Film 6: Drehbuch

Sechstes Buch
Kennedys Kinder
(1963) 
 
601 München, Englischer Garten

Sobald die Herbststürme das ganze Laub von den Parkbäumen geweht haben, werden die hohen Baumkronen zum Nachtquartier der Stadtkrähen. In gewaltigen Schwärmen lassen sie sich bei Sonnenuntergang in bestimmten Bezirken des Englischen Gartens nieder, um sich im Morgengrauen wieder zu erheben. Wie Rauchwolken verdunkeln sie dann die Parklandschaft und die angrenzenden Stadtviertel. Es scheint, daß die Städte mit ihrem Müll und ihrem Wohlstandsschmutz ein gutes Winterrevier für die gefräßigen Tiere sind. Im ersten Licht des Novembertags umkreisen die schwarzen Vögel ihre Schlafbäume, als wollten sie sich ihr Nachtlager noch einmal einprägen, bevor sie sich auf ihre Raubzüge ins Innere der Menschensiedlung begeben. Nietzsche hatte zu seiner Zeit gewiß noch ein ganz anderes Bild von Stadt« vor Augen, als er sein Herbstgedicht schrieb: 

»Die Krähen schrein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat! Nun stehst du starr, schaust rückwärts, ach! wie lange schon! Was bist du Narr vor Winters in die Welt entflohn? Die Welt - ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor, Was du verlorst, macht nirgends halt. . .« 

Diesen Text hat Hermann einmal vertont, als er noch fremd war in München und in seinem tiefsten Innern über den Verlust der Heimat klagte. 

602 Zimmer Alex


Eine der Stadtkrähen hat sich auf einem kahlen Ast direkt vor Alex' Fenster niedergelassen. Es scheint so, als wolle sie in das Zimmer hereinschauen, in dem der ewige Philosophiestudent schläft. Das Zimmer ist voll mit Büchern, die sich auf der Fensterbank, dem Tisch und einem primitiven Regal türmen, das die beiden Fenster umrahmt und sich an der Wand über dem Bett fortsetzt, in dem Alex liegt und schnarcht. Das Zimmer sieht fast wie eine Gefängniszelle aus, so eng ist es, und so erbärmlich wirkt die Matratze, auf der Alex liegt inmitten all seiner Bücher, in denen er gefangen zu sein scheint. Er ist offenbar bei der Lektüre eines seiner Wälzer eingeschlafen, denn sein Kopf liegt direkt neben den aufgeschlagenen Seiten. Sogar seine Brille hat er noch auf. So röchelt er in seine Armbeuge hinein. Der Wecker zeigt auf sieben Uhr. 

HERMANN. »Am frühen Morgen passieren die schrecklichsten Dinge«, pflegte Alex zu sagen: »Kriegsausbrüche, Verhaftungen, Eisenbahnunglücke, Hinrichtungen - und die Ausbeutung derArbeiterklasse.« Zu diesem bösen Teil der Welt wollte Alex nicht gehören. Deswegen schlief er, bis die Gefahr vorbei war. Das war meist erst gegen Mittag der Fall. 

Der Rabe vor dem Fenster schnarrt und schielt herein. Das Schnarchen von Alex klingt auch nicht lieblicher als die Stimme des Vogels draußen. Alex öffnet im Traum ein Auge. Er krümmt sich und zieht den frierenden Fuß mit der durchlöcherten Socke unter die Decke. 

HERMANN. Alex war älter als wir anderen Freunde, aber er war immer noch Student. Keiner von uns hatte so viele Bücher gelesen wie er, nicht einmal seine Philosophieprofessoren an der Universität. 

Alex wacht für einen Augenblick auf. Er hebt den Kopf und blickt in seine Bücherzeile. Eigentlich will er sich nur vergewissern, daß nichts ihn daran hindert, weiterzuschlafen. 

HERMANN. Einer von seinen vielen Sprüchen hieß: » Was nützt all unser Wissen, wenn der Mensch pleite ist!« Mit diesem Spruch konnte er sogar Maria, die Kellnerin aus dem »Werneckhof«, verblüffen. Sie schenkte ihm öfters eine warme Suppe dafür und ließ sich mit philosophischen Gedanken belohnen. Außer Alex hätte das keiner vermocht. 

»De mortuis nihil nisi bene« steht in Handschrift unter dem Foto seines Vaters, das Alex über seinem Bett im Regal stehen hat. Etwas beunruhigt jetzt den Schnarcher. Er wälzt sich hin und her. Seine Träume quälen ihn. Mit einem Zucken, das durch den ganzen Körper fährt, bäumt er sich auf, starrt das Portrait des Vaters an, um dann in sein Kissen zurückzusinken. 

