Film 2: Drehbuch

Zweites  Buch
Zwei fremde Augen
(1960/61) 
 
201 Bahnstation

Juan schließt sich den Fahrgästen an, die an dem einsamen Vorortbahnhof ausgestiegen sind. Wenn er den Einheimischen folgt, wird er schon den richtigen Weg nehmen. Sein Gepäck, zwei Koffer und eine Ledertasche, wären auch ziemlich hinderlich, wenn er damit im unbekannten Vorort Münchens umherirren müßte. Juan hat sich ein gepflegtes Äußeres verschafft, mit seinem hellen Trenchcoat und der braven Baskenmütze auf dem Kopf. An einer Unterführung gabelt sich der Weg. Hier spricht Juan zwei junge Männer an und läßt sich den Weg erklären.

JUAN. Ich war in das Land von Johann Sebastian Bach gekommen, um Musik zu studieren. Zu Hause in Santiago hatte ich oft Bach auf Marimba gespielt. An der Musikhochschule bin ich aber nicht angenommen worden. Sie sagten, mein Marimbastück sei Folklore. Das war gelogen. Aber es gab noch andere Gründe für meine Reise: Sehnsucht -so sagt man auf deutsch.
 

202 Villenstraße


Juan läuft an Gartenmauern entlang, hinter denen die kleinen Villen der Vorortbürger stehen. Ein VW-Bus ist so auf dem Trottoir geparkt, daß Juan auf die Straße ausweichen muß. Er kann die Aufschrift auf dem Auto lesen: »Staatlich genehmigte Schauspielschule von Zett«. Juan ist am Ziel.

JUAN. Der Winter soll sehr kalt sein in Nordeuropa. Ich fürchtete mich. Meine Mutter hatte mich gewarnt. Wie sollte ich diese Monate ohne Hilfe aus Chile überleben? Die Schauspielschule von Zett suchte einen Gymnastiklehrer. Das hatte ich von Hermann erfahren - also bin ich zu diesem Vorort hinausgefahren, um mich vorzustellen und zu bewerben.

Die Schauspielschule befindet sich in einem ehemaligen Einfamilienhaus aus den dreißiger Jahren. Juan öffnet das Gartentor, das nur angelehnt ist, und geht auf die Haustür zu. Er klingelt. Die junge Frau, die ihm öffnet, nimmt kaum Notiz von ihm, deutet kurz auf irgendeine Tür und setzt ihre Putzarbeit vor der Haustür fort. Juan wird ohne alle Umstände in diesem Haus aufgenommen.
 
203 Schauspielschule


Die Chefin, Frau von Zett, ist eine knochige Blondine in mittleren Jahren. Es ist etwas Lauerndes in ihrem Blick und in ihrem Gang, als sie sich Juan nähert. Juan versucht, »ordentlich« dazustehen. Er lächelt, so gut er kann.

FRAU VON Z. Wenn Sie lächeln, sehen Sie chinesisch aus. Sie sind ein komischer Junge. Welches Sternbild sind Sie?

Frau von Zett fragt dies, während sie zu ihrem Schreibtisch zurückkehrt und Juan den Rücken zuwendet. Juan sucht nach dem deutschen Wort. Er findet es nicht.

JUAN. Sagitario.

Die Rückfrage ist ganz unangemessen streng. Fast ein wenig strafend. FRAU VON Z. Was ist denn das?

Juan sucht noch immer nach einer Umschreibung.

JUAN. Auf deutsch weiß ich nicht. »Der mit dem Bogen schießt.«

Es scheint, daß Frau von Zett damit zufrieden ist. Sie notiert etwas in ihre Personalakte. Ihre weiteren Fragen kommen ganz beiläufig aus ihrem Mund.

FRAU VON Z. Können Sie denn Klavier spielen?

JUAN. Ja, auch Klavier.

Es scheint, daß die Chefin dieser Privatschule das Herrschen gewöhnt ist. Sie verfügt nun über Juan so, wie sie es gewöhnt ist, über ihre Schüler zu verfügen.

FRAU VON Z. Also, Sie können das Chauffeurszimmer haben. Sind denn da noch Kulissen drin? Werner? - Werner!

Wenn die geschulte Chefinnenstimme laut durch das Haus tönt, weiß jeder, was er zu tun hat. Der Schauspielschüler Werner kommt die Treppe heraufgerannt, um die Befehle entgegenzunehmen. Juan ist erschrocken.

FRAU VON Z. Bitte, zeig doch unserem neuen Gymnastiklehrer das Chauffeurszimmer.

WERNER. Aber...

Auch den Anflug von Widerspruch erstickt Frau von Zett.

FRAU VON Z. Du bist doch so lieb. . .

WERNER. Aber ich hab doch jetzt Rollenstunde.

FRAU VON Z. Du sollst mir nicht widersprechen! Du widersprichst mir, seit ich dich kenne!

Juan sieht wirklich asiatisch aus, wenn er sich jetzt entschließt, die Situation gelassen hinzunehmen. Er lächelt und folgt Werner die Treppe hinunter ins Kellergeschoß, wo sich das sogenannte Chauffeurszimmer befindet.
 
204 Schauspielschule, Chauffeurszimmer


Das Haus ist offenbar viel zu klein für den Schulbetrieb. Die Gänge, durch die Werner Juan führt, sind niedrige Kellergänge, vollgestopft mit den persönlichen Gegenständen der Schüler: Kleider, Schuhe, Taschen.

WERNER. Das ist das Chauffeurszimmer. Wer da wohnt, muß auch den VW-Bus fahren und der Chefin beim Einkaufen helfen. Ich hab zwei Jahre hier gewohnt. Ich wollt es Ihnen bloß zeigen.

Der Ausdruck »Zimmer« ist eigentlich übertrieben. Es gibt da zwar ein Bett, eher eine Pritsche, auf der Juan schlafen kann, aber das Kämmerchen ist angefüllt mit Fechtwaffen, Schuhen, Koffern. Juan setzt sich erschöpft auf das schmale Bett.

JUAN. Aber ich kann überhaupt kein Auto fahren.
 
205 Chauffeurszimmer


Es ist tiefe Nacht. Juan fährt aus dem Schlaf hoch. Schweißgebadet richtet er sich in der Dunkelheit auf. Sein flacher Atem geht schnell und erregt.

JUAN. Ich habe niemals soviel geträumt wie in Deutschland. In der Nacht wachte ich auf mit starkem Herzklopfen. Ich hatte Angst, daß meiner Mutter in Chile etwas passiert war, denn sie schickte mir kein Geld mehr und keinen Brief.
 
206 Schauspielschule, Garten

Mit den Schauspielschülern hält Juan seine erste Gymnastikstunde ab. Die Chefin beobachtet ihn von ihrer kleinen Terrasse im Obergeschoß aus. Juan inszeniert mit den jungen Schauspielern eine kleine Akrobatik-Nummer. Dabei läßt er einen der Jungen auf seinen Schultern stehen, eines der Mädchen wird hochgezogen und in Juans Schulterhöhe zum Schweben gebracht. Die Schüler finden Spaß an der Ubung. Da unterbricht Frau von Zett von der Terrasse aus mit schriller Stimme Juans Ubung.

FRAU VON Z. Werner, wie kannst du nur so was mitmachen? Monika, Kindchen, hörst du mich?

MONTKA. Aber gnädige Frau, das ist doch gar nicht gefährlich!

FRAUVON Z. Kommen Sie mal rauf!

JUAN. Kann ich nicht.

JUAN. Immer wiederging ich zu der Pension »Victoria«, wo ich vorher gewohnt hatte, und fragte, ob eine Nachricht angekommen war oder Geld.

207 Straßen in Schwabing


Nun ist es doch Werner, der den VW-Bus der Schauspielschule steuert. Die Fahrt geht durch verschiedene Schwabinger Straßen. Werner ist auf der Suche nach einem Parkplatz, den er natürlich nicht findet. Juan sitzt neben ihm und schweigt.

WERNER. Sind Sie wirklich so sicher, daß da ein Brief für Sie liegt?

JUAN. Ja!

WERNER. Ich find nämlich keinen Parkplatz hier.

Werner hat mitten auf der Straße angehalten, um Juan aussteigen zu lassen.

JUAN. Ich bin ganz sicher.

WERNER. Ich dreh noch eine Runde um den Block, ja?

JUAN. Gut!

WERNER. Bis gleich.

Schon muß Werner weiterfahren, weil er den nachfolgenden Verkehr aufhält. Juan überquert den Gehsteig.

Die Pension »Victoria« befindet sich in einem Schwabinger Mietshaus. Auch hier scheint Juan recht bescheiden gewohnt zu haben, bevor er den Job in der Schauspielschule gefunden hat. Werner kurvt mit dem sperrigen Kleinbus um eine Kirche und versucht die Zeit zu überbrück-en bis Juan wieder auf die Straße zurückkehrt.

Wie es der Zufall will, kommt Hermann mit seinem Fahrrad des Weges, gerade als Juan dabei ist, die Pension wieder zu verlassen. Oder hat Hermann Juan gesucht und gewußt, wo sich der Freund gerade befindet? Hermann begrüßt Juan von weitem, er beeilt sich, ihn zu erreichen, bevor Werner mit dem Kleinbus zurückkommt.

HERMANN. Wohnst du jetzt immer noch hier?

JUAN. Nein. Ich habe nur mein Gepäck vom Bahnhof abgeholt. Mit Werner von der Schauspielschule.

HERMANN. Das heißt, du hast den Job gekriegt und kannst da wohnen?

JUAN. Bis Ende Wintersemester.

Juans Blick geht immer wieder zu der Pension »Victoria« zurück. Es sieht aus, als könnte er irgend etwas nicht glauben. Juan ist noch ganz unruhig und geistesabwesend, während er mit Hermann spricht.

HERMANN. Aber irgendwie siehst du nicht glücklich aus. Was hast du?

JUAN. Ich war ganz sicher, daß hier ein Brief auf mich wartet. Ich habe heute nacht einen Traum gehabt. Der Brief war blau mit einer roten Briefmarke. Und mein Name stand darauf in Majuskulas.

HERMANN. Was ?

JUAN. Also... große Buchstaben: JUAN RAMON FERNANDEZ SUBERCASSEAUX, PENSION VICTORIA, MUNCHEN, ALEMANIA. Hermann, meinst du, ich werde jetzt verrückt?

Juan stellt diese Frage mit sehr besorgtem Gesicht. In seinen Augen flackert die Angst.

HERMANN. Nein, sicher net, Juan. Ich bin auch noch nicht richtig angekommen hier.

Hermann möchte Juan trösten und beruhigen. Aber woher soll er dafür die Kraft nehmen? Plötzlich stehen sich die beiden Freunde ganz hilflos gegenuber. Sie schweigen und blicken die fremde Straße an. Uber München hängt an diesem Abend ein schäbiger Dunst, der die untergehende Sonnenscheibe verwischt. Eine fremde Stadt.

HERMANN. Juan war der erste Freund, den ich in der fremden Großstadt gefunden hatte. Vor einem halben Jahr war er hier angekommen, um in München Musik zu studieren, wie ich. Sein Drama war sein Universaltalent. Er beherrschte zehn Sprachen, sogar Chinesisch und Esperanto. Außerdem Mathematik, Karate, Akrobatik, Klavier und Schlaginstrumente. Er konnte zaubern, jonglieren, tanzen. Juan hatte in seiner südamerikanischen Heimat ebenso jedes Schema gesprengt wie hier bei uns.

In seinen einsamen Stunden kann Juan sich völlig in sich zurückziehen. In der Nähe der Schauspielschule hat er an einer Weggabelung ein Rasenstück gefunden, wo er seine Tai-Chi-Übungen macht. Bei den langsamen Bewegungen seines ganzen Körpers verändert sich das Zeitgefühl vollkommen.
 
208 Vor der Musikhochschule


Zum ersten Mal seit Beginn seines Studiums erlaubt Hermann es sich, wütend auf den Routinebetrieb der Musikhochschule zu sein. Nachmittags, mitten im Vorlesungsbetrieb, reißt er sich los. Er packt seine Notentasche und rennt einfach weg. Draußen, unter dem klassizistischen Portal, hat Juan auf ihn gewartet. Er möchte wissen, was Hermann vorhat.

HERMANN. Nichts, ich mußte nur da raus!

Juan sieht, wie Hermann ärgerlich sein Fahrrad packt und weggehen will. Es scheint also mehr noch in ihm vorzugehen als der Ärger über den Schulbetrieb. Juan sieht den Freund genau an:

JUAN. Hermann, hör auf, an die schöne Clarissa zu denken.

HERMANN. An die hab ich jetzt gar nicht gedacht.

Offenbar hat Juan ins Schwarze getroffen. Hermann lenkt ab, versucht, seine Gefühle zu verharmlosen.

HERMANN. Ich glaube, du bist verknallt in sie.

JUAN. Mir gefällt nur der Name.

HERMANN. Mich irritiert er eher.

JUAN. Lichtblau?

HERMANN. Nein, Clarissa. Das kommt von Klara, Kläre, Klärchen. Das sind alles so Gespensternamen.

Hermann schiebt sein Fahrrad das Trottoir entlang. Juan folgt ihm. Er ist, ganz im Gegensatz zu seinem deutschen Freund, eher heiter und unternehmungslustig an diesem grauen Herbsttag.

JUAN. Ich habe etwas für uns: eine Okkasion, unsere ökonomische Situation fundamental zu sanieren.

HERMANN. Den Satz hast du aber aus dem Lateinischen übersetzt. Sag das doch mal auf deutsch.

JUAN. Ein Hauskonzert bei der Münchner Finanzbourgeoisie. Wir brauchen dich. Hast du einen dunklen Anzug?

Hermann bleibt stehen. Was hat Juan da gefragt? Hermanns Gedanken kehren erst jetzt langsam in die Gegenwart zurück. Die Frage nach seinem dunklen Anzug ruft all die ungelösten Probleme auf, die Hermanns Situation bezeichnen: die finanzielle Lage, das unerträgliche UntermieteVerhältnis bei Clemens, das Warten auf die eigene Bude bei Frau Moretti.

HERMANN. Mein Koffer ist ja schon bei meiner neuen Wirtin. Wann soll denn das sein?

JUAN. Heute abend um achtzehn Uhr.

Hermann sieht auf die Uhr. Seine dunklen Gedanken über Clarissa haben sich aufgelöst. Er ist neugierig auf Juans Angebot.

HERMANN. Du, da müssen wir aber bald los!

JUAN. Ja, wir müssen mit der Linie 25 abreisen.

HERMANN. Abreisen? Wohin?

JUAN. Ja, zu einer Villa in Grünwald. Wir werden um neunzehn Uhr erwartet.

HERMANN. Komm! Und was spielen wir da?

JUAN. Oh, ein bißchen Beethoven, Mozart, Bach. ..

Juan hat die richtige Initiative ergriffen. So läuft das Leben erst einmal in einer neuen Bahn!
209 Straßenbahn


HERMANN. Juan schien zu schweben. Oft hatte ich den Eindruck, daß er ein künstliches Wesen von einem anderen Stern war, unverletzbar und fremd, beinahe roboterhaft in seinen präzisen Äußerungen und Bewegungen.

Die Fahrt mit der Trambahn-Linie 25 führt durch ein bewaldetes Villenviertel. Außer Juan und Hermann sind nur wenige Fahrgäste im Wagen. Hermann, der diesen Teil Münchens zum ersten Mal zu sehen bekommt, bestaunt die prächtigen Häuser in ihren parkähnlichen Gärten. Das alles erinnert ihn an etwas.

HERMANN. Ich hab eine Tante im Hunsrück, Tante Lucie, die wohnt auch in einer Villa. Ich hab da als Kind nie hingehen wollen, weil alles verboten war.

Die Villa, die draußen vorbeigleitet, ist allerdings noch viel größer als Tante Lucies Haus im Hunsrück.

HERMANN. Man hat zum Beispiel nicht auf den Teppich treten dürfen, und auf den Fußboden auch nicht. Das mußt du dir mal vorstellen. Und das Essen hat auch immer angebrannt geschmeckt.

JUAN. Wenn es so ist, dann war sie nicht so reich, deine Tante.

Am Bavaria-Film-Platz steigen die wenigen Fahrgäste aus, die sich mit den beiden Freunden im Wagen befunden haben.

HERMANN. So, jetzt ist es leer. Jetzt können wir uns umziehen.

Hermann und Juan verlassen eilig ihre Plätze und öffnen auf der vorderen Plattform einen Koffer, den Juan mitgebracht hast. Hastig beginnen sie sich für das bevorstehende Hauskonzert feinzumachen.

HERMANN. Was sollen wir eigentlich spielen?

JUAN. Weiß ich nicht.

HERMANN. Ich könnte die Ungarische Rhapsodie spielen. Da habe ich mal einen Preis gewonnen bei »Jugend musiziert«.

JUAN. Ich kann mein Stück spielen - von der Aufnahmeprüfung.

HERMANN. Das ist gut. Ja.

JUAN. Oder vielleicht deins - ich meine, dein Flötenstück.

Die beiden stehen jetzt in ihren Unterhosen da. Hermann überlegt.

HERMANN. Ach so. Aber ich hab meine Gitarre ja nicht dabei.

JUAN. Ach, schade.

Juan scheint für alles gesorgt zu haben. Er verteilt die Kleidungsstücke wie ein Kostümverleiher.

HERMANN. Mensch, was ist denn da jetzt für mich?

JUAN. Hier habe ich . . .

HERMANN... die Hose!

Es ist wirklich wenig Zeit, sich zwischen zwei Haltestellen der Trambahn bis auf die Unterhosen auszuziehen und in völlig unbekannte Kleidungsstücke zu schlüpfen. Die beiden beeilen sich.

HERMANN. Daß ich schon wieder an meine Tante denken muß!

JUAN. Meine Großeltern haben auch eine Villa. In Bario Alto. Das ist »Grünwald von Santiago«.

Hermann kann es kaum glauben, daß ihm die Hose paßt, die Juan besorgt hat.

HERMANN. Die paßt ja richtig!

JUAN. Ja? Und da hab ich Akrobatik geübt. Ich war damals so zwölf Jahre alt.

Jetzt geht alles schneller. Hemden in die Hosen stopfen, Knöpfe zuknöpfen, in die Schuhe schlüpfen.

HERMANN. Sind deine Eltern reich?

JUAN. Nein. Sind sie nicht.

HERMANN. Und dein Vater?

JUAN. Er ist tot. Bei einem Erdbeben in den Anden in der Kupfermine abgestürzt.

Hermann weiß nicht, ob er seine Krawatte zu diesem schwarzen Anzug anbehalten soll.

HERMANN. Hast du noch was anderes für mich?

JUAN. Ja, hier so eine Fliege.

HERMANN. Das ist gut.

Juan hilft Hermann, die Fliege zu binden.

HERMANN. Ich hab meinen Vater nur einmal gesehen, das war, als ich vier Jahre alt war. Im Krieg.

Juan hält inne, sieht Hermann ernst an.

JUAN. Vergessen wir die Väter!

In ihren weißen Frackhemden stehen sich die beiden Genies nun gegen- über. Sie haben den Wettlauf mit der Zeit gewonnen! Sie haben sogar noch Zeit, sich ein wenig gegenseitig zu feiern.

HERMANN. Wir haben uns selber geboren. Wir bringen uns selber auf die Welt. Verstehst du, was ich meine?

JUAN. Also sind wir Götter.

HERMANN. Hältst du dich für genial?

JUAN. Ja. Du nicht?

Juan hat ausgesprochen, was Hermann schon lange von sich selbst denkt. Auch er hält sich für eine Art Gott. Das ist bis jetzt sein Geheimnis gewesen.

HERMANN. Manchmal schäme ich mich, so was zu denken.
210 Vor Villa Hünerbein


Die Grünwalder Villenstraße führt durch einen Wald von Edeltannen. Als die beiden Freunde in ihren Musikerfräcken die Straße herunterkommen, liegt das Viertel schon im Abendlicht.

HERMANN. Wir hatten ein Angebot bekommen, in einer Grünwalder Villa Hausmusik zu machen. Die schwarzen Anzüge hatten wir aus einem Frackverleih besorgt. Eine Gelegenheit, die Münchner Großbourgeoisie aus der Nähe zu studieren.

Die Villa ist von der Straße her kaum zu sehen. Durch das reichverzierte Eisentor sieht man das Dach des Hauses, eine von Säulen gestützte Terrasse im Obergeschoß. Aber vor der Hausmitte steht ein mächtiges Lebensbaum-Gebüsch, das den Blick behindert.

Hermann und Juan treffen am Villentor zwei weitere Studenten mit Geigenkästen. Man gibt sich die Hand und mustert gegenseitig die Kleidung. Auch die Kommilitonen sind in geliehenen Anzügen erschienen. Juan kennt den einen Geiger noch nicht.

ERSTER GEIGER. Heiner Fuchs.

JUAN. Juan Fernandez.

ZWEITER GEIGER. Wir waren ein paar Minuten zu früh, deswegen haben wir hier draußen gewartet.

Ohne weiter zu warten, zieht Juan an einem verzierten Eisengriff. Die Hausglocke ertönt.

Die jungen Männer warten und horchen. Hermann geht unruhig umher, betrachtet seine etwas zu langen Hosenbeine. Dann erscheint die kleine Harfenistin, die Hermann an seinem Prüfungstag kennengelernt hat, in der Haustür. Sie trägt ein züchtiges Seidenkleid und ist frisch frisiert. Hermann erkennt sie und wendet sich an Juan.

HERMANN. Mensch, das ist ja das »Hünerbeinchen«. Warum hast du mir das nicht gesagt?

JUAN. Kennst du sie auch?

Juan hat nicht damit gerechnet, daß Hermann dieselbe Bekanntschaft

gemacht hat wie er. Aber nun ist nicht die Zeit, Hermann seine Version der Geschichte zu erzählen.

Die junge Harfenistin ist hier ganz die höhere Tochter. Souverän begrüßt sie die vier Musiker.

ANGELTKA. Schön, daß ihr da seid! Ich hatte schon Angst, daß euch etwas dazwischen gekommen wäre.

JUAN. Hallo!

ANGELIKA. Kommt, mein Papi freut sich, euch kennenzulernen. Ihr seid doch mein Geburtstagsgeschenk. Er soll endlich verstehen, warum ich auf die Hochschule wollte. Wißt ihr, mein Vater ist ein Zahlenmensch, ein fürchterlicher Rationalist. Hallo, schön, daß Sie auch da sind.

Ganz zuletzt gibt die Harfenistin auch Hermann die Hand. Dies ist ein vielversprechender, fast intimer Augenblick. Danach führt »Hünerbeinchen« ihre Gäste zur Haustür, wo ein großer Butler wartet und höflich die Tür auflhält.
 
