiche Straße überquert und die kleine Täschnerei leidlich trocken erreicht. Er betritt das Geschäft durch eine bimmelnde Glastür, grüßt flüchtig und sieht sich um. In dem Laden sind zwei Frauen. Die eine ist klein und schwächlich. Sie sitzt im Hintergrund auf einem Werktisch und näht an einem Lederläppchen. Die andere, eine kugelrunde Matrone mit Häkelstola, Ohrringen und großen Au-gen, steht hinter der Ladentheke. Sie spricht Hermann mit starkem österreichisch-ungarischen Akzent an.

MORETTI. Da dürfen S' ruhig abwarten, junger Mann. Diese ewigen Unwetter, sie machen einem das Leben schwer in dieser Stadt. »Millionendorf«, das sagt man zu Recht über München.

HERMANN. Ich wollte fragen, ob ich auch so einen Zettel ins Fenster hängen darf.

MORETTR Oh, diese Hoffnungen!

TÄSCHNERIN. Schon wieder einer!

MORETTI. Aber wenn Sie wollen?

Hermann geht an die Ladentheke und beugt sich über den Zettel, den die dicke Ungarin ihm vorlegt. Er beginnt, seinen Zimmerwunsch zu formulieren. Die Moretti beobachtet ihn, liest ungeniert mit, was Hermann da schreibt.

MORETTT. Was tun Sie denn studieren?

HERMANN. Musik.

MORETTI. Ein Musiker! Ein Kinstler! No, das habe ich doch gelesen in Ihren traurigen Augen. Ich lebe für die Musik! Was spielen Sie denn? Piano, Violine? Sie müssen mir sagen: Was studieren Sie für ein Instrument?

Die Moretti ist munter geworden. Sie richtet sich vor Hermann auf und zeigt plötzlich riesiges Interesse.

HERMANN. Ich studiere Klavier und Gitarre, ich möchte auf die Musik-hochschule und dort Komposition studieren.

MORETTi. Komposition?

TÄSCHNERIN. Ja, wunderbar!

MORETTI. Ist Ihnen der Kapellmeister Moretti ein Begriff, gebirtiger Italiener, in Budapest wirkend ?

HERMANN. Nein.

MORETTI. Nein? Er war mein Mann. Ein Genie!

TÄSCHNERIN. Aber ein Schuft!

MORETTI. Er hat mich verlassen vor 5 6. Er hat mich wollen zurücklassen bei den Kommunisten in Ungarn, aber da hat er sich verrechnet. Kommen Sie auf ein Schalerl Kaffee mit hinauf?

Die Moretti ist unruhig in dem winzigen Laden umhergegangen, hat sich vor Hermann aufgebläht, als wäre es das Glück ihres Lebens, daß er ihr hier gegenübersteht. Ihr Blick geht auf die regnerische Straße hinaus, und bei der Einladung, die sie gegenüber Hermann ausspricht, kommt sie regelrecht ins Träumen.

HERMANN. Aber ich muß dringend auf Zimmersuche.
 

113 Wohnung Moretti

In dem düsteren Treppenhaus geht die Moretti schwatzend voraus, klappert mit dem Schlüsselbund wie eine Puffmutter, sperrt ihre Wohnung auf und lä?t Hermann in den engen Flur eintreten.

MORETTI. Ich bin a Frohnatur! Dem verdanke ich, daß ich das alles überlebt habe. Die Flucht und diese Kinstlerehe. Treulos sind sie alle, diese Kinstler und diese Männer. Man sollte euch vergiften! Kommen Sie, junger Mann, bitte.

HERMANN. Danke.

MORETTI. Links, links herum, legen Sie ab, Sie kriegen schon was Gutes, warten Sie nur- mein Kaffee ist berühmt. Es ist in dieser Wohnung noch düsterer als unten in dem Laden. Hermann betrachtet die schwülstige Einrichtung, die großblumigen Tapeten, die unechten Teppiche und die viel zu schweren Samtvor- hänge. Die Moretti kommt mit ihrem gewaltigen Busen kaum an Hermann vorbei, als sie vorangeht und ihn in die schlauchförmige Küche führt, von wo aus man in den Salon sehen kann. So überladen und theatralisch wie dieses Wohnzimmer kann bestenfalls eine Operet- tenbühne ausgestattet sein. Sogar ein alter Flügel prangt mitten im Raum. Auch hier sind die Fenster mit Samtvorhängen dicht verhängt. Es dringt kaum Licht in dieses Kitschmuseum. Die Moretti hat begonnen, Kaffee zu kochen. Dabei beobachtet sie ihren Gast und übersieht, daß ihr Kaffeetöpfchen plötzlich überkocht. Sie stöft einen unangemessen lauten Schrei aus.

MORETTI. Kinstler verwirren mich. So a Pech! Schicksal! Glauben S' auch an das Schicksal? Bitte sehr.

Plötzlich steht die Operettenschickse mit dem fertigen Kaffee vor Her-mann. Während er trinkt und sich am heißen Gebräu den Mund ver-brennt, hat sie auf dem Flügel ungeschickt ein paar Töne angeschlagen.

MORETTn Spielen Sie mir etwas vor? Bitte, bitte - na, tun S' mir den Gefallen!

Hermann setzt sich widerstrebend ans Klavier und spielt Beethovens »Sturmsonate«. Der Flügel klingt erbärmlich. Die Moretti ist zu ihrem imitierten Marmorkamin gegangen und blättert in einem Notenheft. Nun pirscht sie sich an Hermann heran und steckt ihm das Heft aufs Notenpult. Hermann unterbricht seinen Beethoven.

HERMANN. Was ist dat denn?

MORETTI. Na, »Zigeunerliebe« von Franz Lehar!

Hermann spielt unwillig, was in dem Notenheft steht. Die Moretti ist selig. Sie geht an ihrem Kamin in Positur, bläht ihren Busen und fängt an zu singen. Hermann begleitet sie und lacht. Plötzlich ist er wieder der Hunsrücker Junge. Er vergißt, wo er ist.

MORETTI. »Hör ich Cymbalklänge, wird ums Herz mir enge, süßes Land der Muttersprache-- Heimatland.

Senfz' nach deinen Wäldern, nach den goldnen Feldern, sehnte mich nach dir, mein süßes Ungarland!

Ziehst du weit hinaus, gehst die Welt du aus -überall ist's schön, und doch am schönsten ist's zu Haus!

Macht nichts, hol's der Teufel macht nichts, ohne Zweifel kann der Mensch nicht immer traurig sein.

Liebt mein Schatz mich nimmer, find' man andre immer, schad' um jede Träne, die ich wein', will nicht ohne Küsse leben, nein, nein, keine Stunde ohne Liebsten sein.

Jai, jai hol's der Teufel, Jai, jai ohne Zweifel, kann der Mensch nicht immer traurig sein. «

Während die Moretti mit dem großen Gestus der Operettendiva das Lied schmettert, öffnet sich eine Flügeltür, die jenseits der Küche zu dem Raum führt, in dem Morettis Laufmaschen-Aufnehmerinnen arbeiten: fünf junge Mädchen, die ihre Arbeit unterbrechen und an die Durch-gangstür kommen, um der Darbietung ihrer Chefin zuzuhören.

Hermann entdeckt die jungen Damen, fängt nun erst richtig an, sich ins Zeug zu legen. Es gibt feurige Blickwechsel, was die singende Chefin zuerst auf sich bezieht. Dann aber, als sie merkt, daß Hermann für ihre Arbeiterinnen spielt, tänzelt sie zu der Werkstatt, scheucht die Mäd-chen, immer noch singend, an ihre Arbeit zurück. Auf dem Rückweg beginnt sie eine Art Volkstanz mit erotischen Andeutungen. Am Ende gibt es heftigen Applaus von den Mädchen, die ihre Arbeit natürlich nicht wiederaufgenommen haben. Die Moretti fällt Hermann kichernd um den Hals. Sie ist ganz in ihrem Element.

MORETTI.Kommen S', ich zeig'Ihnen etwas.

Sie führt Hermann durch die Wohnung, öffnet eine Tür und läßt ihn in ein schmales, unaufgeräumtes Schlafzimmer sehen.

MORETTI. Können S' sich vorstellen, hier zu wohnen? Ich geb Ihnen das Zimmer, da staunen S', was?

HERMANN. Aber hier wohnt doch jemand.

MORETTI. In vier Wochen ist das Zimmer frei. Ich habe ihm gekündigt, dem Herrn Untermieter. Jetzt ist er verschollen, aber nur zum Schein. Verstehen S' mich? Am 30. ist der Erste. Dann fliegen diese Sachen auf die Straße, dann ist es frei für Sie.

HERMANN. Sie meinen, ich kann das Zimmer mieten?

MORETTI. Sie Träumerchen! No, sag ich doch die ganze Zeit! Habe ich mir schon immer Mieter gewinscht, der was von Kunst versteht. Macht nichts, wenn Sie üben. Müssen Sie doch, oder? Jeden Tag üben, sechs Stunden üben. Hat auch der Moretti getan, mein gottseli-ger Mann, der Schuft.

Hermann ist überwältigt. Immer wieder suchen seine Augen die vielen jungen Mädchen, die hinter den verschiedenen Türen zu arbeiten scheinen. Immer wieder sieht er das angebotene Zimmerchen an, und er verliert völlig seine Schüchternheit. Die Moretti steht bei ihrem Angebot sehr nah vor ihm. Mit dem Arm, mit dem sie sich zum Schein abstützt, versperrt sie Hermann den Weg. Sie versucht, ihm in die Augen zu schauen.

MORETTI. Junge, du bist a Genie. Das habe ich in deinen Augen gelesen. No, tue ich wenigstens ein gutes Werk. Wird eines Tages unten an der Mauer ein Schild stehen: »Hier hat gewohnt der berihmte Komposi-teur . . . «

Wie heißen S' denn eigentlich?

HERMANN. Hermann Simon.

Hermann gibt ihr die Hand, stellt sich vor und macht sich auf den Weg.

MORETTI. Ein Name, den man wird sich merken müssen!

HERMANN. Ich bin gleich wieder da.

Als Hermann durch den kleinen Laden auf die Straße hastet, kann die kleine Täschnerin kaum verstehen, was passiert ist. Verständnislos sieht sie hinter ihm her.

114 Kanzlei Bretschneider

Renate öffnet Hermann die Tür. Er steht, vom Regen benetzt, aber glücklich vor ihr und gibt sofort seine Neuigkeit zum besten.

HERMANN. Ich hab ein Zimmer! Die Frau gegenüber, die hat een Untermieter, und der zieht am nächsten Ersten aus, da kann ich einziehen!

RENATE. Net zu fassen! Als ob ich eine Ahnung gehabt hätt.

Renate führt Hermann in das Anwaltsbüro, wo Bretschneider mit seiner Sekretärin, Frau Krause, am Klavier sitzt und einzelne Akkorde aus Hermanns »Canto Triumphale« probiert. Seine Partitur steht aufgerollt auf dem Notenständer.

DR. BRETSCHNEIDER. Seien Sie nachsichtig, Herr Simon, wir haben mal einen Blick in Ihre Notenrolle geworfen. Sagen Sie, was ist das für eine Tonart? Wir haben da eine Wette laufen. Ich sage: C-Dur, die gnädigste Frau Krause sagt. . .

FRAU KRAUSE. A-Moll.

DR.BRETSCHNEIDER. Moll, ja.

HERMANN. Ja, also, dat is weder noch, dat is ein freies Stück - atonal.

FRAU KRAUSE. Ach so.

DR.BRETSCHNEIDER. Ja, da haben wir uns ja beide geirrt. Alle Achtung, das haben Sie selbst geschrieben? A1SO7 das könnte ich nicht. Das habe ich schon beim Karli immer bewundert, daß er immer die Noten hinschreibt, als wann's nix wär. Ihr seid schon ein komisches Volk, ihr Musiker. Was ist denn das, ein Choral oder eine Sinfonie? Was ist denn das für ein Stück?

HERMANN. Das ist meine Bewerbungsarbeit für die Aufnahmeprüfung in der Musikhochschule.

DR.BRETSCHNEIDER. Ach ja, richtig!

Hermann hat Angst um seine Partitur und nimmt sie wieder an sich.

HERMANN. Vorsicht, Vorsicht! Das ist nämlich morgen!

DR. BRETSCHNElDER. Morgen schon? Ja, da muß man ja Hals- und Beinbruch wünschen.

HERMANN. Danke.

DR.BRETSCHNEIDER. Ja, da muß man spucken. Ja? Gelt? Kommen S !

Während Hermann seine Notenrolle einpackt, hat Renate ihre Adresse auf einen Zettel geschrieben und pirscht sich nun an Hermann heran, um ihm den Zettel in die Manteltasche zu stecken.

DR.BRETSCHNEIDER. Renate, was machen S denn da?

HERMANN. Wiederschau'n, Herr Dr. Bretschneider, vielen Dank! Wiederschau'n, Frau Krause.

FRAU KRAUSE. Alles Gute! Alles Gute!

Renate folgt Hermann ins Nebenzimmer, wo noch sein Gitarrenkoffer steht. Sie spricht ihn ganz unbefangen an.

RENATE. Wisser Sie denn schon, wo Sie schlafe könnet? |

HERMANN. Na. Aber ich bin ja erst seit zweieinhalb Stunden in Mün-chen.

RENATE. Ich hab Ihnen nämlich meine Adresse da in die Manteltasche gesteckt. Sie dürfen bloß net klingeln, wenn Sie zu mir kommen. Ich hab nämlich eine Wirtin, die ist nicht so nett, wie sie sein könnt. Die tät mir eine Szene machen. Aber wenn Sie einen Stein nehmen und an das Fenster werfen, wo noch Licht brennt, dann komm ich runter. Also, wie gesagt, falls Sie nicht wissen sollten, wo Sie schla-fen können. . .

Hermann weiß nicht, was er antworten soll.
 

115 Laden Moretti

Schwer mit seinem Gepäck beladen, überquert Hermann zum vierten Mal die Häberlstraße und betritt den Täschnerladen. Er hat nun gar Laden. Moretti Schwer mit seinem Gepäck beladen, überquert Hermann zum vierten Mal die Häberlstraße und betritt den Täschnerladen. Er hat nun gar keine Scheu mehr, benimmt sich, als wäre er hier schon zu Hause.

HERMANN. So, da bin ich wieder!

TÄSCHNERIN. Hallo, Musikus—mit soviel Gepäck!
 

116 Dachboden Moretti

MORETTI. Den Koffer bringen wir auf den Speicher. Dort ist er sicherer. Der geräumige Altbauspeicher hängt voll mit Wäsche. Hermann hat Mühe, der Moretti zu folgen, weil er sie hinter den zum Trocknen aufgehängten Bettlaken immer wieder verliert. Nur ihre Schritte und ihre Stimme führen ihn in diesem geheimnisvollen Labyrinth von weißen Tüchern zum Ziel. Plötzlich steht die dicke Frau wieder vor Her-mann und streckt ihm einen Schlüssel entgegen, der an einer alten Garn-rolle befestigt ist.

MORETTT. Den Schlüssel können Sie behalten, bis Sie wiederkommen am Ersten.

Hermann stellt seine Koffer ab. Neben ihm befindet sich ein Lattenver-schlag, dessen Tür offensteht. Hier verstaut er seinen Koffer. Er sperrt den Verschlag mit seinem eigenen Schlüssel ab.

HERMANN. Dat Geld habe ich auch schon.

MORETTI. Seien Sie vorsichtig mit Geld! Ich sage immer, die Welt ist schlecht. Alle Schlechtigkeit der Welt kommt vom Geld. Wir wohnen in einem bösen Viertel. Die Menschen sind schlecht.

Die Moretti geht hinter der Wäsche auf und ab. Hermann sieht nur ihren Schatten auf der Wäsche.

MORETTI. Wenn Sie wüßten, wie ich in Ungarn gelebt habe. Ein Schloß ist nix. Sehr nobel, mit Extraeingang für Personal.

Hermann findet Morettis ausgestreckte Hand zwischen den Wäsche-stücken. Er drückt ihr seine Anzahlung, einen Fünfzigmarkschein, zwischen die Finger. Diese verschwinden mit dem Geld wieder hinter den Tüchern. Jetzt geht Morettis Schatten wieder auf und ab vor ihm. Ihre Hand ergreift plötzlich seine Hand und betastet sie.

MORETTI. Geben Sie mir Ihre Hand. Es wird dunkel. Da fürcht ich mich. Oh, ein feines Kinstlerhändchen. Gitarrenfinger. Kenn ich mich doch aus mit Musikern.

