Film 4: Drehbuch

Viertes Buch
ANSGARS TOD
(1961/62) 
 
401 Nymphenburger Park

Nichts kann der porzellanfarbenen Zerbrechlichkeit eines Oktoberta-ges besser entsprechen als ein Spaziergang in den Anlagen des Nym-phenburger Schlosses. Hier befindet sich Evelyne an einem archimedi-schen Punkt außerhalb der Welt: Dies ist nicht Bayern, auch nicht München, sondern die barocke Illusion einer heiter-festlichen Leichtig-keit, die man schon hundert Schritte abseits dieser graziösen Architek-tur nicht mehr ahnt. Evelyne genießt den zarten, durchsichtigen Tag. Sie ist auf einer der zierlichen Rokokobrücken stehengeblieben und verliert sich in dieser künstlichen Welt. Sind die Vögel, deren Stimmen sie vernimmt, real? Sind es die Bäume, die Wolken, deren Spiegelbilder sie hinter der Brücke erblickt? Existieren sie wirklich, oder sind auch sie von den Schloßbauern geschaffene Illusionen? 

Ein Leierkastenmann ist auf der Brücke erschienen. Evelyne fühlt sich wie in einem Traum. 

Als eine alte Münchnerin, ein Hutzelweibchen mit Kopftuch und Strick-jacke, sich neben sie stellt, um die Wasservögel mit Brezenkrumen zu füttern, möchte Evelyne aus dem Traum aufwachen und sich der Wirklichkeit vergewissern. 

EVELYNE. Entschuldigen, können Sie mir sagen, wie diese komischen Vögel da unten heißen? 

AETE MUNCHNERIN. Das? Des san Bläßhühner. Bei uns in München sagt man Duckanterl. 

Die alte Münchnerin sieht die Dinge ganz anders. Sie hat in Evelyne eine Fremde erkannt, eine von diesen »Zuag'roasten«, denen man erst einmal die einfachsten Dinge erklären muß. 

AETE MUNCHNER~N . .. und des do, schaun S' mal, des is a Schwan, also ein Schwan ist das! 

Wer nicht weiß, was ein »Duckanterl« ist, der wird auch nicht wissen, was ein Schwan ist. Wer weiß, was man diesen Fremden sonst noch zutrauen kann? 

Evelyne lacht über die kleine Frau. Sie dreht sich nach dem Leierkasten-mann um. Diese Brücke ist wie eine Theaterbühne. Das Leben tritt hier nur auf, ist eigentlich an ganz anderen Orten zu Hause. Auch Ansgar, der sich am Ufer des Schloßkanals nähert, bewegt sich wie eine Figur aus dem Rokokotheater: Er trägt eine schicke Trambahner-uniform mit Schirmmütze, Zierknöpfen und Trillerpfeife an einer Zier-kordel. Er dreht lustige Pirouotten, grüßt die Spaziergänger an einer Parkbank und kommt lachend näher. 

HERMANN. Wenn ich an Ansgar denke, sehe ich einen Freund vor mir der früh sterben sollte. Es ist, als hätte man es ihm ansehen können. Seine vielen Bemerkungen über den Tod, sein gespielter Zynismus, sein ewiges Lachen. Wenn man das Ende kennt, kann es so aussehen, als hätte sich das ganze Leben darauf vorbereitet. Die Liebesge-schichte zwischen Ansgar und Evelyne dauerte sieben Monate und vier Tage. Die beiden trennten sich in dieser Zeit nicht einmal für Stunden. Evelyne besuchte mit ihm die Medizinvorlesungen, Ansgar folgte ihr in die Musikhochschule und in die Gesangsstunden. 

Ansgar ist bei Evelyne angekommen. Sie spürt mit geschlossenen Augen seine Anwesenheit. Als sie sich ihm zuwendet, zupft er galant seine Uniformjacke zurecht, setzt die Schirmmütze gerade auf den Kopf und steht vor ihr stramm. 

ANSGAR. Morgen fange ich auf der Linie 6 an. 

Er klemmt seine Trillerpfeife zwischen die Lippen und stöft einen schrillen Pfiff aus. Das Hutzelweibchen neben Evelyne erschrickt und beschwert sich, während Evelyne auf den uniformierten Freund zugeht, um ihn in die Arme zu nehmen. 

HERMANN. Die Liebe der beiden vermittelte uns Freunden das Gefühl der Ewigkeit. 

EVELYNE (spürt die Kälte der metallenen Uniformknöpfe). So muß sich das im Krieg angefühlt haben, wenn die Frauen ihre Männer umarmt haben. 

ANSGAR. Im Krieg? 

Ansgars Gedanken gehen in die Ferne. So ist es oft, wenn er seiner Freundin ganz nah ist, so nah, daß man sich nicht mehr sehen kann. Er sinnt hinter dem Wort »Krieg« her. Vielleicht braucht er auch die Vorstellung des Todes, um die Liebe und die Gegenwart überhaupt begreifen zu können. 

HERMANN. Etwas Festes war entstanden in unserer Welt der heimlichen Genialität, der Verliebtheiten und Ängste.

EVELYNE. Ich kann aber ganz gut schwimmen! 

Evelyne hat sich von den »Strudeln«, die Ansgar über seinem Kopf erzeugt hat, nicht abschrecken lassen. Sie nimmt einen mächtigen Anlauf und landet unversehrt in seinen Armen. Ansgar wird still. 

ANSGAR. Glaubst du an Schicksal?

EVELYNE. Nein, niemals. 

ANSGAR. Gleich ist es zu spät. 

EVELYNE. Ich spür s. 

Wieder ist es, als wollte die Zeit stehenbleiben. So kann es nicht bleiben. Das spüren die Liebenden in ihrer Umarmung auf dem Trottoir erst nach einer Weile. Sie reißen sich los und rennen. Sie rennen ohne Ziel -verliebt, verspielt, auf der Flucht vor ihrem Schicksal. 

HERMANN. Von der Welt, in der wir lebten, nahmen wir kaum Notiz: Der Russe Gagarin flog als erster Mensch in den Weltraum, die Amerikaner blamierten sich in der Schweinebucht von Kuba, Chru-schtschow und Kennedy trafen sich in Wien; Hemingmay beging Selbstmord, in Berlin hatten sie die Mauer gebaut, Ereignisse des Jahres I96I. Es war Herbst. Wir Freunde in München spürten vor allem die Herbstmelancholie. Eigentlich waren wir schon ganz nah an der Erfüllung unserer Wünsche. Aber dennoch, diese Traurigkeit in unseren Seelen. Wir hatten keine Erklärung datür. 

 

403 Villa Cerphal, Garten

 
Die Wahrnehmung des Herbsttages ist nicht nur eine Sache der Augen. Auch die Erinnerungen spielen mit, vielleicht auch das Prinzip der ewigen Wiederkehr. Wie konnte man sonst das Bild einer Stadtsil-houette »herbstlich« nennen, oder die Bewegungen eines jungen Man-nes, der im Garten umhergeht? 

Reinhard bewegt sich durch den Villengarten wie ein Westernheld, der nach langer Abwesenheit in die Gefilde seiner Jugend zurückkehrt. Uberall scheinen Gefahren zu lauern. Er hält die Winchester im An-schlag, ist jederzeit bereit, einen verborgenen Rächer im Gebüsch zu erledigen. 

Reinhard ist in einem Film. Seine Schritte sind schwer, »schicksalhaft«. Er inszeniert sich selbst.

Auch Olga befindet sich in diesem Garten. Sie meditiert, indem sie auf Ansgars Schaukelstuhl eine Art Handstand macht. Sie balanciert, den 

labilen Stuhl im Gleichgewicht haltend, mit ihren Füßen in der Luft. Reinhard nähert sich mit der Winchester. 

OLGA. Würdest du auch auf Menschen schießen, Reinhard? REINHARD. Das hängt von der Situation ab. 

OLGA. Manchmal bewegst du dich wie John Wayne. 

REINHARD (lacht). Weißt du, im Western steckt für mich die ganze Philosophie des Kinos. Die Kamera immer auf Augenhöhe, das ist ganz wichtig. Und dann der Showdown, der Augenblick der Wahr-heit. Diese Art von Kino liebe ich. 

OLGA. Ja. Eine Art von Kino, wo keine Frauen drin vorkommen. 

Es ist nicht auszuschließen, daß Reinhard sich nur vor Olgas Blicken so heldenartig in Szene setzen wollte. Er wollte als Mann bemerkt werden, was schwierig ist, wenn man sich so lange schon kennt.

Olga aber wartet nun auch schon seit Monaten darauf, daß einer der Jungfilmer sie entdeckt - aber nicht als Frau, wie sie sagt, sondern als Schauspielerin, die sie endlich werden möchte. So gehen auch hier die Worte und die Gedanken weit auseinander. 

Olga verläft den Schaukelstuhl. Sie geht vor Reinhards Blicken durch den Garten. Sie zeigt ihm ihren Gang, ihren sportlichen Körper, den hübschen Hintern in den engen Jeans. 

Reinhard folgt ihr bis zu einer Schaukel, die im anderen Winkel des Gartens an einem Baum angebracht wurde. 

OLGA. Warst du noch nie verliebt, Reinhard? 

Mit dieser Frage bringt Olga den starken Mann aus der Fassung. Er geht sofort zum Gegenangriff über. 

RETNHARD. Deine Liebesgeschichte, die kennen wir ja. Kaum betritt Ansgar die Szene, brichst du in Tränen aus. 

OLGA. Warum weichst du mir aus? 

REINHARD. Ach was! Liebe, Schmerzen, Qualen - das ist doch Blödsinn! Olga läft ihn einfach stehen. Im Grunde hat Reinhard ja recht, denn ihre Liebesgeschichte mit Ansgar hat sich immer nur als Qual abgespielt. Olga setzt sich resigniert auf die Terrassenstufen. 

RErNHARD. Sag mal, was machst du hier eigentlich? Wartest du auf Ansgar? 

Reinhard bemerkt, daß Olga ein Tablettenröhrchen aus der Tasche nestelt und mit nervösen Bewegungen eine Pille einnimmt. Er ist irritiert. REINHARD. Was schluckst du da? Was ist denn das? 

Reinhard geht auf Olga los, reißt ihr das Tablettenröhrchen aus der Hand. Sie wehrt sich vergeblich.

REINHARD. Ich will wissen, was du da schluckst! Das ist wahnsinnig gefährlich. Wo hast du das her? 

OLGA. Noch von Ansgar. 

REINHARD (schleudert das Tablettenröhrchen in weitem Bogen in die Tiefe des Gartens). Liebe und Tod. Eine Sucht ist das! 

OLGA. Du hast keine Ahnung von der Liebe.

REINHARD. Weißt du, was Liebe ist? 

REINHARD (macht ein obszönes Zeichen mit der Hand). Das ist Liebe! Der Rest ist Einbildung. 

In ihrer Gekränktheit schlägt sie Reinhard ins Gesicht. Er geht, läBt sie stehen.

OLGA.So wirst du niemals schöne Filme machen. 

Es befriedigt Olga nicht, den Freund in seinem empfindlichsten Punkt getroffen zu haben. Sie zieht sich hinter eine Mauerecke zurück. So kann sie hoffen, unbehelligt zu bleiben. Es ist wahr, daß sie auf Ansgar wartet. Reinhard lenkt ein. Er nähert sich ihr mit seinem Westerngewehr, versucht zu lächeln. 

REINHARD. Willst du auch mal schießen? 

Er legt ihr das Gewehr in die Hände und hebt es in Schußhöhe vor ihre Augen. 

REINHARD. Kimme und Korn bilden eine Linie mit dem Ziel. Beim Abdrücken mußt du eiskalt sein.

Olga zielt auf das Gartentor. Uber »Kimme und Korn« erkennt sie Ansgar, der endlich ankommt. Er ist in Begleitung Evelynes und noch immer in Trambahneruniform. 

OLGA. Eiskalt?

REINHARD. Eiskalt! Drück ab! 

Bis hierher war alles Spiel: Olga zielt auf Ansgars Herz, sieht »eiskalt« aus und tut, als wäre es beschlossene Sache, den Freund zu töten. Als Ansgar aber näherkommt und ihr in die Augen schaut, bekommt sie Herzklopfen. Reinhard merkt, was es für Olga bedeutet, Ansgar so gegenüberzutreten. 

OLGA. Ich kann nicht! 

Reinhard feuert sie an. Olga hat Zweifel, ob das Gewehr geladen ist. 

REINHARD. Na los, mach schon! 

OLGA. Nein.

REINHARD. Drück ab! 

Ansgar hebt die Hände. Er bleibt vor Olga stehen und ergibt sich. Evelyne weiß noch nicht, was das alles bedeuten soll. 

Da drückt Olga ab. Das Gewehr war nicht geladen - aber Ansgar läßt sich mit einem Aufschrei vor Olgas Füße fallen. Er zuckt und winselt in gespieltem Todeskampf. 

ANSGAR. Du hast mich erwischt! Olga, wie konntest du so was nur tun?! 

Evelyne ist erschrocken. Spontan hat sie sich zu ihrem röchelnden Freund hinabgebeugt, will ihm helfen und weiß nicht, was Ernst ist und was Spiel. Sie sieht Olga an, die in die Knie gegangen ist und sich an der Hausecke festklammert. Auch Olga ist erschrocken über die plötzliche Erkenntnis; darüber, daß sie fähig gewesen ist, Ansgar zu töten. 

Reinhard lacht. Er ist in seinem Element: Alles ist Film. 

EVELYNE. Jetzt hört doch auf! Ich finde das wirklich verrückt, was ihr da spielt! 

REINHARD. Showdown! 

Evelyne steht jetzt neben Olga. Soll sie sich um die zitternde Rivalin kümmern? 

EVELYNE. Und warum weinst du? OLGA. Ich weine doch nicht. 

Reinhard hat Ansgar mit dem Gewehrkolben vom Boden emporgehoben. Jetzt drückt er auch ihm die Winchester in die Hand. Ansgar zielt auf Olga, die immer noch an der Hausecke kauert. Evelyne ist bei ihr, will sie verstehen. 

REINHARD. Komm, Ansgar, schieß auch mal! Das reinigt die Land-schafe! 

EVELYNE. Du liebst den Ansgar, nicht wahr? OLGA. Nein, es ist vorbei. 

Die beiden Männer stehen abseits. Reinhard versucht, ein »Männer-gespräch« zu führen. 

REINHARD. Soll ich mich um Olga kümmern? Ich finde, sie sieht nicht schlecht aus. 

ANSGAR. Also, wenn du das machst. . . 

Ansgar steckt sich den Gewehrlauf in den Mund. Er zeigt durch UbertreiLung des Gegenteils, wie gleichgültig ihm Olga mittlerweile geworden ist. 

REINHARD (lachtJ. Schieß doch! 

404 Villa Cerphal, Bibliothek


Ansgar verfügt über eine sehr sinnige Methode, die Schwingtür zu verriegeln, die das Zimmer Stephans mit der Bibliothek verbindet: Er steckt einen Besen mit seinem langen Stiel durch die beiden Messing-griffe und klemmt das Borstenende so zwischen Tür und Türrahmen, daß sich die beiden Flügel in keiner der beiden Richtungen mehr bewegen lassen. Jetzt muß er nur noch den roten Wollvorhang zuziehen, und schon hat er das Liebeszimmer in eine uneinnehmbare Burg ver-wandelt. 

Ansgar hat nichts an außer der Trambahnerjacke; Evelyne erwartet ihn auf der Rokokoliege. Sie ist nackt, zieht sich aber die Bettdecke bis zum Hals empor. Das führt dazu, daß auch Ansgar sich schämt. Er nähert sich ihr und versucht mühsam, sein Geschlechtsteil mit dem kurzen Jackenende zu verbergen. 

Das Ablegen der Scham ist ein Spiel, das die beiden Liebenden gerade mit großer Aufgeregtheit spielen. 

Ansgar streckt seine Hand nach Evelyne aus. 

ANSGAR. Evelyne, guck mal meine Hand an! Ich zittere. Ich habe noch nie so gezittert. 

Die Villa ist ein wunderbares Versteck für die Liebe. Evelyne lebt seit ihrer Ankunft im Bibliothekszimmer, in dem Frau Ries sie unterge-bracht hat. Ansgar besucht seine Freunde in diesem Haus, das mehr und mehr zum festen Treffpunkt für den »Fuchsbau-Kreis« geworden ist. So ist es möglich, ein gemeinsames Leben als Liebespaar zu führen, ohne daß Entscheidungen getroffen werden müssen. 

Die Liebenden sind bei ihren Umarmungen auf den Fußboden der Bibliothek geraten. Sie sind erschöpft. Sie ruhen sich in ihrem umher-gestreuten Bettzeug aus. 

EVELYNE. Ich habe Angst, daß die Tante bald kommt! 

ANSGAR. Nein, die kommt hier nicht rein. Die respektiert die Bibliothek, das weiß ich. 

Evelyne sieht das Zimmer an, als wäre es das erste Mal. 

EVELYNE. Hast du hier schon viele Mädchen umarmt? 

ANSGAR. Hör mal, Evelyne. Du darfst dich nie mit den anderen verglei-chen. Versprichst du mir das ? 

Sie entdeckt Ansgars nackten Zeh, der unter der Bettdecke hervor-schaut. Sie beugt sich vor und beginnt, diesen Zeh zu lieLkosen. 

EVELYNE. Ich liebe dich. 

Plötzlich muß sie lachen. Merkwürdig, wie dieses heiße Gefühl der Liebe geweckt wird durch solch kleine Einzelheiten am Körper des anderen. 

ANSGAR. Warum lachst du? 

Es sind unzählige Gedanken, die in solchen Augenblicken durch die müden Köpfe der Liebenden eilen. 

