Film 3: Drehbuch

Drittes Buch
EIFERSUCHT UND STOLZ
(1961) 
 
301 Friedhof Neuburg an der Donau

Ein Sommertag. Der schön auf einer Anhöhe gelegene Friedhof ist mit Vogelstimmen erfüllt. Glitzerndes Sonnenlicht fällt auf die kleine Trauergemeinde, die unter den Bäumen langsam Richtung Ausgang geht. Es sind Neuburger Bürger, Männer, Frauen und Kinder, alte Nachbarn, Angehörige oder Freunde der Hinterbliebenen: Edith Cerphal geb. Moser, 4I Jahre, ihre Söhne Jürgen, I9 Jahre, und der elfjährige Hartmut, der sich eng an die weinende Mutter klammert. Tante Elisabeth Cerphal (50) aus München läßt sich von einem Herrn im eleganten Lodenanzug am Arm führen. So gehen die Münchner Gäste, von den Trauernden mit Respekt beobachtet, allen voraus. 

Jürgen läßt seine Mutter los. Er sieht sich um. Sein Blick sucht eine junge Frau, die hinter der Gruppe zurückbleibt. Es ist Evelyne, Jürgens zwanzigjährige Schwester. Sie bleibt nachdenklich mitten auf dem Friedhofsweg stehen. 

Evelyne ist größer als ihr Bruder; sie hat einen stolzen, aufrechten Körper, und in ihren Bewegungen liegt trotzige Entschlossenheit. Sie kehrt um. Zwischen den Gräberreihen läuft sie den Weg zurück, den die trauernde Gemeinde gerade genommen hat. Sie will noch einmal, allein, vor dem Grab stehen und ihren eigenen Abschied nehmen. Zwei Friedhofsarbeiter haben begonnen, das Grab zuzuschaufeln. Die Trauerkränze und Blumengebinde räumen sie zur Seite und ziehen die Gurte aus dem Grab, mit deren Hilfe man den Sarg hinabgelassen hatte. Evelyne ist vor dem Holzkreuz stehengeblieben. Sie betrachtet die Kranzschleifen, die zu ihren Füßen liegen. Sie tragen die Namen ihrer Geschwister, des Münchner Verlagshauses Cerphal, und auch ihren eigenen Namen. Die Aufschrift auf dem Holzkreuz lautet: 

ARNO CERPHAL I9I9-I96I 

In ihrem Gesicht fällt besonders der schöne Mund auf: weiche, große, fast kindliche Lippen. Ihre Augen sind blau und rund. Zwischen kräftigen Brauen eine kurze Trotzfalte. 

EVELYNE, Im Juli I96I ist mein Vater gestorberz. Er war erst 42 Jabre alt. In der Nacht vor seinem Begräbnis hat sich, mein Leben vollständig verändert. Ich hatte meinen Vater sehr geliebt. Ich war immer seine Vertraute gewesen, schon als kleines Mädchen. Und dennoch hat er mir nie gesagt, daß ich nicht das Kind der Frau war, die ich immer für meine Mutter gehalten hatte. Und plötzlich waren meine Brüder nicht mehr meine Geschwister, wie ich von Kindheit an geglaubt hatte. Hatte mein Vater Angst, ich könnte zu schwach sein für diese Wahrheit? Ich habe ihn doch immer so gut verstanden! Ich war oft stärker als er. 

Jetzt hört Evelyne das dumpfe Poltern der Erde, die auf den Sarg geschaufelt wird. Sie konfrontiert sich aber ganz bewußt mit dieser Realität und verfolgt die Arbeit der beiden Totengräber. Die Männer schaufeln rhythmisch, einander abwechselnd, den Erdhaufen in das Grab. Bald ändert sich das Geräusch. Die Erde klingt nun feucht und satt. 

Einer der Arbeiter hat Evelyne entdeckt und lächelt ihr verlegen zu. Evelyne versucht zurückzulächeln, aber es wird nur ein bleiches Nicken daraus. 

Die Trauergemeinde ist auf dem Platz vor der Aussegnungshalle ange-kommen. Hier werden der Witwe noch Beileidsbezeugungen gebracht. 

Man schüttelt ihr die Hände, während um sie herum auch schon das Alltagsgetratsche losgeht. Verwandte, die sich lange nicht gesehen haben, erkundigen sich nach Belanglosigkeiten und geben sich Verspre-chen, die sie doch nicht halten werden. 

Die Witwe merkt nun, daß Evelyne fehlt, und macht sich plötzlich Sorgen. Sie schickt ihren Sohn Jürgen los, um Evelyne zu suchen. Den kleinen Hartmut, der den großen Bruder begleiten will, hält sie aber fest an ihrer Seite: Ihr Kleinster soll ihr ganzer Trost bleiben! Dieser Meinung ist auch Tante Cerphal aus München, die Hartmut anstelle der trauernden Mutter tätschelt. 

Jürgen hat Evelyne gefunden. Er spürt, daß die Ereignisse dieser Tage auch seine Empfindungen und sein Verständnis tiefgreifend verändert haben. Schweigend bleibt er bei Evelyne stehen. 

Direkt gegenüber der Aussegnungshalle steht der amerikanische Stra-ßenkreuzer aus München geparkt. Für Elisabeth Cerphal ist der eigentli-che Grund ihres Aufenthalts jetzt erledigt: Ihr Bruder Arno ist begraben. Also kann sie an die Heimfahrt denken. Sie gibt ihrem Begleiter, Herrn Gattinger, der abwartend neben dem Straßenkreuzer steht, ein unauf-fälliges Handzeichen. Gattinger steigt in den Wagen und steuert ihn auf die Trauerfamilie zu. 

Die Cerphal wendet sich an die Schwägerin. 

FRÄULEIN CERPHAL. Edith, wenn ihr mich mal suchen solltet oder meinen Rat braucht, ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn wir uns mal wiedersehen würden, über alle Familienangelegenheiten hinweg. Ich lasse euch mal für alle Fälle meine Geheimnummer aus München da. 

Gerold, haben wir noch so. . .? 

Sie macht sich nicht die Mühe, das Wort für »Visitenkarte« zu finden, sondern sie begnügt sich mit einem nervösen Gestammel und einem unbestimmten Handzeichen. 

Herr Gattinger, der es gewöhnt ist, Befehle dieser Art zu empfangen, beginnt sofort seine Westentaschen zu durchsuchen. 

GATTINGER. Keine Angst, wir haben noch, bitte! 

Er überreicht der Cerphal ein persönliches Kärtchen, das sie an die Schwägerin vom Lande weiterreicht. Die trauernde Witwe weiß nicht, was sie damit im Moment anfangen soll. Sie nickt nur. 

Jürgen steht noch immer neben Evelyne am Grab des Vaters. Die Friedhofsarbeiter schichten jetzt die Kränze auf den frischen Erdhügel. Einer der Arbeiter legt eine kleine Pause ein. Er stützt sich auf seine Schaufel und freut sich, daß endlich einmal jemand Interesse an seiner Arbeit zeigt. 

FRIEDHOFSARBEITER. In Ingolstadt drüben, wo i früher gearbeitet hab, da is a Kiesboden. Das ist was anderes wie da. Da ist nix wie Kies. Da kannst graben ganz tief, allweil bloß Kies. Glauben S' mir, das ist mir lieber wie dieser schwere Erdboden hier. 

Das san Donauablagerungen wie im Moos, das hat der Lech rein-bracht vor Jahrmillionen. Da geht's scho, da brauchen S' so I5 Jahr sowas, bis da einer verwest ist. Aber da drüben, da haben wir Streifen, Z5 Jahr oder mehr. Im Moor dauert's dann ewig. 

Der Friedhofsarbeiter lacht. Er sieht die Sache vom allgemeinen Stand-punkt seines Berufes aus. Jürgen findet das unerträglich. Er wendet sich ab und geht ein paar Schritte zum Ausgang zurück. Evelyne folgt ihm nicht, sie ist in ihre Gedanken versunken. Der Arbeiter kümmert sich nun wieder um die Trauerkränze. 

FRIEDHoFSARBEITER. Soll'n mer den Kranz da noch reinlegen in die Mitte? 

Da Evelyne nicht antwortet, dekoriert er hilflos an den Kranzschleifen herum. 
 

302 Straßen in Neuburg

Der Straßenkreuzer mit dem Münchner Kennzeichen führt die Autoko-lonne an, die aus dem Friedhofstor kommt. So fahren die Trauernden durch die kleine Stadt. Sie kommen in die Altstadt, am ehemaligen Thurn-und-Taxis-Palais vorbei, passieren Rathaus und Hoflkirche. 

Jürgen lenkt den Wagen, in dem seine Mutter, Evelyne und der kleine Hartmut sitzen. 

EVELYNE. Als wir vom Friedhof zurückiehrten, suh ich das Elterubaus, die Familie und Neuburg mit ganz fremden Augen an. Es war, als hätte man mich plötzlich in ein fremdes Land verschleppt. All die Selbstverständlichkeit, mit der ich bisher gelebt hatte, verwandelte sich in Lügen und Zufälle. Wer von diesen Trauergästen war über-haupt mit mir verwandt? Wer von diesen anteilnehmenden Heuch-lern hat schon immer meine Geschichte gekannt und doch nie etwas gesagt? 

Die kleine Wagenkolonne kommt in einer Geschäftsstraße an und hält vor einer Musikalienhandlung. Jürgen und die Verwandten parken ein, während Herr Gattinger und Frau Cerphal aus dem Straßenkreuzer steigen, um den Musikalienladen CERPHAL in Augenschein zu nehmen: ein provinzielles, kleines Geschäft mit preiswerten Musikinstrumenten in der Auslage, einem Klavier, Notenständern, Violinsaiten, Noten, Schallplatten. An der Ladentür hängt ein Pappschild mit der Aufschrift: »Wegen Trauerfall geschlossen«. 

Jürgen hat den Laden aufgeschlossen und läft die schwarzgekleideten Gäste eintreten. 

Die Cerphal und Herr Gattinger zögern, sich anzuschließen. Es ist doch so ein herrlicher Sommertag. Ob man den Tag nicht auch noch für einen Ausflug in die Gegend nutzen sollte? Tiefere Trauer scheint Elisabeth Cerphal über den Tod ihres Bruders jedenfalls nicht zu empfinden. Dennoch will sie den Laden kurz betreten. 

FRÄULEIN CERPHAL. Einen Kilometer von hier soll es ein wunderschö-nes SchlöLchen geben. 

GATTINGER. Wenn du möchtest, fahren wir da nachher hin. Ich komme nicht mit. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wie du meinst. 

GATTINGER. Beeil dich ein bißchen, ja? 

Nun ist Gattinger allein auf der Straße vor dem Musikaliengeschäft. Er schlendert das Trottoir hinauf, betrachtet lässig diese pittoreske Altstadtstraße, das Haus, vor dem die Autos der Beerdigungsgäste geparkt sind. 

An eines der Autos gelehnt steht Evelyne, die ebenfalls draußen geblie-ben ist. Sie stützt ihren gedankenschweren Kopf in beide Hände und starrt das Haus an. 

Als Gattinger sich ihr nähert, zieht Evelyne sich auf die andere Straßen-seite zurück. Niemand darf sie heute ansprechen. 

EVELYNE. Während die schwarzgekleideten Menschen in das Haus meiner Kindheit gingen, nahm ich Abschied. Neuburg hatte aufge-hört, meine Heimat zu sein. 

303 Musikalienhandlung

Im Laden herrscht betretene Stille. Die Witwe hat sich mit ihren Söhnen nach oben in die Wohnung zurückgezogen. Die Trauergäste wissen nun nicht, worauf sie noch warten sollen. 

Elisabeth Cerphal klimpert im Stehen auf einem der Klaviere herum, die hier zum Verkauf stehen. Sie spielt mehr schlecht als recht ein paar Takte der »Mondscheinsonate«. 

Einer der gelangweilten Trauergäste beugt sich zu ihr über den Flügel. 

TRAUERGAST. Scheint in Ihrer Familie zu liegen, das Musikalische. 

FRÄULEINCERPHAL. Da muß mein Bruder eine Ausnahme gewesen sein. Obwohl mein Vater uns alle unterrichten ließ. Bei mir hat es nur bis zur Mondscheinsonate gereicht. Aber für unseren bürgerlichen Haus-halt in München war es gut genug. Arno war unser Jüngster. 

TRAUERGAST. Und hat als erster von uns gehen müssen. Ich kann's gar net glauben - mit 4z. Ich bin auch erst 44, und grad da fängt doch das Leben erst richtig an. Stimmt's? 

FRÄULEINCERPHAL. Ja, das stimmt! 

Die Cerphal kann durch das Schaufenster hinaus auf die Straße blicken. Sie sieht Herrn Gattinger, der wartend auf und ab geht; sie sieht Evelyne, die von draußen hereinschaut. 

 
304 Wohnung Witwe Cerphal

Evelyne ist nun ganz um das Eckhaus herumgegangen und in dem kleinen Gäßchen angekommen, von wo aus ein Hintereingang zu der Wohnung ihrer Mutter hinaufführt. Sie bleibt in der Gasse stehen und erkennt Jürgen, der oben durch die Bleiverglasung Ausschau hält. 

Jürgen weicht dem Blick der Schwester aus. Er sieht zu, wie sein kleiner Bruder Hartmut sich um die Mutter kümmert, die auf dem Sofa liegt, schwer atmet und sich jammernd hin und her wirft. Hartmut trägt eine Plastikschüssel mit Wasser herein und macht der Mutter kalte Um-schläge auf die Stirn. Jürgen geht schweigend im Wohnzimmer hin und her. 

EVELYNE. Die Musikalienhandlung in der Altstadt gehörte früher der Familie meiner Stiefmutter, die ganz unmusikalisch war. Mein Vater hatte dann eingeheiratet. Vielleicht, weil er alle Instrumente spielen konnte und die Musik liebte. 

Ich wußte so wenig. Wie kam es, daß ich in München geboren bin? Mitten im Krieg? Und wie bin ich hierhergekommen? Wer war meine Mutter? r944 soll sie umgekommen sein bei einem Bombenangriff auf München. Das war die Auskunft, die ich in der Nacht vorher zu hören bekommen hatte. Es gab keine Bilder, keine Dokumente, nichts, worauf ich mich verlassen konnte. Ich bin ganz sicher, daß mein Vater die Wahrheit über meine Herkunft nicht mit ins Grab nehmen wollte. Eines Tages hätte er mir alles erklärt. Er ist oft sehr traurig gewesen. Das kam mir jetzt in Erinnerung. 

Auf dem Wohnzimmerbuffet steht ein Dampfmaschinenmodell, ein teures Spielzeug aus den zwanziger Jahren, offenbar ein Erinnerungs-stück des toten Vaters. Gedankenvoll dreht Jürgen an dem Schwungrad, bringt für einen Moment das Spielzeug in Bewegung. Der kleine Bruder sitzt neben der leidenden Mutter und weint. 

305 Zimmer Evelyne

Evelyne hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie ordnet ihre Besitztü-mer, als ob es darum ginge, die Bilanz ihres Lebens zu ziehen. Auf dem Fußboden türmen sich ihre Bücher, Musiknoten, Schulhefte und Briefe. Zärtlich packt sie ihre beiden Lieblingspuppen in den Koffer und legt sie zu den Kleidern. Als es leise an die Tür klopft, blickt Evelyne kurz auf. Es ist Jürgen, der mit einer Cognacflasche und zwei Gläsern hereinkommt. Evelyne setzt ihre Aufbrucharbeit noch entschiedener fort. Sie nimmt Bilder, die sie und ihren Vater beim Musizieren zeigen, von der Wand und legt sie zu den Puppen in den Reisekoffer. 

Jürgen verfolgt die Bewegungen stumm. Er versteht nicht, was seine Schwester vorhat. 

EVELYNE. Ich gehe meine Mutter suchen. 

Evelynes Stimme ist ein Phänomen. Nie würde man diese tiefe Resonanz in ihr vermuten. Stimmlage und Kraft dieser Altstimme scheinen ganz unabhängig von ihrer Physis zu sein. Ihre Worte erfnllen auf einmal das ganze Zimmer. 

EVELYNE. Wir sind doch unser ganzes Leben lang betrogen worden. Stimmt das etwa nicht? Schau mich nicht so mitleidig an. Ich halte das nicht aus. 

Jürgen hat sich vorgestellt, es genüge, Evelyne einen Schnaps anzubieten und ein paar hilfreiche Worte an sie zu wenden. Aber er hat sich verrechnet. Evelyne setzt ihre Arbeit fort. 

EVELYNE. Ich wollte nach München. Ich wollte in der Stadt leben, wo meine Mutter gelebt hatte, wo mein Vater geboren war und wo auch meine Wurzeln verborgen lagen. Erst dann wollte ich das tun, was zwischen meinem Vater und mir heimlich beschlossene Sache war: Ich wollte Musik studieren! 

Evelynes Zimmer ist eine gemütlich eingerichtete Mansarde mit einem Nebenraum, in dem ihr Kleiderschrank steht. Das Zimmer ist angefüllt mit den Gegenständen ihrer Kindheit. Das eingerahmte Foto zeigt sie als Zehnjährige beim Flötenspiel. Der Vater ist auf dem Bild noch ganz jung und sehr schlank. Man sieht ihm die Entbehrungen der Nachkriegszeit an. Aber er lacht gelöst und glücklich in die Kamera. 

Evelyne bewegt sich energisch, aber ziellos durch den Raum. Sie will im Prinzip alles, was es hier gibt, zusammenpacken und mitnehmen. Die Unmöglichkeit dieses Vorhabens macht sie müde. Sie setzt sich auf einen kleinen Schemel und drückt ihre Stofftiere ans Herz. 

EVELYNE. Wir waren glücklich als Kinder. Das will ich auch niemals vergessen. Aber ich glaube, wir fangen erst jetzt an zu begreifen, warum das so war. Du bleibst hier in Neuburg, da gehörst du hin, da, wo schon deine Mama geboren wurde, und auf dem Grund und Boden, den deine Großeltern erworben haben. 

Ich habe damit nichts zu tun. Ich gehe den Weg zurück, den der Papa hierhergegangen ist. Komischerweise ist das auch nichts Neues für mich. Das habe ich schon gewollt, als er anfing, mir Klavierunterricht zu geben und von München zu erzählen. 

Jürgen schweigt immer noch. Er weiß nicht, was er der Schwester antworten soll. Weggehen will er nicht. Er ist hilflos. 

Evelyne ist zu Jürgen ans Fenster gekommen. Sie hat die Stofftiere zu den anderen Erinnerungen in den Koffer gesteckt. Jürgen trinkt nun selber einen Schluck aus dem Cognacglas. Dann geht er zu Evelynes Bett und setzt sich darauf. Er sieht niedergeschlagen aus. 

EVELYNE. Je mehr mein Stiefbruder Jürgen mich festbalten wollte, je mehr er mich warnte, desto fremder kam ich mir vor, desto sicherer wußte ich, daß ich nicht mehr nach Neuburg zurückkehren würde. 

Evelyne setzt sich neben Jürgen auf das Bett. Sie lächelt ihn triumphie-rend an. Sie faft ihn an der Hand, als wollte sie ihm etwas von dieser Kraft dalassen, die sie jetzt in sich spürt. 

EVELYNE. Ich gehe meine richtige Mutter suchen, das schwöre ich dir! 

306 Stadtbilder München

Der Eilzug aus Neuburg fährt in Münchens Vorstadtlandschaft ein: 

Es ist ein Hochsommertag, an dem die Münchner das Leben auf den Straßen und in den Parks genießen. 

Das »Gänselieserl« schiebt einen klapprigen Kinderwagen, in dem eine veritable, lebende Hausgans sitzt, durch die Isarauen. Diese Frau ist ein Münchner Original. Auch sie genießt den schönen Tag. 

Hinter den Frauentürmen, in Dunst verhüllt, die Alpenkette. In der Ferne, hinter den Dächern im Westen, erkennt man das Bavaria-Standbild mit der klassizistischen Ruhmeshalle. 

307 Englischer Garten

Die Wiesen vor dem Monopteros sind bevölkert mit sonnenhungrigen Menschen, die umherliegen oder ihre schicken Klamotten spazierentra-gen. 

Hermann ist mit seinem Fahrrad unterwegs. Er hat die Route durch den Park gewählt, um auf seinem Weg zur Vorlesung auch ein Stückchen von diesem schönen Tag genießen zu können. 

HERMANN. Jetzt war ich schon fast ein Jahr in München. Ich bewegte mich zwischen Konzerten, Theateraufführungen und künstlerischen Experimenten; ich eilte von Vorlesungen zu Freunden, von Diskus-sionen zu Ubungen und Premieren. Es war, als hätte ich schon immer hiergelebt. Ich hatte Verbindungen zu Professoren, Komponisten, zu jungen Literaten, Schauspielschülern, Jungfilmern. Sogar die hoch-näsigen älteren Semester wie Volker und Jean-Marie hatten mich akzeptiert. Ich komponierte fast jeden Tag ein Stück. 

Der Biergarten am Chinesischen Turm ist überfüllt mit Menschen Hermanns Weg führt eigentlich nicht hier vorbei. Aber er macht den Schlenker, um seiner Begeisterung für dieses Münchner Leben noch mehr Nahrung zu verschaffen: Es ist ein » Rausch der Sinne«, wie einmal Herr Edel verkündet hat, als Hermann hier in München ankam. 
 
308 Ein Münchner Taxi

Evelyne hat sich am Bahnhof ein Taxi genommen. Sie ist zum ersten Mal in München. Sie sitzt auf dem Rücksitz und kommt aus dem Staunen über die Großstadtbilder nicht mehr heraus. Sie hat sich über die rückwärtige Ablage gebeugt und sieht all die Gebäude und Stadtansich-ten, die sie bisher nur von Bildern oder von Schilderungen des Vaters kannte. Oder war sie schon einmal hier? 

