Film 5: Drehbuch

Fünftes Buch
Das Spiel mit der Freiheit
(1962) 
 
501 München, Fronleichnamsprozession


Es ist sicher übertrieben, das Tageslicht in einer Stadt katholisch zu nennen. Dennoch sind die Altstadtstraßen Münchens an diesem Morgen des Fronleichnamstages in ein frommes Licht getaucht: ein Licht, das durch die Menschen und die Häuser hindurch zu leuchten scheint. Alles wirkt zerbrechlicher, ste rblicher als sonst. Vielleicht liegt es auch an den Birkenzweigen, mit denen Gehsteige, Fenstersimse und Häuserecken geschmückt sind. Der Wind gehört dazu. Er ist kühl, sanft, aber böig, als könnte jederzeit ein Sturm daraus werden. Die Innenstadt ist für den Autoverkehr völlig gesperrt. Man kann an diesem Morgen unbekümmert mitten auf den Hauptstraßen stehenbleiben und die unbekannten Perspektiven genießen. Helga ist allein auf den leeren Straßen und Plätzen. Ihr Blick verliert sich in den Turmfassaden des Dorns, sie geht, von den Windböen getrieben, über Kreuzungen, sie beobachtet Nonnen, die vorbeihuschen, und horcht auf den monotonen Gesang der Gläubigen, die sich hinter mehreren Häuserblocks zu einer Prozession formiert haben. 

HELGA. Es gibt Tage, an die ,erinnert man sich so genau, als hätte man eine Kamera bei sich gehabt und alles festgehalten: das milde Licht morgens um halb zehn, das Spiel des Windhauchs in den Kirchenfah- nen, die Gebete der Frauen in der Prozession. Der Fronleichnamstag I962 in München war ein Tag, den ich nicht vergesse. Man spürte schon morgens, daß es ein Gewitter geben würde. Es herrschte seit Tagen ein Sommerklima wie in Italien. Ich konnte es kaum noch aushalten vor Sehnsucht. Meine Haut schmerzte vor Verlangen nach . . .

Ich versuchte, das in Gedichten und Sätzen auszudrücken. Innerlich schrieb ich alles auf. Ich beobachtete das Geschehen in der Stadt, dann mein Inneres. Ich empfand den Duft der Frömmigkeit und der Sünde, dieser Birkenzweige, die überall die Trottoirs einsäumten. Ich war selbst eine Birke und wartete auf den großen Sturm. Helga läßt den Weihrauchduft der Prozession an sich vorbeiziehen: schwarzumhüllte alte Weiber, die Geistlichen in ihrem Ornat, unifor- mierte Männer mit weißen Haaren, ein barockes Silberkreuz, dicht vor ihr vorübergetragen, Münder, die sich beim Singen öffnen und schließen; Augen, gesenkt oder ängstlich geöffnet. Helga ist fasziniert und hält sich dennoch fern. 

502 Wohnung Tommys Eltern


Der Sturm, von dem Helga sprach, entwickelt sich an vielen verschiedenen Stellen der Stadt ganz ungleichzeitig. Uber der kleinen Dachterrasse, auf die Hermann hinaussehen kann, ist ein Kleinst-Unwetter entstanden. Eine Sturmböe zerrt an den Ziersträuchern, fegt altes Laub und Staub durch die Luft. Die Regentropfen klatschen auf den Estrichboden. Uber der Stadtsilhouette im Hintergrund hängt ein fahler Himmel. 

HERMANN. Ich war ungeduldig an diesem Tag, vom frühen Morgen an gereizt. Als am späten Nachmittag das Gewitter niederging, gab ich gerade Klavierstunden. Tommy war der Sohn eines Designers und einer Schauspielerin, ein ekelhaft verwöhntes Kind. Ja, auch ich sehe diesen Tag deutlich vor mir. 

Die Wohnung liegt unter einem prächtigen Dach und bezieht das Innere eines Ziertürmchens mit ein, das dieses Bürgerhaus am Isarufer schmückt. Die Einrichtung verrät in allen Einzelheiten die Berufe ihrer Besitzer. Eine geschwungene Edelholztreppe führt aus dem Wohnzimmer in das Turmzimmer empor, eine Art Galerie, die als Spielzimmer für den verwöhnten Sohn eingerichtet wurde. Auch das Wohnzimmer besteht aus verschiedenen Ebenen: einer zum Musizieren, einer zum gemütlichen Sitzen, einer zum Essen. Alles ist offen, hell, transparent, modern und teuer. Auf der Musikebene steht ein weißer Flügel, an dem der Klavierunterricht stattfindet. Hermann ist viel zu gereizt, um neben seinem unbegabten Schüler sitzen zu können, er umkreist ihn, sieht immer aus, als wollte er weglaufen - wenn draußen nicht gerade dieses Unwetter wäre. Tommy müht sich mit dem 3. Satz von Mozarts A-Dur-Sonate, dem berühmten »Rondo alla Turka«. 

HERMANN. So, warte mal, fang noch mal von vorne an! Wir haben eine halbe Stunde letztes Mal darüber geredet. Das sind keine Viertel da am Anfang, das sind Achtel. Die Phrase auf das C hin spielen. 

Tommys Mutter, die Schauspielerin, macht auf der Galerie über dem Flügel Gymnastikübungen. Sie ist mit einem schwarzen Trikot bekleidet und hat ihre Haarmähne mit einem modischen Tuch zusammengebunden. Bei ihren Turnübungen beugt sie sich immer wieder so weit über das Geländer, daß sie Hermann und ihren Sohn beobachten kann. Das Gewitter vor den Terrassenfenstern ist voll losgebrochen. Aus dem Regen wird nun ein Wolkenbruch. 

Tommy hat Hermanns Anweisung wieder nicht befolgt und die Notenwerte eigenmächtig verfälscht. Hermann leidet. 

HERMANN. Mal weiter, Tommy! Wir üben das jetzt fast ein Jahr, das Stück. Du kannst einen wirklich wahnsinnig machen. Wenn du dich konzentrierst, dann geht es einigermaßen, und beim nächsten Mal ist alles wieder weg. Sag mal, macht dir das Klavierspielen eigentlich Spaß? Interessiert dich das überhaupt? 

TOMMY. Ich freue mich jedesmal, wenn Sie kommen. Bestimmt! Außerdem ist es bei Ihnen viel schöner als bei Dr. Bach. Der hat nämlich ein Gebiß gehabt, wissen Sie. 

Die Mutter hört von der Galerie aus zu. Sie unterbricht ihre Gymnastik dabei nicht. Jetzt ermahnt sie ihren geschwätzigen Sohn mit gespielter Erzieherstimme. 

TOMMYS MUTTER. Tommy!

TOMMY. Ja, Mama . . .

TOMMYS MUTTER. Sei ruhig und übe! 

Zwischen Mutter und Kind ist alles tausendfach geübtes Spiel. Der Junge spricht mit leiserer Stimme weiter. Das ist alles, was er der Mutter an Erziehungserfolg zugesteht. 

TOMMY. Ja. Der hat jedesmal beim Vorspielen sein Gebiß aus dem Mund genommen. 

TOMMYS MUTTER. Immer mußt du ablenken und schwatzen! 

TOMMY. Ja, und da aufs Klavier gelegt. Da habe ich mich immer so geekelt. 

HERMANN. Tommy, das weiß ich doch alles! 

TOMMY. Und die Geschichte mit Fräulein Burkhardt? 

Auch diese Geschichte kennt Hermann schon. Er kann aber Tommys Mitteilungslust nicht eindämmen. Hermann tritt ans Fenster. Er betrachtet das Unwetter. So verschafft Tommy ihm und auch sich selbst eine Unterrichtspause. 

TOMMY. Die war mal Opernsängerin, oder wollte es werden. Auf jeden Fall hat sie immer, wenn sie Klavier gespielt hat, mit ganz hoher Stimme mitgesungen. Tommy imitiert mit hoher Tonlage die Opernstimme seiner ehemaligen Klavierlehrerin. 

TOMMY. Die habe ich auch gehaßt. Auch deswegen, weil sie immer so gestunken hat, nach saurer Milch! 

HERMANN. Tommy, das hast du mir alles schon erzählt. Und deine Mutter hat es mir auch schon mal erzählt. Ich möchte nichts weiter, als daß du regelmäßig übst. 

Tommys 0. k. ist so liebenswert, daß er Hermanns Zorn damit weglächelt. Hermann kommt zum Flügel zurück. Er will sich von Tommy nicht so manipulieren lassen, wie er dauernd seine Mutter manipuliert. 

HERMANN. Wenn du das nicht tust, dann komme ich nicht mehr. Also los, noch mal von vorne! 

Tommy gibt sich Mühe. Er spielt das »Alla Turka« von vorne, macht aber die gleichen Fehler wie vorher. Hermann versucht es nun mit Dulderblick. 

HERMANN. Sag mal, Tommy, wovon haben wir eigentlich vor fünf Minuten gesprochen? Ich spiele dir das jetzt mal vor. Es ist wirklich kinderleicht! Ich hab das mit sieben Jahren schon gekonnt. Nimm mal dein Kissen. 

Tommy macht Hermann den Platz auf dem Klavierhocker frei. Hermann spielt zunächst das Stück so, daß Tommy genau hinhören soll, worauf es ankommt. Nach wenigen Takten spürt er aber, wie aussichtslos all seine Pädagogik ist. Er spielt nur noch für sich selbst. Er gibt sich Mühe, die Phrasen schön zu gestalten, um sich durch die Musik wieder ein wenig aufzuheitern. 

Vom Klavierspiel angelockt, kommt Tommys hübsche Mutter langsam die Treppenstufen herunter. Sie ist noch ganz erhitzt von ihrem Körper-training. 

TOMMYS MUTTER. Sie spielen wunderschön, Herr Simon. Ach, wenn ich das doch auch gelernt hätte! 

Die Mama beugt sich über den Flügel, um Hermann besser anhimmeln zu können. Hermann ist irritiert, spielt aber tapfer weiter, ohne aus dem Takt zu geraten. 

TOMMYS MUTTER. Ich könnte Ihnen stundenlang zuhören, wissen Sie das? Meinen Sie, daß Tommy das auch noch mal lernen wird? 

Die Mutter hat ihren Sohn so in die Arme genommen, wie sie eigentlich Hermann jetzt umarmen möchte. Tommy, der die Gefühle seiner Mutter genau spürt, windet sich unter ihren Zärtlichkeiten. 

HERMANN. Er konzentriert sich einfach zuwenig. 

TOMMYS MUTTER. Wir haben solche Sorgen mit ihm in der Schule! Alles was dir fehlt, ist Konzentration. Der Schulpsychologe meint, Musik sei das beste Heilmittel für ihn. Deswegen mußt du das lernen. Komm, ich sag dir was. 

Hermann will gar nicht hören, was die Schauspielerin mit ihrem Sohn zu besprechen hat. Er setzt sein Klavierspiel da fort, wo er es unterbrochen hat. Die Mutter spricht auf Tommy ein. 

TOMMYS MUTTER. Wenn du das Stück bis Weihnachten spielen kannst, dann bekommst du das, was du dir gewünscht hast. 

TOMMY. Erpresserin! 

TOMMYS MUTTER. Ein Pferd? Ist das nichts? Ein Pferd gegen dieses Musikstück? 

Hermann beendet das Mozart-Stückchen mit Bravour. Die Mutter hat es sich auf ihrer Sofaebene gemütlich gemacht. 

TOMMYS MUTTER. Vielleicht haben wir ihm einfach zu viele Spielsachen geschenkt. Darf ich ein bißchen hierbleiben? Bitte, setzen Sie sich! 

Sie winkt Hermann zu sich heran. Sie läßt ihn bei sich auf der Sofakante sitzen, so kommt sie ihm recht nah. 

TOMMYS MUTTER. Ich möchte gerne, daß Sie mir etwas über sich selbst erzählen. 

HERMANN. Uber mich? Was möchten Sie denn da wissen? 

TOMMYS MUTTER. Alles! 

HERMANN. Alles?

TOMMYS MUTTER. Wo kommen Sie her? 

HERMANN. Aus dem Rheinland.

TOMMYS MUTTER. Aus dem Rheinland? Raten Sie mal, wo ich herkomme . . 

Tommy nimmt diese Gelegenheit wahr, um zu seinen Comicheften auf der Galerie zu flüchten. Endlich ist die Klavierstunde vorbei. 

Draußen flaut das Gewitter mittlerweile ab. Es dämmert. Münchens Straßen glitzern, als über der Nässe alle Lichter der Nacht angehen. 

HERMANN. In dieser Familie herrschte ein merkwürdiges Einverständnis. Manchmal dachte ich, daß sogar Tommy eingeweiht war. In was eigentlich? Das Gewitter hatte keine Abkühlung gebracht. Ich blieb zum Abendessen, obwohl mir dauernd zum Weglaufen war in dieser hermetisch verschlossenen Dachwohnung. 
 
503 Wohnung Tommys Eltern 


Tommys Mutter hat Spaghetti gekocht. Tommys Vater, der Designer, ist ein gehemmter Mann mit Frühglatze. Er hat sich Hermann gegenüber an den runden Tisch gesetzt. So unwillig sich Tommy beim Klavierunterricht zeigte, so begierig ist er, wenn es ums Essen geht. Er ist für seine elf Jahre viel zu dick. Ein Produkt falsch verstandener Elternliebe. 

Tommy hat sich seinen Teller wie einen Hut auf den Kopf gesetzt. So wartet er, mit den Beinen nervös umherzappelnd, darauf, daß die Mutter mit der Pastaschüssel erscheint. 

TOMMYS MUTTER. Hätten Sie nicht Lust, nächste Woche mit uns nach Sylt zu fahren? Freunde meines Mannes, die dort leben, haben ein wunderschönes Haus in den Dünen. Wir verbringen da jedes Jahr unsere Ferien, fünf Wochen und mehr. 

Die Mutter hat begonnen, die Nudeln auszuteilen. Nun bemerkt sie den Teller auf Tommys Kopf. Sie versucht, nicht auf die Provokation ihres Jungen einzugehen. 

TOMMYS MUTTER. Tommy, dein Teller! 

TOMMYS VATER. T-t-t-tommy... 

Jetzt bemerkt Hermann, daß der Designer stottert. Je erregter er ist, desto unwilliger wollen die Worte seinen Mund verlassen. Tommy kümmert das überhaupt nicht. 

TOMMYS MUTTER. Unsere Freunde sind dann in Italien. Es gibt also Platz in Hülle und Fülle. 

TOMMY. Sieben Zimmer, plus Sauna. 

Tommy winkt Hermann zu sich heran. Er flüstert ihm zu und will damit die Mutter erst recht aus der Fassung bringen. 

TOMMY. In Sylt, da laufen wir immer nackt rum. Die Mama ist sogar schon mal nackt einkaufen gewesen. 

TOMMYS MUTTER. Das war nur am Strand, Tommy! 

Jetzt bewegt sich die Hausfrau auf ihren Mann zu. Sie flüstert mit ihm, und Hermann spürt, daß es wohl um ihn geht. Er versucht, den geschwätzigen Tommy abzuwehren, damit er besser herausbekommen kann, was hier gespielt wird. Der Hausherr schenkt Hermann Rotwein ein. Er will etwas sagen und versucht, Zeit zu gewinnen. 

TOMMYS VATER. Was wir Ihnen anbieten wollen, ist f-f-folgendes: Sie geben Tommy r-r-regelmäßig Stunden, bea-a-aufsichtigen ihn beim Uben und erhalten dafür freien Aufenthalt in der guten Seeluft. 

Der Designer sieht seine Frau hilfesuchend an. 

TOMMYS MUTTER. Sprich zu Ende, Liebling... 

TOMMYS VATER ... außerdem natürlich R-r-reisekosten und - pro Woche dreihundert Mark. Das macht tausendfünflhundert.. . für die Dauer der Ferien. 

Alle sind erleichtert, daß der lange Satz zu Ende gekommen ist. Hermann hat mit dem stotternden Mann sehr mitgelitten. Er ist davon erschöpfter als der Stotterer selbst. 

TOMMYS MUTTER. Vielleicht tut es Ihnen auch mal gut. Sie sehen sehr blaß aus. 

TOMMY. Ich verspreche Ihnen, auch jeden Tag zu üben. Drei Stunden! Nix wie üben. 

Tommy hat seinen Teller schon leer gegessen. Hermann quält sich noch mit den langen Spaghettifäden, die immer wieder von der Gabel gleiten. Tommy hat sein Comicheft auf seinem Teller liegen. Er liest versunken seine Cartoons. Jetzt erwacht in den Eltern wieder das pädagogische Gewissen. 

TOMMYS MUTTER. Bitte, nimm ihm das Buch weg. 

TOMMYS VATER. Tommy. ..

Der Vater schreit ganz unangemessen laut. Es ist, als wäre da noch etwas anderes, was er herausschreien muß. Er packt Tommys Buch und knallt es demonstrativ auf den Boden. Der gemaßregelte Junge holt nervös eine Mundharmonika aus der Lederhose und beginnt, darauf schreckliche Töne zu blasen. Jetzt ist Hermann so strapaziert, daß auch er zu stottern beginnt. 

HERMANN. Ja, also wissen Sie, ich bin darauf nicht vorbereitet. Ich wollte eigentlich in den Ferien in München arbeiten. 

TOMMYS MUTTER. Komponieren? 

HERMANN. Ja, auch. 

TOMMYS MUTTER. Es gibt da einen sehr schönen Flügel in dem Sylter Haus. Tommy, wie heißt der Flügel? 

TOMMY. Steinway. Mit Gold an der Seite. 

Der Hausherr hat sich an seinen Spaghetti verschluckt. Er hustet und ringt nach Atem. Tommy grinst Hermann an. Er will ihm Zeichen geben, daß alles in Ordnung sei. Hermann weiß überhaupt nicht mehr, was er sagen soll. 

TOMMYS VATER. Darf ich Ihnen noch mal nachschenken? 

TOMMYS MUTTER. Ich gebe Ihnen auf jeden Fall unsere Sylter Adresse.

Die Mutter erhebt sich, um für Hermann die Adresse aufzuschreiben. Sie tut das am Flügel. Dabei fällt ihr Blick auf Hermanns Gitarrenkoffer. 

TOMMYS MUTTER. Warum haben Sie eigentlich immer Ihre Gitarre dabei, wenn Sie zu uns kommen? 

HERMANN. Montags und donnerstags bin ich immer bei meinem Gitarrenprofessor. 

TOMMYS MUTTER (drückt Hermann ein Kärtchen mit der Sylter Adresse in die Hand). Das ist in Kampen. Da kennt uns jeder. 

TOMMYS VATER. Kampen ist sehr schön. 

TOMMYS MUTTER. Es wird Ihnen bestimmt gefallen. 

HERMANN. Und Sie reisen dahin jeden Sommer, jedes Jahr? 

TOMMYS MUTTER. Ja, bisher. Wie lange sind wir schon in Kampen? 

Während des höflichen Tischgesprächs hat es Tommy nicht ausgehalten. Zuerst spielt er mit dem weißen Hauskätzchen, und dann interessiert er sich für Hermanns Gitarre. Im Nu hat er den Koffer geöffnet, um die Gitarre herauszunehmen. Hermann springt auf. 

HERMANN. Vorsicht! 

TOMMY. Ist das eine Stradivari? 

HERMANN. Du sollst das nicht anfassen, das ist sehr wertvoll! 

TOMMYS MUTTER. Tommy, du bist fürchterlich, alles mußt du anfassen. Komm jetzt her! Wie lange lernen Sie schon Gitarrespielen? 

HERMANN. Ungefähr zehn bis zwölf Jahre. 

TOMMYS VATER. Und da nehmen Sie immer noch Stunden? 

Der Vater sagt den Satz mit deutlicher Betonung für den Sohn. Er will ihm unbedingt zu verstehen geben, daß anschließlich »Übung den Meister« macht. 

HERMANN. Gitarre ist eines meiner Fächer in der Musikhochschule. TOMMYS MUTTER. Könnten Sie uns vielleicht etwas vorspielen? 

Hermann sitzt in der Falle. Er würde viel dafür geben, wenn er jetzt einfach nein sagen könnte. Aber er setzt sich brav auf die Stufe, die zur Klavierebene heraufführt, und stimmt sein Instrument. Er spielt die »Kleine Phantasia« von Johann Sebastian Bach. Tommy, der sich langweilt, sobald Hermanns Gitarrenspiel sich nach Musik anhört, will sich leise vom Tisch wegstehlen. Der Vater wird zornig. 

TOMMYS VATER. Bleib sitzen! 

Kurze Sätze kann der Stotterer problemlos und mit beachtlicher Lautstärke hervorbringen. Tommy ist gefangen. So wie Hermann gefangen ist. Die Schauspielerin ist von Hermanns Spiel bezaubert. Sie strahlt ihn aus ihren dunklen Augen so verführerisch an, daß es Hermann angst und bange wird. 

504 Straßencafe


Das Sommergewitter hat die Stadtluft gereinigt, aber keine wirkliche Abkühlung gebracht. Auf den Straßen glänzen die Regenwasserpfützen und erinnern an den Wolkenbruch vom Spätnachmittag. Die Menschen halten es nicht in ihren Wohnungen aus. Sie genießen die warme Luft auf den Trottoirs und in den Cafes. 

HELGA. Ich war den ganzen Tag in der Stadt umhergelaufen, ich suchte dich. Abends waren die Straßen voll von Menschen. An allen Ecken machte man Musik . . . 

Helga nähert sich einem Schwabinger Eiscafe. »Singin' in the rain« singen zwei Straßenmusikanten zur Gitarrenbegleitung. Helga bleibt bei den Musikanten stehen. Sie spürt ihren sehnsuchtsvollen Körper. Noch immer trägt sie die ärmellose Seidenbluse über ihren Studenten-Jeans. Kleider, die mehrmals an diesem Tag durchnäßt und wieder getrocknet waren. Ihr Verlangen, an diesem Tag noch einen großen Sturm zu erleben, ist bisher nicht befriedigt worden. Helga ist allein geblieben. Sie vertraut im Stehen ihre Gedanken schriftlich ihrem Tagebuch an. Kommilitonen haben sie von einem der überfüllten Tische aus entdeckt. Sie rufen und winken ihr zu. Helga grüßt zurück. Sie entschließt sich, bei den Freunden Platz zu nehmen. Die Kommilitonen haben gesehen, wie sie geschrieben hat. 

MÄDCHEN. Was schreibst du? 

HELGA. Einen Zyklus. 

Helga merkt nicht, daß ihr Verhalten und auch ihre Antworten sie verrückt erscheinen lassen. Ein Funkwagen der Polizei fährt mit schrillen Sirenentönen vorbei. Alle Fragerei erstickt im Lärm. Es gibt einen Puppenspieler, der mit einer kniehohen Marionette durch die Boulevardcafes zieht. Mit Bauchrednerstimme nimmt er zu den Tagesereignissen Stellung und läßt seine Puppe die Karikatur des Großstadtspießbürgers spielen. 

PUPPENSPIELER ... und warum? Weil ich tagsüber gearbeitet habe! Wißt ihr überhaupt, was Arbeit ist? Was? Das deutsche Volk, das kennt das gar nicht mehr! Kleinholz sollte man machen aus euren Klampfen! Aber damit ist jetzt Schluß, mein Lieber! 

Auf der Straße ist Tumult entstanden. Das Heulen der Polizeisirenen wird lauter. Passanten rennen die Trottoirs entlang, berittene Polizeibeamte galoppieren auf ihren Pferden vorbei. Die Musikanten unterbrechen ihren Gesang und schließen sich dem Gerenne auf der Straße an. Helga sieht fassungslos, wie sich das Straßencafe leert. Sie läuft hinter den Musikanten her. 

HELGA. Wo sind die denn alle hin? 

GITARRESPIELER. Zur Leopoldstraße, da muß irgendwas los sein. 

505 Schwabinger Straßen


In den Nachbarbereichen des Schwabinger Boulevards werden flüchtende Jugendliche von Polizisten verfolgt. Ein Fernsehteam versucht, diese Szenen von Polizeigewalt mit einer Handlampe zu beleuchten. Ein hilfloses Unterfangen in Anbetracht der Großräumigkeit des Geschehens. 

HELGA. Als ich von dem Krawall auf der Leopoldstraße hörte, da dachte ich, endlich geht es los. Als hätte ich den ganzen Tag darauf gewartet. Das Geschrei von empörten Menschen, Lautsprecherdurchsagen der Polizei, das Heulen der Sirenen und das Getrampel von Tausenden von Schritten füllen die Nachtluft. 

506 Leopoldstraße 


Auf der Leopoldstraße ist der Verkehr völlig zum Stillstand gekommen. Straßenbahnen und Autokolonnen stauen sich hinter Absperrgittern, die quer über die Hauptstraße gestellt sind. Das Hupkonzert ist ohrenbetäubend. 

HERMANN. Weißt du, wie das angefangen hat? Drei junge Leute hatten auf der Straße Musik gemacht und Rock n'Roll-Liedergesungen. Ein empörter Bürger aus dem Nachbarhaus hatte die Funkstreife gerufen. Als die Polizeibeamten da waren und die jungen Leute wegschleppen wollten, da empörten sich die Gäste des Straßencafes. Einer von ihnen hatte aus den Reifen des Polizeiautos die Luft abgelassen: Das wurde der Auslöser für die Straßenschlachten. 

Helga versucht, auf einem der Trottoirs näher ans Geschehen heranzukommen. Unter Einsatz aller ihrer Kräfte, aber schon ganz erschöpft, bemüht sie sich, gegen den Strom der drängelnden und flüchtenden Menschen anzukämpfen. Hermann versucht es mit seinem Gitarrenkoffer auf der anderen Seite der Straße. Er will eigentlich nur dieses Hindernis überwinden, denn er ist auf dem Nachhauseweg nach dem Abendessen bei Tommys Eltern. Helga gerät in eine Schlägerei. 

HELGA. Die Polizisten prügelten blindlings auf die Leute ein. Immer mehr Polizei kam angerückt und immer mehr Neugierige. Es war die halbe Stadt auf den Beinen an diesem schwülen Sommerabend. 

Helga sieht nur noch Füße, Schultern, Ellbogen. Sie wird geschubst und bedrängt. Sie rettet sich schließlich in einen Hausgang. Dort preßt sie sich gegen eine Wand. Sie vermeidet den Blick auf die Straße. Sie hört das Geschrei und die Lautsprecherstimme. »Hier spricht die Polizei. Jeder, der nicht sofort die Gehsteige räumt, macht sich strafbar. « Hämisches Gejohle der Menschenmenge ist die Antwort auf diese anmaßende Polizeidurchsage. Helga ist mit den Nerven fertig. Eine Frau, die sich in den Hauseingang rettet, ist völlig schmutzig. Sie wendet sich der verzweifelten Helga zu. 

PASSANTIN. Wollen Sie mit rein? Ich wohne hier. 

Die Frau sperrt das Tor auf und läßt Helga mit sich hindurchschlüpfen. 