211 Villa Hünerbein


Punkt acht werden die Musiker in den Salon geführt. Das Haus ist edel im neureichen Stil der fünfziger Jahre eingerichtet. Überall teure Antiquitäten, Gemälde, Teppiche, Polstermöbel. Es sind schon mehrere Abendgäste erschienen, der Butler regelt schweigsam den Ablauf. Hünerbeinchen tut, als ob sie das alles nicht bemerkt. Durch ihr Verhalten versucht sie den Freunden zu suggerieren, daß sie sich an einem ganz beliebigen, gewöhnlichen Ort befänden;

ANGELIKA. Ihr könnt einfach alles dahinschmeißen.

Sie meint damit, daß die Jungen ihre Mäntel, Instrumentenkoffer und Noten einfach irgendwo auf dem Boden ablegen sollen, was natürlich ganz unsinnig ist, weil der Butler sofort zur Stelle ist, um die Kleidungsstücke einzusammeln und zur Garderobe zu bringen. Juan und Hermann grüßen höflich nach allen Seiten. Sie versuchen locker zu bleiben und sich erst einmal zu orientieren. Hünerbeinchen bemerkt jedoch ihre unsicheren Blicke.

ANGELIKA. Das sind nur irgendwelche Bekannte von meinen Eltern. Da sind dann die Notenständer. Ja, was spielen wir denn eigentlich ?

HERMANN. Ich weiß nicht. Haben Sie was da?

ANGELIKA. Telemann, Vivaldi?

GEIGER. Vivaldi?

ANGELIKA. Ja, soll ich die Noten holen?

HERMANN. Für Harfe?

Die riesige, über und über vergoldete Konzertharfe steht neben einem schönen Steinway-Flügel. Während Hermann und Juan sich die teure Einrichtung ansehen, durchquert Angelika das ausgedehnte Wohnzimmer und sucht ihre Mutter unter all den plaudernden, trinkenden, aufgetakelten Gästen.

ANGELIKA. Mutti, schau mal, meine Freunde sind da!

FRAU HÜNERBEIN. Ja, ich habe sie gesehen.

ANGELIKA. Ich hole nur schnell die Noten.

FRAU HÜNERBEIN. Ja, ist gut.

Frau Hünerbein ist völlig desinteressiert. Sie zündet die Kerzen auf den silbernen Leuchtern an und lächelt in alle Richtungen. Draußen auf der Terrasse steht der Hausherr mit seinen Freunden. Alles in Smokings gekleidete ältere Herren, die unter sich bleiben wollen.

ANGELIKA. Hallo Papi - was hast du denn da? Ein Schiff!

Vater Hünerbein hält ein Modellschiffchen in Händen, ein Geburtstagsgeschenk seiner guten Freunde. Er ist begeistert und lächelt wie ein Kind, als er an die Fensterscheibe tritt, um seiner Tochter stolz zu zeigen, was er geschenkt bekommen hat. Er ist offenbar doch nicht nur ein »Zahlenmensch«, wie die Tochter gesagt hat.

Juan und Hermann unterhalten sich, während die beiden Geiger ihre Instrumente stimmen.

HERMANN. Sag mal, Juan, wo sind wir denn hier gelandet?

JUAN. Münchner Bourgeoisie.

Hermann möchte mehr erfahren. Da meldet sich Heiner, der erste Geiger.

ERSTER GEIGER. Wie lange das wohl dauert?

JUAN. Zwei Stunden vielleicht. Ich weiß es nicht.

Hermann greift das Thema wieder auf und wendet sich mit seiner Frage an den Geiger.

HERMANN, Ich möchte mal wissen, womit der sein Geld verdient.

ERSTER GEIGER. Ich glaube, mit Kunsthandel!

Hermann sieht sich im Raum um, betrachtet den geschmacklosen Reichtum.

HERMANN. Was—Kunst nennst du das?

ERSTER GEIGER. Ich weiß nicht.

Jetzt ist Angelika zurückgekehrt. Sie versucht das Konzert in Gang zu

bringen, zumal die Gäste nun auch schon Platz nehmen, um zu hören, was die Tochter des Hauses zu bieten hat.

ANGELTKA. Hier sind die Noten. Ob's meinem Papa gefällt, ist die andere Frage.

HERMANN. Wir werden uns anstrengen.

Mit dem ersten Stück, auf das die Freunde sich geeinigt haben, zeigt Juan seine Künste auf der Blockflöte. Begleitet von Hermann am Klavier und dem Geiger, spielt er Vivaldis Konzert C-Dur, Opus 44/II.

Das Stück ist gesittet, ein wenig romantisch und harmonisch. Damit eigentlich als Geburtstagsständchen auch geeignet. Juan spielt sehr sauber und kühl. Aber der alte Hünerbein, der in der ersten Reihe im Ehrensessel sitzt, wird unruhig. Das Musikhören scheint wirklich nicht seine Sache zu sein. Nach wenigen Minuten erhebt er sich und schleicht sich nach draußen. Uber die Gartenterrasse erreicht er ein glasüberdachtes Nebengebäude, in dem sich das private Schwimmbad der Familie befindet. Angelika hat traurig beobachtet, wie ihr Vater sich entfernt und kein Interesse für ihr musikalisches Geschenk zeigt.

Das Modellschiffchen ist die eigentliche Attraktion für das alte Geburtstagskind. Mit Hilfe eines für die Zeit hochmodernen Fernsteuergerätes läßt Vater Hünerbein sein Boot im Pool schwimmen. Er freut sich wie ein kleiner Junge, als das Schiffchen auf die Funksignale reagiert. Der alte Herr ist noch recht ungeschickt, und das Boot fährt absurde Kurven und stößt immer wieder am Rand des Schwimmbeckens an. Herr Hünerbein hört auch nicht mehr die Vivaldi-Musik, die aus dem Wohnzimmer herübertönt. Er summt vergnügt sein eigenes unmelodisches Liedchen.

Da erscheint Frau Hünerbein in der Badehalle. Sie entdeckt, was ihr Mann da treibt, und faßt ihn am Ärmel.

FRAU HÜNERBEIN. Bist du noch zu retten? Wir haben das Haus voller Gäste, und du spielst hier mit deinem Schiffchen!

Damit bugsiert sie ihren Mann ins Wohnzimmer zurück. Das Vivaldi Stück ist zu Ende. Angelika kündigt jetzt den nächsten Programmpunkt an.

ANGELiKA. Wir spielen jetzt ein modernes Stück. Es ist für Harfe und Flöte.

Endlich soll also ihr eigener Auftritt kommen, ein Grund mehr, daß der Vater zuhört. Herr Hünerbein hat immer noch sein Fernsteuergerät um den Hals hängen, als er sich widerstrebend in seinem Ehrensessel zurücklehnt. Das Zimmer ist voller antiker Uhren: eine riesige Standuhr, deren langes Pendel im Sekundentakt schlägt, eine Kaminuhr, die schneller tickt, eine Uhr auf dem Buffet. Weitere Uhren ticken in die erwartungsvolle Stille. »Hünerbeinchen« und Juan beginnen mit ihrer Darbietung und spielen die kleine Komposition des Harfenprofessors. Sie spielen tapfer gegen das Uhrenticken an. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Angelika unterbricht ihr Harfenspiel. Die Gäste sind enttäuscht.

FRAU HÜNERBEIN. Was ist denn, Angelika?

ANGELIKA. Die Uhren bringen mich raus.

Endlich ist ein Problem im Raum, für dessen Lösung sich der alte Hünerbein zuständig fühlt.

HERR HÜNERBEIN. Das werden wir gleich haben.

Assistiert von seinem baumlangen Butler, öffnet der Hausherr nun den Kasten der Standuhr und hält das Pendel an. Dann begibt er sich zu der barocken Kaminuhr, und während die weißbehandschuhten Hände des Butlers die Glasglocke anheben, bringt er auch das kleinere Pendel zum Stehen. Es wird jetzt still im Zimmer.

Herr Hünerbein erhält Applaus, während er sich mit seinem Fernsteuergerät genüßlich in den Sessel zurückfallen läßt. Die beiden Musiker beginnen ihr Stück für Flöte und Harfe von vorne.

HERMANN. Fast vier Stunden lang haben wir in der Villa mit Angelika Musik gemacht. Wir spielten klassische Stücke, Volksmusik, Lieder zum Mitsingen, Opernauszüge, auch Modernes und sogar eine eigene Komposition von Juan.
 
212 Am Isarufer


In der Vollmondnacht klettern die vier Musikanten den Steilhang herunter, schleppen Koffer und Instrumente über Kiesbänke und erreichen die Isar, die hier schnell vorüberfließt. Dunkel spannt sich die Silhouette der Großhesseloher Brücke über das Tal. Hermann und die beiden Geiger stehen am Flußufer und starren auf das verzerrte Mondbild im Wasser. Juan trägt den Kleiderkoffer über die Kiesbänke und versucht, mit zwei Kieselsteinen zu jonglieren.

HERMANN. Wir hatten die reiche Familie bis zur Erschöpfung unterhalten. Aber statt einer großzügigen Bezahlung, die wir eigentlich erwartet hatten, erhielten wir warme Händedrücke, gute Wünsche und eine Flasche Rotwein von der edelsten Sorte.

JUAN. Das ist das Tal des Todes. Ich spüre die Geister der Melancholi-ker, die unter dieser Brücke gestorben sind. Die Stadt spuckt ihre Desperados hier aus, wirft sie von da oben auf diese Steinhaufen herab. Weißt du, daß die meisten Selbstmörder ihre Schuhe auszie-hen?

Die beiden Geiger mustern die edle Rotweinflasche, den Lohn für ihre Nachtarbeit. Hermann geht auf Juan zu. Er ist verärgert und wieder so unleidig wie am Nachmittag, als er Juan vor der Hochschule angetrof-fen hat.

HERMANN. Du hast uns doch diesen Abend hier eingebrockt. Ohne dich wäre ich doch nie in diese Kapitalistenvilla gegangen. (lacht)

Juan spielt den Melancholiker. Er spricht mit finsterer Stimme.

JUAN. Ich stelle mir vor, daß wir alle vier heute nacht von dieser Brücke springen.

Juan hat sich auf die Kiesbank gelegt. Hermann bleibt im Mondlicht stehen und grübelt.

HERMANN. Ich verstehe das einfach nicht. Solche Leute, die müssen das doch gewohnt sein, für ihre Vergnügungen zu bezahlen. Warum haben die uns kein Geld gegeben?

JUAN. Die haben uns mit ihrer Tochter auf dieselbe Stufe gestellt.

HERMANN. Scheiße. Und was machen wir jetzt?

Juan zieht bedeutungsvoll seinen Schuh aus, zeigt ihn in die Runde, dann wirft er ihn in die Luft und fängt ihn geschickt wieder auf.

JUAN. Selbstmord.

HERMANN. Du bist vielleicht ein Idiot. Was machen wir jetzt?

Hermann sucht Unterstützung bei den beiden Geigern.

ERSTER GEIGER. Wir verkaufen die Weinflasche. Die ist vielleicht ein paar hundert Mark wert. Schau dir einmal das Etikett an. »Chateau Laffitte Rothschild. Extra Cuvee I937«.

HERMANN. Ja, aber kennt ihr denn jemand, der so etwas kaufen würde?

ERSTER GEIGER. Keine Ahnung.

ZWEITER GEIGER. Wir können ja einen Anschlag machen. Schwarzes Brett oder so was.

HERMANN. Und das sieht dann das Hünerbeinchen. Und kauft ihn zurück. »Papi, Papi, unser guter Rothschild.«

Hermann verläft die Beratungsrunde mit den Geigern und bringt Juan die Flasche. Juan liegt immer noch auf der Kieshank. Die Jahreszahl auf dem Weinetikett weckt seltsame Erinnerungen in ihm: 1937 ist das Jahr, in dem er in Chile geboren wurde.

JUAN (lacht). Mill-novecientos-treinta-y-ciete- I937. Eine Schicksalsflasche. Una bouteilla del destino.

Juan ist langsam aufgestanden und vor die Kollegen getreten. Er hält die Flasche in die Höhe, als wäre sie Teufelswerk. Es ist wie ein Zeremoniell, das Schutz vor bösen Geistern gewährt, als Juan jetzt die edle Rotweinflasche über seine rechte Schulter in die dunkle Steinlandschaft wirft. Dumpf schlägt sie am Flußufer auf.

Die Musiker richten die Blicke auf die Kiesbank: Dort steht die Flasche unbeschädigt und magisch beleuchtet im Mondschein. Durch den senkrechten Aufprall hat sich der Korken gelöst und ist aus dem Flaschenhals geflogen. Es ist, als wollte die Flasche sagen: »Trinkt mich aus.«
 
213 Vor Haus Clarissa


Bei Tageslicht sieht die Stadt wieder ganz alltäglich aus. Nichts erinnert an die Ängste und Träume der Nachtschwärmer, Musiker und Künstler, die hier leben. Vor allem im Stadtteil Schwabing, wo ja auch Clarissa ihr Untermietzimmer hat. Juan ist auf dem Weg zu diesem Schwabinger Jugendstilhaus. Er findet auch Clarissas schönen Namen auf dem Klingelschild.

JUAN. Neuerdings träumte ich von Clarissa. Je mehr ich dachte, daß Hermann sie liebt, desto öfter erschien sie in meinen eigenen Träumen. Ich hatte sie lange nicht gesehen. Vielleicht existierte sie gar nicht wirklich. Oder sie sah ganz anders aus. Aber ich besaß doch ihre Adresse!
 
214 Treppenhaus Wohnung Clarissa


Juan betritt das geräumige Treppenhaus. Schon auf den ersten Stufen kann er Clarissas Schritte hören, die auf ihn zukommen.

Sie hält eine Reisetasche in der Hand und hat wohl die Absicht, sich nicht aufhalten zu lassen durch den Besucher, der da gerade geklingelt hat. Als sie aber Juan erkennt, freut sie sich.

CLARISSA. Ah, Sie?

JUAN. Komme ich falsch?

Sie gibt Juan die Hand. Sie überlegt, was sie jetzt tun soll, denn sie würde mit Juan gern noch ein Weilchen zusammen sein.

CLARISSA. Ich bin grad im Weggehen. Ich fahre nach Wasserburg. Ich muß ein paar Sachen abholen.

JUAN. Ich wollte einfach sehen, ob Sie da sind.

CLARISSA. Das freut mich aber, daß Sie mich sehen wollen. Was machen wir denn jetzt?

Juan ist ganz direkt. Wenn er schon bis hierher gegangen ist, kann er auch noch weiter gehen!

JUAN. Vielleicht kann ich mitfahren. Nach . . .

CLARISSA. Nach Wasserburg.

JUAN. Ja.

CLARISSA. Da wohnt meine Mutter.

JUAN. Ist das in Bayern?

CLARISSA. Ja. Im tiefsten Bayern.

Clarissa ist die Stufen hinabgegangen und nach einigen Schritten unschlüssig stehengeblieben. Jetzt packt Juan seinen Charme aus.

JUAN. Dann können wir eine Bergreise machen. Ist das korrekt?

CLARISSA. Nein, das ist nicht in den Bergen. Das ist eher auf einer Insel. Das ist ja eine Überraschung. Da fahren wir zusammen nach Wasserburg?

JUAN. Gut!

Juan ist lieb wie ein Kind. Er steht einfach da und träumt Clarissa mit weit offenen dunklen Augen an.

CLARISSA. Wie kommen Sie eigentlich darauf, mich besuchen zu wollen?

JUAN. Ich habe von Sie geträumt.
 
215 Zugabteil


Der Zug fährt durch eine dunstige Voralpenlandschaft. Hinter den Wiesenhügeln taucht die Kirchturmspitze eines bayerischen Dorfes auf. Juan träumt in die Landschaft hinaus. Er spricht leise vor sich hin und übt die Aussprache schwieriger deutscher Wörter.

JUAN. Z-w-i-e-b-e-l-t-ü-r-m-c-h-e-n!

Clarissa, die Juan gegenübersitzt, unterbricht den Träumer. Sie wendet sich ganz ernst und sachlich an ihn.

CLARISSA. Juan, meine Mutter ist eine einfache Frau. Sie kommt aus dem Norden. Ich muß Ihnen das erklären.

Meine Mutter, sie ist in Pommern geboren. Dort sind die Leute sehr protestantisch.

Sie will ihren Reisebegleiter auf ihre Mutter vorbereiten, vor deren Urteil sie sich wohl ein wenig fürchtet. Juan nimmt das alles aber nicht so schwer.

JUAN. Mein Vater war auch ein Protestant. Aus Virginia.

CLARISSA. Mein Vater war Bayer. Kurz vor Kriegsende hat meine Mutter mich hierhergebracht. Ich habe ihn aber nie kennengelernt.

JUAN. Ist er im Krieg gestorben ?

CLARTSSA. Gefallen! Meine Mutter war nie mit ihm verheiratet. Deshalb lebt sie auch bis heute sehr zurückgezogen. Sie hat Angst um mich. Können Sie das verstehen?

JUAN. Ja. Sie hat Angst. Sie hat Angst, daß Sie schwanger werden.

Juans direkte Art ist ziemlich entwaffnend. Wenn er nicht dieser sprachenkundige, immer lächelnde Fremdling wäre, würde Clarissa seine Äußerungen vielleicht übelnehmen. Aber so kehrt sie zu ihrer Familienchronik zurück.

CLARISSA. Ja, ist ja klar. Jedesmal, wenn ich nach Hause komme, spricht sie mit mir darüber. Fünf Jahre lang hat sie versucht zu heiraten. Vom ersten Kriegstag an war das ihr ganzer Lebensinhalt, bis er tot war. Dreimal hatte er Fronturlaub, aber die Familie in Bayern hat alles dafür getan, die Hochzeit zu verhindern. Dann haben sie eine »Ferntrauung« versucht, alles, damit ich ein eheliches Kind werde. Ich kann mich noch ganz genau erinnern. Ich war damals schon fünf. Ich hab mir geschworen, niemals zu heiraten, niemals. Das können Sie mir glauben.

Das war wie eine Warnung an Juan. Clarissa, die ihn so nah an sich heranläßt daß er sogar ihre Mutter kennenlernen soll, bemüht sich, gleichzeitig Distanz zu schaffen. Juan wird aber noch direkter.

JUAN. Haben Sie einen Freund?

Auf diese Frage gibt Clarissa keine Antwort.

CLARISSA. Es gibt Leute in Wasserburg, die werden staunen, wenn wir zusammen durch die Straßen gehen.

JUAN. Oder einen Liebhaber?

Ihre Gedanken eilen voraus. Sie läßt ahnen, daß auch sie ein Provinzkind ist, das nach tausend Verletzungen seinen Weg in die eigene Freiheit sucht.

CLARISSA. Wasserburg hat tausend Augen und sieht einen aus jedem Fenster an.
 
216 Straßen in Wasserburg


Die Fensterfassaden der kleinen Stadt sehen tatsächlich aus, als ob sie die Fremden auf der Straße aus tausend Augen ansähen. So lieblich die historischen Arkadengänge, Türmchen und Zinnen des alten Städtchens auch wirken mögen, in Clarissas Bewußtsein verkörpern sie die Enge, die moralische Bevormundung, den Neid und den Kleinbürgerhaß, denen sie gerade entkommen möchte.

CLARISSA. Es ist merkwürdig, immer wenn ich ankomme, habe ich das Gefühl, daß ich hier überhaupt nicht zu Hause bin. Dabei kenne ich hier jeden Stein. Ich kenne jede Arkade, weil wir uns als Kinder hier immer versteckt haben. Und ich weiß auch hinter jedem Fenster, wer da wohnt. Zum Beispiel da vorne, da wohnt die Luise. Die Luise ist eine Klassenkameradin von mir. Die spielt Geige. Aber schlecht. Aber trotzdem bin ich hier nicht zu Hause.
217 Wohnung Mutter Clarissa


Durch das Wohnzimmerfenster kann man eine kleine Kirche sehen, die zum Greifen nah neben dem Haus steht, in dem Clarissa aufgewachsen ist. Clarissas Mutter, eine mollige Frau mit weichen Lippen und hartem Blick, schaut hinaus auf den kleinen Platz vor der Kirche. Dort gibt es eine Steintreppe, die von der Oberstadt herunterführt. Die Gedanken der Mutter sind bei ihrer Tochter, die weggegangen ist und sie jetzt mit Juan allein gelassen hat.

MUTTER CLARISSA. Ich sage immer: Unser Name Lichtblau, der stammt von der Seefahrt. Lichtblau ist die Farbe des Meeres. Wissen Sie, mein Großvater war Kapitän auf der Ostseefähre von Stralsund nach Rügen. Damals, bevor es die Eisenbahn gab.

Die Mutter sieht ihren fremden Gast während ihrer Worte prüfend, aber auch zunehmend wohlwollend an. Sie hat sich Juan gegenüber an den Tisch gesetzt. Plötzlich hat sie wieder ein besorgtes Gesicht.

MUTTER CLARISSA. Also, jetzt könnte Clarissa allmählich nach Hause kommen. Es ist ja schon nach vier. Wo bleibt die bloß so lange? Ich finde das nicht sehr höflich von ihr, Sie hier so lange warten zu lassen. Die Mutter hat sich unruhig wieder erhoben, und erneut ist sie zum Fenster gegangen und hat hinausgeschaut. Die Kirchturmuhr schlägt viermal. Schließlich setzt sie sich wieder an den Tisch. Es sieht aus, als wollte sie eine Hausarbeit beginnen und sich beruhigen. In ihrem Blick, den sie auf Juan richtet, liegt aber etwas Lauerndes.

MUTTER CLARISSA. Kennen Sie sie schon lange?

JUAN. Nein. Nur einen Monat.

In allen Äußerungen der Mutter liegt etwas Erzieherisches. Juan ist sehr ruhig. Er scheint die häusliche Strenge sogar zu genießen.

MUTTER CCARISSA. Ich freue mich, wenn Clarissa so gut erzogene Freunde hat. (lacht) Bleiben Sie über Nacht bei uns?

JUAN. Ja, aber ich habe keine Zahnbürste dabei.

Mit dieser wohlerzogenen Antwort bringt Juan das Herz der Mutter zum Schmelzen. Sie erhebt sich, geht zu einem Holzschränkchen, öffnet es und holt eine Plastikhülse heraus, die sie vor Juan hinhält.

MUTTER CLARISSA. Ich habe noch eine neue. Die gebe ich Ihnen. Hier, | original verpackt! Juan lächelt. Das ist auch das beste, was er in dieser Situation tun kann.

MUTTER CLARISSA. Die sollte für Clarissa sein. Jaja, vier Monate ist sie schon nicht mehr zu Hause gewesen. Da wird man sich schon ein bißchen fremd. Was sagt denn Ihre Mutter, wenn Sie so weit weg sind?

JUAN. Ich weiß es nicht. Ich glaube, sie hat Angst um mich.