TAXIFAHRER. Also, das da rechts, gell, ist nicht das Hofbräuhaus, das ist die Feldherrnhalle, aber das lassen wir jetzt, das ist teils unerfreulich. Und des da, schaun S', des is das Annast. Und dahinter, da ist der Hofgarten. Da rechts, das, was Sie jetzt net seng, ja, das ist das Haus der Kunst. Sie, da kommen die ganzen Künstler her, von überall. Literaten und Maler und Poeten und vom Film. Das ganze G'schwerl halt! Sagn S', sind Sie vielleicht auch eine Künstlerin? 

EVELYNE. Ich will Gesang und Oboe studieren. 

TAXIFAHRER. Ah, geh! Singen tun S und Oboe! Die Fahrt ist vom Odeonsplatz durch die sehr belebte Ludwigstraße in Richtung Siegestor gegangen. Der Fahrer ist ein echter, leutseliger Münchner. Indiskret, wie viele Münchner nun einmal sind, will er gleich alles erfahren, was Evelyne vorhat. 

Er fühlt sich der jungen Frau, die vom Lande kommt, sehr überlegen. 

TAXIFAHRER.So' jetzt rechts, das ist die Staatsbibliothek. Und das ist die Ludwigskirch da. Sie, was glauben denn Sie, wieviel daß es Straßen gibt in München? 

Im Verkehrsfluß hat es einen kleinen Knoten gegeben. Sofort ist der Fahrer außer sich. Er beugt sich aus dem Fenster und mischt sich in die Fahrweise seines Nachbarn ein. 

TAXlFAHRER. Ja, fahr halt zua! 
309 Villa Cerphal

Das Taxi kommt vor dem Haus von Fräulein Cerphal an und hält in der Garteneinfahrt. Der Fahrer lädt Evelynes Koffer aus. 

Hier herrscht sommerliche Stille. Selbst die Vögel schweigen in der Nachmittagshitze. 

Das zweistöckige Haus mit den Erkern, Zimmern, Vorbauten und Türmchen steht unter hohen Bäumen in einem verwilderten Garten. Zur Straße hin wird das Grundstück von einer Hecke abgeschlossen. 

Evelyne ist wortlos ausgestiegen und auf das Haus zugegangen. Sie steht auf der kleinen Wiese vor der Haustür. Sie findet keine Klingel. 

Ein Geräusch im Garten läft sie auflhorchen. Es rührt von Stefans Fahrrad mit Anhänger, das auf dem Kiesweg angerollt kommt. Stefan kehrt von einer Besorgungsfahrt zurück, als er Evelyne im Reisemantel mit ihren Koffern im Garten stehen sieht. 

Der Filmemacher steigt von seinem Rad und grüßt. 

EVELYNE. Mein Vater war in München aufgewachsen. Er war der Sohn eines bekannten Verlegers, der am Rande von Schwabing eine Villa besaß. Hier wohnte meine Tante, Elisabeth Cerphal. Ich fand, daß ich einen ererbten Anspruch darauf hatte, in dieser Großvatervilla zu wohnen, so lange, bis ich etwas eigenes gefunden hatte. 

EVELYNE. Ist meine Tante nicht da?

STEFAN. Fräulein Cerphal?

EVEEYNE. Ja. Da ist zu.

STEFAN. Moment, das haben wir gleich . . . 

Stefan schiebt sein seltsames Gefährt umständlich um das Rasenstück herum. Auf seinem Fahrradanhänger transportiert er einen Gerätekof-fer, den er auf die Rückseite des Hauses karrt, um ihn dort auszuladen. 

Evelyne sieht zu einer Terrasse empor, die über der Haustür liegt. Dort ist ein Dackel erschienen, der sehen möchte, wer da ins Haus möchte. Evelyne versucht, sich mit der neuen Umgebung anzufreunden. 

Stefan hat die Haustür von innen geöffnet. Er steht oben auf der Haustreppe und sieht auf Evelyne herunter. 

EVELYNE. Die Tante würde sich wundern, aber ich hatte beschlossen, mich nicht abweisen zu lassen. Ich wollte auch herausbekommen, warum mein Vater sich immer so ferngehalten hatte von dieser reichen Münchner Verwandtschaft. . . 

STEFAN. So, die Tür ist auf. Ist das Ihr Gepäck? 

Ehe Evelyne selbst zugreifen kann, hat Stefan sich höflich ihrer Koffer bemächtigt und trägt sie ins Haus. 
310 Villa Cerphal, Diele

Evelyne hat die holzgetäfelte Diele betreten, wo sie mit ihren Koffern einfach stehengelassen worden ist. 

Ihr gegenüber führt eine schön geschwungene Treppe aus dunklem Holz empor zu einer Art Galerie, von der es in die verschiedenen Zimmer des Obergeschosses weitergeht. Ein vielarmiger Krouleuchter hängt von der reichverzierten Holzdecke herunter. Es gibt so viele Türen hier, daß Evelyne nicht weiß, wohin sie sich wenden soll. 

EVELYNE. Ich hatte mein ganzes Gepäck mitgebracht, meine Bücher, meine Kleider für alle Jahreszeiten und meine Lieblingspuppen, die brauchte ich zum Einschlafen. Das Haus war mir auf eigenartige Weise vertraut. Es war, als hätte ich das alles schon einmal gesehen -oder geträumt. Auch der Geruch - von Kellermoder, altem Holz, Zimt-, das erinnerte mich an etwas, das ich vergessen hatte. 

Stefan hat ein geräumiges Zimmer betreten, das sich mit einer Fensterni-sche und einer Glastür zum Garten hin öffnet. Der runde Tisch ist zur Seite gerückt, steht neben einer Biedermeierkommode, auf der verschie-dene filmtechnische Geräte, Kamerateile und Kabel liegen. 

Sonst gibt es hier noch ein Bett, einen Flügel, ein Bücherregal, Filmpla-kate an den Wänden und viele Stühle. Stefan und Rob, die Jungfilmer, sind damit beschäftigt, draußen auf der Gartenterrasse einen transpor-tablen Kinoprojektor aufzubauen. Die Tür zur Diele ist offengeblieben, so daß Evelyne einen Blick in das Terrassenzimmer werfen kann. 

Rob wuchtet gerade einen schweren Kofferlautsprecher auf die Kom-mode. Er sieht Evelyne, die nicht weiß, an welche Tür sie klopfen soll. 

EVELYNE. Da waren zwei junge Männer, die herumwerkelten und etwas Technisches installierten. Das Haus wirkte erwartungsvoll, als sollte sich hier bald etwas Wichtiges ereignen. Ich meine, daß man so was manchmal ahnt und einem Haus ansehen kann. 

ROB. Falls Sie Fräulein Cerphal suchen, die kommt erst heute abend wieder. 

EVELYNE. Fräulein Cerphal ist meine Tante. Wohnen Sie hier? 

ROB. Nein, der Stefan wohnt hier. Wir sind die Untermieter, das heißt, er ist der Untermieter. 

Damit hat Rob sie in Kürze über die Verhältnisse aufgeklärt. Er tritt zu Evelyne in die Diele hinaus. 

ROB. Sind Sie schon bei Frau Ries gewesen? 

EVELYNE. Nein. Wer ist denn das? 

ROB. Die Haushälterin. Sie wohnt im Keller unten. Frau Ries! 

Rob führt Evelyne zur Kellertreppe. Er geht vor bis zu einer Tür, die ein verglastes Fenster im oberen Teil hat, durch das man in eine Wohnküche sehen kann. Rob klopft an. 

 
311 Kellerwohnung Ries

Frau Ries sitzt in einem Polstersessel neben ihrem Küchentisch. Sie erhebt sich mühsam. Sie ist eine etwa 6sjährige, rundliche Frau mit weißen Haaren und einem lieben, bleichen Gesicht. Sie erscheint mit einer ärmellosen Strickjacke, aus der ihre kräftigen Oberarme heraus-schauen. Sie sieht Rob und die Besucherin fragend an. 

ROB. Frau Ries, Besuch für Fräulein Cerphal. Ich muß jetzt wieder rauf zum Projektor. 

Rob übergibt Evelyne der alten Haushälterin und eilt wieder nach oben. Evelyne geht freundlich lächelnd auf Frau Ries zu. 

EVELYNE. Grüß Gott. Ich würde gern hier wohnen bis auf weiteres. Meine Tante kommt erst am Abend. Was kann ich denn da machen? 

Frau Ries mustert ihre junge Besucherin von oben bis unten. Plötzlich geht ein Lächeln über ihr Gesicht. 

FRAURIES. Jetzt sagen S' bloß, Sie sind die Evelyne aus Neuburg! Ja, mei, ja, so hab ich Sie mir vorgestellt. Ich glaub, Sie wissen, was Sie wollen. 

Aber hier hat sich ja viel verändert, seit Fräulein Cerphal die jungen Künstler im Haus hat. Ich weiß schon gar nicht mehr, wer alles ein und aus geht bei uns. Die kommen durch den Garten, durch die Garage, sogar durch die Waschküch. In der Nacht geht's zu wie in einem Taubenschlag. Kommen S' doch rein! 

Frau Ries führt Evelyne in die Küche und setzt sich sofort wieder in ihren Polstersessel, um Evelyne, die mitten in der Küche stehenbleibt, weiter zu bestaunen. 

FRAURIES. Aber Ihre Tante mag das so. Die meint, es wär schon damals so gewesen, als sie noch ein junges Mädchen war. Aber daran kann ich mich gut erinnern, wie die Dichter bei uns ein und aus gegangen sind. Das war schon anders damals, so z7/z8. Der Brecht und der Herr Feuchtwanger, der hatte fei Niveau. Ja, ich bin froh, daß ich da herunten meine Ruh hab. Und daß Ihr Großvater nix davon weiß. Ich besuch ihn manchmal im Josefinum. 

Evelyne bedankt sich, daß sie hier aufgenommen wird. Sie geht in der Küche umher. 

FRAU RIES. Der geht fei auch schon auf die 8zzu. Ja, aber was machen wir denn mit Ihnen? 

Evelyne betrachtet den Raum und seine Einrichtung. Sie ist fasziniert. Hier ist die Zeit stehengeblieben. Der alte Kohlenherd mit dem lan-gen Ofenrohr, die Eckbank mit dem Küchentisch, das Spülbecken, das Küchenbuffet mit dem dreitürigen Aufhau. Evelyne kann es kaum glauben. 

EVELYNE. Das kommt mir alles so bekannt vor. War ich mal in diesem Zimmer? 

FRAU RIES. Ja, Sie haben recht! Ein einzig's Mal waren Sie da mit Ihrem Vater. Mit dem Arno. Aber da waren Sie noch ganz a kleines Butzerl. So zwei oder drei Jahr, lassen Sie mich einmal nachrechnen! Das war im Herbst 46. 

EVELYNE. Da war ich vier. 

Evelyne kniet vor dem Küchenbuffet und betrachtet die Dinge aus der Augenhöhe des vierjährigen Kindes. So kommt ihr alles noch bekannter vor. Frau Ries ist zu ihr gekommen, um mitzuerleben, wie Evelyne sich die Dinge ins Gedächtnis zurückruft. 

EVELYNE. An den Schrank erinnere ich mich auch irgendwie. Und Sie, Sie hatten doch so einen langen Zopf, oder? 

Evelyne hat einen Hocker gefunden, den sie unter dem Schrank hervor-zieht. Sie setzt sich darauf, wie sie es als Kind getan hat. Frau Ries ist erstaunt, was Evelyne noch alles weiß. 

FRAURIES. Stimmt, den hab ich mir immer hochgesteckt. Da drüben am Spiegel bin ich gestanden und hab mich frisiert. Was so ein Kind sich alles merken tut! 

Frau Ries steht an dem alten Frisierspiegel, der an der Wand hängt. Sie sieht im Spiegel, wie Evelyne sich erhebt und andere Dinge in der Küche betrachtet. Das Spiegelbild ist wie ein Blick in vergangene, bessere Zeiten. 

Frau Ries folgt Evelyne zum Spülbecken. Sie füllt Wasser ab, um für ihre Besucherin Kaffee zu kochen. 

FRAU RIES. Es hat mir sehr leid getan, daß Ihre Familien so haben streiten müssen. Ich hab Ihren Herrn Vater sehr gern gehabt, unseren Arno. Er war ja der Kleinste, das Nesthäkchen. Und ich bin immer noch da. 

Mit diesen von einem Seufzer begleiteten Worten hat sich Frau Ries wieder hingesetzt.

EVELYNE. Gott sei Dank. Kann ich bei Ihnen hier warten? 

Evelyne fühlt sich rundherum wohl. Sie zieht jetzt endlich den Mantel aus und setzt sich zu Frau Ries an den Tisch. 

FRAU RIES. Ja, soll ich Sie denn nicht rauf in den Salon bringen? Da haben Sie's doch schöner als wie hier im Keller. 

EVELYNE. Ich bleib noch ein bißchen hier. 

Durch das Kellerfenster kann man direkt auf den Gartenweg hin-ausschauen. Dort erscheint der Dackel, den Evelyne schon auf der Terrasse gesehen hat. Dem Hund folgen Beine in Trachtenhosen. 

FRAU RIES. Der Herr Gattinger. 

Wohl schon seit einem Menschenleben kennt Frau Ries alle Leute aus der Froschperspektive ihres Kellerlochs. 

Evelyne sitzt, lächelt, schweigt. Eine Schachtel Konfekt steht neben ihr auf dem kleinen Regal. 

FRAU RIES. Mögen S'welche? Nehmen S'! 

EVEEYNE. Danke, Frau Ries. 

Evelyne ißt »Katzenzungen«, eine Süßigkeit, die sie schon als Kind in diesem Zimmer genossen hat. 

312 Villa Cerphal, Garten

Auf der sonnenbeschienenen Gartenterrasse haben Stefan und Rob begonnen, den Kinoprojektor aufzustellen. Sie rücken das schwere Gerät mit vereinten Kräften in die Nähe des Zimmerfensters und richten es so aus, daß sie durch die Scheiben hindurch ins Innere des Terrassen-zimmers projizieren können. 

HERMANN. Der neue Mittelpunkt unseres Lebens war der »Fuchsbau«: eine Jahrhundertwende-Villa am Rande des Stadtteils Schwabing. r8z 

Das Haus gehörte Fräulein Cerphal, einer älteren Verlagserbin, die junge Künstler sammelte wie andere Leute Briefmarken oder Ge-mälde. Sie wohnte im Obergeschoß mit Herrn Gattinger, einem braungebrannten Herrn im Lodenanzug. 

Herr Gattinger hat sich mit seinem Dackel Wasti angenähert. Er tut, als wolle er nur den Hund ausführen. In Wirklichkeit langweilt sich Herr Gattinger und versucht jetzt, mit den Jungfilmern ins Gespräch zu kommen. 

GATTINGER. Sie wissen, daß es sich um ein Wehrmachtsgerät handelt? 

Stefan und Rob lassen sich bei ihrer Arbeit nicht unterbrechen und antworten nicht. 

HERMANN. Herr Gattinger regelte für die Hausherrin das Finanzielle. Wir hielten ihn für einen untergetauchten alten Nazi und versuchten, ihn zu ignorieren. 

Herr Gattinger steigt merkwürdig grinsend die Terrassenstufen herauf, um sehen zu können, was für ein Gerät die beiden Studenten da aufbauen. Er spielt den Fachmann, wackelt hier und da an einem der Bedienungshebel und öffnet mit einem Griff die seitliche Abdeckklappe. Gattinger weiß alles. 

GATTINGER. Ich kenne diese Projektoren noch von der Kriegsmarine. Da gab es auch noch diese Aggregate fürs Frontkino. Wo haben Sie denn dieses Museumsstück aufgetrieben? 

ROB. Aus dem Amerikahaus. Stand da einfach so auf dem Speicher rum. 

STEFAN. Ja, neben einem uralten Schneidetisch und einer Reihe von Magnetophonen mit 76er Bandgeschwindigkeit. 

GATTINGER. Wahrscheinlich ein Beutegerät. I945 beschlagnahmt. Ich kenne einen Tonmeister aus Berlin, der hat sich mit solchen Heeresbe-ständen hier in München eine ganz schöne Filmfirma aufgemacht. Kameras, Licht-, Tonwagen, Scheinwerfer. Alles Dinge, die man bei Kriegsende hier in Bayern vergraben hat. 

Rob findet es lästig, daß Gattinger alles anfaBt, ohne zu helfen. 

ROB. Haben Sie etwas mit Film zu tun? 

GATTINGER. In meinem früheren Leben war ich Beamter. Da kriegt man von allem etwas mit. 

Die beiden Freunde haben Verdacht geschöpft. Sie sehen Gattinger als einen jener typischen Vertreter der Elterngeneration, die ihre Nazivergangenheit verschweigen. 

Wahrend Gattinger weitergeht, um seinen Dackel zu rufen, verständi-gen sich die Freunde, Herrn Gattinger auf den Zahn fühlen zu wollen. 

ROB. Und heute? 

GATTINGER. Student. 

Warum soll sich Gattinger nicht als Student ausgeben, zumal doch auch Fräulein Cerphal, die in seinem Alter ist, selbst noch studiert? Er lacht und pfeift seinen Hund heran. 

HERMANN. Der »Fuchsbau« ersetzte uns die Stammkneipe, die Semi-nare oder die Ateliers und Salons früherer Zeiten. Es war ein Privileg, zum »Fuchsbau«-Kreis zu gehören. Und die Hausherrin, Fräulein Cerphal, war unsere Mäzenin, Ersatzmutter oder Schutzpatronin. Dabei lehnte sie es kategorisch ab, diese Bedeutung in unserem Leben zu bekommen. 

Jetzt kommen auch die anderen Freunde von Stefan an: Reinhard, Ansgar und die Lyrikerin Helga, die mit ihrem Motorroller bis in den Garten fährt und direkt neben der Terrasse hält. 

Reinhard zeigt stolz einen flachen, schwarzen Karton vor, den er wie eine Geburtstagstorte die Stufen heraufträgt. Ansgar hat fürs leibliche Wohl gesorgt und so viele frische Brezen gekauft, daß er damit seine Mikrofon-stange von unten bis oben bestücken konnte. Er trägt die Brezenstange wie eine Fahne. Helga wird begrüßt, dann die Freunde am Projektor. 

Nun kommt der Moment, auf den die Jungfilmer gewartet haben: Reinhard öffnet die schwarze Schachtel und zeigt die ganz neue Filmkopie, eine in Zellophan verpackte Rolle, die in der Schachtel mattsamtig schimmert. 

Die Freunde entfernen die Zellophanhülle. Sie heben die Filmrolle an ihre Nasen. Sie schnuppern den Duft des frischentwickelten Filmmate-rials. 

REINHARD. Sie ist noch nicht ganz trocken. 

ROB. Wie Weihnachten! 

Stefan ist immer noch in Helga verliebt. Er eilt ihr an der Terrassentreppe entgegen, lächelt sie süß an, begrüßt sie und hilft ihr galant aus ihrer Motorradjacke. 

STEFAN. Magst du was trinken? 

HELGA. Nee. 

STEFAN. Tee? 

HELGA. Nee, du! Hallo, Rob! Helga geht auf Stefans Angebote überhaupt nicht ein. Sie mag seine Verliebtheit, genießt es aber auch, ihn abblitzen zu lassen. Stefan ist für so ein Spiel der geeignete Partner. 

Helga interessiert sich nun auch für die funkelnagelneue Filmrolle. Rob zeigt stolz dieses Produkt seiner Arbeit vor. 

ROB. Elf Minuten. . . dreihundertundein Meter. 

Rob meint die Spieldauer des Kurzfilms und die Meterlänge der Rolle. Helga ist beeindruckt.

ANSGAR. Ich mach mal so was wie einen Tee. 

HELGA. Au ja! Für mich bitte auch einen! 

Helga ist schon wieder dabei, Stefan zu quälen, indem sie nun doch Tee trinken will, was sie eine Minute vorher bei Stefan noch abgelehnt hat. Zwischen den beiden besteht ein merkwürdiges Verhältnis. 

Helga begibt sich mit Ansgar ins Haus, gefolgt von Wasti, dem Dackel. 

313 Kellerwohnung Ries

Evelyne hat Frau Ries ein Liedchen vorgesungen. Frau Ries sitzt ihr immer noch am Eßtisch gegenüber und kann sich nicht genug wundern über die junge Frau, die sie als Kind schon gekannt hat. 

FRAURIES. Sie haben fei eine schöne Stimme, Fräulein Evelyne. Erzählen S' mir was. 55Vas haben S' denn vor? 

EVELYNE. Ich möchte mich an der Musikhochschule bewerben. Ich will Gesang studieren. 

Evelyne ist immer noch dabei, sich in der alten Wohnküche umzusehen. Erst nach und nach kann sie alles erfassen. 

EVELYNE. An den Ofen da erinnere ich mich auch irgendwie, und an das Bild. 

Das Bild, das über der Eckbank hängt, ist makaber: Es zeigt aus der Mentalität des wilhelminischen Kolonialismus Menschenköpfe, die die verschiedenen Rassen des ehemaligen Kolonialreichs symbolisieren: den Kuli, den Hottentotten, den Chinamann etc. 

EVELYNE. Frau Ries hatte schon meinen Vater als Baby im Arm gehalten. Sie trug noch alle Gefühle der Vorkriegszeit in sich. Sie war das Gedächtnis der Villa. 