Hermann fühlt sich sehr unbehaglich allein mit dieser Frau. Er gibt sich betont sachlich.

HERMANN. Ich freue mich, dat dat geklappt hat.

MORETTI. Sehen Sie, alles verdanken Sie der Musik!

Die Moretti fügt diesem Satz ein derart überwältigendes Lachen hinzu, daß Hermann unwillkürlich mit einstimmt.
 

117 Odeonsplatz

Über den Odeonsplatz fließt das milde Licht eines zu Ende gehenden Spätsommertages. Vor dem Cafe Annast sitzen die Menschen noch im Freien und genießen den Abend. Auch Hermann, der diese schöne Abendkulisse durchwandert, hätte Lust, etwas zu essen. Er studiert die Speisekarte des feinen Cafes und schüttelt den Kopf.

HERMANN. Cordon Bleue - IZ Mark 50! Die haben se net mehr alle!

Unter den Annast-Arkaden betritt Hermann nun den Hofgarten. Hier hat die Nacht schon Einzug gehalten. Bei Kerzenlicht sitzen die Münch-ner an den Tischen im Freien und essen und trinken. Herr Edel ist einer dieser Abendgäste. Er hat sein Netz mit dem Blumenkohl auf den Tisch gelegt und spricht eine Dame im mittleren Alter an.

EDEL Das ist eine der begnadeten Nächte. Dieser milde Duft von Sommer, das zarte Parfum der Frauen, und schon der Herbst! Für mich als ungläubigen Katholik ist so was ein Sakrament. Wie sehen Sie das, schöne Nachbarin?

Hermann hat seine Reisobekanntschaft vom Vormittag erkannt. Er grüßt vorbeigehend von weitem. Edel spricht ihn ebenso an wie die Dame am Nebentisch. Er monologisiert.

HERMANN. Guten Abend!

EDEL. Jesus, hallo! Kennen Sie eigentlich die Novelle von Thomas Mann, »Gladius dei super terram cito et velociter« - Das Schwert Gottes leuchtet auch über München, der Stadt der Lebensfreude?

Hermann geht ziellos durch den Hofgarten. Er findet eine Bank, auf der er sich ausruht. Nach einer Weile holt er aus seinem Matchsack das Butterbrot, das ihm seine Mutter vor der Abreise gemacht hat. Hungrig beginnt er das Brot zu essen. Es ist sein einziges Abendessen.

HERMANN. Es war Nacht geworden in München, und ich hatte nichts im Magen. Ich wußte auch noch nicht, wo ich schlafen sollte. So lange war ich in den fremden Straßen umhergelaufen, daß ich jetzt nicht mehr wußte, wo ich mich befand. Alles war unermeßlich groß. War ich heute früh noch in Schabbach gewesen? Ich spürte, daß ich einen weiten Weg angetreten hatte. Mir war kalt. Aber der Himmel über München hing voller Geigen. »Sehen Sie, junger Mann, das alles verdanken Sie der Musik. « Kaum zu glauben . . .

Tatsächlich hängt der Himmel über München, so wie Hermanns Augen ihn jetzt sehen, voller Geigen. Erst das laute Schnarchen eines Stadtstrei-chers auf der Nachbarbank schreckt Hermann aus seinen Träumen auf.
 

118 Vor Haus Renate

Das Hinterhaus, in dem die Jurastudentin Renate wohnt, erreicht man von der Häberlstraße aus durch eine dunkle Toreinfahrt. Mondlicht läft dieses Mülltonnen- und Hinterhofidyll fremd und unwirklich erscheinen. Hermann entdeckt Renates Fenster im ersten Stock; es ist das einzige noch erleuchtete Fenster. Er läft seinen Matchsack, die Partiturrolle und den Gitarrenkoffer zu Boden gleiten und sucht ein Steinchen, das er geschickt gegen Renates Scheibe wirft. Es dauert nicht lange, bis die Schwäbin das Fenster öffnet und Hermann erkennt.

RENATE. Pssst! Ich schmeiß Ihnen den Schlüssel runter!

Renate hat den Schlüsselbund in einen alten Wollhandschuh gesteckt, damit er beim Aufschlagen auf dem Hofpflaster nicht so großen Lärm verursacht.
 

119 Zimmer Renate

Der Flur, durch den Renate Hermann zu ihrem Untermietzimmer führt, hat die schäbige Enge der fünfziger Jahre mit alten Aufputzleitungen, Strom- und Gaszähler, Schrubber und Putzeimer und nackter Neon-röhre. Eine Münchner Kleinbürgerwohnung Renate trägt einen rosa Bademantel und Pantoffeln. Sie gibt sich große Mühe, kein Geräusch zu machen, das die Wirtin hören könnte. Her-mann beeilt sich, in das Zimmer zu gelangen, wo er erst einmal in Sicherheit ist. Renate betrachtet nachdenklich ihren späten Gast.

RENATE. Wenn Sie noch aufs Klo müssen, dann tun Sie das besser jetzt gleich. Die Wirtin scheint nämlich noch am Fernseher zu hocken, da hört sie nix.

Hermann hat gerade seine Gitarre abgestellt. Er ist noch nicht dazu gekommen, sich zu orientieren.

HERMANN. Wo ist denn das Klo?

RENATE. Gleich links neben der Tür. Aber leise!

Hermann zieht seinen Mantel aus, während Renate eine Rolle Toilet-tenpapier aus dem Regal holt und Hermann in die Hand drückt.

HERMANN. Dat brauch ich gar net.

Bevor sie Hermann hinausläft in den Flur, überzeugt sie sich, daß die Wirtin wirklich nichts bemerkt hat. Renate ist nun allein. Sie überlegt, wie sie die Nacht mit ihrem Gast regelt. Das Zimmer ist überfüllt mit den Möbeln der Wirtin und Renates Hausrat. Eine Waschecke, eine primitive Duschkabine, eine Kochecke, eine alte Spiegelkommode, ein schmales Bett, ein Tischchen mit Büchern, Schreibutensilien, eine wack-lige Stehlampe, ein mit Kleidern vollgepacktes Sesselchen, ein Schrank, an dem man fast nicht vorbeikommt. Auf dem Fußboden ist kaum noch Platz für die Luftmatratze, die Renate nun ausrollt und, nach kurzem Uberlegen, direkt neben ihrem Bett plaziert.

Hermann sieht sich während des Pinkelns die enge Toilette an. Uber ihm kommen die Rohrleitungen aus dem Stockwerk darüber aus der Wand, der alte Spülkasten rauscht, die fremden Handtücher müffeln neben ihm an der Stange.

HERMANN, Es rauschte und gluckerte aus den Toilettenabflüssen über mir. Hinter den Wänden und auch durch den Fußboden spürte ich die Nähe der fremden Menschen, der rotzenden, hustenden, schimpfen-den, schnarchenden Existenzen. Das war also auch die Großstadt, von der ich geträumt hatte.

Renate hat die Luftmatratze mit dem Mund aufgeblasen und für Hermann zurechtgerückt. Als Hermann nun das Zimmer wieder betritt, eilt sie ihm aufgeregt entgegen.

RENATE. Habet Sie auch die Klobrille wieder runtergeklappt?

Renate läft Hermann erst gar nicht wieder das sichere Zimmer verlas-sen. Sie geht schnell selbst nachsehen. Nun ist Hermann allein in Renates Zimmer. Er sieht sich alles genau an, entdeckt auch die Luftmatratze neben Renates aufgedecktem Bett. Er geht unruhig umher, weiß nicht, was er nun tun soll.

HERMANN. Ich war allein mit einer fremden Frau. Eigentlich fand ich sie hoßlich, und ihren Dialekt mochte ich auch nicht. Dennoch ergriff mich eine abenteuerliche Unruhe. Ich spürte mit allen Sinnen, daß sie eine Frau war.

Als er in seinem Matchsack kramt, um seinen Schlafanzug herauszuho-len, spürt Hermann etwas Fremdes in seinem Rücken. Er sieht sich um. Da ist er wieder: sein Rücken im Spiegelbild! Er starrt in Renates Spiegel, der ihn an sein Hunsrücker Gelübde erinnert.

Renate kommt zurück. Sie ist jetzt zufrieden.

RENATE. Da muß man höllisch aufpassen. Die merkt an allem, daß ein Mann im Haus gewesen ist. Natürlich haben Sie die Klobrille verges-sen. So, jetzt ziehen Sie sich aus, das Bett ist gleich fertig.

Hermann beginnt, sich die Schuhe auszuziehen, während Renate das Bett auf der Luftmatratze zurechtmacht. Hermann ist nun doch ein wenig ängstlich. Er vermeidet es, Renate direkt anzusehen. Er wendet sich ab, als sie zu ihrer Spiegelkommode geht, um sich dort sorgfältig zu frisieren und mit Kölnisch Wasser zu besprühen.

HERMANN. Vor meinem zwölften Lebensjahr hatte ich niemals außer-halb meines Elternhauses geschlafen. Lange noch war ich davon überzeugt, daß ich in einem fremden Bett nicht würde einschlafen können. Daran hatte mich meine Mutter vor der Abreise erinnert. Sie wollte mir unbedingt mein Plumeuu und mein Kopthissen mitgeben. Sie hatte schon begonnen, ein dickes Paket daraus zu schnüren. Aber ich hatte es abgelehnt, meine Schlafgewohnheiten aus der Kinderzeit mit mir herumzuschleppen. Auch alle anderen Hiltsangebote und guten Ratschläge meiner Familie hatte ich zurückgewiesen.

Hermann hat gerade mal seine Jacke ausgezogen, als Renate sich vom Spiegel erhebt, auf ihn zugeht und ihn an ihrer Brust riechen läBt. Hermann schnuppert den Parfümduft.

HERMANN. Riecht gut!

Plötzlich pocht jemand gegen die Wand. Hermann erschrickt und versteckt sich schnell hinter Renates Schrank. Renate beruhigt ihn aber sofort.

RENATE. Ach Sie, das ist doch nichts! Das ist nur der Herr Ulbricht von nebenan, der macht das jeden Abend. Und jetzt mache ich die Lichter aus.

Renate versucht unbefangen zu sein. Sie steigt auf ihr Bett und läBt demonstrativ den rosa Bademantel fallen. Als sie unter ihre Decke schlüpft, trägt sie nur noch ihren Slip. Das macht Hermann Mut, Krawatte, Hemd und schließlich auch die Hose auszuziehen.

HERMANN. Renates Luftmatratze erinnerte mich an die Jugendherberge während eines Klassenausfluges. Ich hatte damals die halbe Nacht wachgelegen und über meine innere Einsamkeit nachgedacht. Jetzt hatte ich Herzklopfen.

RENATE. Könnet Sie das Licht da am Schreibtisch auch noch ausma-chen?

HERMANN. Ja. Wie heißt das Stadtviertel hier?

RENATE. Da fraget Sie mich zuviel. Der Goetheplatz ist in der Nähe.

Hermann lenkt das Gespräch auf neutrale Themen, während er nun auch in sein Bodenbett schlüpft.

HERMANN. Ich muß doch lernen, mich in München auszukennen. Ich war heute schon im Hofgarten. Ist da nicht Schwabing in der Nähe?

RENATE. Nicht direkt. Ich bin schon eineinhalb Jahre hier.

HERMANN. Und? Gefällt es Ihnen hier?

RENATE. Jedenfalls besser als in Neu-Ulm.

HERMANN. Ach, Sie kommen aus Neu-Ulm. Ist das bei Ulm?

RENATE. Ja. Reicht Ihnen die Steppdecke? Kommet Sie, wir tauschen doch.

Während sie ihm helfen will, läft Renate Hermann einen kurzen Blick auf ihren nackten Körper tun, aber Hermann reagiert nicht darauf.

HERMANN. Nä, is gut und viel besser, als auf einer Bank im Park zu schlafen. Ich hab heut im Hofgarten einen gesehen, völlig besoffen war der und hat geschnarcht mit angezogenen Beinen. Gibt es da viele, die so im Park schlafen ?

RENATE. Wisset Sie, als Frau kommt man ja nicht an so einsame Plätze. Ich verschließe oft die Augen vor der Großstadt. Und einen Freund habe ich auch keinen.

HERMANN. Ist das so schwer? Ich meine, Sie sind doch an der Uni, wo viele Studenten sind.

RENATE. Ich bin halt net die Hübscheste. Und wenn ich mich aufreg, dann schwitze ich so leicht.

Hermann sieht, wie Renate sich nun vor ihm zu schämen beginnt. Sie starrt die Decke an. Hermann schaut sich im Zimmer um.

HERMANN. Ist das Ihre Examensarbeit da auf dem Tisch ?

RENATE. Nein, das ist ein Referat.

Renate schaltet das Nachttischlämpchen aus, dann beugt sie sich zu Hermann hinab.

RENATE. Jetzt müssen wir aber noch leiser sein.

HERMANN. Ich muß dauernd an die Aufnahmoprüfung denken. Morgen früh um neun Uhr geht es los mit Gehörprüfung.

RENATE. Gehörprüfung? Was krieget Sie denn da zu hören?

HERMANN. Akkorde. Da muß man dann die einzelnen Töne raten.

RENATE. Aha. Das stelle ich mir sehr schwer vor.

HERMANN. Dat is et auch. Vor allem, wenn man net das absolute Gehör hat.

RENATE. Haben Sie's oder haben Sie's net?

HERMANN. Natürlich nicht. Dat wäre eine Strafe. Alle großen Musiker und Komponisten hatten net das absolute Gehör. Die wären verrückt geworden und hätten nie frei werden können in ihrer Musik.

RENATE. Man kann also auch zu viele Talente mitbekommen haben. Das beruhigt mich.

HERMANN. Warum?

RENATE. Ich fühle mich oft so dumm.

Hermann hat jetzt seine Uberlegenheit wiedergefunden. Er hat sich ein wenig aufgerichtet, um Renate besser sehen zu können.

HERMANN. Ich glaub, das Schlimmste an der Dummheit ist, daß man es selber net merkt. Ich hab mich immer für recht klug gehalten. Wenn ich mir ansehe, was die großen Philosophen und Dichter schreiben, die haben sich auch alle für sehr klug gehalten. Plato, Descartes. Die können tausendmal schreiben: Ich weiß, daß ich nichts weiß. Die wußten alle sehr genau, daß sie zu was Besonderem geboren sind.

RENATE. Sehen Sie sich eigentlich auch so an?

HERMANN. Ich weiß nicht. Wenn ich etwas schreibe oder komponiere, da kommt manchmal etwas dabei heraus, was mich selber wundert. Da fange ich an, mich zu fragen, was das zu bedeuten hat.

RENATE. Ich weiß auch oft net, was ich von mir halten soll. Ich hab immer Schauspielerin werden wollen. Da war sogar mein Vater dagegen, obwohl er mir sonst jeden Wunsch erfüllt hat.

Renate erhebt sich, steigt über Hermann hinweg, balanciert über ihm mit einem Fuß auf dem Nachtkästchen, um so den Vorhang vor dem Fenster besser zuziehen zu können. Hermann könnte ihr so zwischen die Beine sehen, aber er hält sich wohlerzogen die Augen zu vor so viel Frauenkörper. Nur einen ganz kurzen Blick riskiert er zwischen seinen Fingern hindurch. Renate kehrt in ihr Bett zurück.

RENATE. Wenn der liebe Gott mich doch nur ein bißehen schöner gemacht hätt!

HERMANN. Müssen wir net leise sein?

Renate läft ihr ausgestrecktes Bein wie zufällig über ihr Bett hinaus in Hermanns Griffnähe ragen. Hermann denkt nach, was nun zu tun sei. Er ringt mit sich und seinen Vorsätzen. Vorsichtig fängt er an, Renates Fuß zu streicheln.

RENATE. Weisch d', Schauspieler, das sind doch Leute, die sich's aussu-che könnet. Mal sind sie Königinne, mal Hure, mal Bettler. Und sie könnet tausend Todesarten sterben und viele, viele Male leben. Am liebsten würde ich natürlich Liebesfilme spielen!

Jetzt hat sie Hermann ein Stichwort geliefert, das er aufgreifen kann.

HERMANN. Für mich kommt die Liebe net mehr in Frage. Das weiß ich, seit ich sechzehn bin.

RENATE. Du Aff!

Renate hat Hermanns Gedankenakrobatik nicht verstanden. Sie bricht das Spiel abrupt ab. Sie löscht das Leselämpchen. Es wird ganz dunkel im Zimmer.