EVELYNE (lacht). Ach, ich mußte gerade an die alte Münchnerin denken, die ich heute getroffen habe. »Sehn S', des is a Schwaan...« Ich dachte immer, die Leute, die nicht aus ihrem Dorf rauskommen, die wohnen auf dem Land. Aber die gibt es auch in der Stadt, diese Leute. »Dös is a Schwaan« .. . 

ANSGAR (lacht ebenfalls). Dös is a Schwaan . . . 

EVELYNE. Du denkst sicher, ich bin verrückt, daß ich daran denken muß, genau in dem Augenblick, wo ich sagen will, daß ich dich lieb habe. 

Mein armer Kopf. 

ANSGAR. Ich habe vorhin, als wir uns umarmt haben, auch ein paarmal an was ganz anderes gedacht. 

EVEEYNE. An was denn? 

ANSGAR. An dieJacke da zum Beispiel! 

Jetzt sehen die beiden die Trambahnerjacke, die wie eine Vogelscheuche auf dem Kleiderständer hängt. Beide lachen. 

Draußen fällt ein Schuß. 

Ansgar hüllt sich rasch in das Leintuch, das er vom Bett reißt, öffnet den Besenriegel und stürzt in das benachbarte Studentenzimmer. 
 
405 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


ANSGAR. Was ist los? Wer hat denn da geschossen? 

Reinhard kommt mit dem Gewehr von der Terrasse herein. Er legt die noch rauchende Flinte vor Ansgar auf den Flügel. 

ANSGAR. Hast du geschossen?

REINHARD. Es mußte sein. 

Ansgar ist sprachlos. Da kommt Helga herein. Sie ist ganz außer Atem vor Lachen. 

HEEGA (lacht). Sag mal, spinnst du?

REINHARD. Ich habe die Buche gefällt! 

Jetzt kommt auch Stefan von draußen herein. Er versucht, das Ereignis auf die lässige Art zu übergehen. 

STEFAN. Du bist wirklich ein Kindskopf, Reinhard! 

ANSGAR. Was war denn los? 

STEFAN. Er wollte folgendes nicht zur Kenntnis nehmen: daß Rechnun-gen über z4ooMark an das Kopierwerk zu zahlen sind, daß der Verleih unseren Film abgelehnt hat, und daß ich mit über 8000 Mark dastehe, die ich mir auf mein Erbteil von meinen Eltern ausgeliehen habe, um den Rest des Films zu zahlen. Ich möchte jetzt wirklich mal wissen, wie er sich vorstellt, wie das weitergehen soll! 

HELGA. Wie, und deswegen hast du geschossen? 

Reinhard hat nicht zugehört, sondern Ansgar gemustert, wie er dasteht, mit seinem Bettuch über den Schultern und dem Besen in der Hand. 

REINHARD (lacht). Du gefällst mir, Ansgar. Kommst gerade aus dem Bett, was? 

Stefan dreht durch. Reinhards Westernruhe macht ihn fertig. 

STEFAN. Antworte endlich! 

REINHARD. Ole hombre! Dein Erbe ist angegriffen. Da wirst du eines Tages auf ein Zimmer in deiner Villa verzichten müssen. Oder ich werde dein Untermieter! 

ANSGAR (denkt immer noch über Stefans Sätze nach). 8000 Mark! So einen reichen Papa hat der! 

STEFAN. Ich denke nicht daran, mich vor euch zu rechtfertigen! 

Stefan hat die Winchester an sich genommen. Er will das Zimmer verlassen und öffnet die Tür zur Diele.

Da steht Frau Ries vor ihm. Sie hat an der Tür gelauscht und weicht jetzt ertappt zurück. 

FRAURIES. Ich habe doch da gerade einen Schuß gehört!

STEFAN. Ja. 

Stefan legt die Winchester auf den Dielentisch und geht in die Küche. Evelyne, die auch wissen möchte, was vorgefallen ist, nähert sich dem Gewehr. Sie hat sich inzwischen die Uniformjacke angezogen. Sie betastet die Waffe.

FRAU RIES. Fräulein Evelyne, lassen Sie das doch, das ist gefährlich . . . 

Evelynes Augen suchen Ansgar. Was ist eigentlich geschehen? Ansgar lächelt rätselhaft zurück. Stefan kommt mit einem Glas Milch aus der Küche. Reinhard und Helga gehen in den Herbstgarten hinaus. 
 
406 Villa Cerphal, Garten

Das Geschoß aus der Winchester hat den Stamm der Buche völlig durchbohrt. Es ist dieselbe Buche, unter der die Schaukel hängt. Hier hat Olga noch vor kurzem gesessen. Helga nähert sich dem Baum, um den Durchschuß genauer zu betrach-ten. Man könne mit diesem Gewehr »einen Elefanten wegpusten«, hatte Reinhard kürzlich gesagt. Jetzt hatte er Stefans bürokratische Abrech-nung damit weggepustet. Helga ist begeistert über die Möglichkeiten, die in einer Waffe verborgen liegen. 

HELGA. Es lebe die Poesie! Reinhard, du bist toll! 

407 Hof des Kohlen-Josef


HERMANN. Ich wohnte immer noch mit Clemens zusammen und teilte mit ihm die enge Bude beim KohlenJosef. Noch immer übte ich Gitarre in meinem Vorderschuppen, noch immer verbrachte ich meine Nächte im »Fuchsbau«. Josef hatte seit Tagen über Architek-turplänen gebrütet und mehrmals Besuch erhalten von feinen Herren mit Aktentaschen und Schlipsen. An diesem Tag hatte auch der Kohlenlosef seinen feinen Anzugaus dem Schrank geholt. 

Der Stadtbriefträger, der täglich durch die Schwabinger Straßen fährt, um die Post auszutragen, hat vieles mit dem Landbriefträger im Huns-rück gemeinsam: Sein Fahrrad ist ebenso klapprig und gelb, sein Tempo ebenso träge und die Art, in der er die Briefe aushändigt, genauso bürokratisch, wie Hermann das seit seiner Kindheit vom Dorf her kennt. Das und auch die nähere Umgebung, der Kohlenhof, das Ruinen- grundstück, der Ubungsschuppen neben dem Eingang und Josefs eig-liche Arbeit sind für Hermann inzwischen heimatliche Eindrücke und Gewohnheiten geworden. Er liebt es, hier zu wohnen - in einer kleinen Zwischenwelt zwischen dem Dorf, das er verlassen hat, und der Stadt, von der er noch nicht angenommen worden ist. 

Der Briefträger hat außer dem großen Umschlag mit Architekturplänen für den Josef noch einen Brief für Hermann abgegeben. 

Hermann will gerade zur Hochschule radeln, als Josef ihn aufhält und ihm den Brief überreicht. Josef sitzt auf einem Holzstoß und betrachtet die Baupläne, die er dem Umschlag entnommen hat. 

KOHLEN-JOSEF. Jetzt geht's mir wie dem Maler, von dem ich dir mal erzählt hab, weißt du's noch? Der, wo in die Zukunft hat schauen können. So kann ich mir das vorstellen, wie da ein riesiger Bagger herkommt, weißt schon, so ein Trumm wie der, womit's grad am Hauptbahnhof das große Loch graben. Also, der kommt da rein, verstehst, in das enge Grundstück, und der walzt alles nieder wie ein Panzer. Da brauchst mich nicht so ungläubig anschauen. Ich weiß schon, was ich sag. Des hier, des wird alles eingeebnet, weggeputzt, verstehst? Ein Schandfleck ist meine Kohlenhandlung im Münchner Stadtbild. Hast des net gewußt? Da kommen Etagenwohnungen hin, wie sich's gehört für eine moderne Stadt. Mit rundum laufenden Balkonen, Aluverglasungen, Müllschlucker, fünfstöckig, mit FuBbo-denheizung, damit die Mieten steigen. 

Hermann ist überfordert. Er hält den ungeöffneten Brief in seiner Hand und sieht, wie der Briefträger das Grundstück verläBt. Er folgt Josefs Rundumblick zu all den Häusern, Nebenbauten, den Balkonen und Fenstern in der Nachbarschaft. 

HERMANN. Das heißt, wir müssen alle ausziehen? 

KOHLEN-JOSEF. Mei, Hermann, da gibt's keinen Platz mehr für Musik-studenten, Künstler, Kleinverdiener, verstehst? 

HERMANN. Wo soll ich eine neue Wohnung finden? Und wann soll das losgehen? 

KOHLEN-JOSEF. Mei, Hermann, alles hat einmal ein End im Leben. Im März soll hier alles abgerissen werden. Ich hab's ja auch gerad erfahren. 

Hermann weiß nicht, wie er alle Konsequenzen dieser Nachricht auf einmal in seinen Kopf bringen soll. Er muß sich also nun doch nach einer eigenen Bude umsehen! Er iSt nachdenklich zu seinem Fahrrad gegan-gen. Josef folgt ihm. 

KOHLEN-JOSEF. Die neuen Eigentümer wollen sich aber erkenntlich zeigen: dafür, daß ich meine Existenz aufgeben soll, und dafür, daß wir jetzt seit drei Generationen hier in der Augustenstraß' die Kohlen-handlung gehabt haben. Ja mei, die bieten mir eine Abfindung an, zu der kann ich nicht nein sagen. Das ist so viel Geld, da brauch ich nie mehr wieder in meinem Leben arbeiten. Also heißt's: Habe die Ehre, alterJob! Und vorbei ist's mit den schwarzen Kopfkissen im Bett! 

Josef geht weiter. Hermann erinnert sich, daß er immer noch den Brief in der Hand hält. Er öffnet ihn schnell. 

HERMANN. Ich hatte mir die ganze Zeit verboten, an Clarissa zu denken. Und jetzt dieser Brief . . . »Herrn Hermann Simon, München«, stand auf dem Umschlag, sonst nichts. 

Josef dreht sich am Tor noch einmal nach Hermann um. 

KOHLEN-JOSEF. Heiraten hätt ich sollen! Damals, I947, hätt ich in der Nähe von Landshut eine Bauerntochter heiraten können. 

»Ich liebe Dich, Clarissa.« 

Diese Worte auf dem Brief verschwimmen vor Hermanns Augen. Hermann sieht den Josef an, als wäre er ein Gespenst. 

KOHLEN-JOSEF. Aber ich hab's halt nicht geliebt! Verstehst du so was? 

Hermann liest Clarissas Zeilen noch mal und steckt sie in den merkwür-dig adressierten Umschlag zurück. 

Josef geht schwermütig davon. 

HERMANN. Clarissa hatte es dem Zufall überlassen, wie lange der Brief unterwegs ist, und ob er je bei mir ankommt! War es das, was sie damals mit »Schicksal« gemeint hatte? 

408 Vor Haus Clarissa

Hermann durcheilt jetzt alle Stationen seiner Begegnungen mit Clarissa: das lange Trottoir der Schwabinger Bürgerstraße, wo er ihr in der Winternacht zum ersten Mal gefolgt ist, die Toreinfahrt, wo ihn die Eifersucht auf Juan geplagt hat, die Klingel, die er in der Nacht nicht zu drücken wagte, als er den Liebesbrief an sie schrieb. 

Er klingelt aufgeregt. Der elektrische Türöffner summt. Hermann stürmt ins Haus. 

409 Wohnung Clarissa, Treppenhaus 

Jetzt die anderen Stationen der Clarissa-Begegnungen: der Treppenab-satz, wo er sie das erste Mal geküßt hatte, die Stufen, auf denen er ihren Körper ertastet und ihren Slip erobert hatte, die Wohnungstür, in der sie entschwunden war, als der Hausbewohner sie störte. 

An der Tür aber steht nicht Clarissa, sondern ihre Wirtin, die an ihrer Schürze nestelt. Sie erwartet Hermann mit der typisch aufdringlichen Neugier der Münchner Zimmervermieterinnen, die alles wissen wollen. 

HERMANN. Ist Fräulein Lichtblau nicht da? 

FRAU FOISNER. Sie san gewiß der Komponist. 

HERMANN. Ja. 

FRAU FOISNER. Nein, Fräulein Lichtblau ist leider nicht da. 

HERMANN. Nicht da? Aber ich habe gerade einen Brief von ihr bekom-men! 

Frau Foisner hat ein unermüdliches Mundwerk. Sie sieht Hermann an, als ob sie ihn bis in die Seele verstünde, und hat doch kein Interesse an ihm. 

FRAU FOlSNER. Sie ist ja so ein nettes Mädchen! I mag's ja so gern. Und wie die fleifig ist! Die übt ja ununterbrochen. Am liebsten dat's in der Nacht auch noch üben, aber, wissen S', das geht natürlich in so einer Mietswohnung nicht. Mir macht's ja nichts aus, ich hab ja selber mal Klavier gespielt, mei, jetzt natürlich schon lang nicht mehr, und meine Kinder sind schon aus'm Haus, aber sie is so was von bienenfleifig, und jetzt hat's sogar des Cello mitgenommen! Stellen S' Eana des vor! Aber mei, wenn man halt was werden will, da muß man einfach üben. Das ist halt in dem Beruf aso. . . 

410 Vor Haus Clarissa

Hermann ist den ganzen Weg durch das Haus langsam und nachdenk-lich zurückgegangen. Jetzt steht er vor der Einfahrt und weiß nicht, was er mit all seinen Gefühlen anfangen soll. Sein Herz ist zum Zerbersten voll; jede Pore seiner Haut verlangt nach Clarissa, die ihm das Liebes-bekenntnis geschrieben hat - und nun für ihn unerreichbar ist. 

HERMANN. Ich las die drei Worte noch einmal und immer wieder, so lange, bis sie mir wie eine Falschung vorkamen. 

Clarissa blieb verschmunden, es vergingen drei Wochen, vier Wo-chen, sechs Wochen. 

Ich hörte nichts von ihr, und keiner der Freunde hatte sie zu Gesicht bekommen. Was mochte bloß das Geheimnis sein, das sie vor uns allen verbarg? 

411 Wald über Wasserburg 

Das Städtchen in der Innschleife liegt in zartem Herbstnebel, aus dem nur die alten Turmspitzen hervorschauen. 

Clarissa gibt sich ihrer Einsamkeit hin. Sie sitzt auf einer Bank am nebligen Waldrand und sieht hinab in das Heimatstädtchen. Alle Einzelheiten ihrer Jugend liegen in diesem Nebel verhüllt: das Haus der Mutter, die Villa von Dr. Kirchmayer, die Straßen mit den tausend Augen. 

Thre Gedanken sind bei Hermann. Sie fragt sich, ob ihr Liebesbekenntnis ihn gefunden hat. Sie geht durch den Herbstwald und genießt es, unauffindbar zu sein für den Fall, daß er sie nicht liebt. 

Heute ist der Tag, an dem Clarissa ihr neues Cello erhalten soll. 

412 Wasserburg, Villa Dr. Kirchmayer

Beinahe hätte Clarissa sich verspätet. Plötzlich sind die Stunden schneller vergangen, als man dachte. 

Clarissa muß sich beeilen, um zur Villa zu gelangen. Die Tür steht offen für sie. 

413 Villa Dr. Kirchmayer

Dr. Kirchmayer ist ein weißhaariger Endfünfziger, dessen Haus mit stilvollem, aber auch unpersönlichem Inventar eingerichtet ist. Alles sieht hier nach dem anspruchsvollen Leben einer reichen Bürgerfamilie aus; alles ist sauber und penibel aufgeräumt. Durch die Fenster flutet weißes Herbstlicht herein. 

Dr. Kirchmayer kommt aus dem hintersten Raum einer Zimmerflucht. Er trägt einen edlen Cellokasten aus Schlangenleder, der beinahe die ganze Türöffnung ausfüllt, als er stehenbleibt und Clarissa mit einem Lächeln anschaut. 

DR. K. Ist dir kalt? 

Clarissa schüttelt den Kopf. Sie spielt mit dem schwarzen Wollschal. Ihre Gedanken sind noch gar nicht hier. Sie versucht, dies alles als real zu erkennen, aber es will ihr nicht gelingen. 

DR. K. Willst du nicht die Jacke ausziehen? 

Sie greift nach dem Reißverschluß, vergißt aber die Jacke gleich wieder und behält sie an, während Dr. Kirchmayer auf sie zukommt und den Cellokasten mit behutsamen Bewegungen auf einen Klavierhocker vor dem Flügel legt. Feierlich öffnet er die Schlösser. Clarissa bewegt sich auf das Instrument zu. Sie ist magisch angezogen von dem dunklen Holz und den schimmernden Samtabdeckungen, die der Mann für sie jetzt entfernt, um das edle Cello ganz zu entblößen. Sie tritt an seine Seite, um mit ihm durch die F-Löcher ins Innere des Instruments sehen zu können. 

Da unten, tief im Halbdunkel des Instrumentenkörpers, geheimnisvoll von der Patina der Jahre überzogen, erkennt man das Zeichen des alten Geigenbauers. 

DR. K. (liest vor). »Giovanni Franziscus Pressenda, Q. Raffael fecit Taurin, anno domini I749«, über zoo Jahre alt. Es hat die ganze lange Zeit auf dich gewartet. Jetzt habt ihr euch gefunden, es gehört dir, Clarissa. Nimm! Clarissa geht zu einem der Sessel und setzt sich hin. Hat sie sich wirklich dieses wunderbare Geschenk gewünscht? Ist es das, was ihr fehlt, um glücklich zu sein? Es ist auch wie ein Abschied, nur weiß sie nicht, 

CLARISSA. Jetzt bin ich traurig. So geht mir das oft. Wenn ich ganz nah bin an dem, was ich mir wünsche, dann bin ich traurig. Ich weiß nicht, was das ist. 

Dr. Kirchmayer hat das Cello in seinen edlen Kasten zurückgelegt und geht zum Fenster. Er wagt es nicht, Clarissa näher zu kommen. 