MUTTER CLARISSA. Ist sie eine gute Musikerin?

Das Interesse der Mutter kreist immer wieder nur um das Leben ihrer Tochter. Juan kann gar nicht so schnell folgen, wie Frau Lichtblau das Thema wechselt.

JUAN. Wer? Clarissa?

MUTTER CLARISSA. Ja.

JUAN. Ja. Sie ist eine gute Musikerin.

MUTTER CLARISSA. Man hat sie hier als Wunderkind bestaunt. Obwohl sie erst mit elf Jahren angefangen hat mit dem Cello. Na ja, ich verstehe ja nicht viel davon, aber der Dr. Kirchmayer, das ist der Chef des hiesigen Kreiskrankenhauses, ein sehr kunstsinniger Mann, der hat von Anfang an an ihr großes Talent geglaubt. Und hat sie gefördert. Ja, er liebt sie mehr als seine eigene Tochter. Verstehen Sie so was?

Es gibt nichts, was die Mutter glücklicher macht als der Fortschritt ihrer Tochter auf der Karriereleiter. In ihrem Blick, mit dem sie Juan mal mustert, mal anhimmelt, mal fragt oder auf Distanz schickt, liegt ein Geheimnis. Das gleiche Geheimnis, das auch Clarissa manchmal umgibt.

MUTTER CLARISSA. Sie sind ein sehr feiner Mensch. Das muß ich Ihnen schon sagen, Herr Juan.

Die Mutter schweigt nun. Juan blättert verlegen in dem Familienalbum, das vor ihm auf dem Eßtisch liegt. Es zeigt Bilder aus Clarissas Kindheit: ihre frühen Celloerfolge, ihr Gesicht als kleine Künstlerin, umhegt und bewundert von der Kleinstadt. Nun lächelt Frau Lichtblau.
 
218 Villa Dr. Kirchmayer


Die Villa von Dr. Kirchmayer zeigt, welche gesellschaftliche Position ein Chefarzt in dieser ländlichen Gegend einnehmen kann. Allein schon die Haustreppe erhebt die Bewohner des Hauses über den Horizont der Kleinstädter. Wer Dr. Kirchmayer hier besuchen will, muß hinaufsteigen zu ihm.

Clarissa geht den umgekehrten Weg: Sie verläßt das Haus, steigt die Stufen zum Garten herunter und geht den Kiesweg entlang Richtung Einfahrt. Sie fühlt sich beobachtet. Auch die Fenster dieses Hauses scheinen Augen zu haben. Clarissa trägt ihre Notenmappe vor sich her und dreht sich nicht um. Als sie am Einfahrtstor angekommen ist, beginnt sie zu rennen.

219 Platz vor der Kirche


Clarissa kommt das Treppchen von der Oberstadt heruntergerannt. Von weitem schon suchen ihre Blicke die Fenster der mütterlichen Wohnung. Sie ist freudig bewegt.
 
220 Wohnung Mutter Clarissa


Als Clarissa die Wohnung betritt, ist alles still. Sie sucht ihre Mutter und findet sie mit Juan am Wohnzimmertisch, ganz in das Familienalbum vertieft.

Clarissa kann ihre Neuigkeiten nicht für sich behalten. Sie ist aufgekratzt und strahlt die beiden an.

CLARISSA. Ich krieg ein neues Cello!

MUTTER CLARISSA. Clarissa, Mariellchen, da bist du ja!

CLARISSA. Ein ganz altes, italienisches. Es sieht wunderschön aus und hat einen ganz tollen Klang. Ich hab sogar schon darauf gespielt. Eigentlich spielt es von selbst. Man muß überhaupt nichts tun, und es spielt trotzdem.

Clarissa berichtet mit lauter Stimme, während sie in der Wohnung umherläuft, ihre Jacke ablegt, die Noten verstaut und sich erst dann daran erinnert, daß sie ihren Gast hat warten lassen.

CkARISSA. Na, habt ihr euch gut unterhalten? Die Mutter greift die Begeisterung der Tochter auf. Sie geht auf Clarissa zu.

MUTTER CCARISSA. Hast du Dr. Kirchmeyer gesehen? Wie geht es ihm denn?

CLARISSA. Ja, es geht ihm gut. Ich hab jetzt Hunger. Die Mutter schickt noch einen höflichen Blick zu Juan, dann begibt sie sich in die Küche. Clarissa setzt sich zu Juan an den Tisch. Sie hat bemerkt, daß Juan sich die Sympathie der strengen Mutter erworben hat. Das erleichtert sie, denn sie war lange weg. Draußen wird es schon dunkel. Sie beugt sich zu Juan hinüber.

CLARISSA. Ich glaub, meine Mutter will dich hierbehalten. Statt einer Antwort zeigt Juan ihr die Zahnbürste, die die Mutter ihm gegeben hat.

JUAN. Original verpackt!

Clarissa schweigt. Juan sieht sich um.

Die Wohnung enthält noch viel Nachkriegsatmosphäre. Das Wohnzimmer ist recht düster eingerichtet und mit zusammengetragenen Möbeln verschiedener Herkunft gefnllt. Das Radio steht auf einem hoch angebrachten Wandbrett in der Ecke. Eingerahmte Fotos erinnern an die Herkunft der Mutter von der Ostseeküste. Bilder von der Zeit vor dem Krieg. Juan sitzt steif und höflich vor der Häkeldecke, lächelt Clarissa an und weiß nicht, ob er sich freuen darf, daß er mit ihr unterwegs ist auf einer »Bergreise«, wie er vor der Abfahrt gemeint hat.

 
221 Milchgeschäft


Hermann kauft seine tägliche Milch. Aus Milch und Brötchen besteht seine Hauptnahrung, weil sie billig sind und im Augenblick sattigen. Die Milchfrau füllt die mitgebrachte Halbliterflasche über der großen Aluminiumkanne. Routiniert verschließt sie Hermanns Flasche mit einem Pappdeckel.

MILCHFRAU. Darf's sonst noch was sein - bitte?

HERMANN. Ja, noch drei Brötchen.

Hermann, der wieder einmal mit den Gedanken auf Reisen ist, hat sein Hunsrücker »sch« in das Brötchen hineingebracht. Nun erschrickt er und will das »ch« schnell nachliefern.

HERMANN ... chen, S-e-m-m-e-l-n. .. Das bayerische Wort ist unverfänglicher. Er sollte es sich angewöhnen!
 
222 Vor Milchgeschäft


Sein Fahrrad lehnt draußen an der Wand. Hermann hat so großen Hunger, daß er sofort in eine der Semmeln beißt. Mit dem trockenen Brötchenteig im Mund versucht er es kauend noch einmal mit dem »ch«-Laut. Je nachdem, ob er gerade frisch abgebissen hat, oder ob er in die Höhe guckt oder nach unten, gelingen ihm die Ubungslaute besser oder schlechter.

HERMANN. Milchgeschäft, Milchmädchenrechnung, Storchschnabel... ch . . . ch . . .!
 
223 Münchner Straßen


Auch während des Radfahrens durch die Münchner Innenstadt setzt Hermann seine Sprechübungen fort. Er will seine Zeit bis zum äußersten nützen. Die Übungstexte sucht er sich selbst zusammen und macht sich mit der Wahl der Wörter, die sich hauptsächlich aus Buchstaben wie »ch« und »sch« zusammensetzen, über sich selbst lustig.

HERMANN. Sprechschwierigkeiten... Echt, echt lächerlich... Wichtig... Wichtichtuerei!

Hermann erreicht den Lederwarenreparatur- und Laufmaschenaufnehme-Laden der Frau Moretti. Mit Semmeln und Milch gestärkt, stellt er sein Fahrrad vor dem kleinen Schaufenster ab und betritt hoffnungsvoll das Lädchen.

HERMANN. Fünf Wochen waren seit meiner Ankunft vergangen. Endlich war der Tag gekommen, an dem ich das Zimmer bei Frau Moretti beziehen sollte.
224 Laden Moretti


Hinter der Ladentheke hat heute Gabi Dienst, eines der Mädchen, die oben in der Laufmaschenwerkstatt arbeiten. Die kleine Lederschneiderin sitzt wie sonst auf ihrem Werktisch und täschnert. Hermann wischt sich den Schweiß von der Stirn und grüßt aufmunternd in die Runde.

HERMANN. Endlich eine eigene Bude. Endlich ein Raum, den ich mit niemandem teilen mußte. Vor allem nicht mit Clemens und seinen Hunsrücker Scheißhausparolen. Und das eigene Klavier!

Irgend etwas scheint vorgefallen zu sein, was die beiden Frauen Hermann nicht sagen wollen. Ihre Begrüßung ist viel zu freundlich. Ihre Worte klingen amüsiert-ironisch, als sie Hermann da stehen sehen.

TÄSCHNERIN. Sie kennen sich ja aus hier, gehen Sie ruhig hinauf. Aber bitte, lassen Sie Ihr Gepäck hier unten.

HERMANN. Das mach ich.

Hermann geht um die Ladentheke herum und erreicht die Tür, durch die man zur Treppe hinausgelangt. Gabi dreht sich nicht um, als sie ihm noch einen Rat mit auf den Weg gibt.

GABI. Und wenn S' oben sind, dann klingeln S', aber a bißl länger! Viel Glück!

225 Wohnung Moretti, Treppenhaus


Hermann klingelt lange und wundert sich, daß trotzdem niemand öffnet. Hat man nicht unten im Laden gesagt, Frau Moretti sei oben? Er versucht, durch die verglaste Wohnungstür einen Blick in Frau Morettis Flur zu tun. Tatsächlich erkennt er nach einiger Zeit einen Mann, der halbnackt durch die Wohnung rennt und im Bad verschwindet.

Jetzt erscheint auch die Moretti im dunklen Flur. Sie ist noch nicht damit fertig, ihren orientalischen Morgenmantel zu gürten und schimpft, noch bevor sie die Tür erreicht.

MORETTT. Ist denn nichts heilig in dieser Welt? Wer ist denn da? Ach, Sie sind es... ischtenem... An Sie habe ich gerade nicht denken wollen. Wo haben Sie denn gesteckt die ganzen Wochen - Wochen - Wochen. Warum hör ich nix von Ihnen ? Ich such Sie iberall.

HERMANN. Ich hab studiert!

MORETTI. Studiert! Muß ich lachen silberhell!

Ihr »silberhelles« Lachen ist künstlich und schrill. Hermann steht verlegen vor der aufgebrachten Frau und will ihr die Hand geben. Was ist nur passiert? Sie versperrt Hermann mit ihrem zerzausten Körper den Eingang.

HERMANN. Ich hab meine Sachen unten im Laden stehen.

Frau Moretti läßt eine Kunstpause entstehen. Dann wechselt sie ihren Gesichtsausdruck in besorgten Ernst.

MORETTI. Junger Mann, muß ich reden mit Ihnen a ernstes Wörtl. Leider- tut mir unendlich leid - ist Zimmer nicht frei geworden.

Hermann hat nun auch den »Herrn Untermieter« näher gesehen. Denn er taucht im Hintergrund auf, um nachzusehen, wer sein Schäferstündchen mit der dicken Ungarin gestört hat. Er begreift, was es mit dem Untermieter, der seine Miete jetzt wieder pünktlich zu zahlen scheint, auf sich hat.

HERMANN. Und wo ist mein Koffer?

MORETTI. Ach ja, Koffer...

Nichts ist echt an Frau Morettis Tönen. Sie spielt »Nachdenken«, dann geht sie los, um den Speicherschlüssel zu holen.
226 Dachboden Moretti


Die Moretti läßt den wütenden Hermann vorauseilen. Uber die Holztreppe erreicht er den Oberspeicher, wo sich der Lattenverschlag befindet. Unterwegs holt er seinen eigenen Schlüssel hervor. Als er aber an Morettis Verschlag ankommt, bemerkt er, daß die Lattentür aufgerissen ist und sein Koffer fehlt. Die Moretti erregt sich viel zu schnell über diesen Anblick.

MORETTI. Ischtenem! Ist aufgebrochen! -Einbrecher- Ist aufgebrochen! Oh, ich arme Frau, nirgends ist man mehr sicher!

HERMANN. Und wo ist mein Koffer?

MORETTI. No, sehen S' nicht? Koffer ist gestohlen!

HERMANN. Wer?

MORETTI. No, wer, wer? No, fragen S' nicht mich. Bin ich sauber und rein wie Engel. Koffer ist futsch!

Es ist eine richtige Operettennummer, die Frau Moretti hier abzieht. Die Tränen über die böse Großstadt stehen ihr schon in den Augen, als sie Hermann treuherzig und unschuldig ansieht. Er aber läßt sich nicht täuschen und fängt an zu schreien.

HERMANN. Ich will meine fuffzig Mark wiederhaben!

MORETTI. No, hab ich jetzt nicht flüssig. Müssen Sie wiederkommen morgen. Aber ich schwöre bei allen Heiligen im Himmel, Sie werden Ihr Geld zurückbekommen. Ich schwöre es. Bin ich anständige Frau, nicht so Schwein, wo klauen armem Studenten Geld und Koffer!

So verzweifelt wie die Moretti könnte Hermann, der eigentliche Geschädigte, niemals sein. Dicke Tränen kullern ihr aus den Augen. Das vom Liebesakt noch zerzauste Haar paßt nun erst recht zu der Tragödie, die sie auf dem Dachboden gibt. Sie erhebt sogar ihre drei Schwurfinger, als sie bei allen Heiligen versichert, nichts von Hermanns Koffer zu wissen. Hermann durchsucht, immer noch verzweifelt, den Speicher. Er kann nicht glauben, daß man ihn wirklich bestohlen hat.

HERMANN. Da waren alle meine unersetzlichen Arbeiten drin, meine Bücher, Briefe - das kann doch keinen Menschen interessieren! Höchstens mein Fotoapparat, der war auch drin, und mein Fernrohr. Aber meine Gedichte, meine Noten!

MORETTI. Ich glaube Ihnen.

Hermann hat sich ihr verweintes Gesicht genau angesehen. Plötzlich schmeißt er der Dicken seinen Speicherschlüssel vor die Füße, dreht sich um und rennt entschlossen zum Ausgang.

HERMANN. Und ich glaube Ihnen kein Wort!

 
227 Laden Moretti, Straße


Gabi und die Täschnerin kommen nicht auf ihre Kosten mit Hermann. Sie haben sich wohl einen Spaß erwartet, aber jetzt sehen sie nur den beleidigten und empörten Hermann zurückkehren, der niedergeschlagen seinen Matchsack schnappt und den Laden verläßt. Draußen packt er sein Fahrrad und schiebt es schnell auf die andere Straßenseite, wo sich der Eingang zur Anwaltskanzlei von Dr. Bretschneider befindet.
228 Toreinfahrt, Treppenhaus Bretschneider


Bevor er jetzt den Anwalt aufsucht, muß Hermann erst einmal verschnaufen und seine Gedanken ordnen. Er stellt sein Fahrrad ab, packt sein kleines Gepäck und sucht Halt an der Wand der Durchfahrt.

Draußen kläfft ein Hund. Es ist dunkel geworden. Als das Treppenhauslicht angeht, gibt Hermann sich einen Ruck und geht entschlossen hinauf zur Anwaltskanzlei. Wieder öffnet Renate. Hermann läßt sie sofort an seinem Problem teilhaben.

HERMANN. Ich bin bestohlen worden!

RENATE. Bestohlen? Wirklich? Ja, dann kommen Sie nur mal mit rein oder haben wir angefangen, »du« zu sagen?

Renate führt Hermann in die Diele, bleibt aber erst einmal mit ihm in der Tür stehen, damit Hermann ihr seine Geschichte etwas ausführlicher vortragen kann, bevor sie mit ihm zu Herrn Dr. Bretschneider geht.
 
229 Kanzlei Bretschneider


Im Büro des Anwalts bietet sich Hermann ein besonders jämmerlicher Anblick. Dr. Bretschneider ist an Grippe erkrankt und liegt auf einem Sofa, wo ihn seine Sekretärin, Frau Krause, verarztet. Als er Hermann erkennt, richtet sich Bretschneider kurz auf, wird aber von Frau Krause energisch auf sein Lager zurückgedrängt.

DR.BRETSCHNEIDER. Ah, unser Glückspilz! Schauen ´S mich an!

Der Anwalt hustet erbärmlich, will aber trotz Frau Krauses Einspruch Hermann helfen. Renate steht immer noch neben Hermann, nun auch ganz empört.

RENATE. Der Herr Simon ist nämlich bestohlen worden. Das stimmt doch, oder?

HERMANN. Ja.

DR.BRETSCHNElDER. Bestohlen! Ja, das ist eine Gemeinheit, so was! Dr. Bretschneider möchte Hermann wohl helfen, wenn er wüßte, wie. Frau Krause läßt es aber dazu gar nicht kommen. Sie hält ihn auf der Couch fest und packt ihn in immer mehr Decken ein.

FRAU KRAUSE. Schön zudecken, schwitzen.

DR.BRETSCHNElDER. Kommen S her. Erzählen S mir das der Reihe nach.

FRAU KRAUSE. Nicht reden, Herr Doktor! Ganz still sein.

DR.BRETSCHNElDER. Na, tun S' doch nicht so!

Frau Krause hat Duftkerzen angezündet, um ätherische Dämpfe für den Patienten zu erzeugen.

DR.BRETSCHNEIDER. Blasen S' die Kerzen aus. Ich leb ja noch!

Frau Krause läßt sich nicht irritieren. Sie faucht Hermann, der immer noch dasteht und Hilfe erwartet, regelrecht an.

FRAU KRAUSE. Gehen Sie doch endlich!

Jetzt kümmert sie sich wieder um ihren Chef, der schließlich seinen Widerstand gänzlich aufgibt.

DR. BRETSCHNEIDER. Ach, Frau Krause —lassen ´S doch! Ach, Frau Krause!

Renate hat Hermann ins Nebenzimmer geführt und die Tür geschlossen. Hermann sitzt zwischen all den Gerichtsakten und Anwaltspapieren und versucht, sich seine Lage klarzumachen.

HERMANN. Jetzt bin ich total pleite.

RENATE. Daß es so schlechte Menschen gibt, des isch ein Jammer! Weischt, Hermann, ich fürcht mich auch schon vor der Großstadt!

Die kleine Schwäbin versucht, Hermann in dieser Notlage nahe zu sein. Er wirkt aber so abweisend in seiner Verbitterung, daß sie sich ihm nur gegenübersetzen kann. Dann springt er auf und geht erregt umher.

HERMANN. Sentimentales Geschwätz! Da hör ich direkt meine Mutter: »Hermann, paß uff, die Großstadt ist voll von schlechten Menschen! Bleib ja nachts daheim, bäh, bäh, bäh!« Hört doch auf mit euerm Geschwätz! Fressen und gefressen werden, das ist das Gesetz der Wildnis.

Hermann ist einfach weggerannt. Renate findet keine Worte, weiß nun überhaupt nicht mehr, was mit ihm los ist.

Uber Münchens Stadtsilhouotte geht glutrot die Sonne unter. Manchmal kann es aussehen, als spiegle das Wetter die Seelenlage der Personen wider, was ja eigentlich gar nicht sein kann.

RENATE. Sag mal, ich hab dir doch gar nichts getan! Mensch, warum schaut er mich denn so bös an ?
 
230 Zugabteil


Clarissa hat zwei große Koffer dabei, die Juan ihr in das Gepäcknetz wuchtet. Sie sieht ihn hinter der Trennwand in der benachbarten Sitzreihe stehen und atmet erleichtert auf.

CLARTSSA. Das war also Wasserburg. Ein Glück, daß wir hier heute noch weggekommen sind. War's schlimm?

JUAN. Ihre Mutter hat mir ihr Leben erzählt. Ich werde eine Landkarte kaufen und mir die ganzen deutschen Orte ansehen. Im Norden und im Süden.

Der Zug hat sich in Bewegung gesetzt. Juan hat sich hingesetzt und blickt zum Fenster hinaus. Clarissa sieht, wie sein Blick dem ihren ausweicht.

CLARISSA. Du bist traurig!

JUAN. Nein, ich bin nicht traurig.

CLARISSA. Vielleicht sind wir aber auch beide traurig. Du hast mir sehr geholfen, Juan.

Clarissa setzt sich Juan gegenüber. Er weiß nicht, wieso er ihr geholfen haben soll. Er weiß offenbar auch nicht, warum sie nicht mit ihm im Hause der Mutter übernachten wollte. Jetzt verschließt er sich vor ihr.

JUAN. Ich möchte immer so fahren.

CLARISSA. Weit weg. Weg von allen Müttern und Familien und Klein- städten. Und. ..

JUAN ...und?

Juan kehrt langsam in die Situation zurück. Er sieht sie erwartungsvoll an.

CLARISSA ...und von der Liebe.

JUAN. Vergessen wir die Liebe!

Es scheint sich zu bestätigen, was Juan befürchtet hat. Wenn er sagt, daß er die Liebe vergessen will, ist das Resignation. Bei ihr ist das wütende Entschlossenheit. Sie will etwas abschütteln, was sie quält.

CLARISSA. Ja, wir vergessen sie einfach! Wir vergessen einfach die Liebe.

Clarissa erhebt sich, geht auf Juan zu. Sie setzt sich neben ihn und wirft sich in seine Arme. Juan, der zuerst ganz irritiert ist, begreift und

begreift nicht. Die beiden küssen sich. Clarissa hat Tränen in den Augen. Das Küssen geht in Weinen über.

 
231 Hof des Kohlen-Josef


Für Josef, den Kohlenhändler, ist es eine absolute Selbstverständlichkeit, daß Hermann bei ihm wohnt und seinen »Vorderschuppen« als Übungsraum benutzt. Hermann, der auf keinen Fall Clemens begegnen möchte, kommt aus dem Hinterhaus und eilt mit seiner Gitarre an Josef vorbei. Der Kohlen-Josef unterbricht seine Arbeit kurz und sieht hinter ihm her.

KOHLEN-JOSEF. Heut pressiert's dir aber.

HERMANN. Ja, ja.

KOHLEN-JOSEF. Bist wieder fleißig?

HERMANN. Mal sehen!

Schon ist Hermann im Vorderschuppen verschwunden.
 
232 Kohlen-Josef, Vorderschuppen


In seinem Probenverlies ist alles noch so, wie Hermann es sich dort vor Wochen mit Josefs Hilfe eingerichtet hat. Er setzt sich unter die alte Leuchte und ordnet seine Noten. Dann beginnt er zu üben. Eigentlich aber stolpern seine Finger nur über die Töne. Lustlos schlägt er häßliche Akkorde an und unterbricht sich immer wieder.

Während dieser Übungsarbeit ist Josef hereingekommen. Er betritt den Schuppen leise, aber ohne besondere Rücksichtnahme auf Hermann.