RENATE. Morgen früh, wenn du weggehst, dann denk an den Klodeckel. Und die Tür einfach zuziehen. Die Wirtin ist ab sieben Uhr weg. Mach bitte trotzdem keinen Krach. Ich will lange ausschlafen.
 

120 Straße vor der Musikhochschule

Hermann nähert sich dem Bau aus der Nazizeit, in dem die Hochschule für Musik untergebracht ist. Er kommt vom Königsplatz her, mit anderen Musikstudenten, die ihre Geigenkästen, ihre Celli oder Blas-instrumente zur Prüfung schleppen. Im marmornen Treppenhaus wim-melt es vor Betriebsamkeit: An einem langen Tisch werden die Persona-lien aufgenommen, Formulare ausgehändigt und Gruppen aufgeteilt. Hermann sieht einer riesigen Konzertharfe nach, die von einem Diener und dem Hausmeister einem zierlichen Mädchen hereingetragen wird. Verständnislos und nachdenklich geht er die bombastische Marmor-treppe hinauf. Das Gebäude erdrückt Hermann fast mit seinen gewalti-gen Dimensionen. 

HERMANN. Die anderen Studenten, die zur Prüfung gekommen waren, bewegten sich selbstsicher, lachten, unterhielten sich lautstark und schienen alles schon zu wissen. Ein Mädchen wurde sogar von ihrer Mutter begleitet, und ein livrierter Chauffeur trug ihr eine riesige Konzertharfe hinterher. Offenbar steinreiche Leute. Im Hunsrück hatten sie mich für genial gehalten. Einige meiner Lehrer hatten geweint, als ich fortging. Jetzt, als ich dieses Gebäude betrat, war ich plötzlich ein Niemand. 

121 Musikhochschule

Wie die anderen Studenten macht auch Hermann sich daran, seine Formulare auf der Marmorbalustrade des Prüfungsstockwerks auszu-füllen. Dabei fällt ihm ein dunkelhaariger Student auf, der auf einer südamerikanischen Quena-Flöte spielt. Als die Flötentöne verstummen, sieht Hermann auf. Juan spricht ihn an.

JUAN. Wie ist mein Deutsch?

HERMANN. Ihr Deutsch?

JUAN. Wie finden Sie mein Deutsch? Spreche ich mit falschem Akzent?

HERMANN. Nä. Woher sind Sie denn?

JUAN. Ich bin Autodidakt. Verstehen Sie mich? Wenn ich spreche, meine ich. Bin ich korrekt?

HERMANN. Ja.

JUAN. Sie verstehen mich. Ich bin außerordentlich erstaunt. Deutsch ist meine elfte Sprache. Ich habe sie sechs Monate lang, bis zu meiner Abreise aus Chile, studiert. Aus Langenscheidts Phonetischem Lexi-kon. War die Deklination so korrekt?

HERMANN. Ja. Elf Sprachen?

JUAN. Eigentlich die zehnte. Die Musik ist die elfte. Ich zähle sie auch mit.

Hermann sieht, wie nun auch die kleine reiche Harfenistin neben ihm beginnt, ihre Formulare auszufüllen.

HERMANN. Waren Sie schon dran?

Juan versteht nicht, was Hermann meint.

JUAN. Dran?

HERMANN. Ja.

JUAN. Dran? Das verstehe ich nicht.

HERMANN. Ich meine die Prüfung.

JUAN. Nein. Noch nicht. Ich präpariere mich.

Juan hat wieder mit seinem Flötenspiel begonnen. Nun begreift Her-mann erst, was Juan eben gesagt hat.

HERMANN. Elf Sprachen. Kaum zu glauben.

JUAN. Castilliano, English, Francais, Italiano, Russki, Suomi, Neder-lands, Esperanto, Hanu.. .

HERMANN. Was?

JUAN... Chinesisch und Deutsch. Haben Sie mitgezählt?

HERMANN (beeindruckt). Und alle perfekt?

JUAN. Not at all. Naturallement prefero las linguas latinas.

HERMANN (bewundernd). Dann sind Sie ja überall daheim! In der ganzen Welt!

JUAN. Nein. Als Ausländer muß man sehr zurückhaltend sein. Man wird beobachtet. Man lebt in Angst. Ich muß meinen Akzent verlieren. Darf ich mit Ihnen sprechen?

HERMANN. Ja.

Mit dieser Wendung hätte Hermann nicht gerechnet. Aus Juans Augen spricht nun tatsächlich eine gewisse Angst. Ein Saaldiener öffnet eins der Prüfungszimmer und ruft die Nummer 47 aus. Keiner der vor den Türen wartenden Studenten antwortet. Der Saaldiener wiederholt die Wartenummer. Da erst merkt Hermann, daß ja er diese Nummer hat. In seinem Schreck antwortet er in reinem Hunsrücker Platt.

HERMANN. Eisch! Dat sin eisch!

Die Studenten lachen über den Provinzler Hermann, der auch noch fast seine Partiturrolle fallen läft, als er zum Prüfungszimmer rennt. Nur Juan lacht nicht. Er versucht Hermanns Worte nachzusprechen.

JUAN. Dat. .. sin. .. eisch!
 

122 Musikhochschule, Prüfungszimmer

SAALDIENER. Ihre Sachen können Sie dort ablegen.

Die Situation, die Hermann in diesem Zimmer antrifft, ist nicht viel anders als die seiner Abiturprüfung im Hunsrück. Auch hier sitzen die Professoren hinter einem langen Tisch, auch hier ist der Prüfling ihnen ausgeliefert wie ein Angeklagter vor Gericht. Einer der Professoren erhebt sich. Er geht auf Hermann zu und führt ihn zu den beiden Flügeln, die sich mitten im Raum gegenüberstehen.

PROFESSOR. So, Sie sind Herr Hermann Simon. Kommen Sie bitte vor. Wenn Sie bitte neben den Flügel treten wollen? Wenden Sie sich bitte um.

Hermann begreift nicht sofort. Der Professor wiederholt seine Auffor-derung. Hermann dreht dem Professor seinen Rücken zu.

PROFESSOR. Herr Simon, nennen Sie bitte die Intervalle, die ich Ihnen anschlage.

Der Professor schlägt auf dem Flügel zwei Töne an. Hermann erkennt sofort das Intervall.

HERMANN. Eine Quint.

Auch die Sekund, die der Professor nun anschlägt, erkennt Hermann sofort.

PROFESSOR. Was für eine Sekund?

HERMANN. Eine kleine.

Der Professor schlägt nun ein »C« und ein »Fis« an. Er wartet auf Hermanns Antwort.

HERMANN. Das ist eine verminderte Quint.

PROFESSOR. Ja, wie nennen wir es noch?

HERMANN. UbermäLige Quart.

PROFESSOR. Ja. . .

HERMANN. Oder Tritonus.

PROFESSOR. Tritonus, diabolus in musica.

Der Professor atmet befriedigt auf. Der Prüfling scheint in seiner Achtung etwas gestiegen zu sein.

PROFESSOR. Jetzt gebe ich Ihnen in »C« einen Akkord, und Sie sollen nur sagen »Moll« oder »Dur«.

Der Professor schlägt einen Dur-Akkord an, den Hermann sofort erkennt. Dann folgen der Moll-Akkord, noch ein Moll-Akkord und schließlich ein weiterer Dur-Akkord. Bis dahin ist das alles für Hermann kein Problem. Der Professor steigert nun den Schwierigkeitsgrad.

PROFESSOR. Und jetzt schlage ich unterschiedlich an, oben oder unten Moll oder Dur! Hören Sie mal genau herein.

Der Akkord, den der Professor jetzt anschlägt, besteht aus zwei Drei-klängen, die auf dem Klavier weit auseinanderliegen. Hermann quält verzweifelt sein Gehör, weiß aber keine Antwort. Da kommt ihm seine Beobachtungsgabe zu Hilfe: In den polierten Flächen des zweiten Flügels, auf den Hermann grübelnd blickt, spiegeln sich die Hände des Professors. Hermann beugt sich leicht vor und kann erkennen, was für Töne der Professor spielt.

HERMANN. Der Dur-Akkord ist unten und Moll oben.

Der Professor ist erstaunt. Der Prüfling verfügt offenbar über besondere Gehörqualitäten.

PROFESSOR. Ja. Können Sie mir auch die Töne nennen? Ich schlage Ihnen die Akkorde noch einmal an.

Hermann tut jetzt nur noch so, als ob er genau hinhöre. Statt dessen vertieft er sich erneut in das Spiegelbild der Spielhände und fängt an, die Töne zu raten.

HERMANN. Unten, das ist ein es-g-b und oben d-f-a.

PROFESSOR. Alle Achtung! Hören Sie absolut?

Hermann ist erlöst. Er schaut sich triumphierend um.

HERMANN. Nein, relativ.

PROFESSOR. Sind Sie da sicher?

HERMANN. Ja, relativ sicher.

Der Professor ist beeindruckt von diesem neuen Studenten.
 

123 Musikhochschule, Flure, Konzertsaal

Als Hermann aufatmend das Prüfungszimmer verläft, blickt er in ein Dutzend neugieriger Studentengesichter. Offenbar haben die anderen Kandidaten draußen an der Tür gelauscht und wollen nun von Her-mann wissen, wie die Prüfung gewesen ist.

Hermann strahlt. Er kann es noch gar nicht fassen, daß er so brillant abgeschnitten hat.

HERMANN. Auch in den anderen Teilen der Aufnahmeprüfung hatte ich Glück. Mein »Canto Triumphale«, das Stück über das Rilke-Ge-dicht, gefiel dem Kompositionslehrer so gut, daß er mitsang und mir hinterher die Hand schnttelte.

Ganz in seine Gedanken versunken läft Hermann sich durch die unbekannten Flure treiben. An einer der Flügeltüren, die zum großen Konzertsaal führen, hat sich ein Studentengrüppchen eingefunden, das fasziniert einer Musik zuhört, die aus dem Saal dringt. Hermann erkennt den chilenischen Studenten, der die vielen Sprachen spricht: Juan. Er spielt auf Schlaginstrumenten, die er unterhalb der Bühne aufgebaut hat, ein selbstkomponiertes Stück, das vor allem Juans virtuose Schlagtechnik zeigt. Das Stück ist kompliziert in den Rhyth-men, aber eher gefällig in den Harmonien, die auf der Marimba erklingen. Hermann ist bei einer Treppe angekommen, die von den oberen Sitzrei-hen ins Parkett hinabführt. Hier bleibt er mit seiner Gitarre und seiner Partiturrolle stehen und beobachtet Juan und sein Spiel. Wie aus der Ferne vernimmt Hermann die Stimme einer Frau, die neben ihm von der Balustrade herunter auf ihre Tochter einspricht, die neben Hermann auf den Treppenstufen sitzt.

FRAU HUNERBEIN. Herrlich, Angelika, das wird lange dauern, bis du so spielen kannst. Aber du wirst es schaffen. Ich glaube daran. Ich habe mit Professor Leuschner gesprochen: Wir schaffen es.

Jetzt hat Hermann die reiche Dame erkannt. Hermanns Blick ist so unverhohlen, daß die kleine Harfenistin ihn anspricht.

ANGELIKA. Darf ich vorstellen: meine Mutter.

FRAU HUNERBEIN. Grüß Gott!

HERMANN. Guten Tag.

ANGELIKA. Sie hat mir mit der Harfe geholfen.

HERMANN. Das habe ich gesehen.

Juans Spiel erreicht jetzt seinen Höhepunkt. Immer schneller wirbeln die Schlegel auf die Trommelfelle, die Marimbaplatten und einen großen Gong, der in anschwellenden Schwebungen erklingt. Die Harfenistin ist ebenso begeistert wie Hermann und die anderen Studenten, die herein-gekommen sind.

ANGELIKA. Herrlich, nicht? Ich hätte nie gedacht, daß man auf einem Xylophon so spielen kann.

HERMANN. Dat ist kein Xylophon, dat ist ein Marimbaphon. Ja, ich find's auch schön.

Am Ende des Stückos lächelt Juan zu Hermann herauf. Niemand weiß, für wen und zu welchem Zweck Juan hier gespielt hat. Etwas Rätselhaf-tes ist in seinen dunklen Augen.
 

124 Vor der Musikhochschule

Direkt neben dem pseudoklassischen Portal und im ummauerten Vor-garten der Hochschule hat sich ein Filmteam eingefunden, das den ehemaligen NaziLau als Kulisse für eine Filmszene benutzt. Darstellerin ist ein etwa zehnjähriges Mädchen, das mit einem Ball spielt. Die Dreharbeiten haben eine Reihe von Zuhörern angelockt. Die meisten sind Studenten der Hochschule, die mit ihren Instrumenten stehenge-blieben sind. Aber auch Passanten verschiedenen Alters aus der Stadt

sind dabei. Sie verfolgen fasziniert die jungen Filmleute Stefan, Rein- hard und Rob und deren eitles Gehabe.

STEFAN. Gehen wir noch einen halben Meter zurück auf Anfang. . .

REINHARD. Von mir aus können wir. . .

STEFAN. Achtung. . . Halt. . . Geht aus dem Bild, Mensch, los hier.

Hermann kommt in Begleitung der kleinen Harfenistin gerade durch das Portal. Stefan, der wohl das große Wort führt, packt Hermann und seine Begleiterin und schubst sie hinter einen Mauervorsprung, wo sie in Deckung gehen sollen. Hermann versteht überhaupt nichts. Die Film-leute brüllen ihn an.

REINHARD und

ANSGAR. Köpfe runter!

Endlich haben Hermann und seine Begleiterin begriffen. Sie ducken sich unter der Mauer, so daß sie von der Kamera aus nicht mehr sichtbar sind. Nun kann das Zeremoniell der Filmaufnahmen von vorne begin-nen.

STEFAN. Klappe ist drin ?

ROB. Kamera läuft.

REINHARD. Und bitte!

Die kindliche Darstellerin läuft mit ihrem Ball spielend über die Mauer, die den Vorgarten vom Trottoir abgrenzt. Die Kamera der Jungfilmer begleitet das Kind mit einer »Schienenfahrt«. Ein Scheinwerfer wird mitgefahren. Das macht die Szene noch professioneller. Spannung bei den Filmleuten. Das Kind spielt schön und bewegt sich vollkommen richtig.

Da drängt sich Herr Edel, der Mann mit dem Blumenkohl, aus der Zuschauermenge heraus vor die Filmkamera und wendet sich gestiku-lierend und belehrend an die Jungfilmer.

EDEL. Das war das Braune Haus. ..

Reinhard läft die Kamera abschalten. Die Filmleute sind sprachlos. Edel doziert weiter.

EDEL. Das ist das Braune Haus gewesen. Ich nehme an, daß irgendeiner unter Ihnen noch an diesem Ereignis teilgenommen hat. Hitler, Göring, Heß zogen von Schwabing her die Arcisstraße herunter. Die Arcisstraße war voller Menschen. Alles schrie: Wir wollen unsern Führer sehn, wir wollen unsern Führer sehn! Ein Volk, ein Reich, ein Führer!

Während Edels Vortrag haben sich die Zaungäste um ihn versammelt. Auch das Filmteam wartet ab, bis Edel zu Ende gekommen ist. Er hat sich in seinen Erinnerungen an die Nazizeit ganz verausgabt.

Reinhard tritt vor und spricht Edel höflich an.

REINHARD. Sie stehen im Bild.

EDEL. Was, ich stehe im Bild?

Edel begreift nicht, was er falsch gemacht haben soll.

REINHARD. Würden Sie bitte, bitte, irgendwohin. . .

EDEL. Darf ich meinen Blumenkohl mitnehmen?

Reinhard wendet sich nun an die übrigen Zuschauer. Er ist völlig entnervt. Es wird deutlich, daß die drei Jungfilmer blutige Anfänger sind, die sich mit Gerät und Szene noch nicht sehr gut auskennen.

REINHARD. Bitte. Die anderen Herrschaften bitte auch. .. Danke. Während die Filmleute sich nun daranmachen, ihre Szene noch mal zu drehen, können Hermann und die Harfenistin aus ihrem Versteck entkommen. Die Kleine verabschiedet sich von Hermann, nachdem sie sich ihm vorgestellt hat.

ANGELIKA. Vielleicht sehen wir uns mal wieder.

HERMANN. Gerne.

Hermann sieht hinter der Studentin her. Sie gefällt ihm gut mit ihrer Barettmütze und dem langen blonden Haar.
 