DR. K. Ich möchte dir alles geben, dir alle Wünsche erfüllen. 

Er weiß, daß er sie mit Geschenken nicht gewinnen kann. Er muß zu dem stehen, was er gesagt hat. Es kann nicht mehr sein und auch nicht weniger. 

CLARTSSA. Ich glaube, in mir ist eine Kraft, die alles zerstört, sobald ich es besitze. Was ist das nur? 

Clarissa erhebt sich, eiskalt im Herzen. Sie ist nicht einmal dankbar. DR. K. Du suchst, du probierst aus, du bist jung! 

Sie ist zu dem Cello zurückgegangen. Spielerisch zupft sie an den Saiten. Sie möchte plötzlich diese Ehrfurcht abschütteln und das Instrument einfach nehmen und darauf spielen. Sie will es mißhandeln, wenn es sein muß. 

CLARISSA. Ich möchte jetzt das Cello nehmen und weglaufen! DR. K. Dann tu es doch! 

Sie beginnt, das Instrument einzupacken und den Kasten zu verschließen. Dr. Kirchmayer beobachtet sie vom Fenster aus. Nun ist er traurig. DR. K. Weißt du, daß ich dich immer noch liebe?

Clarissa geht nicht auf seine Worte ein. Sie ist fertig zum Weggehen, hat aber plötzlich das Gefühl des Unrechts. Sie zögert. 

CLARISSA. Ich gehe jetzt. Ist das o. k. ?

DR. K. O.k.!

Ein erlaubter Diebstahl? Ein Cello, ein Instrument, auf dem sie üben muß, mit dem sie sich plagen muß, sonst nichts! Sie nimmt den Kasten am Griff und verläßt rasch das Zimmer. Sie wird auf diesem Instrument Hermanns Cellokonzert spielen. 

414 Haus Dr. Kirchmayer

Clarissa trägt das Cello durch den Garten hinaus. Dr. Kirchmayer beobachtet sie vom Fenster aus. Ihm bleiben nur noch seine Erinnerungen an das erwachende Mädchen, das sie einmal war, als nur er sie erkannt und gefördert hatte; als nur er das Glück erleben durfte, ihr alles geben zu können. 
415 Wohnung Mutter Clarissa

Im Licht des heraufziehenden Abends übt Clarissa auf ihrem neuen Cello. Sie hat ihr Notenpult so vor das Wohnzimmerfenster gestellt, daß ihr Blick sich zwischendurch auf dem Bild der nahen Kirchenfenster ausruhen kann. Sie übt geduldig eine Etüde von Jean-Louis Duport. Immer wieder spielt sie die einförmigen Arpeggien, ohne sich in Ausdruck und Technik zu verbessern. 

Die Mutter kommt von ihrem Andenkenlädchen herauf, betritt die Wohnung mit einer Tiffany-Lampe, die sie an ihrem kleinen Werktisch reparieren will. 

Clarissa spürt den Blick der Mutter in ihrem Rücken. Sie hält inne. 

MUTTER CLARISSA. Du hast früher besser gespielt, Clarissa. 

Clarissa widmet sich wieder dem Instrument. Sie spielt verbissen weiter. Sie weiß, was jetzt kommen wird. 

MUTTER CLARTSSA. Uben, üben, das ist das ganze Geheimnis! Mein Gott, Clarissa, wenn ich so jung wäre wie du, ich würde mit meinem Pfund wuchern! Du mußt die ganze Energie deinerJugend einsetzen. Talent hast du genug. 

CLARISSA. Mutter! 

Jedes dieser Worte kennt sie, seit sie mit elf Jahren mit dem Cellospielen begonnen hat. Clarissa wehrt sich jetzt nur noch mit ihrer Art zu spielen: Die stupiden Tonfolgen der Etüde werden trotzig und scharf. 

Die Mutter unterbricht ihre Lötarbeit. 

MUTTER CLARISSA. Die richtigen Freunde mußt du haben. Clarissa, bist du auch vorsichtig bei der Wahl deiner Freunde? 

CLARiSSA. Mutter, jetzt hör aber auf! 

MUTTER CLARTSSA. Man kann nicht genug aufpassen. Weißt du, wie ich vor dem Krieg deinen Vater kennengelernt habe? 

CLARISSA. Das hast du mir schon dreißigmal erzählt. 

MUTTER CLARISSA. Das Leben gibt dir nur einmal die Hand, merk dir das. 

Ein Ruck geht durch den Körper der Mutter. Sie legt die Arbeit entschlossen beiseite. 

MUTTER CLARISSA. Wann ist dieserWettbewerb? 

CLARISSA. In fünf Wochen. 

MUTTER CLARISSA. Dann kannst du es schaffen. Ich halte dir den Rücken frei. 

Leichtes Essen, frische Luft und eine Mutter, die weiß, was dir guttut. Das sind Werte, die hat nicht jeder. 

Clarissa läßt die Worte der Mutter ausklingen. Dann zwingt sie sich zur Konzentration. Sie verlangsamt das Tempo, spielt jetzt präziser. 

MUTTER CLARiSSA. Irgendwie klang dein altes Cello besser, kann das sein? 

CLARISSA. Aber ich muß mich doch erst darauf einspielen. 

Die Mutter erhebt sich. Sie tritt hinter ihre Tochter und spricht ihr über die Schulter. 

MUTTER CLARISSA. Hör mal, Clarissa, wenn ich hinter dir stehe, dann wirst du gewinnen. So war es immer. 

Clarissa spielt eine Passage aus Hermanns Cellokonzert. Es ist ein aggressiver, rhythmisierter Akkord. 

CLARISSA. Wie findest du so was? 

MUTTER CLARISSA. Scheußlich! Was ist das? 

CLARISSA. Mir gefällt es jeden Tag besser. 

Noch einmal spielt Clarissa die Sequenz von Hermann Simon. Endlich etwas, das nur ihr allein gehört! Die Mutter ist zufrieden. Sie will sich nun um das Abendessen kümmern. 

MUTTER CLARISSA. Ist gut. Dann lasse ich dich jetzt wieder allein. 

Clarissa verbeißt sich in Doppelgriffe, Akkorde und Saitenwechsel, bis es draußen vor der Kirche ganz dunkel geworden ist. 

416 Münchner Trambahn

Ansgar tut Dienst auf der Linie 4. In der Maximilianstraße ist ein Kontrolleur zugestiegen, der die von Ansgar verkauften Fahrscheine bei den Fahrgästen kontrolliert. 

KONTROLLEUR. Fahrkarten vorzeigen! Danke, nächste umsteigen! 

Evelyne, die Ansgar auf allen seinen Wegen begleitet und auch bei seinen Dienstfahrten neben ihm sitzt, hat Glück gehabt: Ansgar konnte ihr noch einen gültigen Fahrschein zustecken, ehe sie kontrolliert wurde. 

ANSGAR. Statistisch gesehen wirst du bloß alle 180 Fahrten kontrolliert. Jetzt hast du 179 Freifahrten. 

EVELYNE. Ich möchte immer bei dir sein. 

ANSGAR. Immer? Auch wenn ich sauer bin? 

EVELYNE. Ja. 

ANSGAR. Auch auf´m Klo? 

EVELYNE (lacht). Ja! 

ANSGAR. Du bist pervers. 

Eine Münchnerin, die das verliebte Paar beobachtet hat, erinnert Ansgar an seine Pflichten. Sie will endlich eine Fahrkarte kaufen. 

FAHRGAST. Einmal Isartor, bitte. 

ANSGAR. Nächste Maxmonument! Nächste dann umsteigen. 

Ansgar ist jetzt wieder ganz »Schaffner«. Neben dem Trambahnwagen, der jetzt über die Ludwigsbrücke zum Maximilianeum hinauffährt, strengt sich ein Radfahrer an, die Straßenbahn zu überholen. 

ANSGAR. He, da ist ja der Hermann! Hermann, hallo! 

Auch Hermann hat Ansgar und Evelyne erkannt. Er beginnt darauflhin ein regelrechtes Wettrennen, das er beinahe gewinnt. Die Freunde genießen in vollen Zügen das tolle Gefühl, in einer gemeinsamen Stadt zu leben. 

417 Musikhochschule, Konzertsaal

Hermann hat auf der Bühne des großen Konzertsaals ein bizarres Sammelsurium von »Klangerzeugern« aufgebaut. Mit seinen Musikern versucht er, Orgelpfeifen verschiedener Größen zum Tönen zu bringen. Er benutzt dazu den Luftstrom alter Staubsauger. Es gibt eine Menge technischen Kuddelmuddel, so daß die Probenarbeit mehr nach Mechanikerarbeit aussieht als nach der Vorbereitung eines Konzertes. 

Star des Unternehmens ist Frau Moretti, die in einem großgeblümten Kleid wie eine Operndiva trällernd umhergeht und ihre Stimme »warm singt«. Versuchsweise stößt sie einen Operettenjuchzer aus. 

HERMANN. Ich tat alles, um zu vergessen: Clarissas Brief, die angefangenen Freundschaften, mein Hunsrücker Gelübde, den ganzen Kloß von unerfüllten Wünschen! Ich hatte ein Stück für Frau Moretti komponiert. Ein szenisches Happening, mitgroßen Trommeln, elektronischen Klängen, Klavier, einer Windmaschine und acht Staubsaugern. 

Die Moretti verkörperte ein Stück Operettenwelt. Damit wollte ich die Freunde und die Hochschulprofessoren schockieren. 

FRAU MORETTI (lacht). Muß ich lachen silberhell! 

Hermann versucht, die übererregte Frau zu dämpfen, damit seine Musiker weiterarbieten können.

HERMANN. Gnädige Frau, Frau Moretti, können Sie sich noch einen Moment gedulden? Bitte sehr, wir müssen noch diese Motoren ausprobieren. 

FRAU MORETTI. Bitte nicht umschauen. Nicht umschauen! 

HERMANN. Warum? 

FRAU MORETTI. Er ist gekommen. 

HERMANN. Wer? 

FRAU MORETTI. . Meine neue Eroberung. Ein echter Baron. Tun S' mir den Gefallen und probieren S' den Anfang mit mir. Ich wäre ja so glücklich! Sie wissen doch, wie schwer ich es hab' in diesem fremden Land! 

Hermann schaut unwillkürlich zum Eingang und erkennt den älteren Herrn, der dort mit einer Rose in der Hand steht. Es sieht aus, als ob der 

Herr direkt zu Hermann herüberlächelt. Hermann lächelt verlegen zurück. Hermanns Blick fällt wieder auf die Moretti, die ihn immer noch flehend ansieht. Hermann will ihrem Wunsch nicht widerstehen. Er ruft seine Musiker zusammen, die immer noch mit den Staubsaugern und Kabeln herumspielen. 

HERMANN. Können wir mal den Anfang probieren? Den Einsatz Frau Moretti, direkt, ohne Vorspiel. Und bitte, todernst bleiben. Ich möchte nicht, daß gelacht wird. Habt ihr eigentlich alle einen Frack? Hermann setzt sich an den Flügel. Schnell arrangiert er die Aufstellung der Instrumentalisten: ein Saxophonist, zwei Schlagzeugspieler und ein Kontrabassist. Hermann gibt der Moretti ihren Einsatz. 

HERMANN. Ich hatte die dicke Ungarin in der letzten Zeit öfter besucht. Vielleicht, weil ich immer noch hoffte, das Zimmer bei ihr zu bekommen. Vielleicht aber auch, weil ich bei ihr das Genie verkörpern durfte, daß ich viel lieber in den Augen meiner Freunde gewesen wäre. 

Die Moretti hat sich mitten auf der Bühne so aufgestellt, daß sie mit ihrem ausladenden Körper und ihrem schillernden Kleid wirklich als Star wirkt. Ihr Blick geht beim Singen in eine vage Ferne. 

FRAU MORETTI (singt). »Ich stehe wie das Glück auf seinem Balle, doch werd ich wacklig, wenn ich lange steh! « 

In der Extase des Singens ist ihr entgangen, daß der »Herr Baron« sich entfernt hat. Sie erfaßt nur, daß er plötzlich weg ist. Ihre Stimme stockt mitten im Ton. 

Hermann unterbricht. 

HERMANN. Was ist los ? 

FRAU MORETTI. Er ist weg! 

Nun bemerkt auch Hermann, daß sich Frau Morettis Verehrer aus dem Saal entfernt hat. 

FRAU MORETTI. Hab ich was falsch gemacht? War es wieder der hohe Ton? 

HERMANN. Vielleicht hat ihm auch das Kleid nicht gefallen. . . 

FRAU MORETTI. Oder die Musik! 

HERMANN. Das glaube ich nicht. 

FRAU MORETTI. Junge, tun Sie mir den einzigen Gefallen und schauen Sie nach, wo er ist geblieben, bitteschön. 

Hermann verläßt das Podium. Als er beim Ausgang ankommt, findet er dort, auf einer Brüstung, die Rose des Herrn liegen. 

Hermann denkt nach. Nichts in der Welt ist komplizierter als die Liebe. 

Als er sich im Vorraum umsieht, um festzustellen, wo Frau Morettis Verehrer geblieben sein könnte, steht er plötzlich vor Clarissa, die mit ihrem neuen Cello durch den Marmorgang gekommen ist. 

CLARISSA. Ich wollte dir mein neues Cello zeigen! 

Hermann vergißt augenblicklich, was er in diesem Vorraum tun wollte. Wie angewurzelt steht er vor der lachenden Freundin. 

HERMANN. Du warst verschollen! Mehr als sechs Wochen. Weißt du eigentlich, daß die ganze Musikhochschule dich gesucht hat? 

CLARISSA. Ich kann doch hingehen, wo ich will! 

Clarissa stützt sich auf ihr Cello. Sie sieht bleich aus, ein wenig überarbeitet. Aber sie lächelt Hermann geheimnisvoll an. 

HERMANN. Das bestreitet ja keiner. Aber vorher legst du überall Feuer, zündest alles an, bevor du wegrennst. 

CLARISSA. Uberall? Alles? Jetzt sprichst du aber in Rätseln. 

Hermann spürt, daß ihn seine Musiker von der Bühne her fragend anstarren. Auch die Moretti wartet immer noch auf seine Rückkehr. Sie will schließlich wissen, wo ihr Baron geblieben ist. Das alles ist zuviel: Hermann schließt die Tür zum Konzertsaal. Wenigstens diese eine Minute will er mit Clarissa allein sein. 

HERMANN. Ich habe einen Brief bekommen! 

CLARISSA. Ach, das ist doch schon lange her! Gibst du ihn mir zurück? 

HERMANN. Nein! 

CLARTSSA. Bitte...! 

HERMANN. Nein. Bist du deswegen gekommen? 

CLARISSA. Nein. 

Hermann geht auf Clarissa zu. Er steht jetzt dicht vor ihr. 

CLARISSA. Ich spiele dein Stück in Neuburg an der Donau. Mamangakis dirigiert. 

HERMANN. Ja, das Cellokonzert! Das habe ich ja völlig vergessen. Wie ist es denn?

CLARISSA. Schön. Es ist wirklich ein schönes Stück, Hermann. Ich habe sogar den Wettbewerb damit gewonnen.

HERMANN. Mein Gott, wo warst du denn so lange? Clarissa tut, als wüßte sie nicht, was in ihm vorgeht. Sie kokettiert, schützt sich hinter professionellen Informationen und hält sich perma- nent an ihrem Instrumentenkasten fest. Hermann läuft nervös umher. 

HERMANN. Und was war mit dem Brief?

CLARISSA. Ich glaube, ich war verrückt. 

HERMANN. Ich glaube, ich war auch verrückt. Das hätte ja gepaßt! Bei mir ist, glaube ich, viel mehr Zeit vergangen als bei dir. Da bin ich sicher. 

Clarissa legt ihre Hand auf Hermanns Nacken und zieht ihn zu sich heran. Die beiden Gesichter berühren sich. 

CLARISSA. Ach, Hermann, du bist wie ein Traum: Am nächsten Morgen kriegt man dich nicht mehr zusammen, da bleiben nur noch Fetzen übrig. 

HERMANN. So geht es mir mit dir. 

CLARISSA. Und mir mit dir. 

Endlich ist diese Nähe entstanden, nach der sich beide so gesehnt haben. Sie schließen die Augen und drücken ihre Stirn fest aneinander. Plötzlich dringt der Lärm der probenden Musiker herein. Hermann und Clarissa nehmen wieder wahr, wo sie sind. Volker hat die Saaltür geöffnet und steht nun da, um Hermann zu begrüßen. 

VOLKER. Ich habe mir deine Probe angehört, Hermann. Eine schöne Atmosphäre hast du da geschaffen. Man spürt, da entsteht etwas, was Kraft hat. 

HERMANN. So? Das freut mich. Ich glaube, ich muß weitermachen. 

CLARISSA. Nein, ich wollte dir doch noch mein Cello zeigen! Es ist ein echtes s ist ein echtes italienisches. Ich nenne es Giovanni - nach seinem Erbauer. 

HERMANN. Ich muß zurück! Kommt ihr denn in mein Konzert? Es ist in zwei Wochen. 

Volker steht neben Clarissa. Er weiß offenbar viel mehr über sie und ihre Arbeit als Hermann. 

VOLKER. Bist du dann schon wieder da? Sie macht jetzt die Tournee mit den Wettbewerbsgewinnern. Das gibt übrigens Tantiemen für dich, Hermann. Kümmere dich mal darum. 

Jetzt ist auch die Moretti im Vorraum erschienen. Sie hat die Rose gefunden und ist offenbar ganz zufrieden mit diesem Gruß, den ihr der fremde Herr hinterlassen hat. 

FRAU MORETTI Junge, unsere Probe! Wir warten auf dich. 

Sie faft den schmächtigen Hermann um die Schultern und drückt ihn stolz an ihre gewaltige Brust. 