Er setzt eine mechanische Holzhackmaschine in Gang und beginnt, Buchenholzscheite zu spalten. Hermann unterbricht sein Gitarrenspiel.

HERMANN. Ich schaff es nie!

KOHLEN-JOSEF.Was meinst?

HERMANN. Ich schaff es nie.

KOHLEN-JOSEF. Meinst?

HERMANN. Ich habe mir plötzlich vorgestellt, daß ich Jahr für Jahr so weitermache. Da komme ich mir lächerlich vor.

Josef sieht von seiner Arbeit zu Hermann herüber.

KOHLEN-JOSEF. Das geht mir genauso. Das kannst du mir aber ehrlich glauben!

HERMANN. Ich bin einer unter Tausenden . . .

KOHLEN-JOSEF. Da kann ich dich beruhigen: Ich bin einer unter Millionen! Jetzt spiel halt weiter. Ich muß bloß noch den Rahmen Holz da fertigmachen.

Hermann grübelt. Josef zerkleinert Holz. So vergeht die Zeit.

HERMANN. Ich muß Geld verdienen—irgendwie.

KOHLEN-JOSEF. Es heißt doch immer, das Geld liegt auf der Straße. Aber im Ernst: I hab mich immer begnügt, der Zweitbeste zu sein. Nur so hab i überlebt. Die Erstbesten, die hat's im Krieg immer zuerst erwischt. So geht's denen immer.

HERMANN. Und ich bin noch nicht einmal der Drittbeste.

Josef lacht. Er macht seine Arbeit und läßt Hermann nicht merken, daß er sich ein wenig um ihn kümmern will. Hermann nimmt die Gitarre zur Hand. Das Stück, das er nun spielt, ist eine eigene Komposition, die seine verzweifelte Seelenlage widerspiegelt. Hermann kämpft mit seiner Einsamkeit, die er noch verstärkt, indem er sie musikalisch auslebt.
 
233 Münchner Innenstadt


Hermann schiebt sein Fahrrad. In der Straßenmündung steht eine Gruppe von neugierigen Passanten. Sie betrachten gespannt ein von Hermann aus unsichtbares Ereignis in der Ludwigstraße. Hermann zögert, weiterzugehen. Ein quergestellter Funkstreifenwagen versperrt die Straßenmündung. Hermann sieht sich nach der Zuschauergruppe um. Er erkennt die gespannt wartenden Gesichter.

HERMANN. Ich hatte die Lautsprecherdurchsage schon drei Straßen vorher gehört. »Sie befinden sich in Lebensgefahr.« Dieser Satzmachte mich eher neugierig, als daß er mich erschreckte.

In der völlig menschenleeren Ludwigstraße erscheint nun ein merkwürdiger Fahrzeugkonvoi: ein Funkwagen mit Lautsprecher, ein Lkw mit Blaulicht, ge- folgt von zwei weiteren Polizeiautos. Hermann sucht Halt an seinem Fahrrad. Auf dem Lkw wird eine Bombe transportiert, ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, den man bei Bauarbeiten in der Stadt gefunden hat.

HERMANN, Fast zwanzig Jahre waren seit den Bombennächten im Krieg vergangen - und immer noch fand man diese Blindgänger. Ein Moment der Aufgeregtheit, der Irritation, der Erinnerung an Panik und Angst, dann ging die Stadt zur Tagesordnung über.

Für Minuten war die Schreckensvision des Krieges in die Straßen zurückgekehrt. Die Menschen hinter den Häuserwänden haben angstvoll geschwiegen. Die Bombe, auf Sandsäcken und Strohballen gelagert, sieht eher harmlos aus. Im Nu ist der Konvoi außer Sichtweite.
 
234 Studentenschnelldienst

HERMANN. Ich brauchte einen Job, denn Clemens ließ mich auch jetzt nicht umsonst bei sich wohnen. Von der Mutter im Hunsrück bekam ich sowieso keinen Pfennig.

Im Warteraum des Studentenschnelldienstes sitzen etwa zwanzig Studenten, die auf Kurzzeitjobs hoffen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Die Reihenfolge der Jobvergabe wird durch eine abgestempelte Karte bestimmt, die Hermann beim Eintritt in Empfang nimmt.

Hinter einem Schalterfenster residiert der Jobvermittler des Arbeitsamtes, ein hagerer Beamter, der seine Studenten herumkommandiert und offenbar ganz genau weiß, was für wen der richtige Job ist. Gerade werden ein paar Arbeitsangebote bekanntgegeben.

JOBVERMITTLER. Zum Fensterputzen im Schwabinger Krankenhaus drei Personen, Damen oder Herren?

STUDENT. Was verdient man da ?

JOBVERMITTLER.2,70die Stunde, für zwei Tage. Ein Mann Teppichklopfen in der Goethestraße, bei einer alten Dame.

Der Jobvermittler entdeckt einen Studenten, der im Hintergrund in der Warteschlange raucht.

JOBVERMITTLER. Sie, geraucht wird hier fei nicht! Eine Dame Adressenschreiben bei der Allianz?

Hermann merkt, daß dies alles für ihn nicht in Frage kommt. Er sieht sich um und entdeckt Ansgar, der auf der Wartebank sitzt und an einer Scheibe Brot kaut. Er setzt sich zu Ansgar, um ihm seine Erlebnisse zu schildern, die er auf dem Herweg hatte.

HERMANN. Sag mal, warst du schon einmal in Lebensgefahr?

ANSGAR. Wie?

HERMANN. Lebensgefahr!

ANSGAR. Du bist immer in Lebensgefahr.

HERMANN. Nein, das glaube ich nicht. Das ist nur ein Wort. Das ist vorüber, bevor man es begriffen hat.

ANSGAR. Was ist denn passiert?

HERMANN. Also—vorhin in der Ludwigstraße . . .

Gerade als Hermann beginnt, Ansgar von dem Bombentransport durch die abgeriegelte Innenstadt zu erzählen, kommt ein Jobauftrag herein, der ihn aufmerken läßt.

JOBVERMITTLER. Zwei Mann für Lagerarbeiten bei Arnold & Richter?

HERMANN. Was ist denn das für eine Arbeit?

JOBVERMITTLER. Filmdosen sortieren, Keller ausräumen.

STUDENT. Und wo ist das?

JOBVERMITTLER. In der Türkenstraße 9I, in Schwabing.

HERMANN. Das nehmen wir!

Hermann hat für Ansgar mitentschieden. So ist er wenigstens in Gesellschaft eines Freundes bei der einsamen Arbeit, die ihn jetzt erwarte
t.
 
235 Arnold & Richter, Lager


Der Archivkeller ist angefüllt mit Tausenden von Blechdosen, die übereinandergetürmt und in primitiven Holzregalen gestapelt sind. Hermann geht umher und überlegt, womit er anfangen soll.

HERMANN. So gelangte ich mit Ansgar in das Archiv der Münchner Filmfirma. Wir sollten die älteren Filme aussortieren, die noch auf dem feuergefährlichen Nitromaterial kopiert waren. Offenbar war es verboten, solche Filmrollen länger in diesen Kellern zu lagern.

Was wir aussortierten, wurde vernichtet. Eine Aufgabe, die uns Studenten gefiel, weil sie Allmacht über diese Zeitdokumente bedeutete. Wir verstanden es aber, die Arbeit in die Länge zu ziehen, da uns der Job das ganze Semester ernähren sollte.

Hermann gibt sich einen Ruck und packt sich einen möglichst großen Stapel Filmdosen, um sie in den Fabrikhof hinauszutragen. Ansgar hat es sich aber im hintersten Eckchen des Archivkellers bequem gemacht. Er gibt Hermann ein Zeichen, zu warten.

ANSGAR. Bist du wahnsinnig?

HERMANN. Wieso?

ANSGAR. Wenn wir uns das gut einteilen, dann reicht's für zwei Tage.

Hermann stellt den Büchsenstapel wieder ab und öffnet einen Deckel. In der Dose liegen fein sortiert einige Dutzend kleiner Negativröllchen.

HERMANN. Sag mal, ist das wirklich so gefährlich, das Zeug hier?

ANSGAR. Das ist Nitromaterial, so was ähnliches wie Nitroglyzerin. Kennst du »Lohn der Angst«, den Film?

HERMANN. Nein.

Während dieser Worte hat sich Ansgar seelenruhig eine Zigarette gedreht und zündet sie an, ganz ungeachtet der Explosionsgefahr.

ANSGAR. Ein Funke, und das ganze Stadtviertel fliegt in die Luft. Eine riesige Bombe mitten in Schwabing.

Es ist Nacht geworden im Filmkeller. Hermann und Ansgar haben sich in die Filmausschnitte vertieft, die sie von Hand vor ihren Augen abrollen. Vor der trüben Kellerlampe werden die Filmbilder fast wieder lebendig.

ANSGAR. Phantastisch! Wie diese Bilder von Nazis mit ihren geilen Weibern da zwanzig Jahre unter so einem Blechdeckel warten und jederzeit wieder zum Leben erweckt werden könnten. Könnten! Die Teufel! Die warten nur drauf, daß irgend jemand mal den Korken aus der Flasche zieht. Aber wir vernichten sie.

Hermann hat sich Ansgar gegenübergesetzt. Auch er betrachtet die Bilder dieser womöglich längst verstorbenen Menschen.

HERMANN Ich denke oft an den Tod. Wenn ich nachts durch die Straßen gehe, versuche ich mir vorzustellen, daß da grade jemand stirbt, hinter den Fenstern. Jemand, der mir unendlich fremd ist, ich weiß nichts von ihm, aber der Tod, das ist etwas, was ich auch in mir habe. Wenn jemand stirbt, dann ist er genauso wie ich. Wenn ich mir vorstelle, daß in den Häusern die Menschen sterben, dann fühle ich mich fast wie zu Hause. Ansgar läßt die Filmstreifen fallen. Jetzt interessiert ihn die eigene Lage mehr.

ANSGAR.Wo kommst du her?

HERMANN. Aus einem Kuhdorf. Weißt du, wo der Hunsrück ist?

ANSGAR. Dann kennst du ja auch diesen Saustall. Familie!

HERMANN. Ich habe alle Brücken hinter mir abgebrochen.

ANSGAR. Und weißt du, wo du jetzt ist? Unter Perversen, Nutten, Verbrechern, Raubtieren und ihren Opfern. Und die leben alle! Ansgar sieht Hermann an, als hätte er eben das Welträtsel gelöst.
 
236 Straßen vor einem Konzertsaal


Juan läuft durch die nächtliche Stadt. Er hat seinen dunklen Anzug an und ist auf dem Weg zum Amerikahaus, wo ein Konzert angekündigt ist, mit Werken von Volker Schimmelpfennig und Jean-Marie Weber.

JUAN. Clarissa hat mich geküßt. Dann war sie weggelaufen von mir. Immer wenn ich sie wiedersehen wollte, hatte sie etwas anderes zu tun. An den Frauen merkte ich erst richtig, daß ich in einem fremden Land lebte.

Unter den Mitwirkenden werden auf dem Plakat andere Musikstudenten aufgezählt, die Juan kennt. Er beeilt sich, in das Gebäude zu kommen, denn das Konzert hat gerade angefangen.
237 Konzertsaal


Jean-Marie steht auf der Bühne und spricht einleitende Worte. Der Saal ist gefüllt mit jungen Intellektuellen, Studenten der verschiedenen Hochschulen, jungen Musikern. Nur wenige ältere Zuhörer sind zu sehen. Juan entdeckt einen freien Platz hinten in einer Reihe. Er bittet die Leute, ihn durchzulassen. Aber das erzeugt einen Moment Unruhe, so daß Jean-Marie auf der Bühne lauter sprechen muß.

JEAN-MARIE. »Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht.« Nach diesem Gedicht von Günter Eich komponierte Volker Schimmelpfennig das Stück, das Sie nun hören werden, für Bariton und kleines Orchester. Zur gleichen Zeit zeigen wir Ihnen einen Film, den |Reinhard Dörr und Stefan Aufhäuser konzipiert und uns zur Verfügung gestellt haben. Es ist dies der Versuch, die Medien Film und Musik gleichzeitig, gleichberechtigt miteinander in Beziehung zu setzen. Es singt Dietrich Henschel unter der Leitung des Komponisten.

Juan ist neben Elisabeth Cerphal zu sitzen gekommen. Fräulein Cerphal, eine etwa fünfzigjährige Lady, trägt ein helles Jackenkleid und dazu ein Hütchen mit einer langen Feder darauf. Auf ihrer anderen Seite hat Stefan, der Filmemacher, Platz genommen, der nur darauf gewartet hat, daß Jean-Marie ihn in seiner Einleitungsrede erwähnt. Jetzt erhebt er sich und gibt Ansgar ein Zeichen, der aber eine Reihe hinter ihm mit Olga, der Schauspielschülerin aus der Schauspielschule, knutscht. Stefan verläßt eilig den Saal in Richtung der Vorführkabine, wo die Filmprojektoren sind. Juan befindet sich unter lauter bekannten Gesichtern. Weiter vorn entdeckt er Hermann, der an Renates Seite sitzt. Juan wartet, bis Jean-Marie die Bühne verläßt. Während des Beifalls, der jetzt einsetzt, begrüßt Juan Hermann. Jean-Marie nimmt in der ersten Reihe neben Clarissa Platz. Clarissa sieht sich nach Hermann und Juan um. Die Musiker betreten die Bühne. Sie alle sind theatralisch zurechtgemacht, ganz weiß geschminkt und in schwarzen Anzügen mit schwarzen Mützen makaber verkleidet. Der Bariton, der die Solostimme singt, trägt ein goldschimmerndes Clownskostüm mit gewaltig ausgepolsterten Schultern. Auch er ist geschminkt und singt mit einem großen theatralischen Gestus. Das Stück ist eine kleine Kammeroper, die den Text von Günter Eich dramatisiert und die moralischen Appelle darin noch vergrößert.

BARITON. »Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht! | Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.

Auch zu dir kommt es, der weit entfernt wohnt von den Stätten, wo Blut vergossen wird, auch zu dir und deinem Nachmittagsschlaf, worin du ungern gestört wirst. Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen, aber sei gewiß. « Das Besondere an dieser Aufführung ist, daß hinter dem Orchester eine Filmprojektion abläuft. Auf einer die ganze Bühne übergreifenden Cinemascope-Leinwand zeigen schwarz-weiße Filmbilder eine Sequenz von Geschwindigkeitseindrücken: Straßen, Hausfassaden, Hochspannungsleitungen, Autobahnen, Schnellzüge, ein rasendes Tempo von vorbeirauschenden Bildeindrücken, die keinen Augenblick des Verweilens anbieten. Die Bilder zergliedern unser Leben, die moderne Welt, in zahllose Kurzimpressionen, die den gesungenen Text merkwürdig kontrastieren.

Hermann, Juan, Jean-Marie, Clarissa und all die im Saal versammelten Freunde bestaunen diese Wirkungen, die durch das Zusammentreffen der konträren Medien entstehen. Oben in der Projektionskabine hat Stefan seine Freunde getroffen. Mit Reinhard und Rob schaut er durch das Projektionsloch und sieht nur das Filmische an der Veranstaltung.

STEFAN. Läuft's?

REINHARD. Und wie!

STEFAN. Von hier oben sieht's toll aus.

BARITON. » Oh angenehmer Schlaf, auf dem Kissen mit roten Blumen einem Weihnachtsgeschenk von Anita, woran sie drei Wochen gestickt hat, Osterlämmer, erwachende Natur, Eröffnung der Spielbank in Baden Baden . . . «

Fräulein Cerphal, die nun, da Stefan weggegangen ist, keinen Gesprächspartner mehr hat, spricht Juan an.

FRÄULEIN CERPHAL. Gefällt Ihnen die Musik? JUAN. Nein, eigentlich nicht.

FRÄULEIN CERPHAL. Schade. Und der Text?

JUAN. Der Text ist vielleicht schön.

FRÄULEIN CERPHAL. Der ist gut.

JUAN. Aber ich verstehe leider nicht alles.

FRÄULEIN CERPHAL. Wieso, warum nicht? Woher kommen Sie? JUAN. Aus Chile. Santiago.

BARITON. ». . . Cambridge siegte gegen Oxford mit zweieinhalb Längen. Das genügt, das Gehirn zu beschäftigen.«

Fräulein Cerphal wendet sich wieder an Juan.

FRÄULEIN CERPHAL. Von den jungen Komponisten, da kann man sehr viel lernen. Da bewegt sich noch was. Sind Sie auch Musiker?

JUAN. Ja, ich bin auch Musiker.

BARITON. »Ah, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!

Schon läuft der Strom in den Umzäunungen, und die Posten sind aufgestellt. «

Renate scheint an dem Konzert keinen Gefallen zu finden. Ihre Gedanken planen schon den weiteren Verlauf des Abends. Sie will schließlich wissen, wofür sie das alles auf sich nimmt!

RENATE. Du, Hermann, gehscht danach heim?

HERMANN. Ich weiß es jetzt noch nicht. Jetzt hör doch erst mal zu.

RENATE. Ja.

BARITON. »Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen! Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird. Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt! «

 
238 Straßen in Schwabing


Hermann hat sich einfach dem Pulk von Konzertbesuchern angeschlossen, die hinterher noch eine Jazzkneipe besuchen wollen. Renate ist halbentschlossen gefolgt und hört sich seine Meinung zu dem Konzert an. Auch Fräulein Cerphal läuft, untergehakt bei Stefan, mit den jungen Leuten mit. Sie möchte die Künstler kennenlernen.

FRÄULEIN CERPHAL. Also, Stefan, ist es denn jetzt noch weit?

STEFAN. Nein, dort drüben ist es doch schon. Die Bierhalle einfach quer rüber.

FRÄULEIN CERPHAL. Na, da bin ich aber mal gespannt.
239 Schwabinger Kneipe


Es ist die Jazzkneipe, in der Hermanns Landsmann Clemens spielt. Er trommelt zu der Musik eines Quintetts, eine schwarze Sängerin singt.

Renate fühlt sich allein gelassen, weil Hermann sich an der Bar zu Clarissa gesetzt hat. Soll sie sich gefallen lassen, daß Hermann sich nicht mehr für ihre Gesellschaft interessiert? Sie steht vor der Jazzband und ringt mit sich. Dann geht sie einfach zu Hermann und hört aus der Nähe zu, was dieser mit Clarissa zu besprechen hat.

CLARISSA. Aber die Frage ist doch: Wo hört die Musik auf, und wo fängt die Politik an?

HERMANN. Ich denke, daß unsere Musik vor der Nachwelt bestehen können muß. Wenn ich als Künstler nur an Alltagsprobleme denke oder an heute, das ist doch ein Unterschied. Aber wenn ich beim Komponieren an die Ewigkeit denke oder an den Tod, dann spürt man das.

CLARISSA. Ich würde gern einmal Ihre Arbeiten kennenlernen.

HERMANN. Ich habe sogar einmal ein Stück für Cello geschrieben. Es ist leider verlorengegangen.

CLARISSA. Ach, wie war das denn möglich?

HERMANN. Es war in einem Koffer, und der ist mir gestohlen worden.

Jetzt hat Renate eine Chance, einzugreifen, denn bei diesem Thema kann sie endlich mitreden.

RENATE. Ja, wisset Sie, dieser Fall ist zu uns in die Kanzlei gekommen, und wir fragen uns jetzt, ob wir den nicht aufklären sollen.

HERMANN. Ja, das war anders. Und außerdem geht es mir gar nicht um den Koffer. Es geht mir um einige Arbeiten, die verlorengegangen sind.

CLARISSA. Ach, das waren mehrere Arbeiten?

HERMANN. Ja. Unter anderem eben das Cellostück. Aber ich habe jetzt angefangen, ein anderes Stück zu komponieren. Das ist für Cello und Gesang.

Renate spürt jetzt, daß zwischen Hermann und Clarissa eine so starke gegenseitige Faszination herrscht, daß sie keine Chance mehr hat, sich bemerkbar zu machen. Sie bleibt noch und tut, als interessiere sie das Thema der beiden, dann entfernt sie sich beiläufig.

Juan hat am Tisch des Fräulein Cerphal begonnen zu zaubern und Kunststücke vorzuführen. Mit eleganten Handbewegungen läßt er eine Münze verschwinden und wieder auftauchen. Renate sieht sich an, wie Juan die ganze Tischrunde unterhält. Fräulein Cerphal, die schon während des Konzerts an Juan Gefallen gefunden hat, ist von seinen Zaubertricks begeistert.

FRÄULEIN CERPHAL. Wunderbar! Wo lernt man denn das?

JUAN. Auf der Straße.

FRÄULEIN CERPHAL. In Chile...

Sie läßt sich ein Gummibällchen, das zwischen Juans Fingern tanzte, geben und versucht es auch damit. Sie stellt sich ungeschickt an. Am Musikerstammtisch, zu dem auch die Cerphal hin und wieder hinüberschielt, ist um Volker und Jean-Marie eine Diskussionsrunde entstanden.

Musikstudenten bedrängen die beiden mit Fragen. Zum Beispiel mit der Frage, ob es legitim sei, Geräusche in die Komposition einzubeziehen, und wie man so etwas notiere.

Volker entwirft eine Utopie für neuartige Notationsformen.

VOLKER. Die herkömmliche Notation reicht einfach nicht aus.

STUDENTIN. Aber das mit den Geräuschen, das ist doch total dem Zufall überlassen.

Jean-Marie hat nur auf diesen Augenblick gewartet. Bei dem Stichwort »Notation« greift er nach einer Tasche, die hinter ihm auf der Bank steht, und holt eine flache, silberglänzende Metallkassette hervor.

JEAN-MARIE. ZU diesem Thema möchte ich euch etwas zeigen. Nachdem herkömmliche Notenschrift längst nicht mehr ausreicht, um die neue Musik aufzuschreiben, habe ich unser letztes Stück in Gold prägen lassen.

Jean-Marie hat die Kassette geöffnet. Es wird plötzlich still am Tisch. Alle betrachten die goldschimmernde Schallplatte, die in Samt gebettet darin liegt.

JEAN-MARIE. Voila! Das oxidiert nicht, ist hitzebeständig bis 700 Grad und kann nicht entmagnetisiert werden. Erdgravitation, Chemikalien, alles ist unschädlich. Die hält 4000 Jahre. Wie der Schmuck der Etrusker. Die Kassette ist aus Edelstahl, spezialgehärtet, nichtrostend. Damit kann man sie zum Beispiel in einem Salzbergwerk auflbewahren.

Jean-Maries Vortrag hat den ganzen Freundeskreis an den Tisch gelockt: Ansgar mit skeptischem Blick, Olga frisch verliebt in ihn, Renate, die Hermann für einen Moment vergißt, Stefan, die Cerphal, die nun Juan stehenläßt und vom Nebentisch herüberkommt.

FRÄULEIN CERPHAL. Entschuldigung, darf ich auch mal anfassen? JEAN-MARIE. Aber nicht obendrauf fassen.