125 Königsplatz

Auf den Steinstufen der Glyptothek sitzen Studenten und Spaziergän-ger. Sie lassen sich die Herbstsonne ins Gesicht scheinen. Hermann durchquert eine kleine Baustelle. Vom Rande des Königsplatzes her nähert er sich den Flötentönen, die ihm von der Treppe der Glyptothek entgegenwehen. Juan sitzt auf den Stufen und spielt wieder auf seiner Quena-Flöte. Hermann setzt sich zu ihm und hört ein Weilchen zu.

JUAN. Wissen Sie schon, wo Sie in München wohnen?

HERMANN. Na ja, mehr oder weniger.

JUAN. Ich wohne in einer Pension »Victoria«. Mein Geld reicht noch für zwanzig Tage und eine Nacht. Eine Ewigkeit.

Juan lacht ein bißchen bitter. Er sieht die Passanten an, Spaziergänger, sonnenhungrige Münchner Bürger. Hermann holt ein Heft mit Noten-papier heraus und beginnt eine Melodie daraufzukritzeln, die ihm in diesem Moment eingefallen ist.

JUAN. Ein reiches Land, Deutschland. Ich sehe überall diesen Reichtum in den Gesichtern. Und ein sauberes Land. Ihr seid alle so sauber! Wie ist Ihre ökonomische Situation? Ist sie gesichert?

Hermann unterbricht seine Kompositionsarbeit. Erstaunt sieht er Juan an.

HERMANN. Nä, überhaupt net. Und von meiner Mutter tät ich auch nichts annehmen!

JUAN. Ist sie reich?

HERMANN. Meine Mutter? Wie kommen Sie denn jetzt auf so wat? Juan lenkt ab. Er deutet auf das Notenblatt in Hermanns Händen. JUAN. Spielen wir Ihr Stück ?

HERMANN. Gern, aber das ist noch net fertig.

Hermann überreichtJuan das Notenblatt, und dieser beginnt sofort, mit seiner Quena-Flöte einige Takte vom Blatt zu spielen. Hermann ist begeistert, daß Juan so schnell begreift. Er packt rasch seine Gitarre aus, um Juan zu begleiten. Währenddessen sind Rob, der Jungfilmkameramann, und Ansgar, sein Tonmann, ebenfalls am Königsplatz erschienen. Rob schiebt ein Fahr-rad mit Anhänger, auf dem er seine Kameraausrüstung transportiert. Ansgar trägt sein Tongerät. Die beiden sind noch immer mit den Pannen beschäftigt, mit denen sie heute beim Filmen fertig werden mußten.

ROB. Ich hätte ja nicht gedacht, daß wir die Einstellung noch reinkrie-gen. Mein Gott, und endlich schiebt der Bernd mal ruhig, ich gehe vor dem Mädchen runter auf den Ball, und dann diese Quasselstrippe im Bild!

Rob setzt sich in Hermanns Nähe auf die Stufen der Glyptothek und beginnt in einem »Dunkelsack« Filmkassetten auszulegen. Ansgar spult auf seinem Tonbandgerät Marke »Maihak« die Tonbandspule um, indem er eine verchromte Handkurbel dreht. Diese Vorgänge haben Hermanns Interesse geweckt. Er hört mit seinem Gitarrenspiel auf und steht auf, um besser zusehen zu können.

ANSGAR. Was ist denn, spielt doch weiter! Ist doch schön, stört doch nicht.

HERMANN. Ein tolles Gerät. Hat das Studioqualität?

ANSGAR. Es gibt bessere. In der Schweiz bauen sie eins, das geht bis zu 17000 Hertz. Musikqualität. Aber wir drehen sowieso nur Primär-ton.

HERMANN. Was ist dat denn, Primärton?

ROB. Kennen Sie die »Nouvelle Vague« in Frankreich? Die machen uns das vor. Raus aus den Studios - rein ins Leben! »Le cinema de papa est mort. «

Jetzt zeigt auch Juan Interesse an den Filmleuten - wenn auch nicht an deren Geräten.

JUAN. Ah, Paris. Ich möchte gern nach Paris reisen. Eine Stadt, über die man viele Lieder singt.

ANSGAR, Was man von München nicht sagen kann. Hier riecht man noch den Fufschweiß der Nazis. Vor allem auf dem Platz hier.

HERMANN. Machen Sie Ihren Film darüber?

ROB. »Brutalität in Stein«. Davon handelt unser Film.

Hermann und Juan folgen Robs Blick, der diesen klassizistischen Mar-mor und vor allem die ehemaligen »Führerbauten« am Rande des Königsplatzes meint. Robs Auskunft war definitiv. Er und Ansgar widmen sich wieder still ihren Arbeiten an den Filmgeräten. Juan deutet auf Hermanns Notenblatt.

JUAN. Ist das eine Triole?

HERMANN. Ich finde München toll!!

JUAN. Im Anfang ist alles leicht. Wissen Sie, man findet die besten Freunde oft am ersten Tag.

HERMANN. Dat wär aber traurig! Ich bin nämlich fast schon zwei Tage da.

Hermann spielt die sehr virtuos geschriebene Gitarrensequenz, Juan fällt mit seiner Flöte ein. So entsteht ein merkwürdig sprödes Duett. Ansgar und Rob haben die Kassette von ihrer »Arriflex« genommen und schicken sich an, den Schauplatz ihrer Dreharbeiten zu verlassen. Rob scheint traurig zu sein.

ROB. Aus der Traum, vorbei das Glück.

Ansgar zeigt die Kamera Hermann, ehe er sie einpackt.

ANSGAR. Wir haben die Kamera nur geliehen: Vierundzwanzig Stunden haben wir sie behalten dürfen. Letzte Nacht haben wir bei ihm auf der Bude gesessen und haben geübt, Kassetten einzulegen. Weißt du, wie das geht? Das ist wie beim Barras: Handgriffe kloppen, Waffe zerlegen, Waffe reinigen, Waffe wieder zusammensetzen. Muß alles ruck-zuck gehen, nicht wahr?

HERMANN. Ich war net bei der Bundeswehr. Ich bin bei der Musterung durchgefallen. Untauglich.

ANSGAR. Wegen deiner Musikerfinger?

HERMANN. Nä, dat Herz. Ich war einfach herzkrank, verstehen Sie?

ANSGAR. Dat ist das richtige Körperteil zum Verweigern. Ich hab's mit dem Arsch probiert. Befehlsverweigerung, 'ne Woche Bau. Wieder verweigert. Wieder sitzen. Da biste froh, daß du mit'm Arsch nicht denken kannst. Aber jetzt bin ich nach Berlin gezogen - jetzt hab ich meine Ruhe!

HERMANN. Und woher kommen Sie dann?

ANSGAR. Berliner Bayer, bayerischer Berliner.

HERMANN. Dat hört man!

Ansgar und Rob sind mit dem Kassetteneinlegen fertig und packen die Kamera ein. Ansgar hat sich zu Hermann und Juan gesetzt und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen.

ANSGAR. Färbt ab, wa?

HERMANN. Und was machen Sie beim Film? Sind Sie sowas wie'n Toningenieur?

Statt einer Antwort dreht Ansgar sich so, daß Juan und Hermann lesen können, was auf dem Rückenteil seines weißen Arbeitskittels geschrie-ben steht. Hermann und Juan lesen die im Kreis angeordnete Schrift:

HERMANNUNDJUAN. »Best boy Ansgar«.

Das verstehen die beiden Musiker noch weniger. Ansgar wird nun ganz freundlich und ruhig.

ANSGAR. Nein. Ich gehör gar nicht dazu! Ich hab bloß ausgeholfen, weil ich zufällig was von Tonbandgeräten verstehe. Wirklich nur zufällig. Ich studiere Medizin. Das hat wenigstens eine vertretbare moralische Grundlage. Ansgar ist offenbar Zyniker. Kaum hat er etwas Ernstes gesagt, fügt er einen bissigen Satz hinzu. Hermann aber ist überwältigt von all den Erlebnissen seines zweiten Tages in München. Er erhebt sich, sieht in die Ferne und spricht zu sich selbst.

HERMANN. So han ich mir München immer vorgestellt: überall Film-teams auf der Straße.

JUAN. Ihr Stück gehllt mir. Spielen wir mal weiter.

Juan holt Hermann in die Gegenwart zurück. Er beginnt noch einmal, Hermanns Komposition auf der südamerikanischen Flöte zu spielen.
 

126 Münchner Trambahn

Hermann sitzt mit weitgeöffneten Augen in einem Waggon der Tram-bahn. Draußen ziehen die Häuserreihen der Großstadt vorbei. Alles, was Hermann sieht, ist neu für ihn. Einige Sitzreihen weiter hinten im Wagen räkelt sich ein großer Dicker in Hermanns Alter, der laut und hemmungslos auf zwei Studententypen einredet.

CLEMENS. Ich sin schon een ganz Jahr hie. Da kenn isch misch schon ziemlisch gut aus. Jo - ich sin als Jazzmusiker hinkomm - von Frankfurt aus. Aber Münschen is doch weitaus besser irgendwie. Isch spiele jetzt jeden Obend.

Hermann wendet sich um. Er sieht, wie sich einer der Studenten mit klei-nem Umzugsgut, einem Stuhl und einer Kiste, zum Aussteigen anschickt.

HERMANN. Was waren denn das für Töne, die ich aus der Tiefe des Straßenbahnwaggons vernahm? Diese Stimme erschien mir so ver-traut und dennoch an diesem Ort so unbegreiflich fremd. Hinter mir war jemand, der sprach Hunsrücker Platt!

Hermann erhebt sich. Jetzt hat er den ehemaligen Schulkameraden aus dem Hunsrück erkannt.

HERMANN. Das ist ja der Clemens aus Mengerschied!

Auch Clemens steht auf und geht auf Hermann zu, reicht ihm begeistert die Hand.

CLEMENS. Der Hermann von Schabbach! Hermann, wat mischst dau dann loo in Münsche?

HERMANN. Dat ich dich hier treff! Ich bin gerade auf dem Weg auf die studentische Zimmervermittlung.

CLEMENS. Ich muß am nächste Halt raus! Kommste mit? Dann könne ma noch en bißchen schwätze.

HERMANN. Nä, Clemens! Isch han gar net gewußt, dats dau aach hie in Münsche bist.

CLEMENS. Suchste e Zimmer, Hermann? Ich zeig dir mal mei Bud beim Kohlejosef. Nä, so en Zufall, Menschenskinder.

Die beiden Hunsrücker können es nicht fassen, daß sie sich ausgerech-net in der Münchner Straßenbahn getroffen haben.
 

127 Kohlenhandlung, Hof

Clemens führt Hermann, der immer noch Gitarre, Partiturrolle und Aktentasche mit sich herumschleppt, auf ein bizarres Hofgelände. In der engen Einfahrt türmen sich Kohlensäcke, alte Werkzeuge, verrostete Maschinenteile, Blechkanister, Öltanks. All das fügt sich in Mauerreste von einem Wohngebäude, das im Krieg zerstört worden ist.

CLEMENS. Wir gucke mal, ob der Kohlejosef da ist. Der muß irgendwo sein, ich weiß net, wo er ist. Ah, da ist er!

Hinter einem klapprigen Dreirad-Lieferwagen und einer Kohlenwaage wird der Blick auf eine Art Baracke frei. Ein Schild weist darauf hin, daß sich hier das Büro befindet. Ein etwa fünfzigjähriger, stoppelbärtiger Mann in abgewetzten Kleidern, schwarz vom Kohlenstaub, kommt auf die beiden Studenten zu.

KOHLEN-JOSEF. Ah, der Clemens. Das ist gescheit, daß du jemand dabeihast, gelt? Du, der springt mir wieder net an, hilfst mir, den oschiabn? Seid's so liab.

Während Josef sich hinter das Steuerrad seines Klapperautos setzt, müssen Hermann und Clemens ihn anschieben.

KOHLEN-JOSEF. Also, Buabn, abgeht s, pack mer s.

Kurz vor der Ausfahrt springt der alte Zweitaktermotor an. Der Josef hält an, um den Jungen ein Dankeschön zuzurufen. Aber Clemens gibt Josef ein Zeichen, noch ein wenig zu warten. Er geht auf ihn zu, um ihm Hermann vorzustellen.

CLEMENS. Dat is der Hermann. Der kommt auch aus dem Hunsrück. Ich hab'n durch Zufall auf der Trambahn getroffe.

KOHLEN-JOSEF. Ah, bist auch so a Jazzmusiker, der frühstückt, wenn die anderen schon Feierabend machen?

CLEMENS. Nä, der Hermann is Student. Und ich wollt mal fragen, wenn Sie nichts dagegen haben, wenn ich nachts Musik mache, ob er dann in meiner Bud schlafen kann.

KOHLEN-JOSEF Ja, hinten im Schuppen liegt noch a Matratz'n, die ist noch recht gut, da hab i selber oft drauf geschlafen. Die könnt's nehm'n. Was studiert er denn?

HERMANN. Musik.

KOHLEN-JOSEF. In der Nacht?

HERMANN. Nä, in der Musikhochschule!

Hermann versteht gar nicht, was hier verhandelt wird. Sollte es wirklich wahr sein, daß er so schnell ein Zimmer gefunden hat, in dem er wohnen kann, bis die Bude bei Frau Moretti frei ist? Abwechselnd sieht er Clemens und Josef an.

KOHLEN-JOSEF. Also, wenn du tagsüber üben willst, und der Clemens will schlafen, dann kommst zu mir, dann kriagst den Schlüssel vom Vorderschuppen, gell? Also, ich dank euch noch mal, ich muß jetzt weiter. Servus!

Hermann dankt und folgt Clemens in den hinteren Teil des Hofes, von wo man über einen dunklen Aufgang in Clemens' Zimmer gelangen kann.
 

128 Bude von Clemens

Das Zimmer, in das Hermann geführt wird, ist ein Ebenbild der ganzen Kohlenhandlung: Die chaotische Einrichtung scheint aus Sperrmüllbe-ständen zusammengetragen worden zu sein. Hermann erkennt ein Bett, eine Art Schrank, ein Waschbecken an der Wand, einen Fetzen von Teppich an der anderen Wand und über dem Fenster ein Blechschild mit dem Text »Rauchen verboten«, eine Inschrift, die noch aus den Bestän-den der Hitlerwehrmacht zu stammen scheint.

CLEMENS. Komm rein, Hermann. So, dat da is et. Aber ganz umsonst kriegste's net, Hermann: Fuffzisch Mark mußt du mir schon gebe.

HERMANN. Wat, fuffzisch Mark? Bist du narrisch?

Hermann ist von der untergehenden Sonne geblendet, die zum Fenster hereinleuchtet.

CLEMENS. Ei gut, weil dau et bist, sagen mer dann vierzisch!

Hermann hält sich die Hand vor die Augen, um besser sehen zu können, in welchem Verlies er ab jetzt schlafen wird.

HERMANN. Schon nach so kurzer Zeit hatte ich den einzigen Hunsrücker kennengelernt, der außer mir noch in München herumlief. Ich hatte ein Zimmer für die nächsten Wochen - ein anderes, sogar mit Klavier, in Aussicht! Ich hatte die Aufnahmeprüfung bestanden und Leute vom Film kennengelernt. Ich kannte nach zwei Tagen schon meine Wege zwischen den neuen Stationen. Und ich kannte Renate - für Notfälle!
 

129 Vor Haus Renate

Durch die stockfinstere Tordurchfahrt gelangt Hermann zu dem Hin-terhaus, in dem Renate wohnt. Er sucht Renates Fenster. Nur ein kleiner Lichtschein erhellt das Fenster im ersten Stock. Hermann ist guter Laune. Er sucht einen Stein. In der Nähe der Mülltonne findet er einen, der ein biLchen zu groß ist. Dennoch wirft er damit und trifft genau auf Renates Fensterscheibe, die sofort zerspringt. Hermann erschrickt. Renate erscheint am Fenster. 

RENATE. Was haben Sie denn jetzt angerichtet! Die Scheibe ist vollkom-men kaputtgegange. Mensch, Sie müsset leise sein! Wo waret Sie denn die ganze Zeit? 

HERMANN. Ich bin angenommen! 

RENATE. Auf der Musikhochschule? 

HERMANN. Ja. Sogar in der Kompositionsklasse als einer von minde-stens dreifig Bewerbern. Deswegen hat es auch so lang gedauert. 

RENATE. Moment, ich schmeiß Ihnen gleich den Schlüssel runter. 

HERMANN. Nein, ich wollte mein Gepäck abholen. Ich han en Schul-kamerad getroffe, Clemens heißt der, bei dem kann ich schlafen. 

RENATE. Jetzt freuen Sie sich, gelt, man sieht's. Moment, ich komm gleich runter - wir dürfen bloß nicht so laut sein. 