507 Hausflur


Helga ist der Frau gefolgt, ohne es zu wollen. Sie steht in dem halbdunklen Hausflur und sieht sich um. Die Frau rennt die Steinstufen empor, um den Schalter der Treppenhausbeleuchtung zu finden. Draußen vor dem Tor ist jetzt eine brutale Schlägerei entstanden. Es wird gegen das Tor gepocht. Die geschlagenen Jugendlichen wollen auch hereinkommen. Wut- und Schmerzensschreie werden laut. Helga weiß nicht, was sie tun soll. Die Frau steht oben auf dem Treppenabsatz und sieht auf die übererregte Helga herab. 

PASSANTIN. Ich war auf dem Heimweg, da haben sie mich umgerannt! Sehen Sie bloß, wie ich ausschaue! 

Helga bemerkt, daß die Beine der Hausbewohnerin aufgeschürft sind und ihr Kleid zerrissen ist. 

HEEGA. Sie bluten ja! 

PASSANTIN. In eine Pfütze bin ich gefallen, die war noch vom Gewitter heute nachmittag. Man kann nicht vorsichtig genug sein. 

Helga versucht der Frau zu helfen. Aber außer ihrem benutzten Taschentuch findet sie nichts, womit sie die Beinverletzungen säubern könnte. 

508 Leopoldstraße


An den Einfahrten der Nebenstraßen sind Funkstreifenwagen quergestellt, um die Zu- und Ausgänge zum Boulevard zu versperren. Die Polizei veranstaltet ein regelrechtes Kesseltreiben. Junge Leute versuchen mit Gejohle, eins der Polizeiautos umzukippen, was ihnen nicht gelingt. 

HERMANN. Ich höre noch dieses Geschrei und Gehupe, diese hysterischen Lautsprecherdurchsagen. 

509 Hausflur


Helgas Interesse ist von den akustischen Eindrücken mehr gefesselt als von den optischen. Die Frau betupft ihre Wunde und kann sich überhaupt nicht beruhigen. 

PASSANTIN. Ich habe nur heimwollen. Ich habe nichts getan. Die Polizei muß mich verwechselt haben. 

Helga springt auf. Jetzt ertönen draußen wieder Lautsprecherdurchsagen, die von Sprechchören beantwortet werden »Vopo, Vopo . . . «. Man vergleicht die Methoden der Münchner Polizei mit denen der DDR Volkspolizei oder mit der Nazizeit. 
510 Leopoldstraße


Die Besatzung eines Funkwagens hat sich im Innern des Autos verschanzt. Der Beamte fordert über Funk Verstärkung an. Die Studentengruppe, die das Polizeiauto belagert, beginnt ein Pfeifkonzert. 

HELGA. Es war das erste Mal, daß wir so etwas zu spüren bekamen: diesen Haß der Staatsmacht auf alles, was jung war, was nicht an ihre spießige Ordnung glaubte. 

HERMANN. Ich begriff überhaupt nicht, was das mit Musik zu tun haben sollte. 

HELGA. Ich wollte nur nach Hause. 

HERMANN. Ja, ich auch. Wo ich ging, sprach man mich auf meine Gitarre an. Und man versuchte, mich zu warnen. 

Hermann ist von Fernsehreportern angesprochen worden. Hier, unter dem Schutz des Scheinwerfers und der Kamera, haben sich ein paar Dutzend junge Leute im Studentenalter versammelt, um ihre Erlebnisse zu schildern und ihrer Empörung Luft zu machen. 

HERMANN. Ich komme auch erst dazu, ich weiß gar nicht, was los ist. REPORTER. Sagen Sie, sind Sie noch nicht verprügelt worden? 

HERMANN. Nein - was soll denn die Gitarre mit der Demonstration zu tun haben? 

Die Studenten warnen Hermann eindringlich. Sie empfehlen ihm, möglichst schnell mit seiner Gitarre zu verschwinden. Hermann begreift nur langsam. 

HERMANN. Ich habe damit überhaupt nichts zu tun! Als sich ein Polizeiauto nähert und die Polizisten beginnen, die Versammlung um das Fernsehteam aufzulösen, beginnen wieder die Sprechchöre und das Pfeifkonzert.

PASSANTEN. Vopo, Vopo, Vopo! 
 
511 Dillesstraße


Hermann hat sich aus der Interviewgruppe rechtzeitig entfernt. Er versucht jetzt, durch eine der Nebenstraßen nach Hause zu gelangen. Die Dillesstraße läuft ein Stück weit parallel zum Boulevard und ist offenbar menschenleer. Hermann muß an einem Funkstreifenwagen vorbei, um in die kleine Nebenstraße zu kommen. Er versucht das so unauffällig wie möglich zu tun und wählt eine Route, die hinter dem Polizeiauto hindurchführt. Damit macht er sich aber erst recht verdächtig. Als er ein Stück gegangen ist, springen die Polizisten aus ihrem Auto und fangen an, hinter ihm herzurennen. Sie rufen, er solle stehenbleiben, aber Hermann rennt instinktiv so schnell er kann. Hat einer erst einmal angefangen wegzulaufen, kann er sein Verhalten nicht mehr korrigieren. Die Polizisten sind schneller als Hermann, den sein Gitarrenkoffer behindert. Nach etwa fünfzig Metern haben sie ihn eingekreist und schneiden ihm den Weg ab. Einer der Polizisten reißt ihm im Vorbeilaufen die Gitarre aus der Hand, während der andere ihm ans Genick springt, um ihn zu Boden zu werfen. 

POLIZEI. Ist das deine Gitarre?

HERMANN (schreit). Ja.

POLIZIST. Du Gauner, du elendiger! 

Der Polizist hat den Koffer geöffnet und die Gitarre herausgerissen. Ohne zu zögern packt er das wertvolle Instrument am Griffbrett und zertrümmert den Korpus mit erbarmungslosen, gewaltigen Schlägen auf dem Pflaster. 

POLIZIST. Das hat sich jetzt ausgespielt mit dera Gitarr! 

Hermann schreit, protestiert, wehrt sich. 

HERMANN. Sind Sie wahnsinnig? 

In einem Ausbruch von Verzweiflung gelingt es ihm, einen der Polizisten umzustoßen. Er nützt die Sekunden, die der Beamte braucht, um sich wieder aufzurappeln, und flieht. Die Polizisten laufen noch ein Stück hinterher, geben aber bald auf. Wie ein zertretenes Tier liegen die Gedärme des Instruments auf dem Pflaster. 

HERMANN. Ich hatte mich durch die Seitenstraßen verdrücken wollen, aber gerade das hatte mich verdächtig gemacht. Sie wollten nicht mich, sondern nur meine Gitarre. Allein meine Gitarre hatte diesen Haß auf sich gezogen. 

512 Straße vor Villa Cerphal


Hermanns Fluchtweg führt ihn in die weniger dicht bewohnten Bereiche Schwabings, dorthin, wo die Villa der Verlagserbin Cerphal steht. Hier ist der Lärm der Krawalle nur noch von fern zu hören. Nur noch vereinzelte Studentengrüppchen rennen am Ende der Straße vorüber. 

HELGA. Da hat d iese Stadt ihr Gesicht gezeigt! Die »Stadt der deutschen Kunst«.

HERMANN. Auch so eine Erfindung der Nazis . . . 

Hermann hat das Gartentor erreicht. Das Haus bietet ein Bild des Friedens. Unter den Sommerbäumen ist es kaum zu erkennen. Hermann verschließt das Tor hastig von der Innenseite. Er ist gerettet. 

513 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Hermann kann seine ohnmächtige Wut und seine Empörung nicht anders bewältigen als mit einem musikalischen Ausbruch am Klavier. Er stürzt sich auf die Tasten und traktiert sie, als wären sie all die Instanzen der Gerechtigkeit, bei denen er sich beklagen und Genugtuung fordern will. Seine Improvisation ist eine gewaltige »Tokkata« für Klavier. Ein rhythmisch und dynamisch aufrüttelndes Stück ohne Gnade. Hermann spielt so zitternd und tobend, daß der Flügel erbebt. Es sieht fast aus, als wollte er das Instrument in Stücke zerlegen. Die Cerphal kommt aus den oberen Räumen herunter, um nachzusehen, was mit Hermann los ist. 

FRÄULEIN CERPHAL Geht es nicht etwas moderater? 

Die Cerphal versucht den Lärm dadurch zu mildern, daß sie die Fenster verschließt. Sie spürt, daß sie Hermann jetzt nicht unterbrechen kann. Sie geht irritiert im Zimmer umher, bis sie sieht, daß diese Musik der Ausdruck eines Schmerzes ist. Sie setzt sich, um zuhören zu können. 

514 Straße vor Villa Cerphal 


Helga blutet an der Hand. Sie löst sich aus einer Gruppe fliehender Studenten, um den Weg zum »Fuchsbau« einzuschlagen. Sie ist ebenso aufgelöst und erregt wie Hermann. Sie stößt das Gartentor auf und rennt auf die erleuchtete Villa zu. 
515 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Uber die Terrasse erreicht Helga das Zimmer, in dem Hermann das Klavier mißhandelt. Als sie ihn und Frau Cerphal erblickt, bekommt Helga einen hysterischen Anfall. Sie hüpft und taumelt durch das Zimmer, hält sich die blutende Hand vor die Augen und fängt an zu schreien. 

HELGA. Ich gehe da nicht mehr hin! Ich gehe nicht mehr raus. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was ist passiert? Sie bluten, und Sie zittern! Hat man Sie denn auch angegriffen? Ja, will man denn die Studenten zu Freiwild erklären? So was hat es früher nicht gegeben! 

HERMANN. Was, früher? Hören Sie auf, Fräulein Cerphal! Die Nazis waren auch nicht besser. Jetzt fangen Sie bloß nicht an, von den Nazis zu schwärmen! 

FRÄULEiN CERPHAL. Mäßigen Sie sich bitte! Moment! Ich verstehe, daß Sie empört sind. Gehen Sie morgen aufs Polizeipräsidium und verlangen Sie Ihr Recht. Ich bestätige Ihnen gerne, daß Ihre Gitarre ein sehr gutes, wertvolles Instrument war. 

Die Cerphal schaut sich Helgas Hand an. Sie versucht, Ruhe zu schaffen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Na also, da haben wir aber schon Schlimmeres gesehen. 

HELGA. Wieso? Was ist mit deiner Gitarre? 

HERMANN. Atomisiert! 

FRÄULEIN CERPHAL. Ein Polizistenrüpel hat sie ihm zerstört. So, jetzt hole ich ein Pflaster, und dann wird alles wieder gut. Der Mob trägt wieder Uniform! Gerold, haben wir noch irgendwo ein Pflaster? 

Die Hausfrau ruft nach ihrem Herrn Gattinger und entfernt sich in die oberen Gemächer. Hermann ist noch nicht fähig, die Situation zu erfassen. Seine Gedanken sind immer noch voll der musikalischen Umsetzung der Ereignisse. Er setzt sich ans Klavier und beginnt, seine Spontankomposition aufzuschreiben. Dabei spielt er Sequenzen daraus, unterbricht sich, um zu schreiben, und hämmert dann wieder auf die Tasten los. Helga wirft irre Blicke umher. Sie leckt an ihrer Wunde. Sie genießt ihre Unruhe. Die Cerphal kommt aus dem Treppenhaus zurück. Sie hat einen Stapel Bettzeug mitgebracht, den sie auf den Tisch in der Bibliothek legt. 

FRÄULEIN CERPHAL. So, hier ist Bettzeug und ein Pflaster. Wir müssen Herrn Simon heute ein biEchen schonen, es war ein schwerer Schlag für ihn. Er hat ja seine Gitarre schon als Junge gehabt. Er hat praktisch mit ihr gelebt, verstehen Sie? Hermann, der beim Komponieren eine Denkpause gemacht hat, setzt seine Versuche auf dem Klavier fort. Die Cerphal überläßt Helga das Pflaster, damit sie sich ihre Wunde selbst verbinden kann. Es ist ihr jetzt wichtiger, Hermann zu mäßigen. Sie eilt zu dem wütenden Komponisten und baut sich vor ihm am Flügel auf. 

FRÄULEINCERPHAL. Herr Simon, etwas moderater bitte! Die Nachbarn werden sich beschweren, wenn Sie so weitermachen! 

Helga monologisiert. Während sie ihre Wunde versorgt, spricht sie mit einem unsichtbaren Zeugen. Es ist, als wolle sie sich zum Gewissen einer ganzen Generation machen, so groß ist ihr Pathos. 

HELGA. Heute ist der 22. Juni 1962. Wir sind Zeugen! Wir müssen uns diesen Tag merken. 

Ganz unvermittelt stößt Helga eine rhythmische Folge von Schreien aus, die fast wie Orgasmusschreie klingen. 

HELGA. Ich will endlich leben! 

Hermann setzt sich über das Verbot der Hausherrin hinweg und traktiert das Klavier. Schließlich schreibt er die Töne hektisch auf ein Notenblatt. Dann setzt er sich auf einen Stuhl, starrt seine Komposition an, atmet auf und kehrt in die Gegenwart zurück. 

HERMANN. Weißt du eigentlich noch, warum wir alle nach München gezogen sind? Weißt du das noch? Diese Stadt will uns doch überhaupt nicht. Wir werden hier verachtet und ausgekotzt. 

Hermann kommt zu Helga in die Bibliothek. Er steht traurig da, ohne zu sehen, wie es Helga geht. Sie stützt sich in die Kissen und wirkt wie eine Kranke. 

HELGA. Ich will weg hier, irgendwohin, all das hier vergessen. In den Süden! Die Italiener, die lieben die Kunst, ich weiß das. 

HERMANN. Ich bin doch kein Hund, der winselt und den Schwanz einzieht. Nein, nein, so leicht werden die Münchner mich nicht wieder los. Ich brauche mein Recht, verstehst du das nicht? Sonst krepiere ich. 

HELGA. Die Freunde sind jetzt alle weg, im Urlaub. Sitzen irgendwo in der Sommernacht, haben jemanden zum Lieben. Morgen lesen sie in der Zeitung, was hier passiert ist, und fühlen sich in Sicherheit. Verstehst du das denn nicht, wir sind machtlos in diesem Bayern!

HERMANN. Das dürfen wir nicht zulassen, unter gar keinen Umständen. 

Fräulein Cerphal hat das Gespräch von der Tür aus mit angehört. Sie hat eine Flasche Cognac und Gläser geholt. 



FRÄULEIN CERPHAL. Eines Tages werden Sie Erfolg haben, Sie werden sehen. Die Zukunft wird mir recht geben. Ein Schluck? 

HERMANN. Nein.

FRÄULEIN CERPHAL. Nein? 

HERMANN. Ich werde niemals etwas machen, was den Massen gefällt. Das schwöre ich mir. Die Masse ist krank und verroht wie dieser Staat. Es lebe das Individuum! 

Hermann ist pathetisch geworden. Helga hört ihm nicht zu.

HELGA. Ich habe so eine Sehnsucht in mir, die macht mich krank. 

Helga hat sich auf die Ottomane gelegt. Sie spürt nun wieder ihren sehnsuchtsvollen Körper, wie am Nachmittag während des Gewitters. Hermann kippt einen Cognac herunter. Die Hausherrin spürt, daß sich ihre beiden jungen Leute beruhigen und sie nun eher stört. Hüstelnd erhebt sie sich. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ich laß euch das da. 

Sie verschließt die Cognacflasche und entfernt sich rasch. Hermann und Helga sind nun allein in der Bibliothek. 

HERMANN. Ihr Frauen seid mir ein Rätsel! 

Hermann gibt auch Helga einen Schnaps. Sie schnuppert den aromatischen Alkohol, trinkt aber nicht.

HELGA. Ich bin wie eine Birke, eine Dornenhecke und wie eine Meduse im Meer. So einfach ist das. 

Hermann sieht ihr in die Augen und erkennt dieses Feuer der Sehnsucht. Er nimmt ihr das Cognacglas aus der Hand, dann umarmt er sie. Unter leidenschaftlichen Küssen wirft er Helga auf die Rokokoliege. Sie stöhnt und räkelt sich unter seinem Ansturm, bis das Schnapsglas klirrend vom Nachttisch fällt und zerspringt. Hermann läßt sich nicht abschrecken. Er fährt mit den Händen unter ihre Bluse und beginnt, ihren Körper zu erobern. Plötzlich fängt Helga an, sich zu wehren. Mit aller Kraft stemmt sie sich gegen seine Schultern. Sie versucht ihm in die Augen zu sehen, aber er will sich nur in ihr Fleisch wühlen. Endlich schafft Helga es, seinem Blick zu begegnen. 

HELGA. Ich will allein sein. 

HERMANN. Was? Was hast du? 

HELGA. Du bist wie ein Tier. 

Hermann ist verwirrt und läßt von ihr ab. Nur langsam kommt er zur Besinnung. Jetzt ist er beleidigt. Er rennt zur Tür, Helga folgt ihm. 

HELGA. Geh nicht fort. Es war nicht so gemeint. 

Hermann sitzt atemlos in einem Sessel. Er sieht Helga nicht an, als sie aus der Bibliothek zurückkommt. Das Drama dieser Begegnung kommt zu allen anderen Dramen dieses Tages hinzu. 

HERMANN . Jetzt will ich aber allein sein. 

516 Straße in der Innenstadt


Am Tag sieht die Stadt aus, als könnten Straßenschlachten, wie sie sich in der Nacht abgespielt haben, nicht vorkommen. Friedlich und mit bayerischer Gemütlichkeit geht alles seinen gewohnten Gang. Die Sommerhitze hält an. Hermann ist auf dem Weg zum Polizeipräsidium, um sich wegen der Zertrümmerung seiner Gitarre zu beschweren. Als er am Schaufenster eines Trödelladens vorbeikommt, bleibt sein eiliger Blick an einer Gitarre hängen, die dort im Schaufenster steht. Fast wäre Hermann vorbeigeeilt. Nun kehrt er um. Er will das Instrument genauer ansehen. Was da an einem antiken Messinghaken hängt, ist eine schöne spanische Gitarre, die sein Interesse weckt. Ein bißchen verwahrlost sieht das Instrument aus. Kurz entschlossen betritt Hermann das Geschäft. 
517 Trödelladen


Der Inhaber des Ladens scheint Schreiner zu sein, denn er ist gerade dabei, weit hinten im Laden zwischen alten Möbeln und Schaukelpferden etwas zu polieren oder zu hobeln. Der Mann trägt eine grüne Arbeitsschürze. Er hält Hermann nicht für einen Kunden, der es lohnend erscheinen lassen würde, die Arbeit zu unterbrechen.

HERMANN. Dürfte ich mir mal die Gitarre im Schaufenster ansehen?

TRÖDLER. Scho, aber vorsichtig, des is a ganz a schöns Instrument, sehr empfindlich.

HERMANN. Ich paß schon auf.

TRÖDLER. Die können S' fei nicht zum Wandern hernehmen und schon gar nicht nach Schwabing, daß S' auf der Straß'n an Rabatz damit machen. Und überhaupts, unter zwohundert Mark geht mir die nicht raus. 

Hermann hat begonnen, die Gitarre zu stimmen. Er betrachtet das Instrument von allen Seiten, auch von innen. Dann spielt er ein kleines Stück von Villa-Lobos, »Chorus Nr. I«, ein Stück mit südamerikanischem Rhythmus. Der Mann in der Werkstatt horcht auf. 

TRÖDLER. Haben S' das gelernt? Sie spuil'n ja ausgezeichnet!

HERMANN. Würden Sie mir das Instrument zurücklegen, wenn ich was anzahle? 

Der Trödler hat Sympathie für Hermann gefaßt. Er kommt nun zu ihm in den Laden. So kann man sich in einem Kunden täuschen! Er macht Hermann ein sehr günstiges Angebot. 

TRÖDLER. Hundertfuffzig Mark muß ich schon haben, dafür habe ich's selber in Zahlung genommen

HERMANN. Mit hundertfuffzig bin ich einverstanden. Ich habe jetzt fünfundzwanzig, reicht das als Anzahlung? 

Hermann leert sein ganzes Portemonnaie auf dem Ladentisch. Der Trödler nickt zustimmend. 
 
518 Polizeipräsidium, Gänge


Hermann betritt das Dienstzimmer hinter einer Gruppe junger Leute. In dem Dienstzimmer herrscht eine bedrückende Atmosphäre. Es riecht nach Schweiß und Angst. Hinter einem langen Holztresen, der den Eingangsbereich von den Arbeitsplätzen der Beamten trennt, werden an mehreren Schreibtischen die festgenommenen jungen Leute verhört. Alle Aussagen, aus denen sich Kritik am Wirken der Polizei heraushören ließe, werden brüsk unterdrückt und gar nicht erst zu Protokoll genommen. Hermann spürt, daß er sich hier im Zentrum der Staatsmacht befindet. Ein Ort, an dem jeder Außenstehende sich allein dadurch verdächtig macht, daß er kein Polizist ist. Hermann geht vorsichtig auf den Tresen zu. Vorerst will niemand etwas von ihm. An der Tür steht allerdings ein Polizist, der den Ausgang bewacht. Es scheint also, daß er auch nicht einfach wieder weggehen kann. Schreibmaschinen werden gehackt, neben Hermann wird ein junges Pärchen herumkommandiert. Das Mädchen zittert, der Junge ist völlig eingeschüchtert und schweigt. Jetzt wird die Eingangstür brutal aufgestoßen. Ein Schrank von einem Bullen führt einen Studenten herein, der seinen Arm in einer Schlinge trägt und blutet. Der Polizist hat ihn im Würgegriff. Er stößt ihn brutal mit dem Oberkörper über den Tresen. Der junge Mann wehrt sich. 

JUNGER MANN. So stelle ich mir Nazideutschland vor. 

Der Festgenommene hat ausgesprochen, was die meisten der hier festgehaltenen Studenten denken. Jetzt steht die bange Erwartung im Raum, daß es eine schreckliche Reaktion der Polizisten geben wird. Die Blicke gehen in Richtung einer Tür, aus der der diensthabende Polizeiobermeister tritt. Dieser tut ganz sachlich. Er legt seine dicke Akte vor dem Festgenommenen auf den Tresen und sieht ihn kalt an. 

POLIZEIOBERMEISTER. So, da hab'n wir n ja scho: Ulrich Hölscher, san Sie das ? 

Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnet er eine Klappe und das Türchen, durch das man hinter den Tresen gelangt. Der Student Hölscher wird in den Dienstbereich geführt. Hier ist ihm die Flucht nicht mehr möglich. Er wird auf einen Stuhl gedrückt. 

POLIZEIOBERMEISTER. Wer ist hier Nazi? Sagen S' das noch amol! 

Hermann verfolgt das Geschehen mit Angst und Spannung. Sein Blick begegnet dem eines amerikanischen Studenten, der an einem der Schreibtische wartet. 

HÖLSCHER. Sie alle miteinander. Schaut's einmal her, wie's mich zammgericht habt's. Schaut's mich mal an! Ja, was waren Sie denn damals in der Nazizeit?

POLTZIST. Geh, halt's Maul!

HöLSCHER. Ja, aber wenn's wahr ist! 

Dem amerikanischen Studenten ist es gelungen, unauffällig den Bereich hinter dem Tresen zu verlassen. Als er sich aber zum Ausgang begibt, verstellt ihm der Türwächter den Weg. Sofort stürzen sich zwei weitere Polizisten auf ihn, packen ihn am Kragen und stoßen ihn zum Tresen zurück. So gerät Hermann, der das alles nicht begreift, mitten ins Geschehen. Plötzlich sieht er sich genau dem Polizisten gegenüber, der ihm in der Nacht die Gitarre entrissen hat. Hermann starrt den Beamten an und ist vor Erregung unfähig, zu sprechen. Der Polizist, der gerade die Handgreiflichkeiten mit dem Amerikaner mit Bravour absolviert hat, ist in Stimmung, Hermann gleich mit zu verprügeln. 

ZWETTER POLIZIST. Ja, Sie kenn ich doch. Haben Sie nicht behauptet, ich hätte Ihre Gitarre zerstört? Das waren doch Sie? 

HERMANN. Ja. Um dreiundzwanzig Uhr fünfzehn, da haben Sie völlig ohne Grund meine Gitarre zerschlagen. Das waren Sie. Ich erkenne Sie wieder. Und ich fordere hier Schadenersatz! 

Hermann weiß nicht, woher er den Mut nimmt, so zu sprechen. Er wagt es sogar, mit dem Finger auf den Polizisten zu deuten. Das ist eindeutig zuviel. Der Polizist packt ihn so am Kragen, daß Hermanns Jacke zerreißt. 

ZWEITER POLIZIST. Sie dreckiger Grattler, Sie, sag'n'S des noch mal, heh! HERMANN. Das ist aber die Wahrheit. 

Der Amerikaner hat bemerkt, daß sich die ganze Wut über seinen Fluchtversuch nun an Hermann austobt. Er fühlt sich verantwortlich für ihn. 

AMERTKANER. Hey, be careful, don t tell them anything! They are Nazis!

ZWETTER POT.TZTST. Halt du dein Maul! Hier wird deutsch gered't!

HERMANN (glaubt immer noch an die Gerechtigkeit). Ich will sofort mit Ihrem Chef sprechen.

ZWETTER POETZTST. Erich, komm amoi her. 

Erich ist der Polizeiobermeister, der gerade den Studenten Hölscher bearbeitet hat. Er kommt zu Hermann und grüßt höflich. Hermann will sachlich über seine Rechte sprechen. 

HERMANN. Grüß Gott!

POLIZEIOBERMETSTER. Grüß Gott, wie heißen Sie? 

Der Beamte hat aber ein so höhnisches Grinsen im Gesicht, daß Hermann kleinlaut wird. 

HERMANN. Hermann Simon.

POLZEIOBERMEISTER. Wo wohnen Sie?

HERMANN. Fuchsstraße I, München z3.

POLIZEIOBERMEISTER. Und was haben wir Ihnen kaputtgemacht, hab n S'gesagt?

HERMANN. Meine Gitarre.

ZWEITER POLIZIST. Ach, so an Schmarrn!

HERMANN. Ja, er war s !

POLIZEIOBERMEISTER. Ach, san Sie Musiker?

HERMANN. Ja.

POLIZEIOBERMEISTER. Sie spielen Gitarre?

HERMANN. Ja.

POLIZEIOBERMEISTER. Wo?

HERMANN. Das war in der Dillesstraße.

POLIZEIOBERMEISTER. Ach, auf der Straß' spielen Sie Gitarre?

HERMANN. Nein.

POLIZEIOBERMEISTER. Ja. Kommen S einmal mit. 

Jetzt erst läßt der Polizist Hermanns Kragen los. Hermann ist bereit, den Polizeibeamten in das Nebenzimmer zu folgen. 

HERMANN. Also, das war so. . . 

Nun gerät der amerikanische Student in Panik. Er sieht, daß Hermann den Polizisten in einen Raum folgen will, wo es keine Zeugen mehr geben wird für das, was geschieht. Der Amerikaner schreit auf, um Hermann zu warnen.

AMERIKANER. Hey, stop, don't go with them, it s a trap! 