FRÄULEIN CERPHAL. Das ist ja fabelhaft! Pures Gold! Das leuchtet mir sofort ein.

Olga hat sich von ihrem Stuhl erhoben, um die Platte in Fräulein Cerphals Hand besser sehen zu können.

OLGA. Darf ich auch mal?

FRÄULEIN CERPHAL. Aber nicht obendrauf fassen.

Die Cerphal reicht das gute Stück in die Hände von Olga, die sofort ihr goldenes Spiegelbild in der Plattenoberfläche entdeckt.

OLGA. Ach, wenn man Filme auch so in Gold aufbewahren könnte, dann könnten sich Schauspieler auch verewigen.

Renate hat sich vorgedrängt. Auch sie will berühren. Olga gibt die Platte an sie weiter, mit der Mahnung, nicht obendrauf zu fassen, was Renate beherzigt. Die Cerphal wendet sich zu Stefan, der bewußt kühl und scheinbar unbeteiligt im Hintergrund geblieben ist.

FRÄULEIN CERPHAL. Stefan, könnten wir sie nicht alle heute abend zu uns einladen?

STEFAN. Alle?

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, die sind doch nett!

STEFAN. Also, die beiden Komponisten da, die kenne ich sehr gut. FRÄULEIN CERPHAL. Die sind gut, nicht?

STEFAN. Ja, die sind gut.

FRÄULETNCERPHAL. Prost.

Die Cerphal ist mit der Aussicht auf einen noch erfüllteren Abend sehr zufrieden. Der Schluck aus dem Weinglas stärkt ihren Unternehmungsgeist. Ansgar hat begonnen, sich über Olgas Eitelkeit lustig zu machen.

Er findet Freude daran, die verliebte Schauspielschülerin zu provozieren.

ANSGAR. »Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze,« Schiller. Das ist auch gut so, sonst wäre eure Eitelkeit überhaupt nicht mehr auszuhalten.

Die gekränkte Olga schlägt zurück. Sie gibt Ansgar eine Ohrfeige; seine selbstgedrehte Zigarette fliegt ihm aus dem Mundwinkel. Ansgar läßt sich nicht aus der zynischen Ruhe bringen.

ANSGAR. Komm, das ist auch nur Spiel. Ich leg dich nachher um, dann bist du wieder ehrlich.

Renate, die die goldene Schallplatte im Lokal herumgezeigt hat, kommt an den Tisch zu Jean-Marie zurück. Sie bewundert die Komponisten, deren Musik sie überhaupt nicht gemocht hat.

RENATE. So ebbes muß doch schrecklich teuer sein.

STUDENTIN. Soviel Geld nur für euer Prestige, das finde ich etwas lächerlich, muß ich sagen!

JEAN-MARIE.So etwas spielt doch keine Rolle.

RENATE. Haben Sie reiche Eltern?

JEAN-MARIE. Das ist doch nicht wichtig. Die Goldfolie ist hauchdünn. Man stellt so etwas in einem galvanischen Bad her. Das kann sich im Grunde jeder leisten, der es sich leisten kann, eine Aufführung zu bezahlen.

Juan hat sich aus allen Diskussionen herausgehalten. Er jongliert mit zwei silbernen Kugeln und lächelt wie ein Kind.

JUAN. Ich bin lieber vergänglich. Sagt man so?

Die schwarze Sängerin hat begonnen, einen Blues zu singen. Hermann sitzt noch immer mit Clarissa an der Bar. Das Gespräch zwischen den beiden kreist um die gleichen Themen.

CLARISSA. Sind Sie eifersüchtig?

HERMANN. Auf wen?

CLARISSA. Uberhaupt.

HERMANN. Ich glaube, nicht. Also, wenn Sie das zwischen Frauen und Männern meinen, da finde ich Eifersucht ein Armutszeugnis.

CLARISSA. Und in der Kunst?

HERMANN, Der Cocteau hat einmal gesagt: »In der Kunst kann keiner den anderen überholen.«

CLARISSA. Und es passiert trotzdem.

HERMANN, Vielleicht, weil es keine Kunst ist.

CLARISSA. Sie gefallen mir.

Hermann ist sprachlos über diesen Satz. Er kann jetzt Clarissa nicht mehr ansehen. Verlegen betrachtet er seine beim Jobben abgebrochenen Fingernägel.

Renate nähert sich vorsichtig und nutzt den Augenblick des Schweigens, um Hermann anzusprechen.

RENATE. Du, Hermann, bleiben wir noch lange hier?

HERMANN. Was?

RENATE. Ich mein bloß so. . .

Hermann wacht aus seinen Träumen auf. Er versucht, etwas zu Clarissa zu sagen, sieht aber, daß diese sich sofort zuruckzieht.

HERMANN. Sag mal, was soll denn das heißen?

RENATE. Nix Besonderes.

HERMANN. Ich weiß es noch nicht.

Hermann läßt Renate einfach stehen. Er folgt Clarissa, die aber ein Gespräch mit Volker begonnen hat.

VOLKER. Gehen wir da rüber.

CLARISSA. O.k.

Clarissa ist nun für Hermann nicht mehr erreichbar. Der Traum ist aus. Hermann sieht Juan und geht seufzend auf ihn zu.

HERMANN. Ach, Juan . . .

JUAN. Ich freue mich auf den Winter.

HERMANN. Wieso?

JUAN. Ich habe niemals Schnee gesehen. Gibt es nicht große Mengen Schnee in Bayern?

HERMANN. Das wird auch mein erster Winter in Bayern.

Volker und Clarissa haben sich in eine Ecke verzogen, wo sie in ein unergründbares Gespräch vertieft sind. Hermann spürt die Blicke von Renate, die mitten im Lokal steht und tut, als ob sie der Musik zuhöre. Die Cerphal hat Kontakt zu Jean-Marie gefunden. Sie sitzt neben ihm am Künstlertisch, flankiert von Stefan, der ein Glas Milch trinkt.

FRÄULEIN CERPHAL. Sie sind doch ein » jeune homme de bonne familie«. Habe ich recht?

JEAN-MARIE. Mes parents habitent a Strasbourg.

FRÄULEIN CERPHAL. Na, sehen Sie? Ich rieche doch den guten Stall! Darf ich Ihnen das einfach so sagen?

JEAN-MARIE. Waren Sie auch in dem Konzert?

FRÄULEIN CERPHAL. Ja natürlich, ich würde ja sonst nicht hier sitzen. Es war ein großes Erlebnis für mich.

JEAN-MARIE. Vielen Dank für das Kompliment!

Die Cerphal wendet sich nun an die ganze Tischrunde, mehr noch an das ganze Lokal. Sie klopft mit einem Löffel an ihr Glas, um sich Gehör zu verschaffen.

FRÄULEIN CERPHAL. Meine Herrschaften! Ich würde Sie gerne heute abend alle zu mir einladen. Ich habe ein schönes, großes, geräumiges Haus mit einem Flügel. Was halten Sie davon?

STUDENTIN. Wo ist denn das?

FRÄULEINCERPHAL. Oh, das ist nicht weit von hier.

Stefan, dem das nun ein bißchen zuviel ist, versucht, die Personenauswahl etwas gezielter zu gestalten. Er erklärt, daß er bei Fräulein Cerphal wohne und man sich in seinem Zimmer treffe, falls sie nicht ihre Privaträume zur Verfügung stelle. Es gibt reichlich Durcheinander bei dem plötzlichen Aufbruch.

Hermann und Juan stehen am Ausgang. Sie warten wohl beide auf Clarissa. Als Stefan heraustritt, spricht er die beiden Freunde an.

STEFAN. Ihr kommt doch mit, oder?

HERMANN. Ja, gerne.

Jetzt kommt die Gastgeberin vorbei. Hermann und Juan hören, was sie mit Jean-Marie zu besprechen hat.

FRÄULEIN CERPHAL. Und welches Instrument spielen Sie? JEAN-MARIE. Ich bin in der Dirigentenklasse.

FRÄULEIN CERPHAL. Ach, in der Meisterklasse?

JEAN-MARIE. Ja, in der Meisterklasse.

Nach Ansgar, Olga, all den Musikstudenten und Avantgarde-Künstlern verläßt schließlich auch Clarissa das Lokal. Sie geht mit Volker an den beiden Freunden vorbei.

CLARISSA. Ja, aber du warst doch schon mal in der Villa?

Endlich weiß Hermann, daß er sich der Einladung zu Fräulein Cerphal anschließen wird. Juan spürt, was in dem Freund vorgeht.

JUAN. Hermann, hüte dich vor den schönen Frauen!

HERMANN. Ist das auch wieder so ein chilenisches Sprichwort?

JUAN. Nein, aber wahr.

Schließlich taucht auch noch Renate auf, die als letzte das Lokal verläßt. Sie hat Hermann wohl überall gesucht.

RENATE. Ach, Hermann, da bisch ja!

Hermann hat keinen Einfluß mehr auf den Verlauf seines Abends.
240 Villa Cerphal
 


Die Villa liegt am Rande Schwabings in einem verwilderten Garten. Das Haus stammt aus der Jahrhundertwende, mit seinen Erkern, Zinnen und Türmchen. Von der Straße aus kann man die Villa kaum sehen, da sie von einer hohen Fichtenhecke umgeben ist und große Bäume und Buschwerk im Vorgarten aufragen. Das weiße Tor vor der Einfahrt steht weit offen. Alle Fenster des Hauses sind erleuchtet. Man hört die Stimmen der Gäste und Musik bis auf die Straße. So war die Adresse auch für Clemens nicht schwer zu finden, der nach Beendigung seiner Arbeit in der Band nun auch noch in die Villa kommen möchte. Er ist in Begleitung von drei Mädchen, mit denen er sich durch die Dornenhecken unterhalb der Villenterrasse arbeitet. Clemens sucht den Hintereingang, den er schließlich auf der ausladenden Holzterrasse findet. Aus dem Innern des Hauses ertönt Gesang. Clarissa, von Volker am Flügel musikalisch begleitet, singt ein Lied nach einem Text von Kurt Tucholsky. 

CLARISSA, ». . . da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter. Zwei fremde Augen ein kurzer Blick, Die Braue, Pupillen, die Lider - was war das? Vielleicht dein Lebensglück . . . Vorbei, verweht, nie wieder. « 

Stefan sitzt am Erkerfenster, trinkt seine Milch und sieht Clemens über die Terrasse kommen. Rob, der mit seiner Arriflex-Filmkamera spielt, filmt Stefan, der Milch trinkt und Clemens kommen sieht. 

ROB. Hoch, die Milch! 

Clemens betritt mit seinen drei Begleiterinnen das überfüllte Zimmer. Der Raum ist bis zur halben Wandhöhe mit Holz vertäfelt, ein ehemaliger Salon, das zur Gartenterrasse gelegene Gesellschaftszimmer der Villa. Es gibt einen Flügel, eine Biedermeierliege, einen runden Tisch, viele Stühle, Sessel, gemütliches Licht unter Stehlampen und offene Türen zu den anderen Räumen des Hauses. Clarissa und Volker setzen ihr Tucholsky-Lied fort. 

CLARISSA. »Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen; du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen. Ein Auge winkt, die Seele klingt; du hast's gefunden, nur für Sekunden . . . « Clemens hat sich umgesehen und die Gastgeberin entdeckt, die ihn und die drei Studentinnen begrüßt.

FRÄULEIN CERPHAL. Guten Abend. Die Garderobe ist hier! 

Clemens kommt an Hermann vorbei, der in der Tür zur Diele steht und Clarissa zuhört. 

HERMANN. Hallo, wie war s noch?

FRÄULEIN CERPHAL. Hier ist die Garderobe. 

Olga liegt malerisch in einem Sessel unterhalb der herrschaftlichen Haustreppe, die zum Obergeschoß führt. Ansgar reitet wie ein kleiner Junge auf dem Treppengeländer und hat sich mit Arbeitskittel und Baskenmütze als Arbeiter maskiert. Olga nimmt eine langstielige Rose aus einer Vase, klemmt sie zwischen ihre nackten Zehen und reicht sie mit dem Fuß zu Ansgar empor. 

OLGA. Für dich, mon amour! 

Ansgar nimmt die Rose an und ißt sie im Nu vor Olgas Augen auf. Clarissa singt im Salon den Refrain. 

CLARISSA. »Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen und Lider Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück . . . Vorbei, verweht, nie wieder.« Unter der Stehlampe sitzen zwei Avantgarde-Musiker, die den Studenten die Notation ihrer »Lautgedichte« erklären. Uberall herrscht intensive Gesprächsatmosphäre, geht es um Musik, Kunst, Experimente. 

Nach Clarissas Refrain »Vorbei, verweht, nie wieder« ist ein Augenblick Stille entstanden. Fräulein Cerphal sinniert noch hinter dem »nie wieder« her, da geht das Lied weiter. 

CLARISSA. »Du mußt auf deinem Gang durch Städte wandern; siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern. 

Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein. Es sieht hinüber und zieht vorüber. . . Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück! Vorbei, verweht, nie wieder.« 

Clarissa bekommt herzlichen Applaus für ihr Lied. 

FRÄULEIN CERPHAL. Sie sollen ja auch eine großartige Cellistin sein! 

CLARISSA. Wenn man das behauptet, da habe ich aber nichts dagegen. 

Renate hat sich an Hermanns Seite gearbeitet. Auch er ist in diesem Milieu ein wenig unsicher. 

RENATE. Ich bin so aufgeregt! Ich krieg richtig Lampenfieber in derer Umgebung. Dein Freund, der Juan, der ist so ein lieber Kerl, der hat mir so schöne Komplimente gemacht. 

HERMANN. So? 

RENATE. Der weiß mit Frauen umzugehen! Es wird mir richtig schwind-lig, wenn ich daran denke. 

Hermann hat eine Idee, Renate für einen Augenblick loszuwerden. Er kennt doch Olga von der Schauspielschule. 

HERMANN. Olga, das ist die Renate Leinweber. Sie möchte gern Schau- spielerin werden. Vielleicht kannst du ihr ja erzählen, wie man das macht.

OLGA. Wenn man das richtig will, dann schafft man es auch. 

Die beiden Avantgarde-Künstler haben im Erker Platz genommen. Es ist eine richtige kleine Bühne für die beiden arrangiert worden, so daß sie nebeneinander sitzend ihr Lautgedicht mit verteilten Rollen vortragen können. Es wird »zweistimmig« gelesen, so daß eine Art absurder Dialog entsteht. Zur Darbietung gehört auch, daß in die Hände ge-klatscht wird, daß man rückwärts atmet, faucht und stampft. 

Hermann und Juan halten sich im Hintergrund, während Fräulein Cerphal und ihre jungen Gäste amüsiert oder fasziniert zuhören. 

HERMANN. Gefällt es dir hier?

JUAN. Gut. Das gefällt mir. 

HERMANN. Nein, ich meine das Haus.

JUAN. Ist auch schön! 

HERMANN. Die Generation, der solche Häuser gehören, das waren alles Nazis. 

JUAN. Das weiß ich nicht. 

Das Unglaubliche an dem Lautgedicht ist, daß es nach einer sehr exakten Partitur vorgetragen wird. So entsteht ein absurdes Verhältnis zwischen der Unsinnigkeit der Texte und der Präzision der Form. Wieder wird geklatscht, gefaucht, gestampft und in sinnlosen Silbenfol-gen gezischt, geraunt, gelockt. 

Stefan, der neben der Germanistikstudentin Helga sitzt, möchte sich zurückziehen, gleichzeitig aber mit Helga ins Gespräch kommen. 

STEFAN, Entschuldigung, können Sie den Platz in meinem Bett freihal-ten? 

HELGA. Können Sie nicht nachher pinkeln gehen? 

Helga ist offenbar eine ganz Radikale. Sie faucht Stefan an und gibt ihm keine Chance für seine Entschuldigung. 
 
241 Villa Cerphal, Küche
 


Reinhard und Alex haben sich in die Küche zurückgezogen und kochen Gulasch. Reinhard, der Filmemacher, ist nebenbei ein leidenschaftlicher Koch. Genüßlich rührt er in seinem Topf. Alex, der ältliche Philosophiestudent, darf das Gericht vom Kochlöffel probieren. 

REINHARD. Das ist doch besser als das experimentelle Gestammel da drüben. 

ALEX. Unvergleichbar. Ich sage immer: lieber ein konkretes Gulasch für den Geist als konkrete Poesie für den Magen. 

Stefan tritt ein. Für einen Moment tönt die experimentelle Lyrik von nebenan in die Küche herein. Er wird aufgefordert, die Tür sofort wieder zu schließen. 

REINHARD. Ein gutes Gulasch macht der richtige Paprika. Das ist das Geheimnis. Du darfst nie den scharfen nehmen, immer nur den milden, der bringt die richtige Würze. Altes ungarisches Geheimnis. 

ALEX. Das ist ja wie mit den Frauen. 

Alex lacht anzüglich, dann macht er sich auf, um möglichst schnell an den Tisch zu gelangen. Alex ist ewig hungrig. 

ALEX. Sag mal, kochst du auch für größere Runden? 

REINHARD. Nein, prinzipiell klein, aber fein. Bring mal die Nudeln. 

ALEX. Ist die Tür abgeschlossen? 

STEFAN. Komm, jetzt spinn nicht, Alex. 

Rob steckt den Kopf zur Tür herein. Auch er scheint nicht allzuviel von der Avantgarde-Lyrik zu halten. Ihn zieht es ebenfalls zu konkreten Genüssen. 

ROB. Gulasch mit mildem Paprika. 

STEFAN. Sag mal, wer war denn die Frau, die da neben mir gesessen ist? ROB. So eine Lyrikerin. Sie liest in einem Kreis, der heißt »Spuren«. 

Rob hat sich zu seinen Filmkollegen an den Küchentisch gesetzt. Reinhard hört auf zu essen. Er ist auf eine Idee gekommen. 

REINHARD. »Spuren GmbH«. Das wäre doch ein Name für unsere Filmfirma. 

ALEX. Mensch, lieber was Humanistisches.

REINHARD. Versuch's doch einmal! 

Rob mag Reinhards Gulasch nicht. Er ist Vegetarier. 

ROB. Nee. Ich nehme eine Gurke. 

ALEX. Vielleicht »Alpha-und-Omega-Film« ? 

REINHARD. Was haben wir denn bis jetzt? 

Stefan holt seine Brieftasche hervor und entnimmt ihr einen Notizzettel. Er liest vor. Stefan ist von den vieren der bürgerliche Typ, ordentlich, wohlerzogen, ein wenig kleinlich. 

STEFAN. Also, paßt auf, wir haben: Metropolis, Extase, Weites Land. 

REINHARD. »Weites Land GmbH & Co. KG«, das hört sich doch am besten an. 

ALEX. Da kannst du doch gleich »Christ-und-Hund-Film Co. KG« sagen. 

STEFAN. Wir können keine GmbH gründen. Das ist viel zu teuer. Und außerdem muß die ins Handelsregister eingetragen werden. 

REINHARD. Aber das hört sich am besten an. 

ROB. Nein, wir gründen einen Verein. Da brauchen wir zu uns drei dann noch vier dazu, das ist dann ein »e. V.«, und dann . . . 

STEFAN. Wir brauchen weder einen Verein noch eine Kapital-Gesellschaft. Ein ganz einfacher Zusammenschluß genügt. Wie eine Tippgemeinschaft beim Toto. 

Stefan ist Jurastudent. Er kennt sich aus. Reinhard ist großzügiger, stellt sich eine Wortschöpfung gleich genußvoll vor. 

REINHARD. »Weites-Land-Tippgemeinschaft«. 

ALEX. Regie: Reiner Zufall! 

ROB. Oder »Weites Feld«. Und dann unsere drei Namen danach. Weites Feld- Rob, Reinhard, Stefan. 

STEFAN. Namen spielen doch keine Rolle. 

REINHARD. Doch, die Namen spielen eine Rolle. Für uns. 

ALEX. Nomen est omen. 

Reinhard versucht es mit einer ganz neuen Idee. 

REINHARD. Rio-Bravo-GmbH. 

STEFAN. Wir drehen doch keine Westernfilme. 

REINHARD. Wieso nicht? 

STEFAN. Weil das in Deutschland nicht geht. Willst du anfangen, Karl May zu verfilmen, oder was? 

REINHARD. Ja, wieso geht das nicht? 

ROB. Weil es in Deutschland nicht die richtigen Pferde gibt. Deswegen. 

STEFAN. Genau! 

REINHARD. Blödsinn. 

Von draußen ist Applaus zu hören. Die Lautgedichte sind zu Ende gegangen. Die Küchentür öffnet sich, und Helga kommt herein. Sie geht bis zum Eßtisch, bleibt neben Stefan stehen und betrachtet in Seelenruhe das ausgebreitete Abendessen Kurz entschlossen nimmt sie Stefans gefüllten Teller an sich und verläßt damit wieder die Küche. 

HELGA. Sie haben ganz schön was versäumt. 

Stefan braucht ein paar Schrecksekunden, bevor er fähig ist, aufzuspringen und hinter Helga herzurennen. 

STEFAN. Moment! 

Alex, Reinhard und Rob haben sofort begriffen, was sich zwischen Stefan und Helga anbahnt. Sie essen und fühlen sich wie in einem Film. 

REINHARD. Louis, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. 
 
242 Villa Cerphal, Diele
 


Die Gäste füllen jetzt auch die Diele mit ihrem Stimmengewirr und all den Diskussionen, die sich über die Lautgedichte führen lassen. 

Renate scheint bei Olga nicht allzuviel Auskünfte über den Schauspielerberuf erhalten zu haben. Abgehalftert und einsam sucht sie wieder Hermanns Gesellschaft. Die Gäste haben nun auch das Gulasch gerochen und stürmen die Küche, so daß Alex seinen frischgefüllten Teller in Sicherheit bringen muß. 

ALEX. Ich glaub, es hackt, hier an mein Gulasch ranzugehen! Das wäre ja noch schöner! 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, wer hat denn hier gekocht? Alex, Alex! 

ALEX. Fräulein Cerphal, küß die Hand! 

Die Cerphal weiß offenbar gar nicht, wie viele Gäste sie beherbergt. Aber sie will es so haben. Sie hat sich bei Clarissa und Juan eingehakt und führt die beiden durch die Diele. 

FRÄULEIN CERPHAL. Sagen Sie, Clarissa, wie lange spielen Sie schon Cello? 

CLARISSA. Ich habe mit elf angefangen.

FRÄULEIN CERPHAL. Mit elf? 

CLARISSA. Ja, aber das war noch nicht so. 

FRÄULEIN CERPHAL. Juan, haben Sie Ihre Bälle dabei? 

JUAN. Wie immer. 

Schon hat sie ihre Stargäste die Treppe hinaufgeführt und nähert sich ihren Privatgemächern im Obergeschoß. 