FRAU MORETTT. Mein Genie! Volker und Clarissa lachen Hermann und seine Diva an. 

418 Musikhochschule, Ubungsraum

Evelyne erhält eine Gesangsstunde bei Professor Blaschke. Der Lehrer sitzt am Klavier, schlägt die Töne an, Evelyne kontrolliert sich beim Singen in einem Spiegel, der auf dem Flügel steht. 

PROFESSOR BLASCHKE. Nicht so ein Hitchcock-Gesicht machen. Schauen Sie mich freundlich an. Noch mal. 

Evelyne singt auf einem Ton die absurden Texte, die der Professor vorgibt.

EVELYNE. » Renne jeder, was er kann, was er will, was er soll . . . « 

Ansgar versucht, Evelyne auch beim Unterricht nahe zu bleiben. So, wie sie ihn auf seinem Trambahnerdienst begleitet, so bleibt er während des Studiums an ihrer Seite, so gut er kann.

Der Ubungsraum ist zum Gang hin mit einer Doppeltür abgeschlossen. Ansgar versucht es sich in dem engen Zwischenraum zwischen den beiden Türen bequem zu machen. 

Er raucht. Das verursacht allerdings eine kleine Katastrophe, weil der winzige Luftraum im Nu so verqualmt ist, daß er unter Hustenanfällen und mit tränenden Augen die Tür zum Flur aufreißen muß, um wieder atmen zu können. 

Nach dem schönen Text »mamma mia, mamma mia...« schwelgt Evelyne in den »Legato-Ubungen« des Professors. Als es danach eine Weile ganz still in dem Ubungszimmer wird, öffnet Ansgar vorsichtig die Tür, um ein wenig besser sehen zu können, was der Professor mit Evelyne macht. Ansgar sieht, wie die Freundin dasteht und gegen die Hände des Professors atmet. 

Der Professor hat Ansgar bemerkt. Er unterbricht die Atemübungen, um zu erfahren, was Ansgar will. 

EVELYNE. Das ist mein Freund. 

PROFESSOR BLASCHKE. Keine Angst. Gleich noch mal. Ausatmen bitte... einatmen, gegen meine Hände... bis in den Rücken hinein. . . anhalten. . . Iangsam ausströmen lassen. 

Jetzt singt Evelyne, von Professor Blaschke am Klavier begleitet, eine Arie aus Wagners »Rheingold« - »Weiche, Wotan, weiche!« 

Mit ihrer ungewöhnlich tiefen Altstimme ist sie schon eine richtige Heldin auf einer imaginären Opernbühne. 

419 Königsplatz

Der klassizistische Platz gegenüber der Musikhochschule lädt an sonnigen Tagen selbst im Herbst zum Verweilen ein. Auf den Steinstufen der Glyptothek sitzen die Studenten gern, um ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Evelyne schützt ihre Augen mit Ansgars Trambahnermütze vor der Sonne. Sie hat begonnen, einen Brief an ihre Familie in Neuburg zu schreiben. Jetzt denkt sie nach. Ansgar kommt mit ihrer Handtasche, die er ihr nachgetragen hat. 

ANSGAR. Du sollst nicht meine Mütze aufsetzen! Ich mag nicht, wenn du die aufsetzt.

EVELYNE (lacht). Und ich mag nicht, wenn du sie aufsetzt. 

Ansgar beendet das Spiel mit der Mütze. Er setzt sich neben sie auf die Stufen. Er lehnt sich an Evelynes nackte Schulter und liebkost ihren Hals. Sie schreibt weiter an ihrem Brief. 

EVELYNE. »Lieber Jürgen, jetzt bin ich schon sechs Wochen fort von Euch, und es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Manchmal muß ich mich richtig anstrengen, um mir vorzustellen, wie es in Neuburg ausschaut. Eure Gesichter verschwimmen vor meinem inneren Auge, wenn ich ganz fest an Euch denken will. Ich habe endlich mein wahres Zuhause gefunden. Sei mir deswegen nicht böse. Du warst mir immer der Liebste, und das wird auch so bleiben. Ich bin hier an der Musikhochschule in den Fächern Gesang und Oboe angenommen worden, das ist erst einmal die Hauptsache. « Ansgar sieht ihr über die Schulter. Er liest mit. Er lernt Evelynes Handschrift kennen, die ein wenig seltsam ist, weil sie als Linkshänderin anders schreibt, als Ansgar es gewohnt ist. 

ANSGAR (liestJ. »Am nächsten Freitag findet in Neuburg ein Konzert statt, da solltest Du hingehen, denn die Cellistin ist eine gute Bekannte von mir. Sie spielt ein Stück von einem Freund . . . « 

EVELYNE. »... Wie Du siehst, habe ich hier Freunde gefunden. Einer davon bedeutet mir sehr viel. Ubrigens, weißt Du, wie meine Mutter ausgesehen hat? Genau wie ich, ich schwöre Dir, daß das wahr ist. 

Grüßmirdie Mama und den Hartmut. Deine Evelyne. 

PS: Ich werde trotz allem Deine Schwester bleiben!« 

Evelyne hat den Brief in ein Kuvert gesteckt und begibt sich zu einem nahen Briefkasten. Ansgar folgt ihr. ANSGAR. Und was machen wir jetzt? Evelyne hat die Frage gut verstanden. Sie sieht den Freund verliebt an. Die beid

420 Kongregationssaal, Neuburg

HERMANN. Mein Cellokonzert hatte ohne mein Wissen seine eigene Erfolgsgeschichte erlebt. Es gefiel sogar meinem eitlen Kompositionsprofessor, der bereit war, mein Stück zu dirigieren, als sich herausstellte, daß es vom Bayerischen Rundfunk live übertragen wird. Clarissa hatte den Cellowettbewerb gewonnen und spielte mein Konzert als Höhepunkt des Abschlußkonzertes vor all den Kritikern, Agenten und Hochschulprofessoren, die dafür nach Neuburg gereist waren. Evelynes Bruder Jürgen sitzt neben dem kleinen Bruder Hartmut, der eigentlich noch zu klein ist und vor allem zu nervös, um ein Konzert mit zeitgenössischer Musik zu hören. Der reichverzierte Barocksaal ist ausverkauft. Unter den Neuburger Bürgern ist auch Evelynes Stiefmutter zu erkennen und der eine oder andere Nachbar, die der Witwe bei der Beerdigung ihres Mannes zur Seite gestanden haben. Einer von ihnen scheint inzwischen den toten Vater zu vertreten, denn er behält den kleinen Hartmut in erzieherischer Aufsicht, sieht ihn strafend an, wenn er mit einer Taschenlampe herumspielt und das Deckenfries mit den in Fresken dargestellten Schutzheiligen anleuchtet. Einer dieser Heiligen ist der »heilige Hermanus«. Unter herzlichem Applaus betritt Clarissa, der Star des Abends, die Bühne. Sie ist die Gewinnerin der Gesamtbewertung des Wettbewerbs junger Musiker. Sie hat nicht nur den »Ersten Platz in der Instrumentenbewertung« gewonnen, sondern auch den »Spezialpreis der Jury«, einen von einer bayerischen Bank gestifteten Vertrag über zwanzig Konzerte in zwanzig bayerischen und außerbayerischen Städten. 

Clarissa trägt ein lindgrünes Seidenkleid, das ihre Arme und Schultern freiläßt. Ihr Haar ist festlich zu einer Hochfrisur geordnet, Lidstrich und bescheidener Schmuck erinnern daran, daß sie noch sehr jung und behütet ist. 

Die Neuburger Musikfreunde blättern in ihren Programmen und warten gespannt auf Clarissas Darbietung. 

Professor Mamangakis, Hermanns Kompositionslehrer, leitet das Orchester der Musikhochschule. Mit seiner graumelierten Künstlermähne und seinem mediterranen Gestus gibt auch er dieser Veranstaltung Glanz. Begrüßung des Konzertmeisters, Zeremonien der gegenseitigen Verehrung, die traditionellen Höflichkeitsbezeugungen gegenüber der Solistin - und alles hebt Clarissa aus dem Dunst der Normalität hinauf in die Würde des verdienten Erfolges, schon bevor sie zu spielen anfängt. Das Podium ist mit den Mikrofonen des Bayerischen Rundfunks ausgestattet, der dieses Konzert heute abend live ausstrahlt. Hermanns Cellokonzert ist reich an wirkungsvollen solistischen Stellen, aber auch farbenprächtig instrumentiert, so daß ein aufregender Dialog zwischen Cello und Orchester entsteht. Auffallend sind die immer wiederkehrende Zwiesprache mit der Harfe und die packenden Einsätze der Blechbläser. Clarissa schwelgt in den Passagen, die Hermann ihr damals im »Fuchsbau« erklärt hat. 

421 Straßen in Neuburg 

Durch die festlich beleuchteten Altstadtstraßen fährt ein Mercedes mit Wasserburger Kennzeichen. Es hält auf dem Platz an. Dr. Kirchmayer sitzt am Steuer. Er erkundigt sich bei einem Jungen nach dem Weg zu Clarissas Konzert. Der Ubertragungswagen des Bayerischen Rundfunks hätte ihm eigentlich Hinweis genug sein können, denn er steht, magisch von innern beleuchtet, direkt vor dem Eingang zum alten Schloß. Im Innern des UWagens sind die Toningenieure damit beschäftigt, Clarissas Konzert elektroakustisch zu verarbeiten und an den Rundfunksender weiterzuleiten, eine Unternehmung, die auch Dr. Kirchmayer sehr beeindruckt. 
422 Kongregationssaal, Neuburg 

Dr. Kirchmayer hat einen riesigen Blumenstrauß bei sich. Den Weg zum Konzertsaal findet er nun leicht, denn er braucht nur noch dem Kabelstrang des Rundfunks zu folgen. So gelangt er die Stufen hinauf zur Eingangstür des Konzertsaals. Er erreicht den Saal kurz vor Ende des Konzerts. Dr. Kirchmayer erlebt noch, wie Clarissa die Iyrische Stelle spielt, die Hermann ihr einmal als seine besondere Widmung gezeigt hat. Dann setzt das Orchester zum Finale an. Der Applaus ist spontan und rauschend. Dr. Kirchmayer stürzt mit seinem Blumenstrauß zum Podium, um Clarissa als erster gratulieren zu können. Die Fotografen, die herbeigeeilt kommen, verlangen wieder und wieder die Straußübergabe, so daß Dr. Kirchmayer seine Huldigung im Blitzlichtgewitter so oft wiederholt, bis sie unecht wirkt. Clarissa wird gefeiert. 
423 Restaurant in Neuburg

Als Clarissa in Begleitung von Dr. Kirchmayer das beste Lokal am Ort betritt, so elegant gekleidet und so galant begleitet, recken die Kleinstadtbürger an den Tischen die Hälse. Die Honoratioren der Stadt, die mit den Wettbewerbsleitern und Hochschulprofessoren am Stammtisch Platz genommen haben, applaudieren erneut, als sie Clarissa sehen. Dr. Kirchmayer zieht sich mit Clarissa vorerst an einen reservierten Tisch im Nebenraum zurück. Eine Kellnerinn nimmt Clarissa den Blumenstrauß ab. Clarissa weiß noch gar nicht, wie sie mit dem neuen Status, den ihr der Erfolg beschert hat, umgehen soll. Sie lächelt und rückt ihr Cello vor sich zurecht, damit sie sich an etwas Vertrautem festhalten kann. DR. K. Weißt du, wer diese Zeitungsreporter waren? Hoffentlich kommt unser Bild, wie ich dir die Blumen überreiche, nicht gerade in die Wasserburger Zeitung. Es weiß natürlich niemand zu Hause, daß ich heute hier bin. Clarissa streichelt ihren Cellokasten. Sie lehnt die Stirn gegen das Instrument, als wäre es ihr Geliebter. 

CLARISSA. Das neue Cello ist ein Traum. Ich spiele darauf, als hätte ich nie ein anderes gehabt. 

DR. K. Es ist deins. Für immer. 

CLARISSA, Ein merkwürdiger Gedanke. ZweihundertJahre lang geht ein Instrument von einer Hand in die andere, und dann landet es bei mir. Ich kann das gar nicht glauben, aber es ist mein Instrument. Es gehorcht mir, und es verzeiht mir alles, wenn ich nervös bin, wenn ich wütend bin, wenn ich verliebt bin.. . 

DR. K. Du bist immer noch verliebt? 

CLARISSA. Wie hat dir sein Stück gefallen? 

DR. K. Du spielst es wundervoll. 

CLARISSA. Nein, du sollst über die Musik sprechen. 

DR. K. Ich bin doch kein Musiker . . . Ich bin da ganz gefühlsmäßig. Es ist schwierig zu spielen. 

CLARISSA. Es ist genial. 

DR. K. Du liebst ihn. Bitte, Clarissa, gib mir heute abend auch eine kleine Chance. Sechs Wochen warst du in Wasserburg fast täglich in meinem Haus, wenn du geübt hast. Nicht ein einziges Mal konnten wir uns alleine sehen. 

CLARiSSA. Georg, laß es so, wie wir es verabredet haben. Hör auf mit deinen Träumen, du machst mir angst damit. Und versuche nicht, mich mit Reisen zu locken. Das Cello, das ist schon Geschenk genug. Du erdrückst mich. 

Dr. Kirchmayer trinkt sein Weinglas in einem Zug aus. Clarissa schweigt dazu. 

DR. K. Gut. Setzen wir uns bald zu den anderen. Ich möchte nicht allein mit dir sein. 

Er erhebt sich gekränkt. Er führt Clarissa, deren Cello er ihr hinterherträgt, durch das Lokal zu der großen Tischrunde, wo man sie schon erwartet hat. 

CLARISSA. Ach, jetzt sei mir doch nicht böse. Ich bin so froh, daß du hierhergekommen bist. 

Wieder wird Clarissa mit Applaus empfangen. Dr. Kirchmayer wendet sich an die Runde der Honoratioren und Hochschulprofessoren. 

DR. K. Wir haben es uns überlegt. 

HOCHSCHULPROFESSOR. Wie schön. Wir haben auf Ihre Rückkehr gehofft. Bitte nehmen Sie doch Platz! 

Und wieder stürzt sich ein Fotoreporter auf Clarissa. Das Blitzlicht bricht grell in ihre ungeschützen Augen, so daß sie für einen Augenblick nichts mehr sehen kann

424 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Hermann und Juan haben sich am nächsten Nachmittag im »Fuchsbau« getroffen. Hermann hat einen Stoß Zeitungen mitgebracht, die alle Kritiken, Bilder und Berichte über Clarissas Erfolg enthalten. 

Helga kauert - wie immer - auf Stefans Bett. Stefan demonstriert wieder einmal den ordentlichen, gewissenhaften Bürger. Er vervollkommnet mit Rechenmaschine und Aktenordnern die Nachkalkulation seines Kurzfilms. Juan hat vor Hermanus Augen eine Seite der Münchner Abendzeitung aufgeschlagen. Ein großes Bild zeigt Clarissa, die am Ende des Konzerts den Blumenstrauß aus den Händen von Dr. Kirchmayer entgegen- nimmt. Uberschrift und Schlagzeile enthalten das höchste Lob für Clarissa. In Hermanns Stimme wird Eifersucht spürbar. HERMANN. Da, sieh dir das an. Die Besprechungen über deine Clarissa. JUAN. Meine Clarissa? HERMANN. Ein Erfolg wie im Bilderbuch. Da, schau: »Neuer Stern am Cello-Himmel«. (Er liest) »Die Cellistin Clarissa Lichtblau... die richtigen Zeitmaße, . . . große thematische Klarheit. . . und jenes aus- drücklich thematische Verhältnis, wonach das Forte nicht zu rauh und das Piano nicht zu flau erklang..., verlieh dem avantgardisti- schen Stück die natürliche Anmut und Aussagekraft . . . « Helga hat in der Süddeutschen Zeitung geblättert. Sie unterbricht Hermann und liest vor.

HELGA. »Meisterhaftes Cellospiel. Clarissa Lichtblau im Kongrega- tionssaal Neuburg/Donau. Mit Recht würdigte die Fachjury eine bislang völlig unbekannte Cellistin. Clarissa Lichtblau war der Star der Veranstaltung. Sie zeigte sich nicht nur allen Schwierigkeiten des Instruments gewachsen, sondern verzauberte auch ihr Publikum und die Fachwelt mit ihrem hinreißenden Vortrag. Ihr ganzes Können zeigte sie im Abschlußkonzert mit dem virtuosen Stück eines jungen Kompositionsschülers der Münchener Musikhochschule. «

HERMANN. Weiter, lies weiter!

Hermann ist voller Erwartung, um nun auch ein Urteil über seine Komposition zu hören, aber Helga grinst ihn nur an.

HELGA. »PeterW. König«. Fertig.

HERMANN. Was ? Fertig? Das gibt es doch überhaupt nicht. Nun nimmt Hermann Helga die Zeitung aus der Hand. Er will sich selbst davon überzeugen, daß er nicht erwähnt worden ist.

HERMANN.»... mit dem virtuosen Stück eines jungen Kompositions- schülers der Münchener Musikhochschule.« Fertig. Virtuos, aber namenlos!

Stefan unterbricht seine Kalkulationsarbeit.

STEFAN. Ja, Künstlerpech! 

JUAN. Da ist ein Bild von ihr. 

Juan hat in einer weiteren Zeitung nachgesehen und ein Foto entdeckt, das Clarissa und Dr. Kirchmayer zeigt. Hermann bemerkt, daß es wieder das gleiche Bild ist, mit derselben Person, die den Strauß überreicht. 

HERMANN. Hast du dir das mal genau angesehen? 

JUAN. Der Mann im Mercedes! 