314 Villa Cerphal, Bibliothek, Terrassenzimmer 

Durch eine gläserne Schwingtür vom Terrassenzimmer getrennt, befin-det sich im Erdgeschoß der Villa eine alte Bibliothek. Auch dieser Raum ist mit Holzvertäfelungen und Schrankeinbauten rundum edel ausge-stattet. Es gibt eine gepflegte Schreibecke, einen in die Einbauten integrierten Ledersessel und eine Rokokoliege. Herr Gattinger fühlt sich hier als Hausherr. Er steht lässig-kultiviert vor den Bücherregalen und scheint vergeblich etwas zu suchen. 

Er begibt sich zur Schwingtür, die sich aber nicht ohne weiteres öffnen läft, weil Reinhard und Rob eine Leiter davorgestellt haben, um die Kinoleinwand aufzuhängen. 

Gattinger verschafft sich zwischen den Beinen, der Leiter und allerlei Holzlatten Durchgang ins Terrassenzimmer. Dort entdeckt er Helga, die, auf die Biedermeierliege gekauert, in einem Buch liest. Gattinger bewegt sich auf Helga zu und versucht, ihr über die Schulter zu sehen. 

GATTINGER. Genau das habe ich gesucht: Andre Schwarz-Barth, »Der Letzte der Gerechten«. Das ist mein Buch. Sie sollten auflhören, das zu lesen. 

Er nimmt Helga das Buch einfach aus der Hand. Helga lehnt sich amüsiert zurück. Sie ist gespannt, was der braungebrannte Herr zu erzählen hat. 

Die Freunde auf der Leiter geben ihr Zeichen, vorsichtig zu sein. Sie mißtrauen Herrn Gattinger jetzt noch mehr, seit er sich »Student« genannt hat. GATTINGER. Sonst werden Sie heute abend noch sehr traurig werden. Große Literatur, aber traurig, sehr traurig. Ich habe mit diesem Buch meinen traurigsten Sylturlaub verbracht. Man kann nämlich nicht aufhören zu lesen, wenn man einmal in dieses magisch-jüdische Schicksal eingestiegen ist. 

Gattinger hat vor dem Wort »jüdisch« eine Kunstpause gemacht. Er konnte es nicht natürlich über seine Lippen bringen. 

HERR GATTINGER. Glauben Sie auch, daß die Juden das auserwählte Volk sind?

HELGA. Sie sehen nicht aus, als ob Sie Jude wären. Stefan, der das Gespräch eifersüchtig mit anhört, zieht das Leintuch unter Helgas Hinterteil heraus, stört ein bißchen, läft die beiden dann aber wieder allein.

GATTINGER. Wie sehen Juden denn aus?

HELGA. Sie sehen eher wie ein Germane aus. Waren Sie bei der SS? 

GATTINGER. Blond genug bin ich ja gewesen. Aber Sie? Sie sind aus dem Norden. Lassen Sie mich raten. Oldenburg? 

HELGA. Nee. 

GATTINGER. Celle? 

HELGA. Nee, falsch. 

GATTINGER. Weiter südlich oder weiter nördlich? 

HELGA. Nee, weiter westlich. 

Als Stefan bei den Freunden auf der Leiter ankommt, um eine Dachlatte hochzureichen, beugt Reinhard sich zu ihm herab. Die Anwesenheit Gattingers stört das Gruppengefühl der Jungfilmer empfindlich. Dieser Mann gehört nicht zu ihrer Generation. Das reicht, um ihn loswerden zu wollen. 

REINHARD. Was ist denn das für einer? 

STEFAN. Er gehört zum Haus. Der Herr, der das Finanzielle regelt. 

ROB. Für mich ist das ein Erbschleicher. 

REINHARD. Er hat auf jeden Fall sehr, sehr viel Zeit. 

Die drei Filmemacher haben ihre Leinwand fertig. Ratlos sehen sie, wie Gattinger weiter mit Helga flirtet. Inzwischen hat er erraten, daß Helga aus dem westfälischen Städtchen Dülmen stammt. Gattingers Gelächter füllt den ganzen Raum. 

HERMANN. Stefan, Reinhard und Rob hatten einen Kurzfilm gedreht. Es war ein Film über Kriegsrninen und über die Münchner Oper, die im Krieg völlig ausgebrannt war. Kein Verleih wollte den Film ins Kino bringen, und die Filmbewertungsstelle hatte das Prädikat verweigert. Die Filmemacher veranstalteten ihre Premiere an diesem Abend im »Fuchsbau«. Sie wollten wenigstens bei uns, ihren Freunden, groß herauskommen. 

Ansgar ist mit dem Teekochen fertig. Er hat einen zünftigen Brezenkorb hergerichtet und trägt beides in das Studentenzimmer. 

ANSGAR. Wer will Tee, wer will 'ne Breze? 

Gattinger hat es sich neben Helga auf der Liege gemütlich gemacht. Er liest ihr aus dem »Letzten der Gerechten« vor. 

GATTINGER (zitiert). ». . . waren wie zwei in die weiße Haut der Wangen gesteckte Kirschen. Bisse man leicht hinein, so dachte sie, dann würde jener feine rote Saft, das köstliche Blut der Kirschen austreten . . . « 

ANSGAR. Ach, hören Sie doch auf. Sie lügen. 

Ansgar, der beim Teeausschenken bei Helga ankommt, hat nicht die geringste Scheu, den dreifig Jahre älteren Gattinger zu beleidigen. Stefan windet sich vor Peinlichkeit. 

GATTINGER. Hören Sie mal! Das ist Schwarz-Barth! Das kennen Sie wohl nicht! 

ANSGAR. Helga, hörst du nicht die falschen Töne? Du willst eine Künstlerin sein und merkst nicht, wie dieses Arschloch dich als Mülleimer benutzt! 

Das war starker Tobak! Es entsteht Stille im Raum. Stefan und die Filmemacherfreunde sehen sich beklommen an. 

GATTINGER. Interessant! Sagen Sie mal, sind Sie Schauspieler? 

HELGA. Nee. Uns' Ansgar ist Mediziner, nicht? 

ANSGAR. Sie sind hier fehl am Platz! 

Gattinger gibt Helga das Buch zurück und erhebt sich. 

GATTINGER. Sie können das zu Ende lesen. 

ANSGAR. Sie erinnern mich an meinen Alten in Rosenheim. Der sieht auch so germanisch aus und besabbert einen mit seinen Predigten. 

GATTINGER. Ich muß Sie ennäuschen, ich bin Atheist. 

ANSGAR.So ein Buch sollte einer wie Sie gar nicht anfassen dürfen. An Ihren Fingern klebt Blut.

Nun hat auch Gattinger genug. Er will den Raum verlassen. 

GATTINGER. Komm, Wasti! 

HELGA. Was ist denn los hier? Der Herr hat dir doch überhaupt nicht den geringsten Anlaß gegeben! 

ANSGAR. Dann bin ich jetzt eben mal Rassist! Wenn ich so einen sehe, aus der Generation, so gelackt und schleimig. 

Helga hat Gattinger ermutigt, noch einen Augenblick zu bleiben. Er will sich auch nicht einfach vertreiben lassen. 

Ansgar ist angeekelt. Er wendet Gattinger den Rücken zu, geht zu Helga an die Liege. 

GATTINGER. Langsam, langsam... 

ANSGAR. Wirtschaftswunder in Person! Weißt du, was das Wirtschafts-wunder ist? Das ist die Machtergreifung der Spießer, nur ohne Hitler. 

GATTINGER. Von mir haben Sie keine Ahnung! 

315 Villa Cerphal, Garten

Eine sommerliche Böe fährt durch die Wipfel der hohen Buchen im Villengarten. 

Olga ist angekommen. Sie steht barfuß unter den Bäumen und weint. Ihre hochhackigen Schuhe trägt sie in den Händen. 

Reinhard oben auf der Terrasse erkennt die Schauspielerin. 

RE'NHARD. Olga? Mädel, was ist denn? Können wir dir helfen? 

Olga nähert sich den Holzstufen, die zur Terrasse hinaufführen. Sie schreitet mit nackten Füßen langsam die fünf Stufen empor. Bei jeder Stufe wird sie trauriger. Als sie oben ankommt, muß Reinhard sie auffangen, weil sie ohnmächtig zu werden droht. Reinhard hält sie fest in seinen kräftigen Armen. 

RE~NHARD. Olga, was ist denn, komm, sag doch was! 

Olga lehnt ihren Kopf an Reinhards großen Bärenkörper. Ansgar kommt aus dem Villenzimmer. Er sieht Olga so traurig dastehen, hat sogleich den Verdacht, daß sie seinetwegen weint. 

ANSGAR. Bin ich schuld? 

OLGA. Ich weiß auch nicht, was mir fehlt. Seit Tagen ist mir zum Heulen. Kennt ihr das ? 

Reinhard streichelt die blonden Locken. Er ist warmherzig und fast väterlich zu Olga. 

RE~NHARD. Ja. Das ist, als wären Vater und Mutter, die ganze Ver-wandtschaft, alle auf einmal gestorben. Das geht vorbei. 

OrGA. Das hat schon im Garten angefangen. Eure zwei Silhouetten - wie hinter Glas oder unter Wasser. 

Ansgar dreht sich eine Zigarette. Der Streit mit Herrn Gattinger und jetzt dieser Auftritt seiner Freundin, das überfordert ihn. 

ANSGAR. Ich glaube dir kein Wort! So was kann man sich auch einbil-den, vor allem, wenn man so eine große, hochtalentierte Schauspiele-rin ist wie du. 

RETNHARD. Du bist auch ein Schauspieler, Ansgat. Spielst hier den Zyniker. 

ANSGAR. Ich mache mir nichts vor. 

OLGA. Ist ja schon gut! Macht euch doch keine Gedanken über mich. 

Olga beruhigt sich wieder. Die Freunde haben es nicht zugelassen, daß sie sich der Stimmung des Nachmittags hingibt. Sie setzt sich in den wackligen Korbsessel, stellt sich ihre Schuhe in den Schoß und wartet. 

ANSGAR. Sag mal, was willst du hier überhaupt? Willst du hier Eindruck schinden mit deinem ätherischen Gewinsel? (Imitiert Olga) Bist du eigentlich wegen mir gekommen? Oder willst du hier jetzt einen neuen Freund suchen, oder was ? 

OLGA. Seit wir uns kennen, versuchst du mich nur zu beleidigen. 

ANSGAR. Ach, Olga, seit wir uns kennen, gefällt dir das. 

316 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Helga und Stefan streiten sich. 

STEFAN. Das ist deine Erziehung als Lehrerstochter Wenn einer über vierzig ist, dann geht Madame in die Knie. 

HELGA. Du hättest ruhig mal zuhören können, das hätte nichts gescha-det! Dieser Herr Gattinger hat mehr Bücher gelesen, als du jemals von außen gesehen hast. 

STEFAN. Ja, Bücher, Bücher! Wenn auch sonst nichts läuft: Hauptsache Bücher. 

HELGA. Ja, ja, sicher. 

STEFAN. Lassen wir das. Das haben wir ja nun wirklich hinreichend besprochen, nicht? 

HELGA. Du hast aber auch immer Schiß! 

Als Stefan beleidigt in die Diele hinausgeht, kommt Olga herein, noch immer in merkwürdiger Verfassung. So, wie sie vorher grundlos ge-weint hat, so beginnt sie jetzt, beim Anblick von Ansgars Brezenkorb, der neben Stefans Aufklebezetteln steht, hemmungslos zu lachen. 

HERMANN. Stefan war der besondere Schützling der Hausherrin. Er durfte in der Villa wohnen und war damit Mittelpunktsfigur des Freundeskreises. Er war Jurastudent und auch in einer Villa aufge-wachsen. Wir besuchten ihn meist mitten in der Nacht. In seinem Zimmer diskutierten wir und tranken und rauchten, rezitierten und musizierten, bis der Tag anbrach. 

317 Tor Villa Cerphal

Vor der Villa sind etwa ein Dutzend Gäste angekommen. Die meisten von ihnen junge Leute im Studentenalter, die sich beim Gartentor begrüßen und sich untereinander bekannt machen. Sie scheinen sich nicht sonderlich gut hier auszukennen, denn sie finden die Hausklingel nicht und wissen nicht, wie sie sich bemerkhar machen sollen. 

Man berät sich. Zweifel kommen auf, ob man sich nicht in der Haus-nummer geirrt hat. 

Da erscheint Alex, der den versammelten Gästen sofort das Tor öffnet. Er benimmt sich, als wäre er der Abgesandte der Hausherrin oder zumindest der Sprecher der Filmemacher, von denen diese Einladung ausgeht. 

Während Alex die Gruppe zum Haus führt, hält er mit lauter Stimme einen Vortrag. 

ALEX.SO, Freunde, heute sehen wir das Frühwerk der Spät-Avantgarde mit dem Prädikat »Besonders abgelehnt«. Haha, Memento mori! Das kann jedem mal passieren. Im Dritten Reich gab es das Prädikat »Völkisch wertvoll«. Das war wertvoller als das Prädikat »Besonders wertvoll«. Na ja, jetzt wollen wir mal sehen, was uns erwartet! 

318 Eingang Villa Cerphal

Beim Betreten der Diele entsteht reichlich Konfusion. Alex ruft nach Stefan und übertönt all die anderen Gäste mit seinen aufwendigen Begrüßungssprüchen. 

ALEX. Stefan, mein Oberstift. Kannst du mich bitte vorstellen ? 

STEFAN. Ja, schaun wir mal, wen du da mitgebracht hast! Die Filmvor-führung ist da drin. 

Stefan kennt die meisten Gäste auch noch nicht, so daß er die Leiden-schaft von Alex, alle Leute beim Namen zu kennen, nicht befriedigen kann. Alex hat inzwischen Helga entdeckt. Er stürzt sich auf sie. 

ALEX. Helga! Mein teutonischer Rotfuchs. 

HELGA. Du mit deinen Tiernamen! Was bist denn du für ein Tier, sag mal? 

ALEX. Jedenfalls kein Nagetier. 

Zu allem Uberfluß kommt auch noch Frau Ries mit Evelyne aus der Kellerwohnung herauf. Sie trägt das Bettzeug in den Armen, um Evelyne ein Nachtlager damit zu bereiten. Mitten in der übervölkerten Diele stehen noch Evelynes Koffer, die erst einmal beiseite geschafft werden müssen, weil Reinhard und Rob Stühle vom Obergeschoß herunterbrin-gen, damit alle im Terrassenzimmer sitzen können. 

Stefan glaubt, sich vor dem strafenden Blick der alten Haushälterin entschuldigen zu müssen. 

STEFAN. Frau Ries, das geht alles in Ordnung. Ich habe mit Frau Cerphal gesprochen. 

Frau Ries ist aber an nichts mehr interessiert, als ihre Evelyne unbescha-det durch dieses Gewirr von Aktivitäten zu schleusen. 

FRAU RIES. Ich bringe Sie in die Bibliothek, da finden wir schon ein Platzerl. Wenn S'Ihnen fei fürchten, Fräulein Evelyne, dann kommen S'einfach zu mir. Ich laß meine Tür für Sie offen. 

EVELYNE. Machen Sie sich keine Gedanken, Frau Ries, ich werde mit hundert Studenten fertig. Die beißen nicht. 

FRAU RIES. Ja, beißen tun s'nicht. Aber mit den Manieren beißt's aus. 

Evelyne muß über ihr Wortspiel lachen. Sie hat ihre Koffer in die Bibliothek getragen und ist Frau Ries gefolgt. Endlich kann sie die Tür hinter sich schließen. 

319 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Die Leinwand, die unter Robs Leitung aufgebaut worden ist, sieht ganz professionell aus. Sie verdeckt den Durchgang zur Bibliothek und verwandelt das Terrassenzimmer in ein schönes, kleines Kino. 

Damit ist auch die Bibliothek, in der Evelyne schlafen soll, perfekt von dem Raum abgetrennt, in dem die Kurzfilmpremiere stattfinden soll. 

Für Alex ist dies der Augenblick, allen noch einmal seine Version der Veranstaltung zu verkünden. 

ALEX. Freunde, Buben, Flimmerstifte! Wißt ihr, was ein Flimmerstift ist? Flimmern kommt von Kino, ja, Stifte sind im Badischen die Lehrlinge. Die Wortprägung stammt von mir. »Papas Kino ist tot - es lebe Bubis Kino.« Wir können sagen - wir sind dabei gewesen. Ich habe die Gabe, uns historisch zu sehen - das liegt an meiner Fremdheit. In Baden-Baden war ich Berliner, in München bin ich Russe, in Moskau bin ich Deutscher. Unter uns bin ich der Papst und vertrete Christus in einem Haufen von Heiden . .. 

REINHARD. Nastrowje! 

ALEX. Ihr glaubt mir wohl nicht? 

ALLE. Doooch! 

Alex hat keinerlei Hemmungen, sich derart in Szene zu setzen und sich selbst damit zum Gespött der Freunde zu machen. Er flirtet mit den Frauen, spricht alle an und fühlt sich als Stifter und Mittelpunkt eines großen Freundeskreises, den er permanent neu definiert, mit neuen Namen benennt und zum Kultobjekt macht. 

Reinhard hat begonnen, die grünen Auflkleber zu verteilen. Es werden Stühle aufgestellt, der Projektor wird zur Vorführung fertig gemacht. 

320 Villa Cerphal, Garten

Juan und Clarissa sind draußen im Garten geblieben. Die beiden sitzen auf den Stufen der Terrasse und genießen die hereinbrechende Sommer-nacht. Clarissa läft sich neben Juan rücklings auf die Stufen gleiten, so daß sie Garten und Haus auf dem Kopf stehend sehen kann. So sieht sie auch Hermann, der jetzt mit seinem Fahrrad auf dem Kiesweg angefah-ren kommt, auf dem Kopf. 

Hermann begrüßt die Freunde. Er spielt den Unbekümmerten, als wäre dies ein ganz alltägliches Treffen heute abend. 

CLARISSA. Daß man dich mal wieder sieht! 

HERMANN. Guten Abend, Clarissa. Ich konnte nicht früher kommen. CLARISSA. Wir waren aber verabredet. 

HERMANN. Was, hier? 

CLARISSA. Nein, vor fünf Wochen. Fünf Wochen, vier Tage und zwei-einhalb Stunden. 

JUAN. Wir haben auf dich gewartet. 

CLARISSA. Ja. 

Hermann beugt sich zu Clarissa hinab. Sie genießt immer noch ihre verrenkte Kopflage auf der Treppe. Juan spielt verlegen mit einem Ball. Ein zweiter Ball liegt unter Clarissas Kopf. 

HERMANN. Ihr habt auf mich gewartet! Das soll ich euch glauben! 

JUAN. Das darfst du glauben. 

HERMANN. Und ich habe euch gefehlt! 

CLARISSA. Hermann, du bist immer auf der Flucht! 

HERMANN. Meinst du ? Ich ? 

CLARISSA. Sag mal, er wollte mir doch ein Cellokonzert schreiben, oder? 

JUAN. Das hatte er gesagt!

HERMANN. Das hab ich auch getan.

Clarissa lacht. Sie sieht Hermann von unten an. 

HERMANN. Ja, sag mal, können wir uns für morgen verabreden? 

CLARISSA. Wann? 

HERMANN. Wann? Um fünf am Sendlinger Tor. 

CLARISSA. Um fünf am Sendlinger Tor. Und du kommst da wirklich hin? 

HERMANN. Du weißt doch, daß du dich auf mich verlassen kannst. 

CLARISSA (lacl.,t). Gut, abgemacht. 

Das Gespräch hat zwischen Hermann und Clarissa sofort eine so konzentrierte Spannung, daß Juan sich ausgeschlossen fühlt. Clarissa spürt das und reicht zum Abschluß beiden Männern ihre Hände, damit sie ihr beim Aufstehen helfen. 

Damit wird der Ball unter ihrem Kopf frei, rollt herunter und bleibt im Garten liegen. 

Hermann starrt den Ball an. Er erinnert sich an einen Text von Karl Kraus, den er einmal vertont hat. 

HERMANN. »Ich stehe wie das Glück auf einem Balle - doch werd' ich wacklig, wenn ich lange steh'. « 

Clarissas Gesicht ist ganz nah vor ihm, als er aus seinem kleinen Traum aufwacht. 

CLARISSA. Ich übe gerade für so einen Wettbewerb. Vielleicht könnte ich dein Stück.. . 

Hermann sieht sie an. Er weiß nicht, was er sagen soll. Seine Gedanken suchen einen anderen Anknüpfungspunkt. 

Stefan erscheint, um die drei daran zu erinnern, daß die Vorführung bald beginnt. 

321 Villa Cerphal, Diele301 Friedhof Neuburg an der Donau

Nun taucht auch Elisabeth Cerphal, die Hausherrih, auf. Sie kommt ein wenig gestreßt aus ihren oberen Räumen. Sie trägt ein hellrosa Jacken-kleid und ist ganz aufgeregt über soviel Leben in ihrem Haus. Schon oben auf der Galerie gibt sie ihrer Freude Ausdruck und beeilt sich, zu den Gästen hinunterzugelangen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wunderbar, Stefan! Ich freue mich schon so auf den Abend. Eine Filmpremiere hatten wir noch nie in diesem Haus. 

Sie sagen mir Bescheid, wenn's losgeht? 

STEFAN. Wir wollen jetzt anfangen. 

Die Cerphal ist noch gar nicht bereit, sich auf die Veranstaltung und auf die Gäste einzulassen, weil Herr Gattinger sie in der Diele auflhält. Er flüstert ihr etwas zu, was sie augenblicklich ablenkt. 

322 Villa Cerphal, Bibliothek

Frau Ries versucht, Evelyne aus der Veranstaltung des Abends heraus-zuhalten. Sie hat es sich neben Evelyne, die auf ihrem Koffer sitzt, gemütlich gemacht. Die Bibliotheksdecke ist mit einer blau-goldenen Malerei ausgestaltet, die einen Sternenhimmel mit den Tierkreiszeichen und den Planetenbahnen darstellt. Frau Ries ist versucht, sich sternen-kundig zu zeigen, was ein wenig schiefgeht. 