Hermann reagiert sofort. Er profitiert davon, daß die Polizisten kein Englisch verstehen. Mit einem tollkühnen Spurt folgt er dem Amerikaner und rennt, so schnell er kann, durch den Gang. Es gibt im langen Korridor noch eine wilde Verfolgungsjagd, aber der Polizist rutscht auf dem frisch gebohnerten Behördenestrich aus und stürzt, so daß die Handschellen, die er Hermann anlegen wollte, durch den ganzen Gang fliegen. 

ZWEITER POLIZIST. Kruzifix, halt's'n auf! Kruzifix! 

Auf der Treppe wird Hermann noch von einem Polizisten verfolgt, der nicht begriffen hat, um was es sich eigentlich handelt. Mehrmals schlägt dieser Hermann den Gummiknüppel über Schulter und Rücken, er hält ihn aber nicht fest. Als Hermann entkommen ist, begegnet der ahnungslose Schlägerbeamte seinem Vorgesetzten, dem Obermeister, am Treppenabsatz. Er will wissen, was vorgefallen ist und wen er da geschlagen hat. Der Obermeister hat die Sache aber längst in seine Routine abgeschoben. 

POLIZElOBERMEISTER. Na ja, die Adreß hab'n mir ja. 

520 Straße Nähe Präsidium


Es gelingt Hermann und seinem amerikanischen Retter, das Polizeigebäude zu verlassen. Auf der Straße rennen die beiden eine Weile, so schnell sie können. Da sie aber keine Sportler sind, verlassen beide bald ihre Kraftreserven. Sie halten sich an einem Verkehrsschild fest, um einige Sekunden zu verschnaufen. Die Schläge mit dem Gummiknüppel haben Hermann hart getroffen. Er windet sich jetzt vor Schmerzen. 

HERMANN. Verdammt, das tut saumäßig weh.

AMERIKANER. We made it! 

521 Autobahnauffahrt


Der amerikanische Student bringt Hermann in seinem VW-Käfer zu einer Autobahnauffahrt im Norden der Stadt. Da, wo die Tramper stehen, hält der Amerikaner an, um Hermann aussteigen zu lassen. Hermann hat die Zeit genützt, schnell noch seinen Matchsack mit den nötigsten Utensilien für die Reise zu holen. Jetzt bedankt er sich bei dem Leidensgenossen und verabschiedet sich von ihm. 

HERMANN. Ich habe immer wieder in meinem Leben mein Heil in der Flucht gesucht. Es gab Zeiten, da hatte ich mir eine eigene FluchtTheorie zurechtgebastelt. Wer flieht, steht nochmals seinen Mann, was er erschlagen nicht mehr kann. Immerhin hatte ich diese Einladung von Tommys Eltern auf die Insel Sylt erhalten. Und ich brauchte eine neue Gitarre - und ich brauchte Geld! 

Schon spürt Hermann, daß das Leben wieder die Hand nach ihm ausstreckt: Es gibt zwei recht hübsche Mädchen, die wie er zum Trampen gekommen sind. Also - adieu Krawallstadt München, adieu Polizei und Stadteinsamkeit! Hermann kann wieder lächeln, obwohl der Rücken so weh tut. 

522 Bahnfahrt

Der Schnellzug München - Dortmund rast durch die Sommerlandschaft. Helga ist mit der Bahn unterwegs. 

HELGA. Außerdem hatten die Semesterferien begonnen. Was sollte ich noch in München, wo keiner der Freunde geblieben war? Bei mir war es keine Flucht. Ich fühlte mich allein gelassen in dieser Krawallstadt. 

523 Zugabteil, Bahnhof Rolandseck


Helga sitzt an einem Fensterplatz. Sie macht wieder Notizen in ihr Tagebuch. Mit ihr im Abteil reisen andere Studenten in die Semesterferien. Die Wunde an Helgas Hand heilt schon. Der Zug hält in einem kleinen Bahnhof, um auf ein Signal zu warten. Ein Filmteam ist auf dem Nachbarbahnsteig bei der Arbeit. Ein Arri-Scheinwerfer brennt und strahlt einen Augenblick lang voll in das Abteilfenster. Er trifft die Studenten neben Helga. 

STUDENT. Guck mal, da wird gefilmt! 

Helga springt auf. Sie verläßt das Abteil, um durch das Gangfenster sehen zu können, was das für Filmleute sind. Sie erkennt ihre Münchner Freunde, die hier tätig sind: Reinhard, der Rob nach dem Vorbild der französischen »Nouvelle Vague« mit seiner Kamera in einem Rollstuhl fährt, und Stefan, der versucht, mit der Kamerafahrt Schritt zu halten. Helga rüttelt am Zugfenster, das sich verklemmt hat. 

HELGA. Stefan, Stefan!

STUDENT. Ah, die Ober-Münchhausener. 

Der Student aus dem Abteil hilft Helga, das Fenster zu öffnen. Sofort ruft sie nach Stefan, der aber nichts zu hören scheint. 

STUDENT. Kennen Sie die Filmleute?

HELGA. Ja, das sind Freunde von mir. Stefan, Stefan! Rob! 

Jetzt ist auch Olga zu erkennen, die in einer Liebesszene auf dem Bahnsteig ihren Partner, einen in Weiß gekleideten jungen Mann, leidenschaftlich küßt. Robs Kamera umkreist die Liebesszene, Bernd schwenkt den Scheinwerfer mit. Gerade als Stefan hört, daß jemand seinen Namen ruft, setzt sich Helgas Zug in Bewegung. Die Szene mit den Filmemachern gleitet davon. Helga sieht die Studenten in ihrem Abteil fragend an. 

STUDENT. Kennen Sie die Jungfilmer gut?

HELGA. Ja, sicher. Sehr gut. Wissen Sie, was das für eine Station war? 

STUDENT. Rolandseck.

HELGA. Rolandseck? Wie kommt man dahin? Was ist denn die nächste Station?

STUDENTIN.Bonn! 

HELGA. Bonn?

STUDENTIN. Zurück müssen Sie den Bummelzug nach Koblenz nehmen. 

In aller Eile hat Helga ihren Koffer aus dem Gepäcknetz geholt. Sie bereitet sich darauf vor, in Bonn auszusteigen. 

524 Bahnhof Bonn


Als Helgas Zug ankommt, steht der Bummelzug nach Koblenz schon auf dem Gleis gegenüber. Sie muß nur den Bahnsteig überqueren, um zu ihren Freunden zurückfahren zu können. 
525 Bahnhof Rolandseck


Der Bummelzug kommt in Rolandseck an. Das Bahnhofsgelände, ein wilhelminischer Bau mit Zinnen, Säulen und Türmchen, sieht aus wie verlassen. Helga ist der einzige Passagier, der hier aussteigt. Der Bahnsteig ist eine Art Niemandsland zwischen den Gleisen, auf denen jeden Augenblick neue Züge in beiden Richtungen vorbeidonnern und Luftwirbel erzeugen. Helga sieht sich um. Als sie die Namen der Freunde ruft, wird ihre Stimme vom Lärm eines Güterzuges verschluckt. Helga erkennt den Bahnsteig, auf dem die Freunde gefilmt haben. Durch eine Unterführung gelangt sie dorthin. Aber der Bahnsteig sieht genauso aus wie der, auf dem sie eben angekommen ist. Noch einmal ruft sie die Namen der Freunde Stefan, Rob und Reinhard. Die Filmemacher aber sind verschwunden. Oder doch nicht? Helgas Blick fällt auf einen der eisernen Pfeiler, die das Bahnsteigdach tragen. Dort hängt ein Zettel mit dem rätselhaften Text: »Ist gestern morgen?« Helga löst den Lassobandstreifen, um den Zettel an sich nehmen zu können. Was hat das alles zu bedeuten? Sie sieht sich um und sieht noch mehr von diesen Zetteln. Spickzettel für die Filmschauspie-ler? 

HELGA (liest). »Nur noch der Duft ihrer Worte: Abschied. « 

Helga läuft zu dem nächsten Zettel, der an einer Eisenstrebe klebt. HELGA (liest). »Eine Wiese, ein Pferd, ein Himmel, ich.« Der vierte Zettel begeistert Helga. Sie hat ihren Koffer einfach auf dem Bahnsteig stehen lassen. Das ist eine wahre Welt der Poesie hier, in der sie sich sofort auszukennen scheint. 

HELGA (liest). »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. « 

Es ist nicht zu glauben: Ein Text ist rätselhafter und schöner als der andere!

HELGA (liest). »Der Wind spielt drinnen mit den Herzen! « 

Hinter diesem Text sinnt Helga eine Weile her. Dann wird sie von ihrer Begeisterung zum nächsten Zettel getrieben. 

HELGA (liest). » Hinter dem Horizont noch einer. « 

Diesen Satz hat Helga wie eine Frage gelesen. Ist es wahr, was die Freunde da geschrieben haben? Helga möchte etwas hinzudichten. Sie hätte Lust, tausend weitere Texte dieser Art an den Orten zu verteilen, an denen die Freunde sie suchen. Aber suchen sie sie überhaupt? Helga findet einen Zettel, der klingt, als wäre er für sie ganz allein geschrieben worden: »Sie wußte mit dem Instinkt der Frau, daß das Schicksal sie in Rolandseck erwartet.« Auf dem Papier ist noch Platz für eine Antwort. Helga holt ihren Stift und schreibt. 

HELGA. »Dort wartete aber nichts, ich fahre weiter nach Dülmen.« 

Darunter schreibt sie ihren Namen und das genaue Datum: z3.Juni I96', I4 Uhr 33. Wichtige Dinge müssen genau datiert werden, damit die Nachwelt sie einordnen kann, denkt Helga. Sie hat die Freunde nicht gefunden. 

526 Bahnhof Dülmen


Es ist schon gegen Abend, als der Zug aus Münster in Helgas Heimat-städtchen einfährt. Als sie mit ihrem Koffer durch den überdachten Quergang zum Bahnhofsgebäude geht, steht dort ihr Vater. Der glatz-köpfige Mann ist froh, daß sie endlich ankommt. Er nimmt ihr den Koffer aus der Hand. 

VATER HELGA. Mein Kind, ich dachte schon, du kommst nicht mehr. Es waren drei Züge. Wo hast du eigentlich gesteckt? 

HELGA. Ich habe noch einen kleinen Umweg gemacht! 

VATER HELGA. Und kriege ich kein Mülken? 

Helga weiß sofort, was das plattdeutsche Wort sagen will. Sie küßt den Vater auf die Wange. Dann folgt sie ihm zum Parkplatz. 

527 Dülmener Straßen


Helga fährt mit dem Vater in dessen klapprigem Opel durch das Heimatstädtchen, das sie nun schon länger nicht gesehen hat. Alles kommt ihr kleiner vor, als sie es in Erinnerung hat. Der Vater ist ein schlechter Autofahrer. Er fährt langsam auf die Krenzung zu, und weil er der Herr Lehrer ist, grüßt auch er die Passanten. 

HELGA. Du fährst ja wie ein Fußgänger, Vati!

VATER HELGA. Früher warst du stolz auf mich, mein Kind! 

Der Vater schleicht im Schrittempo hinter drei Radfahrern her. So geht es durch das Lüdinghausener Tor nach Hause. 

528 Vor Elternhaus Helga


Helgas Eltern besitzen ein Einfamilienhaus in der Siedlungsstraße einer Bausparkasse. Das anderthalbgeschossige Haus mit seinem roten Zie-geldach und dem weißen Rauhputz an den Wänden verrät in vielen Details seine Entstehung in den Aufbaujahren um I950: Rundbögen über den Türen, Fensterläden und schmiedeeiserne Außenlampen. Der Vater hält vor der kleinen Garageneinfahrt. Helga steigt aus, um der Mutter ihre Ankunft zu signalisieren. Sie drückt den Klingelknopf. 

HELGA. Die Klingel geht ja noch immer nicht! Mensch, Vati, fünf Monate! Was habt ihr nur für Zeitbegriffe? 

Der Vater zeigt Helga, wie er mit dem Klingelproblem fertig wird. Er hupt zweimal und gibt durch ein Lächeln zu verstehen, daß zu Hause eben alles funktioniert, wenn auch auf eine besondere Art. 

Schon erscheint die Mutter, eine knochige Endvierzigerin, mit Blüm-chenbluse und Schürze an der Haustür. 

MUTTER HELGA. Wo hast du nur gesteckt? Ich sehe gerade München im Fernsehen. 

Mit ausholenden Gesten der Begeisterung kommt die Mutter an das Gartentürchen, reißt es auf und preßt Helga an ihre kräftige Brust. 

MUTTER HELGA. Schön, daß du da bist, Kindchen!

HELGA. Was denn, was siehst du denn über München? 

Helga hat sich mühsam aus der Umarmung gelöst. Sie sieht die Mutter fragend an. Die aber wendet sich an den Vater, der Helgas Koffer auslädt und näher kommt. 

MUTTER HELGA. Riesenkrawall in Schwabing! 

Helga zögert keinen Augenblick. Sie ist schließlich Augenzeugin, und die Nachrichten aus München betreffen sie. Sie rennt nur so ins Haus. 

529 Wohnzimmer Elternhaus Helga


Helga kommt in das dämmrige Wohnzimmer. Ihr Köfferchen mit dem Tagebuch und den Gedichten hat sie nicht aus der Hand gegeben. Sie kniet vor dem Fernsehgerät nieder und verfolgt erregt die Berichte der Tagesschau. Münchner Bürger werden zu den Ereignissen der letzten Nacht befragt. Sie alle äußern sich voller Empörung über das brutale und wahllose Vorgehen der Polizei. Ein Herr in Krawatte schildert soeben, wie er auf dem Nachhauseweg von einem Polizisten angefallen und verprügelt wurde. 

HERR IN MITTLEREN JAHREN . . . hat sich als Kriminalbeamter ausgewie-sen, der auf mich eingeschlagen hat, obwohl ich ihm gesagt habe, ich wohne in der Wilhelmstraße 3, ich komme aus Landshnt, und ich bin kriegsversehrt. 

Hier, in der sicheren Umgebung des Elternhauses, erfährt Helga Einzel-heiten über die Ereignisse, die sie miterlebt hat, ohne sie zu begreifen. Beim Betrachten der Fernsehberichte gerät sie wieder in die Stimmung des Abends in München. Helle Empörung mischt sich mit Angst und Zweifeln an allem, was die Staatsorgane äußern. Soeben wird eine junge Frau interviewt. Das Fernsehteam hat sie in ihrer Wohnung besucht. Im Hintergrund des Fernsehbildes erkennt man die Bücherwand und die gepflegt-bürgerliche Umgebung, zu der die Inter-viewte gehört. 

JUNGE FRAU. Wir gingen über diesen Platz ganz allein auf die Polizisten zu, und da packt mich gleich einer vorn und schubst mich zurück, und da sage ich: »Was fällt Ihnen ein, mich so anzufassen?« Die Antwort war gleich ein Gummiknüppel über den Kopf! 

Die junge Frau berichtet weiter, daß ihr Mann die Polizeibeamten aufforderte, seine Frau loszulassen, da sie schwanger sei. Daraufhin sei auch er verprügelt worden. Helga kann sich bei diesen Nachrichten fast kaum noch zurückhalten. Sie weint fast vor Wut. Jetzt wird ein Kamera-mann der Fernsehanstalt befragt. Er steht mit seiner Filmkamera vor dem Gebäude des Rundfunks und berichtet seinen Kollegen, wie es ihm ergangen ist. 

KAMERAMANN. Während der Dreharbeiten bei dem Krawall für das Fernsehen wurde ich von zwei Polizisten angegriffen, und trotz 

meines Ausrufes »Ich bin vom Fernsehen« und Vorweisen der Ka-mera schlugen sie auf mich ein. Helga vergißt, wo sie ist. Ihr Blick ist starr auf den Fernseher gerichtet. Ein blondes Mädchen von sechzehn Jahren wird interviewt. Sie hat ein blau unterlaufenes Auge und eine große Platzwunde im Gesicht. Der Schock läßt ihre Stimme während des Interviews noch beben. 

BLONDES MÄDCHEN. Ich habe gehört, daß Oberbürgermeister Dr. Vogel gesagt hätte, daß keine Mädchen geschlagen worden sind. Bitte, schauen Sie mich an! 

Der Vater kommt mit Helgas Reisegepäck herein. Auch er will sehen, was das Fernsehen über München berichtet. Gerade spricht der Ober-bürgermeister der Stadt und verteidigt sich ungeschickt. 

ORIGTNALTON DR. VOGEL ... Ich habe von Anfang an erklärt, daß einzelne Übergriffe, die vorgekommen sind, nicht gedeckt werden, und ich stehe nicht an, dieses Wort des Mitleids und des Bedauerns zu sprechen . . . 

Helga spürt die Anwesenheit des Vaters in ihrem Rücken. Sie macht sich Luft. 

HELGA. Verdammte Scheißkerle!

VATER HELGA. Helga, solche Worte will ich in meinem Hause nicht hören! 

Inzwischen ist auch die Mutter zurückgekommen. Sie lehnt sich an den ledernen Polstersessel, um mit Helga gemeinsam die Nachrichten zu sehen. 

MUTTER HELGA. Gut, daß du da nicht dabei warst, Helga. 

Helga geht auf ihre Eltern nicht ein. Sie verfolgt das Interview mit dem Oberbürgermeister, der weiter versucht, die Situation zu verharmlosen. 

ORIGINALTON DR.VOGEL.... da bin ich hingefahren und habe etwa eine Viertelstunde lang über den Lautsprecher versucht, mit begütigenden und zur Vernunft mahnenden Worten auf die Anwesenden, die ja schon wieder auf der Fahrbahn standen und schon wieder Autos anhielten, einzuwirken. Habe bei Vernünftigen Beifall gefunden, eine ganze Menge hat sich zerstreut, eine andere Menge hat in Anwesen-heit des Oberbürgermeisters weiterhin den Verkehr aufgehalten. 

Helgas Mutter hat sich ihre Meinung schon vor Helgas Ankunft gebil-det. Sie ist ein Mensch, der am liebsten die Augen vor den Ereignissen verschließt. Sie versucht, zum gemütlichen Teil des Abends überzulei-ten. 

HELGAS MUTTER. Diese verzogene Großstadtjugend! Schalt das ab, ich will das gar nicht sehen!

HELGA. Aber ich will das sehen! 

Helga packt die Hand der Mutter und hält sie fest. 

HELGA (erklärend) . . . da sind meine Freunde mit dabei. 

Jetzt beginnt Helgas Vater zu begreifen, warum seine Tochter so fasziniert von den Fernsehberichten ist. 

VATER HELGA. Wer? Diese Gammler sind deine Freunde? 

Der Vater zieht seine Jacke aus. Hier ist er zu Hause, hier will er sich wohl fühlen und es genießen, daß seine Maßstäbe gelten. Helga wirft einen kurzen Blick auf den Vater, dann faucht sie zurück. 

HELGA. Ich verbiete dir, so zu sprechen. Ihr habt überhaupt keine Ahnung, wovon ihr redet.

Schon ist der ganze Kleinstadthaushalt in Aufruhr. Helga spricht in der »Ihr«-Form. Damit wird sofort eine Grenze gezogen zwischen den Generationen und zwischen den verschiedenen Ebenen politischen Ver-ständnisses. Helga weiß sofort, was sie bei ihrem Vater angerichtet hat. Der Vater kommt hemdsärmelig aus dem Nebenzimmer zurück. 

VATER HELGA.SO, du verbietest mir etwas. Kind, du bist in deinem Elternhaus, vergiß das nicht. Und hier wird dieses Unterweltgesindel nicht gedeckt. 

Der Vater hat sich neben seine Frau gestellt. Die beiden Eltern bilden eine Ideologiefront gegen die ungezogene Tochter. Helga, die sich machtlos fühlt, springt auf und knallt die Tür zu. Hilflos stehen der Lehrer und seine Frau da und sehen hinter der Tochter her. Noch immer rechtfertigt sich der Oberbürgermeister im Fernsehen. 

ORIGINALTON DR. VOGEL. Ich bin von Stinkbomben bedroht worden, die Menge hat sich nicht zurückgezogen, und daraufhin hat die Polizei nach mehrfachen Ankündigungen - dafür bin ich nun allerdings wirklich Zeuge-, nach mehrfachen Ankündigungen, zum Teil zehn- und zwölfmal, und Bitten, die Straße zu räumen, sich langsam in Bewegung gesetzt. . . 

530 Schwimmbad Dülmen


Das herrliche Sommerwetter erstreckt sich über ganz Europa. Die Hitze, die in München die Gemüter in Erregung versetzt, hat in der westfälischen Kleinstadt eher eine lähmende Wirkung. Träge und in ihre Träume versunken liegen die jungen Leute auf der Liegewiese des städtischen Schwimmbades. Helgas Freundin, Marianne Westphal, ist eine hübsche dreißigjährige Frau mit langen, dunklen Haaren, braunen Augen und einem geschmeidigen Körper. Sie schwimmt mit ihrem einteiligen Badeanzug im Kreis, genießt dann in Rückenlage treibend den blauen Himmel über sich und die Blicke eines Mannes, der sie vom Beckenrand her bewundert. Der Mann sieht ein bißchen wie John F. Kennedy aus. Dorli, die Freundin, die München schon einmal im Fasching besucht hat, sitzt neben Helga auf dem Frotteehandtuch und cremt sich ein. Marianne hat zwei blonde Kinder, Zwillinge, Mädchen im Alter von vier Jahren. Sie spielen in einer nahe gelegenen Sandkiste mit anderen Kindern. Sie scheinen ihre Mutter vergessen zu haben. Helga liegt auf ihrem Bauch und schreibt etwas in ihr Heft. 

DORLl. Schau mal, wie Marianne das macht! Schon hat der Kennedy Typ sie angesprochen. 

Helga wendet den Kopf in Richtung Schwimmbecken. Marianne klettert über die Eisenleiter aus dem Becken. Der Kennedy-Typ reicht ihr dabei die Hand und hilft ihr. 

DORLI. Marianne kann das einfach. Sie weiß auch nicht, wie sie das hinkriegt, vermutlich denkt sie überhaupt nichts dabei. Ich denke immer zuviel, Helga. Wenn mir einer gefällt, denke ich zuviel. 

HELGA. Was würdest Du tun? 

DORLI Ich wäre auf der gegenüberliegenden Seite aus dem Wasser gegangen, dann wäre ich hin und her spaziert, damit sich der Typ an meine Größe gewöhnt. Die meisten Männer erschrecken nämlich wenn sie merken, daß sie nicht größer sind als ich.

HELGA. Marianne ist ungefähr so groß wie ich.

DORLI. Sieh dir das an! Jetzt hat er ihr einen Handkuß gegeben. Alte Schule ist das. Ein wirklicher Herr vom Scheitel bis zur Sohle Dazwischen natürlich auch nicht übel. Was schreibst du denn da dauernd ? 

Dorli hat bemerkt, daß Helga ihr nicht mehr zuhört. 

HELGA. Ich muß das loswerden.

DORLl. Deine Erlebnisse in München? Oder was anderes?

HELGA. Das Wiedersehen mit meinen Eltern. Ich nehme Abschied.

DORLI. Dramatisch. Du hängst viel zu sehr an deinem Vater. In Wirklichkeit verehrst du ihn. 

Helga klappt ihr Heft zu. Damit entzieht sie ihre Texte Dorlis neugierigen Blicken. Marianne kommt auf der Liegewiese zu den Freundinnen zurück. Sie ist ganz erhitzt und glühend. Ihre Augen strahlen die Freundinnen an. 

DORLl (spielt auf Mariannes Verehrer an). Hat er dich ins Weiße Haus eingeladen ?

MARIANNE. Wenn i net so gut verheirat'wär, hätt' ich vielleicht schon schwach werden können. Aber der Westphal ist mir lieber. Es freut mich einfach, daß man noch als Frau angesehen wird, nach den Zwillingen. Versteht ihr das? 

Helga ist in finsteres Brüten verfallen. Sie hört sich die Gedankenspiele ihrer Freundinnen nicht an. Marianne entledigt sich des nassen Badeanzuges, den sie geschickt unter dem Bademantel abstreift. Helga liegt auf dem Bauch. Sie betrachtet den sommerlichen Betrieb in der Badeanstalt und ist immer noch nicht fertig mit ihrem Vater. 

HELGA. Ich hätte Lust, ganz Dülmen in die Luft zu jagen! 

Marianne weiß nicht, was sie mit diesem Satz anfangen soll. Sind sie und Dorli auch von dieser Androhung betroffen? Sie mustert die Freundinnen. Dorli ist beleidigt. 

MARlANNE. Aber Helga-Putzi, du bist ja ganz durcheinander. Macht dir die Hitze so zu schaffen, oder ist es wegen München? Oder bist du unglücklich verliebt? Mir kannst du dich doch anvertrauen. Das weißt' hoffentlich! 

Marianne hat sich während dieser Worte zu Helga hinabgebeugt. Helga, die diese forschende Nähe plötzlich nicht erträgt, springt auf. Sie bleibt am Rand des Schwimmbeckens stehen. Ihren Freundinnen wendet sie demonstrativ den Rücken zu. Ihr Blick geht aufs Wasser hinaus. 

HELGA. Rücksichten, Lügen und dann diese katastrophale Ruhe hier! Ihr kotzt mich an. 

Dorli ist nun auch zum Streit aufgelegt. Uber ihren Augen bildet sich eine grimmige Stirnfalte. 

DORLI. Moralapostel! 

Marianne ist viel zu erwachsen, um sich an dem dummen Prinzipienstreit über die Dülmener Moral zu beteiligen. Sie beobachtet ihre Kinder, die im Sandkasten umhertollen und glücklich sind. 

MARTANNE. Schaut's euch das an. Die ganze Zeit woll'n sie nur mit den Buben spielen. 

Tatsächlich haben Mariannes beide Töchter zwei gleichaltrige Jungen als Spielkameraden gewonnen. Die Jungen tun alles, was die kleinen Weibchen wollen. Helga steht immer noch in ihrer Trotzhaltung am Beckenrand. Dorli ist noch grimmig. So halten es die Freundinnen eine Weile aus, bis Helga plötzlich in Lachen ausbricht. Es ist ja auch zu albern, daß sie sich den Tag verdirbt mit ihrem Haß auf die Kleinstadt. Jetzt lacht auch Dorli wieder. Der Kennedy-Typ nähert sich über ein Brückchen. Er hat eine Kamera bei sich, die er auf die drei Freundinnen richtet. Als Dorli ihn entdeckt, sagt er, »freundlich, freundlich«, und schießt sein erstes Foto. Die drei Dülmener Frauen stellen sich am Beckenrand in Pose. Dorli, die ihre beiden Freundinnen um einen Kopf überragt, setzt sich noch zusätzlich einen großen Sonnenhut auf, um ihre Größe ad absurdum zu führen. Helga hat wenig Talent für Fotoposen, sie spielt aber mit, so gut sie kann. Schließlich stellen sich auch noch die Zwillinge zu ihrer Mutter. Der Kennedy-Typ fotografiert und resigniert vor soviel unerreichbarer Weiblichkeit.