Nun ist Hermann vollkommen niedergeschlagen. So hoffnungsvoll und froh dieser Nachmittag begonnen hat, so enttäuscht ist er jetzt. Er sieht sich im Schatten Clarissas, anonym und beiseite gestellt. Bedrückt schlägt er ein paar traurige Töne auf dem Klavier an. 

425 Vor der Musikhochschule

Das Hochschulgebäude sieht an diesem Herbstabend tröstlich aus, wenn im Innern die Lichter aufleuchten. In den verschiedenen Stockwerken schimmern die Fenster im Glanz eines Konzertabends. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bleiben Passanten stehen. Sie studieren das Plakat zu Hermanns Uraufführung. 

HERMANN. Ich hatte mir vorgenommen, die Maßstäbe, die ich mir mit dem Cellokonzert gesetzt hatte, selbst wieder über den Haufen zu werfen. »Änigmarätsel«, so nannte ich das Stück, an dessen Aufführung ich Tag und Nacht gearbeitet hatte. Auch deswegen war ich nicht nach Neuburggefahren. Ein altes Kinderrätsel, an das ich mich erinnerte, diente mir als Vorlage. Mit meinem Stück wollte ich vor allem Clarissa eine Frage stellen. 

426 Musikhochschule, Foyer

Ein Taxi fährt am Portal der Hochschule vor. Es ist Clarissa, die mit einem großen Blumenstrauß ankommt. Sie beeilt sich, in das Gebäude zu gelangen, ehe der Hausmeister die Türen verschließt. 

CLARTSSA. Guten Abend, Herr Reichenberger. Läuft das Konzert noch? 

HAUSMEISTER. Das Konzert vom Herrn Simon? Das ist ja gleich zu Ende. Da müssen Sie sich beeilen, wenn Sie noch was hören wollen. 

Clarissa bedankt sich hastig. Sie rennt, so schnell sie kann, mit Blumenstrauß und Cellokasten die Marmortreppe hinauf, die zum Konzertsaal führt. 

HERMANN. Er liebt sie sehr, sie liebt ihn nicht. Sie hätt' ihn gern und kriegt ihn nicht, und hat ihn doch. Was ist das? 

 
427 Konzertsaal

Es gelingt Clarissa, fast unbemerkt in den Saal zu gelangen. Sie setzt sich in eine der hintersten Reihen und entledigt sich des Cellokastens und des Blumenstraußes. Auf der Bühne ist wieder einmal eine der musikalisch-szenischen Inszenierungen zu sehen, die bei den Neutönern so beliebt sind. Die Moretti trägt ein eigens angefertigtes Plastikgewand, das ihren üppigen Körper wie eine silberne Ballonhaut umhüllt. Unter ihren Füßen ist ein Ventilator installiert worden, so daß die Plastikhaut aufgeblasen werden kann. Der Körper der Sängerin sieht dann tatsächlich aus wie eine Kugel. Als der Luftstrom abgestellt wird, schrumpft aber diese Kugel vor den Augen der Zuschauer auf das gewaltige Normalmaß der Sängerin zusammen. Ein wirklich komischer Effekt, den sich Hermann zu einer ausgefallenen Klangwelt ausgedacht hat. Schlagzeugintermezzi werden mit den Klängen von Staubsaugern, Orgelpfeifen und stehenden Bläsertönen unterlegt. Die Gesangspassagen wiederum begleitet Hermann selbst auf dem Klavier. Es ertönen dazu Saxophon und Kontrabaß mit jazzartigen Harmonien. Die beiden Schlagzeuger Mac und Christos treten in Fräcken und Zylindern auf. Sie tragen ihre großen Trommeln mitsamt dem Schlagwerkaufbau wie einen Bauchladen mit sich herum. Sie schlagen groteske Trommeleffekte. Volker sitzt neben Clemens, der inzwischen eine Bundeswehruniform trägt. Er ist Mitglied einer Militärkapelle. Volker hat Clarissa erkannt. Er winkt sie zu sich heran. 

CLARISSA. Ja. Wie läuft's denn? 

VOLKER. Es ist schön, ganz witzig. Also, ich mache ja solche Sachen nicht mehr. Mit Szene und so weiter. Aber es kommt gut an. 

Clarissa bemerkt, daß Volker schmerzhaft das Gesicht verzieht, wenn er sich hinsetzt. 

CLARISSA. Was hast denn du?

VOLKER. Ach, ich kann mich wieder nicht setzen. 

Das viele Klavierüben verursacht ihm oft Furunkel am Gesäß - eine häufig auftretende Musikerkrankheit. Clarissa orientiert sich im Raum: Die meisten Freunde aus dem »Fuchsbau«-Kreis sind gekommen. Ansgar und Evelyne, Reinhard, Rob und der sächsische Aufnahmeleiter Bernd, Helga, Olga, Alex, Juan und die Villenbesitzerin, Fräulein Cerphal, wieder mit ihrem Federhütchen. 

VOLKER. Und wie war's bei dir? Die Konzerte?

CLARISSA. Es war ein ganz großer Erfolg.

VOLKER. Freut mich! 

Die Moretti singt mit wahrem Operettenschmelz. Den Text des Kinderrätsels versteht sie offenbar gar nicht, denn es geht ihr nur darum, »schöne Stimme« zu zeigen. Sie strebt mit diesem Konzert offenbar nach höherer Anerkennung. Hermann karikiert in seiner Musik diese Kitschwelt, in der die Moretti lebt, indem er Operetteneffekte übertreibt und den Text damit noch rätselhafter werden läßt. 

FRAU MORETTI (singt). 

»Ein Dichter ist es, der lügen kann, wissentlich, willentlich und kann allein die Wahrheit reden. « 

Während dieses Refrains wird aus ihrem aufgeblasenen Ballonkostüm wieder die Luft abgelassen. Gleichzeitig wird die Sängerin mittels eines Versenkmechanismus in den Bühnenboden versenkt. Es bleibt am Ende nur noch der singende Oberkörper übrig, der neben dem Flügel wie eine sterbende Dampfnudel aussieht. Das Publikum ist begeistert. Unter den Trommelschlägen von Mac und Christos entwickelt sich zunehmender Beifall. Der Starkritiker der Süddeutschen Zeitung nimmt sich unter dem Freundes-Publikum etwas deplaziert aus. 

 
428 Musikhochschule, Backstage

Einen Erfolg kann Hermann diese Uraufführung nicht nennen. Das Konzert war schlecht besucht. Es hat auch Pfiffe gegeben. Frau Moretti ist deswegen gekränkt und weint. Hermann hat Clarissa erkannt. Er weiß, daß er ihr jetzt begegnen wird. Er erinnert sich, daß er ja immer noch ihren schwarzen Slip besitzt, den er seit jener ersten Berührung im nächtlichen Treppenhaus mit sich herumträgt. Wie in Trance treibt es ihn in die Garderobe zu jenem Zeugnis der begonnenen Liebe. Er zieht das zarte Stück Stoff aus seiner Aktentasche, hält es lange sehnsüchtig und von gleichzeitiger Bitternis erfüllt in den Händen. Auf dem Schminktisch liegt ein großes braunes Kouvert, in das er den Slip gleiten läßt, als seine Kollegen den Umkleideraum betreten. 
429 Musikhochschule, Foyer

Die Freunde haben allesamt auf der Marmortreppe gewartet, um Hermann auch noch persönlich gratulieren zu können. Hermann spürt aber, daß der Freundeskreis auch eine Lobgemeinschaft ist. So genial, wie man sich untereinander findet, ist man natürlich nicht, oder zumin- dest nicht immer. Hermann hat Zweifel an seinem Stück. Er mag deswegen die Lobhudelei der Freunde nicht hören. Helga ist die erste, die ihn im Treppenhaus mit einer Blume und mit einem Kuß empfängt.

HELGA. War toll! Das ist für die Musik, und das ist für dich!

HERMANN. Danke.

Clemens war offensichtlich hauptsächlich deshalb gekommen, um seine schicke Militäruniform vorzuführen. Aber da hat er sich bei den Freun- den verrechnet.

CLEMENS. Du, Hermann, wenn du mich fragst, die Musik hat mir gar nicht gefallen.

HERMANN. Aber ich frage dich doch jetzt gar nicht! Du hörst wohl jetzt nur noch Marschmusik!

Jetzt hat Hermann Clarissa entdeckt, die ganz unten auf der Treppe steht und auf ihn wartet. Hermann muß an allen Freunden und Freun- deslügen vorbei, um zu ihr zu gelangen. 

ANSGAR. Ganz, ganz toll!

HERMANN. Ach, jetzt sei doch nicht so affig.

FRÄULEIN CERPHAL. Hermann, wunderbar! Unglaublich komisch.

JUAN. Das war gut.

HERMANN. Ja? Wir reden später.

FRÄULEIN CERPHAL. Kommt mir nach, Kinder!

ALEX. Hermann, gratuliere! Ein schönes Frühwerk der Spätavantgarde.

OLGA. Hermann, wirklich, es hatte was. Hermann hat Volker getroffen. Wenigstens er, der andere Komponist, wird ihm die Wahrheit sagen! Hermann sucht die ehrliche Auseinandersetzung.

HERMANN. Warst du einverstanden?

VOLKER. Doch ja, im Prinzip schon. Also, die Szenerie war mir ein bißchen zu plakativ, aber sonst. . .

HERMANN. Sag mal, war Jean-Marie eigentlich gar nicht da ?

VOLKER. Jean-Maries Mutter hat heute ein Konzert in München. 

Endlich ist er bei Clarissa angekommen. Wie gern würde er sie jetzt einfach in die Arme nehmen, sein mühsam zur Schau gestelltes Gesicht jetzt einfach unter ihren Haaren verbergen und alles vergessen, was ihn in diesen Wochen gequält hat! Aber es ist gerade diese Qual, die ihn aufrecht gehalten hat. Er bleibt starr, als sie ihm gratuliert und ihm die Hand um den Nacken legt, wie sie es beim Wiedersehen vor ihrem Konzert getan hatte. 

CLARISSA. Was hast du? 

HERMANN. Ich wollte dir das noch zurückgeben. CLARISSA. Was ist das? 

Hermann überreicht Clarissa den Umschlag mit dem Höschen. Ein paar Sekunden lang sieht er ihr in die Augen, als wollte er für immer Abschied nehmen. Dann rennt er die Marmortreppe hinauf, so schnell, daß die Cerphal meint, er liefe vor ihr davon. 

FRÄULEIN CERPHAL. Hermann, Sie kommen aber noch? 

HERMANN. Ja, ich komme nach! 

Clarissa, die überhaupt nicht verstehen kann, was mit Hermann los ist, öffnet den Umschlag. Sie sieht das schwarze Höschen. Jetzt versteht sie Hermann noch weniger. Das Rätsel (Änigma) dieses Abends ist Hermann selbst. 

430 Treppenhaus Moretti 

Hermann hat die Moretti nach Hause begleitet. Nach den Pfiffen, die seine Protagonistin für ihre Operettenstimme geerntet hat, wollte er sie nicht in ihrer Gekränktheit allein lassen. Auf dem Weg von der Musikhochschule zu ihrer Wohnung hat es genug Gelegenheit gegeben, sich auszusprechen. Die Moretti wollte ihn zu seinen Freunden schicken, aber Hermann, der nicht weiß, ob das wirklich seine Freunde sind, ist noch mit zu ihrer Wohnung gegangen. Bei ihr will er sich von dem Konzert ausruhen undsich ein wenig erholen.

FRAU MORETTR Ihr habt Angst voreinander, ihr Revoluzzer. 

Aber Moretti kennt diesen Teil des Lebens. Ich habe einmal einen Mann gekannt - Künstler -, der hat jeden Abend das Licht brennen lassen in seiner Wohnung aus Angst vor seinen Kollegen. Die Moretti schließt ihre Wohnungstür auf. Müde und frustriert stapft sie vor Hermann durch den langen Gang in ihre überladenen Gemächer. 

431 Wohnzimmer Moretti

Trotz größter Erschöpfung kann die Moretti nicht darauf verzichten, ihr Plüschwohnzimmer in die angemessene Beleuchtung zu tauchen. Sie zündet alle Kerzen an, die sie im Zimmer hat, und verwandelt es in eine Theaterdekoration. 

FRAU MORETTI. Ich mußte viel über dich nachdenken. Du bist talentiert, vielleicht sogar zu talentiert. Kannst alles, was man verlangt von dir. 

Hermann hat sich auf das Sofa gesetzt und starrt in die Ferne. Die Moretti kann nicht mehr gehen. Sie läßt ihren schweren Körper in den Sessel sacken und legt ihre Füße auf das türkische Sitzkissen. 

FRAU MORETT} (stöhnt). Oh—diese Füße! Sind ganz geschwollen, die Beine. 

Bin auch nicht mehr die Jüngste. Diese Stöckelschuhe sind Marterinstrumente. Noch einmal steht Hermann auf. Er hat die Cognacflasche entdeckt und schenkt sich einen Schnaps ein. 

FRAU MORETTI. Ich möcht so gern ein bisserl reich sein, nur ein ganz kleines bisserl. 

FRAU MORETTT (hebt den Blick zum Himmel). Lieber Gott, warum machst du mich so arm in dieser Stadt? 

HERMANN. Sie kriegen ja bald Ihre Gage. Es waren über zweihundert Leute im Saal. 

FRAU MORETT! (lacht). Kritiker und Studenten, die nichts bezahlen müssen. 

Die beiden schweigen erschöpft. Hermann nimmt einen Schluck aus dem Cognacglas. Wieder sieht er ins Leere. 

FRAU MORETTI. Jetzt sind wir beide traurig! 

HERMANN. Nie mehr die Liebe! Wie recht ich doch hatte. 

Nun setzt Hermann sich an den Flügel. Gedankenverloren spielt er eine kleine Phrase aus dem Änigma-Stück. Auf dem Notenpult steht eine von Morettis Schnulzen aufgeschlagen. Hermann spielt, was er da geschrieben sieht, ohne eigentlich mitzudenken. 

FRAU MORETTI. Und vor den Freunden so tun, als ob s dir gutgeht. Ist das ein Leben? 

Er spielt die kleine Schnulze weiter. Die Moretti singt mit. 

FRAU MORETT! (singend). 

»Martha, Martha, du entschwandestund mit dir mein Portenmonnaie . . . « 

Hermann erkennt, wie fatal das hier in die Situation paßt. Er spielt jetzt ausdrucksvoller. Die Moretti wird mitgerissen. Trotz ihrer geschwollenen Füße erhebt sie sich. Sie tritt hinter Hermann, um mit ihm in das Notenheft blicken zu können. Jetzt singen sie beide im Duett. 

HERMANN und MORETTI. 

»Mag der Himmel euch vergeben, Was er an der Armen tut. 

Euer Spiel zerstört mein Leben, brach mein Herz in Ubermut. « Das gemeinsame Lachen richtet die gekränkten Künstler wieder auf. 

432 Villa Cerphal, Garten

Hermann hat nun wieder die Kraft gefunden, seine Freunde zu besuchen. Er kommt spät nachts an der Cerphal-Villa an, wo er schon von weitem die erleuchteten Fenster sieht und die Stimmen der diskussionswütigen Freunde vernimmt. Hermann öffnet das weiße Gartentor mit Hilfe des bekannten Freundestricks. Der Garten ist dunkel. Nur mit geübtem Schritt kann man die Holzterrasse finden, ohne über Dornenhecken und Gestrüpp zu stolpern. Hermann bleibt stehen. Er hört ein Geräusch von Splitsteinen, die auf die Terrassenstufen geworfen werden. Jetzt wird Clarissa sichtbar, die sich hinter der Umzäunung ins Mondlicht bewegt. Hermann kehrt auf den Terrassenstufen um. Er tritt zu Clarissa in den Baumschatten. 

HERMANN. Clarissa, du hast mich erschreckt. Hast du hier gewartet? 

CLARISSA. Ich muß mit dir sprechen. 

HERMANN. Und warum bist du nicht ins Haus gegangen? Du weißt doch, wie die Terrassentür aufgeht. 

CLARISSA. Ich wollte deiner Freundin nicht begegnen. 

HERMANN. Meinst du Helga? Sie ist nicht meine Freundin. Ich wollte nur meine Freunde sehen. 

CLARISSA. Warum hast du heute abend nichts zu mir gesagt? Und was soll das? 

Sie zeigt Hermann den Umschlag mit ihrem Slip. 

HERMANN. Das ist lange her - hast du gesagt. Clarissa, ich verstehe dich nicht. Du hast doch Erfolg. Du wirst bejubelt, bewundert, und da soll ich dir fehlen? Das glaube ich dir einfach nicht! 

CLARISSA. Aber es ist doch dein Stück, mit dem ich Erfolg habe. Immer werde ich nach dir gefragt. Es dreht sich auch um dich. 

HERMANN. So, meinst du? 

CLARISSA. Es ist ein wunderbares Stück. Hermann, du kannst mich doch jetzt in der Situation nicht allein lassen. Interviews, Einladungen, Fragen, die die Komposition betreffen, ja, und dich, den Komponisten! 

HERMANN. Clarissa, hör' mir mal zu! In der Kritik in der Süddeutschen, im Merkur, in der Augsburger Allgemeinen, im Nürnberger Tageblatt, ich habe sie alle gelesen. Und nirgends steht auch nur ein Wort über den Komponisten. Die haben ja auch völlig recht. Du spielst wie ein Engel. Du bist ein neuer »Stern am Cello-Himmel«! Weiß der Himmel, was das für ein Himmel sein mag, aber du bist ein Stern! 

CLARISSA. Aber nicht um jeden Preis. 

HERMANN. Ich schreibe dir andere Stücke. 

CLARISSA. Hermann, ich möchte, daß wir Freunde sind! 

Clarissa stellt sich nah vor Hermann hin, der nun aufhört, dauernd vor ihr hin- und herzulaufen. 