Mit Clarissa ist kein weiteres Gespräch mehr zustande gekommen. Hermann sieht, wie sie sich mit der Gastgeberin in deren Räume begibt. Zwar wirft Clarissa noch einen Blick zurück, aber sie entschwindet dennoch endgültig aus Hermanns Reichweite. 

Die Filmemacher sind immer noch mit ihrer Firmengründung und der Namenssuche beschäftigt. Diskutierend gehen sie in der Diele hin und her. 

ROB. Nein, da hat der Alex schon recht. Also, was Griechisches, das ist ja nicht schlecht, »Dionysos-Film« oder so. 

REINHARD. Ich sagte doch, ich will nichts Griechisches. 

ROB. Fräulein Cerphal! Haben Sie die »Odyssee« da? Ich frag mal. 

REINHARD. Was ist denn mit »Texas-Film« ? 

ROB. Oder »Minotaurus«. »Minotaurus-Film«? 

Der Personenkreis, der sich um Stefan und die Filmemacher gebildet hat, scheint seit Jahren miteinander verflochten zu sein. Man spricht schon eine eigene Sprache miteinander. Man versteht sich mit Kurzformeln und Signalen. Es haben sich auch Pärchen gebildet, wie Ansgar und Olga, die nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, so daß Hermann, der Kontakt sucht, ganz einsam bleibt. Sogar Juan ist vor seinen Augen in die verborgene Innenwelt dieser Villa verschwunden. 

Im Grunde geht es Hermann ähnlich wie Renate. Da hilft ihm das Gefühl der intellektuellen Uberlegenheit nicht weiter. Und ebensowenig, daß er dauernd an die schöne Clarissa denkt. Renate steht plötzlich dicht neben ihm. 

RENATE. Hermann, bleiben wir noch lange? Oder wollen wir nicht langsam gehen? 

Als Hermann und Renate die Tür zum Garderobenraum öffnen, um an ihre Mäntel zu gelangen, finden sie Stefan und Helga, die sich in das dunkle Verlies zurückgezogen haben, um sich zu küssen. Hermann und Renate erschrecken beim Anblick dieses Paares, das tut, wonach sie sich beide sehnen. 
 
243 Renates Zimmer

Hermann sitzt mit Renate im Bett, er am Kopfende, sie am Fußende. Sie sind beide traurig und trinken Rotwein. Renate hat die kleinen Lichter brennen, die Kerze ist angezündet. Hermann kommt sich hier auch nicht mehr fremd vor. Deswegen ist er auch viel entspannter als beim ersten Mal. Renate gießt sein Glas wieder voll. 

RENATE. Ich glaub, daß ich für ein Leben als Akademikerin wenig geeignet bin. 

HERMANN. Du meinst, als Anwältin oder so. 

RENATE. Weischt, daß ich den Bauern helf, wenn sie sich mit ihren Nachbarn zanken oder ihnen die Verwandten an die Erbschaft wollen, das ist was anderes. Aber an so einem Tisch wie heute abend, da muß man anders gesonnen sein. Weisch, was i moin? 

HERMANN. Vielleicht. 

Hermann ist nicht zum Sprechen aufgelegt. Renate trinkt in vollen Zügen den Rotwein. 

RENATE. Ah, war das ein Tag heut. Denkst du jetzt an die schöne Clarissa ?

Wieder entsteht Stille. Hermann horcht auf die Geräusche im Haus. 

HERMANN. Ich hab dir doch gesagt, die Liebe kommt für mich nicht mehr in Frage. 

RENATE. Ich mein, der Juan könnt mir auch gefalle. Ein wirklich fescher Mensch. Macht dir das was aus, wenn ich das sag? 

Hermann lächelt. Er beginnt, Renates Spiel mitzuspielen.

HERMANN. Meinst du, ich bin aus Stein? 

Renates Fuß kommt, mit einem dunkelroten Wollsocken bekleidet, langsam unter der Decke hervor und bewegt sich wie eine kriechende Schnecke auf Hermann zu. Er bekommt Herzklopfen. Er stellt sein Weinglas auf das Nachtkästchen und greift vorsichtig nach ihm. Langsam gleitet seine Hand an Renates Bein empor. Die beiden sehen sich an. Renate kommt nun auf Hermann zu. In ihrem Blick ist Verlangen und gleichzeitig eine quälende Frage. 

RENATE. Es muß ja nicht gleich Liebe sein, Hermann. 

Hermann greift zu. Er nimmt Renate in die Arme und macht der lastenden Atmosphäre ein Ende. Die beiden küssen sich, und bald erfüllen ihr Stöhnen und ihre Lustgeräusche das enge Zimmer. 

Die Kerze auf Renates Schreibtisch ist völlig heruntergebrannt und erloschen, als es endlich still wird in dem Untermietzimmerchen. 

Renate liegt nackt und erschöpft auf Hermann.

RENATE. Ich bin von oben bis unten naßgeschwitzt. Renate riecht an ihren Armen und unter den Achseln. 

RENATE. Weißt du, Hermann, sonst, wenn ich so naßgeschwitzt bin, dann riecht es so, daß ich mich selber nicht riechen kann. Aber jetzt riech ich mich gern. Das ist ein Zeichen, daß ich dich wirklich gern hab. Auf so was kann ich mich verlassen. Heilig's Blechle, hast du mich geschafft. Komm noch einmal her! 

Hermann ist in sich gekehrt. Er steht jetzt vor Renates Bett. 

HERMANN. Ich bin saumüd. 

RENATE. Willst nicht noch ein bißchen hierbleiben? Du bist so lieb gewesen. Hast du nicht gemerkt, wie du völlig aus dem Häusle gewesen bist? Ich mein, das muß dir doch auch zu denken geben. 

Hermann hat sich nach und nach angezogen. Er sieht traurig auf die nackte, schweißnasse Frau herab. 

HERMANN. Ich möcht jetzt allein sein. 

RENATE. Da will ich dir nicht im Weg stehen. Aber hoffentlich läufst du nicht vor dir selber weg. So was gibt's nämlich, Hermann. 

HERMANN. Sei endlich ruhig. 

Diesen Satz sagt Hermann mit lieber und müder Stimme. Er zieht seine Schuhe an. Er ist definitiv im Begriff, wegzugehen. 

RENATE. Ich bin ja schon ruhig. Sei aber auch leise, wenn du rausgehst. Ich gehe jetzt nicht mit dir an die Tür, das verstehst du doch, oder? Ich bin hier so glücklich. Ich will mir das noch ein bißchen bewahren. 

Bevor Hermann zur Tür schleicht berührt er noch einmal Renates Hand zum Abschied. 
 
244 Vor Haus Renate

Hermann kommt aus dem Haus. Er rennt. Bevor er in der finsteren Einfahrt verschwindet, wirft er noch einen letzten Blick zu Renates Fenster empor. Renate hat ihr Licht schon ausgemacht. 
245 Englischer Garten

Es ist Winter. Hermann macht mit Juan einen Spaziergang durch den Englischen Garten. Er schiebt sein altes Fahrrad, Juan, der seine Blockflöte bei sich hat, folgt ihm in Richtung Monopteros. Es schneit. Große Schneeflocken rieseln auf die beiden Studenten herab. Juan ist fasziniert. Zuerst versucht er, einige Schneeflocken aufzufangen, läßt sie auf die Handflächen rieseln und sieht erstaunt zu, wie sie vor seinen Augen sofort dahinschmelzen. 

HERMANN. Du hast noch nie Schnee gesehen, oder? Juan hebt ein bißchen Schnee auf und leckt daran. 

JUAN. Immer hat man mir gesagt, sie sind ohne Aroma, aber sie haben einen Geschmack. 

HERMANN. Das bildest du dir ein. 

JUAN. Nein, sie schmecken wie, wie frischgewaschene Mädchenblusen. 

HERMANN. Was? Mädchenblusen? 

JUAN. Wie die Mutter auf Bergreisen. 

Hermann versucht, sich in Juans Erlebniswelt hineinzudenken. 

HERMANN. Mutter auf Bergreisen. Schön! 

JUAN. Es schneit, es schneit! Dreidimensional, stereomorph. 

HERMANN. Was? 

JUAN. Ein Delirium! 

Juan ist in die schneebedeckte Wiese gelaufen, breitet die Arme aus und läßt sich fallen. Wie ein junges Tier wälzt er sich im Schnee und schlägt Purzelbäume. Am Chinesischen Turm bleibt er unter dem Vordach des Holzturms stehen und improvisiert auf seiner Flöte eine Melodie, die ihm zum ersten Schnee eingefallen ist. 

Hermann umrundet den Freund auf seinem Fahrrad. 

HERMANN. Schön, was du da spielst. 

Am Schwabinger Eisbach scheuchen die Spaziergänger Schwärme von Möwen hoch. Ihr Kreischen erfüllt die kalte Luft. Hermann schiebt nun wieder sein Rad. Er folgt Juan, der an dem Bach entlangläuft. JUAN. Meine Großvaterfamilie kommt aus Rußland. Ich sehe den Großvater vor mir, wie er durch die schneebedeckte Tundra geht. Eine Fellmütze auf dem riesigen Kopf, und die Großmutter läuft hinterher. Und in der Ferne das Dorf mit den Zwiebeltürmchen. Zwiebeltürmchen, die gibt es auch in Bayern, nicht wahr? 

Hermann geht ein Stück und schweigt. Dann wagt er es, Juan in seine geheimen Gedanken einzuweihen. 

HERMANN. Sag mal, Juan, was hast du denn da neulich gemeint, als du gesagt hast: »Hüte dich vor den schönen Frauen.« ? 

JUAN. Hast du die häßliche gevögelt? 

HERMANN. Du merkst auf deutsch nicht, wie die Worte klingen. 

JUAN. Hast du, oder hast du nicht? 

HERMANN. Wenn du es so nennst. .. 

JUAN. Du hast. Sie liebt dich. 

HERMANN. Aber ich liebe nicht sie. 

Juan spielt verlegen mit dem Neuschnee herum. Er greift immer wieder zum Boden und wirft ein paar Schneefetzen in die Luft. 

JUAN. Es war gut. Ich bin sicher, es war sehr gut mit ihr. 

HERMANN. Ich mag nicht, wie sie riecht. 

JUAN. Wenn das so ist, ich glaube, sie hat Angst vor dir. Es gibt einen Geruch, den ich sehr gut kenne. Die Mischung aus Leidenschaft und Angst. 

HERMANN. Woher willst du das wissen? 

JUAN. Ich bin in einem sehr katholischen Land aufgewachsen. Da habe ich meine Erfahrungen gemacht. 

HERMANN. Aber Renate ist gar nicht katholisch! 

JUAN. Aber du bist katholisch. 

HERMANN. Ach, hör doch auf damit, Juan. Das hab ich doch längst hinter mir! 

JUAN. Wie hast du gesagt? »Das bildest du dir ein.« Die klebt an uns, diese katholische Mischung aus Angst und Leidenschaft. 

HERMANN. Scheiße! 

Hermann rennt plötzlich mit seinem Fahrrad los. Er rennt, als könnte er so alle seine Probleme hinter sich bringen. Juan läßt sich von seinen Analysen nicht abbringen. 

JUAN. Und was noch schlimmer ist, wir übertragen sie auf andere. 

Auf einer Parkbrücke holt Juan Hermann wieder ein. Von aufgebrachten Möwen umschwirrt, stehen die beiden in der Kälte. 

JUAN. Clarissa ist wie du. 

HERMANN. Wie kommst du darauf? 

JUAN. Ich bin mit ihr auf ihrem Dorf gewesen. Ich habe ihre Mutter gesehen. 

HERMANN. Hast du mit ihr. .. 

Hermann will sich nicht anmerken lassen, wie wichtig ihm die Antwort auf diese Frage ist. Er blickt deswegen über sein Fahrrad hinweg in den Eisbach unter sich und wartet auf Juans Antwort. 

JUAN. Nein, sie hat mich nur heiß gemacht. Indochina-Politik, weißt du? Sie hat den Norden aufgegeben, um den Süden um so besser verteidigen zu können. 

HERMANN. Also, du hast nicht? 

Hermann denkt über das Bild von der »Indochina-Politik« nach. Weiß der Teufel, was Juan mit ihr erlebt hat. 

JUAN. Ich glaube, da ist jemand im Hintergrund. Ein geheimnisvoller Mann. 

HERMANN. Meinst du? 

JUAN. Ich fange an, mich vor den Frauen in diesem Land zu fürchten. 

Hermann hat sich aufatmend von Juan gelöst. Er geht auf die andere Seite der Brücke und sieht ins rasch fließende Wasser. Es schneit immer noch. 
 
246 Hof des Kohlen-Josef

Auch der Hinterhof, in dem der Kohlenhändler arbeitet, ist mit Neuschnee bedeckt. Aber Schnee vermischt sich mit Kohlenstaub zu einer schäbigen Mischung. Josef ist dabei, Steinkohle abzuwiegen, als Hermann ankommt, bremst und sein Rad an der Schuppenwand abstellt. Josef grüßt sachlich und kommt auf Hermann zu, als er gerade in seinem Ubungsschuppen verschwinden will. 

HERMANN. Darf ich mal wieder? 

KOHEEN-JOSEF. Sie haben Besuch, Herr Simon. 

HERMANN. Besuch?

KOHLEN-JOSEF. Die Herrschaften warten in Ihrem Zimmer. Sie können gleich durchgehen. Sie kennen sich ja aus. 

Hermann zögert, auf dem Kohlenhof weiterzugehen. Wer mag gekommen sein, um ihn zu besuchen? Ist es nicht eine Situation wie damals, bei Klärchens Besuch? 

Hermann beschleunigt seine Schritte. 
 
247 Bude Clemens

Als Hermann heftig atmend die Clemens-Bude betritt, steht er vor einem älteren Mann in Begleitung eines etwa siebzehn Jahre alten Mädchens. 

Beide haben ihre Mäntel noch an und erheben sich von ihren Plätzen, als die Tür aufgeht. Die junge Frau springt zur Seite, als wollte sie sich verstecken. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Nicht in Ohnmacht fallen, Hermann. Wir sind hier so reingeschneit. 

Hermann erkennt seinen Musiklehrer aus dem Hunsrück. 

HERMANN. Tach, Herr Schiller! 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Tach, Hermann! 

Schiller stellt seine Begleiterin vor. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Marianne Elß! 

MARlANNE. Tach. 

HERMANN. Sind Sie schon lange da? 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Ja, seit einer halben Stunde etwa. Aber in München sind wir schon seit gestern. Ihr müßt euch eigentlich kennen, ihr zwei! 

Hermann ist verdattert. Sein Blick geht ratlos von Schiller zu Marianne und zurück. 

HERMANN. Ist denn der Clemens nicht da? 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Gott sei Dank nicht. Dem wären wir nämlich nicht so gern über den Weg gelaufen. Gell, Marianne? 

Jetzt erst zieht Marianne ihren Mantel aus. Sie ist erleichtert. 

MARIANNE. Nein, wirklich nicht. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Die sind doch fast Nachbarskinder, die Marianne und der Clemens. 

Hermann sieht sich im Zimmer um. Noch immer kommt ihm die Situation ganz unwirklich vor. Auf seinem Bett entdeckt er auch die Sitzkuhle von Marianne. All das löst Erinnerungsstürme in Hermann aus. 

HERMANN, Ja, normalerweise ist er um sechs noch da, aber heute scheint er früher gegangen zu sein. 

MARIANNE. Hoffentlich kommt er nicht gleich. Ich tät lieber gehen. 

HERMANN. Marianne Elß? Ich kann mich grad nicht genau erinnern. Warst du nicht in der II b damals?

Hermann sieht Marianne und dann Schiller fragend an. 

MARIANNE, Ja, aber ich kenne dich. Wir haben euch ja immer bewundert, euch Große. Und dann habe ich dich ja bei der Abiturfeier gesehen. 

HERMANN. Stimmt, da hast du ja mitgesungen.

MARIANNE. Ja. 

Schiller nimmt Marianne an der Schulter und rückt sie ins Licht. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Marianne spielt auch Klavier und Geige. Sehr schön. Unser neues großes Talent. 

Schiller küßt Marianne, die Hermann verlegen anlächelt, auf die Wange. Hermann begreift, was mit den beiden los ist. Schiller, dem das peinlich ist, geht an Hermann vorbei zum Fenster, blickt hinaus, damit er Hermann nicht ansehen muß, während er weiterspricht. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Hermann, wir wollen dich nicht auf die Folter spannen. Du bist Künstler, und du wirst uns verstehen. Die Marianne und ich, weißt du, wir lieben uns. 

Hermann hat sich auf sein Bett gesetzt. Sein Blick geht abwechselnd von dem Lehrer zu der Schülerin.

HERMANN. Das sieht man. 

Jetzt ist Marianne völlig perplex. Sie setzt sich auf den wackligen Stuhl und schaut Schiller sorgenvoll an. 

MARlANNE. Sieht man das tatsächlich? Mensch, Karli, das sieht man, hast du das gewußt?

MUSTKLEHRER SCHILLER. In Simmern ist das alles top-secret. Hermann, du versprichst uns doch, daß nichts durchsickert? 

Schiller ist zu Marianne gegangen und legt ihr schützend den Arm um die Schulter. Hermann ist das alles zuviel. Er möchte seine Gäste, die ihm den endlich abgelegten Hunsrück wieder hereingebracht haben, wieder loswerden. 

HERMANN. Mit dem Hunsrück habe ich nichts mehr zu tun. Und ich gehe da auch nicht mehr hin.

MARlANNE. Das ist aber schade, Hermann. Wir haben so einen schönen Herbst gehabt. Der Soonwald war ein Meer von Farben.

MUSIKLEHRER SCHILLER. Ja, das war ein wunderbarer Herbst. Hermann, wir wollten dich eigentlich zu einem München-Bummel einladen. Gehst du mit?

HERMANN. Ich bin ziemlich müde.

MUSIKLEHRER SCHILLER. Komm, du Feigling, du bist doch noch jung! Guck mal mich an. Ich nehme es glatt mit dir auf.

Schiller und Marianne stehen unternehmungslustig vor Hermann, der sich auf seinem Bett zurücklehnt und tatsächlich sehr müde und abge- 

spannt aussieht. Vor der Haustür steht schneebedeckt Schillers Opel: ein Hunsrücker Auto mitten in München! 
248Stripteaselokal
 

Hermann hat seinen Lehrer und Marianne tatsächlich in ein Nachtlokal im Bahnhofsviertel begleitet. Das Lokal ist ziemlich leer. Aus den Lautsprechern dudelt ein Uralttango. Hermann sitzt neben Marianne in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Nische. Die beiden trinken Sekt und blicken zu einer kleinen Bühne, auf der eine Show abläuft. Eine »Schönheitstänzerin« räkelt sich zur Tangomusik, läßt die eine oder andere Glitzerhülle fallen. 

MARlANNE. So was habe ich noch nie gesehen. Treten da auch Männer auf?

HERMANN. Ich weiß es nicht. Ich war auch noch nie hier.

Die Musik wechselt den Rhythmus. Jetzt ist Pariser » Cancan « angesagt, und die Tänzerin streift sich einen weiteren Rock über, unter dem sie ihre Strapse zeigt. Ein stilisierter Eiffelturm auf dem Bühnenhintergrund soll das frivole Flair der Show steigern. 

Herr Schiller hat die beiden jungen Leute an ihrem Tisch allein gelassen, um hinten an der Bar seinen Studienfreund Dr. Bretschneider zu treffen. Bretschneider scheint hier bekannt zu sein, denn die Mädchen begrüßen ihn in vertautem Ton und schenken ohne Rückfrage Sekt ein. Schiller spricht mit dem Jugendfreund über seine junge Geliebte. Bretschneider winkt grinsend zu Hermann hinüber. Marianne fühlt sich beobachtet. 

DR.BRETSCHNEIDER. Marianne heißt sie? Wie hast du denn das ge-macht?

MUSIKLEHRER SCHILLER. Ich bin halt ein musischer Mensch.

DR.BRETSCHNEIDER. Du warst schon immer ein Spitzbub. Dein ganzes Leben lang.

MUSIKLEHRERSCHILLER. Alois, ich liebe sie.

Hermann leidet unter der schrillen Musik, die sich in seinem Kopf mit all den Erinnerungen und Bedrohungen vermischt, die ihm dieser Hunsrücker Besuch beschert hat. Er hält es auf seinem Platz kaum noch aus. Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Da plötzlich beugt sich die dicke Kellnerin über ihn, läßt ihre nackten Brüste aus dem Mieder hängen und hält ihm die Sektflasche hin. 

BARDAME. Schatzi, magst noch was trinken? 

Hermann kann sich gar nicht so weit zurücklehnen, wie die barbusige Kellnerin sich vorbeugt, um ihm und Marianne die Sektgläser zu füllen. Auf der Bühne dreht sich noch immer die Stripteasetänzerin lustlos zu ihrem Tonband, zerdehnt ihre Show ins Unendliche. 

MARIANNE. Warum hast du mich eben eigentlich so komisch angeguckt? 

HERMANN. Weil ich mir überlegt hab, was du so denkst. 

Dr. Bretschneider ist mit den Mädchen des Lokals ganz intim. Er stellt Schiller die Sunny und die Sylvia vor und läßt noch mehr Sekt anfahren. Dem Lehrer Schiller ist es vor Marianne peinlich, daß sich eins der halbnackten Animiermädchen an seine Seite setzt. Doch Marianne staunt nur über das neue Milieu, dem sie heute abend zum ersten Mal begegnet. Sie wendet sich wieder an Hermann. 

MARIANNE. Findest du das eigentlich schlimm, mit mir und dem Karli? 

HERMANN. Schlimm? Wieso schlimm?

MARIANNE. Na ja, er ist doch soviel älter!

HERMANN. Liebe muß schlimm sein, sonst ist es keine. Das ist meine Meinung. 

Endlich hat die Tänzerin auf der Bühne ihren kleinen hübschen Busen entblößt. Die Show ist zu Ende. Wie in einem Alptraum machen sich die Animierfrauen nun über Hermann her, bedrängen ihn mit ihren Titten von allen Seiten. Der Schweiß steht ihm auf dem bleichen Gesicht. 
 
249 Münchner Straßen, Haus Renate


Hermann irrt allein durch die verschneiten Straßen. Der Weg vom Bahnhofsviertel zu seiner Bude ist weit. Es ist auch schon spät. Am Karolinenplatz verpaßt er die letzte Straßenbahn, die vor seinen fiebrigen Augen um das Rondell biegt, bevor er die Haltestelle erreichen kann. Außer Hermann sind nur noch wenige Menschen auf der Straße. Es herrscht übles Wetter. 