Renate scheint das Malheur mit der Fensterscheibe schnell vergessen zu wollen. Ihre Freude, Hermann wiederzusehen, ist groß. So beeilt sie sich, zu ihm in den dunklen Hof herunterzukommen. Hermann erwar-tet sie mit seinem Matchsack ungeduldig. 

RENATE. Hatte Sie ein Glück, daß mei Wirtin net daheim ist, des hätt a Malheur gegebe! 

HERMANN. Ich wohne ganz in der Nähe der Musikhochschule. Dat is schon in Schwabing. Die Linie 7 fährt da durch. 

RENATE. Wunderbar. 

Hermann hat den Mantel angezogen, den Renate ihm heruntergebracht hat. Er wirft sich seinen Matchsack über die Schulter. Er strahlt vor Begeisterung. 

HERMANN. Ich hab schon angefangen, ein Stück zu komponieren. 

RENATE. Ich tät mich freue, wenn wir uns mal wiedersehen könnet. 

HERMANN. Ei allemol. Ich meine: o. k. 

Eine Sekunde steht er Renate gegenüber, von ihrem Körper nur durch den Gitarrenkasten getrennt, dann reißt er sich los und läft die Sehn-süchtige allein. 
 

130 Alter Peter

Hermann und Clemens steigen im Innern des Kirchturms eine endlose Holztreppe hinauf. Clemens, der sich auch hier auszukennen scheint, geht so schnell voran, daß Hermann ganz außer Atem gerät. Er darf nicht ausruhen wie all die Touristen, die unterwegs auf den Treppen-absätzen verschnaufen.

HERMANN. Clemens, kennst du dich schon gut aus in München?

CLEMENS. Seit sie mir mein Fahrrad geklaut haben, muß ich immer zu Fuß gehen. Weißt du, da gehst du den kürzesten Weg. Von meiner Bud' zum Jazzkeller, wo ich immer spiele, sind es sechs Kilometer.

Dat sin Entfernunge hie in Münsche! Auf dem Hunsrück bist du da schru zwei Bahnstationen weiter.

HERMANN. Meinst du, ich soll mir von daheim mein Fahrrad schicken lassen?

CLEMENS. Auf alle Fälle. Die müsse dat in Simmern uff dem Güterbahn- hof aufgebe, dann kannste es am nächste Tag in Pasing abhole. Gefällt's dir hier?

HERMANN. Ja, sicher. Aber ich bin ja erst seit zwei Tagen da.

Hermann ist oben auf der Plattform des Alten-Peter-Turms angekom-men. Er hat den Stadtplan, den er von seinem Hunsrücker Musiklehrer geschenkt bekam, auf dem Boden ausgebreitet. Er ist dabei, sich zu orientieren. Touristen, die mit ihm den Turm bestiegen haben, versu-chen über den Neu-Münchner hinwegzusteigen.

HERMANN. So, jetzt gucken wir mal: Da im Osten. . . da ist die Isar und dahinter dat Deutsche Museum. Dann vor mir Marienplatz, Odeons-platz, Feldherrnhalle. Dann im Westen: der Hauptbahnhof, na ja, dat kann man jetzt von hier net sehe. Im Westen der Hauptbahnhof, Theresienwiese, Laim, Pasing... na ja, da werde ich so bald net hinkomme... Gut, noch mal: da im Norden Schwabing, Siegestor, Ludwigstraße, Feldherrnhalle...

Hermann lernt München auswendig.

Von hier oben hat Hermann einen herrlichen Blick über die Stadt. Es ist auch ein besonders klarer Herbsttag. Vom Rathausturm ertönt das berühmte Glockenspiel, und ganz München scheint Hermann begrüßen zu wollen.
 

131 Musikhochschule, Portiersloge, Gänge

Hermann ist nun schon mehrere Tage in München. Er hat sein Studium an der Musikhochschule aufgenommen. Als er an diesem Tag den Vorraum in der Pförtnerloge betritt, sieht er sich einer langen Schlange von Studenten gegenüber, die darauf warten, Schlüssel zu den Ubungs-räumen zu bekommen. Der Hausmeister residiert in seinem Glaskasten und scheint der mächtigste Mann der Hochschule zu sein. Die Studenten sind unzufrieden und murren. Einer von ihnen wagt es, den Hausmeister anzuschreien. Aufruhr entsteht.

KOMMILlTONE. Sie spielen sich hier auf, als wären Sie der liebe Gott! Wir sind jetzt schon zum fünften Mal hier, und ich hab immer noch

keinen Schlüssel zum Klavierzimmer. Wir wollen auch mal proben. Wie sollen wir denn unter den Bedingungen studieren?

HAUSMEISTER. Ja, ich kann Ihnen kein Zimmer geben, wenn ich alles ausgebucht hab.

STUDENT. Also, wenn das keine Schiebung ist!

HAUSMEISTER. Wir haben elf Klavierzimmer. Natürlich muß ich die höheren Semester bevorzugen. Anordnung von oben - beschweten Sie sich ruhig.

STUDENTIN. Immer das gleiche!

STUDENT. Schiebung! Für mich ist das alles Schiebung.

Hermann, der noch ganz neu ist und deswegen ein wenig schüchtern, hört sich das alles an, sagt aber nichts. Sein Blick geht in die Treppen-halle, wo eine Studentin die Stufen herunterkommt, die einen Celloka-sten trägt. Hermann kann seinen Blick kaum von dieser Erscheinung losreißen. Er gelangt an die Portiersloge, ohne recht zu bemerken, wie.

Der Hausmeister steckt ihm einen der begehrten Schlüssel zu.

HAUSMEISTER. Die Ruhigen und Friedlichen, die lob ich mir, die bekom-men einen Schlüssel.

HERMANN. Danke schön. Ich dachte, Sie hätten nichts mehr. Ich wollte mich eigentlich für morgen eintragen lassen.

HAUSMEISTER. Behalten Sie den. Aber passen Sie gut auf.

HERMANN. Danke.

Als Hermann jetzt durch die Glastür in das geräumige Treppenhaus tritt, steht die schöne Cellistin unterhalb des mächtigen Treppengelän-ders an einen Marmorsockel gelehnt. Sie hält ihr Instrument zärtlich gegen den Körper gepreßt. Hermann geht langsam auf die Treppe zu. Um ihn herum scheint die Welt zu versinken. Er sieht die Cellostudentin nur eine Sekunde lang an. Er erreicht schließlich die breiten Treppenstu-fen. Die Cellistin (Clarissa) ist eine Frau mit langen, dunklen Haaren und braunen Augen. Sie dreht sich einen Moment um: Die braunen Augen erwidern Hermanns ersten Blick.

Hermann rennt. Er scheint vor Clarissa weglaufen zu wollen. Er eilt durch einen der Gänge, ist auf der Suche nach dem Zimmer, zu dem er den Schlüssel hat. Hinter jeder Tür, die er nervös oder ängstlich öffnet, ist ein anderer junger Musiker in seine Instrumentalübungen vertieft. Schließlich erreicht Hermann den Raum seines Kompositionsprofes-sors. Er klopft höflich an und tritt ein.

Der Professor ist nicht da. Einsam steht der Flügel im Raum, daneben ein kleiner Tisch, die Morgensonne durchdringt die stehende Luft.

HERMANN. Die Musikhochschule war auch im Innern eine abweisende Fassude. Wie sollte ich hier studieren~ Der berühmte Kompositions-professor war immer auf Reisen. Die Ubungszimmer waren ausge-bucht. Und hinterallen Türen, die ich öffnete, wurde ich abgewiesen. Es verbarg sich etwas in diesem Gebäude, das ich nicht verstand.

Hermann hat einen Anschlag gefunden, der an einem kleinen schwarzen Brett hängt: »Professor MamangaLis ist auf Konzertreise in den USA. Das Kompositionsseminar findet deshalb zur Zeit nicht statt. «

Er geht in das von Musikfetzen aller Art erfüllte Marmortreppenhaus zurück. Ihn umfängt eine merkwürdige Raumakustik, die alle Musiken der Welt in einem Atemzug zu vereinen scheint.
 

132 Musikhochschule, Kammermusikraum

Wieder läuft Hermann durch die langen Gänge und das Marmortrep-penhaus. Er hält den Schlüssel, den der Hausmeister ihm gegeben hat, in der Hand. Wo ist die dazu passende Tür unter all den verschlossenen Türen?

Endlich findet er den Raum 144, den sogenannten Kammermusikraum. Schon an der Tür hört er, daß er besetzt ist. Sein Schlüssel paft zwar, aber aus dem Zimmer dröhnt ihm laute Avantgarde-Musik entgegen. Hermann öffnet zaghaft. Fünf Studenten höheren Semesters proben hier ein modernes Stück für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuggruppen. Als eine Sequenz des Stückes beendet ist, vertiefen sich die Musiker in die Partitur. Einer von ihnen (Jean-Marie), offenbar der Dirigent oder Komponist, bemerkt Hermann, der immer noch in der offenen Tür steht.

JEAN-MARIE. Suchen Sie jemand?

HERMANN. Dat is doch hier Raum I44, ich wollte jetzt eigentlich Klavier üben.

JEAN-MARIE. Aber wir proben hier! Woher haben Sie den Schlüssel?

HERMANN. Vom Pförtner. Für heute und morgen.

JEAN-MARIE. C'est toujours la meme chose - der alte Konflikt mit der Hochschule! Das ist schon fast Boykott. Kaum proben wir hier Neue Musik, schon gibt der Pförtner die Zweitschlüssel heraus.

VOLKER. Das ist außerdem der Kammermusikraum, wir proben hier immer.

JEAN-MARIE. Der steht uns zur Verfügung.

HERMANN. Ja gut, aber wo soll ich jetzt üben?

JEAN-MARIE. Ce n'est pas mon probleme.

Jean-Marie geht zu seinen Musikern zurück, die von dem Gespräch mit Hermann kaum Notiz genommen haben. Die Proben gehen weiter. Jean-Marie gibt das Einsatzzeichen. Das Spiel ist so innig und klingt in Hermanns Ohren so fremdartig, daß er, der immer noch den Schlüssel in Händen hält, ganz andächtig wird und sich, von den Musikern unbemerkt, auf ein kleines Podium setzt und bescheiden zuhört.

HERMANN. Wie beneidete ich die älteren Semester! Sie waren die Herren über alle Möglichkeiten. Hochmütig, untereinander verschworen und in Opposition zurganzen Welt. Sie verstanden sich als die Propheten der Neuen Musik. Alles war gut, was d ie Generation der Professoren erschntterte. Diese Avantgarde-Musik, sie faszinierte mich so, wie mich die fremde Stadt faszinierte.

Die Sätze dieser Avantgarde-Komposition sind sehr kurz. Schon bereiten sich die jungen Musiker auf ihren dritten Satz vor. Hermann ist gespannt.

JEAN-MARIE. On continue! Troisieme mouvement.

VOLKER. O. k., dazu möchte ich noch sagen, das ist eine Synthese aus dieser bewegten Statik des ersten Satzes und der flächigen Liegeharmonik des zweiten Satzes. Alles an einer Sechzehntel Baßkette aufgereiht, o. k.? Wenn ihr ganz statisch und ausdrucksstark die melodi-schen Phrasen durchzieht!

Volker beginnt nun ein rhythmisches Vorspiel auf dem Flügel. Der andere Pianist und die Schlagzeugspieler setzen ein. So entwickelt sich ein Klanggebilde, das auch die Spieler selbst begeistert. Hermann hat sich unbemerkt aus dem Raum gestohlen. Erst als der letzte Ton verklungen ist, bemerken die Musiker, daß sie wieder unter sich sind.

JEAN-MARIE. Jetzt ist er weg.
 

133 Musikhochschule, Treppenhaus

Hermann will das Hochschulgebäude verlassen. Nachdenklich geht er durch die gläserne Schwingtür. Hier spricht ihn jemand an. Es ist Juan, der traurig an der Außenseite der Tür gewartet hat. 

JUAN. Hallo!

HERMANN. Ah, guten Tag. Sie habe ich vermißt. 

JUAN. Ich bin nicht angenommen worden. Vielleicht muß ich jetzt München verlassen. 

HERMANN. Das verstehe ich net. Sie haben doch am schönsten gespielt von uns allen! 

JUAN. Aber die Professoren sagen, es sei Folklore. Es ist aber keine Folklore. Es ist einfach. . . einfach Kunst. 

Juan steht ganz geknickt vor Hermann. Auch Hermann hat heute keinen guten Tag. Die beiden sehen sich an. 

HERMANN. Wollen wir zusammen in die Mensa gehen? JUAN.O. k., gehen wir. 
 

134 Mensa der Universität

Hermann fühlt sich beim Betreten des Mensaraums genauso fremd und unsicher wie Juan. Beide suchen sie einen freien Tisch. Schließlich setzen sie sich in eine Ecke, in der auch andere Musikstudenten sich nieder-gelassen haben.

An einem der Musikertische wird ein »Löffelkonzert« improvisiert: Die jungen Musiker trommeln mit allen Gegenständen, die sie finden kön-nen, einen wilden Rhythmus, der sich steigert. Immer neue Ideen werden gefunden, Geräusche und Töne zu erzeugen: Klatschen auf die Wangen, Trampeln, Stöhnen, in Teekannen brüllen, den Heizkörper mit Löffeln bearbeiten, gegen die Fensterscheiben trommeln, Pfeifen. Juan beteiligt sich an dem Konzert und findet so seinen Mut wieder.

Als Hermann von der Essensausgabe zurückkommt, ist ein Hexenkessel von rhythmischem Lärm entstanden, den die anderen Studenten durch Protestschreie zu beenden versuchen. Hermann nimmt neben Juan Platz und fängt an zu essen.

HERMANN. Und, was machen Sie jetzt in Deutschland?

JUAN. Warten. Warten ist überhaupt kein Problem für mich.

HERMANN. Ich kann nicht warten. Warten macht dumm. Und die, die uns warten lassen, die halten uns auch für dumm. Ich tät weggehen oder fliehen. Sagen wir du zueinander?

Die beiden schweigen, essen und sehen in die überfüllte Mensa.

JUAN. Gut.

HERMANN. Ich heiße Hermann W. Simon.

JUAN. Ich bin Juan Ramon Fernandez Subercasseaux.

Hermann und Juan schütteln sich die Hände. So besiegeln sie die soeben geschlossene Freundschaft.

HERMANN. Subercasseaux, klingt irgendwie französisch.

JUAN. Subercasseaux, Name meiner Mutter, sehr chilenisch.

HERMANN. Guten Appetit, Juan.

JUAN. Manmanchi.

HERMANN. Was heißt dat denn?

JUAN. Das ist chinesisch. Wörtlich: langsam essen. Aber es bedeutet: Guten Appetit.

HERMANN. Langsam essen. ..

Als Hermann der Bedeutung dieses chinesischen Wortes hinterhersinnt, sieht er Clarissa, die Cellistin, die in Begleitung von Volker, einem der Avantgarde-Musiker, von der Essensausgabe her den Mensaraum be-tritt. Juan bemerkt, daß Hermanns Gedanken abschweifen. Er sieht den neuen Freund fragend an. Hermann schrickt unvermittelt aus seinen Träumen auf.

HERMANN. Ich hab nur gemeint, ich hätte eine Bekannte gesehen.

JUAN. Ist sie es nicht? Schade.

HERMANN. Ich kenne sie überhaupt nicht.

JUAN. Hast du Angst vor Frauen ?

HERMANN. Ich glaube net.

Clarissa und Volker haben irgendwo in der Tiefe des Mensaraums Platz genommen. Beide bemerken sie die Blicke von Hermann und Juan.

Sie vertiefen sich in ihr Gespräch und das Essen. Juan versucht, Her-mann in die Gegenwart zurückzubringen.

JUAN. Sehnsucht, das ist ein sehr schönes deutsches Wort: »Sehnsucht« - »Nostalgia«, nein, »Ansiedad«.

HERMANN. Ich habe geschworen, mich nie mehr zu verlieben. Glaubst du mir das ?

JUAN. Nein, ich glaube das nicht.

HERMANN. Das müssen Sie mir aber glauben. . . dat mußt dau mir aber glauben!

JUAN. Dau?

HERMANN. Du!

JUAN. Du hast einen komischen Akzent. Wo bist du her?

Hermann fängt an, Juan seine Herkunftsgeschichte zu erzählen. Die

Mensa leert sich, die Mittagszeit geht zu Ende.
 