FRAU RIES. Und Ihr Vater war Wassermann. 

EVELYNE. Nein, der war Waage. 

FRAU RIES. Waage? Und Sie sind - glaube ich - Skorpion. 

EVELYNE. Nein, Löwe. 

FRAU RIES. Löwe? Ah, der setzt sich auch durch. 

Fräulein Cerphal hat Evelyne, von deren Ankunft sie draußen gehört hat, entdeckt. Aufgebracht öffnet sie die Bibliothekstür und beginnt unverzüglich, auf Evelyne einzureden. 

FRÄULEIN CERPHAL. Evelyne, du schneist hier einfach so herein—ohne ein Wort. Du bist in München? Das habe ich ja gar nicht gewußt. Das mußt du doch ankündigen. Ist das dein Gepäck? 

Frau Ries stellt einen der Koffer beiseite und beginnt, Evelynes Bett herzurichten. Sie nimmt gegenüber der Hausherrin sofort alle Verant-wortung für Evelyne auf sich. 

FRAU RIES. Sie dürfen Ihrer Nichte nicht bös sein, Fräulein Cerphal! Ich hab sie doch reingelassen! 

EVELYNE. Tante, ich wollte hier wohnen - bis auf weiteres.

FRÄULEIN CERPHAL. Was?

EVELYNE. Frag mich bitte nicht. Ich konnte nicht anders. 

FRÄULEINCERPHAL. Aber Kindchen, wie stellst du dir das vor? Da oben wohnt mein Gattinger, hier unten die Studenten, und die Bibliothek, die ist dafür nicht geeignet. Das ist eine echte Rokokoliege, beispiels-weise. 

FRAURIES. Ich kümmere mich schon um die Kleine. Lassen S' Eana nicht stören, Fräulein Cerphal! 

Evelyne setzt sich auf die Rokokolie ge. Sie geht nicht auf die Argumente ihrer Tante ein.

EVELYNE. Kann man die Tür da abschließen ? 

FRÄULETNCERPHAL. Bei einer Schwingtür etwas schwierig. Nein, ich bin überfahren worden. Evelyne, du hast keine Kinderstube. 

EVELYNE. Ich bleibe hier.

FRÄULEIN CERPHAL. Darüber reden wir noch. 

Die Cerphal hat jetzt keine Zeit, sich auf einen längeren Disput mit Evelyne einzulassen. Außerdem ist Evelyne zu allem entschlossen und läft sich nicht einschüchtern. Zwischen Evelyne und der Ries besteht zudem bestes Einvernehmen. So beschließt die Cerphal, die Sache erst mal auf sich beruhen zu lassen. Sie verläft die Bibliothek wieder und ruft nach Herrn Gattinger, der offenbar in allen Lebenslagen ihr Ausweg zu sein hat. 
323 Villa Cerphal, Diele

Es kommen verspätet immer noch Gä ste an. Die Cerphal trifft auf Jean-Marie und Volker, die sie nerves begrüßt. Sie versucht es bei Jean-Marie, dem Halbfranzosen, in dessen Sprache. 

FRÄULEIN CERPHAE. Ah, bon soir, mon cher. Vous n avez-pas des cigarettes pour moi? 

JEAN-MARIE. Bon soir, Madame. Non, je m'excuse. 

FRÄULEIN CERPHAL. Oh, domage, domage. Guten Abend. 

VOLKER. Guten Abend, Fräulein cerPhal. 

FRÄULEIN CERPHAE. Ach, ist das schön! Endlich mal wieder ein volles Haus. Wo darf ich mich denn hinsetzen? 

324 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Die Cerphal betritt das Kinozimmer, in dem die Gäste bereits Platz genommen haben. Alle haben auf sie gewartet. Stefan ist nervös. 

STEFAN. Hier, Fräulein Cerphal, den Platz haben wir für Sie freigehal- ten.

FRÄULEIN CERPHAE. Ah, auf den Königsstuhl? 

In der vordersten Reihe hat man den schönsten Sessel für die Hausherrin freigehalten. Sie setzt sich aufwendig und grüßt nach allen Seiten. 

FRÄULEIN CERPHAL. Bitte, bitte, lassen Sie sich nicht stören. Ich bin gar nicht da. Ah, Juan! 

Sie begrüßt ihn besonders herzlich. 

FRÄULEIN CERPHAL. Herr Simon! Wußten Sie, daß sich in diesem Zimmer Brecht und Feuchtwanger kennengelernt haben? I927- ich war sechzehn. Draußen im Garten wurden schon die Blätter gelb. Es war so September, Oktober. Mein Vater hielt ja nichts von diesen Autoren, aber sie kamen trotzdem in unser Haus. Da, auf dem Stuhl von der jungen Dame, da saß Brecht. Und hier, wo jetzt die Liege steht, da saß Feuchtwanger. Können Sie sich das vorstellen? 

Stefan schenkt Rotwein ein. Er hat sich seinen Platz neben Helga gesichert. 

STEFAN. Ja, wer weiß, Fräulein Cerphal, vielleicht wird das heute auch ein historischer Abend. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, das hoffe ich. Was glauben Sie, weswegen ich Ihnen mein Haus zur Verfügung stelle?

STEFAN.SO, jetzt müssen wir aber wirklich anfangen. 

Rob betätigt sich draußen auf der Terrasse als Vorführer. Reinhard, der ihm bei den letzten Handgriffen geholfen hat, kommt ins Zimmer. 

Ansgar teilt sich mit Olga den großen Sessel. Er beugt sich vor. Er ist wieder voller Aggressionen. 

ANSGAR. Und welche großen Nazis haben hier verkehrt? Sitze ich vielleicht auf dem Stuhl von Himmler oder Heß? 

FRÄULEIN CERPHAL. Bitte, machen Sie keine Scherze! 

REINHARD (versucht abzulenken). Ein Likörchen? 

FRÄULEIN CERPHAL. Wir sind froh, daß der Spuk an uns vorbeigegangen ist. 

Herr Gattinger erscheint in der Dielentür. Er hat Fräulein Cerphals Zigarettenspitze und legt sie für sie auf dem Emailleofen ab. 

GATTINGER. Keine Angst, ich bin bald wieder da. 

FRÄULEIN CERPHAL. Danke! 

GATTINGER (entfernt sich in Hut und Mantel). Ciao! 

Die Freunde schweigen. Sie sind froh, daß ihnen Herr Gattinger für den Abend erspart bleibt. Die Cerphal stellt ihren ständigen Begleiter nachträglich noch vor. 

FRÄULEIN CERPHAL. Herr Gattinger. . .

Stefans Nerven sind überreizt. Er sieht, daß ihm die Veranstaltung zu entgleiten droht, weil wieder Bewegung in die Gäste geraten ist und einige ihre Plätze tauschen. Andere kommen gerade erst an. Ungeduld breitet sich aus. 

STEFAN.SO, wir fangen jetzt an.

Also, wie gesagt, das ist die neue Fassung, die von der Filmbewertungsstelle abgelehnt worden ist. Können wir mal einen Moment Ruhe haben, ich möchte noch eine Kleinigkeit dazu sagen: Sie dürfen nicht zuviel erwarten. Wir feiern heute abend eine Art Anti-Premiere, gezwungenermaßen im Anti-Kino. Und so gesehen ist unser Film auch eine Art Anti-Film. 

FRÄULEIN CERPHAL. Na, hoffentlich sind wir nicht das Anti-Publikum und lachen an der falschen Stelle. 

STEFAN. Ich fürchte, Fräulein Cerphal, es gibt da leider überhaupt nichts zu lachen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Die Jugend ist immer ernst. Eine große Wunde. So war ich früher auch. Die Ideale stecken im Hals und schnüren das Lachen ab. 

Alex hatte sich wieder einmal in die Küche verzogen, um dort etwas Eßbares zu erwischen. Kauend steht er nun neben Stefan, der den Lichtschalter betätigen will. 

ALEX. Geht's schon los? 

STEFAN. Ja, bitte, Alex! 

FRÄULEIN CERPHAL. Stefan, fangen wir doch an. 

STEFAN. Ja, Rob! Film ab! 

Stefan gibt Rob, der draußen auf der Terrasse gewartet hat, das Zeichen. Auf der Leinwand erscheint das Bild der im Krieg zerstörten Münchner Oper. Hoch ragen die Grundmauern des Bühnenraums zum Himmel, ein pathetisches Ruinenbild, begleitet von Opernmusik. »Ein Film von Stefan Aufhäuser, Reinhard Dörr, Rob Stürmer« liest man auf der Leinwand. Schwere Gewitterwolken ziehen über dem zerstörten Theatergebäude auf, Mauerreste stürzen von den bröckelnden Wänden. 

Olga, die depressive Schauspielerin, schläft in Ansgars Armen ein, während Ansgar sich aufrichtet, um den Film der Freunde besser sehen zu können. 

325 Villa Cerphal, Bibliothek 

Der Filmton dringt, kaum gedämpft, in die Bibliothek herüber. Durch die Glasscheiben der Schwingtür kann man auch Teile der Filmbilder sehen, die durch die Leinwand hindurchleuchten. 

Frau Ries überlegt, wie Evelyne bei diesem Lärm schlafen können wird. Evelyne macht sich aber keine Sorgen. Sie hat sich in die Leseecke ihres Großvaters verkrochen und mustert die vielen Bücher, die fast alle aus dem Verlagshaus der Familie stammen. 

EVELYNE. »Der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland«, auch Wilhelm Cerphal; Dostojewski, »Die Brüder Karamasow«, »Ludwig van Beethovens Leben, I9OI«. 

FRAU RIES. Ihr Großvater hat auch immer am liebsten in diesem Sessel gesessen und gelesen, wenn ihm das Leben im Haus zu bunt geworden ist. 

EVELYNE. Sind das alles seine Bücher hier? 

FRAURTES. Da ist seit zwanzigJahren nichts Neues dazugekommen. Das meiste ist ja noch vom ganz Alten, Ihrem Urgroßvater. . . 

EVELYNE. War der wirklich ein so harter Mann, wie mein Vater immer gesagt hat? 

FRAU RIES. Ach wissen S', Fräulein Evelyne, ich möcht über meine Herrschaft nix Böses sagen. Die Welt war ja damals auch ganz anders als wie heut. 

Frau Ries hat sich auf Evelynes Bett gesetzt. Die Erinnerungen an die gute alte Zeit überkommen sie. 

FRAU RIES. Stellen S'Eana vor, Sie gehen durch München. Eine altehr-würdige Stadt. Alles hat seinen Sinn und seine alte Ordnung. Es ist, als wollte die Großmutter der Enkelin ein Märchen erzählen. Evelyne beginnt, sich richtig »daheim« zu fühlen. Sie hört der alten Frau lachelnd zu. 
 
326 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Die Bilder des Kurzfilms beschreiben den Zustand einer Kriegsruine, achtzehn Jahre nach den Bombenangriffen: Idyllische Pflanzen wachsen aus den Mauervorsprüngen, unter der ehemaligen Bühne hat sich ein See gebildet, in dem sich der Gewitterhimmel spiegelt. 

KOMMENTARSTIMME. Im folgenden Jahrhundert gelangte das Theater zu Weltruhm. Viele Werke von Wagner und Richard Strauss wurden hier uraufgeführt. . . 

Hermann sitzt in Clarissas Nähe. Die beiden sehen sich an, genießen es, einander nahe zu sein. 

327 Villa Cerphal, Bibliothek

Frau Ries erzählt Evelyne ihr ganzes Leben, ein Leben, das sie seit ihrer Jugend hier als Haushälterin der Familie verbracht hat. Deswegen sind auch die fremden Schicksale ihrer Herrschaftsfamilie ihr eigenes Schick-sal geworden. Frau Ries hat ihr Leben von Anfang an ganz ihrer Herrschaft gewidmet. Daran findet sie nichts problematisch. Sie freut sich, Evelyne jetzt in die große Familiengeschichte einbeziehen zu können. 

FRAU RIES. Man hat mich natürlich Probekochen lassen. Einen Cha-teaubriand hat man verlangt, einen Waldorfsalat und ein Fürst-Pückler-Eis. Das war natürlich an einem Tag, wo keine Gäste kom-men sind. Frau Geheimrat war grad schwanger, mit dem kleinen Arno, Ihrem Vater. Wie die Zeit vergeht, Fräulein Evelyne! Sie sind mir sehr sympathisch. 

Frau Ries erlaubt sich eine kurze, zärtliche Regung und berührt Evely-nes Mädchenwange mit ihrem Handrücken. Dann gibt sie sich einen Ruck und trifft Anstalten, das Bibliothekszimmer gründlich aufzuräu-men. 

FRAU RTES. Unser Fräulein Cerphal wird sich schon beruhigen. Die hat ja viel zuviel zu tun, als daß Sie Ihnen Schwierigkeiten machen könnte. 

Evelyne hält den Augenblick für gekommen, die brennende Frage nach ihrer Herkunft zu stellen. Sie läft Frau Ries nicht ihre Arbeit aufneh-men. 

EVELYNE. Wer war meine Mutter, Frau Ries? Haben Sie meine Mutter gekannt?

FRAU RIES. Hat Ihnen denn Ihr Vater nichts erzählt? 

328 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Der Dokumentarfilm über das Nationaltheater geht seinem dramati-schen Höhepunkt entgegen. In schwindelerregender Höhe schwingt sich eine riesige Feuerleiter über den Giebel des Bühnenhauses. Die Kamera wagt den Blick in die Tiefe. 
329 Villa Cerphal, Bibliothek

Evelyne hat sich erhoben; sie steht jetzt Frau Ries mit ernstem Gesichts-ausdruck gegenüber. 

EVELYNE. Ich will wissen, wer meine Mutter war. Können Sie das verstehen? 

FRAU RIES. Ja, das verstehe ich. Ich wär genauso. Man braucht das, grad, wenn man jung ist. 

Evelyne setzt sich nah vor Frau Ries auf den Schreibtischstuhl. Fordernd blickt sie zu der alten Frau empor. 

EVELYNE. Was wissen Sie?

FRAURIES. Wenig. Es durft ja nicht drüber gesprochen werden. 
330 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Die ausgebrannte Oper ist ein Stück gewaltige Architektur. Im Gegen-satz zu den unzerstörten Gebäuden zeigt sie ihr Inneres, gibt sie ihr architektonisches Bauprinzip preis. 

KOMMENTARSTELLE ZU FILM ... I943 wurde das Opernhaus von Brandbomben getroffen. Das Feuer konnte nicht mehr gelöscht werden. Seitdem liegt die gewaltige Ruine einsam inwitten der wie-deraufgebauten Stadt. .. 

Der Film beeindruckt die Freunde sehr. 
331 Villa Cerphal, Bibliothek

Während wenige Meter entfernt das Kriegsschicksal eines Gebäudes beschrieben wird, versucht Frau Ries, ein Familienschicksal vorzufüh-ren. Sie bemüht sich, Evelynes Mitgefühl für die Geschichte zu wecken. 

FRAU RIES. Ihr Vater hätt den Verlag erben sollen. Wissen Sie das? 

EVELYNE. Nein! 

FRAU RIES. Wie I94I der Rußlandfeldzug ausgebrochen ist, da ist Ihr Vater grad zz geworden. Er war ein romantischer junger Mann. Wenn der gefallen wär, hätt ein jeder gesagt: Mei, der Träumer! So war er, und so war er auch in seiner Liebe zu Lieselotte. Romantisch und unbeirrbar. 

EVELYNE. Lieselotte! Meine Mutter hieß Lieselotte? 

Evelyne findet den Namen ihrer Mutter wunderschön. Sie beginnt von innen heraus zu leuchten, wenn sie den Namen wiederholt. 

FRAU RIES. Ja, Lieselotte, das weiß ich genau, obwohl, persönlich habe ich sie ja nie kennengelernt. 

EVELYNE. Warum waren alle in der Familie so gegen sie? 

FRAU RIES. Sie war ein armes Ding. Das war wahrscheinlich alles. Freilich, wenn man damals schon gewußt hätt, daß ein Jahr später schon alles in Trümmern ist, dann hätt man's vielleicht auch anders gesehen, aber der Verlagserbe mußte doch eine Tochter aus bestem Hause heiraten. So war das damals, Fräulein Evelyne. 

Wenn sie traurig wird, kann Frau Ries nichts anderes tun, als zu arbeiten. Sie räumt nun wieder Evelynes Koffer auf die Seite. 

EVELYNE. Und der Papa hat sich durchgesetzt? 

FRAU RIES. Er hat wieder an die Front müssen. Und jedesmal, wenn er einen Urlaub eingereicht hat, dann hat der Herr Geheimrat seine Beziehungen spielen lassen, so daß man seinem Sohn den Urlaub verweigert hat in Rußland. 

EVELYNE. Sie war seine große Liebe! 

FRAU RIES. Er hätt sie wollen heiraten, wenn er Urlaub gekriegt hätt. 

EVELYNE... Und ich war schon unterwegs! Stimmt's? 

FRAU RIES. Ja. Und wie Sie dann auf der Welt waren, da hat man sich hier im Haus überlegt, ob man Sie adoptieren soll. Oder ein Heim finden, oder ob man die Braut abfinden sollt. Das waren so die Gespräche beim Mittagessen, bis dann das Bombeninferno kam. Im Juli 44, drei Tage lang. Es war die Hölle. Tausende sind in diesen Nächten umgekommen. Es war schrecklich. Man hat immer nur erfahren, wer noch alles umgekommen ist. Uber sechstausend Men-schen. Daß Ihre Mutter auch unter den Toten war, das war schon gar nicht mehr so einmalig, wissen S' . . . 

Nun ist Frau Ries nicht mehr fähig, weiterzusprechen. Von nebenan tönt Christoph Willibald Glucks »Furientanz« herein, eine Musik, die den Aufnahmen von der Oper unterlegt ist. 

EVELYNE (erhebt sich). War er ein großer Nazi, mein Großvater? 

FRAURIES. Nein, das bestimmt nicht. Dazu war er ein viel zu vornehmer Mensch. Der wurde geachtet, sogar von dene Hitlerleut. 

EVELYNE. Die haben Menschen geachtet? 

FRAU RIES. Die haben schon müssen! Die hätten sich doch gar nicht halten können ohne die einflufreichen Familien. Und wir waren ein einflußreiches Haus in München, Fräulein Evelyne! 

Jetzt ist Frau Ries wieder das stolze Gewissen der Familie. Sie steht auf, um Evelyne mit ihren Gedanken in der Bibliothek allein zu lassen. 
332 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Die Filmvorführung ist zu Ende. Applaus ertönt. Alex verschwindet wieder in der Küche. Stefan macht das Licht an. Sofort gehen die Diskussionen los, während die Gäste sich langsam von ihren Stühlen erheben. 

Olga schläft immer noch auf Ansgars Knien. Ansgar rüttelt sie. Als sie wach wird, ist sie geblendet. Sie packt Ansgars Arm und hält sich damit die Augen und die Ohren zu. Sie versucht mit aller Gewalt, in ihrer Innenwelt zu bleiben. 

ANSGAR. Du hast den Film wieder mal verpennt! 

OLGA. Ich habe diese vielen Menschen atmen hören, hast du's gehört? Ich habe den Kopf voller Bilder, wahnsinniger Bilder und Geräusche.

ANSGAR. Du hast schon wieder von dem Zeug eingenommen. Ich hab's schon gesehen, als du gekommen bist. 

OLGA. Ich hätte es heute nicht anders ausgehalten. 

ANSGAR. Paß bloß auf, daß du nicht mal zuviel erwischst! Das ist nämlich saumäßig gefährlich. Ich sage dir das als Mediziner. 

Ansgar ist sehr streng mit Olga. Er sieht ihr fest in die Augen und duldet nicht, daß sie ihm ausweicht. 

OLGA. Du paft auf mich auf, versprichst du mir das? 

ANSGAR. Ich passe überhaupt nicht auf dich auf! 

333 Villa Cerphal, Terrasse


Fräulein Cerphal steht plaudernd mit den jungen Schöpfern des Films auf der Terrasse und genießt die laue Sommernacht. Stefan und Rein-hard schwelgen in ihrem Heimerfolg. 

STEFAN. »Denn uns erzog die Schönheit der Ruinen.« 

Ja, so heißt es in einem Gedicht von Pasternak. Das hat uns der Alex neulich aus dem Russischen übersetzt. 

REINHARD. Das hat uns zwei Bier gekostet.

STEFAN. Ja, aber ich finde, das trifft genau das, was wir fühlen. 

Die Cerphal entdeckt Rob, der auf der Terrasse erschienen ist, um den 

Projektor abzubauen. Sie geht zu dem jungen Kameramann, um auch ihm zu gratulieren. 

FRÄULEIN CERPHAL. Da ist er ja. Dankeschön, das war wunderbar. 

ROB. Ja? 

FRÄULEIN CERPHAL. Das hat mir groPartig gefallen. 

ROB. Ihnen hat's gefallen? 

FRÄULEINCERPHAL. Ja. Unsere alte, große Verlagsvilla in Bogenhausen, die ist ja leider auch zerstört worden. Aber der Garten war auch nicht so schön. Und die Ruine auch nicht. Sagen Sie, was ist das für ein vorsintflutlicher Kasten? 

ROB. Ein alter Wehrmachtsprojektor. 

Die Cerphal kann sich immer nur für wenige Minuten auf ein Thema konzentrieren. Schon geht ihr Blick in die Ferne. 

FRÄULEINCERPHAL. Was haben wir heute für einen schönen Mond! Dieser leuchtet wie zum Greifen nah durch das Laub der Buchen. 
 