Hermanns Blick sucht immer wieder die erleuchteten Fenster in den verschiedenen Stockwerken. Einmal verlangsamt er seine Schritte, um die Schatten von fremden Menschen zu beobachten, die sich hinter geschlossenen Fenstervorhängen abzeichnen. Warmes, rötliches Licht in den Wohnungen, während Hermann in der blaugrauen Kälte geht. Sein Atem gefriert. Hermann findet sich in der Straße wieder, in der Renate wohnt. Die letzten Gäste verlassen eine Absturzkneipe, an der er vorbeikommt. 

Wenn er doch wüßte, was die vielen Menschen hinter all diesen abweisenden Fassaden tun, denken, verbergen! Er fühlt sich ausgestoßen, abgewiesen. Solche Gedanken kann gewiß nur ein Kind vom Lande haben, das aus einer durch und durch überschaubaren und vertrauten Welt kommt. 

»Renate für Notfälle« hatte er einmal übermütig gesagt. Nun ist die Trösterin aber nicht da, oder sie will nicht öffnen. Hermann wirft einen Schneeball an ihr Fenster. Es bleibt dunkel. Der Hinterhof hat eine ganz fremde Akustik bei dem Schneefall. Die bröckelnden Altbaufassaden stehen schattig und abweisend um Hermann herum, als wollten sie ihn einsperren. Hermann rennt weg. 
 
250 Bude Clemens

Schon im Treppenhaus erkennt Hermann, daß es Tag wird. Als das automatische Treppenhauslicht erlöscht, steht er im grauen Dämmerlicht des Morgens. Aus der Bude kommt ihm leise Unterhaltung entgegen. 

Hermann torkelt, als sei er betrunken. Er stößt die Tür auf und hält sich am Türstock fest. Hinten im dämmrigen Zimmer sitzt Clemens, der wohl gerade von seiner Jazzkneipe nach Hause gekommen ist, mit der schwarzen Sängerin. Als er Hermann in der Tür stehen sieht, richtet er sich auf seinem Bett auf. 

CLEMENS. Hermann, was ist denn los mit dir? Du siehst so blaß aus. Hast du was?

HERMANN. Ich glaub, mir ist schlecht. 

Hermann, der wirklich sehr bleich ist, sucht Halt in Clemens Blick. Dann dreht sich alles vor ihm und er kotzt. Er erreicht gerade noch das Waschbecken, das sich neben der Tür befindet. Clemens nimmt die Sache mit der Hunsrücker Ruhe. Für ihn ist der Fall klar. 

CLEMENS. Hermann, hast du gesoffen?

HERMANN. Nä. 

Die schwarze Sängerin ist irritiert. Clemens erklärt ihr die Zusammenhänge. 

CLEMENS. This is Hermann. He lives here with me in my home. You understand?

JAZZSÄNGERIN. Ja, ich verstehe. Was glaubst du, was ihm fehlt? 

CLEMENS, I don't know. I will go and look. Ich gehe mal gucken. mal gucken. 

Clemens spricht »Hunsrücker Englisch«, obwohl die Sängerin offenbar vorzüglich deutsch spricht. Clemens ist zu Hermann gegangen, der sich bemüht, sein Erbrochenes wegzuspülen. 

CLEMENS. Sauerei! Hermann, hast du wirklich nicht gesoffen? 

HERMANN. Nein, mir ist nur einfach schlecht. Mir ist zum Sterben schlecht. 

Hermann hat sich vorsichtig auf sein Bett gesetzt. Er atmet schwer. Clemens folgt ihm und legt ihm seine Hand auf die bleiche Stirn. 

CLEMENS. I think, he has fever.

JAZZSÄNGERIN. Fever? 

CLEMENS. Hermann, du hast Fieber. Ich hab ein Thermometer da. Komm, da müssen wir mal messen. Leg dich hin. Ich helfe dir. Zieh die Schuhe aus. Komm! 

HERMANN. Nein, ich mach das schon selber. 

Clemens bittet die Jazzkollegin, das Thermometer aus dem Regal zu holen. Sie findet es und nimmt besorgt Anteil an Hermanns Zustand. 

JAZZSÄNGERIN. Sollen wir nicht einen Doktor holen?

CLEMENS. Ich weiß nicht, vielleicht hat er auch nur durchgesoffen. 

Hermann richtet sich in einer Fieberhalluzination auf und starrt die Wand an, als gäbe es dort etwas Schreckliches zu sehen. 

HERMANN. Eisch will hääm!

CLEMENS. Hermann, phantasierst dau? Da, nimm dat lo. 

Clemens hat Hermann einfach das Thermometer in den angstgeöffneten Mund gesteckt. Während Hermann so daliegt und Todesängste aussteht, berät Clemens sich im Hintergrund mit der Jazzsängerin. Sie möchte den Arzt rufen. Clemens will noch abwarten. Als Clemens das Thermometer abliest, erschrickt er doch. Er beugt sich zu seiner Freundin und spricht leise.

CLEMENS. Thirt,vnine-four. 

JAZZSÄNGERIN. Ist das viel? 

CLEMENS. A lot of degrees.

JAZZSÄNGERTN. Aha. Was machen wir denn da? 

CLEMENS. Wir müssen was unternehmen. 

Clemens beugt sich jetzt über Hermann, der wie ein sterbender Krieger auf dem Rücken liegt und stöhnt. 

CLEMENS. Hermann, wo warst du heute nacht? 

HERMANN. Nirgends.

CLEMENS. Warst du draußen im Kalten? 

HERMANN. Ich weiß es nicht. 

Clemens ist jetzt entschlossen, zu helfen. Zuerst aber verabschiedet er die Freundin, die er zur Tür bringt. Er leiht ihr seine Strickjacke, damit es ihr in der Kälte draußen nicht so ergeht wie Hermann. 

CLEMENS. Take this. - Snow- Es liegt Schnee. You go down and then right and then left. There is my neighbour. 

Hermann phantasiert wieder. Er richtet sich auf und starrt die Wand an. 

HERMANN. Mutter, ich will nicht. 

Clemens stellt sich vor Hermann hin und nimmt eine strenge erzieherische Haltung ein. Er will dem Kranken seine Phantasien einfach verbieten. 

CLEMENS. Hermann, da ist keine Mutter. Du bist in München. Hermann gehorcht. Erschöpft läßt er sich in das Kissen sinken. 
251 Hof vor Bude Clemens

Man kann die Bude von Clemens auf zwei Arten erreichen: einmal über den Hof der Kohlenhandlung, dann aber auch durch den Nebenhof über einen Notausgang. Lehrer Schiller und seine Freundin Marianne wählen am folgenden Nachmittag diesen Weg, weil sie Clemens nicht begegnen wollen. Sie erkennen den Eingang fast nicht wieder, weil über Nacht soviel Schnee gefallen ist. 
252 Bude Clemens


Herr Schiller ist vorsichtig. Er klopft erst einmal ganz leise an. Marianne und er horchen gespannt, ob Hermann allein ist, oder ob Clemens noch schläft. Sie sind bereit, sich in diesem Fall sofort wieder zu verdrücken. Hermann liegt apathisch in seinem Bett. Er hat das leise Geräusch nicht gehört. 

Nun klopft Schiller ein wenig entschlossener. In Hermanns fiebrigen Ohren ist es aber ein brutales Schlaggeräusch, das ihn an seinen Stiefbruder Anton erinnert, der damit drohte, seine Zimmertür einzuschlagen, als Hermann sich vor vielen Jahren wegen Klärchen eingeschlossen hatte. 

HERMANN (schreit). Nein! 

Hermanns Schrei ist von der gleichen Panik erfüllt wie damals im Hunsrück. Er richtet sich kurz auf, läßt sich wieder ins Bett fallen und zieht die Decke über die Ohren. Schiller öffnet die Tür. Er ist plötzlich in Sorge, will helfen. Er findet den Kranken und beugt sich über sein Bett. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Hermann, wat is, bist du krank?

HERMANN. Wie kommt ihr denn hier rein? 

MU5IKLEHRER SCHILLER. Wir haben angeklopft. Hast du nichts gehört? 

Auch Marianne ist nun hereingekommen, versichert sich, daß Clemens nicht da ist, und schließt die Tür rasch wieder hinter sich. Schiller steht immer noch über Hermann gebeugt. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Was hast du denn? 

HERMANN. Angina. 

Der Lehrer fühlt Hermanns Stirn. 

MUSTKLEHRER SCHTLLER. Er hat Fieber. 

Für Marianne ist das gar kein Problem. Sie ist ganz mit ihren eigenen Ängsten beschäftigt. Sie kommt plappernd an Hermanns Bett. 

MARlANNE. Mensch, Hermann, beinahe wären wir dem Clemens über den Weg gelaufen. Ich hab jetzt noch Herzklopfen. Ist das anstekkend? 

HERMANN. Nä. 

Hermann tut sich mit dem Sprechen schwer. Auch das Schlucken verursacht ihm Schmerzen. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Du, Hermann, wir fahren heut wieder nach Garmisch. Ich hab da ein tolles Hotel gebucht. Die Marianne soll ja auch mal was von der Welt sehen. Und außerdem fühlen wir uns da sicherer. 

HERMANN. Irgendwann kommt das sowieso raus. 

MARlANNE. Mensch, Hermann, sag doch so was nicht! Ich träum da ja schon davon. Neulich nachts habe ich geträumt, daß der Karli einen Mord begangen hätt, und ich war drin verwickelt. Und ich wollt ihn verstecken. Aber überall hat man uns gefunden. So hab ich gezittert, als ich aufgewacht bin. 

Marianne zeigt Hermann ihre zitternden Hände. Direkt vor seine Augen halt sie sie. Hermann ist in finstere Gedanken versunken. 

HERMANN. Liebe ist Mord. 

MU5IKEEHRER SCHILLER. Hermann, du bist deprimiert. Können wir dir helfen? 

MARlANNE. Wir helfen dir nämlich gern. 

HERMANN. Ein Provinzmusiker hilft dem anderen. So gehört sich das. 

Das geht Schiller bei aller Hilfsbereitschaft doch zu weit! 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Jetzt wirst du aber unverschämt. Wenn du mich damit meinst - o. k. -, da haste vielleicht recht. Aber für das Marianne und für dich lasse ich das nicht gelten. 

Hermann wendet sich nun an Marianne, die noch bei ihm auf der Bettkante sitzt. Er vertraut sich ihr an. 

HERMANN. Heut nacht wär ich am liebsten heimgerannt zum Doktor Dörr, der mich als Kind immer behandelt hat, mit meinen Masern und Keuchhusten. Ah, mir ist schlecht! 

MARlANNE. Hier in München gibt es doch viel bessere Ärzte als bei uns im Hunsrück, Hermann. Was schluckst du denn da? 

HERMANN. Das weiß ich nicht. Das hat mir der Clemens gebracht. 

Marianne mustert die Medikamente auf Hermanns Nachttisch. Clemens hat offenbar gut für ihn gesorgt. 

MUSIKLEHRER SCHTLLER. Hast du dich überanstrengt? Der Keller ist doch feucht, in den du da üben gehst. 

HERMANN. Nein, der ist trocken. 

MUSIKLEHRER SCHILLER. Oder sollen wir noch ein paar Tage in München bleiben, bis es dir bessergeht? 

MARlANNE. Und dich bemuttern? 

HERMANN. Und anschließend fahren wir dann alle gemeinsam in den Hunsrück zurück. Und ich geb Klavierstunden, in Ewigkeit Amen! Nein, haut ruhig ab nach Garmisch. 

Marianne mag Hermann und möchte ihm gern etwas von ihrem Glück abgeben. Sie beugt sich so nah über ihn, als wollte sie ihn küssen. 

MARlANNE. Hast du denn keine Freundin, Hermann?

HERMANN. Jede Menge. 

MUSTKLEHRER SCHILLER. Dir geht die Zeit zu langsam, aber uns geht sie zu schnell! Wir kommen auf dem Rückweg noch mal vorbei. Schiller steht schon an der Tür, sieht Marianne ungeduldig an. 

MARlANNE. Ich schreib dir mal einen Brief. 

Dann geht auch Marianne. Sie wird ihm natürlich niemals schreiben. 
 
253 Hof vor Bude Clemens 


Hermann ist aufgestanden und ans Fenster getreten. Er will sehen, wie Schiller und Marianne unten im Hof in ihr Simmerner Auto steigen. Marianne winkt dem Kranken noch einmal zu. Hermann nimmt das Thermometer aus dem Mund. Er sieht nach, wie es mit seinem Fieber steht. 

HERMANN. Als Schiller abreiste, zeigte das Thermometer noch 38,4. Ich bekam wieder Luft, wenn auch der Hals noch sehr schmerzte. Als ich vierzehn Jahre alt war, erkrankte ich alle paar Wochen an Angina. Es geschah, wenn ich ein Gedicht geschrieben hatte, wenn ich ein Musikstück komponierte oder wenn ich verliebt war. Ein Jahr später wäre ich beinahe gestorben, weil die Infektion der Mandeln auf mein Herz übergegriffen hatte. Jetzt hatte ich erfahren, wie das war, das Kranksein in einer fremden Stadt. 
254 Hof des Kohlen-Josef 

Auch Josef wird an diesem Tag von seinen Erinnerungen heimgesucht. Nachdenklich sind seine Bewegungen, während er in dem kleinen Hinterhofbüro umhergeht, einen großen Bogen Wellpappe nimmt und ihn um ein Bild faltet, das auf seinem Tisch liegt. Er sieht sonntäglich aus in seiner Trachtenjacke mit dem bayerischen Filzhut. Josef trägt das Bild, von der Wellpappe geschützt, hinaus auf den Hof. Hier bleibt er stehen und atmet die ozonhaltige Luft des Föhntages ein. Es liegt immer noch Schnee. Josef geht nun mit seinem Bild in den Hinterschuppen, von wo man in Clemens Bude gelangt. 
255 Bude Clemens 

Die untergehende Wintersonne scheint flach durch das Fenster, und ein Srrahl trifft Josef mitten in sein intaktes Auge, als er die Tür öffnet. Er l~am~ Hermann nicht erkennen, nur hören, denn Hermann experimentiert auf seiner Gitarre herum. 

KOHEEN-JOSEF. Grüß di, Hermann! 

HERMANN. Grüß Gott! 

KOHLEN-JOSEF. Tust komponieren? 

Josef kommt näher, um sehen zu können, was Hermann da für Töne erzeugt.

HERMANN. Ja. Das wird ein sehr modernes Stück. 

Hermann befestigt Münzen und Büroklammern unter den Saiten und schlägt Töne an, die er sofort auf einem Notenblatt einträgt. 

KOHLEN-JOSEF. Ich mag ja das Moderne, wenn's nicht gerade zu modern ist. Neulich hab ich so einen Stuhl gesehen; das war so ein Dreieck aus Plexiglas; und die Lehne, das war, glaub ich, so eine Sprungfeder von einem Lkw, verchromt. Also, das war mir zu modern. In der Maximilianstraße, in so einem Geschäft hab ich das gesehen. 

HERMANN. Das hier, das wird ein Stück für Cello und Sprechgesang. 

KOHEEN-JOSEF. Sprech-Gesang? 

Josef läßt das Wort Sprechgesang auf der Zunge zergehen. Etwas Neues für ihn, das viele Fragen aufwirft. 

HERMANN. Wissen Sie, ich geh doch da in diese Schauspielschule und mach so Sprechkurse, weil ich in meinem Beruf ja reines Hochdeutsch sprechen muß. 

KOHEEN-JOSEF. Wieso? Als Komponist mußt du das? Das versteht Josef, der reines Bayerisch spricht, überhaupt nicht. 

HERMANN. Nicht direkt. Aber ich will das so. Und da kriege ich so Übungstexte. Hören Sie mal zu: Stück für Stück gestand der Strohmann den lästigen Diebstahl. Stra, stri, stri stru, Strich. Strumpfband. Stillstand. Der Sträfling erstach den Staatsanwalt in der Strafanstalt. Hermann hat zu diesem Sprechübungstext eine hochdramatische Gitarrenbegleitung improvisiert. 

HERMANN. Wenn Sie sich vorstellen, daß die ganze Stadt voll ist mit Menschen, die solche Texte sprechen und sich damit quälen. Die kommen vom Land in die Stadt, um das Mitreden zu lernen. Das ist ein Chor von Leidenden. Das möchte ich hörbar machen. 

Josef stellt eigenartig stramm und höflich vor Hermann. Er ist überhaupt nicht der Vermieter oder der überlegene Ältere, sondern der kleine Mann von nebenan, der ein Anliegen vortragen will. 

KOHLEN-JOSEF. Eigentlich bin ich raufgekommen, weil ich dir was zeigen wollte. Ich hab was mitgebracht. 

Josef holt sich einen Stuhl, der weiter hinten im Zimmer steht, stellt sein Bild samt Wellpappe umständlich darauf und enthüllt es feierlich vor Hermanns Augen. Das Bild zeigt das Portrait einer Frau im Stil des Miinchner Expressionismus: eine junge Frau, deren Augen weit geöffnet und ängstlich aus dem schmalen Gesicht blicken. Das Bild schafft eine eigenartige Atmosphäre der Entrücktheit. 

KOHLEN-J O S EF. Das ist meine Mutter. Ich hab dir doch damals von dem Bild erzäh It. Das Bild, was der junge Maler hier im Haus im Nordzimmer oben gemalt hat. Ö1 auf Holz. Schön, nicht wahr? Du wirst es ja nicht glauben, aber das Bild sieht meiner Mutter sehr ähnlich, und das war doch »entartete Kunst«, damals. 

Josef hat bei der Betrachtung des Bildes ganz vergessen, daß Hermann zusieht. Er ist den Tränen nahe. 

KO HLEN-JOSEF. So jung ist sie gewesen, das vergißt man so schnell. Und so lang ist sie schon tot, seit dem Bombenangriff I944. 50 jung. 

Josef will sich vor Hermann seine Rührung nicht anmerken lassen. Er fängt deswegen an, mehr über fachliche Dinge zu sprechen, so gut er davon etwas weiß. 

KOHLEN-JOSEF. Ein Kunstwerk, nicht wahr? Ich mein, der Maler hat ja nicht wissen können, was wir heut wissen. Und trotzdem hat er irgend so eine Ahnung in ihren Augen festgehalten. Das sind für mich Künstler. Die nehmen den Augenblick narrisch ernst. 

Hermann sieht das Bild an. Es ist wirklich ein Portrait mit besonderer Ausstrahlung: diese schmale Nase, die punktförmigen entrückten Augen, der kleine, verschlossene Mund. 

Josef sitzt mit Hermann wie in der ersten Reihe eines Kinos. Josef wollte nicht allein sein, während er das Bild anschaute. Deshalb ist er zu Hermann gekommen. 

KOHLEN-JOSEF. Weißt, wenn ich das Bild heut anschau, dann weiß ich genau, was damals für ein Wetter gewesen ist. So kurz vor dem Föhn, wenn's im Hof draußen schon nach Ozon riecht. Ich mein, Ozon, das riecht so nach Höhensonne, so eine Bestrahlungslampe, kennst die? 

Hermann ist gerührt von Josefs Zutraulichkeit. Er möchte nun auch sein Herz öffnen. 

HERMANN. Wenn Sie so erzählen, ich tät mich sehr freuen, wenn Sie in mein Stück kommen würden, wenn's mal aufgeführt wird. 

KOHLEN-JOSEF. Das kann lang dauern. 

HERMANN. Ich weiß schon, wer das Cello spielen wird. Eine sehr schöne Frau. 

Josef ist aufgestanden, hat das Bild wieder in die Wellpappe eingepackt und ist zur Tür gegangen. Hier steht er und sieht den kranken Hermann an. 

KOHLEN-JOSEF. Jetzt wirst du erst mal wieder gesund. 

Hermann lächelt. Er sieht schon wieder viel besser aus als noch vor einer Stunde. Josefs Mutter-Bild hat ihn geheilt. 
 
256 Jazzkneipe 

An diesem Abend ist Juan zu den Jazzmusikern gestoßen. Er hat an Clemens' Stelle hinter dem Schlagzeug Platz genommen und trommelt den Salsa-Rhythmus. Die Band spielt mit ihm südamerikanische Musik. Clemens hat Hermann entdeckt, der irgendwo im Lokal Platz genommen hat. Auf dem Weg zu Hermann wird Clemens von Herrn Edel angesprochen. 

EDEL. Darf ich stören? Kennen Sie Adornos Philosophie der modernen Musik? Den Zusammenhang zwischen Gesellschaftstheorie und Tonleiter? 

CLEMENS. Ja ja, davon habe ich schon gehört. 

EDEL. Disharmonisch in der Zwölftonmusik. 

CLEMENS. Ja, ich bin auch Musiker. 

EDEL. Sind Sie Musiker? 

CLEMENS. Ich bin Schlagzeuger. 

EDEL. Sehen Sie, ich bin kein Musiker, ich habe nicht einmal das entsprechende Gehör, aber rein philosophisch gesehen, ist Orff, hören Sie mir mal zu, ist Orff der Positivist, der nur scheinbar von Märchen und Mythen erzählt. 

CLEMENS. Ja ja, da haben Sie genau recht. 

EDEL. Wissen Sie, die großen Geheimnisse entstehen da - bleiben Sie mal da -, die großen Geheimnisse entstehen da, wo wir alles zu wissen glauben. 

CLEMENS. Ja, ganz genau, aber ich muß jetzt weitergehen. 

EDEL. Merken Sie, das ist Dialektik, substantielle Dialektik. 

Es ist Clemens nicht gelungen, Edel abzuschütteln. In Clemens ist Edel auch dem Falschen begegnet, einem, der gar nicht fähig ist, zu diskutieren. Edel steuert nun auf Hermann zu, den er wiedererkennt und »Jesus« nennt. 

Clemens fühlt sich als Kneipenwirt. Er kümmert sich um die Gäste des Lokals. 

CLEMENS. Guten Abend, Hermann, wie geht's denn? Kannst du schon wieder schlucken? 

HERMANN. Ja, das wird schon wieder. 

CLEMENS. Iß doch noch was. 

HERMANN. Macht ihr grade Pause? 

Clemens entdeckt seine Freundin Gisela unter den Gästen. Schon lädt er sie an der Bar ein und läßt Bier einschenken. 

GISELA. Mußt du heute abend nicht spielen? 

CLEMENS. Juan spielt für mich. Er ist von Chile, und wir machen ein bißchen Salsa. 

Der Schnorrer Edel hat sich auf der Suche nach einem Gratisschluck den Tisch von Jean-Marie und Volker ausgesucht. Ohne zu fragen, greift er nach der edlen Weinflasche, die vor Jean-Marie steht. Er gießt sich sein Glas voll. 

EDEL. Darf ich mittrinken, schöne Kollegin? Aus Verpflichtung meinem 

Namen gegenüber: Edel, trinke ich den edlen Tropfen nur aus einem edlen Glas. Prost. Auf die Musik, die schönste der Künste, die uns das Leben verzaubert. 