531 Autobahn


Hermann ist von einem Mercedesfahrer mitgenommen worden. In schneller Fahrt geht es nach Norden. Die Autobahn wickelt sich als Endlosband vor Hermanns Augen ab. Sie läßt an ihrer eintönigen Trasse, den Böschungen und Brücken nicht erkennen, durch welche Gegend es geht. Glühende Hitze liegt über der Betonlandschaft. Durch das geöffnete Schiebedach weht der Fahrtwind herein und wirbelt Hermanns Haar ein bißchen durcheinander. Der Mann am Steuer ist etwa fünfzig Jahre alt. Auf seinem haarlosen Schädel ist eine große Narbe sichtbar, die von einer Schläfe bis zum Scheitel führt. Der Mann sitzt eigenartig verkrampft hinter seinem Steuer. Er starrt den Mercedesstern vorne auf seinem Kühler an und zählt leise vor sich hin.

MERCEDESFAHRER (zählt) dreisechsundsiebzig, dreisiebenundsieb- zig. . . Sie haben doch einen Führerschein?

HERMANN. Ja.

Der Fahrer beugt seinen Kopf zu Hermann, damit dieser sich die Narbe auf dem Schädel genau ansehen kann. 

MERCEDESFAHRER. Sie sehen meine Kopfnarbe. Eine Kriegsverletzung. Hin und wieder hat mein Hirn so kleine Aussetzer. Ich verliere dann für Sekunden das Bewußtsein. Aber nur für Sekunden. Deshalb nehme ich immer einen Anhalter mit. Verstehen Sie? (lacl~t). Damit ich unter Kontrolle bin! Alles klar? Der Mann lacht selbstzufrieden über seinen makabren Witz. Hermann wird es jetzt unbehaglich. Bis zu diesem Augenblick konnte er die Fahrt genießen und seine Phantasie zu den möglichen Reisezielen dieses Tages vorauseilen lassen. Aber jetzt ist es vorbei mit seiner Ruhe. Er sieht sich den Mann am Steuer genauer an. Ist das nur ein böser Scherz, den der Fahrer sich mit ihm erlaubt? Hermanns Blick geht zum Tachometer. 

HERMANN. Sie fahren hundertsechzig. Ist das nicht ein bißchen viel? Nun ist der Mann am Steuer wieder ganz ernst. Fast nimmt sein Gesicht einen traurigen Ausdruck an, als er sich in das Lederpolster zurücklehnt und das Gaspedal ganz durchtritt. 

MERCEDESFAHRER. Nicht bei dem Wagen. Der liegt bombig in der Hand. Na, fassen Sie mal an. Der Mann will wirklich, daß er einmal das Steuer übernimmt. Wenn Hermann nun höflich das Steuerrad berührt, läßt der Fahrer es ganz los, so daß Hermann fest zugreifen muß und in kurz aufflammender Panik lenkt, so gut er kann. 

MERCEDESFAHRER . . . wie ein Brett. Spüren Sie?

HERMANN. Vorsicht! ~ 

Hermann schwitzt vor Angst. Der Mann übernimmt das Steuer wieder. Er nimmt von Hermanns Furcht keine Notiz. 

MERCEDESFAHRER. So was baut uns niemand in der Welt nach. Für mich kommt überhaupt nur noch Mercedes in Frage. Am besten, wir unterhalten uns. Da spüren Sie gleich, ob meine grauen Zellen noch unter Strom stehen. 

Hermann faft sich an den Kopf. Er zweifelt an seinen Wahrnehmungen. Nichts von dem, was dieser Mann sagt, berührt wirklich die Sinne. Alles ist eine Frage des Vorstellungsvermögens, das an diesem heißen Tag allerdings nicht gehorchen will. 

HERMANN. Wahnsinnshitze, heute. 

MERCEDESFAHRER. Manchmal bin ich froh über diesen Dachschaden. Ich kann mich nämlich an den Krieg und an die Hitlerzeit überhaupt nicht mehr erinnern. Die Zeit ist völlig ausgelöscht bei mir. Ich muß mich da auch nicht so quälen wie die anderen, die das nicht vergessen können. Dafür bin ich aber voll auf Zukunft eingestellt. Wissen Sie: Problem erkennen, Problem lösen. Das ist meine Devise. 

Was bleibt ihm anderes ührig, als sich auf die Situation einzulassen? Hermann versucht gewaltsam, sich zu entspannen. Die Fahrt geht mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, ausschließlich auf der Uber-holspur. Hermann versucht, sich an die Worte zu erinnern, die der Mann vor wenigen Augenblicken gesagt hat. Auch sie erscheinen ihm jetzt unwirklich. Ein Gespräch? Hermann versucht es mit einer mög-lichst normalen Frage zu eröffnen. 

HERMANN. Sind Sie Ingenieur oder so was? 

MERCEDESFAHRER. Nein, Kaufmann, aber im technischen Bereich. Ich verstehe nichts von Technik, dafür aber von Technikern. 

HERMANN. Und wie sind die Techniker? Der Mann lacht, als hätte Hermann einen tollen Witz gerissen. 

MERCEDESFAHRER. Idioten! Sie müssen sie mit ihrem ganzen Kram einsperren und erst wieder rauslassen, bis sie alles einmal durchgelö-tet haben. Aber dann sind sie glücklich und müssen mit ihren Frauen in Urlaub fahren. 

Hermann sieht, wie das Lachen des Mannes verebbt. Er hat nun wieder diesen merkwürdig traurigen Ausdruck. Hermann spürt, daß ihm der Gesprächsstoff abermals ausgegangen ist. Er überlegt angestrengt, was er den Mann noch fragen kann, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Die Zeit dehnt sich ins Unendliche. Der Mann schweigt. Was geht in ihm vor? Hermann überlegt, wie er die Situation beenden kann. Warum schweigt der Mann nun, nachdem er vorher noch so laut gelacht hat? Hermann sieht den Fahrer an. Der aber reagiert ganz normal. 

MERCEDESFAHRER. Keine Sorge, ich bin in Ordnung! 

Gott sei Dank. Hermann weiß nicht, worauf er sich eingelassen hat. Aber es scheint nicht gar so dramatisch zu sein. Hermann lehnt sich zurück, zuckt aber vor Schmerz zusammen, denn sein Rücken tut ihm woh. Er hat ganz vergessen, daß er ja auch verwundet ist: Der Schlag des Polizeiknüppels hat ihn so verletzt, daß er sich nun kaum ins Polster lehnen kann. Nun wendet sich der Fahrer an ihn. 

MERCEDESFAHRER. Wo wollen Sie hin?

HERMANN. Auf die Insel Sylt. Ich habe dort einen Ferienjob. 

MERCEDESFAHRER. Aber doch nicht als Bademeister! So sehen Sie mir nämlich nicht aus. 

HERMANN. Nein. Ich gebe Klavierunterricht. 

MERCEDESFAHRER. Musiker? 

HERMANN. Ja.

MERCEDESFAHRER. Nun sieh mir den mal einer an, ein Musiker! 

Das Wort Musiker scheint bei dem Mann gewisse Erinnerungen oder Gefühle auszulösen. Zuerst lacht er, als wäre es komisch, daß Hermann ein Musiker ist. Aber dann sinnt der Mann hinter dem Wort her. Hermann wartet darauf, daß er ihm erklärt, was er sich zum Thema Musik gedacht hat. Aber es kommt keine weitere Äußerung. Das Fahrgeräusch ist von einschläfernder Monotonie. Hermanns Rücken schmerzt wirklich sehr, und es ist ihm unbehaglich in seinem schweiß-nassen Hemd. Der Mann am Steuer richtet sich plötzlich auf. Er starrt auf die Straße. 

MERCEDESFAHRER. Was war eben los?

HERMANN. Nichts, wieso?

Der Mann sieht auf seine Armbanduhr. Sein Ausdruck ist besorgt. 

MERCEDESFAHRER. Ich bin ohnmächtig gewesen. Haben Sie das nicht gemerkt? 

HERMANN. Nein, nicht die Spur. 

Jetzt wird der Mann wütend. Er betrachtet seine Fingerspitzen, die taub zu sein scheinen. Er pustet sie an und packt das Lenkrad fester. 

MERCEDESFAHRER. Sie müssen besser aufpassen! Also, ich werde jetzt sprechen, dann können Sie mich besser beobachten. Ich bin Offizier der deutschen Luftwaffe gewesen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig . . . 

Hermann starrt nun wieder auf die Autobahn, die in der Sommerhitze flimmert. Die Fahrt geht auf der Überholspur an allen anderen Fahrzeu-gen vorbei, immer weiter nach Norden. 

MERCEDESFAHRER. Der Aufbau der Bundesrepublik ist heute mein Hauptinteresse. Sie können die meisten Probleme auf drei einfache Lösungen bringen: Stillstand vermeiden, Störungen beseitigen und hinter der Vergangenheit nicht hertrauern . . . 

532 Kino in Dülmen


Es ist Abend geworden. Helga und Dorli treffen sich vor dem Eingang des Provinzkinos. Sie studieren die Ankündigungen im Schaukasten. Der Atlas-Filmverleih präsentiert mit Fotos, Zeitungsausschnitten und Plakaten den Film » Das Brot der frühen Jahre «, nach einem Roman von Heinrich Böll. Ein Zeitungsausschnitt berichtet über die Teilnahme des Films an den Filmfestspielen von Cannes und über die »Oberhausener Gruppe «, zu der der Regisseur H. Vesely gehört. Dorli liest die Inhaltsangabe vor. 

DORLI. »Die Liebenden dieser Beziehung wissen, daß sie füreinander bestimmt sind und handeln mit tiefem Ernst. Vera Tschechowa, Enkelin von Olga Tschechowa, wurde I940 in Berlin geboren. Ehe sie zum Film kam, besuchte sie eine Modeschule. « 

Hast du die Schauspieler in München mal kennengelernt? Hier steht: »Sie kennen sich alle aus Schwabinger Cafes.« 

HELGA. So stellt man sich in Dülmen wohl München vor. 

Helga sieht sich um. Sie wartet noch auf Marianne, die Dritte im Bunde der Freundinnen. Marianne scheint sich zu verspäten. Dorli hakt sich bei Helga unter und führt sie zum Rand des Trottoirs. Dorli ist aufgekratzt und genießt es, endlich einmal ihre studierte Freundin bei sich zu haben und ein wenig an ihrem Großstadtwissen nippen zu können. 

DORLT Ich freue mich auf den Film. Der Titel klingt ja ein bißchen traurig: »Wer nie sein Brot im Bette aß, der weiß nicht, wie die Krümel jucken.« Ich habe mir als Kind immer was zu essen mit ins Bett genommen, weil die Mutter sagte: »Wer weiß, ob es morgen noch was gibt.« Das war in der schlimmen Zeit! 

HELGA. Ich habe auch noch Angewohnheiten aus diesen Jahren. Ich kann zum Beispiel kein Brot wegwerfen. »Hartes Brot ist nicht hart. Nur kein Brot ist hart. « 

Ganz unten in der Kleinstadtstraße kommt eine junge Frau gerannt. Sie hat sich schön angezogen. Ihr hübscher Körper genießt die Abendluft. 

DORLT. Schau mal, wer da kommt: Marianne! 

HELGA. Na endlich, beeil dich! DORLI. Komm! 

Helga und Dorli winken und rufen Marianne zu, als wäre dies ein Zufallstreffen an einem ganz fernen Ort. Alles ist Spiel an diesem Abend. 

HELGA. Guck mal, die sieht ja aus wie Carmen in Person! DORLI. Eine richtige Dame! 

Marianne ist angekommen. Es gibt so wenig Gelegenheiten, sich einmal richtig herauszuputzen in dem kleinen Städtchen. Marianne hat den Abend erkoren, ein Festabend zu sein, geschehe was da wolle. Aber was soll auch schon geschehen? Die Freundinnen lachen einfach, es gibt viel zu erzählen. 

MARlANNE. Meine zwei Fratzen haben nicht geschlafen, und jetzt habe ich in meiner Not die Oma gerufen. O mein Gott, ich fühle mich, als wäre ich auf Abwegen. Wißt ihr, damals in Würzburg, wo ich den Westphal kennengelernt habe, da haben wir uns heimlich im Kino verkrochen, damit uns seine Frau nicht hat sehen können. Habt ihr schon Karten? DORLI. Alle drei. Helga, Dorli und Marianne sind die einzigen, die an diesem Abend das kleine Kino betreten, um sich ein Produkt des Neuen Deutschen Films anzusehen. 

533 Straßen in Dülmen

Hermann kommt in Dülmen an. Ein VW-Fahrer aus der Gegend hat ihn tatsächlich bis hierher mitgenommen, und weil es Nacht geworden ist, läft Hermann sich in dem Städtchen absetzen. Er ist zum ersten Mal hier. Da ist das alte Backsteintor, da sind erleuchtete Bürgerhäuser, ein paar Geschäfte. Hermann packt seinen Matchsack und geht vorsichtig ins Städtchen hinein. 

HERMANN. Es war das erste Mal, daß ich München verlassen hatte. Seit meiner Ankunft aus dem Hunsrück hatte ich keine offenen Land-schaften mehr gesehen. Zwei Jahre lang hatten sich meine Augen an Straßenschluchten und künstlich beleuchtete Innenräume gewöhnt. Jetzt fübite ich mich unsicher auf den Beinen, als ich dieses Provinz-nest betrat. 

534 Elternhaus Helga


Hermann hat nicht lange gebraucht, um das Haus zu finden, in dem Helgas Eltern wohnen. Er nähert sich auf demselben Weg, auf dem schon Helgas Vater mit dem Auto angekommen war. Nun liegt das Einfamilienhäuschen im Mondlicht. 

HERMANN. Ich gab mir große Mühe, Herr der Lage zu bleiben. Ich war Hermann W. Simon, der geniale Komponist, ohne Herkunft, ohne Heimat, wie Odysseus auf der Reise und soeben zufällig hier gestran-det. 

Hermann versucht, am Gartentor zu klingeln. Er lauscht. Jetzt merkt er, daß die Hausklingel kaputt ist. Er betritt den düsteren Vorgarten. Auch an der Haustür gibt es keine Klingel. Hermann klopft nach anfängli-chem Zögern gegen die Tür. Innen im Hausflur erscheint Helgas Großmutter. Ohne die Tür zu öffnen, schaut sie durch das Türfenster-chen heraus, um zu sehen, wer da draußen steht. 

GROSSMUTTER HELGA. Wat fällt Ihnen ein, hier einfach zu kloppen! 

HERMANN (ruft durch die verschlossene Haustür). Ich suche ein Fräulein Helga Aufschrey. Ich bin ein Freund von ihr aus München. 

GROSSMUTTER. Aus München auch noch, so sehen Sie aus, Sie Lümmel! Wissen Sie nicht, wie spät das es ist? 

HERMANN. Ich glaube, Viertel nach neun. 

Jetzt öffnet die streitsüchtige Oma die Tür und stellt sich breitbeinig vor Hermann hin. Ihr Gesicht ist ganz rot vor Zorn. 

GROSSMUTTER HELGA. Schreien Sie doch nicht so, die Nachbarn werden ja wach! Um die Zeit gehört sich das nicht mehr. 

Nach dieser erzieherischen Aussage zieht sich die Großmutter wieder ins Haus zurück. Sie läBt Hermann, der nicht mehr weiß, was er noch tun soll, einfach draußen stehen. Enttäuscht schickt er sich an, wegzuge-hen. Da kommt die Großmutter zurück und reißt die Tür auf. Hat sie es sich anders überlegt? 

GROSSMUTTER HELGA. Außerdem ist unsere Helga nicht zu Hause. 

HERMANN. Ich bin auf der Durchreise. Wo kann ich sie denn finden? GROSSMUTTER HELGA. Dat weiß ich nicht. Und jetzt gehen Se! 

Damit hat die Oma das Maß an Höflichkeit, das sie in dieser Situation für angebracht hält, erschöpft. In Dülmen herrschen strenge Gesetze. Hermann sieht auf die Uhr. Es wird Zeit, ein Nachtquartier zu finden. Die Oma hat die Haustür so definitiv zugeschlagen, daß Hermanns Hoffnung, bei Helga unterzukommen, zerfällt. Während er so dasteht, wird auch noch die Außenbeleuchtung abgeschaltet. Kleinstadtnacht umfängt ihn. Eine längst vergessene Erfahrung. 

535 Vor dem Kino


Das Kino ist zu Ende. Statt der angekündigten Böll-Verfilmung haben Helga, Marianne und Dorli den Film »Pariserinnen« gesehen und Eis dazu gegessen. Als sie jetzt die Straße betreten, hat die Sommernacht gerade erst richtig begonnen. Nicht einmal im Kino haben sie richtig träumen dürfen. Jetzt umfängt sie die Realität. 

DORLI. Ich hab einen Mordshunger! 

Dorli hat ausgesprochen, was alle empfinden. Die drei Freundinnen schlendern zum Gehsteigrand, an dem sie sich vor Einbruch der Dunkel-heit getroffen haben. Sie blicken in die stille Kleinstadtstraße. 

DORLI. Aber in Dülmen schläft schon wieder alles den Schlaf der Gerechten. 

HELGA. Erna's Brutzelhütte? 

Helga spricht den Namen mit Galgenhumor aus. An der nächsten Straßenecke steht ein umgebauter Wohnwagen, der als Würstchenbude eingerichtet ist. Der Wagen ist mit Neonlicht beleuchtet. Die Aufschrift über der Verkaufsöffnung wiederholt, was Helga gesagt hat: »Erna's Brutzelhütte«. Die drei Frauen nähern sich der Bratwurstbude. Erna, die Besitzerin, ist eine stämmige Frau mit Kittelschürze und fetten Oberarmen. Sie hat eine entwaffnende Art, ihre Kunden anzusprechen. Sie spricht unglaub-lich schnell und hat alle ihre Sätze jederzeit parat. 

ERNA. Meine Damen, was darf's sein?

DORLI. Einmal Currywurst mit Brötchen. 

HELGA. Ich hätte auch gern eine Wurst mit Senf. 

ERNA. Nehmen wir'ne Bratwurst? 

MARlANNE. Ich möchte ein paar Frankfurter, ich meine, Wiener!

ERNA. Haben wir heute nicht, nehmen wir'ne Bratwurst? 

MARlANNE. Dann nehme ich auch eine Bratwurst.

HELGA. Da wird dir richtig schön schlecht werden nach dem vielen Eis. 

ERNA. Da kann's Ihnen nicht von schlecht werden, das ist eine Speziali-tät von uns. Lassen Sie sich's schmecken, bitte sehr! 

Der Bestellvorgang ist in Ernas Tempo vonstatten gegangen. Schon landen die Würstchen auf den Papptellern. Der Senf und die Brötchen werden dazugetan, und schon heißt es abLeißen, kauen, lachen, würgen, umhergehen, satt und traurig werden. Für die Sommernachtsträume gibt es hier kein Futter. Oder doch? Helga entdeckt Hermann, der mit seinem Matchsack einsam durch die Dülmener Nacht zieht. Zuerst kann sie es nicht glauben; sie meint, sie hätte sich getäuscht, aber dann springt sie auf. 

HELGA. Mensch, ich sehe nicht recht, Hermann! 

Helga rennt auf Hermann zu. Sie springt ihm in die Arme. Sie küßt und drückt ihn, als wäre er ihr endlich wiedergefundener Geliebter. Hermann ist perplex. Damit hat er heute nicht mehr gerechnet. Helga wendet sich an ihre Freundinnen, die fragend mit ihren Bratwürsten dastehen. 

HELGA. Dorli, guck mal!

DORLI. Wie kommst du hierher? 

Während Dorli nun Hermann erkennt und auch begrüßt, wirft sich Helga ihrer Freundin Marianne an den Hals. Sie ist außer sich vor Freude und will sofort alles auflklären. Hermann ist ihr Geschenk an dieses verschlafene Nest. Helga flüstert in Mariannes Ohr. Dann nimmt sie Marianne an der Hand und führt sie zu Hermann. 

HELGA. Das isser nun, der Hermann aus München! 

Marianne weiß nicht, wie sie mit der Bratwurst in der einen und dem Pappteller in der anderen Hand Hermann die Hand geben soll. Kurz entschlossen steckt sie Hermann ihr Wurstende in den vor Staunen geöffneten Mund. Hermann kaut und drückt Marianne die Hand. Die Mädchen lachen. 

HELGA. Mensch, ich freue mich so, daß du hier bist. 

Helga schlägt Hermann vor Begeisterung auf den schmerzenden Rük-ken. Hermann krümmt sich. Mit der Wurst im Mund kann er nicht schnell genug erklären, was mit ihm los ist. 

HERMANN. Mein Rücken, das ist so ekelhaft.

HELGA. Wieso, was ist denn mit deinem Rücken los? Zeig mal. 

Sie zieht Hermann das Hemd aus der Hose, um es nach oben streifen zu können. Als sie die Wunde sieht, stöft sie einen unterdrückten Schrei aus. Nun kommen auch die Freundinnen, um Hermanns Rückenwunde zu betrachten. Hermann genießt diese Zuwendung trotz des Schmerzes. 

HELGA. Das sieht ja furchtbar aus. Wo hast du denn das her? 

HERMANN. Da hat so ein Polizist losgeprügelt, als ich ihn zur Rede stellen wollte. 

HELGA. Der dir deine Gitarre kaputtgemacht hat? Hat er dich wieder-erkannt? 

HERMANN. Ja, ich ihn. Leider. Jetzt suchen sie mich in ganz München. Sieht's schlimm aus? 

Während sich die drei Frauen den Rücken genauer ansehen, gewinnt Hermann entscheidende Sekunden, um mit sich selbst zu Rate zu gehen. Er spürt, daß in diesem Nest die Dinge noch nicht so fest stehen, wie es den Anschein hatte. Er will jetzt lieber gar nichts wollen. Wer wird in dieser Pause das erste Wort sagen? Hermann wartet ab. 

MARIANNE. Kommt, wir gehen zu mir, ich habe nämlich eine Salbe, die hilft bei so was. Also Helga, das sollten wir deinem Vati zeigen, damit er auch mal was begreifen tut, anstatt immer nur ins Fernsehen reinzuschauen. 

Marianne ist die erwachsene Frau, die vor den jüngeren Freundinnen nun die Vorteile der Selbständigkeit und der Selbstverständlichkeit ausspielt. Sie setzt sich in Bewegung und unterbricht die romantische Sommernachtsstimmung durch praktisches Verhalten. Hermanns Blick fällt auf die Würstchenbude. 

DORLI. Haste Hunger? Soll ich dir auch eine Brutzelwurst spendieren?

HERMANN. Ich habe schon Magenkrämpfe. 

Helga rennt hinter Dorli her. Sie will nicht, daß nun auch Hermann diese Notverpflegung bekommen soll. Seitdem er da ist, gelten wieder höhere Mafstäbe. Sie hält Hermann von der Bratwurstbude zurück. 

HELGA. Das läft du aber besser bleiben. Marianne brutzelt dir vielleicht ein Rührei, magst du das? Sie hakt sich bei Hermann unter und führt ihn in die Dülmener Nacht. 

536 Vor Haus Marianne


Hermann und die drei Frauen kommen in einer kleinen Straße an, die unter Bäumen am Rande eines Parks liegt. Hier stehen die Neubauten aus den fünfziger Jahren, mit denen kleine Orte, die im Krieg nicht zerstört worden waren, zeigen wollen, daß auch sie am Wiederaufbau teilnehmen. Das Haus, in dem Marianne wohnt, ist eines dieser unifor-men Backsteingebäude: zweigeschossig, hellhörig, charakterlos wie der ganze Fortschritt dieser Zeit. Die Schritte der Nachtschwärmer hallen unnatürlich laut durch die Siedlung. 

HERMANN. So still ist das hier, das ist ja unglaublich. Das erinnert mich fast an Schabbach.

Dorli und Helga plappern ungeniert durcheinander. Für sie ist diese Stille kein Heiligtum. Sie haben nur das Problem, jetzt ein gemütliches Plätzchen für ihren Besuch zu finden. 

HELGA. Hoffentlich schlafen die beiden Kleinen. 

Marianne bemerkt, daß in ihrer Wohnung im ersten Stock noch Licht brennt. Sie gibt den Freundinnen ein Zeichen, leise zu sein. Sie sieht erschrocken aus. Helga wird ebenfalls unsicher. 

HELGA. Ist dein Mann schon zurück? 

MARlANNE. Nein, das ist ganz ausgeschlossen. Der ist doch in Basel auf dem Gynäkologenkongreß. Wartet hier, ich schaue mal nach, ob die Luft rein ist. 

Marianne hat sich aus der Gruppe gelöst. Sie ist zum Hauseingang gegangen, um sich zu vergewissern, daß sie nicht gesehen oder gehört wird. Dann verschwindet sie im Haus. Helga und Dorli haben die Heimlichkeiten mit angehaltenem Atem verfolgt. Jetzt, da Marianne im Haus verschwunden ist, löst sich die Spannung. Beide Freundinnen haben großes Vertrauen in ihre Lebens-erfahrung und Entscheidungskraft. 

HELGA. Sieht sie nicht toll aus? 

DORLI. Stimmt. Ich bin auch total verknallt in sie. 

HELGA.So richtig südländisch. . . 

DORLI. Manchmal, wenn ich sie sehe, also, wenn ich ein Mann wäre, dann. . . (sie lacht). Groß genug bin ich ja. 

Die Schwärmerei für Marianne wird vor Hermanns Augen regelrecht in Szene gesetzt. Man will ihm die Trümpfe vorführen. Oder will man nur testen, wie er auf die Reize der Frauen im allgemeinen reagiert? 

HELGA. Na, sag doch mal, wie findest du sie denn?

HERMANN. Ich kenne sie doch noch gar nicht.

HELGA. Ja sicher, aber dein erster Eindruck?

HERMANN. Ja, ich glaube, ich weiß, was du meinst. 

DORLI. Seht euch das an! Der feine Herr aus München, er äußert sich sehr vorsichtig. 

HELGA. Marianne ist nämlich meine liebste Freundin hier. Außer dir natürlich, Dorli! 

Helga kuschelt sich an Dorlis Brust. So stehen die Frauen Hermann gegenüber. Sie können ihn nun besser ausfragen. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie sich aneinander festhalten. 

DORLI. Was tauchst du denn hier so plötzlich auf? Hast du irgendwas Bestimmtes vor?

HERMANN. Es ist reiner Zufall. Ich war auf der Autobahn, unterwegs nach Norden. Und da habe ich plötzlich das Schild gelesen: Dülmen. Und schon bin ich da. Ich bin nämlich schon zehn Stunden unterwegs. Sagt mal, kann ich eigentlich hier irgendwo übernachten ? 

HELGA. Bei mir geht's nicht gut. Die Oma schläft doch schon! Und bei dir? 

Zwischen allen Worten lauern die Nebenbedeutungen und die ungesag-ten Worte. Es gelingt aber auch Hermann kaum, den Frauen einen einfachen Satz zu sagen. Die Phantasien überwuchern den Tonfall und die Pausen! 