135 Vorortstraße, Schauspielschule

Inzwischen hat Hermann ein Fahrrad. Er fährt durch die kleine Vorort- straße auf der Suche nach dem ehemaligen Einfamilienhaus, in dem die private Schauspielschule sein soll.

HERMANN. Ich hatte am Schwarzen Brett der Hochschule eine Anzeige gelesen: »Sprecherziehung - Kurse zur korrekten Aussprache des Hochdeutschen«. Die pri?Jate Schauspielschule, in der es diese Kurse gab, lag außerhalb der Stadt. Aber ich hatte ja mein Fahrrad, das mir aus dem Hunsrück geschickt worden war. - Ich wollte auch so sprechen wie diese Kinder aus den guten Familien, die aus den Städten kamen. Ohne diesen Misthaufengeruch meines Bauerndialekts. Ich wollte sprechen, wie es geschrieben stand. Die Sprache der Dichter und Denker.
 

136 Schauspielschule

Wieder betritt Hermann ein Milieu, das ihm gänzlich fremd ist. Er hat aber schon mehr Mut als in den Anfangswochen. Nachdem zwei Schauspielschülerinnen ihm den Weg gewiesen haben, gelangt er in eine Art Wohnzimmer. Dort steht ein Spiegel, aus dem Hermann sich plötzlich wieder beobachtet fühlt. Er wendet sich um und starrt in das verängstigte Selbstbildnis.

Das Haus ist voll von rezitierenden, tanzenden, fechtenden, schauspielernden oder singenden Leuten. Die Ubungsstunde bei Herrn Rossie bringt Hermann fast in die Rolle eines Dorftrottels, dem man erst das Sprechen beihringen muß.

LEHRER. Und jetzt bitte locker! Ich hatte ja selbst das Problem. Hört man mir noch an, daß ich aus Bad Godesberg komme?

HERMANN. Nein, da s merkt man überhaupt n i c h t !

LEHRER. Ich han emol so jesproche...

HERMANN. Es ist fürchterlisch, daß isch so spreche. Aber bei Hochdeutsch komme ich mir vor, als ob ich lüge.

LEHRER. Ihre Lippen werden sich schon daran gewöhnen. Also, noch mal ganz ruhig. Lockerer Unterkiefer, das Gaumensegel leicht wölben, die Zungenränder an den Gaumen und dann: Chchchi.

Hermann stellt sich ungeschickt an. Sein Gesicht spricht Bände. HERMANN. Chchchi...

LEHRER. Ja, aber nicht die Lippen vorstülpen . . . Chchch . . . HERMANN. Chchchi.

LEHRER. Gut so. Wir werden den Hunsrück schon besiegen! Sie sind doch Musiker. Sie wissen doch, was Disziplin ist. Also, sprechen Sie mir nach: Ich möchte.

HERMANN. Ich möchte.

LEHRER. Ich rechne.

HERMANN. Ich rechne.

EEHRER. Mädchen.

Dieses Wort bekommt zusätzliche Bedeutung für Hermann, weil gerade eines der Mädchen aus der Schauspielschule durch das Glasfenster hereinschaut. Hermann reißt sich zusammen.

HERMANN. Mädchen.

EEHRER. Milch.

HERMANN. Milch. LEHRER. Eichel.

HERMANN. Eichel.

Schon wieder so ein verfängliches Wort! Inzwischen haben sich andere neugierige Augen an der Scheibe eingefunden.

LEHRER. Wo gucken Sie denn da hin? Es ist Unterricht! Schauen Sie lieber auf meine Lippen. Ich dichte, spricht der Dichter, und verbricht fürchterliche Gedichte.

Der Sprecherzieher scheint einen Unfall erlitten zu haben, denn er stützt sich auf eine Krücke, während er Hermann den »Ch«-Laut beibringt. Hermann irritiert auch dies.

HERMANN. Ich dichte, spricht der Dichter, und verbricht fürchterliche Gedischte.

LEHRER. Ja, mit ein bißchen mehr Ausdruck, da tun Sie sich leichter: Ich dichte, spricht der Dichter, und verbricht fürchterliche Gedichte.

HERMANN. Ich dichte, spricht der Dichter, und verbricht fürschterliche Gedichte.

Jetzt haben sich die affektierten Schauspielschüler zu einer kleinen Prozession aufgereiht und kommen in das Unterrichtszimmer, indem sie die verschiedenen Ubungstexte der Sprecherziehung rezitieren und da-mit ein surreales Stimmengewirr erzeugen. Die Texte sind so absurd, daß Hermann ratlos in dem Kreis steht, den die Studenten um ihn und den Lehrer bilden.
 

137 Vorortstraße

Hermanns Rückweg in die Stadt ist auch ein Weg durch den Dschungel dieser Wörter und Ubungstexte. Auf seinem Fahrrad versucht er es rhythmisch. Er koordiniert die Ubungstexte mit dem Takt des Pedaltretens. Hermann versucht, seinen Mund an das Hochdeutsche zu gewöhnen.

HERMANN . . . durch Morcheln. . . ScheiPhunsrück! . .. Der Dichter verbricht lächerliches nichtig. .. Geschwätz. . . wichtige Mistviecher, recht berechtigte Rechtsansprüsche. .. -ansprüche. . . echt chemische Brechmittel . . .
 

138 Musikhochschule, Kompositionsklasse

Das Unterrichtszimmer von Professor Mamangakis ist wie üblich leer. Die beiden Flügel stehen aufgeklappt im Gegenlicht. Hermann, der gleich beim Eintreten merkt, daß der Professor offenbar wieder mal nicht da ist, schlendert durch den Raum, klimpert im Vorbeigehen ein paar Töne auf einem der Flügel und will gerade wieder weggehen, als sich eine Nebentür öffnet und der Professor hereintritt. Hermann erschrickt. Er grüßt hastig und nimmt Haltung an.

PROFESSOR MAMANGAKIS. Sie wünschen? Ah, ja, Herr Simon, kommen Sie mal rein. Was haben wir Neues?

HERMANN. Ich habe ein kleines Stück dabei.

PROFESSOR MAMANGAKIS. Was für eine Besetzung?

HERMANN. Das ist für eine Singstimme. Die Begleitung ist Querflöte und Cello.

PROFESSOR MAMANGAK1S. Aha, ganz selten ist diese Besetzung.

Der genialisch auftretende Kompositionsprofessor mit Künstlermähne und südländischem Akzent hat Hermann zu einem der Flügel geführt und ohne Umstände sein Notenblatt auf das Notenpult gestellt. Hermann hat noch gar nicht begriffen, daß er den Starprofessor wirklich getroffen hat - und schon muß er zeigen, was er komponiert hat.

HERMANN (sichtlich verlegen). Das ist der Anfang. Aber es ist ja nur ein ganz kurzes Stück.

PROFESSOR MAMANGAK!S. Ich sehe. Ich glaube, das ist wohl ein bißchen dodekaphonisch. Können Sie mir die Singstimme singen, mit Ihrer Stimme? Bitte!

HERMANN. Für mich ist das ein Entwurf. Nur diese Stimme?

PROFESSOR MAMANGAK1S. Ja, ja, nur diese Singstimme, ohne die Begleitung! Wenn Sie die Singstimme spielen, aber spielen Sie nebenbei. Ich möchte es hören. Spielen Sie diese Melodie.

Hermann kann wirklich nicht singen. Obwohl er die Töne mitspielt,

trifft er selten den gemeinten Ton. Da hilft auch nicht, daß Hermann die Stirn in Falten legt und die Schultern hochzieht. Es klingt ziemlich jämmerlich, was er da zu seinem eigenen Text komponiert hat: »Oh ferne Wogen . . . « Auch der weitere Text bleibt unverständlich.

Der Professor bleibt bei alldem aber freundlich. Er spürt wohl, daß sein Schüler unter der neuen fremden Umgebung leidet und ohne menschli-che Nähe lebt. Er führt Hermann ans Fenster, schaut mit ihm auf die herbstliche Stadt hinunter und gibt ihm in seinem schlechten Deutsch Ratschläge fürs Leben und fürs Komponieren.

PROFESSOR MAMANGAKIS. Es ist festgestellt, daß manche Kollegen... große Kollegen, die für jemand komponiert haben, sagen wir für eine Frau. Es ist viel besser, wenn man verliebt ist, wirklich! Man spürt viel besser, man komponiert viel besser. Nur was man liebt, existiert, bleibt und funktioniert.

Unten im Hof der Hochschule nähert sich die junge Cellistin mit ihrem Instrument. Hermann reckt den Kopf, kann aber den weiteren Weg von Clarissa nicht mehr verfolgen. Die Worte des Professors klingen wie von fern.
 

139 Musikhochschule, Celloklasse

Clarissa in der Cellostunde bei Professor P. Auch hier ein Starprofessor, der seine Schülerin mit den Allüren einer Diva behandelt. Aufgeregt und mit großen Gesten bewegt sich der Professor im Raum, singt mit Clarissas Cellospiel mit, lobt sie, erleidet Schmerzen bei einigen Tönen und unterbricht begeistert, als sie eine Sequenz aus der Cellosonate e-Moll, Opus 3 8 von Johannes Brahms beendet hat.

PROFESSOR P. Fein. Und jetzt schreibt er »dolce« vor. Also etwas total anderes als »espressivo«.

Clarissa vertieft sich wieder in ihr Cello. Aber ehe sie noch den Bogen ansetzen kann, unterbricht der Professor sie aufs neue.

PROFESSORP. Mir fällt gerade ein: Fühlen Sie sich immer noch so einsam und verlassen hier in München?

CLARISSA. Ich hab ja mein Cello.

PROFESSOR P. Na klar, das ist eine gute Antwort, aber sie ist mir ein biEchen zu brav, nicht? Also, ich weiß, daß Sie fleifig sind. Und das höre ich ja auch, aber ab und zu, es ist schwierig, nur mit dem Cello, da kriegen Sie ja nicht neue Freunde.

Clarissa blickt auf. Sie spürt, daß der Professor im Begriff ist, ihr den Hof zu machen. Sie blockt ab.

CEARISSA. Warum?

PROFESSOR P. Also, manchmal, da kommen Sie mir doch sehr ehrgeizig vor. Aber Sie sollten sich auch ab und zu ein bißchen mehr Freude gönnen. Freude als Frau, meine ich.

Clarissa spielt statt einer Antwort die »Espressivo-Sequenz« aus der Brahms-Sonate. Sie spielt so trotzig und aufbegehrend, daß der Professor gleich versteht, wie die Antwort gemeint ist.

CLARISSA. Ich weiß selbst, was ich brauche!

Professor P. gibt sich einen Ruck. Er wechselt ganz bewußt das Thema, ist jetzt wieder ganz offiziell.

PROFESSOR P. Gut, dann gehen wir zu Webern, dann machen wir einen großen Sprung und schauen uns mal an, was hier an Problemen auf uns zukommt.

Professor P. hat Clarissa kurzerhand das Cello weggenommen und setzt sich damit an ihre Seite. Er beginnt, ihr vorzuspielen, was er mit Worten nicht sagen kann.

PROFESSORP. Die drei berühmten Stücke. Zuerst setze ich mal den Dämpfer auf. So! Und das dritte dieser Stücke ist fur mich ein bißchen

wie unser Brahms von eben: der Anfang mit einem sehr aggressiven - ich würde fast sagen: männlichen - Beginn und dann eine sehr feminine und zarte Antwort. Also, da ist schon eine Parallele, paß auf! Also, der Anfang ist ganz am Steg zu spielen, mit einer großen klanglichen Aggression. Keine Angst davor.

Clarissa hat sehr genau aufgepaft und zugesehen, wie der Professor den Beginn des dritten Stückes aus den »Drei kleinen Stücken für Violoncello und Klavier«, Opus II von Anton Webern spielt. Professor P. unterbricht sich, wendet sich wieder an die Schülerin.

PROFESSOR P. Und der nächste Einsatz des Cellos - es kommen drei Takte für Klavier alleine-, der nächste Einsatz ist ein berühmtes, langes hohes F. Ganz leise mit einem anschwellenden Crescendo, und wir gehen wieder zurück. Das ist wirklich sehr schwierig. Ich hoffe, daß es mir jetzt beim ersten Mal gelingt, wenn ich es dir vorspiele, und dann arbeiten wir daran, wie man das erzeugt, letzten Endes.

Clarissa sieht zu, wie Professor P. seinen sensiblen Mittelfinger auf die A-Saite setzt und den Ton formt. Während das »berühmte F« ins Vibrato übergehend anschwillt, fliegen Clarissas Gedanken weit weg in Traumwelten.
 

140 Musikhochschule, Gänge

Hermann kommt noch ganz in Gedanken aus seiner Kompositionsstunde. Er sieht auch nicht, wohin er geht, blättert in seinem Notenheft, während er durch den Hochschulgang eilt. Clarissa nähert sich aus der Gegenrichtung. Im Türdurchgang zum Seminartrakt prallt sie mit voller Wucht mit Hermann zusammen. Beide sind sie ganz benommen, starren sich an und bringen keine Worte heraus. Clarissa hat beim Aufprall ihr Notenheft fallen gelassen. Hermann hebt es ihr auf.

CCARISSA. Danke!

Clarissa geht weiter, noch ehe sie richtig begriffen hat, was passiert ist. Hermann starrt hinter ihr her. Er ist wieder dieser ungeschickte Junge vom Land, der sich in ungewohnten Situationen nicht zu helfen weiß. Clarissa scheint es nicht anders zu ergehen. Nun dringen fremdartige Töne an Hermanns Ohr. Er weiß nicht, was sie bedeuten. Auch scheint es, daß Hermann die Richtung nicht erkennen kann, aus der diese Töne kommen. Er macht sich auf die Suche.
 

141 Musikhochschule, Ubungszimmer

Die Tür zu einem der Ubungszimmer steht weit offen. Hermann erkennt sofort Volker, den Avantgarde-Musiker, der mit Clarissa befreundet ist. Ein Grund für Hermann, ein paar Worte mit dem Kommilitonen zu wechseln. 

HERMANN. Was machen Sie denn da? 

Volker betätigt sich an einem der Flügel. Er sieht dabei mehr wie ein Mechaniker aus als ein Musiker. Er zerlegt den Flügel regelrecht, befestigt allerlei Gegenstände aus Metall, Holz oder Kunststoff im Innern des Instruments, schlägt dabei Töne an, korrigiert sich und verändert so den Klang des Flügels vollkommen. 

VOLKER. Ich präpariere den Flügel für mein neues Klavierstück. 

HERMANN. Klingt toll! Sicherheitsnadeln, Radiergummi, Schwämme, ein Schlüssel, Papprolle und Schere. Und wie notieren Sie so was? 

VOLKER. Da ist nichts Besonderes dabei, das ist ganz normal. Reichen Sie mir bitte den Stimmschlüssel da hinten? 

Während Hermann näher kommt, verkriecht sich Volker noch tiefer in das Klavier. Er deutet auf eins der Werkzeuge. Hermann holt den Stimmschlüssel, reicht ihn Volker in die Hand. Volker beginnt, einen Ton nachzustimmen. 

HERMANN. Darf ich Ihnen denn mal was von mir zeigen? Volker richtet sich auf, sieht Hermann genauer an. 

VOLKER. Ich kenn Sie doch von irgendwoher. Sind Sie denn nicht einer von den Neuen? Habe ich Sie nicht in der Kompositionsklasse gesehen? 

HERMANN. Ja, bei Professor Heinrich. 

VO LKER. Ein alter Nazi. 

Volker wendet sich wortlos von Hermann ab und setzt seine Arbeit am Flügel fort. 
 

142 Musikhochschule, Treppenhaus

Im großen Marmortreppenhaus herrscht reges Leben. Studenten und Lehrkräfte eilen geschäftig die breiten Steinstufen hinauf und herunter. Eine Studentin verteilt Handzettel: »Konzerte junger Komponisten im Amerikahaus mit Werken von Volker Schimmelpfennig und Jean-Marie Weber«. Als Solistin wird Clarissa Lichtblau erwähnt. So erfährt Hermann Clarissas vollen Namen.

Auch Clarissa ist auf den Treppenstufen erschienen. Uberraschenderweise befindet sie sich in Begleitung von Juan. Wenige Augenblicke später regnet es diese Handzettel, die über dem Text Clarissas Portrait zeigen, zu Hunderten von den oberen Stockwerken in die Treppenhalle herab. Die Studenten versuchen die Zettel noch aufzufangen, aber es sind zu viele. Wie ein Schwarm weißer Vögel flattern sie unter der Lichtkuppel hinunter auf die Menschen.