Am Künstlertisch sitzt auch Clarissa. Sie hat Hermann schon entdeckt. Sie beobachtet, was Edel tut, und sieht, wie Hermann einsam dasitzt und seine Suppe schluckt. 

Edel ist an die Theke zu Clemens zurückgegangen. 

EDEL. Wissen Sie, ich bin Alkoholiker, aber ein kontrollierter Alkoholiker. Als humanistischer Katholik habe ich das nötige Schuldbewußtsein. »Die Freiheit ist der Zweck des Zwanges . . . « Das mag ich nicht, das ist mir zu puritanisch, zu protestantisch. Der Zwang ist der Feind der Freiheit. 

CLEMENS. Der Saufzwang.

Clemens lacht über den zitternden Säufer und flüstert mit Gisela. 

Juan ist in seinem Element. Er trommelt ein Solo und begeistert seine Zuhörer und die anderen Musiker. Clarissa sieht, daß Edel sich nun schon wieder an Hermann heranmacht. 

EDEL. Kennen Sie das Vaterunser der Säufer? 

HERMANN. Nein. 

EDEL. »Suche uns nicht in der Unterführung und verüble uns nicht die Erlösung. « 

Clarissa hat sich entschlossen, Hermann zu Hilfe zu kommen. Sie setzt sich einfach an seine Seite und lächelt. 

CLARISSA. Darf ich Sie erlösen? 

Hermann muß über das Wortspiel lachen. 

HERMANN. Scheiße, tut das weh. 

CLARISSA. Halsschmerzen? 

Edel steht nun allein und besoffen mitten im Lokal. 

EDEL. Wir sind alle Ebenbilder Gottes. 

Clarissa sieht Hermann genau an. Sie hat gehört, daß es ihm nicht gutgegangen ist. 

CLARrSSA. Sie sind krank, nicht wahr?

HERMANN. Das ist alles schon sehr viel besser. 

Hermann ißt. Er bemüht sich, beim Schlucken den Schmerz zu unterdrücken. Clarissa sieht, daß er innehält. 

CLARISSA. Essen Sie ruhig weiter. Kann ich hier sitzen bleiben? 

HERMANN (verlegen). Und Ihre Freunde? 

Hermann vergewissert sich, daß Volker und Jean-Marie sie nicht vermissen. Die beiden sind wieder in Fachgespräche vertieft. 

JEAN-MARIE. Wann setzen wir denn die Probe an morgen? 

VOLKER. Am besten nicht zu früh. 

Clarissas Blick kehrt zu Hermann zurück. 

CLARTSSA. Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesehen. 

HERMANN. Ich Sie auch nicht. 

CLARISSA. Das war noch schön in der Villa. Bei der Dame. Wir haben noch bis fünf Uhr morgens Musik gemacht. Warum sind Sie eigentlich so früh gegangen? 

HERMANN. Ach, das weiß ich eigentlich auch nicht mehr so recht. 

Natürlich sieht er jetzt wieder diese ganze Nacht vor sich und das traurige Erlebnis mit Renate. Er schämt sich vor sich selbst. Clarissa hilft ihm mit einem süßen Lachen über diese Gedanken hinweg. 

CLARISSA. Haben Sie eigentlich jemanden, der sich um Sie kümmert? Na, ich meine medizinisch. Jemand, der Ihnen hilft. 

HERMANN. Krank zu sein? Das Fieber ist schon fast weg. 

Clarissa faßt nun einfach seine Stirn an. Sie streichelt ihn eine Sekunde lang. Dann lächelt sie wieder. 

CLARISSA. Das ist aber noch ganz schön heiß. 

Jetzt hat Hermann keine Worte mehr. Auch Clarissa ist verstummt. Die beiden vergessen die Freunde, die Musik, das Lokal. Sie sind allein auf der Welt. 
 
257 Straße vor Haus Clarissa

Hermann kommt mit Clarissa durch die Schwabinger Straße. Schnee taut schmutzig auf dem nächtlichen Trottoir. Hermann umkreist Clarissa mit wiegenden Schritten. Er versucht, sie mit seinen Worten zu beeindrucken. Sie ist ihm so wichtig, daß er schon fast nicht mehr er selbst sein kann, während er seine Sätze formuliert. 

HERMANN. Man sagt immer, die Männer wären das starke Geschlecht. Meine Erfahrungen sind da andere. Ich glaube, daß wir die Empfindsamen sind und die Gefährdeten. Ubrigens, kleine Jungen sterben auch leichter als kleine Mädchen. 

CLARISSA. Ich weiß nicht viel über Männer. Sieht vielleicht so aus, aber woher soll ich das denn wissen? Ich sehe immer nur, wie sie sich vor mir aufspielen. 

Clarissa ist stehengeblieben. Sie versucht, vor Hermann ehrlich zu bleiben. Er spielt weiterhin den Philosophen und Erfahrenen. 

HERMANN. Es gibt drei Sorten von Männern. Es gibt die schwachen, die fliehen vor den starken Frauen. Dann gibt es die mittleren, die wollen dich zwar, aber sie planen gleichzeitig schon den Rückzug ein. Und dann gibt es die starken, die nehmen dich einfach und bedanken sich dann. 

CLARISSA. Es gibt auch drei Sorten Frauen.

HERMANN. Ja? Welche? 

Die beiden sind an der Hauseinfahrt angekommen. Clarissa holt ihren Schlüssel henor und beginnt aufzusperren. Sie möchte von dieser stichelnd provozierenden Art der Unterhaltung wegkommen, ehe sie Hermann durch diese Tür gehen läßt. 

CLARISSA. Wenn du jeden Tag acht Stunden übst, fühlst du dich saumäßig allein. Geht dir das auch so? 

Hermann geht nicht auf ihre Gefühle ein. Es quält ihn eine ganz andere Frage. 

HERMANN. Wie war das mit Juan? 

CLARISSA. Ich denke, du bist nicht eifersüchtig! 

HERMANN. Ich will das jetzt wissen. 

CLARISSA. Bei ihm hab ich mich noch einsamer gefühlt. 

HERMANN. Warum?

CLARISSA. Er hat mich behandelt, als wäre ich krank. 

HERMANN. Eigentlich haßt du die Männer, stimmt s? 

CLARISSA. Ich glaube immer, sie hassen mich. Ich denke, je mehr sie sagen, daß sie mich schön finden, desto mehr hassen sie mich. So war das auch mit Juan. 

HERMANN. Ich glaube, du hast ihn beleidigt. 

CLARISSA. Ja. Er ist Südamerikaner. Das habe ich nicht bedacht. Jetzt tut er mir leid. 

Clarissa ist ein Stück weit in den geräumigen Hausgang gegangen und sieht sich nach Hermann um. 

HERMANN. Und ich?

CLARISSA. Ich mag dich. 

Sie hat begonnen, die Treppen hinaufzusteigen. Sie will nicht, daß Hermann ihr ins Gesicht sieht bei ihrem Bekenntnis. Hermann rennt hinter ihr her. 

HERMANN.Aber du bist mißtrauisch. 

CLARISSA. Ja. 

HERMANN. Ich auch. 

Die beiden stehen jetzt voreinander. Sie sehen sich in die Augen. 

CLARISSA. Was machen wir jetzt? 

HERMANN. Ich wünsche mir, daß du mein Cellostück spielst.

CLARISSA. Du lügst.

HERMANN. Ehrlich.

CLARISSA. Wenn wir jetzt so tun, als ginge es um Musik, dann lügen wir beide. 

HERMANN. Du bist wie ein Igel. Voller Stacheln. 

CLARISSA. Und du, du bist der Oberigel. 

HERMANN. Unsere Stacheln sind nur innerlich. 

CLARISSA. Ich hab noch nie jemandem gesagt, ich liebe dich.

HERMANN. Lieber hättest du dir die Zunge abgebissen!

Die beiden küssen sich, erst vorsichtig. Dann werden sie immer leidenschaftlicher. Dabei läßt Clarissa den Schlüsselbund fallen, was Hermann irritiert. Er bückt sich, um ihr beim Aufheben zu helfen. Sie löst sich von ihm und geht weiter die Treppen hinauf. Sie erwartet, daß er ihr folgt. Hermann ist unruhig geworden. Er bleibt unten stehen und zögert. 

CLARISSA. Was hast du? 

Hermann gibt sich einen Ruck. Er rennt weg. 
 
258 Straßen in Schwabing

Der erste Kuß von Clarissa hat Hermann überfordert. Er war nicht fähig, in diesem Zustand noch länger bei ihr zu bleiben. Alles in ihm ist ins Rutschen gekommen. Hermann rennt, so schnell er kann, den Weg zurück, den er gerade mit Clarissa gekommen ist. Erst auf dem schneebedeckten nächtlichen Elisabethplatz kommt er zur Ruhe. Er hält sich an einem Laternenpfahl fest, um nicht zu stürzen. So wartet er, bis er wieder gehen kann. 
259 Musikhochschule, Übungszimmer

Hermann gibt seinen Gefühlen in einer Komposition Ausdruck, die den Titel »Erster Kuß« trägt. Er arbeitet in einem Ubungsraum der Musikhochschule, während draußen vor dem Fenster ein Schneesturm niedergeht. Seine Klavierkomposition enthält eine schmerzliche Melodie, die er mit finsteren Baßphrasen umspielt. Hermanns Seele ist aufgewühlt. 

HERMANN. Ich war geflohen. Niemals zu einer Frau sagen: "Ich liebe dich.." War der heimliche Eid überhaupt verbindlich? Clarissa war wie ich. Sie war vor Juan geflohen. Juan verhielt sich bei Clarissa wie Clarissa bei mir. Hat Clarissa gespürt, daß ich vor ihr fliehen würde? Hat Juan gespürt, daß sie vor ihm fliehen würde? Ich beneidete Juan. Er war um die halbe Welt gereist. Er konnte uns, uns alle mit der halben Welt vergleichen. Er hatte den Uberblick, und er glaubte an die Liebe. Doch er blieb allein. Und sie hatte mich geküßt. Doch ich war geflohen. 

Die Tür zu Hermanns Ubungszimmer steht offen, so daß seine Klaviermusik in das Marmortreppenhaus hinausströmt. Die Töne entfalten sich hier und füllen all die Räume, in denen seine und Clarissas Geschichte vor einigen Monaten angefangen hat. 
260 Bude Clemens

Als Hermann sich dem Zimmer nähert, hört er immer noch seine Musik. Er lächelt wie ein träumendes Kind, während er die Tür öffnet. Er steht vor Clemens, der mit einem Mädchen auf seinem Bett sitzt. Clemens grinst Hermann entgegen und kaut an einem Stück Kuchen. Auch das Mädchen ißt Kuchen. Dabei kuschelt es sich an die breite Brust des Jazzmusikers. Hermann sieht ein halbgeöffnetes Päckchen, das auf dem Stuhl neben dem Bett liegt. Er betritt das Zimmer, beginnt, seine Jacke auszuziehen, und ist guter Dinge. 

CLEMENS. Hermann, guck mal! Ich hab mich verlobt. Da staunst du, was?

HERMANN. Sag mal, das Päckchen da, ist das nicht für mich? 

CLEMENS. Die Post hat das so heut morgen gebracht. Das war schon aufgerissen. Der Kuchen hat da schon rausgehangen. 

Hermann sieht nach. Das Päckchen hat einen Aufkleber mit der Adresse seiner Mutter als Absender. 

HERMANN. Das ist ja von meiner Mutter. 

Clemens hat sich ganz selbstverständlich an Hermanns Eigentum bedient. Er erklärt dem Mädchen, was es da ißt. 

CLEMENS. Das ist original Hunsrücker Riebelekuchen. 

GABI. Riebelekuchen? Pfundig! 

Das Mädchen wendet sich nun an Hermann, der gerade die Karte von seiner Mutter liest. 

GABI. Ubrigens, wir kennen uns. Wissen S' das niche mehr? Ich bin doch die Gabi, die wo bei der Frau Moretti im Laden arbeitet. 

HERMANN. Ah, ja, tatsächlich. Und woher kennt ihr euch? 

GABI. Vom Warten. Ich wollt nämlich hier auf Ihnen warten, und da ist der Clemens gekommen, und der hat mir geholfen. 

HERMANN. Beim Warten? 

GABI. Ja, beim Warten. Ich muß Ihnen nämlich ausrichten, daß Eana Koffer gefunden worden ist.

HERMANN. Wo?

GABI. Frau Moretti hat ihn wiedergekriegt. Und das soll ich Ihnen sagen. 
261 Hof Moretti
Hermann hat sich sofort mit seinem Rad auf den Weg gemacht, um seinen Koffer abzuholen. Ganz aufgelöst und abgehetzt kommt er an der Toreinfahrt an, die gerade von einem Hausbewohner geöffnet wird. Er stellt sein Fahrrad so ab, daß er den Koffer nachher bequem aufladen kann. Jetzt rennt er in den ersten Stock hinauf, in die Wohnung der dicken Ungarin. 
262 Salon Moretti

MORETTi. Na, fehlt was? Schau nach. 

Die Moretti hat Hermanns Koffer offen auf dem falschen Perserteppich stehen. Sie geht mit stolzgeschwellter Brust in ihrem Salon auf und ab und sieht zu, wie Hermann den Inhalt des Koffers untersucht. 

MORETTT. Du hast mich getröstet, mein Junge. Weißt du das? War schwere Zeit für mich, weil Liebe gestorben. 

Jetzt nimmt sie ein Notenheft von ihrem Kaminsims. Es ist ein Heft, das sie aus Hermanns Koffer entwendet hat. Sie trägt es zum Flügel, schlägt es auf und beginnt ein Lied zu singen, das darin geschrieben steht. 

MORETTI (singt). »Die Halme stehen rechts und links wie Wände, begrenzen uns die schmalen Wege . . . « 

Hermann hat sein Lied erkannt. Er ist empört und nimmt der Operettentante seine Noten weg. 

HERMANN. Das gehört mir. 

MORETTT. Ein schönes Lied. Warst unglücklich damals? 

Er will sich nicht auf Frau Morettis Anknüpfungsversuch einlassen. Er sieht die Dicke trotzig an. 

HERMANN. Und meine fünfzig Mark? Ich möchte auch mein Geld endlich wiederhaben. 

MORETTI. Liegt obenauf. Da, im Umschlag. 

Tatsächlich findet Hermann auf dem Kaminsims einen Umschlag mit fünf Geldscheinen, die er sorgfältig nachzählt. 

MORETTI. Auch Künstler brauchen Geld, das weiß ich. Aber alle Schlechtigkeit der Welt kommt vom Geld. Ist kein Schmäh, wenn ich dir sag: Bist ein Genie! Mußt daran glauben. Darfst nie Ideale verlieren. Mußt kämpfen und träumen. Ich kenn die Welt. 

Er hat seinen Koffer zugeklappt und zur Tür getragen. Er nimmt nicht zur Kenntnis, daß sich die Moretti irgendwie gewandelt hat. Sie möchte ihn eigentlich um Vergebung bitten, kann es aber nicht. 

HERMANN. Ich muß jetzt gehen. 

Als die dicke Frau ans Fenster tritt, bleibt Hermann stehen. Er sieht, wie sie weint. Hermann zögert nun doch, einfach sein Eigentum zu nehmen und wegzugehen. 
 
263 Kino in Schwabing


Mit seinem Fahrrad kommt Hermann am »Türkendolch« an, einem kleinen Studentenkino. In den Schaukästen werden die Filmkunstwerke angekündigt, die zu dieser Zeit auf dem Programm eines Münchner Filmkunstkinos stehen: »Die Brücke am Kwai«, »Das Kabinett des Dr. Caligari«, »Singin' In The Rain«, »Orphoe«. 

Hermann hat sich verspätet. Die Vorstellung, zu der er so eilig gefahren ist, hat längst begonnen. Jetzt kommen die Zuschauer schon aus dem Kino heraus. Es sind alles Freunde und Bekannte, die Hermann in den ersten Monaten seiner Münchner Studienzeit kennengelernt hat. 

Reinhard, Bernd, Olga, Ansgar, Renate, Volker, Jean-Marie, Stefan und Rob sind unter ihnen. Hermann spricht Ansgar und Olga an. 

HERMANN. Sag mal, ist der Film schon zu Ende?

OLGA. Ja. Wie lange hat der Film gedauert, Ansgar?

ANSGAR. I8 Minuten, I0 Sekunden. Guten Abend, Hermann. 

HERMANN. Ich mußte noch einen Koffer transportieren. Wie war denn der Film? 

OLGA. Modern. 

Ansgar streitet sich mit Olga und geht weiter. 

ANSGAR. Olga, komm! Du hast doch keine Ahnung. Onkel Ansgar wird dir das erklären. 

OLGA. Red nicht so mit mir! Ich habe das verstanden. Mir hat der Film einfach nicht gefallen. 

Die drei Filmemacher haben sich von den anderen separiert. Sie müssen noch viel besprechen, was das Publikum dieser Testvorführung nicht hören soll. 

REINHARD. Stefan, ich sag dir, diese 47 Sekunden müssen raus. 

STEFAN. Ach, jetzt hör doch auf. Wir müssen den Film jetzt erst mal einreichen bei der FBW, damit wir ein Prädikat kriegen, und dann . . . 

ROB. Heute bitte keine Diskussionen! Wir feiern. Wir gehen in den »Fuchsbau«. 

Hermann wartet am Ausgang. Er wartet auf Clarissa, die auch in diesem Kino gewesen sein soll. Da kommt sein Sprechlehrer von der Schauspielschule heraus und erkennt Hermann. 

LEHRER. Na, verbrischt der Dischter immer noch fürschterlische Gedischte? 

HERMANN. Guten Abend, Herr Rosiee! 

Hermann entdeckt Clarissa, die in Begleitung Juans aus dem Kino kommt. Sie ist völlig vermummt. Sie trägt einen dicken Wollschal, der den Hals und beinah ihr ganzes Gesicht verdeckt. Als Hermann sie begrüßt, deutet sie wehmütig lächelnd auf ihren Hals. 

JUAN. Sie kann nicht sprechen. Angina. 

HERMANN. Verzeihung. Das tut mir leid. Wie war denn der Film? 

Clarissa gibt Hermann wortlos die Hand. Bei diesem Wiedersehen sind Hermann und Clarissa sofort viel vertrauter als sonst. Wortlos läßt sie ihn ihre Freude spüren, ihn hier getroffen zu haben. Hermann ist auch nicht eifersüchtig auf Juan, der Clarissa am Arm führt. 

JUAN. Sehr deutsch. 

CLARISSA. Französisch. 

Es stört Clarissa nicht, daß Renate sich wieder heranpirscht und Hermann begrüßen will. 

RENATE. Hermann, schön, dich zu sehen. Man sieht, daß es dir gutgeht. Hast du deinen Koffer wiederbekommen ? 

HERMANN. Ja, der ist schon daheim. 

RENATE. Schön. Kennst du die Gabi noch, aus der Goethestraße ? 

HERMANN. Ja, sicher. 

Renate hat bei diesen Worten ihren Arm um Gabi gelegt, weil sie vor Hermann und Clarissa nicht so allein dastehen möchte. 

RENATE. Sieht man dich mal wieder? 

HERMANN. Ich weiß nicht. 

Clarissa steht mit Juan etwas abseits. Beide warten sie darauf, daß Hermann mit Renate fertig wird. Renate fängt aber immer wieder neue Themen an. 

RENATE. Du, Hermann, bleibschst Weihnachten in München, oder fährschst du hoim? 

HERMANN. Weihnachten interessiert mich nicht. 

Jetzt kommt Ansgar. Er spricht Hermann an und fragt, ob er nachher noch mitkommen möchte in die Cerphal-Villa. 

HERMANN. Wohin? 

ANSGAR. In den »Fuchsbau«. 

HERMANN. Mal sehen. 

ANSGAR. O.k. 

RENATE. Schade. 

HERMANN. Wieso schade? 

RENATE. Ich mein, sonst hätt ich dich einladen können über die Feiertage. 

HERMANN. Nach Neu-Ulm? 

RENATE. Meine Eltern sind unheimlich nett, und die haben gern Besuch. 

HERMANN. Ich muß arbeiten. 

RENATE. Heija, wenn d' meinschst. 

Clarissa hat sich bei Juan untergehakt. Offensichtlich hat sie sich mit ihm schon lange versöhnt. Juan spielt den Kavalier. Galant küßt er ihr die Hand, hält sich aber auf Distanz. Als Hermann von Renate zurückkommt, rückt Juan mit einem ganz neuen Vorschlag heraus. 

JUAN. Was hieltet ihr davon, wenn ich Schauspieler würde? 

HERMANN. Was? Wie kommst du denn jetzt auf so was? 

JUAN. Ich brauche Resonanz. Ich will gebraucht werden. Oder ich mache ein Marimba-Orchester auf, oder ich gehe zu einem Zirkus. 

So sind die drei an einem Eisengitter angelangt, an dem ein zusammengekauerter Mann sitzt. Er hält eine Schnapsflasche in der schlaffen Hand. Neben ihm ein Einkaufsnetz mit einem Blumenkohl. Hermann erkennt den Kauernden. Er geht näher heran. 

HERMANN. Hallo, Herr Edel! Das ist gefährlich hier in der Kälte! Sie müssen aufstehen. Mensch, ihr kennt ihn doch auch, das ist doch der Herr Edel! 

Hermann ist ratlos, weil Herr Edel überhaupt nicht reagiert. Er beginnt ihn zu schütteln, aber der Mann ist ganz starr. Hermann sieht Juan fragend an. 

JUAN. Der Mann ist tot! 

Clarissa stößt einen heiseren Schrei aus. Sie rennt zum Kino zurück. Dort findet sie eine Telefonzelle. Sie ruft um Hilfe, als ginge es um ihr eigenes Leben. 

Die Kinogänger und Freunde aus dem »Fuchsbau« haben nun auch den Toten entdeckt. Schweigend stehen sie um ihn herum. Das Schneetreiben wird wieder stärker. Es schneit auf den toten Alkoholiker. 

JUAN. Das Erfrieren soll ein schöner, ganz schmerzloser Tod sein. 

HERMANN. »...und suche uns nicht in der Unterführung, sondern verüble uns nicht die Erlösung. « 

Clarissa verläßt die Telefonzelle. Sie hat die Polizei verständigt. Alles hat sich an diesem Abend gewandelt. Hermann und Juan warten darauf, daß Clarissa zurückkommt. 

HERMANN. Laßt uns Freunde sein. JUAN. Sind wir doch schon! 

Die Freunde lächeln jetzt Clarissa entgegen. Sie fängt an zu rennen. Sie kommt immer näher, um dann mit einem heftigen Aufatmen beide Männer gleichzeitig in die Arme zu nehmen. Die Arme der drei umgreifen sich so, daß ein stabiles Körpergebilde entsteht, das allen Gewalten zu trotzen scheint.