334 Villa Cerphal, Terrassenzi


Juan und Clarissa singen zweistimmig ein südamerikanisches Volkslied und klatschen den Rhythmus dazu. 

Die Cerphal schlendert rauchend an den Sängern vorbei und genießt das Lied. Sie geht in das Terrassenzimmer, wo Diskussionen über den Film und über Kunst im allgemeinen im Gange sind.

Herr Gattinger ist von seinem Spaziergang zurückgekehrt und hat sich unter die Gäste gemischt. Nun wird Hermann, den er mit seinen konservativen Meinungen über Kunst provoziert, sein Opfer. 

GATTINGER. Menschen aus reicher Familie, also die Jungen aus reicher Familie, die hätten doch eigentlich, wenn sie im Künstlerischen tätig sind, die Aufgabe und auch die Möglichkeit, sich in ganz anderer Weise um diese Ideen zu kümmern. 

FRÄULEIN CERPHAL (unterbricht ihn). Ich glaube, ich muß mich ein biEchen um Sie kümmern, Herr Simon - oder habe ich euch gestört? 

GATTINGER. Aber Elisabeth, du störst doch nie! 

Hermann will höflich bleiben, vor allem jetzt, da die Hausherrin hinzugekommen ist. 

HERMANN. Nein, es ging nur gerade darum, daß dieser Herr meinte, daß wir Kinder reicher Eltern wären, und ich wollte wissen, wie er auf so was kommt. 

GATTINGER. Wissen Sie, das ist so ein Eindruck. Ich wollte Sie nicht kränken, aber es ist ja auch keine Schande, aus einer guten Familie zu sein - finden Sie nicht? 

HERMANN. Wissen Sie, Ihre Haltung erinnert mich an was. Sie erinnert mich an meine Lehrer! 

Die Cerphal versucht noch einmal zu schlichten. 

GATTINGER. Elisabeth, keine Angst, wir streiten uns nicht! 

Mit dieser Auskunft ist die Cerphal zufrieden. Sie läft Hermann mit Gattinger allein. 

HERMANN. Das erinnert mich an diese selbstgefällige Arroganz, wie sie Apothekerfamilien zum Beispiel gerne haben. Da sehe ich rot, bei so was. Das sind Leute, die glauben, sich alles leisten zu können. Vor allem leisten sie sich ihre Meinung über Kunst, was Kunst ist, und was keine Kunst ist. 

Gattinger hört aufmerksam zu. 

Hermanns eigentliches Interesse aber gilt dem Gesang, der von der Terrasse hereintönt. Die Stimme Clarissas bringt ihn aus dem Konzept. Er löst sich von Gattinger, um nachzusehen. Als er sieht, wie einträchtig Clarissa und Juan zusammen klatschen und singen, packt ihn Eifer-sucht, die er sich jedoch nicht anmerken lassen will. Statt dessen wird er gegenüber Herrn Gattinger immer heftiger. 

HERMANN . .. Das wird in Sekundenschnelle abgeurteilt. 

GATTINGER. Das ist interessant, was Sie sagen. Und weiter? 

HERMANN. Diese Leute brauchen Wohlklang, brauchen Schönheit, Reinheit, nicht wahr? Und das ist Machtausübung- und Angst. Das ist die Angst, in dieser satten Selbstgefälligkeit gestört zu werden. Und unsere Neue Musik, die richtet sich gegen diese alte Gesellschaftsord-nung. So weit geht das für uns. 

GATTINGER. Interessant, wo kann man das nachlesen? 

HERMANN. Nachlesen? So was kann man nicht nachlesen. So was hat man in sich. Oder nicht. 

GATTiNGER. Ach so. 

JUAN UND CEARISSA (singen »Ojos Azules«). »Ojos azules no llores nollores ni te en amores lloraras cuando me vaya cuando remedio ya no haya. « 

Um Juan und Clarissa hat sich mittlerweile eine kleine Gruppe mitklat-schender, mitsingender Freunde gebildet. 

JUAN UND CLARISSA (singen). »En una coba de vino quisiera tomar veneno veneno para matarme veneno para olvidarte. « Juan und Clarissa mimen »das Liebespaar«. Als das Lied zu Ende ist, umarmen sich die beiden. Wann haben sie sich getroffen, um das Lied zusammen einzustudieren? Wie oft und wo haben sich die beiden schon gesehen, ohne daß Hermann etwas davon ahnte ? In seiner Seele wütet die Eifersucht gegen Juan. Aber sein Stolz ist so groß, daß er eine andere Frau anspricht, statt sich zu Clarissa und Juan hinzuzugesellen und zuzugeben, wie es um ihn steht. 

Hermann sieht, daß Helga etwas in ihr Tagebuch schreibt. 

HERMANN. Na, was schreibst du da? 

HELGA. Worte. Worte, die mir einfallen.

HERMANN. Worte, die dir einfallen? Woher fallen sie dir ein? 

HELGA. Weiß ich nicht. Ich höre zu.

HERMANN. Einfach zuhören? 

Hermann setzt sich zu Helga auf die Liege. Sie läft ihn in ihr Notizbuch sehen. 

HELGA. Paß mal auf! Ist dir auch schon mal aufgefallen, du sitzt irgendwo und hörst zu. Plötzlich hörst du irgendwo ein bestimmtes Wort. Das Wort »Katze« zum Beispiel. Und kurz darauf hörst du genau dasselbe Wort in völlig anderem Zusammenhang. Merkwürdig, nicht?

HERMANN. Und so was schreibst du auf? 

Hermann will das Experiment mitmachen. Er wirft das Wort »Katze« in den Raum und rückt näher zu Helga, um mit ihr zu horchen, ob und wann das Wort in den Gesprächen der Gäste wiederkehrt. 

Im allgemeinen Lärmpegel ist jedes Wort, auf das man achtet, irgendwann einmal zu vernehmen. Einige der Gäste verabschieden sich, andere begeben sich zu Stefan, um seinen Film zu loben. 

Plötzlich sagt eine junge Frau: »Magst du Katzenzungen?« Hermann und Helga stecken die Köpfe zusammen. Sie lachen. 

HERMANN. Ich glaube, dort hat wirklich eben jemand gerade »Katze« gesagt.

HELGA. Die Leute merken das nicht. Aber das Wort springt. Da springt eine Wort-Katze durchs Zimmer.

HERMANN. Das ist ja wie Musik! 

Stefan, Rob und Reinhard scheinen Probleme zu haben. Möglicherweise ist auch Stefan wieder eifersüchtig wegen Helga und ihres Tete-atete mit Hermann. Fräulein Cerphal muntert ihren miGgelaunten Untermieter auf. 

FRÄULETN CERPHAL. Was sind denn hier für lange Gesichter? Katzer`jammer? Der Film war doch grofartig. 

Helga schreibt mit, was sie an Wortelementen aus dem Raum auffängt. Hermann beteiligt sich sogleich an dem Experimentalgedicht, das auf diese Weise entsteht. 

HERMANN. Katze. Menschen, die »Katzen« sagen. Katzen. .. 

HELGA. Katzenworte. . .

HERMANN. Katzenjammer! 

Juan und Clarissa kommen von draußen herein. Clarissas Blick sucht Hermann. Er genießt es aber, nicht allein zu sein. Das gibt ihm das Gefühl der Uberlegenheit. Schon wieder sein Stolz! Fräulein Cerphal macht sich an Juan heran, den sie ganz offensichtlich ins Herz geschlossen hat. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ach, Juan, war das schöne Lied spanisch oder südamerikanisch ? 

JUAN. Es war ein südamerikanisches Lied. Auf spanisch gesungen. 

FRÄULETN CERPHAL. Und worum geht es da? 

JUAN. Wie immer um die Liebe. 

FRÄULEIN CERPHAL. Katze sucht Kater. 

JUAN. Nein, Frau verletzt Mann. 

FRÄULEIN CERPHAL . . . verläft Mann! 

Auch Clarissa hat ihren Stolz. Sie läft Juan und Hermann stehen und schließt sich Volker an.

Hermann und Helga versuchen es jetzt mit anderen Worten. 

HELGA. Schatten!

JUAN. Schatten. Katzenschatten. 

Stefan beobachtet Helgas Flirt mit Hermann und findet ihn schlichtweg »zum Kotzen«. 

Hermann widmet sich jetzt vollends Helga und ihren Textexperimenten. Er setzt sich an den Flügel und beginnt, Helgas Texte zu vertonen. 

Juan bleibt einsam im Garten zurück. 
 
336 Villa Cerphal, Bibliothek

Olga hat sich mit Ansgar in der dunklen Bibliothek verabredet. Dieser stille Raum dient den Freunden gelegentlich als »Liebeszimmer«. 

Es wird kein Licht gemacht. Nur das Mondlicht, von dem Geäst der Laubbäume in Tausende hin und her tanzende Lichtflecken zerlegt, dringt durch die Fenster herein. 

Als Ansgar die Tür hinter sich schließt, ist er erst einmal ohne Orientierung. 

ANSGAR. Olga, wo bist du denn? Ich höre dich atmen. OLGA. Das bin ich nicht. Leise, da schläft jemand. 

ANSGAR. Komm her, faß da mal an. Spürst du, wie hart der ist? OLGA. Ich will weg. Ich habe Angst hier drin. 

ANSGAR. Das gefällt mir, wenn du Angst hast. Du hast mal wieder den ganzen Abend nicht begriffen, worum es geht. Stimmt's? 

OLGA. Ich war so müde.

ANSGAR. Aber jetzt wirst du wach.

OLGA. Komm, Ansgar, ich habe wirklich Angst. 

In diesem Moment richtet sich Evelyne, die während des Gerangels von Ansgar und Olga aufgewacht ist, in ihrem Bett auf. Olga flieht erschreckt aus der Bibliothek. 

Für eine Sekunde fällt der Lichtschein von der offenen Tür auf Evelyne. 

EVELYNE. Also, vor mir braucht ihr keine Angst zu haben. Wer seid ihr? 

ANSGAR. Oh! Ist das eine Stimme! 

Ansgar geht mit tastenden Schritten auf die tiefe Stimme zu. Dicht neben dem Bett stolpert er und fällt fast über Evelynes Beine. Er ertastet den fremden Körper, der sich aufrichtet. Er kann Evelyne nicht erkennen. 

ANSGAR. Sie sind die besagte Nichte. Stimmt's?

EVELYNE. Machen Sie bitte Licht.

ANSGAR. Nein, sonst sagen Sie, ich soll wieder gehen, weil ich klein und häßlich bin.

EVELYNE. Häßlich bin ich selbst.

ANSGAR. Ist das nicht eine Chance? Ich sage Ihnen, wie ich aussehe, und Sie sagen mir, wie Sie aussehen.

Ansgar setzt sich am Fußende der Rokokoliege auf den Fußboden. Seine Augen suchen nach Orientierung an den Fenstern und den mondbeschienenen Bäumen draußen vor der Villa. 

ANSGAR. Sie haben eine wahnsinnige Stimme! 

EVELYNE. Das ist wie am Telefon. Ich höre Sie und stelle Sie mir vor. 

ANSGAR. Keine Bilder. Bitte, keine Bilder! Sonst werden Sie enttäuscht sein. Ich will Sie nur hören. 

Ansgar liegt nun auf dem Boden. Sein Gesicht verbirgt sich unter den Zierleisten der alten Liege. Evelyne beugt sich nach vorn. Sie möchte Ansgar erkennen. 

EVELYNE. Ich habe gerade was geträumt. 

ANSGAR. Was denn? 

EVELYNE. Ich war ein Kind unter einem Waschbecken, das auf mich herunterbrechen wollte. Da war Sägemehl, ganz viel Sägemehl, das war aus meiner Lieblingspuppe ausgelaufen. Soviel Sägemehl konnte überhaupt nicht in der Puppe gewesen sein. Und da waren viele Menschen, die mich gesucht haben. Aber ich habe mich nicht gemeldet. Was kann das bedeuten? 

ANSGAR. Das war vielleicht der Lärm von nebenan. Wo kommen Sie eigentlich her? 

EVELYNE. Wenn ich das wüßte! Meine Familie ist mir ein Rätsel. Und Sie? 

ANSGAR. Meine Familie? Ich bin dabei, sie zu vergessen. 

EVELYNE. Lieben Sie die Frau, mit der Sie gerade hereingekommen sind? Ansgar gibt sich einen Ruck. Er verschwindet fast unter Evelynes Bett. Er will sich vor ihr verbergen. 

ANSGAR. Nein. Ich hasse sie. Ich fasse sie an, ich mache mich über ihren Körper her, aber ich hasse sie. 

EVELYNE. Sie haben eine schöne Stimme. Ich glaube Ihnen alles, was Sie sagen. 

ANSGAR. Ich lüge auch. 

Evelyne lehnt sich zurück. Sie wird jetzt erst ganz wach. Sie erinnert sich an den Zweck ihrer Reise. 

EVELYNE. Mit Lügen kenne ich mich aus. Erzählen Sie mir alles, ich möchte Ihnen zuhören. 

ANSGAR. Die Wahrheit? Nichts als die Wahrheit? 

EVELYNE. Ja. 

ANSGAR. Ich möchte mich zu Ihnen legen. 

EVELYNE. Tun Sie's doch. 

ANSGAR. Dann werde ich aber schweigen. 

EVELYNE. Einfach so?

ANSGAR. Ich mache Ihnen nichts vor. Ich habe auf einmal das Gefühl, daß wir hundert Jahre Zeit haben. 

EVELYNE. Das ist schön. Ich bin auf der Suche nach etwas. 

ANSGAR. Nach was? 

ANSGAR (richtet sich auf, ist plötzlich ganz nah bei Evelyne). Nach was? 

337 Villa Cerphal, Garten

Aus dem Premierenabend ist ein melancholisches kleines Sommernachtsfest geworden. Uberall im Garten haben sich Gesprächsgrüppchen gebildet oder Pärchen, die sich in die kuscheligen Mondschatten verziehen, um ineinanderzukriechen. 

Fräulein Cerphal, ein wenig angetrunken, wankt im Garten umher. Sie leuchtet mit einem trüben Kerzenleuchter die Wege ab, die sie gegangen ist. In der Nähe eines Pärchens, das sich küßt, wird sie fündig. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, Gott sei Dank, da ist er ja, mein Ohrring. Pardon! 

Olga liegt schlafend auf den Terrassenstufen, die sie zuvor so geängstigt haben. 

Fräulein Cerphal beugt sich besorgt mit ihrem Kerzenlicht zu ihr hinab. Reinhard, der ziemlich betrunken ist, will der Cerphal einen seiner grünen Aufkleber überreichen. 

REINHARD. Papas Kino ist tot. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wer ist tot? Die Cerphal kriegt die Dinge nicht mehr in die Reihe. Meint Reinhard die regungslos daliegende Olga? Sie tätschelt Olgas Reihe. Meint Reinhard die regungslos daliegende Olga? Sie tätschelt Olgas Wange. 

FRÄULEIN CERPHAL. Fehlt Ihnen was, Kindchen? 

Zum Glück bewegt Olga sich, wacht unter den Händen der Cerphal auf. Reinhard will die Sache mit den Aufklebezetteln klarstellen. 

REINHARD. Verteilen... Schneeballsystem. .. 

Die Wege vom Innern der Villa zur Terrasse und umgekehrt sind seltsam geworden. Eine Freundin von Rob klettert durch eines der Fenster. Sie tritt dabei mit ihrem hohen Absatz in Robs Jackentasche. 

ROB. Lissy! Oh, Lissy, dein Schuh! Auf einem Balkon oberhalb des Fensters steht Dietrich, der Sänger aus 

Volkers Eich-Konzert. Mit seiner schönen Baritonstimme improvisiert er kleine Kantilenen. 

DIETRICH. Lissy, Lissy, gibt auf dein Schühlein acht. Seht, Renate glückt ein Balanceakt. 

Tatsächlich ist auch Renate auf dem Fest aufgetaucht. Sie versucht, auf dem Terrassengeländer zu balancieren. Eine ihrer Freundinnen bewahrt sie vor dem Absturz. 

Die Cerphal geistert immer noch mit ihrem Licht durch die Nacht. Sie bemüht sich, so gut ihr das noch gelingt, Ordnung in das Fest zu bekommen. 

FRÄUEEIN CERPHAL Kindchen, mach doch keinen Unsinn. Juan, Juan! 

Juan hat sich ganz in sich zurückgezogen. Wie ein Geist bewegt sich seine Silhouette unter den Bäumen. Er macht Tai-Chi-Ubungen. Die Cerphal überlegt, ob sie ihn stören soll. Clarissa und Volker diskutieren über die Nöte der Neuen Musik. 

DIETRICH (singt). Ole! Ole! Papas Kino ist tot. 

Fräulein Cerphal ist die gute Fee des Abends. Soll sie ihr Kerzenlämpchen ins Haus tragen? Sie zögert. 

338 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Aus dem Terrassenzimmer tönt Klaviermusik. Hermann hat Helgas Texte vertont und versucht nun, das gerade entstandene Werk den »Fuchsbau «-Gästen vorzutragen. 

Das Zimmer ist allerdings von lärmenden Gesprächsfetzen erfüllt. 

Nur Alex hört intensiv zu. Er sitzt auf Stefans Bett und wiegt seinen Kopf konträr zu den Rhythmen, die Hermann spielt. 

ALEX. Seid doch mal ruhig, Buben!

Aber Alex kann sich nicht durchsetzen. Die Cerphal, die sich nun auch für Hermanns Komposition interessiert, gibt ebenfalls Zeichen zur Ruhe.

Helga, die zum ersten Mal erlebt, daß einer ihrer Texte vertont wird, schwärmt. 

HELGA. Das ist gut. Das ist die einzige Form, heute Gedichte vorzutra- gen. Das klingt!

Als Hermann die Cerphal vor sich stehen sieht, hält er inne. Jetzt endlich wird es ruhig im Zimmer.

FRÄULEIN CERPHAL Laßt euch nicht stören. Ich bin gar nicht da. 

Hermann, der jetzt spürt, daß alle ihn ansehen, beginnt von vorn. Nach einem kurzen Vorspiel auf dem Klavier singt er Helgas Wörtersammlung. 

HERMANN (singt). Ein Katzenhaus, ein Worthaus, ein Hauswort, eine Hauskatze, ein Wort, ein Haus, eine Katze, ein Schatten, eine Sage. 

Da öffnet sich ganz vorsichtig die Schwingtür der Bibliothek. Direkt neben dem Flügel erscheint, in ein hellrosa Nachthemd gehüllt, Evelyne. Sie hat Hermanns Melodie schon im Ohr. Mitsingend bleibt sie neben ihm am Flügel stehen. 

HERMANN. Mensch, Sie können ja richtig singen! 

Evelyne lacht. Hinter ihr kommt nun auch Ansgar durch die Schwingtür. So begegnen sich die beiden zum ersten Mal bei Licht. Sie sehen sich in die Augen und verlieben sich ineinander. 

ANSGAR. Das ist Evelyne. 

EVELYNE. Guten Abend! Guten Abend! 

HELGA. Guten Abend. 

HERMANN. Guten Abend. 

ALEX. Guten Abend. 

Die Begrüßung Evelynes ist wie ein Einbruch in den Ablauf des Abends. Eine Wende für alle. Evelyne sieht in die Runde. 

EVELYNE. Darf ich zuhören?

HERMANN. Es lohnt sich kaum.

HELGA. Probieren Sie doch mal mitzusingen! Hier ist der Text. 

Auch Ansgar ist gespannt, was nun kommen mag. Hermann beginnt das Klaviervorspiel mit ganz neuem Tempo. Evelyne versucht, die Noten und Helgas Text gleichzeitig zu lesen. 

EVELYNE (singt). 

»Einer, der Katze sagt, zwei, die Katze sagen, eine, die drei Katzen sagt, einer, der Katze und Schatten sagt, eine, die Katzenschatten sagt, zwei, die Wort sagen, Worte, die Schatten sagen, einer, der Kotzen sagt, zwei Worte, die Katzen sagen, Schatten, die Worte kotzen, Katzen, die Schatten sagen, Schatten, die Katzenworte sagen, Wortkatzen, die Sagen sagen, Worte sind Katzensagen, Ein Katzenhaus Ein Worthaus, Ein Hauswort, Eine Wortkatze, Eine Hauskatze, Ein Wort, Eine Katze, Ein Haus, Ein Schatten, Eine Sage. Ein Blinder, der zwei Taube Tasten lehrt. Das Hirn hat sieben Sinne. Innen dunkel, Fehlen vier.« er.« 

Evelynes schöne, volltönende Stimme hat alle Gäste herangelockt. Auch Clarissa ist erschienen und erlebt, wie Hermann in den Mittelpunkt der Ereignisse gerät. Helga hat sich inzwischen einen festen Platz an Hermanns Seite erkämpft. 

Aus der Endstrophe hat Hermann einen Kanon gemacht, den die versammelten Freunde mitsingen. Unter der spontanen Führung von Dietrich, dem Bariton, gelingt das Ende so gut, daß es wilden Applaus gibt. 

Vor allem Evelyne wird gefeiert, weil sie so schön gesungen hat mit ihrer tiefen Heldinnenstimme. 

FRÄULEIN CERPHAL. Evelyne, du bist eine Künstlerin. Du kannst ja singen! 

EVELYNE. Danke. 

FRÄULEIN CERPHAL. Herr Simon, da ist uns ja ein richtiger Stern vom Himmel gefallen. Du brauchst die besten Lehrer. Aber willst du dir nicht was anziehen, Kindchen? Jetzt erst merkt Evelyne, daß sie im Nachthemd dasteht. Auch für sie hat sich alles geändert: Die Tante hat ihren Widerstand gegen sie aufgegeben, und sie ist von einer ganzen Runde zukünftiger Freunde umgeben. Helga ist in Schöpferlaune. Sie möchte vor der versammelten Runde noch mehr Musik und Texte vortragen. Sie hofft, daß Evelyne weitere Lieder von Hermann und ihr singen wird. 