CLARISSA. Weißt du noch, damals, in der Winternacht mit Juan, als wir zusammen den toten Herrn Edel gefunden haben? Du hast als erster von Freundschaft gesprochen. 

HERMANN. Irrtum!

CLARIS SA. Wieso ? 

HERMANN. Es war etwas anderes. 

CLARISSA. Liebe? 

HERMANN. Ja. 

Sie schweigt. Hermann wendet sich von ihr ab. Er sucht Halt an deR Terrassenbalustrade. 

CLARISSA. Und jetzt, ist es. . . aus? 

HERMANN. Wir sind eben Igel. Clarissa hält es nicht mehr aus, so mit Hermann zu sprechen. Sie weint.

CLARISSA. Du hast keine Ahnung.

Hermann ist ganz starr. Er steht im Mondlicht, traurig, gekränkt unfähig, sich zu erklären. Clarissa rennt weg. 

433 WohnungJean-Marie

Clarissa betritt ein fremdes Treppenhaus. Sie ist unsicher, ob sie in ihrem Schmerz so spät noch einen Freund besuchen kann. Im obersten Stockwerk bleibt sie lange stehen. Sie geht mit sich zu Rate, sie kann sich nicht entscheiden. Da sieht sie durch ein Fenster des Treppenhauses das Atelierfenster von Jean-Marie. Es brennt noch Licht. Auch Jean-Marie wird kurz darauf hinter seinem Fenster sichtbar. Er hat offenbar noch Besuch, denn er spricht mit jemandem, den man nicht erkennen kann. Clarissa wagt es jetzt, an Jean-Maries Wohnungstür zu läuten. Jean-Marie erscheint mit einem Eimer Wasser in der Tür. Er ist in einer merkwürdigen Verfassung. 

JEAN-MARIE. Ach, du bist es, Clarissa. Entschuldige, ich bin ein bißchen nervös. Du mußt wissen, daß ich meine verehrte Stiefmutter zu Besuch habe. Habe ich dir eigentlich schon erzählt, daß sie die Pianistin Elisabeth Tacke-Weber ist? 

Aus dem Innern der Wohnung ertönt abstrakte Klaviermusik. 

CLARISSA. Ach, ist sie es, die da spielt? 

JEAN-MARIE. Nein, das ist Volker! Er experimentiert am Klavier. Warte, ich hole meinen Mantel, und dann gehn wir ins »Käuzchen«. 

CLARISSA. Das hat doch schon zu. Weißt du nicht, wie spät es ist? Halb drei, oder? Ich brauche ein bißchen Gesellschaft. Ich möchte jetzt nicht allein sein, weißt du? Kannst du das verstehen? 

Du bist mir böse? 

JEAN-MARIE. Nein. Weißt du, diese Frau meines Vaters - eigentlich wohnt sie im Bayerischen Hof, aber dort wird sie angeblich von ihren Verehrern verfolgt. Seit zwei Tagen bricht sie nun über mich herein. Volker ist ihr auch schon ganz verfallen. Er komponiert gerade ein Stück für sie. Komm herein. 

Den Wassereimer hat Jean-Marie gebraucht, um ein Meer von Schnittblumen zu versorgen, die von seiner Stiefmutter in die Wohnung gebracht worden sind. Der Flügel, an dem Volker spielt, steht in einem ehemaligen Maleratelier. Uberall sieht man, daß Jean-Marie ein reicher Bürgersohn ist. Der riesige Flügel ist ganz neu. Clarissa nimmt auf einer Sitzgarnitur Platz, ohne daß sie ihren Mantel auszieht. Sie versinkt in ihrem Kummer. Volker ist fasziniert von der blondierten Klavierdiva, die ihm zuhört und nicht zuläßt, daß Jean-Marie den Freund auf Clarissas Anwesenheit aufmerksam macht. 

JEAN-MARIE. Clarissa, bist du müde? Du kannst schlafen, wenn du willst. 

Die Klavierdiva nimmt von Clarissa keine Notiz. Sie wedelt spielerisch mit ein paar Blumen vor ihrem Ausschnitt und wendet sich an den Stiefsohn. 

FRAU TACKE-WEBER. Schön, was dein Freund da probiert! 

Jean-Marie, was würdest du sagen, wenn ich modern spielen würde ? 

JEAN-MARIE. Ich glaube kaum, daß du bei meinem Vater damit viel Freude ernten würdest. 

FRAU TACKE-WEBER. Ach, hör auf, ihn zu hassen! Er hat dir diesen wundervollen Flügel geschenkt. Daß du auch nicht eine Vase im Haus hast. Wo soll ich denn hin mit all meinen Blumen? 

Jean-Marie, der sich neben Clarissa gesetzt hat, erhebt sich wieder und stellt seiner Mama nun endlich Clarissa vor. Er nennt sie »eine gute Freundin «. 

FRAU TACKE-WEBER. Was spielen sie für ein Instrument? 

CLARISSA. Ich spiele.. . kein Instrument. 

JEAN-MARIE. So ein Blödsinn. Sie ist eine hervorragende Cellistin! 

Volker, der diese Sätze gehört hat, unterbricht sein Spiel. Während Jean Marie die Mama hinausführt, um sie über Clarissa näher aufzuklären erhebt sich Volker und setzt sich zu der traurigen Freundin. 

VOLKER. Bitte, was hast du da gesagt? Was ist mit dir los? 

CLARTSSA. Ich will nicht mehr. So ist das. Ganz einfach. Es ist auch zwischen mir und dem Cello. Wir haben uns getrennt. 

VOLKER. Mach keine Witze! 

CLARTSSA. Nein, seit heute abend ist es aus. 

Volker schweigt ratlos dazu. 

434 Stadtbilder im Winter 

Es ist Winter geworden. Hermann erlebt seinen zweiten Winter ir München. Tief verschneit liegt der Englische Garten unter dem wolkenloser Frosthimmel. Nur die Dampfsäule von einem der neuen Heizkraftwerk-steigt in die weiße Luft. Die Schauplätze von Hermanns erstem Jahr haben sich in pathetische Bühnenbilder verwandelt. Die Stadt erstickt im Schnee. 

HERMANN. Kurz vor Weihnachen hat Ansgar mir einen Brief geschrieben, den ich erst viel später verstand: 

»Lieber Hermann, vielleicht erinnerst Du Dich an ein Gespräch im Arri-Keller, als wir die Archivbilder von den Nazis und den Naziweibern betrachteten. Wir sprachen über unsere Familien und was das für ein Saustall ist in unserem Leben. Ich will Dir gestehen, daß auch ich seit meinem 12. Lebensjahr geschrieben habe und viel gemalt. Der Unterschied zu Dir ist, daß meine Eltern ein Genie aus mir machen wollten. Ich fand das ekelhaft. Plötzlich habe ich ihnen gesagt, ich hätte alle meine Gedichte und Bilder verbrannt. Teilweise stimmt das auch. Ich schicke Dir hierein paar Gedichte, die ich leider genial finde. Du kannst sie vertonen, wenn ich einmal tot bin. - Kannst Du schweigen? Wenn Du ein Freund bist, dann halt die Schnauze! . . . 

435 Musikhochschule

Hermann, dtr sich bei seinen Wanderungen durch die Winterlandschaft verspätet hat, kommt vom Königsplatz hergerannt. Er erreicht die Musikhochschule und ist ganz außer Atem. Ansgars Brief hat ihn verwirrt. 
436 Vor Wohnung Ansgar

Ansgar und Evelyne kehren aus der Stadt zurück. Er hat sich dazu entschlossen, Evelyne seine Untermieterbude zu zeigen. Von der Straße her erreichen die beiden ein rostiges Eisentor, das früher einmal der prächtige Schutzwall eines der Bürgerhäuser dieser Gegend gewesen sein muß. Aber das dazugehörige Gebäude ist im Krieg zerstört worden. Jetzt ist das nur noch der Zugang zu einem schäbigen Hinterhaus. Das Tor läßt sich schwer öffnen. 

ANSGAR. Jetzt zeig ich's dir halt mal. Ich schwöre dir, ich habe noch keine drei Nächte in dem Loch da geschlafen. 

EVELYNE. Ansgar, der »unbehauste Mensch«. Hast du wenigstens die Miete bezahlt? 

ANSGAR. Nein. 

Ansgar ist wieder einmal zu Spielen aufgelegt. Er zieht seinen Schal über Mund und Nase und tut, als wäre er in einem Kriminalfilm. Er schleicht sich an die Haustür und tritt sie plötzlich auf, als warte dort tatsächlich ein bewaffneter Gegner im Hausflur. 

ANSGAR. Meinst du, die verhaften mich jetzt deswegen? Vielleicht wartet die Polizei da drin auf mich! 

EVELYNE. Wieso kannst du eigentlich nie ernst sein, wenn es um wichtige Dinge geht? 

ANSGAR. Was ist wichtig? ~ 

Evelyne will jetzt etwas sagen, aber Ansgar hält ihr den Mund zu. Er will nicht, daß man »wichtige« Dinge ausspricht. 

ANSGAR. Sag nichts! 

Evelyne schaut zu den oberen Stockwerken empor: So sieht das typische Armeleutehaus aus. 
 
437 Wohnung Ansgar

Als Ansgar die Eingangstür der heruntergekommenen Altbauwohnung aufsperrt, steht die Vermieterin vor ihm. Sie ist eine verhärmte, junge Mutter, die eins von ihren drei Kindern auf dem Arm trägt, ein kleines schreit im Hintergrund, das dritte sitzt eingeschüchtert auf einem Schaukelpferd. 

ZIMMERWIRTIN. Ach, der Herr Ansgar, sieht man Sie auch mal wieder!

ANSGAR. Grüß Gott! 

ZIMMERWIRTIN, Sie haben Besuch. 

ANSGAR. Wer denn? 

ZIMMERWIRTIN. Ihre Eltern sind da. 

Ansgar sieht Evelyne erschrocken an. Er hat den Impuls, die Wohnung sofort wieder zu verlassen, aber schon hat ihn seine Mutter entdeckt. Sie balanciert auf einer Stehleiter und ist dabei, in seinem Zimmer einen Adventskranz aufzuhängen. Die Mutter ist im Mantel. Sie begrüßt ihren Sohn mit süßem Lächeln. 

MUTTER ANSGAR. Ansgarlein! 

Schon ist die Mutter von der Leiter heruntergekommen und eilt auf Ansgar zu. Vor dem baumlangen Ansgar wirkt die kleine, verhutzelte Mutter wie eine Zwergin. 

MUTTER ANSGAR. Der Papa ist auch mitkommen. Schau. Sag ihm grüß Gott. 

Die Mutter betastet Ansgars Kleidung. Sie ist erstaunt, daß er Sachen trägt, die sie nicht kennt. 

MUTTER ANSGAR. Was hast du für einen Pullover an? Aber das kannst du mir später erzählen. Jetzt komm! 

Sie führt Ansgar in das düstere Zimmer, ohne Evelyne auch nur eines Blickes zu würdigen. Der Vater ist ganz in Schwarz gekleidet. Schwarz steht er da mitten im Zimmer, in Hut und Mantel, und betet aus einem Gebetbuch. Er läßt sich durch keine Aktivität in seinem Umkreis irritieren. Starr steht der alte Mann im fahlen Licht des Zimmers und betet halblaut vor sich hin. 

MUTTER ANSGAR. Jetzt wartest ein bisserl, bis der Vater fertig ist mit dem Beten. 

Die Mutter reckt ihren kleinen Kopf, um näher an das Ohr des Sohnes zu gelangen. Sie hat jetzt Evelyne bemerkt, die sich im Hintergrund des Flurs hält und ernst herüberblickt. 

MUTTER ANSGAR. Ansgarlein, wer ist denn das da draußen? 

ANSGAR. Das ist Evelyne, meine Freundin. 

MUTTER ANSGAR. Ach so. Und deshalb läßt du deine Eltern im Stich! Wir haben dich fünf Monate nicht gesehen, Bub, wir haben gar nicht gewußt, ob du überhaupt noch lebst. Ansgar, das darfst du uns doch nicht antun! 

Jetzt ist der Vater fertig. Er klappt hörbar das Gebethuch zu und nimmt seine Brille ab. 

VATER ANSGAR. »Ich bin dein Schild und Lohn« . . . 

Ansgar betritt das Zimmer. Er stellt sich vor den Vater hin wie ein Angeklagter vor seinen Richter. Eine Sekunde sehen sich Vater und Sohn in die Augen, dann nimmt der Alte den Jungen »spontan« an seine Brust und drückt ihn mit biblischem Gestus an sich. Es ist das Bild der »Heimkehr des verlorenen Sohnes«. 

Dann sieht der Vater prüfend in Ansgars Augen. 

VATER ANSGAR. Was verbirgst du vor mir? Du weißt, ich erahne alles, was in dir vorgeht. 

ANSGAR. Was wollt ihr von mir? 

MUTTER ANSGAR. Deine Miete haben wir bezahlt. Ich verstehe über-haupt nicht, warum du die armen Leute so lange warten läßt aufs Geld. Ansgar, hast du denn die Überweisung nicht gekriegt? Schau, wir sind doch nur für dich da, Ansgarlein! 

ANSGAR. Ich arbeite jetzt bei der Straßenbahn. Ich komme schon durch. 

MUTTER ANSGAR. Ansgar, wieso denn? Schau, wir haben doch genug. Du bist unser einziges Kind, und Vater und ich, wir leben so beschei-den, da bleibt doch für dich noch genug übrig. Ansgar, manchmal kannst du so grausam sein mit uns. 

VATER ANSGAR. Geh, laß nur, Mutter! Wenn er es sich schwermachen will, dann soll er! Das stärkt den Charakter. 

Evelyne ist nun auch in das Zimmer hereingekommen. Sie sieht sich um: ein uraltes kantiges Bett aus Eichenholz, ein hoher Schrank, ein Tisch, zwei Stühle, alles Möbel aus Großmutters Zeiten. Neben dem Fenster hat Ansgar das lebensgroße Bild eines menschlichen Gerippes aufge-hängt. Das ist das einzige persönliche Zeugnis von ihm. Das Zimmer sieht aus, als sei hier kürzlich jemand gestorben. 

Die Mutter versucht, Evelyne in ein Gespräch einzubeziehen. Aber der Vater stellt sich direkt vor sie hin und sieht sie schweigend von oben bis unten an. 

MUTTER ANSGAR. Sag mal, Ansgar, was machen denn eigentlich deine Gedichte? Schreibst du noch viel? Du, wir haben alles abgesucht, aber nichts gefunden. Wo hast du denn deine Hefte aufgehoben? 

ANSGAR. Verbrannt! Ansgar sucht Evelynes Blick, während er antwortet. Er hat Angst, die Verbindung zu ihr zu verlieren. Er ist in Not, denn die Eltern bringen ihn augenblicklich in jenen Zustand der Machtlosigkeit und der Abhängig-keit, vor der er seit Jahren vergeblich zu fliehen versucht. Die Mutter drängt sich zwischen Ansgar und Evelyne. 

UTTER ANSGAR. Geh, laß doch den dummen Spaß! Wissen S, er ist nämlich wirklich ein Genie, gelt, Papa ? Schon in der Schule, da hat er die schönsten Gedichte geschrieben. Unsere Deutschlehrerin, die hat sie alle aufgehoben. Sie könnte heute noch weinen, hat sie gesagt, wenn sie eines liest. Ansgar, wie ist das eine angegangen, weißt schon, das schöne »O Gott, gib jedem seinen eigenen Tod...« Wie ist es weitergegangen, Ansgarlein? - Mei, das war so schön. Sie müßten mal seine Bilder sehen! Haben Sie gewußt, daß er wunderschöne Aquarelle malt ? Gell, Papa? Besonders das eine, weißt schon, das bei uns im Treppenhaus hängt. »Gewitter über Rosenheim«, das schwarz-gelbe. 

Du weißt es doch. Mein Gott, das gefällt mir einfach am besten. 

Ansgarlein, ich hätt's ja immer am liebsten gehabt, du wärst auf die Kunstakademie gegangen. Na ja, aber der Papa, der hat halt mehr von deiner dichterischen Begabung gehalten. Gell, Papa? 

Der Vater hat sich die Rede seiner Frau mit strenger Güte angehört. Ansgar fühlt sich in die Enge getrieben. Eine Zeitlang weiß er nicht, ob er aus Scham vor Evelyne in den Boden versinken soll, oder ob er vor Peinlichkeit schreien wird. Er ist ans Fenster gegangen und raucht nervös eine seiner selbstgedreh-ten Zigaretten. Als die Mutter eine Pause entstehen läBt, gelingt es Ansgar, sich aus seiner Angsthaltung herauszureißen. Er stellt sich neben die geliebte Freundin, um ihre Unterstützung zu spüren, als er das Elternpaar höhnisch auslacht. 

ANSGAR. Evelyne, schau dir die beiden an. Das sind meine Eltern. Das ist traurig. 

VATERANSGAR. Traurig? Was soll das heißen? 

ANSGAR. Ich bin kein Dichter, und ich bin auch kein Künstler. Ich möchte jetzt gehen. War noch irgendwas ? 

Ansgar führt Evelyne zum Ausgang. Evelyne folgt schweigend. Sie hält sich an Ansgars Seite. Sie weigert sich, in die Elternbeziehung eingebun-den zu werden. Die Mutter läuft nun hinter Ansgar her. Sie reckt sich zu dem ellenlan-gen Sohn empor, um ihn zu umarmen und festzuhalten. Ihre Stimme nimmt einen flehenden Ton an. 

MUTTER ANSGAR. Ansgarlein! Mein Gott, kannst denn du nicht verstehen, Kind, daß wir uns Sorgen um dich machen? Schau, wir haben halt Angst gehabt, daß du untergehen könntest in der Groß-stadt. Ansgarlein... 