Marianne kommt aus dem Haus zurück. Sie hat drei Flaschen bei sich und eilt mit hastigen Schritten an den Freunden vorbei. Diese finden kaum Zeit, sich ihr anzuschließen. Es geht zurück in Richtung Straße. 

MARlANNE. Ich habe mich vielleicht aufgeregt. Also, ich muß mich jetzt bewegen, sonst zerspringe ich. Die Oma hat sich nämlich häuslich bei mir eingerichtet. Sitzt am Fernseher und hat die Herrschaft im Haushalt übernommen. Also, da können wir jetzt nicht anrücken, bevor sie schläft. Dorli, komm, wir gehen am besten zu dir, in deine Speicherbude. Ich habe alles dabei: Martini rosso, einen fast echten Cognac vom Westphal seiner Oberschwester und eine Flasche Cha-teau Neuf du Pape. 

Marianne hakt sich bei Hermann unter. Seitdem sie sich von ihrem Haus entfernt hat, fühlt sie sich freier und kann wieder lachen. 

MARlANNE. Ich darf doch Hermann zu Ihnen sagen?

HERMANN. Aber selbstverständlich!

MARlANNE. Ich heiße Marianne.

Helga und Dorli folgen den beiden in kleinem Abstand. So können sie Hermann und Marianne ungeniert angaffen. Sie machen ausgelassene Scherze, sie singen lachend den Hochzeitsmarsch. 

HEEGA. Guck mal.

DORLI. Schönes Pärchen. Vor allem von hinten. 

MARlANNE. Ach, Mensch, Dorli, Kindskopf! Ich möchte mir noch ein paar Zigaretten ziehen. Haben Sie vielleicht eine Mark? 

Hermann bleibt stehen. Er sucht in seiner Tasche und findet ein Markstück, das er Marianne überreicht. 

Während Marianne nun über ein städtisches Rosenbeet läuft, um an den Zigarettenautomaten zu gelangen, sucht Hermann einen Moment der Zweisamkeit mit Helga. Ihre Stimme ändert sich, ist nun gar nicht mehr so albern. HELGA. War irgendwie nichts, in der Bibliothek. Bist du noch sauer?

HERMANN. Ach, Quatsch! Ich glaube, ich war genauso blöd. 

Marianne kommt zurück. Geschickt hat sie wieder Hermanns Arm ergriffen und führt ihn auf die andere Straßenseite. 

MARlANNE. Kommt! Dorlis Bude ist auch nicht zu verachten. Da haben wir schon manche tolle Nacht verbracht. 

DORLl (lacit). Klassenächte!

Der Weg zu Dorlis Haus wird über Abkürzungswege genommen. 

537 Cafe Hintsch


Dorli ist die Tochter eines Konditoreimeisters. Das Cafe, im Stil der fünfziger Jahre eingerichtet, befindet sich in bester Geschäftslage, an einer der Ausfallstraßen der Kleinstadt. Dorli ist stolz, ihren Freunden das Elternhaus zeigen und mit ihrem Schlüssel mitten in der Nacht den Cafeeingang aufsperren zu können. Als Hermann an die Vitrine mit den vielen Torten kommt, spürt er wieder seinen bohrenden Hunger. Er geht auf eine der schönen Creme-torten zu, um wenigstens einmal daran zu schnuppern. Als er den Finger ausstreckt, um sich ein kleines Sahnebällchen zu angeln, hört er Dorlis Lachen im Hintergrund. 

HERMANN. Das kann ja wohl nicht wahr sein!

DORLI. Die Torten sind leider alle aus Gips. Nachtdekoration. 

Hermann nimmt Dorli beim Wort. Er ballt seine Faust und haut damit auf die Torte, so fest er kann. Dorli hat die Wahrheit gesagt, sie ist tatsächlich hart wie Stein. 

538 Dorlis Speicherbude 


Den Aufgang zu Dorlis Speicherbude erreichen die Freundinnen mit Hermann über verwinkelte Gänge, die im Innern der Konditorei zu einem Nebengebäude führen, unter dem wohl Lagerräume oder die Backstube liegen. Jedenfalls ist dieser Teil des Hauses so abgelegen, daß Dorli laut daherplappern kann und keine Angst haben muß, ihre Eltern zu wecken oder die Nachtruhe zu stören. Hermann spürt diese Gebor-genheit und taut in Gesellschaft der drei Frauen langsam auf. Sein Gesicht entspannt sich. Endlich ist er heute an einem ersten Etappenziel seiner Reise angekommen. Der Rücken schmerzt zwar noch, aber die Aussicht auf Mariannes Wundgel und die Fürsorge der Freundinnen läft ein Gefühl der Dankbarkeit aufkommen. Das Schicksal meint es heute gut mit ihm. Dorli ist auf einer schmaler werdenden Treppe bis zum Dachstübchen vorausgegangen. 

DORLI. Und da oben, Hermann, da zeig ich dir jetzt, wo du schlafen kannst. Hier kannst du dich niederlassen. 

Hermann sieht sich das Zimmer an. Es ist eine der alten Stuben für Diensthoten, die mit einfachsten Dingen zufrieden sein mußten: schma-les Bett, Kommode mit Waschschüssel, Stuhl, Kleiderhaken. 

DORLI. Hier oben hat früher unser Konditormeister gewohnt. Der war Junggeselle und hat nachts immer Klavier gespielt. Soll ich dir zeigen, wo? Komm, hier gleich um die Ecke. 

Helga und Marianne, die sich im Haus gut auskennen, sind vorausge-gangen. Sie haben eine Eisentür geöffnet, die direkt neben dem Dienst-botenzimmer auf den Speicher führt. Dorli bringt nun auch Hermann in diesen Dachraum, der von Balken durchzogen ist. Marianne und Helga haben schon Licht gemacht und begonnen, ein wenig aufzuräumen. Es gibt hier eine Art Sofa aus alten Matratzen, ein improvisiertes Tischchen, niedrige Hocker, Sitzkissen und alte Teppiche, mit denen der rohe Speicherboden abgedeckt wurde. An den Wänden hängen Plakate, Bilder von Kinostars und Dekorations-stoffe, die den Raum wohnlicher machen sollen. An den Balken hängen noch die Girlanden und Lampions der letzten Part,v. Eine Treppenleiter führt in den oberen Speicher hinauf. Dorli ist voller Unternehmungs-geist diese Leiter hinaufgestiegen, um die nackte Glühbirne zu erreichen, die von dort oben herunterhängt. 

DORLI. Der Vorteil ist, hier hört uns keiner. Helga, Marianne, reicht mir mal den Schirm rauf! 

MARlANNE. Unseren Schirm? 

DORLI. Jetzt machen wir mal ein biEchen Tangobeleuchtung, sonst sehen wir alle wie käsige Leichen aus. 

Marianne hat einen bunten Gartenschirm aufgespannt und reicht ihn mit dem Stiel nach oben zu Dorli. Dorli ist der Praktiker unter den Freundinnen. Alles, was mit Handwerk und Elektrizität zusammen-hängt, ist ihr Ressort. Sie befestigt den Sonnenschirm so unter der Glühbirne, daß ein lustiger Lampenschirm daraus wird, der das Licht zart im Raum verteilt. Sofort ändern sich auch die Gefühle. Hermanns Gesicht wird in roten Halbschatten getaucht, Helga und Marianne atmen auf. 

DORLI. Helga, schau mal da nach den Kerzen, die liegen irgendwo beim Radio. 

Die alte Anrichte, auf der Helga und Marianne nun die Kerzen anzünden, ist schon dick überzogen vom Wachs all der vielen Kerzen, die hier bei früheren Partys gebrannt haben. Das Anzünden der Kerzen ist fast ein heiliger Akt. Alle schweigen abwartend und mit bangem Herzen. Dorli kommt die Leiter herunter, ihre Stufen knarren unter ihrem schweren Körper. Sie nähert sich Hermann, der immer noch so dasteht, wie er hereingekommen ist. Dorli zeigt ihm das Klavier. Fast hätte Hermann es nicht gefunden, so ist es mit Speichergerümpel, leeren Getränkekisten und alten Stoffen zugedeckt. Hermann weiß sofort, was er den Frauen jetzt schuldig ist. Er gibt Dorli seine Jacke, sucht sich eine Kiste, auf die er sich setzen kann, und klappt den Klavierdeckel auf. Er schlägt ein paar Töne an. 

HERMANN. Klingt gar nicht mal so schlecht.

DORLI. Klasse, Hermann! 

Hermann improvisiert ein wenig, zeigt ein paar virtuose Läufe aus der klassischen Literatur und versucht, seinen Hörerinnen zu imponieren. Dorli setzt währenddessen ihre Lichtinstallation fort: Uberall findet sie Lampenfassungen und verborgene Schalter, mit deren Hilfe sie kleine Lichtquellen zaubert. Marianne und Helga unterbrechen ihre Arbeit am Kerzenaltar. Sie horchen. Hermanns Improvisationen sind in eine Beethoven-Sonate übergegangen. Es ist die d-Moll-Sonate, Opus 3I Nr. ~, die er glanzvoll beherrscht. Marianne verteilt den Cognac. Das Kerzenlicht breitet sich in allen Gesichtern aus. Hermann spielt eine leise, romantische Stelle, aus der es in leidenschaftlichen Wallungen ins Stakkato übergeht. Marianne hat ihre Salbe ausgepackt. Auf ihrem Weg zu Hermann nimmt sie das Cognacglas mit. Sie geht zu dem genialen Klavierspieler, fällt neben ihm auf die Knie und bleibt lange in dieser Pose. Sie will ihn in seiner musikalischen Ekstase nicht stören. Helga und Dorli beobachten die Freundin, die aussieht, als bete sie Hermann an. Helga beginnt, ihre Gedanken aufzuschreiben. Ihr Tagebuch hat sie auch in dieser Nacht bei sich. Schon wieder verwandeln sich die Ereignisse vor ihren Augen in Poesie. Dorli bleibt nüchtern. Sie trinkt ihren Cognac und lauscht der Musik. So hat das alte Klavier auf ihrem Speicher noch nie geklungen! Die Sonate dauert länger, als Marianne angenommen hat. Bei einer der langsamen Stellen erhebt sie sich, stellt sich hinter Hermann und knöpft ihm, während er so gut es geht weiterspielt, das Hemd auf. Sie zieht es behutsam aus der Hose, um an die Rückenwunde zu kommen. Verträumt spielt Hermann die Arpeggien in den Largopassagen. Dorli hält es vor Spannung nicht mehr aus. Sie steigt mit ihren langen Beinen über Tisch und Kisten, bis auch sie bei Hermann am Klavier ankommt. Marianne ist es gelungen, Hermanns Hemd über einen Arm, dann über den anderen zu streifen, ohne daß er sein Klavierspiel unterbrechen mußte. Alles geht sehr gleitend und äußerst zärtlich vonstatten. Niemals ist ein Mann musikalischer entkleidet worden, denn gerade, als der linke Ärmel abgestreift wird, beginnt eine neue leidenschaftliche Sequenz in der Sonate. Es sieht aus, als wäre das Stück eigens für diese Szene komponiert worden. Auch Helga ist dazugekommen. Fast hätte man es nicht bemerkt, wie sie sich durch den Speicherraum bewegt. Leise wie ein Schatten hat sie sich Hermanns Rücken genähert. Mariannes Salbe wird dreihändig oder sechshändig aufgetragen. Das durchsichtige Gel bildet auf Hermanns Rücken eine Schleimschicht, in der die Finger der drei Frauen zärtlich rühren, bis die blau unterlaufene Wunde ganz bedeckt ist. In Hermanns Klavierspiel ist Schmerz mit Lust vermischt. Zärtlichste Erwartung wacht unter den Tönen auf und steigert sich zu begehrlichem Pochen. Die drei Frauen beginnen, das Gel trockenzublasen. Mit langen gleich-mäPigen Atemzügen lassen sie die Luft aus ihren zugespitzten Lippen auf den gesalbten Rücken strömen. Hermann verliert fast den Verstand. Er wendet vorsichtig den Blick, um auch mit den Augen genießen zu können. Der musikalische Faden zerreißt unter seinen Händen. Die Töne vergehen. 

HELGA. Wunderschön, wie du spielst! Siehst du, wir knien vor dir und bewundern dich. 

MARlANNE. Ich könnte stundenlang so zuhören. 

HELGA. Weißt du, daß ich nie gehört habe, wenn du was Klassisches spielst? 

Helga, die eine brennende Kerze in der Hand hält, erhebt sich, um näher an Hermanns Ohr zu gelangen. 

HELGA. Fast hätte ich gedacht, du kannst das gar nicht. 

Hermann hat den musikalischen Faden wiedergefunden. Er setzt neu an, um das Hauptthema des Sonatensatzes zu entwickeln. Dorli kann so intensive, romantische Spannungen aber nicht ertragen. Sie wird plötz-lich ganz kribbelig und springt auf. Sie steigt über die knienden Freun-dinnen hinweg. Sie nimmt nun keine Rücksicht mehr auf das Klavier-spiel, sondern wird ganz prosaisch und schrill. 

DORLI. Ist das komisch, jetzt habe ich schon wieder Hunger. 

MARlANNE. Dorli! 

DORLI. Hermann, du mußt ja wohl umfallen vor Hunger! 

HELGA. Du mußt aber auch immer ans Essen denken. 

HERMANN. Hast du denn was da? Ich hätte, ehrlich gesagt, nichts dagegen. 

DORLI. Na klar hab ich was da! 

Dorli ist glücklich, daß der Künstler sie gleich verstanden hat und daß er nicht so heilig empfindet wie ihre schwärmerischen Freundinnen. Sie schickt sich an, die Bude zu verlassen.

DORLT. Siehst du, Helga, sage ich doch: Künstler sind auch Menschen. 

539 Konditorei


In der Kühlvitrine des elterlichen Cafes gibt es die herrlichsten Torten, die im Neonlicht aufleuchten, als Dorli den Laden betritt. Sie füllt einen großen Teller mit Tortenstücken von all ihren Lieblingssorten. Schließ-lich schaltet sie den Sahnebläser ein, um noch einen großen Berg Schlagsahne auf die Kuchenladung zu häufen. Sie kann es vor Gier nicht aushalten und fährt mit dem Finger einmal tief in die Köstlichkeiten, um sie sich in den Mund zu stopfen. Nun erst tritt Dorli den Rückweg zur Speicherbude an. Auf der Treppe kommt ihr neue Klaviermusik entge-gen. Hermann spielt jetzt das »Fantasie Impromptu op. 66« von Frede-ric Chopin. Damit ist auch musikalisch der gemütlichere Teil des Abends angebrochen. 
540 Dorlis Speicherbude

Als Dorli mit ihrem Kuchenteller hereinkommt, sitzt Helga zu Her-manns Füßen und schreibt ein Gedicht. Marianne raucht, über Her-manns Oberkörper gebeugt, eine von ihren Zigaretten. Helga steckt den Zeigefinger ihrer Schreibhand tief in Dorlis Schlag-sahne. So schiebt sie Hermann die erste Sahneportion in den Mund. Hermann lutscht den Finger ab und spült mit Chopin genüßlich nach. Die Musik bringt wieder einmal die Herzen zum Schmelzen. Marianne kommt näher. Verführerisch flüstert sie in Hermanns Ohr. 

MARIANNE. Wir sollten auf »du und du« miteinander trinken, Her-mann. 

Hermanns Hände gleiten über die Tasten, lassen die Melodie verwehen und finden das Cognacglas auf dem Rand der Klaviatur. Langsam verschränken sich seine und Mariannes Arme, langsam führen beide ihre Gläser zu den Mündern und sehen sich in die Augen. Hermann und Marianne trinken und schlucken gleichzeitig. Dann spricht er ihren Namen aus, fragend, suchend, verlangend, bevor er den Kuß von ihren Lippen trinkt. Beide schließen beim Küssen die Augen. Sie wollen gar nicht mehr auflhören. Helga und Dorli sehen den Kuß aus der Kinder-perspektive von ihrem Fußbodenplatz aus an. Ihre Augen leuchten. So aufgeregt sind sie. Dorli erlebt den Kuß so intensiv mit, daß sie sich die Lippen leckt. 

DORLI. Wenn du ausgeküßt hast, darf ich dann auch mal? 

Hermann ist zu allem bereit. Er öffnet gar nicht erst die Augen, als Marianne seinen Mund freigibt. Er empfängt Dorlis feuchtsüßen Kuß und sucht mit den Händen Kontakt zu Helga, die ihr Gesicht an seinen Bauch lehnt. Sie ist glücklich in diesem eng geschlossenen Kreis. Marianne hat Lust, Hermann noch inniger zu küssen. Geduldig wartet sie, bis Dorli mal Luft holt, um sich Hermanns Mund noch einmal zu erobern. So wiegt sich Hermann in den Armen der Frauen, bis Dorli ihr Glas verschüttet und die erotische Magie in ihrem Aufschrei zer-fällt. Nun wird Dorli wieder praktisch. Sie füttert Hermann mit ihren Torten. DORLI. Die Cremetorte ist das Berühmteste von ganz Dülmen. Noch berühmter als die Dülmener Wildpferde. Mit ihrem Kuchenteller lockt Dorli Hermann in die Sitzecke. Dort animiert sie ihn zu einem Wettessen mit den bloßen Händen, denn an einen Löffel hat sie nicht gedacht, als sie unten im Laden war. Helga und Marianne sehen sich die Kuchenschlacht vom Klavier aus an. Sie lachen und träumen und trinken. 

HERMANN. Ich habe schon ewig keine Cremetorte mehr gegessen, du mußt ja die halbe Konditorei geplündert haben. 

DORLI. Da ist noch viel mehr.

HERMANN. Paß mal auf, Dorli, das essen wir beide jetzt ganz alleine. 

Die Schlagsahne fließt schon über Hermanns nackten Oberkörper. Seine Arme, sein Gesicht werden klebrig von dem süßen Zeug. Marianne, die spürt, daß die Szene ins Kindische abgleitet, kommt mit ihrem Cognacglas näher. Sie möchte Hermann aus Dorlis Spiel behut-sam herausholen. 

MARlANNE. Paft nur auf, es wird euch gleich schlecht werden. DORLI. Ach was, willst du auch mal probieren? 

MARlANNE. Nein danke, ich mag nicht. 

DORLI. Wieso denn? Das ist doch genau das Richtige nach der Brutzel-wurst. Lecker! 

Marianne setzt sich neben Hermann. Er reagiert sofort auf die Gegen-wart dieser erwachsenen Frau. Sein Blick wird ruhiger, seine Bewegun-gen werden wieder männlicher. 

MARlANNE. Was macht der Rücken? 

HERMANN. Schon viel besser. 

Schon finden sich Mariannes und Hermanns Lippen wieder. Die Küsse am Klavier haben die Barrieren weggerissen. Jetzt verlieren die beiden alle Hemmungen. Dorli stellt den Kuchenteller beiseite. Sie will nicht als Kind behandelt werden. Sie leckt die Schlagsahne von Hermanns Kör-per und erobert seinen Mund, als er nachsieht, was da mit ihm ge-schieht. Helga betrachtet die Szene von ihrem Fußbodenplatz aus. Ihre Augen sind weit geöffnet. Ihre Lippen spielen mit dem Cognacglas, sie schwebt in anderen Sphären. Hermann, der von zwei Seiten ganz eng von Frauenkörpern bedrängt wird, spürt, daß die Szene sich nicht gut entwickeln kann, wenn Helga abseits bleibt. Er fordert sie auf, auch auf das Sofa zu kommen. Helga trinkt das Glas mit einem Zug aus. Sie braucht all ihren Mut, denn sie ist schon ganz blaß um die Lippen, so erregt sie diese Situation. Auf allen vieren kriecht sie zu dem Liebesknäuel auf dem Sofa. Sie fühlt sich wie ein Tier. In ihrem Kopf überstürzen sich die Gedanken. Sie ringt nach Ausdruck. Zwischen den verschlungenen Beinen von Hermann, Dorli und Marianne findet Helga Platz für ihren zierlichen Körper. Viele Hände suchen, streicheln und begehren sich. Helga läft sich in die Wollustbewegungen fallen und behält dennoch ihren Kopf oben. Sie will beides vereinen, die Poesie und die Lust. 

HELGA (zitiert mit bebender Stimme ein Nietzscl~e-Gedicht). » Oh Mensch, gibt acht, es spricht die tiefe Mitternacht. Ich schlief, ich schlief, aus tiefem Traum bin ich erwacht! Die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht -Tief ist ihr Weh, Lust, tiefer noch als Herzeleid, Weh' spricht vergeh'. Doch alle Lust will Ewigkeit! Will tiefe, tiefe Ewigkeit! « 

Das Gedicht ist überlagert von heftigem Atmen, den Handbewegungen, den Berührungen und Umschlingungen der vier Körper. Helgas Atem-züge werden immer aufgeregter und schneller. Etwas steigt in ihr auf, das sie nicht mehr beherrschen kann, das zu groß und zu wild wird. Was soll sie nur tun? Sie bekommt Angst, die sich schnell zu Panik steigert. Der Tod? So oft hat sie den Tod besungen in Gedichten. Helga erhebt sich. Sie ist trunken. Sie geht ein paar ziellose Schritte, dann verliert sie den Boden unter den Füßen. Es ist eine sanfte Gewalt, die ihren ganzen Geist überschüttet und sie umwirft. Helga stürzt zu Boden. Mitten im Raum fällt sie wie ein Sack um und rührt sich nicht mehr. Hermann und Marianne begreifen nur langsam, was passiert ist. Dorli ist am schnellsten wieder bei Sinnen. Sie springt auf und wirft sich über die ohnmächtige Freundin. 

DORLI. Helga, Helgalein, was ist los ? O Gott, Helga, hörst du mich. 

Marianne besinnt sich darauf, daß sie früher Krankenschwester war. Rasch entnimmt sie ihrer Handtasche ein Parfümfläschchen, benetzt damit ihr Taschentuch und verscheucht Dorli von der bewußtlosen Freundin. 

MARlANNE. Komm, Dorli, laß mich mal ran. 

Das Parfum tut seine Wirkung. Mit einigen Klapsen auf Wangen und Brust wird Helgas Kreislauf wieder aktiv, so daß sie allmählich die Augen wieder öffnet. 

HELGA. Was ist denn los? 

MARlANNE. Ganz ruhig! 

DORLE Du warst bewußtlos.

MARlANNE. Sie muß jetzt liegen bleiben. 

DORLI. Sie muß sich jetzt doch aufrichten! Vorsicht, wie fühlst du dich? Sag was! 

HELGA. Ein bißchen flau im Kopf. . . 

Dorli widerspricht Marianne und will alles anders machen. Sie ist nun auch in Panik. Dorli fordert Hermann, der völlig hilflos ist, auf, ihr zu helfen. Mit vereinten Kräften wird Helga auf das Sofa gehievt. Hermann hat plötzlich ein schlechtes Gewissen. War Helga eifersüch-tig? Hat er sie völlig miEverstanden, als sie ihm von ihrer Freundin vorschwärmte? Hat sie diese Wende inszeniert, oder war sie einfach nur überfordert? Er ist beinahe dankbar. Helgas Ohnmacht kam in einem Moment, als alle noch den Rückweg finden konnten. Hermanns Blick sucht Marianne. Er möchte von ihr Antwort auf seine vielen Fragen. 

DORLI. Die Beine hoch . . . so, jetzt legst du dich ganz entspannt hin und atmest tief ein. Ganz ruhig! 

HELGA. Ich will nach Hause! 

MARTANNE. Ich glaube auch, daß das alles ein bißchen viel war. Ich finde, die Helga hat recht. Wir sollten alle schleunigst heimgehen und schlafen. Geht es dir besser? 

HELGA. Ja.

MARlANNE. Ich bringe dich nach Hause, Helga. Es ist aber auch viel zu heiß hier oben.

DORLI. Ja, das stimmt. Ich mach jetzt mal Luft. 

Dorli geht los und reißt das Dachfenster auf. Hermann sieht sich im Spiegel. Er sieht, daß er halb nackt ist. Er spürt das Bedürfnis, sich zu bekleiden. Langsam zieht er sein Hemd an. 

MARlANNE. Glaubst du, daß du auf eigenen Beinen gehen kannst? Setz dich mal einen Moment hier hin. Gut, wir wollen uns verabschieden!

DORLI. Ja, gut. 

Marianne reicht Hermann die Hand. Sie sieht ihm ernst in die Augen.

MARlANNE. Wir gehen jetzt. Es war sehr schön! Gute Nacht! 

HERMANN. Gute Nacht. 

Mariannes Worte sind betont sachlich und ruhig. Sie will vor allem Helga beruhigen. Hermann glaubt, in Mariannes Blick ein geheimes Zeichen erkannt zu haben, das er noch nicht deuten kann. Dorli hält Helgas Gesicht an ihre Brust gepreßt und streichelt ihr über die Wange. Helga wendet sich müde mit schwacher Stimme an Her-mann. 

HELGA. Du bleibst doch noch bis morgen? Bitte!

HERMANN. Ja, sicher!

DORLI. Keine Angst, ich behalte ihn hier. Ich sperre ihn hier ein. 

Dorli hat nur einen Scherz gemacht, denn sie läBt die eiserne Speichertür weit offenstehen, als sie mit Helga und Marianne weggeht. Hermann ist nun allein an diesem Schauplatz der abgebrochenen Träume. 

HERMANN. Eine ganz kurze Zeitlang hatte ich die Ahnung, alles könnte möglich sein. Ich zitterte. War das der Anfang von etwas ganz Neuem? Freiheit. Jetzt bekam ich Angst. 

Hermann ist ans Dachfenster getreten. Unter ihm liegt das verschlafene Städtchen, in dem nur noch wenige Lichter brennen. 

541 Vor Elternhaus Helga 

Marianne führt Helga durch das nächtliche Städtchen. Sie hat Dorli ins Bett geschickt, um die mütterliche Fürsorge für Helga allein zu überneh-men. Die beiden gehen untergehakt auf Helgas Elternhaus zu. Helga hört sich Mariannes Ratschläge an. Ihre Gedanken sind aber ganz woanders. 

HELGA. Ich wollte allein sein! Und gleichzeitig wäre ich am liebsten in eine riesige Menschenwenge eingetaucht, wäre nur eine Stimme von tausend Stimmen gewesen, hätte mein Bewußtsein dort verloren als Teil eines großen, allgemeinen Aufschreis. So füblte ich mich. 

Helga ist vorangegangen. Sie öffnet das Gartentor und dann die Haus-tür. Nach kurzem Zögern folgt die Freundin ihr ins Haus. 

542 Helgas Zimmer


Auf der engen Treppe, die in dem Einfamilienhaus zum Kniestock hinaufführt, müssen die Freundinnen leise sein, damit sie die Eltern und die Großmutter nicht aufwecken. Helga hatte eigentlich nicht vor, Marianne noch zu sich mit hinaufzunehmen. Da Marianne sich aber dafür verantwortlich fühlt, daß Helga wohlbehalten in ihr Bett gelangt, macht sie eine Ausnahme. 

MARlANNE. Jetzt sehe ich endlich mal dein Zimmer, Helga. 