HELGA. Spiel doch mal die Regenlieder!

HERMANN. Regenlieder? 

Hermann spielt ein paar Takte. Alle hören ihm gespannt zu. Aber dann unterbricht er sich. 

HERMANN. Die Regenlieder sind eigentlich für Gitarre! Fräulein Cerphal, haben Sie vielleicht eine Gitarre im Haus? 

FRÄULEIN CERPHAL. Eine Gitarre. .. eine Gitarre? Aufgeregt läuft sie in die Diele und ruft nach Herrn Gattinger. 

FRÄULEIN CERPHAL. Gerold! Gerold, haben wir eine Gitarre? Endiich ist das Künstlerleben in ihrem Haus so, wie es sich die Cerphal immer gewünscht hat. Sie möchte diese jungen Leute am liebsten alle festhalten und sie nie mehr wieder weggehen lassen. 

Sie klammert sich an Ansgars Arm. Der aber löst sich von ihr. Evelyne sieht ihren neuen Freund strahlend an. an. 

339 Villa Cerphal, Garten

Auf der Mondseite des Gartens steht ein weißer Schaukelstuhl, Ansgars Lieblingsplatz. 

Er findet Olga in seinem Stuhl. Olga weint. Ansgar bleibt vor ihr stehen. OLGA. Ansgar, du bist frei. 

ANSGAR. Was sagst du da? Du bist wohl wahnsinnig geworden! Natürlich bin ich frei! Willst du mir hier jetzt großzügig meine Freiheit schenken? Oder was? Bist wohl nicht ganz bei Trost! ? 

OLGA. Ich bin nur ein Schatten, ich existiere nicht mehr. 

ANSGAR. Ach komm, Schauspielschülerin! Mach keinen Terror! Du willst regelmäßig aufs Kreuz gelegt werden. Das ist alles! 

OLGA. Warum beleidigst du mich?

ANSGAR. Lügnerin! 

OLGA. Ich liebe dich. 

ANSGAR. Du lügst! 

Im Hintergrund ertönen Gitarrenklänge. Hermann spielt sein Regenlied. 

Ansgars Gedanken kehren zu Evelyne zurück. Olga erhebt sich. Sie sieht, daß ihre Geschichte mit Ansgar so nicht weitergehen kann, weil er sie mit seinem Zynismus zerstört. 

Olga nähert sich der Terrasse, wo Alex sie mit seiner merkwürdigen Tiernamen-Manie anspricht. 

ALEX. Das war heute wirklich eine äußerst luminöse Veranstaltung. 

Wißt ihr, was »luminös« bedeutet? Das kommt von den Lummen. Nicht wahr, Olga, mein brasilianisches Krallenäffchen? 

Olga lebt in ihrer eigenen Welt. Die Tränen, die ihr über ihr Gesicht laufen, benetzen die Fensterscheibe, durch die sie in das Villenzimmer schaut. Hermanns Regenlied, das Evelyne mit kunstvoller Stimme vorträgt, ereignet sich hinter Olgas Tränenvorhang. 

EVELYNE. »Stirn und Augen tropfen wie von Blut. Schlaf ist singende Narkose: Regen rinnt seit Tagen durch die Rose, Löscht am Dornengrunde Kuß und Glut. « 

Clarissa weiß nicht, daß Hermann dieses Lied einmal für sie geschrieben hat. Er versucht ihr das mit einem sehnsüchtigen Blick mitzuteilen. Clarissa ist aber nur traurig über den Verlauf des Abends. Sie geht leise nach draußen mit dem Gefühl, Hermann verloren zu haben. 

EVELYNE. »Dünnes Rinnsal wie aus Wunden spinnt sich lang zu müden Schnüren, Wasserfäden, die zur Wurzel führen, sind das Garn im Netz der Stunden. « Die Cerphal spielt eine Partie Schach mit Juan. Sie hat die gleiche Zeit, die Hermann für das Regenlied gebraucht hat, benötigt, um Juan zu besiegen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Matt. 

JUAN. Unglaublich...! 

340 Villa Cerphal, Garten

Ansgar hat seinen Schaukelstuhl nun wieder ganz für sich allein. Er schaukelt mit so großen Bewegungen, daß der Stuhl mit ihm nach hinten umkippt. So bleibt Ansgar, mit dem Kopf nach unten, liegen. Er spricht ein Gedicht, das er über diesen Schaukelstuhl geschrieben hat. 

ANS GAR. Mein Schaukelstuhl fällt hintenüber, den Himmel reißt es mit und Dächer, Dächer rot und Trunkenheit und sauren Wein Die Füße über mir und kleine Fliegen, ein Tanz mit Schwalbenzügen über Meer. Der Stuhl im Fall nimmt Birkenäste mit und Blau und Sehnsucht, Wie durch ein Wunder hat Ansgar ein Rotweinglas auf seiner hochgestreckten Schuhsohle stehen. Er lacht. Er zitiert weiter. Hände, Liebe, Tod und Spiegel Spiegelblick, Oh Fall, oh Fallen, nein, oh ende, ende, ende nicht! jetzt ich und wieder, wieder ich! 

Der Sänger Dietrich hat sich ans Klavier gesetzt. Er spielt die Ballade Opus z3 g-Moll von Chopin. 

Das Chopin-Stück gibt den Bewegungen der Personen einen ganz neuen Inhalt. Alles wird noch unwirklicher. 

Die Cerphal hat sich neben Stefan gesetzt, ihren Untermieter, dem sie dieses ganze Künstlerleben zu verdanken hat. Aber er ist dem Hin und Her der Gefühle an diesem Abend nicht gewachsen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Nicht traurig sein, Stefan, in solcher Nacht wie dieser! Für eine junge Liebe muß man kämpfen. 

Hinten im Garten hat Helga sich mit Hermann getroffen. Sie steht nah vor ihm und sieht ihm in die Augen. 

HELGA. Versprichst mir was, Hermann? 

HERMANN. Was ? 

HELGA. Nein. Schon gut.

HERMANN. Gut, ich verspreche es dir. 

Helga wirft das Leberwurstbrot, das sie in der Hand hält, über ihre Schulter, weit in den dunklen Garten hinein. Dann schlingt sie ihre Arme um Hermann und küBt ihn leidenschaftlich. 

Das Leberwurstbrot ist direkt neben Ansgar gelandet, der immer noch mit dem Kopf nach unten im umgekippten Schaukelstuhl hängt. 

Oben auf der Terrasse bewegt sich Juan leise an den Menschen vorbei. Clarissa beobachtet Hermann und Helga. Sie wendet den Blick ab von diesem Bild, das ihr weh tut. Langsam geht sie fort. 

Die Cerphal ist ratlos, wie sie alles in Ordnung bringen soll. Sie hältJuan auf, der Clarissa nachlaufen will. 

FRÄULEIN CERPHAL. Es ist schön heute, nicht? Juan, wohin des Wegs? 

JUAN. Auf der Suche nach. . . 

FRÄULEIN CERPHAL. Nach dem Stein der Weisen? 

JUAN. Nein, nach dem Schlüssel des Glücks. 

FRÄULETN CERPHAL. Oh, bleiben Sie, und setzen Sie sich hierher! Und erzählen Sie ihm, daß man um seine Liebe kämpfen muß. 

Sie will Juan neben Stefan setzen. Juan aber geht weiter, bleibt dann am Terrassenende stehen und blickt zu Hermann hinüber. 

JUAN. Aber das weiß er, oder? 

FRÄULETN CERPHAL. Ja, aber er glaubt es doch nicht. 

Die Cerphal geht unsicher über die Stufen zur Wiese hinab. 

Sie kommt bei Hermann und Helga an. Sie packt Hermann an den Schultern, um ihn von Helga zu trennen. 

FRÄULETN CERPHAL. Huppsala! Pardon, Herr Simon, man muß kämpfen um sein Glück, in solcher Nacht wie dieser. 

Nun wendet sie sich an Helga. Sie nimmt ihre Hand und läßt sie nicht mehr los, schleppt sie so durch den Garten wie eine Puppe. 

FRÄULETN CERPHAL. Sag mal, Kindchen, hast du mal ne... Gerold?! Haben wir noch Zigaretten? 

Hermann irrt auch durch den Garten. Er hat gemerkt, was er in dieser Sommernacht getan hat, in der alle Gefühle sich verwirrt haben. Er sieht, daß Clarissa verschwunden ist. Er beginnt sie zu suchen. Er rennt davon. 

Evelyne ist bei Ansgars Schaukelstuhl angekommen. Sie sieht das Rotweinglas, das immer noch auf seiner Schuhsohle steht, und lacht. Sie befreit Ansgars Fuß. Ansgar kippt mit dem Stuhl nach vorne und ist bei ihr angekommen. Er sieht die Frau an, die er von nun an lieben wird. 

341 Haus Clarissa

Hermann ist Clarissa gefolgt, aber er hat sie nicht einholen können. Jetzt sitzt er auf einer Trottoirkante. 

Auf seinen Knien schreibt er- in aller Eile - einen Brief an sie. 

HERMANN. Liebe Clarissa, es muß endlich Schluß sein mit dem endlosen Zögern, Verstecken, Weglaufen. Du sollst es wissen! Auch wenn ich Dich dann für immer verlieren sollte. Ich liebe Dich, Clarissa. Seit ich zum ersten Mal in deine rätselhaften, abgründigen Augen geblickt habe, liebe ich Dich. Ein Lächeln? Aber es gilt nicht mir. Plötzlich ein Blick, und ich bin verwundet. Ich fühle mich mondweit krn von Dir, leer und tot. Clarissa, ich suche Dich und laufe doch ständig davon. Ich glaube, ich bin nicht mehr bei Sinnen. 

Hermann sieht die Zeitungsfrau, die die nächtliche Straße heraufkommt und das Eingangstor gegenüber aufsperrt. Hermann wartet, bis sie wieder herauskommt und nutzt die Gelegenheit, hinter ihr in das Haus zu schlüpfen. 

342 Haus Clarissa, Treppenhaus

Mit seinem Liebesbrief, den er unterwegs zusammenfaltet, erreicht Hermann den ersten Stock. Hier liest er ihren schönen Namen: Clarissa Lichtblau, 3 x läuten. 

Hermann horcht an der Tür. Es brennt kein Licht; er wagt nicht, zu läuten. Er hält den Brief in der Hand, weil es keinen Briefschlitz gibt. Was soll er tun? Den Brief einfach an die Tür heften? 

Ungeschickt läßt er den Brief fallen. Da geht das automatische Treppenhauslicht aus. Hermann verwechselt im Dunkeln den Klingelknopf mit dem Lichtschalter. Er klingelt.

HERMANN. Verdammter Mist! Jetzt geht das Licht von selbst wieder an. Hermann hebt seinen Brief auf und sieht sich um. 

Von unten kommt ihm Clarissa entgegen. Hermann, immer noch seinen Brief in der Hand, stolpert, verliert den Brief noch einmal. Er segelt direkt vor Clarissas Füße. 

Hermann und Clarissa stehen voreinander. Ein unendlicher Blick, bis das Treppenhauslicht wieder ausgeht. 

Die beiden stürzen sich wortlos in die Arme. Heftige Küsse, Berührungen. Sie kriechen zueinander in ihre Mäntel. Dabei bemühen sie sich, leise zu bleiben. Ihre Bewegungen werden heftiger, aber auch ungeschickter. Hermann versucht, ihr den Slip auszuziehen. Er verhakt sich an den Strumpfhändern. Sie hilft ihm, streift das schwarze Seidenhöschen über die Schuhe. 

Nun der Versuch, den Gürtel zu öffnen. Sie hilft ihm nicht dabei, läßt ihn statt dessen leidenschaftlicher werden. 

Plötzlich geht das Treppenhauslicht wieder an. Die beiden stehen im grellen Licht, mit erhitzten, erschrockenen Gesichtern. 

Oben, im vierten Stock, kommt ein Mann aus seiner Wohnung. Er sperrt zu und geht die Stufen herunter. Er ist zu dieser frühen Stunde schon auf dem Weg zur Arbeit. 

Hermann hat sich von Clarissa gelöst. 

CLARISSA. Ich muß weg. 

Clarissa, die Angst vor einem Skandal im Haus der Wirtin hat, flieht die Stufen empor. Aufgeregt verschwindet sie in der Wohnung. 

Hermann läuft ihr nach, will ihr wenigstens den Brief noch geben, kann aber die Tür nicht mehr erreichen, ehe der Hausbewohner bei ihm ankommt. Hermann kann verlegen gerade noch Clarissas Slip in die Tasche stecken. Der Mieter grüßt. Hermann grüßt zurück. Er sieht sehr unsicher aus. Der Hausbewohner schöpft plötzlich Verdacht und bleibt stehen. 

MIETER. Was machen Sie da? Wohnen Sie da? 

HERMANN. Nein, nicht direkt. 

MIETER. Ja, dann kommen S' mit. Kommen S'. 

Es nützt nichts, daß Clarissa nun wieder auf dem Treppenabsatz erscheint, um Hermann in die Wohnung zu schleusen. Der Mieter hat Hermann fest im Griff, lotst ihn zum Ausgang und wartet dort, bis das Tor sich hinter ihm geschlossen hat. 

 
343 Vor Haus Clarissa

Auch draußen auf dem Trottoir behält der Mann Hermann unter Kontrolle, geht nicht weiter, bis Hermann es aufgibt und davonläuft. 

So endet dieser Liebesversuch. 
344 Zimmer Clarissa

Clarissa hat sich an ihren kleinen Schreibtisch gesetzt und schreibt nun ebenfalls einen Brief. 

CLARISSA. Lieber Hermann, der Teufel hole Deine Eifersucht und meinen falschen Stolz! Warum spürst Du nicht, daß ich Dich meine und nur Dich mit allen meinen . . . nein, was schreibe ich da . . . schon wieder winde ich mich und beschreibe meine Angst. Ach, ich will es herausschreien, und wenn ich mich Dir damit tödlich ausliefere. Du sollst es jetzt erfahren. Ich schreibe schnell, damit ich den Brief gleich absenden kann. Ich renne gleich los, so schnell ich kann! 

All dies sind ihr zu viele Worte. Sie zerreißt den Brief wieder, nimmt einen schmalen Zettel und schreibt darauf nur: »Ich liebe dich, Clarissa. « 

345 Schwabinger Straße 

Clarissa läuft durch die Nacht. Sie erreicht einen Briefkasten, hier wirft sie ihr Liebesbekenntnis ein. Auf dem Umschlag steht nur: »An Hermann Simon, München. « 
346 Villa Cerphal, Salon

Der Salon im Obergeschoß der Villa ist noch ganz im Stil der alten Herrschaftsvillen eingerichtet. Möbel, Ölgemälde, unzählige kleine Gegenstände und Nippes erzählen von der Familiengeschichte. Die Cerphal residiert auf einem Sofa und blättert in ledergebundenen Familienalben. 

In einer Ecke steht Gattinger. Evelyne ist in einem Sessel eingeschlafen. 

Die Cerphal hält Juan das Fotoalbum so hin, daß er die Bilder, die sie ihm zeigt, auch genau sehen kann. 

Juan deutet auf das Bild eines jungen Mannes in Uniform. 

JUAN. Und wer ist der stolze Soldat? Ein Offizier? 

FRÄULEIN CERPHAL. Das ist mein älterer Bruder Peter. 

GATTINGER. Oberleutnant des Heeres. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja. Er ist als einer der ganz wenigen im Frankreichfeldzug gefallen. 1940. Das war ein tragischer Irrtum. An einem kleinen Waldsee im Elsaß. Eine verirrte französische Granate ist direkt vor seinem Zelt eingeschlagen. Wir haben es alle nicht fassen können. 

Fräulein Cerphals in die Ferne gerichteter Blick erfaßt Evelyne, die zurückgesunken, mit der Teetasse auf dem Schoß, dort liegt und schläft. 

FRÄULEIN CERPHAL. Evelyne schläft. Unsere Familie ist sehr frankophil, wissen Sie? Auch mein Bruder hatte schon vor dem Krieg viele gute Freunde in Frankreich. Frankreich gilt ja als Erbfeind, aber das ist natürlich alles Unsinn, Propaganda. Wir haben die Franzosen immer geliebt. Heute redet man von der deutsch-französischen Freundschaft, aber damals gab es sie wirklich. Hitler war. . . 

Das Thema interessiert auch Herrn Gattinger, der mit weiteren Familienalben hinzugekommen ist. 

GATTINGER ... Ja, er war immer für die großen Lösungen. Er war Europäer. 

FRÄULEIN CERPHAL. Haben Sie das gewußt? 

GATTINGER. Das stimmt doch, Elisabeth! 

JUAN. Tragisch, daß Ihr Bruder dort gestorben ist. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja. 

JUAN. Waren Sie Nationalsozialistin? Sagt man so? Ich meine, waren Sie Nazi? 

Die Cerphal dreht sich fragend nach Gattinger um. Der aber hat sich neben den Of en gesetzt und streichelt seinen Hund. 

FRÄULEIN CERPHAL. Nein, wir waren nicht in der Partei. Mein Vater hatte einen sehr großen Verlag, wie Sie wissen, und natürlich sind sehr viele Leute, auch Nazigrößen, bei uns ein und aus gegangen. Das Geschäft mußte ja aufrechterhalten werden. Nicht? Sie haben sicher in Santiago allerlei über Deutschland in der Schule gelernt. Aber Sie sollten uns eben aus der Nähe kennenlernen. Würden Sie Herrn Gattinger als bösen Nazi bezeichnen? 

JUAN (wendet sich nun sehr höflich an Gattinger). Entschuldigen Sie bitte die Frage: Sind Sie ein Verwandter des Hauses? 

GATTINGER. Nein. Ich gehöre sozusagen zum Inventar. 

Die Cerphal versucht, Gattingers Antwort als Scherz umzumünzen. 

FRÄULEINCERPHAL (lacht künstlich). Nein, nein. Herr Gattinger macht für mich das Finanzielle. 

GATTINGER. Richtig, Elisabeth. 

JUAN. Ich verstehe. 

Juan geht leise zu Evelyne. Er nimmt der Schlaftrunkenen die Teetasse vom Schoß und stellt sie zu dem übrigen Porzellan. Dann geht er zur Cerphal zurück, die ihm ein uraltes Foto hinhält. 

JUAN. Und das, sind Sie das auch? 

Das Bild zeigt eine Frau im Jahrhundertwendekostüm mit einem prächtig gekleideten Kind auf dem Schoß. Die Cerphal lacht nun wieder ganz natürlich. 

FRÄULEIN CERPHAL. Kaiserlich, nicht wahr? Wir waren ja ein sehr konservativer Haushalt. Mein Vater ist es bis heute geblieben. Auch als wir Kinder den alten Zopf schon lange abgeschnitten hatten, nach 33. 

JUAN. Und das, sind das gläubige Juden? 

Juan hat ein Foto von Männern in altjüdischer Tracht, mit Bärten, Käppis und Kaftanen, entdeckt.

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, das ist Onkel Goldbaum, der Kompagnon meines Vaters, bis 1935. Wir haben ihn rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Seine Tochter schreibt mir noch heute regelmäßig aus Haifa. 

JUAN. Ist er nach dem Krieg zurückgekehrt? 

FRÄULEIN CERPHAL. Nein, er ist kürzlich in Israel gestorben. Ich habe oft an ihn gedacht während der schlimmen Zeit. Ich denke noch heute oft an ihn, sehr oft. Wir haben ihm viel zu verdanken, sehr viel. Dieses Haus hat ihm ja einmal gehört. 

Jetzt wird Herr Gattinger aufmerksam. Er legt die Alben, die er immer noch auf dem Schoß hält, beiseite und kommt näher. 

GATTINGER. Ach, das hast du mir ja noch gar nicht erzählt, Elisabeth. 

FRÄULEIN CERPHAL. Nein? 

GATTINGER. Nein. 

FRÄULEIN CERPHAL. Du hörst das auch zum ersten Mal heute, Gerold? 

GATTINGER. Das höre ich zum ersten Mal. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wir haben ihm viel zu verdanken. 

Juan versteht die vielen schuldbeladenen Gefühle dieser Deutschen nun gar nicht mehr. Er will das Gespräch auflockern. 

JUAN. Meine Großmutter war auch jüdisch. 

GATTINGER. Ja, ja. 

JUAN. Aus Rußland. 

FRÄULEIN CERPHAL. Juan, sind Sie ein Kalmücke? Nein, Sie sind ein Zigeuner! Ach was, Sie sind einfach ein Don Juan. Kommen Sie! Jetzt trinken wir noch eins. 

Sie hat Juan wieder zu sich auf das Sofa gezogen. Sie lacht so laut, daß sie sich selber wegen der schlafenden Evelyne ermahnen muß. 

347 Villa Cerphal, Terrasse

Gattinger ist auf den Balkon hinausgetreten, weil er auf der Gartenterrasse noch Stimmen vernimmt. 

Renate will sich in Anwesenheit von Alex dem völlig betrunkenen Filmemacher Reinhard als Nachwuchsschauspielerin vorstellen. Sie zitiert aus » Romeo und Julia«. 

RENATE. »Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt mein banges Ohr durchdrang. Sie singt des nachts auf dem Granatbaum dort, glaub' Lieber mir, es war die Nachtigall . . . « 

Gattinger, der den Text sofort erkannt hat, mischt sich von seinem Balkon aus ein. Er spielt sozusagen den Romeo in Renates Julia-Interpretation. 

GATTINGER. »Die Lerche war s, die Tagverkünderin.« 

Herr Gattinger weiß mal wieder was 

GATTINGER. »Nun, noch tagt es nicht, Herz. Noch plaudern wir.« 

Renate ist glücklich, daß sie einen Spielpartner gefunden hat. Sie steigert sich. 