ANSGAR. »Ansgarlein«, ich kann das nicht mehr hören! Ich will euer Geld nicht, und ich will eure Liebe nicht, und ich will auch keine Sorge von euch! Ihr klebt an einem wie Schleim mit euren widerlichen Gebeten. Seid endlich nicht mehr so widerlich christlich zu mir! Ich trete ab von eurer Bühne! 

Ansgar schlägt das Kreuzzeichen über die beiden Alten. So verabschie-det er sich ironisch und definitiv. Auch als Ansgar und Evelyne die Wohnung schon verlassen haben, stehen die Eltern immer noch fremd und hilflos in dem Untermiet-zimmer. 
   
438 Villa Cerphal, Garten

Es schneit riesige Schneeflocken. Helga kommt mit ihrer Freundin Dorli, einem babyhaften Provinzmädel, durch den winterlichen Garten. Die beiden Frauen sind schwer beladen mit Taschen voller Getränke, Flaschen, Lebensmittel und Dekorationsteile für die bevorstehende Faschingsparty im »Fuchshau«. Dorli hat sich schon zurechtgemacht. Unter ihrer Pelzmütze sehen die Faschingsohrringe hervor, unter dem kurzen Mantel werden der selbst-geschneiderte Taftrock sichtbar und die verruchten Netzstrümpfe. 

HELGA. Das ist also unser »Fuchsbau«.

DORLI. Mein Gott, das ist ja eine richtige Villa!

HELGA. Komm, wir gehen da gleich hintenrum, über die Terrasse. 

Es ist matschig unterhalb der Treppenstufen, so daß Dorli mit ihren roten Pumps und der schweren Getränketasche nicht weiterkommt. Helga hat ihre Tasche abgestellt. Mit einem geschickten Sprung erreicht sie die Terrasse. So ist sie früher als Dorli am Ziel. 

DORLI. Helga, dürfen wir das denn einfach?

HELGA. Na sicher, hier dürfen wir alles, fast alles.

DORLI. Helga, warte, meine Pumps! 

Dorli weiß nicht, wie sie mit trockenen Füßen auf die andere Seite der Pfütze gelangen soll. Aus Versehen tritt sie mit ihrem zierlichen Schuh in die Schneebrühe. Dann reicht sie Helga die schweren Taschen empor und gibt ihr die Hand. So wagt auch sie den Sprung. 

439 Villa Cerphal, Terrassenzimmer 

Das Terrassenzimmer des Jungfilmers Stefan ist an diesem naßkalten Tag eine echte Insel - warm und trocken und voller Erwartung. Als Helga und Dorli eintreten, entsteht ein Luftzug, der für ein paar Sekunden deutlich macht, wie schön es ist, dieses Nest in der alten Villa zu haben. Helga ist besonders heiter, weil sie ihre unkomplizierte Freundin zu den komplizierten Freunden mitbringen kann. Es soll doch ein gelungenes Fest werden! Wer könnte besser dazu beitragen als Dorli, die eigens aus dem westfälischen Kreisstädtchen angereist ist, um einmal »Schwabings Künstlerfeste« zu erleben. 

ALEX. Tür zu!

HELGA. Ja, du weißrussischer Wiedehopf. Das ist Stefan, das ist Dorli.

Helga stellt ihre Freundin den Freunden vor. Es sind Stefan, Juan und Alex, der mitten im Zimmer auf einer Leiter steht und versucht, eine Lichterkette am Deckenaustritt der Stromleitung anzuklemmen. Alex ist allerdings sehr ungeschickt in diesen Dingen. Es ist deswegen kein Zufall, daß er mit der einen Hand Kontakt zum elektrischen Strom hat, während er Dorli die Hand gibt. Dorli wiederum begrüßt mit der anderen Hand gerade Juan, der seinerseits Helga begrüßt. Es bildet sich so für eine Sekunde eine Menschenkette, die über Stefan und seine Schreibtischlampe den Stromkreis schließt. Es kommt zu einem elektri-schen Schlag, der alle durchfährt, als Dorli Alex anfaßt. Die Freunde schreien entsetzt auf. Alex fällt von der Leiter. Mehr ist nicht passiert. Alex rappelt sich wieder hoch, und Dorli, die sofort begreift, was passiert ist, läßt ihren Mantel fallen, krempelt die Ärmel hoch, um die Sache kundig in die Hand zu nehmen. 

STEFAN. Alex, Scheiße, du hast vergessen, die Sicherungen rauszudrehen!

DORLI. Juan, dreh mal die Sicherung raus!

HELGA. Dorli war schon immer unser Elektriker in Dülmen. Sie hat alles repariert.

DORLI. Alex, gib mir mal den Schraubenzieher! Das ist doch ganz einfach. Ist die Sicherung raus?

So kann Dorli sich sofort im Freundeskreis einführen. Sie schraubt geschickt die Drahtenden in die Lüsterklemme. 

DORLT. Und der Herr sprach: »Es werde Licht- und es ward Licht. . .!« Sicherung! 

Stefan dreht die Sicherung fest. Sofort beginnen die bunten Lichter zu leuchten. Jetzt erst sieht man, daß Zimmer und Diele schon mit schönen Girlanden und Luftschlangen dekoriert sind. Das Fest kann beginnen. Fräulein Cerphal ist aus ihren oberen Räumen heruntergekommen, um zu sehen, was vielleicht noch fehlt. Sie ist begeistert, wie die Dekoration schon aussieht. Das Haus strahlt im Zauberlicht. Juan kommt ihr mit seinen Jonglierkugeln entgegen. Er zählt die Runden, die seine Kugeln in den Händen vollführen, in chinesischer Sprache. 

FRÄULEIN CERPHAL. Schön habt ihr das gemacht! Ach, Juan, übersetzen Sie mir doch mal das Sprichwort. . . 

Die Cerphal hakt sich bei Juan unter. Sie führt ihn in einen Winkel der Diele, um sich seiner vielen Kenntnisse zu erfreuen. Sie hat ihre eigene Art, die Anwesenheit der jungen Künstler in ihrem Hause zu genießen. Dieses unkontrollierbare Kommen und Gehen unter ihrem Dach ersetzt ihr das verlorengegangene Familienleben der vergangenen großbürger-lichen Glanziahre. Ihr Leben ist auch jetzt noch voll von Menschen und kulturellen Anlässen. Sie hat sich die Studenten ins Haus geholt, aus Langeweile, aber auch aus bürgerlichem Besitzinstinkt. 

440 Villa Cerphal, Bibliothek

Evelyne lebt nun fest im Bibliothekszimmer. Mit Ansgar hat sie hier eine allseits respektierte Zweisamkeit errichtet. Sie bügelt ihm seine Hem-den, versorgt ihn mit Essen. Ein wenig ist es auch schon Alltagsleben geworden, das die beiden Liebenden schmerzhaft kennenlernen müssen. Sie wollen das nicht wahrhaben, denn sie haben alles, was sie suchen. Sie sind eigentlich glücklich. Ansgar liegt mit nackten Beinen eigenartig verrenkt auf der Rokoko- liege. Evelyne hält beim Bügeln inne. 

EVELYNE. Ansgar, was ist mit dir?

ANSGAR. Ich bin ein Versager. Ich kotze mich selber an, Evelyne. Schmeiß mich raus!

EVELYNE. Ansgar, Lieber, ich bin doch so froh, daß du da bist. Tut dir was weh? Hast du was getrunken?

ANSGAR. Ich habe etwas geschluckt. Nicht heute, gestern. Du hast es gar nicht gemerkt. Ich brauche das, immer noch. 

EVELYNE. Ich habe das gemerkt, Ansgar. 

Evelyne setzt sich dicht neben den Freund. Er richtet sich auf und sieht ihr traurig in die Augen. Als er spürt, daß er gleich weinen wird, springt er auf. Er will nicht sentimental werden. Mit seinen nackten Beinen läuft er durch das Zimmer und setzt sich schließlich auf die kalte Holzstufe vor dem Ausgang zur Diele. Ein Häuflein Elend. 

ANSGAR. Weißt du, Medizin paßt einfach nicht zu mir. Du hast schon recht gehabt. Ich bringe es einfach nicht mehr fertig, da hinzugehen.

EVELYNE. Stimmt. Wir waren seit Wochen nicht mehr in der Uni. Das ist schlimm, Ansgar. 

ANSGAR. Du bist so stark, weißt immer, was du willst. Ich schäme mich vor dir. Ich bin der letzte Dreck! 

Evelyne versucht, den Freund zu trösten. Sie setzt sich behutsam neben ihn. Als sie ihm aber den Kopf streicheln will, rennt er wieder vor ihr weg. Er wirft sich auf die Liege. 

ANSGAR. Ich hasse Leute, die sich selber leid tun.

EVELYNE. Meinst du dich?

ANSGAR. Wen denn sonst? Ja, ich weiß schon, man muß kämpfen. Aber um was? Ich habe solche Angst. Ich habe fürchterliche Angst.

EVELYNE. Ich habe dich noch nie so verzweifelt gesehen. Kann es sein, daß wir zuviel zusammen sind? Liegt es daran?

ANSGAR. Vielleicht.

EVELYNE. Oder hast du vielleicht nur Hunger?

ANSGAR (lacht). Nein.

EVELYNE. Dann komme ich zu dir. Ich wärme dich. 

Sie zieht den Pullover aus. Mit ihrem nackten Oberkörper schmiegt sie sich an den verzweifelten Freund. Ganz nah will sie ihm jetzt sein. Aber Ansgar ist unendlich weit von ihr entfernt. Sie sucht nach Mitteln, ihn zu berühren. 

EVELYNE. Soll ich dir eine Geschichte erzählen? 

ANSGAR. Ich möchte bloß mal wissen, was die Freunde hier am Leben hält. Kunst, was ist das bloß für ein Wahn? Unnötiger, eitler Egois-mus und Einbildung. 

Evelyne geht nicht auf Ansgars Stimmung ein. Sie streichelt ruhig über seinen Arm. So wartet sie, bis er ihr zuhört. 

EVELYNE. Ich singe dir was vor. 

Evelyne beginnt, Ansgar mit leiser Stimme ein Lied von Johannes Brahms ins Ohr zu singen. 

EVELYNE (singt). »Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht, unsere Liebe, sie trennet sich nicht. Eisen und Stahl, sie können zergehn, unsere Liebe muß ewig, ewig bestehn . . . « 

441 Villa Cerphal, Diele

Stefan schleppt zusammen mit Helga Weinflaschen herein. Jedesmal, wenn die Haustür aufgeht, dringt die Luft des naßkalten Winterabends herein. Helga, die ohnehin leicht friert, beginnt zu zittern. 

HELGA. Schweinekalt ist es hier. Warum heizt ihr denn nicht? Habt ihr mal wieder keine Kohlen oder was? 

STEFAN. Jetzt warte mal ab. Wenn hier zwanzig Leute drin sind, dann wird's schon warm. Ich wärme dich dann. 

Die Gäste lassen auf sich warten. Es will keine rechte Stimmung aufkommen. Alex, Juan und Dorli sitzen herum. Sie tasten sich vorsich-tig gegenseitig ab in ihren Gesprächen. 

Die Cerphal beobachtet diese Entwicklung des Abends. Sie holt Juan zu sich heran. 

FRÄULEIN CERPHAL. Kommen Sie mit auf den Speicher, Juan! Da gibt es noch viele schöne Dinge. Und bestimmt auch noch Faschingsdekora-tionen von vor dem Krieg. Wir müssen nur ein bißchen suchen. Ich gehe mal voraus. Hier muß irgendwo eine Taschenlampe sein. 

442 Villa Cerphal, Speicher

Juan und die Cerphal haben das Obergeschoß erreicht. Von hier aus steigen sie die steile Speichertreppe hinauf. Der Dachboden ist vom Licht der Taschenlampe nur spärlich beleuchtet. Der von Balken durch-zogene Raum ist angefüllt mit Bergen von verstaubten Gegenständen: alte Möbel, Kisten, Matratzen, Schachteln aller Größen und Gemälde, die einfach so zwischen dem Gerümpel herumstehen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Mein Vater hat alles aufgehoben. Allein über diesen Speicher könnte man eine Doktorarbeit schreiben. 

Die Cerphal findet eine elektrische Handleuchte, die sie einschaltet. 

FRÄULEIN CERPHAL. Juan, halten Sie mal bitte! Hier ist ein Stück Schwabinger Kunstgeschichte verborgen. 

Sie beleuchtet das eine oder andere Ölgemälde, hebt es vor die Lampe und stellt es achtlos wieder weg. Die Bilder stammen von den berühmte-sten Künstlern der Jahrhundertwende und sind unschätzbare Werte. Jetzt entdeckt die Cerphal eine Kiste, derentwegen sie wohl hier herauf-gegangen ist. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ach, gucken Sie, da haben wir's! Diese schönen Masken! Sehen Sie sich das an. Die nehmen wir natürlich alle mit. Das ist klar. 

Während Juan noch die handgemachten Faschingsmasken aus den zwanziger Jahren bestaunt, ist die Cerphal in eine andere Ecke geeilt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Juan, sehen Sie mal hier, das Prunkstück. Das ist ein echter Marc. 

Juan ist still geworden. Dieser Raum ist wie ein Theaterfundus oder wie das Magazin eines alten Museums. Jetzt sieht er zu, wie die Cerphal das Gemälde von Franz Marc wieder verpackt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Als das Haus hier eingerichtet wurde, das war am Ende des vorigen Jahrhunderts, da verkehrten hier die Sezessionisten und dann der Blaue Reiter, die Expressionisten, die Surrealisten und wie diese Leute alle heißen. 

Es gibt auf dem Speicher eine steile Holztreppe, die noch eine Etage höher in den oberen Speicher hinaufführt. Fräulein Cerphal ist vorange-gangen, weil sie etwas sucht, das nur dort oben stehen kann. Juan folgt ihr. 

FRÄULEINCERPHAL. Ach, wissen Sie, eigentlich mache ich mir gar nichts aus Bildern. Aber eins ist hier, das gefällt mir sehr gut. Das werde ich Ihnen mal zeigen, das ist noch von diesem berühmten Faschingsfest. I9 3 z. Ich weiß jetzt gar nicht, ob das hier war oder in unserer anderen Villa in Bogenhausen. Ich war lI Jahre alt. 

Nun sind die beiden bei einem großen Bild angekommen, auf dem ein Faschingsfest mit fast lebensgroßen Figuren dargestellt ist. Merkwürdig bleich und entrückt sehen die Gesichter aus. Juan leuchtet die Gestalten der Reihe nach an. 

FRÄULEIN CERPHAL. Das soll ein Beckmann sein. Das sind alles Por-traits. Sehen Sie mal, das ist Feuchtwanger mit seiner Frau Martha, das hier ist Brecht, das ist Thomas Mann mit seiner Frau.

JUAN. Und der da? Er sieht ihrem Herrn Gattinger ähnlich.

FRÄULEINCERPHAL. Sie erkennen ihn? Er war damals z 5 Jahre alt. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Wir haben ihn alle sehr bewundert. Er war ein außerordentlich schöner Mann.

JUAN. Sie haben ihn geliebt? 

Die Cerphal schweigt. 

JUAN. Ich meine, Sie haben ihn geliebt, nicht wahr?

FRÄULEIN CERPHAL. Ach, ich - war seine Vertraute, bis zuletzt.

JUAN. Zuletzt? Wann war zuletzt?

FRÄULEIN CERPHAL. Das war April I945. Da mußte er untertauchen.

JUAN. Aber - hat er was gemacht?

FRÄULEIN CERPHAL. Bitte? Nein, nein. 

JUAN. Ich meine, im KZ?

FRÄULEIN CERPHAL. Nein, er war in der SS-Leibstandarte. Das ist eine Elitetruppe. Sie galt als das Feinste vom Feinen.

JUAN. Ich verstehe!

FRÄULEIN CERPHAL. Fassen Sie doch mal mit an. Wir nehmen das mit runter. 

Die Cerphal unterdrückt ein schmerzliches Lächeln, das sich in ihrem Gesicht ausbreiten will. Mit großer Energie geht sie nun zu Werke, um mit Juan gemeinsam dieses riesige Gemälde die schmale Treppe hinun-terzuschaffen. 

443 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Als die beiden das dekorative Bild in die Diele tragen, ist das Fest ein wenig in Gang gekommen. Hermann und Clemens machen Musik, Stefan und Helga haben sich kostümiert. Dorli hat die Diele in einen Wald von Luftschlangen verwandelt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Kinder, seht mal her! Wir haben die ganzen schönen alten Sachen wiedergefunden. Ist das nicht herrlich? 

Das Bild von den Faschingsgästen der glorreichen zwanziger Jahre füllt fast das ganze Studentenzimmer. Sind das nun die geistigen Vorfahren der Freunde? 

444 Straßenbahnhaltestelle 

Ansgar hat heute Spätdienst auf der Straßenbahn der Linie 4. Evelyne hat ihn zur Haltestelle begleitet, sie will dabeisein, wenn der Freund, der heute so verzweifelt war, zur Arbeit geht. Sie will ihm auch zu verstehen geben, daß sie in jeder Lebenslage an seiner Seite stehen will. Ansgar sieht in der Straßenbahneruniform wieder so fremd aus wie am ersten Tag. Es gibt einen kleinen Trinkwasserbrunnen in der Nähe der Haltestelle. Der dünne Wasserstrahl rinnt aus dem oberen Teil des gußeisernen Gebildes in eine verzierte Schüssel. Ansgar und Evelyne halten ihre ausgestreckten Finger so, daß sie sich gerade im kühlen Wasserstrahl treffen. Es ist wie ein magischer Akt, mit dem sie sich voneinander verabschieden wollen. 