Marianne sieht sich in dem Mansardenzimmerchen um: Das Himmel-bett, auf das Helga sich setzt, ist noch das Kinderbett, das die Eltern ihrer einzigen Tochter gekauft hatten, noch bevor sie zur Schule kam. In diesem Bett hat sie bis zum Antritt ihres Studiums geschlafen, geträumt und ihre frühen Gedichte geschrieben. Hier hat sie sehnsüchtig gelegen, wenn sie der Welt der Erwachsenen entfliehen wollte. Das Zimmer ist das einer studierenden Jungfrau. Da sitzen die Puppen, Teddybären und Stofftierchen mitten unter den Büchern, Spielsachen, Briefschaften und abgelegten Kleidern. An den Wänden hängen Helgas Malereien aus der Volksschule, die Bilder ihrer Stars der Pubertät, die Fotos ihrer literarischen Vorbilder. Mariannes Blick kehrt zu Helga zurück, die abwartend auf dem Bett sitzt. 

MARlANNE. Ist das nicht, als ob die Zeit stillsteht? 

Helga läft sich auf das seidene Kopflkissen gleiten. Sie zieht sich vollständig in ihre Kindheitsumgebung zurück. 

HELGA. Du kannst jetzt gehen. 

Helgas Stimme ist eigenartig hart. Sie hört einfach auf, Marianne wahrzunehmen. Die Freundin spürt, daß Helga sie längst verabschiedet hat. 

543 Vor Haus Helga

Dorli hat es sich anders überlegt. An Schlafen ist nun doch nicht zu denken. Barfuß rennt sie durch die stillen Straßen. Sie hat ihre Schuhe ausgezogen, um Lärm zu vermeiden. An Helgas Haus kommt sie gerade noch rechtzeitig an, um Marianne einzuholen, die nachdenklich aus der Haustür kommt. 

DORLI. Marianne, zum Glück bist du da! 

Marianne gibt Dorli ein Zeichen, leise zu sprechen. 

DORLi. Was ist denn nun mit Helga? 

MARlANNE. Sie schläft. 

DORLI. Geht es ihr besser? 

MARIANNE. Ja. 

DORLi. Die Aufregung ist mir richtig in die Knie gefahren. Sieh mal, wie ich in den Händen zittere. Ich muß mich bei dir festhalten, o. k. ? 

Dorli ist auf ganz andere Weise kindlich als Helga. Sie spricht mit hoher Stimme, sieht Marianne hilfesuchend an und läft sich an den Händen fassen. Marianne hat abermals die Aufgabe, sich als Mutter zu bewei-sen, obwohl ihr heute abend mehr noch als den unerfahrenen Freundin-nen danach war, endlich einmal gründlich den Verstand zu verlieren. 

MARlANNE. Darfst mit mir kommen.

DORLI. Ja? 

MARlANNE. Die Oma ist sicher schon weggegangen. Weißt, die kann nämlich auf meinem Sofa nicht schlafen, wegen ihrem schlimmen Knie. Das ist mein Glück. 

544 Vor Haus Marianne 


Dorli und Marianne nähern sich von weitem dem Haus. Sie benutzen den romantischeren Weg durch einen kleinen Park, der jetzt bei wolken-losem Sommerhimmel mondbeschienen ist. Die beiden Freundinnen gehen langsam. Sie haben begonnen, sich richtig auszusprechen. 

MARlANNE. Manchmal muß ich über mich selber staunen, wie ich alles so vergessen kann. Die Kinder vergesse ich, den Haushalt und den Westphal, den ich doch so gern habe. Glaub mir das, Dorli, ich habe meinen Mann wirklich lieb! Aber trotzdem bin ich dauernd beim Ausreißen. 

Dorli entdeckt eine Parkbank. Sie eilt voraus, um sich auf die Banklehne zu setzen. Sie will noch länger die Nachtluft genießen. 

DORLI. Dein Mann? (lacht). Das ist genau mein Typ! 

MARlANNE. Ich habe ihn aus Liebe geheiratet, wie man so sagt. Du kannst dir nicht vorstellen, was wir damals getrieben haben in Würzburg. Wir haben uns zusammen in der Röntgenabteilung einge-sperrt, sogar auf dem Klo. 

DORLl (lacht). Nein! 

MARlANNE. Sieben Minuten später sind wir rausgekommen, als wäre nichts gewesen. 

DOREI. Was, sieben Minuten? 

Marianne ist ins Erzählen gekommen. Sie setzt sich auf eine Bank, die Dorli gegenübersteht. In der Nacht kann man sich auf zehn Meter Entfernung leise unterhalten, und man versteht jedes geflüsterte Wort und jedes leise Glucksen in der Stimme. 

MARlANNE (lacht). Weißt du, ich war damals Vollschwester in Würz-burg, und der Westphal war verheiratet. Die Zwillinge waren schon unterwegs. Deswegen hat er ja die Stelle in Münster angenommen, weil seine Mutter hier wohnt. 

DORLI. Hat er eigentlich auch einen Vornamen, dein Mann? 

MARlANNE. Walter heißt er. 

DORLI. Walter. .. 

MARlANNE. Aber, weißt du, ich habe mir das so angewöhnt, ihn offiziell nicht zu duzen. Ich möcht heute noch am liebsten »Sie« zu ihm sagen. Daß immer wieder das Verbotene so schön ist! Woran liegt das nur, Dorli ? 

Marianne erhebt sich. Sie weiß, daß Dorli ihr keine Antwort auf die seufzend gestellte Frage geben kann. Was ihr übrigbleibt, ist die Rück-kehr in die Gegenwart. Dorli begleitet Marianne zum Haus. 

545 Wohnung Marianne


Die Zwillinge, Mariannes Töchter, sind in dieser Nacht genauso unru-hig wie die Mutter und die großen Frauen. Sie sind, sobald die Oma das Haus verlassen hatte, aufgestanden und haben die Wohnung erobert. Uberall liegen die Spielsachen verstreut. Stühle sind an Schränke ge-rückt, gerade sind die Mädchen dabei, auf eine Kommode zu klettern, um die antike Wanduhr zu besichtigen. Im Nu haben sie herausgefun-den, wie man die Uhr zum Schlagen bringt. Sie drehen die Zeiger und freuen sich am Ton des Glöckchens. Marianne und Dorli staunen, als sie hereinkommen und die Kinder mit ihren Nachthemdchen so auf dem Schrank stehen sehen. 

MARlANNE. Ja, ich habe gedacht, ihr schlaft schon längst und träumt was Schönes! Ist die Oma denn schon weggegangen? Ich bringe euch jetzt ins Kinderzimmer und bleibe auch bei euch. 

Marianne packt sich die beiden Mädchen mit liebevollem Schwung und bringt sie zu ihren Betten. Dorli, die nun weiß, daß es lange dauern kann, bis Marianne wieder für sie Zeit haben wird, geht in der Wohnung umher. Sie gelangt in Mariannes Eheschlafzimmer. Vor dem Doppelbett bleibt sie stehen. Ist ein solches Bett eigentlich die Mitte des Glücks, wie es immer heißt ? Dorli möchte sich am liebsten in dieses Ehebett hineinlegen und die Kuschelwärme der »Liebesehe« genießen. Aber darf sie das denn? Ist nicht eine Ehe etwas Heiliges? Dorli muß lachen. 

546 Dülmener Straßen

Auch Helga hat in dem Bett unter dem Baldachin keinen Schlaf finden können. Unruhig wälzt sie sich hin und her. Sie sieht sich im Zimmer um. Puppen, die Requisiten ihrer Kindheit, sehen sie mit großen, verträumten Augen an. Die Stofftiere scheinen zu grinsen. Mit einem Ruck entschließt sie sich, wieder aufzustehen. Irnmer schneller werden ihre Bewegungen, als sie in ihre Kleider schlüpft. Sie verläft das Zimmer und das Haus so schnell und so leise sie kann. Immer wieder beobachtet Helga beim Schließen der Haustür und beim Durchschreiten des Vorgartens die Fenster. Als sie die Straße erreicht, beginnt sie zu laufen. Sie wickelt sich einen Schal um Hals und Kopf; ihr Poesicköfferchen mit dem Tagebuch hat sie mitgenommen. So vermummt, verschwindet sie im Dunklen. Im Zentrum von Dülmen ist Helga um diese Stunde der einzige Mensch auf der Straße. Als sie an Mariannes Haus ankommt, sieht sie, daß in der Wohnung oben noch Licht brennt. Sie drückt den Klingelknopf, wartet fröstelnd. Mariannes Stimme tönt aus dem kleinen Lautsprecher der Türschließanlage.

STIMME MARlANNE. Helga?

HELGA. Ja, ich bin s.

STTMME MARlANNE. Habe ich mir's doch fast gedacht!

Der Türöffner summt, das Gartentor springt auf, der Weg ist frei. Auch Helga kommt so spät noch zu der Freundin ins Haus

 
547 Wohnung Marianne 


Als Helga die Wohnung betritt, ist Dorli in Mariannes Ehebett einge-schlafen. Auch die Kinder schlafen, und Marianne ist dabei, das Spiel-zeug einzusammeln, das sie überall in der Wohnung verstreut haben. Es ist schon nach drei Uhr, aber die Pflichtmechanismen der Hausfrau funktionieren auch noch um diese Stunde. Helga setzt sich mit ihrem Tagebuchköfferchen zu Marianne auf den Fußboden. 

HELGA. Ich habe so ein schlechtes Gewissen. Ich kann überhaupt nicht schlafen. Ich habe euch doch mehr oder weniger den ganzen Abend verdorben. 

MARTANNE. Jetzt setze dich erst einmal richtig hin. 

Marianne spürt die Not in Helgas Seole. Was soll sie anderes tun, als sich ihre Jungfrauenprobleme auch noch anzuhören? Sie kocht für sich und Helga einen Kamillentee, den sie für eine wahre Wunderdroge hält, denn bei ihren Kindern hat sie ihn erfolgreich ausprobiert, und mit ihrem Westphal hat sie ihn literweise in den schwersten Zeiten getrunken. Sie mußten davon zwar dauernd pinkeln, aber sie und ihr Mann fühlten sich hinterher davon völlig entgiftet. Marianne hält die Unruhe in Helgas Seele für eins dieser Gifte, die man mit dem Kräutertee austreiben kann. Helga, die voll wirrer Gedanken ist, ver~vickelt Marianne in immer neue Problemansätze. Die Eltern, die mit Helga nicht mitgewachsen sind, der Ohnmachtsanfall in Hermanns Gegenwart, der wie das reine »Nichts« über sie hereingebrochen sei, ihre Angst, wahnsinnig zu werden, die Spekulation, ob Hermann überhaupt lieben kann, weil er doch Künstler ist und genial, die Frage, ob Hermann ein Irrfahrer wie Odysseus sei . . . Helga findet immer nur literarische Vergleiche und Gedankenknoten. Marianne setzt sich mit ihrem Kamillentee zu Helga auf die Couch. Auch ihr schwirren die Worte und Ereignisse durchs Hirn wie ein Haufen Ameisen. Helga sinnt hinter einem ganz neuen Gedanken her. 

HELGA. Marianne, ich muß dich einmal etwas fragen. Du hast doch schon soviel erlebt. Was ist besser, wenn man es das erste Mal mit einem macht, den man richtig liebt, oder mit einem, der einfach nur gut aussieht. Nun sag mal. 

Marianne lacht auf, dann schüttelt sie den Kopf. Also hat sie doch richtig vermutet, was Helgas Problem ist. Sie ist noch Jungfrau! 

MARlANNE. Kennst du einen, der einfach nur gut aussieht? Helga, du stellst Fragen, die gibt es gar nicht! Ich verstehe dich aber irgendwie. 

Du bist ja lieb. Aber jetzt muß endlich Schluß sein mit dieser verrückten Nacht. Marianne erhebt sich. Kurz entschlossen holt sie Kissen und eine Decke, damit Helga sich zudecken kann. Marianne will, daß sie jetzt endlich schläft. Sie weiß, daß sie ihre eigenen Gedanken heute mit niemandem teilen kann. Das ist der Preis der Selbständigkeit und des Erwachsenseins. Helga ist immer noch nicht fertig mit ihrem Philosophieren über die Liebe. 

HELGA. Ich merke ganz genau, daß er mich gar nicht als Frau ansieht. Dabei bin ich heute dreiundzwanzig geworden. 

MARlANNE. Ach ja, du hast ja Geburtstag. Alles Gute, Helga. Herzlichen Glückwunsch. 

Marianne reißt sich aus ihrer kurzen Traurigkeit. Sie geht zu Helga, lacht freundlich und stöft mit dem Kamillentee auf den Geburtstag an. 

548 Cafe Hintsch


Hermann hat in Dorlis Dachkammer lange und tief geschlafen. Es ist schon gegen Mittag, als er aufwacht. Mariannes Salbe hat Wunder gewirkt. Hermanns Rücken ist schon fast wieder heil und tut nicht mehr weh. Hermann erinnert sich an einen Traum. Er hat Notenlinien geträumt, die sich beim Gitarrespielen unter seinen Händen in Spaghetti verwandeln. Er hätte gemeint, daß man nach solcher Nacht tiefsinniger träumt. Er schüttelt sich und versucht, sich zu orientieren. Als Hermann das Cafe betritt, sieht er Helga an einem der Tische sitzen. Das Cafe ist voller Leute. Er geht auf Helga zu, um ihr die Hand zu geben, aber Helga springt ihm regelrecht in die Arme. Sie umklammert ihn mit den Beinen und küßt ihn auf den Mund. Hemmungslos schmiegt sie sich mit ihrem ganzen Körper an ihn, so daß die Bürger im Cafe konsterniert aufblik- ken. Hermann muß Helgas ganzes Gewicht tragen. Er gerät ins Schwanken. Er will sie von sich abwehren, aber Helga klammert sich um so fester an seinen Hals. Schließlich läßt sie von ihm ab. Sie sieht ihn verliebt an. Hermann versucht zu lächeln. 

HERMANN. Herzlichen Glückwunsch! 

Helga bedankt sich dafür, daß Hermann an ihren Geburtstag gedacht hat. Sie nimmt ihn bei der Hand und führt ihn an ihren Tisch. 

HELGA. Die Leute fressen dich gleich auf.

HERMANN. Geht es dir wieder besser? 

HELGA. Die gucken jetzt schon wie die Raubtiere. Schau mal, die Frau dort drüben im Pelz. 

Hermann sieht sich im Cafe um. 

HELGA. Kuchenfressende Pelztiere! 

Dies ist eins von Helgas Wortexperimenten. Vielleicht hat sie auch gerade ein Gedicht über diese Tierart im Cafe geschrieben, und Hermann muß jetzt die Interpretation davon erfahren. Helga sieht in der Welt nichts anderes als den Widerschein ihrer Lyrik. Nun wendet sie sich Hermann zu. Sie setzt sich so, daß er ihr frontal in die Augen schauen muß. 

HELGA. Wieso bist du eigentlich gekommen? 

HERMANN. Ich weiß nicht. Instinkt! 

HELGA. »Er wußte mit dem Instinkt des Mannes, daß das Schicksal ihn in Dülmen erwartet. « 

Hermann begreift schon wieder nicht recht, worauf Helga anspielt. Dabei ist ihr Lachen so natürlich, daß er nicht weiß, was an ihr so schwierig sein soll. Dorli kommt herein: Sie trägt eine Art Dirndl auf ihrem üppigen Körper. Sie strahlt wie das blühende Leben. 

DORLI. Guten Mittag! 

549 Wiesen und Waldrand


Der Spaziergang ins Wildpferdgehege findet unter Aufsicht der Eltern statt. Die Sonne verhüllt sich heute hinter Wolken, die rasch über den Himmel ziehen. Während die drei jungen Leute wie Fohlen auf der Wiese umhertollen, sich fangen, einander auf den Rücken nehmen und sich austoben, gehen Helgas Eltern zusammen mit Marianne einen Feldweg am Waldrand entlang. Marianne hat die Zwillinge bei sich und kann deswegen an dem Spiel auf der Wiese nicht teilnehmen. Helgas Vater hat eine Blockhütte ausfindig gemacht, wo er und Marianne rasten können. Dorli hat gerade Hermann auf dem Rücken. Sie spielt das Wildpferd für ihn und rennt so ungezügelt los, daß er sich nur retten kann, indem er den Ast einer Tanne ergreift und sich daran hängt. Helga fängt Hermann auf, sie küßt ihn dabei auf den Mund. Ihr Vater soll das ruhig sehen. Der aber ist in seinen Feldstecher vertieft. Er sucht das Gelände nach den echten Wildpferden ab. Helga fühlt sich dennoch beobachtet. Helgas Spiele unter den Augen der Eltern werden Hermann peinlich. Er will aufhören. Er begibt sich zur Blockhütte, wo es ein Geländer gibt, an das Marianne gelehnt steht. Sie sieht Hermann kommen und richtet es unauffällig so ein, daß sie nah neben ihm zu stehen kommt. 

MARIANNE. Die Frauen lieben dich, Hermann. 

Helga und Dorli kümmern sich um die Zwillinge, die besonders süß aussehen, wenn auch ein wenig müde nach der letzten Nacht. Hermann sieht sich um. 

HERMANN. So? Ich liebe ja auch die Frauen. 

Tatsächlich nähern sich nun auch die Wildpferde, nach denen Helgas Vater so lange Ausschau gehalten hat. Eine große Herde mit vielen Fohlen kommt gemächlich vorbei. Die Tiere begeben sich in die geschützteren Gegenden dieses Parkgeländes, denn sie spüren den Wetterwechsel. Kaum daß die Herde vorbeigezogen ist, beginnt es auch schon zu tröpfeln. Helgas Vater spürt es als erster, weil ein Regentropfen direkt auf seine Glatze fällt. 

VATER HELGA. Tatsächlich, es regnet. Sehen Sie wohl? Das ist der englische Tiefausläufer, den sie uns seit drei Tagen versprochen haben. 

550 Vor Haus Helga


Am Abend regnet es in Strömen. Hermann und Dorli haben große Mühe, die eigens für Helga gebackene Geburtstagstorte von der Kondi-torei heil bis zu Helgas Elternhaus zu bringen. Die Torte ist in Gestalt der Zahl »~3« gebacken worden. Sie ist mit Marzipan überzogen und mit Rumkirschen verziert. Hermann hat sich eine Krawatte umgebun-den. Er trägt das Backblech, und Dorli hält schützend ihren Schirm darüber. So laufen sie, so schnell es der Kuchen erlaubt. Dennoch plappern die beiden, als gelte es, keine Minute zu verlieren, die man noch ohne Aufsicht der Eltern beisammen ist. 

DORLI. Mensch Hermann, die Torte wird ja ganz naß! 

HERMANN. Sag mal, was hast du heute morgen eigentlich damit gemeint, dein Spruch über die Männer, daß die morgens alle gleich sind? Da war ich ja ganz schön baff. 

DORLI. Jede Frau hat da ihr Geheimnis, ich meins auch. 

An der Haustür regnet es noch mehr als unterwegs. Dorli ist verzweifelt, weil die Torte nun doch gelitten hat. Hermann klopft gegen die Tür, weil die Klingel nicht funktioniert. 

DORLI. Helga, wir sind da, Geburtstagskind! 

551 Haus Helga, Hausflur, Gästezimmer, Wohnzimmer


Helgas Großmutter öffnet den beiden Ankömmlingen die Tür. So begegnet Hermann der resoluten Alten zum zweiten Mal. Dorli stellt ihr Hermann vor. 

DORLl. Das ist der Herr Simon. Aus München, das ist die Frau Auf-schrey.

GROSSMUTTER HELGA. Na, diesmal sind Sie ja angemeldet, junger Mann. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. 

Noch ehe Helga, die mit ihrer Toilette noch nicht fertig war, vom Obergeschoß runterkommt, hat die Oma Hermanns Blumenstrauß für Helga an sich genommen und sich bedankt. Sofort übernimmt die Alte nun die Regie. Helga versucht, die Dinge nach ihrer Vorstellung zu dirigieren; damit gerät sie in offene Konkurrenz zu der Oma. Zuerst umarmt sie Hermann. Mit ihren frisch geschminkten Lippen küßt Helga ihn auf den Mund. Sie will vor ihrer Familie Zeichen setzen. Hermann spürt sofort, daß es nicht um ihn geht, sondern ums Prinzip. Die Großmutter ist oben auf der Treppe stehengeblieben. Sie wartet darauf, daß Hermann sie bemerkt. 

GROSSMUTTER HELGA. Waschen Sie sich die Hände. Das Essen ist gleich fertig.

HELGA. Laß nur, Oma, ich mache das schon. Hermann ist ja schließlich mein Gast. 

Helga nimmt Hermann an der Hand. Sie führt ihn an der Oma vorbei die Treppen hinauf in das Gästezimmer. 

HELGA. Laß uns mal besser hierbleiben, bis die Tagesschau vorbei ist. Vati sieht sich wieder die Münchner Krawalle an. Es ist schon der vierte Tag. Wenn wir jetzt runtergehen, gibt es sowieso nur Krach. 

Hermann bleibt in der Tür stehen. Dies ist ein gemütliches kleines Zimmer mit einem Bett, das in einer Nische unter der Dachschräge eingebaut ist. Helga setzt sich lächelnd und abwartend auf dieses Bett. Sie baumelt mit den Beinen. Hermann sieht in den Regen hinaus, der draußen über die Fensterscheiben rinnt und unruhiges Licht im Zimmer erzeugt. Hermann hat seinen Matchsack bei sich, den er irgendwo abstellt. Er überlegt, ob er sich darauf einlassen kann, in diesem Zimmer zu wohnen. Zu sehr riecht dieses Haus nach dem ewigen Konflikt zwischen Helga und ihren Eltern. Hermann versucht, Zeit zu gewinnen. Er betrachtet die ausgestopften Tiere, die auf einer Anrichte stehen: Vögel, ein Hase. 

HERMANN. Wir sind geflohen. Das bedrückt mich manchmal. 

Helga lächelt vieldeutig. Sie hat etwas mit ihm vor, das er nicht versteht. 

HELGA. Komm doch mal her.

HERMANN. Wieso?

Er geht zu dem Bett, setzt sich zu Helga ans Kopfende. Sie erhebt sich immer noch vieldeutig lächelnd und wischt ihm den Lippenstift vom Mund. Sie benutzt dazu die Innenseite ihres Rocksaumes. Dazu muß sie den Rock so hoch heben, daß es Hermann die Augen verdreht. Der Fernseher ist im Wohnzimmer so laut aufgedreht, daß Hermann die Nachrichten verfolgen kann. Er sieht Helga in die Augen und hört die Tagesschau. Ein großer Kontrast der Wahrnehmung. Die ganze Familie ist nun um den Fernseher versammelt und kommen-tiert die Meldungen. 

ORIGINALTON FERNSEHEN. In München halten die Krawalle im Stadt-teil Schwabing weiter an. Sie waren in der Nacht zum Donnerstag ausgebrochen, als eine Streifenwagenbesatzung drei musizierende Jugendliche festnahm. Seit nunmehr vier Nächten kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen meist jugendlichen Randalierern und der Polizei, die auch gestern nacht mit Schlagstöcken gegen die Jugendlichen vorging. 

GROSSMUTTERHELGA. Diese Rabauken!

VATER HELGA. Unerhört!

GROSSMUTTERHELGA. Alles Halbstarke.

ORIGINALTON FERNSEHEN... Oberbürgermeister Vogel rief die Bevölkerung auf, in den Abendstunden den Bereich der Schwabinger Leopoldstraße zu meiden. 

Die Dokumentarbilder zeigen Polizisten zu Pferde, die mit Schlagstökken prügeln und mitten in die Menge hineinreiten. Man sieht fliehende Jugendliche und Beamte, die andere Demonstranten abführen. 

GROSSMUTTER HELGA. Guck mal, da sind Mädchen dabei, alle einsperren! 

ORIGINALTONFERNSEHEN... Weiterhin wurde Kritik am Vorgehen der Polizei laut, der übertriebene Härte und wahllose Festnahmen vorgeworfen werden. 

Als Helgas Mutter die Suppenschüssel hereinbringt, wird das Fernsehen mit allseitigem Einverständnis ausgeschaltet. Das Geburtstagsessen im Kreise der Lehrerfamilie gestaltet sich für Hermann zu einer Inszenierung, die ihn auf widersprüchliche Weise in den Mittelpunkt rückt. An dem ovalen Ausziehtisch, der mit dem guten Porzellan gedeckt wurde, erhält er den Platz an einem der Kopfenden gegenüber von Helgas Vater. Die Sitzordnung ist offenbar vorgeplant. Helgas Mutter dirigiert die Gäste auf ihre Plätze, während sie anfängt, die Suppe auszuteilen. Helga kommt an Hermanns rechte Seite, die Großmutter hat ihren Platz auf der Seite neben ihrem Sohn, auf dessen anderer Seite Helgas Mutter sitzt. Zwischen Marianne und Hermann wurde ein Platz freigelassen für Mariannes Mann, falls er doch noch kommen sollte. Wenn nicht, soll er wenigstens in Gedanken anwesend sein. Marianne nimmt diese Anordnung lächelnd entgegen. Wie sollte sie auch widersprechen. Im Hinsetzen wirft sie Hermann einen Blick zu. Dorli ist fröhlich. Sie fühlt sich wohl zwischen Helga und der Oma. Es gibt eine Gemüsesuppe mit ganzen Karotten und Rindfleischeinlage. Die Mutter füllt die Teller bis oben hin. 

MUTTER HELGA. Wann haben Sie denn Ihren Geburtstag, Hermann? 

HERMANN. Am ~ 9. Mai. Am selben Tage wie John F. Kennedy übrigens. 

VATER HELGA. Ein großes Vorbild haben Sie da. Das Bild der ewigen Jugend.

HELGA. Und katholisch ist er auch noch. 

Dorli bestätigt, was Helga sagt, und zieht es ins Lächerliche. Wie soll Hermann verstehen, daß die Menschen im Münsterland besonders katholisch sind und katholische Schwiegersöhne suchen? Helga bekommt als letzte ihren Suppenteller. Zufrieden setzt sich die Mutter auf ihren Platz. Sie hat fürs erste ihren Teil der Inszenierung hinter sich gebracht. 

MUTTER HELGA. So, Vati, jetzt darfst du sprechen. Aber nicht so lang, daß die Suppe kalt wird! 

Der Hausherr erhebt sich mit seinem Weinglas, gegen das er mit seinem Löffel klopft, um sich Gehör zu verschaffen, obwohl doch alle Blicke schon gespannt auf ihn gerichtet sind. 

VATER HELGA. Liebes Geburtstagskind, ich freue mich, daß du uns heute einen so grofartigen Besuch ins Haus bringst. Das beweist wiederum deinen Charakter und deine Persönlichkeit, die wir, deine Eltern, immer respektiert haben. Vielleicht ist es für Herrn Simon nicht uninteressant, etwas vom Charakter dieses Landes, auch sprachlich, kennenzulernen. 