Volker wird oben auf der höchsten Galerie sichtbar, offenbar ist er es, der den Zettelregen ausgelöst hat. Er ruft in die Halle hinein: »Die Musik ist tot, es lebe die Musik!« Clarissa hat den Freund erkannt. Sie ruft Volkers Namen, lacht und sieht sich plötzlich umgeben von Hermann, Juan und von anderen Studenten, die fleißig ihre Einladungszettel und ihr Portrait einsammeln.
 

143 Musikhochschule

Der Herbst hat den Sommer besiegt. Vor den Gebäuden der Hochschule weht der Wind das Laub auf und läßt es auf die regennasse Straße fallen. Der Eingang und die Fensterreihen im Obergeschoß des Gebäudes zeigen Festbeleuchtung. Es findet ein Abendkonzert statt, zu dem Rob und Reinhard, verspätete Gäste, noch eilen.
 

144 Musikhochschule, Treppenhaus

Rob und Reinhard sind die beiden Jungfilmer. Sie haben es eilig, noch rechtzeitig zu dem Konzert zu kommen. Sie hetzen die Treppen empor, lassen sich aber nicht abhalten, im Gehen ihre Kommentare über den pompösen Führerbau abzugeben.

ROB. Harter deutscher Marmor!

REINHARD. Blödsinn, polierter Gips ist das. Deswegen ist er im Krieg auch stehengeblieben.

ROB. Komm jetzt!

REINHARD. Dahinten hat Hitler die Münchner Verträge unterzeichnet. Weißt du das?

ROB. Das können wir aber nicht filmen!

REINHARD. Genau das wollen wir aber! Die beiden sind im ersten Obergeschoß angekommen und eilen an dem Zimmer vorbei, in dem Chamberlain, Mussolini, Daladier und Hitler im September I93 8 die »Münchner Verträge« unterzeichnet haben.
 

145 Musikhochschule, Konzertsaal

Rob und Reinhard erreichen einen Vorraum, der das Treppenhaus mit den Eingängen zum großen Konzertsaal verbindet. Hier haben ihre Freunde Stefan und Ansgar ein kleines Tonstudio improvisiert: Das Federwerk-betriebene Tonaufnahmegerät, das Ansgar schon bei den Dreharbeiten am Königsplatz bediente, läuft auf »Aufnahme«. Ansgar ist ganz Profi mit seinem weißen Kittel und dem Kopfhörer. Aus dem Saal nebenan ertönt Frederic Chopins »Polonaise Brillante« CDur, Opus 3, für Klavier und Cello. Volker Schimmelpfennig und Clarissa Lichtblau spielen das effektvolle Stück vor einem gut gefüllten Saal mit Studenten und Professoren. Volker erweist sich als hervorragender Pianist, der die vielen Läufe virtuos vorträgt und an den romantischen Stellen liebevoll auf Clarissa eingeht. Dies ist gewiß kein Avantgarde-Vortrag, aber er zeigt große Beherrschung der Instrumente. Hermann sitzt neben Juan in der zweiten Reihe. Beide haben sie nur Augen für Clarissa, die in ihrem blauen Konzertkleid und mit den frischen Locken besonders anziehend wirkt. Juan beugt sich zu Hermann.

JUAN. Hast du das gesehen?

HERMANN. Was?

JUAN. Sehnsucht - überall. Und in allen Gesichtern sieht man Sehnsucht!

Hermann versucht zu überprüfen, was Juan da sagt. Er dreht sich um. Aber er spürt nur seine eigene Sehnsucht.

HERMANN. Ah, wenn ich nur halb so gut spielen könnte wie der Volker Schimmelpfennig.

JUAN. Man muß vorsichtig sein mit seinen Wünschen.

HERMANN. Mit seinen Wünschen? Warum?

JUAN. Weil sie in Erfüllung gehen könnten! Volker und Clarissa steigern sich in das brillante Frühwerk Chopins. Sie lassen deutlich ihre Ironie spüren, die sie gegenüber dieser Art von Musik heute empfinden.

Stefan, der eine Zeitlang im Saal gestanden hat, um das Konzert aus der Nähe zu erleben, begibt sich zu den Freunden in den Vorraum zurück. Es ist ihm etwas eingefallen, was er zur Sprache bringen möchte.

STEFAN. Wer opfert sich und macht einen Monat lang ein Praktikum in der Kamerafabrik von Arri?

ANSGAR. Wird das gut bezahlt?

STEFAN. Nein, überhaupt nicht. Das ist die Bedingung dafür, daß wir kostenlos eine Filmkamera bekommen für drei bis vier Wochen.

RETNHARD. Und das ist alles?

STEFAN. Na ja, auf jeden Fall also: »Die Kamera, Buabn, die kriegst erst, wenn ihr wißt, wie ihr's zerlegt, Schraube für Schraube, und wieder zusammensetzen könnt's, gell ? « hat er gesagt.

REINHARD. Das hat er gesagt?

STEFAN. Wörtlich.

ANSGAR. Wer?

STEFAN. Herr Arnold, der Besitzer der Kamerafabrik.

Als Stefan von Ansgar und Reinhard keine Antwort erhält, geht er auf Zehenspitzen zu Rob, der in einer der Parkettreihen Platz genommen hat. Rob ist in die Musik vertieft, als Stefan ihn anspricht.

STEFAN. Also, ich bin für so was untalentiert.

ROB. Weißt du was? Ich mache das Praktikum beim alten Arri.

Rob hat eine Studentin erkannt, die sich nach ihm umsieht und verfüh-rerisch lächelt. Stefan beobachtet Robs Erfolg bei den Frauen. Er scheint als Organisator der Filmemachergruppe gar keinen Sinn dafür zu haben.

Volker und Clarissa sind am Ende des Chopin-Stückes angekommen. Sie fetzen die Coda genußvoll herunter und ernten einen großen Ap-plaus für ihren Vortrag. Im Vorraum ist Aufbruchstimmung. Ansgar ist mit seiner Musikaufnahme fertig. Er kurbelt das Tonband zurück. Reinhard sieht ihm zu.

STEFAN. Mal Klavierstunden gehabt?

REINHARD. Nein.

ANSGAR. Mich haben sie fünf Jahre mit sowas gequält. Die ganze verlogene Familienkacke. Beethoven, Bach, heilig, heilig! Auch Reinhard interessiert sich nicht für klassische Musik.

REINHARD. Kennst du Chuck Berry?

Ansgar lacht. Er scheint Reinhards Musikgeschmack zu teilen. Stefan kommt herein.

STEFAN, Reinhard, bleibst du noch hier?

RETNHARD. Nee.

Stefan trinkt aus seiner Milchflasche und wartet, bis die Freunde alles abgebaut und eingepackt haben.

Die Bühne des Konzertsaals ist in zwei Hälften geteilt worden, die dem Programm des Abends entsprechend verschieden dekoriert sind:

Für das Salonstück von Chopin gab es auf der rechten Seite einen klassischen Hintergrund mit Vorhängen, Salonbeleuchtung, Flügel, Lüster. Auf der linken Bühnenhälfte, zu der Jean-Marie, der Veranstalter des Abends, jetzt hinübergeht, sind futuristisch wirkende Aluminiumrohre aufgebaut, ein sehr technisch wirkendes Bühnenbild, das die beiden Schlagwerkgruppen von Christos und Mac einrahmt. Das Ganze ist in eisiges blau-grünes und pinkfarbenes Licht getaucht. Jean-Marie absolviert seine Conference betont lässig. Er hat die Ärmel seines Rollkragenpullis hochgekrempelt und liest aus einem mitgebrachten Spickzettel.

JEAN-MARIE. »Persona« ist ein Werk, das die knapp gewordene Zeit unserer Welt zum Thema hat. Es dauert exakt eine Minute. Es strukturiert diese Minute. Es ist der Versuch, Ihnen Zeit unmittelbar ins Bewußtsein zu rücken. Sie erleben eine Minute Lebenszeit, umgeformt in musikalische Zeit. Zu diesem Zweck haben wir diese Stoppuhr über Ihren Köpfen angebracht, damit Sie den Zeitablauf, ebenso wie die Musiker, verfolgen können.

Die Köpfe der Zuhörer wenden sich in die von Jean-Marie angedeutete Richtung. Ein riesiges Ziffernblatt wird wie mit Geisterhand von der Saaldecke herabgesenkt. Der Sekundenzeiger dreht sich schon und kündigt das Zeitmaß des nächsten Musikstücks an. Die Zuschauer staunen. Auf der Bühne folgt sogleich der nächste Auftritt der jungen Experimentalmusiker, allen voran Clarissa mit ihrem Cello. Sie trägt jetzt einen schwarzen Herrensmoking mit weißer Fliege. Die beiden Schlagzeugspieler treten in Badehosen auf, was sofortiges Pfeifen und Johlen im Saal auslöst.

JEAN-MARIE. Es spielen: Clarissa Lichtblau, Violoncello; Mac Lindinger und Christos Jochimedes, Schlagwerk.

Jean-Marie beginnt nun mit dem Conntdown. Er beobachtet dabei den großen Sekundenzeiger, der sich über den Köpfen des Publikums auf die volle Minute zubewegt. So gibt Jean-Marie den jungen Kollegen den Einsatz für ihre Darbietung. Die Cellistin und die beiden Schlagzeugspieler zu ihren beiden Seiten spielen exakt nach den Noten, die sie vor sich aufgebaut haben, aber sie erzeugen dabei keine Töne. Die Spielvorschrift besagt, daß sie alle Schläge, alle Griffe und Bogenstriche genau nach Partitur auszuführen haben, aber mit der Lautstärke Null. Es ist ein »unhörbares Pianissimo«. Was dabei bewußt gemacht und vorgeführt wird, sind die Bewegungen, die ungewollte Pantomime, die Absurdität des Musikergestus bei gewissen Spielabläufen. Musik wird zum Theater. Gleichzeitig wird gegen alle Konventionen des Konzertlebens verstoßen. Das Publikum reagiert verärgert, empört, amüsiert, begeistert: Es polarisiert sich innerhalb einer halben Minute.

In der dreifigsten Sekunde spielen nun die Musiker hörbar und »normal« -nach fünf Sekunden aber kehren sie zum stummen Spiel zurück Das ist ein zusätzlicher Anlaß für Zwischenrufe. Exakt nach einer Minute beenden die Interpreten auf der Bühne ihr Spiel, sinnen noch einen Augenblick hinter ihrem Werk her, dann erheben sie sich, lassen die Spannung abfallen und verbeugen sich.

Der Saal wird zum brodelnden Protest. Einzelne Zuhörer, datunter Hermann und Juan, versuchen tapfer, eine Applaus-Insel zu bilden. Jean-Marie tritt wieder auf und stellt den Komponisten vor, der nun eilig die Bühne betritt.

JEAN-MARIE. Der Komponist: Volker Schimmelpfennig!
 

146 Vor der Musikhochschule

Herbstlicher Nieselregen empfängt die Konzertbesucher, als sie das Gebäude verlassen. Hermann und Juan fühlen sich immer noch als Außenseiter. Sie stehen abseits, als Clarissa am Ausgang noch einmal beklatscht wird. Ein älterer Herr mit weißen Haaren hat die junge Cellistin am Fuße der Treppe erwartet und ihr einen prächtigen Blumenstrauß überreicht. Ein Student schützt sie mit seinem Regenschirm, bis sie den Gehsteig erreicht, wo ein eleganter Mercedes auf sie wartet.

Hermann hat sein Fahrrad auf der anderen Straßenseite abgestellt. Juan folgt ihm. Er ist von Clarissas Auftritt befremdet. Er hat begonnen, Hermann eine Geschichte zu erzählen.

JUAN. Kennst du das Märchen von der künstlichen Nachtigall - die Geschichte aus China?

HERMANN. Nein.

JUAN. Der Kaiser ließ sich von einem Uhrmacher einen künstlichen Vogel bauen, unendlich fein. Er konnte sich richtig bewegen. Und die kleine Maschine konnte sogar fliegen, setzte sich auf die Zweige vor den Fenstern des Palastes.

HERMANN. Wie der Vogel wohl gesungen hat?

JUAN. Schöner als alle lebenden Nachtigallen der Welt.

HERMANN. Also, ich glaub, mir ist die künstliche Nachtigall tausendmal lieber als die natürliche. Und dir?

JUAN. Der Kaiser verliebte sich.

HERMANN. In den Vogel?

JUAN. Ja. Es war schlimm. Der Vogel hatte keine Seele.

HERMANN. War der Teufel.

JUAN. Es war nur ein Uhrwerk.

HERMANN. Oder Magie.

JUAN. Sehnsucht!

Hermann hat während dieser Unterhaltung seinen Fahrradsattel abgewischt, die Kette aufgesperrt und sich zum Wegfahren vorbereitet. Jetzt hat Juan ihn in ganz fremde Gedankenwelten gelockt. Die beiden Freunde stehen im Regen und merken es nicht.

HERMANN. Ich erlebte, wie Juan sich die deutsche Sprache aneignete. Er entdeckte die Wörter, als wären sie fremde Landschaften. Sehnsu ch t! Er berauschte sich an diesem Wort.

Nur mit seiner Schwärmerei für die Liebe wollte ich nichts zu tun haben. Ich dachte an mein Gelübde aus dem Hunsrück! Nie mehr die Liebe! Ich wehrte mich gegen sie mit aller Kraft.

Der Mercedes mit dem weißhaarigen Herrn und Clarissa fährt geräuschlos an den beiden Freunden vorbei. Ganz deutlich können sie den Blumenstrauß auf Clarissas Schoß erkennen.
 

147 Bude von Clemens

Hermann hat schon feste Gewohnheiten angenommen. Er betritt sein Notquartier abends erst um die Zeit, zu der Clemens sich zum Ausgehen fertig macht. Auch seine Bewegungen sind zur Routine geworden: den Fahrradschlüssel an einen Nagel neben der Tür hängen, die Aktentasche auf den Boden knallen, die Schuhe neben der Kochstelle ausziehen, im Kochtopf nachsehen, ob Clemens etwas zum Essen übriggelassen hat, in irgendeine Richtung »n' Abend« sagen. Er hat eine Milchflasche mitgebracht. Clemens steht am Wandspiegel und rasiert sich.

CLEMENS. Hermann, da war jemand da für deisch.

HERMANN. Wer?

CLEMENS. Eine Frau. Zwo Stunden war sie da, um halb sechs ist sie wieder gange. In Hermanns Kopf beginnt sich alles zu drehen.

HERMANN. Eine Frau? Wie hat sie denn geheißen?

Hermann geht auf Clemens zu. Eine freudige Erwartung blüht in ihm auf.

CLEMENS. Ihren Namen hat sie net gesagt. Außerdem hat sie net viel geschwätzt. Hätt mich auch net interessiert.

HERMANN. Was hat sie denn gesagt?

Clemens rasiert sich in aller Gemütsruhe weiter. Hermanns Aufregung interessiert ihn in keiner Weise.

CLEMENS. Ei, was man so schwätzt. Ob ich auch aus dem Hunsrück komme, und ob ich in Simmern Abitur gemacht han. Aber ich hab net soviel mitgekriegt, hab noch gedöst. Weißt du, Hermann, das geht net so weiter. Ich hab die ganze Nacht durchgezockt, ich brauch meinen Schlaf. Morgens, mittags, immer dasselbe.

Hermann überlegt. Seine Augen durchsuchen das ganze Zimmer, als könnten sie die mysteriöse Besucherin noch als Schatten an der Wand oder als Luftbild entdecken. In Hermanns Bett ist eine Delle zu erkennen. Die Stelle, an der seine Besucherin gesessen hat. Unwillkürlich streckt Hermann seine Hand aus, um zu fühlen, ob das Bett noch warm ist.

HERMANN. Wie hat sie denn ausgesehen?

Clemens überlegt ein bißchen, dann rasiert er sich weiter.

CLEMENS. Groß war sie net, klein auch net. Einen Rock hat sie an, eine Blus, ich glaub, sie hat Locken. Aber mein Geschmack war sie absolut net.

HERMANN (ärgerlich). Laß emol deinen Geschmack fort! Hat sie dunkle Haare, dunkle oder helle Augen? Du mußt sie doch wenigstens angeguckt haben!

CLEMENS. Hermann, ich hab dahinten gelege und gedöst. Sie hat da gehockt, sie hat Zigarette geraucht, zwo Stück, hat in deinen Büchern rumgeblättert. Die Kippen hat sie in die Streichholzschachtel getan und mitgeholt.