RENATE. »Es tagt, es tagt.« 

ALEX. Das stimmt. 

RENATE. »Auf, eile! Fort von hier. Es ist die Lerche, die so heiser singt. «Tatsächlich sieht man das erste Tageslicht hinter den Bäumen. Die Cerphal läßt sich aus dem Salon vernehmen. 

FRÄUEEIN CERPHAE. Gerold...

GATTINGER. Ja, keine Angst, Elisabeth. Ich komme schon!

RENATE.» Oh, stets hell und heller wird's. Wir müssen scheiden . . . « 

Gattinger winkt. Er verschafft sich einen stichwortgemäßen Abgang. Renate sieht ihm nach und weint. Sie ist immer noch Julia, die gerade die schwere Trennung von ihrem Geliebten ertragen muß. 

Reinhard findet Renates Auftritt rührend. Er küßt sie, um zu ihrem Schauspiel nichts sagen zu müssen. 

Renate steht da und kann nicht in die Realität zurückfinden. 

348 Isarufer

Im Licht der aufgehenden Sonne rennt Hermann nach Hause wie ein Hund, den man geprügelt und davongejagt hat. 

Er hat Clarissas Seidenslip in der Tasche. Die Schatten der Bäume und Büsche verdecken dem von der Liebe gehetzten jungen Komponisten noch das Tageslicht, aber es wird ihn unweigerlich einholen. 
349 Kellerwohnung Ries

Frau Ries ist damit beschäftigt, das Frühstück zu bereiten. Sie gießt den Kaffee auf und ordnet Teller, Tassen, Brot, Butter und Milch. 

Sie hat das Radio eingeschaltet, um die Nachrichten zu hören. 

RADIOSPRECHER. Der Bayerische Rundfunk bringt Nachrichten. ...Beim Gongschlag ist es 8.oo Uhr... 8.oo Uhr... Berlin. Wie bereits mehrfach berichtet, haben die Behörden der Sowjetzone in der vergangenen Nacht mit Billigung und auf ausdrückliche Aufforderung der übrigen Staaten des Warschauer Paktes die Grenzen zwischen Westberlin und der Sowjetzone sowie die Sektorengrenze zwischen West- und Ostberlin abgeriegelt. Mit dieser Maßnahme will das Regime in Pankow den Flüchtlingsstrom stoppen. Gleichzeitig wurde es allen Bewohnern Ostberlins und der Sowjetzone verboten, weiterhin in Westberlin eine Beschäftigung auszuüben. 
 
350 Villa Cerphal, Bibliothek 

Vorsichtig öffnet Frau Ries die Tür zur Bibliothek. Als einzige ist sie in diesem Haus schon so früh auf den Beinen. 

Auf Zehenspitzen nähert sich die Ries mit ihrem Frühstückstablett der Liege, auf der Evelyne schläft. Sie trägt ein zierliches Holztischchen zu Evelyne, um ihr das Frühstück recht gemütlich ans Bett zu servieren. 

RADIOSPRECHER. Anstelle der bisher 80 Sektorenübergänge sind nur noch I3 geöffnet. An fast allen Straßenübergängen in West- und Ostberlin hat die Volkspolizei Stacheldrahtzäune errichtet und das Pflaster aufgerissen. Gleichzeitig wurden Teile einer Volksarmee Division nach Ostberlin verlegt. An strategisch wichtigen Stellen sind Panzer aufgefahren. Die öffentlichen Gebäude stehen unter verstärk 

tem militärischen Schutz. Die Stimmung der Ostberliner Bevölkerung wird von Augenzeugenberichten übereinstimmend als äußerst erregt bezeichnet.... Die kommunistischen Agitatoren, die die Sperrmaßnahmen verteidigen wollten, wurden niedergeschrien. In zwei Fällen gingen Volkspolizei und SED-Kampftruppen gegen die laut protestierende Menschenmenge vor. Ein Westberliner wurde durch einen Bajonettstich verletzt, als er mit einem Grenzpolizisten in Streit geriet. Im Süden der Stadt verprügelten Westberliner einen Volkspolizisten. Die Westberliner Polizei drängte daraufhin die empörte Menge von der Sektorengrenze zurück. Am Brandenburger Tor nimmt der Andrang von Stunde zu Stunde auf beiden Seiten zu. Bundesminister Ernst Lemmer forderte an Ort und Stelle die Bevölkerung von Ost- und Westberlin auf, Ruhe und Disziplin zu wahren. Er sagte, es sei eine unerhörte Blamage, daß sich ein Regime mit Stacheldraht schützen müsse.. . 

Frau Ries nimmt die Nachrichten kaum zur Kenntnis. In ihrem Leben hat es so viele Schicksalsschläge gegeben, daß sie die Berliner Ereignisse gar nicht berühren. Es sind für sie Nachrichten wie an jedem Tag. 

Evelyne ist langsam aufgewacht. Sie braucht eine Weile, bis sie wieder weiß, wo sie sich befindet. Die Morgensonne scheint direkt auf ihr Bett. EVELYNE. Guten Morgen. 

FRAU RIES. Guten Morgen. Sie haben aber einen leichten Schlaf! Ich habe Ihnen ein kleines Frühstück hingestellt. 

EVELYNE. Wieviel Uhr ist es denn? 

FRAU RIES. Schon acht Uhr durch. 

EVELYNE. Es ist so still im Haus. 

FRAU RIES. Die schlafen ja noch alle. Die machen den Tag zur Nacht. Um fünf Uhr nachmittag fängt hier im Haus erst das Leben an. 

EVELYNE. Ich war noch nie so lange auf. Außer in der Nacht, wo mein Vater begraben wurde. Da habe ich überhaupt nicht geschlafen. 

Frau Ries überreicht Evelyne einen Briefumschlag, den sie aus ihrer Schürzentasche zieht. 

FRAU RIES. Ich habe Ihnen was mitgebracht. Kennen S'die Schrift? 

EVELYNE. Der ist an Sie! Sieht aus wie Papas Handschrift. 

FRAURIES. Sie dürfen den Brief behalten. Er ist vom Herbst 55. Ihr Vater hat mich gebeten, ich möcht die Schwester von Ihrer Mutter suchen. Und ich hab sie gefunden, sie hat ein Milchgeschäft in der Häfnerstraß, und ich hab ihr auch die zweihundert Mark gegeben, die in dem Brief drin waren. Der Betrag wird im Brief erwähnt. Lesen S' ruhig! 

Evelyne hat den Brief geöffnet. Frau Ries schaut ihr liebevoll dabei zu. 

EVELYNE. Frau Emmi Schmidt, geborene Ziegler. . . meine Mutter hieß Ziegler? Lieselotte Ziegler. . . Lieselotte gefällt mir. 

EVELYNE (liest den Brief vor). »... Sie werden gewiß die geeigneten Worte finden, um meine Lage zu erklären, warum ich nicht selbst kommen kann. Ich möchte, daß Frau Schmidt das Grab meiner geliebten Lieselotteauf dem Ostfriedhofpflegen läßt...« 

FRAU RIES. Ich habe mich auch daran gehalten und habe niemanden von der Familie in die Angelegenheit reingezogen. 

EVELYNE. Wie sieht denn die Emmi, meine Tante, aus? 

FRAU RIES. Ja, wollen S' denn net hingehen? 

EVELYNE. Ich fürchte mich. 

FRAU RIES. Sie ist eine einfache, aber gute Frau. Gehen S' ruhig hin. Aber zuerst tun S' frühstücken, sonst wird der Kaffee kalt. 

Frau Ries läßt Evelyne allein. Immer wieder liest sie den Brief ihres toten Vaters. Sie beißt ab und kaut aufgeregt. 

351 Cafe am Siegestor

Etwas ist an diesem weltgeschichtlichen Tag auch in München anders als sonst. Die Stadt scheint den Atem anzuhalten. Es ist merkwürdig still. Auch in der Nähe des Siegestores, wo Ansgar in einem menschenleeren Cafe sitzt. Er liest die neuesten Nachrichten in der Süddeutschen Zeitung. 

Evelyne erkennt ihn schon von weitem. Sie nähert sich dem Tisch, an dem Ansgar sitzt, und wartet, bis er ihre Anwesenheit spürt und über den Zeitungsrand direkt in ihre Augen blickt. 

EVELYNE. Hallo! So sehe ich bei Tageslicht aus. 

ANSGAR. Hallo! Ich war gerade ganz weit weg in Gedanken. . . 

EVELYNE. Hast du überhaupt nicht geschlafen? 

ANSGAR (schüttelt den Kopf und sieht Evelyne blinzelnd an). Es ist alles so hell hier. Kennst du das, wenn man eine Nacht durchgemacht hat, diese wahnsinnige Deutlichkeit, die auf einmal alles bekommt? Ich sehe dich wie eine Projektion . . . Du bist der einzige Mensch in diesem Augenblick. 

EVELYNE. Ich habe auch immer noch diese vielen neuen Gesichter von heute nacht im Kopf. Die ganzen Namen habe ich mir überhaupt nicht merken können. 

EVELYNE (setzt sich, ihm gegenüber). Wie kommst du eigentlich in das Haus meiner Tante? 

ANSGAR. Ich kenne Reinhard über Stefan. Hermann und Juan habe ich mal auf dem Königsplatz kennengelernt, über Juan kenne ich Clarissa, über Hermann Olga und - na ja, über Olga irgendwie dich. Aber wenn du die anderen fragst, dann hörst du lauter verschiedene Geschichten, klar? 

EVELYNE. Bist du schon lange da? 

ANSGAR. Bin ich schon lange da? Nein, ich war noch im Englischen Garten. Erzähl mir bißchen was von dir! Ich kann gut zuhören, wenn ich so müde bin, deine Stimme ist wie Meeresrauschen. 

EVELYNE. Ansgar, hör bitte, ich möchte, daß du mich begleitest. Laß uns nebeneinander dahin gehen. Du kannst mir den Weg zeigen. Kennst du die Häfnerstraße? 

ANSGAR. Häfnerstraße... 

EVELYNE. Komm, ich erzähle dir unterwegs meine ganze lange Geschichte. 

ANSGAR. Habe ich schon bezahlt? 

Sie lächelt Ansgar aufmunternd an. Er erhebt sich träge und geht mit ihr fort. 

352 Häfnerstraße

Ansgar und Evelyne haben das Milchgeschäft gefunden, das Frau Ries beschrieben hat. Auf dem Weg erklärt ihm Evelyne die ganze Geschichte: daß sie erst seit kurzem weiß, wer ihre richtige Mutter gewesen sei, daß die Mutter im Krieg umgekommen sei und daß ebendiese Schwester ihrer Mutter nun ihre Tante sei und ein Milchgeschäft hier besitze, wie schon die Großeltern. 

Vor dem Schaufenster bleiben die beiden stehen. Sie bemühen sich, unauffällig zu bleiben, denn im Innern des Ladens ist eine etwa 4sjährige, rundliche Frau damit beschäftigt, Eier zu sortieren. 

Das muß die Tante sein. Evelyne wagt es nicht, durch die Schaufensterscheibe zu schauen. Ansgar tut es für sie. Er liest den Namen der Inhaberin, der klein in einer Ecke des Schaufensters geschrieben steht. 

ANSGAR. Inhaber: Emmi Schmidt. 

EVELYNE. Sprich doch du mit ihr! Ich möchte ihr zuhören, glaube ich. Ich weiß noch nicht, ob ich mich zu erkennen geben will. 

Ansgar ist sofort entschlossen. Er geht voran und betritt den Laden. 

353 Milchladen

Die Milchfrau unterbricht ihre Arbeit und begrüßt die beiden jungen Leute mit fragendem Blick. Ansgar spricht bayerisch mit ihr. 

ANSGAR. Mir hätten bitte gern an hoiben Liter Muich, und geben S' uns zwoa Strohhalme no dazua, damit mer's glei trinka können. 

EMMI SCHMIDT. I ko eana a an Becher geb'n . . . woin S' die Muich warm oder koit? 

EVEEYNE. Warm. 

ANSGAR (fällt Evelyne ins Wort). Kalt. Geben S' es uns gleich so, wir trinken's dann lieber draußen. 

EMMI SCHMIDT. Ist ja auch ein schönerTag. So, macht 85 Pfennig. .. 

Als die Milchfrau etwas zu intensiv in Evelynes schöne Augen starrt, lenkt Ansgar rasch ab. 

ANSGAR. Wissen Sie vielleicht zufällig, ob in der Gegend jemand Studentenzimmer vermietet?

EMMI SCHMIDT. Ah, Studenten san S', das hab i mir gleich denkt. Ja mei, was glauben S', wie oft ich das gefragt werd. Geben S' halt mal eine Anzeige auf, vielleicht hilft das was. Tut mir wirklich leid! 

Die beiden verabschieden sich ziemlich schnell und verlassen mit ihrer Milchflasche den Laden. 

354 Häfnerstraße

Die Milchfrau sieht noch fragend hinter ihnen her. Etwas hat sie unsicher gemacht, sie kann Evelyne aber nicht einordnen. Sie schüttelt den Kopf und kehrt in das Innere ihres Ladens zurück. 

ANSGAR. Mensch, Evelyne, hast du das gemerkt, ihre Stimme, die klingt genau wie deine!

EVELYNE. Ach, ältere Leute haben oft tiefe Stimmen.

ANSGAR. Nein, das klingt, wie soll ich sagen: wie ein Ei dem anderen. 

Evelyne muß über Ansgars Wortspiel lachen. Sie versucht, mit der Stimme der Tante zu sprechen. Ansgar ist begeistert. Er findet die Ähnlichkeit frappierend. 

355 Nordfriedhof

Ansgar und Evelyne haben auf dem alten, aufgelassenen Friedhof eine schattige Bank gefunden, wo sie einträchtig ihre Milch trinken. 

EVELYNE. Nicht reinpusten!

ANSGAR. Du trinkst schneller!

EVELYNE. Ist ja auch die Milch von meiner Tante. 

Das Trinken mit Hilfe von zwei Strohhalmen aus einer Flasche bringt die beiden Gesichter einander sehr nah. Die Blicke sind verliebt und spielerisch. Ansgar versucht, ernst zu werden.

ANSGAR. Du, wollen wir mal rübergehen zur Musikhochschule? Du mußt dich ja schon mal dran gewöhnen. Das ist nicht so weit von hier. Fünf Minuten oder so. 

EVELYNE. Mußt du nicht in deine Vorlesung? 

ANSGAR. Müssen muß ich gar nichts. Und heute erst recht nicht. EVELYNE. Ich bin froh, daß ich dich getroffen habe. . . 

ANSGAR. Ich auch. 

Seine Augen nähern sich den Augen Evelynes. 

ANSGAR. Ich werde dich jetzt küssen. . . 

Seine Lippen berühren vorsichtig Evelynes weichen Mund. Dann küßt er sie lange und zärtlich. 

Das Gänselieserl, die alte Münchnerin, die an schönen Tagen ihre Hausgans im Kinderwagen spazierenfährt, ist auf diesem Friedhof unterwegs. Von weitem schon hört man ihren Gesang, ein altes Kinderlied, das sie ihrer weißen Gans vorsingt. 

GÄNSELlESERL (singt). 

»Hier ist grün, da ist grün, unter meinen Füßen, hab'verloren meinen Schatz, werd' ihn suchen müssen. Hier und da, hier und da, unter diesen allen, 

wirds wohl einer sein, der mir wird gefallen. « 

An einer Weggabelung will die Gans eine andere Richtung einschlagen als das Lieserl. Der Vogel flattert, will aus dem Kinderwagen hüpfen, aber sie packt ihn am langen Hals und stopft ihn einfach in den Kinderwagen zurück. Dort bleibt er nun brav sitzen. 

GÄNSELlESERL (singt wieder). 

»Dreh dich um, ich kenn' dich nicht, bist du's oder bist du's nicht? 

Nein, nein, du bist es nicht. Scher' dich weg, ich mag dich nicht. 

Dreh' dich um, ich kenn' dich nicht, da bleibst! Bist du's oder bist du's nicht, ja, ja, du bist es schon, der ein Tänzchen machen soll. 

Heija auf den Bergen, simserimsimsim, tanzen sieben Zwerge, simserimsimsim. ..« 

Irgendwo zwischen den Gräbern haben Ansgar und Evelyne ein sonniges Fleckchen im Gras gefunden und sich niedergelassen. Ansgar streckt sich vor Evelyne lang aus und genießt die Sonne. 

ANSGAR. Ah, ist das schön warm. Komm her! 

EVELYNE. Daß du Medizin studierst, das will mir nicht in den Kopf. Irgendwie paßt das nicht zu dir.

ANSGAR. Ja, ich weiß!

EVELYNE. Leben deine Eltern noch? 

ANSGAR. Ja, aber sie sind schon ziemlich alt. Als ich geboren wurde, da war mein Vater schon 45. Meine Mutter 40. . . Jetzt kannst du's dir ja ausrechnen... zähl z3 dazu. 

EVELYNE. Macht es dir etwas aus, ihr Alter? 

ANSGAR. Jedes zweite Wort, das sie sagen, ist »Liebe«. Mein Vater ist Zeuge Jehovas. Ein Frömmler und Lügner. 

Über die Nazizeit sagt er kein Wort. Aber der hat was zu verbergen, das spür ich genau. Das weiß ich auch. Und ich bin auch noch das einzige Kind von den beiden. Am Anfang bin ich in München alle zwei Wochen umgezogen, damit sie mich nicht wiederfinden. 

EVELYNE. Du magst deine Eltern nicht? 

ANSGAR. Scheint so. 

EVELYNE. Komisch! Ansgar ist unruhig geworden, hat sich aufgerichtet. Dafür streckt sich jetzt Evelyne auf dem Rasen aus. 

ANSGAR. Das verstehst du nicht, Evelyne. Bei dir ist einfach alles anders gelaufen. Weißt du, was ich an denen so hasse, das ist dieser ewige Verzicht. Die verzichten auf ihr eigenes Leben, und irgendwie wird so was zum Vorwurf gegen mich, da bin ich schuld, daß sie gar nichts eigenes haben. Ich schäme mich für sie. 

Ansgar ist aufgesprungen. Jetzt steht er unruhig da, vor Evelyne in der Sonne. Er ist traurig.

EVELYNE. Schlaf doch ein bißchen, Ansgar. Du bist müde. ANSGAR. Ja, ich bin müde. 

356 Milchgeschäft

Evelyne kehrt zum Milchgeschäft ihrer Tante zurück. Als Vorwand hat sie die leere Milchflasche mitgenommen. 

Der Laden ist leer. Die Milchfrau erscheint nach einiger Zeit im Hintergrund des Geschäftes in einer Tür, die zur Parterrewohnung führt. 

357 Nordfriedhof

Auf dem alten Friedhof ist Mittagsruhe eingekehrt. Auch die Vogelstimmen schweigen. Ansgar liegt im Gras und schläft tief. 

Das Gänselieserl läßt in der Nähe ihre weiße Gans weiden. 

Es gibt hier ein abgeschiedenes Stück Natur. Seltene Vögel nisten in den hohen Friedhofsbäumen oder sitzen auf den sentimentalen Marmordenkmälern. Engel mit abgebrochenen Flügeln oder abgebrochenen Händen stehen auf den Gräbern. 

Nagetiere kriechen durchs Gebüsch. Die Sonne strahlt hoch über den Baumkronen. 

Ansgar wacht aus seinen Träumen auf. Er braucht lange, bis er sich orientiert hat. Er entdeckt ein Stöckchen, das vor ihm in den Boden gesteckt ist. Auf dem Stöckchen ist ein kleiner Zettel aufgespießt, der Nachricht von Evelyne für ihn enthält. 

»Lieber Ansgar, ich wollte dich schlafen lassen, wenn du mich suchen solltest, dann geh' in den Milchladen zurück. Evelyne« 

358 Milchladen

Ansgar betritt den Milchladen. Er muß einen Moment warten, bis Frau Schmidt kommt. Sie erkennt ihn sofort. 

EMMI. Ach, Sie san S'! Kommen S' nur rein. Wir sitzen im Hinterstüberl. Da ham mir's gemütlich. 

Emmi Schmidt öffnet die Verbindungstür und läßt Ansgar in einen engen Flur treten. Sie dirigiert ihn zu dem Hinterstübchen, in dem Evelyne wartet. 

EMMI. Ja, so was, daß Sie nicht gleich was g'sagt haben. Ich zeig grad der Evelyne die alten Fotos. Kommen S' nur, mei, was man da alles findt! Das alte Zeug! Evelyne, der Herr! 

EVELYNE (scheint ein bißchen betrunken zu sein, denn ihre Stimme überschlägt sich fast). Ansgar! Schau mal, ich habe da einen Liebesbrief von meinem Vater gefunden, der war total verliebt! Ansgar, willst du mal ein Bild von mir sehen? 

Evelyne steht auf und kniet sich auf das Sofa, um besser an die Wand zu gelangen. Dort hängt ein kleines, eingerahmtes Bild. Ansgar kommt näher heran. 

Es sieht aus, als wäre es Evelyne, die auf dem Foto abgebildet ist. Sie trägt ein altmodisches Jackenkleid der vierziger Jahre. 

ANSGAR. Bist du das? 

EMMI. Ja, freilich, das ist die Evelyne . . . sieht man das nicht gleich? 

EVELYNE. Das ist meine Mutter. .. Kannst du das fassen? 

Ansgar schaut es sich noch einmal genau an: Es scheint tatsächlich Evelyne zu sein, die ihn da aus dem Rähmchen anguckt. 

EMMT (weint vor Rührung). Wie aus dem Gesicht geschnitten! Ist das a Freud, daß i di wiederseh! Daß i di kennenlern! Setzen S' Eana doch hin, i hab schon ein Schwipserl. 