Während dieser Einleitungsworte hat sich Marianne mit der Mohrrübe beschäftigt, die in ihrer Suppe schwimmt. Unauffällig schiebt sie das penisförmige Gemüse so über den Tellerrand, daß es wie eine langsam entstehende Erektion aussieht. Außer Hermann bemerkt niemand am Tisch diese Anzüglichkeit. Helgas Vater wechselt nun in seine plattdeutsche Mundart. Er ist als Lehrer Mitglied eines plattdeutschen Heimatvereins, der sich die Pflege der Mundart zur Aufgabe gemacht hat. Hermann muß für die Anwen-dung dieser Pflegedienste herhalten. Mutter, Tochter und Großmutter nehmen einen geduldig leidenden Gesichtsausdruck an, als der Vater auf plattdeutsch weiterspricht. 

VATER HELGA. Wann ick so'n fermosten Musikus wäör äs he, dann dai ick et jä nu waogen un dai di up't Klaveer en Ständken brengen; aower dat sall dien Frönd dann hernocher wull för mi naohaalen. Här Simon, Ji müott't wietten, Ji sind hier in 'ne Familge, wao van Anfank an de Musik en grauten Namen un 'n haugen Plaß innuohmen hät; un vlicht is et auk dat, Här Simon, wat use Helga Ju bei 'en kann. 

An dieser Stelle mischt sich die Großmutter ein. Sie kennt ihren Sohn und weiß, daß er gern lange Reden hält. 

GROSSMUTTER HELGA. Die Suppe wird kalt, Willi, das kannst du doch alles nachher persönlich besprechen. 

Herr Aufschrey läft sich nicht aus dem Konzept bringen. Er wollte nun ohnehin zum Toast ausholen und tut es, indem er fortfährt mit seiner plattdeutschen Ansprache. 

VATER HELGA. Is gued. Also, dann laot t us nu anstauten up dat Wuohl van use Geburtsdaggskind un up den Besöök un de schöne Stadt van de düütske Kunst. Prost. 

Während der Ansprache hat sich unter der Tischplatte ein Spiel der Beine ereignet, das selbst die Großmutter nicht ausläßt: Hermann streckt eins seiner Beine nach Marianne aus, die ihm mit ihrem Fuß antwortet. Helga spürt dieses Spiel. Sie mischt sich ein. Während sie eins ihrer Beine um Hermanns Wade schlingt, gerät auch Dorli in diese Berührungen und will sich beteiligen. Ihr Fuß sucht unter dem Tisch und verwechselt Hermanns Bein, das sich zu Marianne ausstreckt, mit dem Fuß der Großmutter, die ihre schmerzenden Füße heimlich aus den Schuhen schlüpfen läft, um sich zu entspannen. Obwohl die meisten Gäste kein Plattdeutsch verstehen, werden die Gesichter verklärt und spiegeln das Fufspiel wider, was wiederum Herr Aufschrey für die Wirkung seiner Rede hält. Jetzt wird angestoßen. Die Kristallgläser berühren sich über der Tischmitte. Sieben Gläser klingen hell auf. Sieben Münder trinken den ersten Schluck Wein. Die Großmutter vertauscht rasch ihr Weinglas mit dem Schnapsglas, gießt sich einen großen Steinhäger ein und kippt ihn hinunter. 

GROSSMUTTER HELGA. Ahhh, dat zischt! 

Hermann hat alles getan, um an diesem Tisch nicht unangenehm aufzufallen. Genau wie die anderen fängt er an, seine Suppe zu löffeln. Er hat wenig Appetit. Helga, Dorli und Marianne geht es genauso. Trotzdem essen sie alle schweigend weiter. Es entsteht eine löffelklappernde Pause. Heimlich prostet Helga ihrem Gast aus München ganz speziell zu. Hermann flüstert noch einmal seinen Glückwunsch zu ihrem Geburtstag. Dann wird es wieder still um die Suppengeräusche. Dorli überlegt, wie sie die Situation auflockern kann. Sie lächelt vieldeutig, ehe sie die Stille unterbricht. 

DORLI. Helga, bei uns im Cafe, da sitzt der Kurt Wild mit einer Pistole. Der wartet auf dich. 

HELGA. Rede doch keinen Quatsch, Dorli. 

DORLI. Tatsache! Ich habe ihn auch angesprochen und gefragt, warum er da so finster rumsitzt. Da hat er mit Grabesstimme geantwortet, daß er entweder dich oder sich oder den Hermann erschießen will. 

Vater Aufschrey mischt sich ein. Er wendet sich an Hermann, um ihn über Dorlis Schauergeschichte aufzuklären. 

VATER HELGA. Kurt Wild, das ist der Sohn aus dem hiesigen Sägewerk. Dreimal beim Abitur durchgefallen, sehr ungewöhnlich. 

MUTTERHELGA. Helgas Verehrer, seit sie sechzehn war.

HELGA. Ja, wir wissen es alle! 

Hermann kann über Dorlis Geschichte nicht lachen. Wer weiß, was in einem von Ängsten und Rücksichten beherrschten Provinznest alles wahr oder nicht wahr sein kann? Dorli fährt unbeirrt fort. 

DORLI. Er hat dich heute im Cafe beobachtet, als du den Hermann geküßt hast. 

HELGA. Ist gut, Dorli!

GROSSMUTTER HELGA. Geküßt? 

HELGA. Wo soll der denn bloß eine Pistole herhaben? DORLI. Weiß ich doch nicht! 

Dorli sieht Hermann grinsend an. Sie hat es erreicht, daß sogar Helga anfängt, ihre Geschichte zu glauben. 

HELGA. Hast du jetzt Angst, Hermann ? 

Hermann spürt, daß die Blicke der ganzen Tischrunde auf ihn gerichtet sind. Was für ein Spiel wird hier gespielt? Selbst Mariannes Blick ist schwer deutbar: eine Mischung von Vergnügen, Scham, Angst, Wut. Niemand weiß, was gemeint ist. Hermann denkt über Dorlis Geschichte nach. Was will sie in dieser Runde damit sagen? 

552 Cafe Hintsch


Das Cafe ist sonst menschenleer. Kurt Wild, ein »wild« dreinblickender junger Mann im Gangsteranzug mit Borsalino, sitzt einsam an einem der Marmortische. Vor ihm steht ein leeres Schnapsglas. Mit seinem Revolver zielt er auf eine imaginäre Person. Das Bild von Kurt Wild vervielfältigt sich in den Spiegelwänden des Cafes. 
553 Haus Helga, Wohnzimmer, WC


Erst Dorlis lachendes Gesicht ruft Hermann in die Gegenwart zurück. Frau Aufschrey bringt jetzt die KartoffelklöBe herein. Es ist eine große Porzellanschüssel, gehäuft voll von mit Griebenspeck übergossenen Knödeln. 

MUTTER HELGA. Hermann, was kocht Ihnen denn Ihre Mutter am liebsten? Was ist denn so ihre Lieblingsspeise? 

HERMANN. Ja, im Hunsrück, wir machen da auch Kartoffelklöß. Aber das sind viel größere, die sind gefüllt mit Hackfleisch. »Kartoffelklöß' Rheinische Art« sagt man dazu, aber wir sagen »Krumbeereklöß'« wenn Ihnen dat wat sagt. Isch han schon lang net mehr so eLbes geß'. 

Hermanns Gedankenfaden ist gerissen. Er hat für Sekunden vergessen, wo er sich befindet. Was hat er gesagt? Hat er ausgesprochen, was ihm durch den Kopf ging? Oder sehen ihn alle so fragend an, weil sie seinen Dialekt nicht verstanden haben? 

HERMANN. Wie bin ich jetzt eigentlich auf Kartoffelklöße gekommen ?

HELGA. Mutti hat dich danach gefragt.

HERMANN (hochdeutsch). Ah ja, also, wir essen so was manchmal auch im Hunsrück. 

Helga scheint zu erraten, was in Hermann vorgeht. Schließlich hat ja auch sie ihre Not, sich von ihrem Elternhaus und dem Provinznest loszulösen. Das Essen geht weiter. Wieder klappern die Bestecke, und wieder stirbt die Unterhaltung. 

HELGA. Nun spiel doch mal was auf dem Klavier, Hermann. Ich würde mich sehr freuen. 

Helgas Eltern greifen den Vorschlag sofort begierig auf. Sogar die Großmutter gibt laut ihre Begeisterung von sich, und der Gänsebraten schmeckt ihr gleich noch besser. Hermann erhebt sich zögernd von seinem Stuhl. Um an das Klavier zu gelangen, muß er in der engen Eßecke über die nackten Beine von Marianne steigen. Die Mutter öffnet Hermann zuvorkommend den Klavierdeckel. Hermann setzt sich da-vor. Im Wohnzimmer ist es nun ganz still geworden. Alle warten darauf, daß Hermann anfängt. Er legt die Hände auf die Tasten. Er denkt nach. Es vergeht viel zuviel Zeit. Schließlich wendet Hermann sich an die Tischrunde. 

HERMANN. Was soll ich eigentlich spielen?

VATER HELGA. Ja, was wollen Sie denn spielen?

GROSSMUTTER HEEGA. Wat Schönes! 

HERMANN. Haben Sie vielleicht Noten? 

VATER HELGA. Helga, geh doch mal auf mein Zimmer. Oben rechts auf dem Regal, ganz rechts, da liegen die Chopin-Stücke. 

Ehe Helga das Zimmer verläft, wirft sie dem ratlosen Hermann noch einen durchtriebenen Blick zu. Die Mutter, die immer ans Praktische denkt, nützt die Zeit, um die abgegessenen Teller einzusammeln. 

MUTTER HELGA. So, dann können wir inzwischen schon mal schnell abräumen. Dorli, gib doch mal deinen Teller rüber. Oma. 

GROSSMUTTER HELGA. Nein, ich hab noch soviel, ich eß das noch auf. 

Die Oma macht sich über ihren Teller her. Marianne, deren Stuhl neben dem Klavier steht, tastet nach ihrer Handtasche, der sie einen geheim-nisvollen kleinen Gegenstand entnimmt. 

MARIANNE (püstert Hermann zu'. Dir fällt nichts ein, gelt? Helga kommt zurück. Sie ist außer Atem. 

HELGA. Vati, da sind keine Noten.

VATER HELGA. Dummerchen. Dann gehe ich mit dir und zeige sie dir! 

Die Mutter und Dorli tragen das Geschirr hinaus. Hermann bleibt mit Marianne allein zurück. Nur die Oma sitzt noch am Tisch und kippt einen großen Steinhäger hinterher. Sie schüttelt sich und hat einen ganz roten Kopf vom gierigen Essen. 

GROSSMUTTER HELGA. Glauben Sie man, junger Mann, wir haben Noten jede Menge! 

Wieder ist peinliche Stille eingetreten. Dorli und die Mutter werkeln in der Küche. Die Oma ißt noch an einer Gänsekeule. Marianne versucht, vor den Blicken der Großmutter neutral zu wirken.

MARIANNE (güstert). Traurig? Ich muß dir noch was geben. Da drin ist die Mark, die du mir gestern abend geliehen hast. Mit Dank zurück! 

Schon hält Hermann den geheimnisvollen Gegenstand zwischen seinen Fingern. Es scheint tatsächlich eine Münze zu sein, aber sie ist in einen Zettel gewickelt, den Hermann sofort als Geheimnachricht versteht. Vater Aufschrey und Helga kommen mit den Noten an. Hermann läSt Mariannes Papierchen schnell in der Hosentasche verschwinden. 

· VATER HELGA. Was Dorli eben über den Kurt Wild gesagt hat, das dürfen Sie nicht so ernst nehmen, das war nur ein Scherz. 

Der Vater stellt Hermann die Chopin-Noten aufs Klavier. Helga hat noch ein anderes Notenheft bei sich, in dem sie blättert. 

HELGA. Guck mal, das konnte ich früher alles mal spielen. Hermann sieht mit Helga in die Noten. 

HERMANN. Vierhändig. Wollen wir nicht das mal probieren? 

HELGA. Ja, wenn du meinst? 

HERMANN. »Schöne Minka«, russisches Volkslied. Das ise doch gut. Nicht zu schnell. 

Hermann zählt vor. Dann fangen die vier Hände an, die Tasten zu drücken. Es entsteht eine bemerkenswerte Laienmusik, die aber den gleichen Erfolg hat, wie ihn ein bravourös vorgetragener Chopin-Walzer gehabt hätte. Die Mutter kommt mit Dorli aus der Küche gerannt, hört begeistert zu und beginnt nach der ersten Phrase schon zu klatschen. 

HERMANN. Moment, das geht noch ein Stück weiter. 

Hermann und Helga spielen das kleine Stück zu Ende. Helga, die sich in Hermanns Schlepptau befindet, hält wacker durch. Daraufhin gibt es heftigen Applaus im Wohnzimmer. Vater Aufschrey kann nun nicht genug kriegen. 

VATER HELGA. Da war doch dies andere vierhändige Stück, das war doch viel schöner. Findest du das noch, Helga? 

Der Vater blättert im Notenheft. Hermann, der Platz gemacht hat, kommt Marianne näher. Er begegnet ihrem Blick. Seine Neugier, den Zettel zu lesen, wird immer größer. 

HERMANN. Du, Helga, darf ich mal schnell eure Toilette benutzen? 

HELGA. Ja, sicher. 

Hermann arbeitet sich aus dem engen Raum zwischen Klavier und Tisch hervor. Er geht zur Tür. Die Mutter weist ihm den weiteren Weg. Hermann schließt sich im Bad ein. Er greift in die Hosentasche. Das zerknüllte Papierchen enthält tatsächlich ein Markstück und eine Nach-richt: »Komm heut' nacht zu mir«. Diese Worte verschwimmen vor seinen Augen. Schnell zerreißt er den Zettel und spült ihn im Klo hinunter. Als Hermann ins Wohnzimmer zurückkommt, hat Helgas Vater eben be-gonnen, vorsichtig die Geburtstagstorte anzuschneiden. Die Zahl »~3« aus Marzipan wird so zerteilt, daß möglichst viel von der Verzierung der Torte unbeschadet bleibt. Die Oma scherzt. Helga und Dorli machen Witze, die Hermann, der in der Türe stehenbleibt, nicht versteht. 

GROSSMUTTER HELGA. Junger Mann, wissen Sie eigentlich, daß in Dülmen nur einer Hintsch heißen kann? 

Hermann versteht immer noch nicht. Er sucht Mariannes Blick, die aber lächelnd an ihm vorbeisieht. 

VATERHELGA. Falsch, Oma, daß in Dülmen keiner mehr Hintsch heißen kann, muß das heißen. 

GROSSMUTTER HELGA . . . weil Dorlis Eltern nämlich schon Hintsch heißen. 

DORLI. Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder Hintsch heißen täte. 

MUTTER HELGA. Es genügt ja, wenn einer Hintsch heißt! 

GROSSMUTTER HELGA. Ja, das habe ich doch gesagt. Nur einer kann in Dülmen Hintsch heißen. 

Die Großmutter biegt sich vor Lachen über ihren Witz mit Dorlis Familiennamen. Auch die Eltern halten sich bei dieser Art von Witzen nicht zurück. Helga ist wütend geworden. 

HELGA. Jetzt ist es aber genug. Ich finde es geschmacklos, so blöde Scherze auf Kosten anderer zu machen. Das ist mit unserem Namen doch genauso möglich, nicht, Herr Aufschrey? 

Helga beugt sich über den Tisch, um ihrem Vater diese Worte ins Gesicht zu schreien. Dann wendet sie sich zum Gehen. In der Tür bleibt sie stehen, um sich der Wirkung ihrer Worte zu vergewissern. Hermann hat sich noch nicht wieder gesetzt. Dorli, die sich anfangs gegen die Witzeleien über ihren Namen verteidigt hat, sitzt nun mit gekränktem Gesicht da. Helga kehrt um und packt Hermann an der Hand. 

HELGA. Hermann besucht mich hier, und nicht die Stadt Dülmen, das beschissene Provinznest mit seinen blöden Spießerwitzen. 

VATER HELGA. Jetzt schlägt's aber dreizehn! Was hast du dir für einen Ton angewöhnt? Ist das der Ton in Münchner Studentenkreisen? Das sehen wir jeden Tag im Fernsehen, was dabei herauskommt. 

HELGA. Kerl, das ist ja nicht auszuhalten, wie verlogen das hier alles zugeht.

DORLI. Ach laß doch, Helga. Ich mache mir doch nichts daraus.

HELGA. Dorli, daß du dir so was gefallen läft, das verstehe ich nicht. 

Dorli steht kurzentschlossen auf. Sie packt ihre Handtasche und ihr Jäckchen, um wegzugehen. 

DORLI. Helga, ich bin saumüde. Ich habe seit Tagen schon nicht mehr geschlafen. Das verstehst du doch, oder? Sei nicht böse, wenn ich mich jetzt verabschiede. 

HELGA. Nein, überhaupt nicht. 

DORLI. Auf Wiedersehen, Frau Aufschrey. 

GROSSMUTTER HELGA. Auf Wiedersehen. 

HELGA. Ich an eurer Stelle würde auch gehen. 

DORLI. Wiedersehen, Oma Aufschrey, war sehr nett! 

GROSSMUTTER HELGA. Vielen Dank für die Torte. 

MUTTER HELGA. Vielen Dank für die Torte.

HELGA. Ich nehme es keinem übel, der jetzt geht. 

Dorli gibt artig allen die Hand. Zuletzt will sie sich von Marianne verabschieden, die sich aber auch erhoben hat. 

MARlANNE. Warte, ich gehe gleich mit. Ich mache mir nämlich plötzlich so Sorgen um die Zwillinge. 

Hermann hat sich während des Streites so weit wie möglich aus dem Zentrum der Familie verzogen. Er steht jetzt neben der Tür. Marianne kommt auf ihn zu, reicht ihm die Hand. Sie blickt ihm ganz kurz tief in die Augen, während sie sich von ihm verabschiedet. 

HELGAS MUTTER. Und einen ganz herzlichen Gruß an deinen Mann. 

VATER HELGA. Er ist ja nun doch nicht gekommen. 

MARlANNE. Ja, er ist in Basel. Auf Wiedersehen. 

Helga, die sieht, was sie mit ihrem Familienstreit angerichtet hat, will immer noch keinen Frieden machen. 

HELGA. Das ist ein Geburtstag. Von Gottes Gnaden. 

Der provozierte Vater springt auf, mäPigt sich aber, als seine Frau »Willi« hinter ihm herruft. Nach der Verabschiedung der Gäste ver-sucht der Vater einzulenken. 

VATER HELGA. Helga, wir haben dir doch noch gar nicht deine Ge-schenke gegeben. 

HELGA. Nein, Vati, ich will jetzt auch lieber mit Hermann allein sein. Helga geht mit Hermann an der Hand die Treppe hinauf. 

554 Haus Helga, Gästezimmer, oberer Flur


Sobald Helga ihren Freund in das Gästezimmerchen gebracht hat, schließt sie sich dort mit ihm ein. So will sie zwischen sich und der Familie einen Trennungsstrich ziehen. Sie ist jetzt zu allem entschlossen. Sie beobachtet Hermann, der in der engen Mansarde wie ein Gefange-ner umhergeht. Sie wartet, bis er sich auf den einzigen Stuhl gesetzt hat und zu ihr herüberblickt. Dann sieht sie ihm in die Augen. 

HELGA. Ich liebe dich. 

In Hermanns Kopf überschlagen sich die Gedanken. Seine Augen rollen. Er weiß nicht, was geschehen soll. 

HELGA. Nimm mich. Hermann blickt auf. 

HELGA. Bitte. 

Hermann steht auf. Er geht, als wäre er an allem schuld. 

HERMANN. Ich liebe dich ja auch. Aber meinst du nicht, daß deine Eltern jetzt sauer sind? 

HELGA. Vergiß sie. Wir müssen sie sofort vergessen! 

HERMANN. Na gut. Ich will s probieren. 

Hermann geht auf Helga zu. Was hat er da gesagt? Was will er probieren? Er setzt sich wieder auf den Stuhl. Soll er sich jetzt ausziehen? Soll er über sie herfallen? Er ist wie gelähmt. Helga lächelt mit ihrem schönsten Verführungslächeln. Dann kniet sie vor Hermann nieder und beginnt ganz langsam, ihn auszuziehen. Unten im Wohnzimmer sitzt die Oma noch immer am Tisch. Sie ißt die Geburtstagstorte und trinkt Schnaps dazu. Die Eltern sind schlafen gegangen. Hermann wird allmählich ruhiger. Er löst seine Krawatte und sieht zu, wie Helga vor ihm ihren Gürtel löst. Zuerst läft sie den Rock fallen, ihre nackten Beine kommen zu Vorschein. Hermann beeilt sich, er knöpft das Hemd auf und zieht es gemeinsam mit seinem Sakko aus. Er erregt sich an Helgas Körper, der immer weiter entkleidet wird. Schließlich steht sie in schwarzer Spitzenwäsche vor ihm. Hermann ist erstaunt. Helga in Reizwäsche, das hatte er nie erwartet. 

HERMANN. Wo hast du denn das her? 

HELGA. Gefällt es dir? 

Hermann lächelt. Er hat Feuer gefangen. Die Familie und das fremde Haus stören ihn nun nicht mehr. Helga beobachtet jede seiner Bewegungen. Während er sich nun weiter entkleidet, legt sie sich entschlossen auf das Bett. Sie legt sich auf den Rücken, öffnet ein wenig die Beine, beugt den Kopf weit nach hinten und versucht, sich Hermann hinzugeben. Als Hermann sich über sie beugt und immer näher kommt, schließt sie fest die Augen. Es sieht aus, als erwarte sie nun eine Operation mit Schmerzen, die sie tapfer ertragen will. Hermann muß lachen. Ist das ein Spiel? Wird er es mitspielen? Die Oma, die sich inzwischen die Bettschwere angetrunken hat, kommt ächzend die Treppe rauf. Sie entdeckt den Lichtspalt in der Tür des Gästezimmers. Sie schleicht sich an, um zu hören, was in dem Zimmer vor sich geht. Hermann hat sich über Helgas Körper hergemacht. Er küßt und packt sie so ähnlich, wie er an dem Krawallabend Helga in der Bibliothek gepackt hat. Helga ist unkonzentriert. Sie hat die Schritte der Großmutter gehört. Da klopft es schon heftig an die Türe. Die Stimme der Großmutter kreischt von draußen. 

GROSSMUTTER HEEGA. Helga, mach auf, komm da raus! 

HELGA. Nein, nein. 

GROSSMUTTER HELGA. Du sollst sofort da rauskommen! 

HELGA. Ich denke nicht dran! 

Hermann ist zu Tode erschrocken. Helga hat sich in Hermanns Armen aufgerichtet. Die Großmutter schüttelt empört den Kopf. Sie überlegt, was sie tun kann. Hermann versucht hysterisch, seine halb ausgezogene Hose wieder anzuziehen. Die Großmutter hat sich im benachbarten Badezimmer auf das Klo gesetzt. Sie hat ihren »Flachmann« bei sich, weil sie nicht weiß, wie lange sie hier ausharren muß. 

GROSSMUTTER HELGA. Ich bleib hier sitzen, bis dat du rauskommst! HELGA. Da kannst du lange sitzen. Ich komme nämlich nicht! 

Helga zieht sich jetzt das schwarze Mieder aus. Mit ihren hübschen Brüsten geht sie direkt auf Hermann zu. 

HERMANN. Mensch Helga, die steht doch noch da draußen, das höre ich doch ganz deutlich. 

HELGA. Das ist doch egal. 

HERMANN. Mir aber nicht! Fühl mal, was für ein Herzklopfen ich habe! Hermann führt Helgas Hand an sein Herz. Die Großmutter sitzt eisern auf dem Klo. 

GROSSMUTTER HELGA (jetzt weinerlich). Helga, tu mir dat nicht an! 

HELGA. Jetzt geh endlich! Du bist ja blau, Oma! 

Die Oma ist empört über diese Äußerung. Das soll Helga büßen. Helga will der Oma zuvorkommen. Ubereifrig beginnt sie, Hermann die Ho-sen wieder auszuziehen. Dabei überschüttet sie ihn mit geilen Küssen. Hermann befreit sich von ihr. Er wälzt sich verzweifelt auf dem Bett. 

HERMANN. Helga, ich kann nicht. Ich schwöre dir, das geht so nicht! 

HELGA. Verdammte Spießerfamilie! Könnt ihr mich denn nicht einmal in Ruhe lassen? Ich werde hier noch wahnsinnig! 

Helga macht einen Kopfstand vor Wut. Die Oma sitzt weiter auf dem Klo. Sie faft sich in Geduld. Hermann versucht, Helga zu trösten. 

HERMANN. Helga, ich finde du solltest jetzt rausgehen; das wird doch so nichts. 

HELGA. Scheiße! 

Helga packt ihre Kleider. Sie zieht sich verzweifelt wieder an. 

HELGA. Mach die Tür nicht zu. Ich komme heute nacht wieder, wenn alle schlafen. Tust du das ? 

Sie umarmt Hermann und gibt ihm einen Kuß. Hermann atmet auf. Als Helga das Zimmer verläBt, steht die Großmutter vor ihr. 

GROSSMUTTER HELGA. Helga, ich kenne dich nicht mehr wieder. Noch nicht mal, wenn du verlobt wärst, dürfte ich das erlauben! 

HELGA. Was denn erlauben? Sprich's doch aus. Bring wenigstens das Wort über die Lippen! Spießerin! 

GROSSMUTTER HELGA. So n Wort, das würd ich nie in n Mund nehmen. Ne Schande is dat! 

Hermann hört sich diesen Dialog durch die Zimmertür an. So leise er kann, dreht er den Schlüssel um und sperrt sich ein. Jetzt ist er erst einmal in Sicherheit. Er hört die Schritte Helgas, die sich entfernen. Auch die Tür zu Großmutters Zimmer fällt ins Schloß. Hermann sieht sich im Zimmer um. Helgas Strümpfe liegen noch auf dem Boden. Als er die Hand in die Hosentasche steckt, findet er Mariannes Markstück. Sofort fällt ihm ihre Nachricht wieder ein: »Komm heut nacht zu mir. « Soll er? Soll er nicht? Er wirft die Münze. Er soll. Hermann öffnet das Fenster. Draußen regnet es immer noch in Strömen. Vor dem Zimmerfenster gibt es einen Balkon. Er zieht sich eilig an. Seinen Matchsack wirft er einfach in den Garten hinab. Dann schwingt er sich über das Balkongeländer. Der Regen übertönt jedes Geräusch seiner Flucht. 