Hermann kann nicht fassen, daß Clemens so uninteressiert ist. Er durchsucht noch einmal die Umgebung seines Bettes nach irgendeiner Nachricht oder einem geheimen Zeichen.

HERMANN. Und nix hinterlassen? Das gibt's doch überhaupt net!

CLEMENS. Ich konnte ihr ja net sagen, wann du heimkommst. Einmal kommst du morgens um sechs, andermal abends um acht, einmal die ganze Nacht net, Hermann, das geht net so weiter, ich brauch die Bud hier. Ich mache Musik nachts. Das war so vereinbart.

Hermann versucht es im guten. Er geht auf Clemens zu, schlägt einen versöhnenden Ton an und mimt Freundschaft.

HERMANN. Ach komm, Clemens, jetzt sei doch net so! Jetzt hilf mir doch rauszufinden, wer dat gewesen ist. War sie hier von München?

Clemens strengt seinen dicken Kopf an.

CLEMENS. München? Ich glaube net.

HERMANN. Warum net?

CLEMENS. So'n Gefühl. Außerdem sagte sie was von »Durchreise«. Aber Hermann, wenn die ebbes von dir will, dann kommt die noch mal.

Hermann fleht jetzt regelrecht. Er hält Clemens für verstockt.

HERMANN. Wenigstens die Augenfarbe könntest du mir doch sagen!

CLEMENS. Hell. Hell.

HERMANN. Hell?

Hermann wiederholt Clemens' Worte und geht nachdenklich im Zimmer umher. Es scheint, daß Clemens ihn auf eine Fährte gebracht hat. Da wendet der sich mit zweifelndem Gesicht vom Rasieren um.

CLEMENS. Oder, dunkel. Dunkel, Hermann. Doch, eher dunkel war's.

Jetzt verliert Hermann vollends die Fassung. Er hält immer noch seine Milchflasche in den Händen. Jetzt entledigt er sich des lästigen Gegenstands und knallt ihn auf den Nachttisch.

HERMANN. Du bist vielleicht ein Arschloch! Sitzt da zwei Stunden mit einer fremden Frau im Zimmer und guckst sie net an! Kommst du dir net selber blöd vor? Du sitzt auf deinen Augen und guckst mit dem Arsch! Du bist so'n richtiger blöder dicker Hunsrücker Arsch, beschränkt und bekloppt. Was machst du überhaupt hier in München? Dein blöd Getrommel, dat kannst du auch in Saarbrücken machen, oder in Mainz, wo man die Misthaufen vom Hunsrück noch riechen kann. Dat wär doch heimatlicher für deisch. Ich könnt aus der Haut fahren, wenn ich mir vorstelle, wie du durch die Gegend pennst. Wie ein blindes Hinkel, beschränkt und bekloppt.

Jetzt hat Clemens die Nase voll. Mit herunterhängender Hose und im Unterhemd watschelt er in seine Zimmerecke, um sich anzuziehen. Er ist beleidigt.

CLEMENS. Aha, so ist dat. Der empfindsame Student von der Musikhochschule! Kommt selbst wie en blind Hinkel hie nach Münsche, weeß sich vorne und hinte net zu helfe, ich geb ihm billig ein Zimmer, und dann? Dat ist der Dank dafür! Macht er auch noch Frechheiten dabei.

HERMANN. Ja, penn du nur ruhig weiter. Ich bezahle dei Zimmer ja genauso wie dau. Und außerdem hast du doch jemand gesucht, der bei dir einzieht, für die lumpigen vierzig Mark.

CLEMENS. Wenn du drauß bist, hab ich wieder sofort jemand hier für vierzig Mark. Dat ist in Münsche kein Problem!

HERMANN. Darauf freu ich mich schon, dat ich hier ausziehe kann, schon allein deswege, dat ich dein blöd Getrommele net mehr anhöre muß! Net emol Noten kannst du lesen!

CLEMENS. Louis Armstrong kann auch kei Note lesen.

Clemens hat den Pullover übergestreift und setzt sich an seine Trommeln, die er in der Ecke aufgebaut hat. Hermann schnappt sich seine Gitarre, seinen Notenständer und schickt sich an, das Zimmer zu verlassen.

HERMANN. Da gibt es aber noch gewaltige Unterschiede. Ganz gewaltige Unterschiede!

CLEMENS. Hermann, du bist heut so windsch, du bist heut überhaupt net zu gebrauche!

Clemens fängt an, nervös zu trommeln.

HERMANN. Du brauchst mich auch net zu gebrauche!

Hermann verläft das Zimmer.

HERMANN. Du bist vielleicht ein Arschloch! Sitzt da zwei Stunden mit einer fremden Frau im Zimmer und guckst sie net an! Kommst du dir net selber blöd vor? Du sitzt auf deinen Augen und guckst mit dem Arsch! Du bist so'n richtiger blöder dicker Hunsrücker Arsch, be-schränkt und bekloppt. Was machst du überhaupt hier in München? Dein blöd Getrommel, dat kannst du auch in Saarbrücken machen, oder in Mainz, wo man die Misthaufen vom Hunsrück noch riechen kann. Dat wär doch heimatlicher für deisch. Ich könnt aus der Haut fahren, wenn ich mir vorstelle, wie du durch die Gegend penust. Wie ein blindes Hinkel, beschränkt und bekloppt.

Jetzt hat Clemens die Nase voll. Mit herunterhängender Hose und im

Unterhemd watschelt er in seine Zimmerecke, um sich anzuziehen. Er ist beleidigt.

CLEMENS. Aha, so ist dat. Der empfindsame Student von der Musik-hochschule! Kommt selbst wie en blind Hinkel hie nach Münsche, weeß sich vorne und hinte net zu helfe, ich geb ihm billig ein Zimmer, und dann? Dat ist der Dank dafür! Macht er auch noch Frechheiten dabei.

HERMANN. Ja, penn du nur ruhig weiter. Ich bezahle dei Zimmer ja genauso wie dau. Und außerdem hast du doch jemand gesucht, der bei dir einzieht, für die lumpigen vierzig Mark.

CLEMENS. Wenn du drauß bist, hab ich wieder sofort jemand hier für vierzig Mark. Dat ist in Münsche kein Problem!

HERMANN. Darauf freu ich mich schon, dat ich hier ausziehe kann, schon allein deswege, dat ich dein blöd Getrommele net mehr anhöre muß! Net emol Noten kannst du lesen!

CLEMENS. Louis Armstrong kann auch kei Note lesen.

Clemens hat den Pullover übergestreift und setzt sich an seine Trommeln, die er in der Ecke aufgebaut hat. Hermann schnappt sich seine Gitarre, seinen Notenständer und schickt sich an, das Zimmer zu verlassen.

HERMANN. Da gibt es aber noch gewaltige Unterschiede. Ganz gewaltige Unterschiede!

CLEMENS. Hermann, du bist heut so windsch, du bist heut überhaupt net zu gebrauche!

Clemens fängt an, nervös zu trommeln.

HERMANN. Du brauchst mich auch net zu gebrauche!

Hermann verläBt das Zimmer.
 

148 Hof des Kohlen-Josef

Im Bürohäuschen des Kohlen-Josef brennt noch Licht. Hermann läBt Notenständer und Gitarre draußen stehen, als er höflich an die Tür klopft, um den Josef um den Schlüssel zum Vorderschuppen zu bitten.

Im Innern des Häuschens ist es sehr eng. In der Kammer neben dem kleinen Büro liegt Josef auf einer Pritsche, den Hut hat er noch auf dem rußgeschwärzten Kopf. Als Hermann leise die Tür öffnet, wacht Josef sofort auf.

KOHLEN-JOSEF. Ja, der Hermann - wegen dem Schlüssel!

HERMANN. Ja, genau.

KOHLEN-JOSEF. Hängt hinter dir.

Hermann nimmt den Schlüssel und bedankt sich.
 

149 Vorderschuppen

Vor dem verstaubten Schuppenfenster weht der Nachtsturm. Es hat wieder angefangen zu regnen. Hermann spielt auf seiner Gitarre Melo-dien aus seinen Schülerjahren im Hunsrück. Auch hier gibt es wieder einen Spiegel, in dem Hermann sein Bild entdeckt.

Da kommt der Kohlen-Josef herein. Er streckt dem traurigen Musiker einen langen Eisenschlüssel entgegen.

KOHLEN-JOSEF. Paß mal auf, i war heut beim Schweißer Schorschi in der HeBstraße. Der hat mir den Ring da auf den Schlüssel naufge-schweißt. Der ist für di. Damit, wenn i net da bin - da kannst aa rein, wenn'st üben willst.

Hermann nimmt den Schlüssel mit einem höflichen Dankoschön an.

HERMANN. Und das stört Sie wirklich nicht, wenn ich hier übe?

KOHLEN-JOSEF. Ach woher! I will dir mal was sagen: Vor dem Krieg, da haben hier im Haus zwei Kunstmaler gewohnt. Im Vorderhaus auf der Nordseiten. Die mögen nämlich kein Licht, was zum Fen-ster reingeht. Da hab i auch oft zuschauen dürfen. Der eine hat sogar amal meine Mutter portraitiert. 01 auf Holz, mei Liaber! I hab eam beim Grundieren geholfen. I war ja noch ein kleiner Bua. Aber die Künstler, die hab i immer schon mögen. Für mi san das die Fleißig-sten.

Josef hat sich zu Hermann herübergebeugt und ihn mit seinem blinden und seinem sehenden Auge angelächelt. Hermann fühlt sich getröstet.

HERMANN. Sind Sie denn hier in dem Haus geboren?

Josef sucht sich eine Arbeit und läft sich bei Hermann nieder.

KOHLEN-JOSEF. Net direkt. Drüben am Josefsplatz Nr. 4. I hab ja die Kohlenhandlung schon in der dritten Generation, also, der Grund gehört ja net mir, der gehört ja einem Anwalt, gegenüber vom Maxmonument wohnt der. Und der hat ja noch vier oder fünf andere Häuser im Lehel. Aber wie ich 47 aus der russischen Kriegsgefangen-schaft gekommen bin, da waren die ganzen Häuser in Trümmern. Bloß das Hinterhaus und der Keller da san noch gestanden.

Die erzählende Stimme von Josef und die kuschelige Wärme in diesem Schuppen geben Hermann ein fast vergessenes heimatliches Gefühl.

HERMANN. Soll ich das Stück von dem Bartok noch mal spielen?

KOHLEN-JOSEF. Paß auf, das brasilianische Stück vom Villa LoLos . . .

HERMANN. Ja?

KOHLEN-JOSEF... das hat mir narrisch gut gefallen. Das spielst!

Hermann ist erstaunt über den Musikgeschmack seines Vermieters.

HERMANN. Ah! Das hat Ihnen besser gefallen als das moderne?

KOHLEN-JOSEF. Heut, bei dem Sturm und bei dem Regen, da ist mir mehr nach dem Brasilianer zumute.

Jetzt sehen die beiden zum Fenster hinaus. Draußen zaust der Wind an einem alten Kohlensack.

HERMANN. Ich hätte da noch ein anderes Stück. Das paft auch sehr gut zu dem Regen und zum Alleinsein.

KOHLEN-JOSEF. Das hast auch selber komponiert?

HERMANN. Ja - aber das ist schon ein biEchen länger her.

Hermann nimmt seine Gitarre zur Hand. Er setzt die Finger auf das Griffbrett, zögert einen Moment. Dann spielt er die Klärchen-Melodie, eine sehr gefühlvolle Komposition aus der Zeit seiner ersten Liebe.

HERMANN. Ganz unerwartet hatte ich das Gefübl, angekommen zu sein, als wäre ich in all diesen Wochen noch auf der Reise gewesen. Als hätten die Räder der Eisenbahn noch in meinen Ohren gedröhnt. Jetzt wurde mein GeFör auf einmal weit.

Mein Musiklehrer Schiller sollte als erster im Hunsrück ein Lebens-zeichen von mir erhalten. Vielleicht wollte ich, daß er mich beneidete. »Manchmal fühle ich mich wie der Zauberlehrling bei Goethe, der nur darauf wartet, die Geister rufen zu können. Es gibt hier in München alles, wovon man träumen kann, und die Musik ist mein >Sesam-öffne-dich.. Ich habe auch schon Freunde getunden, die genauso denken wie ich. Ich wohne vornbergehend bei Clemens Bongard aus Simmern, der tatsächlich ein Jazzmusiker geworden ist. Sie sehen, daß der Hunsrück mich verfolgt, aber ich hoffe auch, daß er nicht ewig an mir kleben bleibt. - Es lebe die Freiheit.

Ihr Hermann Simon «
 

150 Postamt

Im Nachtregen kommt Hermann mit seinem Fahrrad an, steigt ab, eilt zu den Briefmarkenautomaten, kurbelt, klebt eine Marke auf eine Postkarte und wirft sie in den Briefkasten. Dann steht er an der Brüstung des Postamteingangs und sieht in den Regen hinaus.
 

151 Straße in Simmern

Der Kleinstadtbriefträger quält sich auf seinem gelben Fahrrad eine Bergstraße hinauf. Hinter ihm die Silhouette der Kreisstadt.
 

152 Gymnasium Simmern

Der Briefträger hat das Schulgebäude betreten. Er steigt die Steintreppe zu den Lehrerzimmern empor. In einer Fensternische des Obergeschos-ses steht der Musiklehrer Schiller mit vier Schülerinnen in eine Unterhal-tung vertieft. Der Briefträger überreicht Schiller die Postkarte von Hermann aus München. Als Schiller die Karte gelesen hat, wendet er sich an die vier Schülerinnen, hält ihnen die Ansichtskarte hin.

MUSIKEEHRER. Kennt ihr das?

SCHULERINNEN. München!

MUSIKEEHRER. »München leuchtet« . . .

Wißt ihr, wer das gesagt hat? Thomas Mann. Die Karte ist von unserem ehemaligen Schüler Simon. So etwas macht einen Lehrer stolz.

Die Postkarte zeigt die Türme Münchens im Sonnenlicht.
 

153 Hof des Kohlen-Josef

In dem Hof der Kohlenhandlung stehen die Kohlensäcke für die Kunden bereit. Josef ist schon auf den Beinen. Er hat das Gefühl, daß sich jemand seinem Revier nähert. Er schaut durch das trübe Bürofenster und wartet.
 

154 Bude von Clemens

Sehr behutsam öffnet Josef die Tür. Er weiß, daß Hermann ein Lang-schläfer ist. Vorsichtig legt er den Brief neben Hermanns Wange auf das Kopfkissen. Dann geht er weg, ohne daß Hermann ihn gehört hat. Josef überquert unten seinen Hof. Für ihn ist das ein Tag wie jeder andere.

HERMANN. »Lieber Hermann - mehr als vier Jahre ist es jetzt her, daß wir uns nicht mehr gesehen haben. Aber ich bin heute auf der Durchreise in München gewesen und habe wenigstens Dein Zimmer gesehen, Deine Bücher und Deinen Kameraden Clemens. Sehr gerne hätte ich auch Dich gesehen, um Dir nach der langen Zeit unendlich viel zu erzählen. Ich habe vier Stunden in Deinem Zimmer gewartet. Aber ich habe mich Clemens nicht zu erkennen geben wollen. In diesen Stunden bin ich langsam zu der Erkenntnis gekommen, daß Du inzwischen ein ganz anderes Leben führst als ich. Vielleicht sind wir uns auch deswegen nicht begegnet, obwohl ich auf Deinem Bett gesessen habe.

Lieber Hermann, ich verabschiede mich nun mit diesem Brief für immer von Dir. Ich habe es mündlich tun wollen, aber vielleicht ist es so besser. Ich bin verheiratet und lebe in einer glücklichen Ehe. Warum war es mir so wichtig, von Dir zu hören, was Du heute denEst über das, was wir gemeinsam erlebt haben? Ob es Dir dasselbe bedeutet wie mir?

Hermann, es tut immer noch weh. Vielleicht gibt uns das Leben irgendwann einmal Gelegenheit, adieu zu sagen.

Dein Klärchen«

Hermanns Blick erhebt sich langsam von Klärchens Brief und sammelt alle Eindrücke ein, die er in dieser Minute von diesem Bett an diesem Morgen haben kann: das ganze Zimmer im Morgenlicht mit all den Gegenständen, die ihm nicht gehören, die Bettdecke, die Matratzengruft, die Trommeln, Becken, Bongos von Clemens, der Plattenspieler, das Regal, der Nachttisch, der Teller, ein halber Apfel, Klärchens Brief. Alles ist nur ein Bild des Augenblicks. Die Augen können nichts auf Dauer behalten.