ANSGAR. Gehst du auf das Fest? 

EVELYNE. Vielleicht später. 

ANSGAR. Ich möchte dich gerne anmalen. Du sollst dich schön machen. 

EVELYNE. Mit Schminke? 

ANSGAR. Ich möchte zum Beispiel einen Löwen aus dir machen. 

EVELYNE. Und du? Ich glaube, ich mache aus dir einen griechischen Jüngling mit Lorbeerkranz, einen Helden. 

ANSGAR. Wieso denn das? 

EVELYNE (lacht). Das ist das Gegenteil von dieser Soldatenuniform, die du anhast. 

ANSGAR. Wenn ich ein Tier wäre, dann wäre ich vielleicht ein Esel. Esel sind stur und intelligent.

EVELYNE... und kuschelig. Und ich, ich glaube, ich wäre eine Nacht-eule. 

ANSGAR. Die Eule und der Esel. Schön! 

Die Straßenbahn nähert sich, bimmelt. Ansgar macht keine Anstalten, sich von Evelyne zu trennen. 

ANSGAR. Ich komme um halb eins in den »Fuchsbau« . .. 

EVELYNE. Ja. 

ANSGAR. Könnt ihr Schminke besorgen bis dahin? 

EVELYNE. Ja, von Olga, sicher.

ANSGAR. Tu das, ich möchte so gerne Tiere aus uns machen. 

Evelyne wird unruhig, weil Ansgar immer noch nicht zu seiner Bahn gegangen ist. Sie mahnt ihn zur Eile.

Ansgar sieht, daß die Straßenbahn wieder abfahren will. Er spurtet nun los, erreicht den Zug gerade, als sich die automatische Tür schließt. Es gelingt ihm aber noch, seinen Fuß zwischen die Schiebetür zu stecken. In dem Glauben, die Bahn so irgendwie auflhalten zu können, dreht sich Ansgar noch lachend zu Evelyne um. Er ruft ihr zu, daß sie um halb eins auf ihn warten solle. Er bemerkt zu spät, daß sein Fuß zwischen den hydraulischen Türen eingeklemmt ist. Die Bahn fährt an. Evelyne kann genau erkennen, wie sich das Unglück anbahnt. Sie schreit aus Leibeskräften, um Ansgar zu warnen und um den Straßenbahnzug zum Anhalten zu bringen. Auch Ansgar schreit jetzt um Hilfe, während er noch hüpfend versucht, auf einem Fuß mit der schneller werdenden Bahn Schritt zu halten. Evelyne rennt verzweifelt neben dem Zug her und schreit. Ansgar stürzt zu Boden. Sein Kopf schlägt grausam auf das Straßenpflaster. Er wird, mit seinem Fuß an die Tür gefesselt, mitgeschleift. Evelyne versucht noch, sich über Ansgar zu werfen, ihn irgendwie zu befreien oder zu schützen. Aber das Unglück nimmt unerbittlich seinen Lauf. 

445 Villa Cerphal

Das Faschingsfest ist jetzt voll in Gang. Hermann sitzt am Klavier und jazzt. Clemens, der Trommler, begleitet ihn mit improvisierten Schlag-instrumenten. Ein Freund aus der Musikhochschule spielt Saxophon dazu. Die Stimmung ist vorzüglich, denn die meisten Gäste haben sich kostü-miert und ihre Gesichter mit Phantasiemasken verändert. Renate kommt mit Herrn Gattinger herein. Die beiden haben sich als Romeo und Julia verkleidet. Sie erinnern sich an das Shakespeare-Drama und zitieren Texte daraus. Renate küßt Hermann, den sie trotz seiner Vogelmaske sofort erkennt. Sie versucht ihn partout beim Kla-vierspielen zu stören. Helga und Dorli hänseln Alex, der so altmodisch-seriös wie immer dasitzt. 

DORLI. Hast du denn gar keine Freundin, Alex?

ALEX. Ich liebe eine gewisse Ingrid aus Heidelberg. 

HELGA. Die mysteriöse Ingrid aus Heidelberg. Die wollen wir aber endlich mal sehen, nicht? 

ALEX. Sie hat sich noch nicht entschieden. Im Moment ist sie liiert mit einem Opportunisten namens Klein.

DORLl. Bist du noch Jungfrau? 

ALEX. In gewissem Sinne, ja. Natürlich nur in spirituell-geistigem Sinne. 

Es gibt noch mehr Tiermasken im Raum: Hühner, Bären, Lämmer, Pelikane. Reinhard hat sich in Donald Duck verwandelt. Rob tanzt mit einem Paradiesvogel namens Elfie, und Olga ist ein Stummfilmstar aus Hollywood. Hermann und seine Freunde spielen einen Tango. Das gibt dem ambi-tionierten Stefan Gelegenheit, Helga zu zeigen, was er kann. Er fordert sie zum Tanz auf. Helga tanzt spontan, so wie ihr zumute ist. 

STEFAN. Schau mal, Helga, ich habe dir doch gesagt, du sollst rechts anfangen. Tango ist der einzige Tanz, bei dem man rechts anfängt. 

Schon ist der schönste Streit zwischen Helga und Stefan ausgebrochen. In der Küche hat Juan begonnen, die Hausherrin zu schminken. Er sitzt vor ihr am Küchentisch, als Fabeltier verkleidet, und versucht aus ihrem Gesicht ein kubisches Gemälde zu machen, im Stil der Malerei, die er mit ihr auf dem Speicher gesehen hat. 

FRÄULEINCERPHAL. Juan, wollen Sie nicht lieber mit den jungen Damen tanzen? Ich unterhalte mich zwar sehr gerne mit Ihnen, aber Sie gehören doch zur Jugend! 

JUAN. Ich glaube, ich bin uralt. Mit jeder Sprache, die ich gelernt habe, bin ich älter geworden, einmal gestorben. 

FRÄULEIN CERPHAL... geboren, meinen Sie! Ich bewundere Ihr Sprach-genie, und ich beneide Sie darum. 

JUAN. Wir sind doch alle Gespenster. 

FRÄULEIN CERPHAL. Gespenster, wieso? 

JUAN. Denken Sie an das Bild, das wir vom Speicher gebracht haben. Denken Sie an die Vorfahren, sind wir ihnen nicht irgendwie ähnlich? 

Der Tango inspiriert Dorli zu einem Solotanz, in dessen Verlauf sie beginnt, sich die Kleider vom Leib zu streifen. Die Freunde hören auf zu tanzen. Sie klatschen im Rhythmus und animieren Dorli zu ihrem ernsthaft vorgetragenen Provinzstrip. Dorlis schwarze Reizwäsche bringt die Party in Hochstimmung. Es wird gepfiffen, es werden anzügliche Bemerkungen gemacht, die Paare fühlen sich enthemmter als bisher. Der Alkohol tut seine Wirkung. . . Da wird es plötzlich still im Raum. Die Musiker haben mitten im Takt innegehalten. Alle Blicke wenden sich zur Tür, wo Evelyne erschienen ist. Evelyne sieht grau aus im Gesicht. In ihrem dunklen Mantel und mit ihren herabhängenden, nassen Haaren hat sie das Aussehen eines Todesengels. 

EVELYNE. Ansgar ist tot. . .! 

Die tonlos gesprochenen Worte stehen im Raum. Niemand von den Gästen weiß, wie er reagieren soll. Nur Olga, die Schauspielerin, findet sofort einen spontanen Ausdruck ihres Schmerzes. Sie geht dramatisch in die Knie. 

446 Villa Cerphal, Bibliothek 

Evelyne muß jetzt allein sein. Sie schließt die Schwingtür hinter sich. Jetzt erst kann sie weinen. Sie läft ihr Gesicht auf die Knie sinken. Krämpfe erschnttern ihren ganzen Körper. Im Bibliothekszimmer befindet sich außer Evelyne noch Dorli, die sich in ihrer Reizwäsche geschämt hat und meinte, sie könne sich hier vor den Augen der trauernden Freunde verbergen. Nun erkennt sie, daß sie gerade in diesem Zimmer besonders unpassend ist. Sie entschuldigt sich leise vor Evelyne, die allerdings von Dorli überhaupt keine Kenntnis nimmt. Evelyne beginnt, das Zimmer aufzuräumen. Ansgars Lieblingspullover hängt sie sorgfältig auf einen Bügel. Seine selbstgedrehten Zigaretten räumt sie beiseite, und während Dorli sich schnell anzieht, versucht Evelyne, die blutigen Nylonfäden aus ihren Knien zu ziehen. Es sieht aus, als könnte sie nie mehr sprechen. 
447 Villa Cerphal, Terrassenzimmer

Die Cerphal ist von allen die einzige, die Evelynes Auftritt nicht mitbe-kornmen hat. Sie ist völlig unwissend, als sie jetzt, von Juan phantastisch geschminkt und kostümiert, das Zimmer betritt. Sie sieht Hermann am Klavier stehen. Auch ihm sieht sie die entsetzliche Nachricht noch nicht an. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wissen Sie, daß der Stefan hier ausziehen will? Er hat zu mir gesagt, er will mal ausschlafen. Aber seine Eltern bedrän-gen ihn, daß er sein Staatsexamen macht, und das wird wahrschein-lich der wahre Grund sein. Und ich möchte, daß sie hier sein Nachfolger werden. Ja. Ich habe mir gedacht, der Flügel hier, außer- dem sind Sie mir sympathisch, und Sie machen schöne Musik. Und aus Ihnen wird mal ganz bestimmt noch was werden. 

Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre dieses Angebot eine Sensation in Hermanns Leben gewesen. Er hätte Freudensprünge aufgeführt. Aber jetzt gehen diese Worte wie fernes Rauschen an ihm vorbei. 

HERMANN. Vielen Dank, Fräulein Cerphal.

FRÄULEIN CERPHAL. Was ist denn eigentlich hier los? 

Hermann muß sich setzen. Seine Beine wollen ihn nicht mehr tragen. Jetzt endlich hat auch die Cerphal verstanden, daß etwas vorgefallen ist, das dem Abend eine jähe Wende gegeben hat. Das Bild, wie dieser Freundeskreis unter dem Dekorationsbild von 1932 steht und keiner weiß, was er sagen soll, gleicht einer Todesvision. 

448 Vor Wohnung Ansgar

Bei Tageslicht hat Evelyne sich gefaft. Ihre Bewegungen sind noch energischer als bei ihrem Aufbruch aus der Neuburger Heimat. Sie hat die Liebe kennengelernt und den Tod. Jetzt kann ihr nichts mehr passieren. Niemand kennt tieferen Schmerz, niemand wird länger trau-ern müssen als sie. Alles, was sie heute zu tun hat, sind nur Äußerlichkeiten im Vergleich zu dem, was sich in ihr abspielt. Sie begibt sich zu Ansgars Wohnung. Sie öffnet das rostige Eisentor, sie betritt die schäbige Einfahrt und geht in das Haus, das Ansgar ihr erst kürzlich gezeigt hat. Evelyne hat einen kleinen Koffer bei sich mit Ansgars Hinterlassenschaften. 
 
449 Wohnung Ansgar

Als Evelyne das Untermietzimmer betritt, sitzt Ansgars Mutter ganz in Schwarz und in sich gesunken auf Ansgars Bett. Das Zimmer ist völlig durchwühlt. Die Matratzen sind aus dem Bett gehoben, die Schränke stehen offen, ein leerer Koffer mit aufgeklapptem Deckel liegt auf dem Fußboden. Eine karge Kerze brennt auf dem Nachttisch. Evelyne sieht sich um. Sie hätte die kleine Mutter fast übersehen. 

EVELYNE. Grüß Gott! 

Das Gesicht der Mutter sieht nun vollends aus wie eine Dörrpflaume. Sie schluchzt, dann deutet sie auf den Koffer in Evelynes Hand.

MUTTER ANSGAR. Ist das alles? 

EVELYNE. Ja. Das ist alles, was ich von Ansgar habe. 

Evelyne trägt das Köfferchen zum Tisch, stellt es darauf und beginnt, den Inhalt auszupacken. 

EVELYNE. Ein Hemd, Unterwäsche, Strümpfe, eine Krawatte, eine Kappe, Rasierzeug, Zigaretten... 

MUTTER ANSGAR. Ich kann es einfach nicht glauben. Ansgar hat doch alles gehabt! Er ist mit einem großen Koffer nach München gekom-men. Anzüge, Wäsche, Bilder, Fotos, Schallplatten, alles. Vor allem suche ich seine Hefte. Aber es gibt nichts. Ein leerer Koffer, ein paar alte Klamotten, ein paar alte Zeitungen. Das ist doch verdächtig. Wo sind denn die Sachen von Ansgar? 

Die Mutter ist im Zimmer umhergegangen und hat noch einmal überall nachgesehen. Sie hat die Matratzen hochgehoben, hat unter dem Bett, in den verborgensten Winkeln des Schrankes geforscht, belanglose Dinge herausgezogen und achtlos umhergeworfen. Sie tritt jetzt mit tränen-überströmtem Gesicht vor Evelyne hin, die sie aber kalt und unbewegt ansieht. 

MUTTER ANSGAR. Sie, Fräulein, ich muß das jetzt wissen. Ich bin imstande und gehe zur Polizei. 

EVELYNE. Also ist es doch wahr! 

MUTTER ANSGAR. Was ist wahr? 

EVELYNE. Daß Ansgar alles verbrannt hat, was ihn an Sie erinnert hat. 

MUTTER ANSGAR. Sie, was sagen Sie da? Mein Gott, werden Sie bloß nicht frech! Ich bin doch schließlich seine Mutter. Der arme Bub! Was ist denn das? Was soll denn das bedeuten? 

Unter dem kleinen Gerümpel, das auf Ansgars Tisch liegt, entdeckt die Hand der Mutter eine alte Injektionsspritze. Sie stutzt. Sie hält die spitze Injektionsnadel drohend vor Evelyne hin. 

EVELYNE. Ich weiß nicht. Er hat Medizin studiert. 

MUTTER ANSGAR. War er süchtig? 

Evelyne schweigt. Sie ist mit ihren Gedanken weit weg. Die Mutter sieht sie mißtrauisch an. Plötzlich erhebt sie sich. Sie will Evelynes Handge-lenke kontrollieren. 

MUTTER ANSGAR. Und Sie? Nehmen Sie auch so was? Mein Gott, ich flehe Sie an, bitte sagen Sie mir jetzt doch die Wahrheit! Man kann doch eine Mutter in der Stunde nicht anlügen. Hören Sie, hat er was genommen? 

EVELYNE, Nein. Und wenn, dann ist das lange her. 

Evelyne hat die aufdringliche Mutter abgewehrt. Sie erhebt sich, denn sie hat ihre Mission erfüllt. Warum soll sie diese Frau noch länger ertragen? 

MUTTER ANSGAR. Fräulein, Sie lügen mich jetzt an.

EVELYNE. Ich kann Ihnen nicht helfen. 

Die Mutter klammert sich an Evelyne so, wie sie sich früher an Ansgar geklammert hat. Auch vor der großen Evelyne wirkt sie wie eine Zwergin. 

MUTTER ANSGAR. Das ist der Pullover von Ansgar. Tun S ihn sofort runter. 

Die Mutter hat entdeckt, daß Evelyne Ansgars blauen Lieblingspullover trägt. Jetzt erwacht die Eifersucht in ihr. Evelyne wird heftig. 

EVELYNE. Kommt gar nicht in Frage. Nehmen Sie Ihre Finger da weg! 

MUTTER ANSGAR. Mein Gott, Sie lügen nicht nur, Sie stehlen auch noch. 

Von einem neuen Weinanfall geschüttelt, sinkt die Mutter auf Ansgars Bett. 

MUTTER ANSGAR. Ich will meinen Ansgar wiederhaben! 

EVELYNE Ich doch auch, Sie dumme Person. 

450 Südfriedhof

Monate sind vergangen. Hermann und Juan machen einen Spaziergang über den ausgedehnten Großstadtfriedhof. Die Freunde betrachten die Gräberreihen auf beiden Seiten des Kiesweges. 

HERMANN. Irgendwie ist es hier wie in den Straßen der Stadt. Da gibt es Reihenhäuser, Neubauten, Altbauten, Kasernen, Paläste, Villen... So ein Friedhof ist ein Spiegelbild der Großstadt. 

Tatsächlich sind die Grabdenkmäler von sehr unterschiedlichem Cha-rakter. Das Geld hat auch hier entschieden. Es gibt die Viertel der Reichen und die Viertel der Armen - im Tod wie im Leben. Die Freunde gelangen an ein einfaches Holzkreuz, das zwischen zwei Steingräbern steht. »Ansgar Herzsprung« steht darauf, mit den Lebens-daten des toten Freundes: »1938-1962«. Hermann nimmt eine halb-verwelkte Rose vom Nachbargrab und legt sie auf Ansgars Krenz. 

HERMANN. Jetzt haben wir unseren ersten Toten in München. Das ist ein Gefühl wie zu Hause auf dem Dorf. Du gehst auf den Friedhof, und da liegt einer, den du gekannt hast. 

Juan sieht die Sache anders. Er geht ein paar Schritte. Nachdenken will er über den Tod jetzt eigentlich nicht.

JUAN. Ich möchte einmal sterben wie Hemingway. Ein Schuß, Ende, wenn ich will. .

Hermann will auch Schluß machen, Schluß mit der andauernden Herbstmelancholie. 

HERMANN. Wir vergeuden unsere Zeit. Schon seit Monaten vergeuden wir unsere Zeit. Wir reden und reden und reden. . .

JUAN. Zuwenig! 

Natürlich haben sie beide recht. Das ist eine Erkenntnis, zu der es nicht des Todes von Ansgar bedurft hätte! Die Freunde verlassen den Friedhof. Das Leben dehnt sich vor ihnen in unermeßlicher Weite.