555 Dülmener Straßen


Als Hermann im Regen steht, muß er sich erst einmal orientieren. Er schaut sich um. Hauptsache, er ist wieder frei. Er kann jetzt tun, was er will. Seine Schritte führen ihn zu Mariannes Haus. Nur einmal war er hier, am Abend der Ankunft. So leicht hat er den Weg gefunden. 
556 Wohnung Marianne


Es ist ganz dunkel in Mariannes Treppenhaus. Als Hermann auf dem Absatz ankommt, öffnet sich eine Wohnungstür. Marianne erwartet ihn in einem weiten, gold-blauen Seidenumhang. Mit ihren offenen Haaren sieht sie sehr anziehend aus. Hermann sagt kein Wort, als er ihr gegenübersteht. Ihre Blicke bohren sich ineinander. Ein Windzug, der durch das Treppenhaus heraufweht und hinter Hermanns Rücken vorbei auf Marianne zuströmt, bringt die Muschelplättchen einer Phantasielampe über Hermann zum Erklingen. Marianne öffnet das Neglige. Sie umarmt Hermann mitsamt der gold-blauen Seide, so daß er in ihrer warmen Hülle untertauchen kann. Die Körper umschlingen sich. So gehen die beiden zu Boden und lieben sich an Ort und Stelle zwischen Diele und Wohnzimmer. Uber Dülmens Straßen regnet es, als wollten die Wolken sich endlos ausschütten und alles unter sich ertränken. Marianne hat den erschöpften Hermann in ihr Schlafzimmer gebracht. Dort liegen nun beide befriedigt und träumend auf dem Bett. Jetzt erst hat Hermann Zeit, sich Mariannes Körper anzusehen. Er dreht sie auf den Rücken und versucht, ihr in die Augen zu blicken. 

MARlANNE. Weißt du, gestern, als ich dich gesehen habe, da habe ich zu mir gesagt, Marianne, paß auf, tu ihm nicht weh. 

HERMANN. Tu ihm nicht weh? 

MARlANNE. Du schaust aus wie einer, der verletzt worden ist. Ich meine, schon vor langer Zeit. Deine Augen, die schauen einen so fragend an. Ganz scheu hast du mich begrüßt, geheimnisvoll. Erzähl mir was von dir. 

HERMANN. Ich bin zweiundzwanzig. Mein Vater ist im Krieg gestorben. Ich studiere Komposition, habe keine Freundin. Was willst du wis-sen? 

MARIANNE. Du bist so zärtlich. Das ist schön. Und ganz anders als . . .

HERMANN. Als ?

MARlANNE. Du hast die ganze Zeit die Augen zugehabt. Wo warst du mit deinen Gedanken ?

HERMANN. Ich hab es vergessen. Die beiden küssen sich. Sie versuchen noch einmal, alles um sich herum zu vergessen.

HERMANN. Du riechst gut. Das erinnert mich an . . . Hermanns umherwandernder Blick fällt auf den großen Schlafzimmer- spiegel, der das ganze Zimmer mit den beiden nackten Menschen abbildet.

HERMANN. Ich habe es vergessen.

Als Hermann sich an das Kopfende des Ehebettes lehnt, sieht Marianne ihn aus einer neuen Perspektive: Dort sitzt ihr Mann, der »Westphal«, den sie so sehr liebt.

MARlANNE. Ich bin elf Jahre älter als du.

HERMANN. Elf Jahre älter?

Hermann sieht sie erschrocken an. Marianne lacht.

MARlANNE. Ist das so schlimm ?

HERMANN. Nein, überhaupt nicht. 

MARlANNE. Du siehst so erschrocken aus. 

HERMANN. Kennst du das auch, daß du manchmal das Gefühl hast, das, genau das habe ich schon mal erlebt? Manchmal, wenn ich einen Klang höre oder ein Bild sehe, bin ich ganz sicher, das kenne ich, das habe ich schon einmal erlebt. Vielleicht war ich schon mal auf der Welt. Als Tier vielleicht, oder in einem anderen Land oder in einem anderen Jahrhundert . . . 

Hermann legt sich auf den Bauch. Er weiß genau, woran ihn das alles erinnert hat. Marianne will ihn nicht beunruhigen. Sie untersucht seinen verletzten Rücken. 

MARlANNE. Dein Rücken ist schon wieder fast gut. 

HERMANN. Manchmal fühle ich mich beobachtet. Da war einmal ein Zimmer, mit einem großen Spiegel. Als ich sechzehn war. Das war meine große Liebe. 

MARlANNE. Es tut immer noch weh, gell? 

HERMANN. Ja. 

Marianne bedeckt Hermanns Körper mit dem ihrigen, sein Gesicht mit ihren langen dunklen Locken. MARlANNE. Hast du auch Hunger? Bestimmt! Ich mache uns was zu essen. 

Sie steht auf und zieht einen Morgenrock an. Im Hinausgehen lacht sie wie der helle Morgen. 

MARlANNE. Ich habe gespürt, daß du etwas verbirgst. Ich verstehe dich. Schon ist sie in der Küche verschwunden. 

Die beiden Steaks waren vorbereitet. Bald brutzeln sie in der Pfanne. Das Bratgeräusch klingt beinahe so wie der Platzregen, der draußen auf das Pflaster vor dem Haus prasselt. 

557 Haus Helga, oberer Flur


Helga macht phantastische Verrenkungen, um über die knarrenden Dielen hinwegzusteigen. Da der Boden nur an den äußersten Rändern nicht knarrt, versucht sie, an den Fußleisten entlangzuturnen. Dabei hält sie sich an der gegenüberliegenden Wand fest. Auf diese Weise gelangt Helga unter unendlichen Mühen endlich lang-sam zur Tür des Gästezimmers. Im Zimmer der Großmutter brennt noch Licht. Helga überwindet erfolgreich und geräuschlos die Zone des Flurs. die vom Schlüsselloch der Großmutter aus einsehbar ist. Hermann hat bei seiner Flucht das Licht brennen lassen, so daß Helga nun annehmen muß, daß er noch wach ist. Sie versucht, die Tür zu öffnen. Diese ist aber noch verschlossen. Ganz leise ruft Helga nun Hermanns Namen. Niemand antwortet ihr. Da erscheint die Großmutter auf dem Flur. Sie hält sich eine Wärmflasche vor den Bauch und ist hellwach. Sie sieht Helga durchdringend an. 

GROSSMUTTER HELGA. Helga, ich habe einen sehr leichten Schlaf. 

Helga sieht, daß alles verloren ist. Sie trommelt gegen die Zimmertür. Jetzt ist ohnehin alles egal. 

HELGA. Hermann, Hermann, mach auf! 

Die Erkenntnis kommt spät. Helga erstarrt. 

HELGA. Der ist weg. 

GROSSMUTTER HELGA. Das ist auch besser so. 

Helga braucht ihre ganze Phantasie und ihren 

558 Haus Marianne, Schlafzimmer


Hermann und Marianne sind immer noch in ihr Freiheitsspiel versunken. Marianne überläßt sich und ihren Körper ganz Hermanns Phantasie. Er wickelt sie in das Leintuch, umhüllt damit ihren Kopf, so daß sie unter seinen Händen hilflos wirkt. Sie kann ihn nicht sehen. Lange betrachtet er ihren Bauch, ihre Scham, ihre Beine. Er entblößt ihre Brüste und küßt sie. Mariannes Bauch ist von Tausenden kleiner Falten überzogen, eine Folge der Zwillingsschwangerschaft. Hermanns Blick vertieft sich in diese Hautlandschaft. Er sieht die Strukturen der Haut aus nächster Nähe wie durch ein Mikroskop. Er beginnt, Mariannes Bauch zu streicheln. Marianne ist von dieser unerwarteten Intimität, die größer ist als die des Beischlafs, überwältigt. Hermann hört ein leises Schluchzen unter dem Tuch. Er befreit Mariannes Gesicht. Sie weint. Hermann spricht fragend ihren Namen aus, will wissen, was ihr fehlt. Sie aber verbirgt ihre Tränen vor ihm und dreht sich auf die Seite. Ein Geräusch schreckt die beiden auf. Ein Stein wurde von draußen durch das Fenster geworfen. Hermann springt auf. Er biegt die Lamellen der Aluminiumjalousie auseinander, um hinauszuschauen. Dtaußen laufen zwei Gestalten über die Straße und verstecken sich hinter dem Gebüsch. Ein Zeitungsjunge geht vorbei. Hermann kann die Gestalten nicht erkennen. 

MARIANNE. Komm unter die Decke. Weiß jemand, daß du da bist? Hermann verkriecht sich zu Marianne unter das große Plumeau. 

HERMANN. Wie soll jemand wissen, wo ich hingegangen bin? Wenn Helga inzwischen herausgefunden hat, daß ich nicht mehr in dem Zimmer bin, aber wie soll sie dann wissen, daß ich 

hier bin? MARIANNE. Wir müssen das jetzt einfach vergessen. 

Marianne zieht das Federbett so hoch, daß sie mit Hermann völlig darunter verschwindet. 

MARIANNE. Du bist ein Traum.

HERMANN. Ich bin aber ganz real.

MARIANNE. Aber gerade deswegen bist du ein Traum. 

Jetzt klingelt es an der Tür. Das Läuten ist rhythmisch und fordernd. Marianne kommt unter der Decke hervor, Hermann folgt. 

HERMANN. Dein Mann . . . ? 

MARIANNE. Unmöglich, ganz unmöglich. Der ist doch auf dem Gynäkologen-Kongreß in Basel. 

Als sie sich Hermann wieder zuwenden will, läutet es wieder. Jetzt wird Marianne wütend. Sie springt aus dem Bett. 

MARIANNE. Die Kinder werden doch wach! 

Als sie die Wohnungstür öffnet, steht da der Zeitungsjunge und hält ihr einen Brief entgegen. 

ZEITUNGSJUNGE. Den hier soll ich abgeben. Und ich bekäme eine Mark dafür.

MARIANNE. Wer hat das gesagt?

ZEITUNGSJUNGE. Das darf ich nicht sagen.

MARlANNE. Dann gibt's auch keine Mark. Verschwinde jetzt! 

Marianne schließt die Tür und läßt den Jungen einfach draußen stehen. Der Brief ist adressiert mit den Worten »Fur Dich«. 

Marianne öffnet ihn. Auf einem Zettelchen stehen die Worte: »Wir wissen, wo Du bist. Helga und Dorli. « 

Hermann kommt aus dem Schlafzimmer. Er hat seine Hose angezogen. Marianne überreicht ihm den Brief.

HERMANN. Für mich ?

MARIANNE. Du wirst verfolgt. Helga liebt dich. 

Hermann geht zum Fenster. Er zieht den Vorhang einen Spalt zur Seite. Er kann nichts erkennen. Marianne kommt zu ihm. 

HERMANN. Meinst du, sie sind noch da draußen? 

MARIANNE. Sie kann überall versteckt sein. 

HERMANN. Meinst du, sie macht Skandal? 

MARIANNE. Ich glaube, nicht. Und wenn schon. 

Marianne lehnt ihren Kopf an Hermanns nackte Schulter. Ihre Augen sind noch ganz verweint. 

HERMANN. Sowas nennt man hier Liebe. 

Marianne hat plötzlich Angst, daß alle Gefühle dieser Nacht durch den Einbruch der Eifersucht und von Hermanns Bitternis entwertet werden. 

MARIANNE. Du meinst doch nicht mich? 

HERMANN. Nein. 

MARIANNE. Sei froh, daß du in einer Großstadt lebst, Hermann. Da nimmt keiner vom anderen Notiz. Darum beneide ich dich. 

Draußen geht der Tag auf über der Kleinstadt. Es hat aufgehört zu regnen. Große, dunkelgraue Wolken ziehen über das Land in südliche Richtung. 

559 Autobahnauffahrt


An der Autobahnauffahrt liegt das Städtchen schon weit zurück. Es sind nur wenige Kilometer, die Marianne mit ihrem Karman-Ghia bis hierher zurücklegen mußte. Dies ist betoniertes Niemandsland, in dem Hermann abgesetzt wird, damit er seine Reise fortsetzen kann. Marianne hält an. Hermann, der wie sie die ganze Nacht nicht geschlafen hat, ist langsamer in seinen Bewegungen als sonst. Es dauert eine Weile, bis er realisiert, wo er ist, und den Entschluß faßt, auszusteigen. Sie beugt sich plötzlich zu ihm hinüber und küßt ihn. Einen ganz kurzen Moment lang wacht die Leidenschaft wieder auf, dann aber stößt sie ihn zurück.

MARIANNE. Komm nie wieder im Leben nach Dülmen. Geh jetzt. 

Hermann begreift, daß er nur eine Episode im Leben dieser Frau war, die sich vehement entschließt, allein weiterzukommen. Er steigt aus dem Auto aus, murmelt ein paar Abschiedsfloskeln, schnappt seinen Matchsack und trottet zur Autobahneinfahrt. Marianne wendet ihren Wagen. Ihr Gesicht ist nun sehr ernst und verschlossen. Sie kehrt in ihre Kleinstadt zurück. Hermann steht am Straßenrand. Eines der vielen Autos, die hier in der frühen Morgenstunde einbiegen, wird ihn mitnehmen. Ein Wind kommt auf, der in den Bäumen und dem Buschwerk zerrt, das die Betonstraße säumt. 

560 Cafe Hintsch


Um diese Zeit ist die Bedienung gerade dabei, das Cafe zu öffnen. Dorli und Helga sitzen an dem Tisch, an dem Helga mit Hermann an ihrem Geburtstagsmorgen gefrühstückt hat. Jetzt läßt sie die frischen Brötchen und Dorlis Familienkaffee stehen. Sie raucht. Diese Nacht mit allen ihren Strapazen und Uberforderungen ihres Gefühlslebens steht den beiden Freundinnen ins Gesicht geschrieben. Dorli betrachtet Helga mit besorgtem Ausdruck. 

HELGA. Ab sofort rauche ich. 

DORLI. Das macht dir doch überhaupt keinen Spaß! Ich sehe es dir ja an, du wirst ja ganz blaß um die Nase. 

HELGA. Das ist doch meine Sache, oder? 

Dorli erhebt sich, um für Helga einen Aschenbecher zu holen. Die Bedienung öffnet die Tür zur Straße und läßt die frische Morgenluft herein. Hausfrauen, die draußen zum Frühstückseinkauf eilen, grüßen herüber. Es ist ein grauer, etwas windiger Tag. Helga zwingt sich, weiterzurauchen. Sie zieht so oft hintereinander an ihrer Zigarette, daß es aussieht, als wollte sie sich vergiften. 

HELGA. Du machst, was du willst, und ich mache, was ich will, klar? DORLI. Ich bin deine Freundin, das ist alles. 

Dorli hat ihr Gesicht auf Helgas Schulter gelegt. Sie will die Freundin trösten. 

HELGA. Ich fahre nach München zurück. 

561 Insel Sylt

Hermann ist auf der Nordseeinsel angekommen. Auf der Suche nach der Tommy-Familie wandert er mit seinem Matchsack durch die Dünen. Die Insel ist an dieser Stelle im Norden des Ortes Kampen sehr schmal. Uber dem offenen Meer neigt sich schon die Sonne dem Abend entgegen. Hermanns Blick wird immerzu vom Meer angezogen. Ein bleiernes Bild der Unendlichkeit auf seiner rechten Seite: das Wattenmeer, dessen Horizontlinie im Dunst verschwindet. 

HERMANN. Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich das Meer sah. Ich stellte mir vor, daß hinter der Horizontlinie England lag. Und dort, wo die Sonne unterging, irgendwo, weit hinter der Erdkrümmung, Amerika. Hier auf der Insel war der Gedanke, unterwegs zu sein, auf der Suche nach etwas, das ich nicht benennen konnte, so mächtig in mir wie noch nie. Auf einmal verstand ich, warum die Menschen von Fernweh überwältigt werden und ihre Heimat verlassen. Ich war aus München geflohen, ich war aus der Enge des Hunsrückdorfs geflohen, ich war aus Dülmen geflohen, aber ich hatte ein Ziel. Es war verborgen in mir. 

Hermann hat das Haus mit dem riesigen Reetdach erreicht. Uber ein Holzbrückchen erreicht er den Eingang des prächtigen Friesenhauses. Die Haustür steht offen. 

562 Landhaus auf Sylt 


Als Hermann das Haus betritt, empfängt ihn leblose Stille. Das im altfriesischen Stil gebaute Haus macht einen geduckten Eindruck mit seinen schattigen Fenstern und dem niedrigen Dach. Im Innern aber ist es großzügig und weiträumig. Die in den Wohnraum einbezogene Dachbalkenkonstruktion erinnert ein wenig an die komfortable Dachwohnung der Designerfamilie in München. Hermann geht durch die stillen Räume. Niemand scheint zu Hause zu sein. Da bewegt sich etwas im Hintergrund des großen Wohnraums. Hermann erkennt die Beine eines Jungen, die hinter der ledernen Couchgarnitur hervorschauen. Hermann geht weiter in den Raum hinein. Tommy liegt da, bäuchlings auf dem Teppichboden. Der Junge betrachtet Fotos von nackten Frauen, Bilder aus verschiedenen FKK-Zeitschriften, die Tommy genüßlich durchblättert, ohne sich von Hermann im geringsten stören zu lassen. Hermann läßt seinen Matchsack zu Boden gleiten. 

HERMANN. Bist du allein? 

Statt einer Antwort hält Tommy ihm eins der Frauenbilder entgegen. Es zeigt eine nackte Blondine mit riesigen Brüsten. 

TOMMY. Die gefällt mir am besten, dir auch? 

Hermann ist am Ziel seiner Reise angekommen. Aufatmend tritt er ans Fenster, um zu sehen, wo er denn hier gelandet ist. 

HERMANN. Und was macht das Klavierüben? 

Tommy macht eine vage Bewegung mit dem Kopf. Dann schiebt er seine Pornofotos unter die Couch und erhebt sich. Er führt Hermann über eine Wendeltreppe in ein Gartenzimmer. Dort steht ein großer Steinway-Flügel mit goldener Beschriftung an der Seite. 

TOMMY. Sehen Sie, mit echtem Gold. 

Hermann schlägt ein paar Töne an. Neben dem Flügel gibt es einen Ausgang zum Garten. Auch hier stehen die Türen offen. Auch hier diese Nachmittagsstille, diese stillstehende Luft. 

HERMANN. Hmhm. Wollen wir's mal probieren? 

TOMMY. Ja, meinetwegen. 

HERMANN. Komm, setz dich mal hin. 

Tommy setzt sich auf die Klavierbank. Hermann und der Junge betrachten nun die lange Reihe der schwarzen und weißen Tasten. 

HERMANN. Paß mal auf, Tommy. Stell dir vor, alle Töne sind Frauen. Junge und alte, blonde und schwarze. 

Hermann schlägt bei jedem seiner Beispiele einer der Tasten an und läßt den Ton verklingen. Tommy lauscht, bis nichts mehr von den Tönen zu hören ist. Dann schlägt auch er einen Ton an. Jetzt lauschen sie beide, bis er wieder ganz verklungen ist. Tommy grinst, als hätte er Hermann verstanden. Draußen im Garten werden Stimmen laut. Es sind Tommys Eltern, die aus der Haussauna kommen und nackt umherlaufen. Die erhitzten Körper dampfen in der kühlen Gartenluft. Mit ihren Handtüchern schlagen sich die beiden gegenseitig auf die Rücken- und Beinpartien. Dabei kichern sie und genießen ihre Nacktheit. Hermann, der mit offenem Mund zugesehen hat, möchte nicht so entdeckt werden, so entgeistert und eingeschüchtert, wie er sich fühlt. Er schiebt Tommy beiseite, um sich ans Klavier zu setzen. Er spielt eine kleine eigene Komposition. In der Musik schwingt Hermanns Erschöpfung nach dem Dülmen-Erlebnis mit. Es enthält aber auch erlösende Töne, die zum Träumen einladen. Tommys Eltern haben ihn entdeckt. Sie wickeln sich in ihre Handtücher und kommen her. Zwischen Hermann und Tommys Mutter entsteht sofort wieder diese Atmosphäre der Verführung, der er sich schon in München kaum entziehen konnte. Es ist Abend geworden. Im Fernsehen werden wieder Bilder von den Münchner Krawallen gebracht. Polizeiaufmärsche, Prügeleien auf der Straße. Tommys Eltern liegen am Kamin, um die Nachrichten zu sehen. Hermann bleibt im Klavierzimmer, er vervollkommnet seine Komposition. 

ORIGINALTON FERNSEHEN. In München ist nach fünf Krawallnächten wieder Ruhe im Stadtteil Schwabing eingekehrt. Starke Polizeikräfte waren auch gestern nacht entlang der Schwabinger Leopoldstraße postiert. Sie mußten jedoch nicht eingreifen. Im Verlauf der bisherigen Auseinandersetzungen war es zu mehr als zweihundert Festnahmen gekommen. Mittlerweile herrscht auf der Münchner Flanierstraße wieder das gewohnte Treiben. Über das Vorgehen der Polizei in den Krawallnächten kam es heute zu heftigen Debatten im Münchner Stadtrat. Eine Untersuchung über den Polizeieinsatz wurde angekündigt 

563 Elternhaus Helga

Die Sendung der Tagesschau strukturiert überall in Deutschland den Feierabend der Menschen. Auch Helgas Vater sitzt in seinem Dülmener Haus vor dem Fernsehgerät. Soeben wird der Wetterbericht gesendet. 

ORIGINALTON FERNSEHEN. Aus Frankfurt nun die Wettervorhersage für morgen, Donnerstag, den 26. Juni I962 . . . 

HERMANN. Mit dem Tiefausläufer, der von den Britischen Inseln über 

die Nordsee, Westfalen, den Hunsrück und die deutschen Mittelgebirge ins Alpenvorland gezogen war, hatte es eine allgemeine Abkühlung gegeben. Der Regen, der gestern noch die Kreisstadt Dülmen gestreift hatte, ergoß sich heute über die Straßen von München. Die Polizei hatte wieder auf die randalierende Großstadtjugend gewartet, die aber war ausgeblieben. Am fünften Abend fielen die Schwabinger Krawalle ins Wasser. So einfach wa.r das Ende. 
 
564 Münchner Straßen 

Hermann ist wieder in München. Es ist immer noch Sommer. Er ist auf dem Weg zu dem Trödler, bei dem er die Gitarre anbezahlt hatte. 

HERMANN. Ich blieb fünf Wochen auf Syk und verdiente bei Tommys Eltern genug Geld, um mir die neue Gitarre zu kaufen. 
 
565 Trödelladen


Hermann betritt den Laden. Es scheint niemand da zu sein. Denn auch nach mehrmaligem Rufen kommt kein Verkäufer, und der freundliche Mann, der Hermann die Gitarre verkauft hat, ist auch in seiner Werkstatt nicht aufzufinden. Hermann entdeckt seine Gitarre. Er ist erleichtert, daß wenigstens das Instrument noch an seinem Platz steht. Er nimmt es an sich, um noch einmal zu prüfen, ob er sich da nicht etwa in Klang und Qualität getäuscht hat. Er beginnt, die Gitarre zu stimmen. Da kommt eine Frau herein, die Hermann mustert und mit bösem Gesicht auf ihn zugeht. 

LADENBESITZERIN. Sind Sie schon lange hier?

HERMANN. Scheint niemand da zu sein. . . 

LADENBESITZERIN. Geben Sie mir das Instrument, das ist wertvoll. 

HERMANN. Ich weiß. Gehören Sie zum Geschäft? 

LADENBESITZERIN. Ich bin die Chefin. 

HERMANN. Ah so. Ich wollte das Instrument abholen. Hier ist der Rest von dem Geld. Hunderfünfundzwanzig Mark. 

Hermann muß nun von Anfang an erklären, wie er diese Gitarre vor Wochen angezahlt hat und daß der Mann, der damals im Laden war, sie ihm tatsächlich so billig verkauft hat. Es kostet Mühe, die Frau von dem Geschäft zu überzeugen, bei dem er solches Glück im Unglück hatte. 

566 Villa Cerphal


Hermann erreicht mit seiner Gitarre den »Fuchsbau«. Er ist wieder zu Hause. Er trägt sein neues Instrument liebevoll hinein. 
 
567 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Als Hermann mit seiner Gitarre das Zimmer betritt, findet er dort den Kreis seiner Freunde versammelt: Alex, Reinhard, Stefan, Rob, den Aufnahmeleiter, Bernd, Juan und Olga. Alle sitzen sie im Kreis um den runden Tisch und haben begonnen, einen Kuchen zu verzehren, den Alex mitten auf den Tisch gestellt hat. Hermann begrüßt seine Freunde der Reihe nach. Er weiß nicht, was hier geschieht und warum die Freunde beim Essen so kichern und blöde Bemerkungen machen. 

ALEX. Hermann, du brauchst dich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Ich nehme an, der Kuchen war für dich bestimmt. Wir haben uns erlaubt, das Päckchen hier schon mal aufzumachen. Es roch einfach viel zu gut.

HERMANN. Zeigt doch mal her, von wem ist denn der Kuchen? 

Alex überreicht ihm die leere Verpackung. 

ALEX. Hier, Absender: Dülmen/Westfalen, Helga, Dorli und Marianne. Hermann sieht die kauenden und genießenden Freunde an. Nur langsam kann er die Anwesenheit aller dieser Gesichter realisieren. Seine Augen sind nach der Reise ein wenig fremd geworden. 

ALEX. Da ist auch noch ein charmanter Brief dabei. Den haben wir natürlich nicht geöffnet. Wir wissen ja, was sich gehört. 

Alex überreicht Hermann einen Briefumschlag. Hermann setzt sich auf sein Bett. In dem Umschlag findet sich eine selbstgebastelte Postkarte mit dem Bild des Lüdinghausener Tors, dem Wahrzeichen der Stadt Dülmen. Die beiden Stadttorflügel lassen sich auf der Karte aufklappen. Dahinter kommt ein Bildchen von Helga, Dorli und Marianne zum Vorschein. Es ist das Foto, das der Kennedy-Typ im städtischen Schwimmbad von den drei Provinzgrazien geschossen hat, ehe Hermann dort eintraf. Auf der Rückseite der Karte steht: »Deine drei Dülmener Frauen schicken Dir eine süße Erinnerung an Deine Tage in Westfalen. Ich muß noch oft an Dich denken, Marianne«. Hermann muß lachen. Ist das alles Wirklichkeit? Die Stimmen und das Gelächter der Freunde sind ebenso fern wie die Bilder der Reise in seinem Kopf. Als Hermann den Blick hebt, sieht er Clarissa, die draußen auf der Terrasse erschienen ist. 
 
568 Villa Cerphal, Gartenterrasse


Hermann geht mit seiner neuen Gitarre zu Clarissa hinaus. Sie steht dort, ein wenig unwirklich, wie alles an diesem Tag, an das Terrassen- geländer gelehnt. Sie lächelt ihm entgegen. 

CLARISSA. Nun ?

HERMANN. Eine echte Ramires. 

Hermann zeigt Clarissa seine neue Gitarre. Als sie die Hand hebt, um das Instrument zu berühren, bemerkt Hermann, daß sie beide Handge- lenke bandagiert hat. Sie hat Schmerzen bei allen Bewegungen ihrer Hände. 

HERMANN. Hast du Tag und Nacht geübt? 

Mit einer zärtlichen Geste gibt er ihr die Hand. Ihre Blicke begegnen sich. 

CLARISSA. Und, was macht die Arbeit?

HERMANN. Irrtümer, Umwege 

Hermann und Clarissa blicken in den Garten hinaus. War es das erste Herbstlaub, das sich von einem der Bäume gelöst hat? Die Terrasse wirkt plötzlich herbstlich.