Ansgar und Evelyne setzen sich zu der Tante an den kleinen Tisch. Emmi fährt nun mit ihrer Erzählung fort. 

EMMI (schnieft). Also, unser Vater hat das Geschäft kurz nach dem Ersten Weltkrieg gekauft, noch vor der Inflation. Da sind wir aufge- wachsen. Mei Mutter war im ganzen Viertel bloß die Zenzi. Kreszen- zia hatt's geheißen, wie mer halt so sagt, in Bayern.

EVELYNE. Und wo ist da die Bombe eingeschlagen?

EMMI. Ein Volltreffer. Und noch ein paar Brandbomben dazu. Die Hölle - muß das gewesen sein. Ich hab ja das Haus erst gesehen, wie's 45 nachher ausgeschaut hat. Da bin ich von der Tschechei zurückge- kommen. Ruinen, nix wie Ruinen, . . . da, schau! Emmi hat einen Stapel alter Schwarzweißfotos in die Hand genommen. Sie blättert sie langsam durch, damit ihre Gäste auch alles sehen können. Die Bilder zeigen München, wie es 1945 ausgesehen hat. Immer wieder ist auch ein schwarzer amerikanischer Soldat darauf abgebildet. Es ist der Sergeant, mit dem Emmi in den Nachkriegsjahren befreundet war. 

EMMI. Da bin ich jetzt net drauf natürlich, aber ich könnt' drauf sein, gelt? Das sind die Trümmerfrauen. Was ham'mer da? Mei o mei, das Isartor, die hat der Charly, der hat die aufgenommen. Das war ein amerikanischer Captain, für den hab ich ab 45 für zwei Jahre gearbeitet. Im Military Government. Die Buiderln hat er dann später geschickt, aus Michigan, . . . das Nationaltheater? Na, jetzt bau'n sie es ja wieder auf, gelt. Siehst es, überhaupt kein Dach mehr drauf! Ja, da schau her, da ist ja sogar noch ein Neger mit drauf, das ist das berühmte Ramadama vom Wimmer Thomas . . . 

EVELYNE. Ramadama? 

EMMI. Ramadama! Aufräumen damma, also, tun wir. Da ham d'Amis aber fest geholfen! 

Evelyne sieht Ansgar tief in die Augen. Sie ist so glücklich wie ein Kind. Die Tante streichelt ihr herzlich die Wangen. 

EMMI. Komm halt öfter mal her, Evelyne. Ja, Sie auch. 

Evelyne vertieft sich wieder in das Fotoalbum, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Jetzt hat sie Bilder entdeckt, die ihre Mutter in BDM-Uniform zeigen, ungefähr mit fünfzehn. Ein anderes Bild zeigt die Mutter und die Tante (oder ist das die Großmutter?) mit einem Baby. Das muß Evelyne selbst sein! Evelyne gerät völlig durcheinander mit den Zeiten. 

EVELYNE. Ich denke immer, daß ich das bin. Ich bin meine eigene Mutter. 

359 Englischer Garten, Maximilianstraße

Dieser Augusttag I96I ist einer der wenigen südlichen Tage in Münchens Jahreszyklus. Der Englische Garten duftet vor Heimatlichkeit. Hermann nutzt jede Gelegenheit, seine Radwege durch den lebenshungrigen Park zu lenken. Auch das Gänselieserl ist jetzt täglich unterwegs in den Anlagen. Sie führt für ihren Liebling ein Kindertänzchen auf und singt dazu. 
 
360 Sendlinger Tor

Clarissa wartet mit ihrem Cello an der verabredeten Stelle in der Nähe des Sendlinger Tors. Sie hat eigentlich nicht damit gerechnet, daß Hermann sich an die Verabredung erinnern wird. Zuviel ist seitdem passiert. 

CLARISSA. Aha - also doch! 

Clarissa versucht, mit ihrem Lachen über die Aufregungen der letzten Nacht hinwegzukommen. Hermann schiebt sein Fahrrad auf sie zu, ihre Schritte sind zögernd, fragend.

Unter dem Torbogen stehen sich die beiden Verliebten gegenüber. Sie 

möchten sich beide sofort, hier an dieser Stelle, in die Arme nehmen. Aber kann man sich des anderen auch sicher sein? Waren die beiden Begegnungen in Clarissas Treppenhaus nicht immer nur der Ausdruck nächtlicher Verwirrungen ? 

Jetzt, bei Tageslicht, ist alles ganz neu zu bedenken! Hermann unterbricht den stummen Dialog. 

HERMANN. Ich habe die Noten dabei. 

CLARISSA. Ich freue mich darauf. 

HERMANN. Ist ziemlich schwierig. 

CLARISSA. Um so besser. Wo gehn wir denn spielen? 

HERMANN. Meine Bude ist ziemlich klein, und außerdem ist da noch der Clemens.

CLARISSA. Zu mir können wir auch nicht gehen. Meine Wirtin ist ziemlich sauer. Hast du eigentlich heute nacht geklingelt? 

HERMANN. Nein. Ich würde doch nicht mitten in der Nacht bei dir klingeln! 

CLARISSA. Aber sie behauptet, du hast zweimal geklingelt. Also, wo gehen wir denn hin ? 

HERMANN. Am hellichten Tag? 

Die Frage: »Wohin gehen wir? « ist für die Verliebten eine Frage um Sein oder Nichtsein. Bei all ihren Ansprüchen auf künstlerische Vollendung und auf Unsterblichkeit befinden sie sich damit in einer erbärmlichen Situation. 

361 Vor Villa Cerphal

Hermann und Clarissa haben sich entschlossen, dahin zu gehen, wo sie sich letzte Nacht so mißverstanden haben. Hermann schiebt sein Rad, Clarissa schleppt ihr Cello. Sie kennen den Weg. 

Hermann weiß auch, wie das Tor zu öffnen ist. 

HERMANN. Wenn der Stefan da ist, dann gehen wir einfach wieder. 

CLARISSA. Merkwürdig, sich einfach so hier einzuschleichen. 

HERMANN. Ach, Unsinn, das machen die anderen genauso. .. Hermann schiebt die flache Hand zwischen den Zaunlatten hindurch, erreicht die Klinke auf der Innenseite und drückt sie abwärts. Das Tor springt auf. 

Schweigend gehen die beiden auf die stille Herrschaftsvilla zu. Sie umkreisen das Haus, um die Terrasse auf der Gartenseite zu erreichen. 

Sämtliche Schritte und Handgriffe sind Hermann geläufig. Es ist die Art, wie die Freunde zu allen Tages- und Nachtzeiten in dieses Haus gelangen. Das Haus iSt ein echtes Paradies für all die jungen, unbehausten Künstler. 

362 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Das Terrassenfenster ist nur angelehnt und auf der Innenseite mit ein paar leeren Filmdosen gesichert. Hermann drückt vorsichtig das Fenster auf. Er kann nicht verhindern, daß die Blechdosen zu Boden scheppern. 

Hermann steigt als erster durch das schmale Fenster. Dann reicht Clarissa ihren Cellokasten nach und folgt selbst. So kommen sich die beiden wieder ganz nah. Sind sie wirklich allein in diesem Zimmer?

HERMANN. Ich schau mal nach. Hermann öffnet die Zimmertür, die zur Diele hinausführt. Er betritt den schönen, holzgetäfelten Vorraum. Clarissa folgt ihm ein paar Schritte.

CLARISSA. Und . . . ist da jemand? 

Hermann kommt zurück. Er schließt die Zimmertür wieder. 

HERMANN. Wir sind allein. 

Hermann sieht Clarissa in die Augen. Jetzt ist nur noch das Cello zwischen ihnen. Clarissas Finger öffnen langsam die Verschlüsse des Cellokastens. Hermann verfolgt jede ihrer Bewegungen. Soll er diese Verschlüsse symbolisch verstehen? 

Hermann beschließt, seinen Weg zu Clarissa erst einmal über die Musik zu suchen. 

HERMANN. Mein Cellostück! Ich glaub, mir ist da ein wirkliches Cellokonzert gelungen. Ein Stück, in dem das Cello die alleinige und absolute Hauptrolle spielt. Sieh mal, das hier ist die Partitur! 

Hermann holt seine Partitur aus der Aktentasche. Er hebt sein Manuskript stolz in die Höhe.

HERMANN. Fünfundzwanzig Orchesterstimmen, und die dienen alle nur dazu, das Cello zur Geltung zu bringen, ihm Raum zu geben, sich in seinen ganzen virtuosen und solistischen Möglichkeiten zu entfalten. Das war mein Ziel. Die Begleitung ist ganz behutsam. Pianissimo. Harfe, zum Beispiel, ist eines der vorrangigen Begleitinstrumente. 

Er hat sich an den Flügel gesetzt. Clarissa packt mit beiläufigen Bewegungen ihr Cello aus und rückt sich einen Stuhl zurecht, vor dem sie den Notenständer aufstellt. 

Hermann gibt ihr das »A« an, damit sie ihr Instrument stimmen kann. Er spricht dabei ununterbrochen weiter. 

HERMANN. Aber ganz dezent, rhythmisch, natürlich differenziert, und. . . na ja, mal sehen, wie das. . . ich bin überhaupt sehr gespannt, wie das klingen wird. Hier, das ist die Cellostimme. . . 

Hermann stellt seine Notenblätter auf Clarissas Notenständer. Sie betrachtet zunächst das Manuskript und dann den Komponisten. Die beiden schweigen. Es beginnt eine Bewegung der Seelen, die nur Musiker kennen, die miteinander spielen. 

HERMANN. Ja, also am Anfang sind zwei Takte Orchestervorspiel. Ich deute das mal so an. Streicher, Violinen, Violen, ganz behutsam, dann der erste Harfenakkord und dann wieder Streicher, so ganz irisierende Sachen und immer drunter noch die Violen und der Baß und dann zwei Quintolen, Tutti Orchester C... und das ist genau dein Einsatz . . . 

Hermann hat versucht, das ganze Aroma des Orchestervorspiels zu suggerieren, indem er auf dem Klavier Auszüge aus seiner Partitur gespielt hat. Clarissa hat zugehört und in die Noten geschaut. 

STEFAN. Die Munition habe ich zur Verwahrung. 

CLARISSA. Wozu braucht ihr denn ein Gewehr? 

Reinhard drückt Hermann das Gewehr in die Hand. 

STEFAN. Das ist ein Requisit für eine Szene, die wir noch drehen wollen. 

REINHARD. Die gehört meinem Vater. Damit fühlt er sich im Bergischen Land wie ein Großgrundbesitzer. 

Reinhard sieht, daß Hermann die Winchester ungeschickt behandelt. Er nimmt sie ihm wieder weg. 

REINHARD. Damit kannst du einen Elefanten wegpusten. Nur, in unserem Achthundert-Quadratmeter-Garten, da gibt es keine Elefanten. Da gibt es nur Mäuse und Maulwürfe. Deswegen pustet er Mäuse und Maulwürfe weg. 

CLARISSA. Da hast du aber einen gefährlichen Vater. 

REINHARD. Er war im Krieg Jagdflieger, »Legion Condor«, ein Eroberertyp. Jetzt gibt es halt nichts mehr zu erobern, jetzt brennen ihm die Nerven durch. Bundeswehr, die ist ihm zu lahm, sagt er. Die hätten ihn gern wiedergehabt. 

Helga verfolgt jede Handbewegung, die Reinhard mit dem Gewehr gemacht hat. Wie er die Waffe westernmäßig umherwirbeln läßt, wie er durchlädt und abdrückt. 

HELGA. Schon faszinierend. 

STEFAN. Also, wir müssen jetzt die Rechnungen durchgehen. Ja, ich, ich schäme mich nicht im geringsten, über Geld zu sprechen. Reinhard, du solltest wenigstens zur Kenntnis nehmen, was unser Film gekostet hat. 

Stefan hat nun all die spielerischen Gespräche der Freunde satt. Sein Anliegen ist es, mit Reinhard die Buchhaltung der gemeinsamen Filmproduktion durchzuarbeiten. Er kommt mit den Rechnungspapieren, aber Reinhard versteckt sich unter seinem Hemd. 

Helga nutzt die Gelegenheit, den ziemlich ratlos herumstehenden Hermann auf ihre Gedichte anzusprechen. Sie drückt ihm einige Blätter in die Hand. 

HELGA. Lies das doch mal durch, das wäre gut zu vertonen. 

HERMANN. Was ist das?

HELGA. Habe ich heute nacht noch geschrieben. Geht um die Stimmung im Garten draußen. Weißt du, ich habe gedacht, wenn man diesen zweiten Teil absetzen könnte zu diesem ersten. . . 

Helga verwickelt Hermann im Nu sehr intensiv in ihre poetischen Fachprobleme. 

In Clarissas Augen sieht es aus, als wäre die Zusammenarbeit zwischen ihr und Hermann eine längst vereinbarte Sache. 

Sie spielt eine Intimität vor, die Clarissa sofort an den Rand des Geschehens drängt. Hermann weiß nicht, wie er sich wehren soll. Er versucht, höflich zu bleiben, aber er hat schon die Kontrolle über die Situation verloren. 

Clarissa hat ihr Cello eingepackt und ist grußlos weggelaufen. 

HELGA. Ich fände es wirklich gut, wenn wir weiter zusammenarbeiten würden. 

HERMANN. Ich melde mich bei dir. .. 

HELGA. Wir können gute Dinge zusammen machen. Das weiß ich! 

HERMANN. Das glaube ich auch, wirklich! Aber ich muß jetzt fort. HELGA. Lies das Gedicht! 

HERMANN. Mache ich. Clarissa! 

Hermann packt seine Sachen. Helga klammert sich regelrecht an ihn. Er verliert wertvolle Sekunden, wenn er Clarissa noch einholen und mit ihr reden will. 

Stefan hat all das beobachtet. Eifersucht, wohin man sieht! Auch er ist eifersüchtig. 

363 Straße in Schwabing

Hermann hat es geschafft. Er holt Clarissa in einer benachbarten Straße ein. Er überreicht ihr die Noten seines Cellokonzerts, die sie vergessen hatte. 

HERMANN. Soll ich dein Cello auf mein Fahrrad nehmen? 

CLARISSA. Nein, das ist zu gefährlich! 

HERMANN. Dann laß es mich wenigstens tragen. 

CLARISSA. Ich bin es doch gewohnt. Mir fehlt etwas, wenn ich mein Cello nicht selber trage.

Clarissa ist immer noch gekränkt. Sie geht stolz weiter, ohne sich nach Hermann umzusehen. 

HERMANN. Sehen wir uns morgen? 

CLARISSA. Ich weiß noch nicht. 

Hermann holt sie ein. Er bleibt vor ihr stehen. Warum versteht sie nicht, was er ihr sagen will? 

HERMANN. Ich würde mich freuen. 

CLARISSA. Wart's ab. .. 

HERMANN. Was soll ich abwarten?

CLARISSA. Was weiß ich - das Schicksal? 

Sie spricht in Rätseln. Hermann verabschiedet sich rasch und schwingt sich auf sein Fahrrad. Er läßt sie auf dem Trottoir stehen. 

HERMANN. Plötzlich war ein Knoten entstanden. Ich fuhr weg und dachte, der muß sich doch lösen. Sie wird mein Stück spielen und die heimliche Botschaft verstehen, die darin versteckt ist. Ich solle warten, hatte sie gesagt, aber was meinte sie mit Schicksal? Ich fuhr also weg, um zu warten, aber ich hasse das Warten, schon als Kind hatte ich nichts mehrgehaßt als das Warten. 
 
364 Isarauen

Evelyne und Ansgar machen einen Spaziergang am Flaucher, einem beliebten Ausflugsziel in den Isarauen. Sie überqueren die Flaucherbrücke, um an das östliche Ufer der Isar zu gelangen. 

EVELYNE. Es war alles ungeheuer schnell gegangen. Tante Emmi hatte mir sogar den heimlichen Platz gezeigt, an dem Arno und Lieselotte ihr Stelldichein hatten. Ich stellte mir meine Eltern als Liebespaar vor. Wir gingen auf ihren Spuren durch die Isarauen. Ich rechnete nach: Anfang Oktober 1941 hat mein Vater den einzigen Fronturlaub gehabt. Und im Juni 1942 hat Lieselotte mich bekommen. 

Ansgar arbeitet sich durch ein Gehölz in der Nähe des Flußufers. Evelyne folgt ihm bis zu einer alten Kastanie, die mit einer halbrunden Mauer umgeben ist. 

EVELYNE. Hier mußte es passiert sein. Man konnte nicht näher an seine Wurzeln gelangen als ich, an diesem ersten Tag. Und ich hatte Ansgar gefunden! Je mehr ich meine Mutter suchte, desto mehr fand ich mich, und je mehr ich mich suchte, desto mehr fand ich Ansgar. Wir kannten uns seit gestern abend, seit einer Ewigkeit! Wir konnten warten, denn wir hatten unendlich viel Zeit. 

Die Wipfel der Kastanie rauschen im Wind. Evelyne sieht empor. 

Ansgar hält einen Wurm auf seinem Handrücken. 

ANSGAR. Guck mal, Evelyne: ein riesiger, fetter, schleimiger Regenwurm! 

Ansgar macht Anstalten, den Regenwurm aufzuessen. Evelyne protestiert. Daraufhin legt er das arme Tier auf die Mauer und beginnt, es mit seinem Stock zu zerteilen. 

ANSGAR. Wenn ich ihn in der Mitte auseinanderschneide, dann können die beiden Hälften getrennte Wege kriechen, und wenn ich ihn zweimal durchschneide, dann kann er in vier verschiedene Richtungen kriechen. Und wenn ich ihn dann noch ganz oft durchschneide, dann kann er irgendwann nicht mehr kriechen. 

Evelyne hat vergeblich protestiert. Ansgar quält das Tier so, daß es auch 

ihn selbst quält. Evelyne sorgt sich um den Freund. Sie will ihm helfen. 

EVELYNE. Schau mal, Ansgar, das muß die Kastanie sein, von der die Tante gesprochen hat. Mit der Mauer hier. Meine Mutter hat einmal ein ganzes Abendessen hergeschleppt, um seinen Geburtstag zu feiern. Mein Vater hatte am 8. August Geburtstag. Da sind die Nächte ganz warm. 

ANSGAR. Weißt du, was ich mir gerade vorgestellt habe? Daß die alle beide tot sind. Deine Mutter ist schon längst verfault, von Würmern zerfressen und von Bakterien zersetzt, und dein Vater ist gerade mitten drin in diesem Verwesungsprozeß. Sag mal, mußt du mich eigentlich wirklich unbedingt hierherschleppen? 

EVELYNE. Für mich leben sie aber immer noch. In mir sind sie fast lebendiger als du und ich. Weißt du, was ich schön finde? Daß ich in Liebe gezeugt worden bin. Ich kann mir gut vorstellen, daß ich hier irgendwo gemacht worden bin. Auch im Krieg hat die Sonne geschienen. Kannst du dir das vorstellen? 

Ansgar geht nicht auf Evelynes Schwärmerei für die Vergangenheit ein. 

Sein Verhältnis zu den Eltern ist ganz anders als das ihre. Er haßt seine Eltern und die ganze Generation. 

ANSGAR. Was hast du davon, dir so was vorzustellen? Du bist doch du. Du bist nicht gemacht. Also, ich bin einfach wie so ein Regenwurm hier. Ich existiere einfach. Ich liebe dich einfach so, ohne Grund und ohne Vorgeschichte. 

EVELYNE, Wenn ich sage, »ich liebe«, dann ist es wie Erinnerung. Vielleicht an die ersten Monate, als ich noch eine Mutter hatte. Kann das sein? 

ANSGAR. Nein. Liebe ist unsere Erfindung! Es hat sie noch nie gegeben und wird sie auch nie mehr wieder geben. 

Die beiden sind weitergegangen. In der Nähe einer kleinen Wallfahrts kapelle gibt es einen aus Steinen gehauenen Kreuzweg, der auf eine Felsengrotte zuführt. 

ANSGAR. Und eines Tages erstarren wir dann zu Stein. Wie diese ganzen Marterln hier. Und dann sehen wir uns an, eiskalt, zärtlich, ewig... tot. 

Evelyne bekommt Angst um den Freund. Wie er so dasteht, an das steinerne Standbild gelehnt! 

Die beiden Jungfilmer wagen sich sogar in den Kassenvorraum des Kinos hinein. Dort werden sie aber von dem Besitzer ertappt, der ihnen nachläuft und sie zur Rede stellen will. 

KINOBESITZER. Was macht ihr da? Halt, hiergeblieben! Halt! 

Reinhard und Rob können viel schneller laufen als der Kinobesitzer. Sie verschwinden durch das Tor, an dem sich Hermann und Clarissa an diesem Nachmittag getroffen haben. 
 
366 Münchner Motive

Die Jungfilmer verteilen ihre Zettel an den bekanntesten Plätzen der Stadt. Die Zettelaktion wird fast zur touristischen Show. 

Zettel erscheinen: auf der Stirn der mächtigen Bavaria-Statue, im Affenkäfig von Hellabrunn, auf den Maßkrügen in den Biergärten, auf den Rücken ahnungsloser Touristen in der Innenstadt, auf den Köpfen der bayerischen Löwen vor der Feldherrnhalle, über den Pißbecken in einem öffentlichen Pissoir am Nockherberg, schließlich über dem Stadtpanorama auf dem Turm des Alten Peter. 

Ein italienischer Tourist will wissen, was diese Zettel zu bedeuten haben. 

REINHARD. So, this is Munich! 

TOURIST. Monaco? 

ROB. Nice! 

Über dem Münchner Stadtpanorama geht die Sonne unter. Das Ende dieses Sommertages.