HERMANN. Der Vater von Alex hatte sich vor ein paar Jahren auf einem Heidelberger Dachboden erhängt. Es hieß, daß er sich mit einem Grillrestaurant verschuldet hatte. 

Alex träumt immer noch seinen Alptraum. In seinem Gesicht spielt sich eine makabre Mimik ab, während er im Schlaf stöhnt und spricht. 

ALEX. Du dummer Mensch. . . 

HERMANN. Von seinem Vater stammte angeblich noch einer von Alex' weisen Sprüchen: » Was ist ein Freund? Ein Freund, das ist einer, der dir Geld borgt. « 

Ist es Traum oder Wirklichkeit? Der Vater auf dem Bild hat tatsächlich den Mund bewegt und diesen Leitspruch gesagt. Alex lächelt im Schlaf und hat die Augen offen, ohne wach zu werden. 

ALEX. Ich habe die Gabe, uns historisch zu sehen. Ich weiß zum Beispiel genau, was ich am 23. November I963 um halb zehn getan habe: Ich habe beschlossen, an diesem Tage meine Freunde auf die Probe zu stellen. 

Der Wecker zeigt auf halb zehn. Alex ist aufgestanden. Mit dem Rasierpinsel in der Hand verläßt er seine Bude und betritt den Flur. Dies ist eine schäbige Vorstadtwohnung mit Gaszähler und Topfpflanze im Flur und abbröckelnder Farbe an Wänden und Türen. Alex seift sein Gesicht ein, ohne hinzusehen. Dabei schleicht er durch die Diele und bleibt vor der Küchentür stehen. 

ALEX. Ich weiß noch genau, wie es in der Wohnung meiner Wirtin gerochen hat. Sie hatte die ersten Weihnachtsplätzchen gebacken, und dann war sie ausgegangen. Komisch - sonst ließ sie die Küchentür immer offen, aber an diesem Tage traute sie mir wohl nicht. Ich fragte mich, ob ich mit meinem ungefrühstückten Magen und mit meinem leeren Geldbeutel an diesem Tage überall solchen Schrecken verbreiten würde. 

Alex probiert es noch an einer anderen Tür, die aber auch verschlossen ist. Er bleibt nachdenklich vor seiner Zimmertür stehen. 

ALEX. Es war der Tag, an dem John F. Kennedy in Dallas ermordet wurde. Das Ereignis, das erst abends eintrat, hat unser Kurzzeitgedächtnis dieses Tages verlängert und in historische Dimensionen gehoben. 

Die Arbeiter haben zu sägen aufgehört. Jetzt werden die Seile gelockert, mit denen man den Baum am Umstürzen gehindert hatte. 

ARBEITER. Gehn S' z'ruck, jetzt wird's hier gefährlich! 

FRÄULEIN CERPHAL. Stellen Sie sich vor, so was passiert gerade in dem Moment, wenn einer meiner Studenten hier über die Terrasse geht! Das ist doch nicht auszudenken! Die gehen doch hauptsächlich nachts hier ein und aus. Ein junges Menschenleben unter solcher Gefahr! Das konnte ich nicht aushalten. Ein Damoklesschwert ist so was - oder ein Damoklesbaum. Sagen Sie dem Mann da oben, er soll bloß vorsichtig sein! 

Einer der Arbeiter klettert in die Krone einer benachbarten Eiche. Er versucht, das Seil zu erreichen, mit dem der Fall des Kirschbaums kontrolliert werden soll. 

ALEX (schreit). Seien Sie bloß vorsichtig da oben! 

FRÄULEIN CERPHAE. Jetzt sieht man erst mal, wie hoch das ist, das sind ja mindestens dreifig Meter. Der Mann sieht ja ganz klein aus! 

ARBETTER. Na, na, da brauchen S' Eana keine Sorgen machen. Das sind höchstens zehn Meter. 

Die Cerphal hat sich mit Alex in den hinteren Bereich der Terrasse zurückgezogen. Von hier aus will sie die aufregenden Arbeiten im Garten weiter verfolgen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Bäume sind auch Lebewesen. Die können manch-mal wie Raubtiere sein. 

ALEX. Raubtiere? Ist das nicht etwas übertrieben? 

FRÄULEIN CERPHAL. Meine Großmutter mütterlicherseits ist 1911 im November von einem umstürzenden Baum erschlagen worden. Diese Geschichte wird oft in meiner Familie erzählt. Sie war eine sehr schöne junge Frau, blutjung, als sie meine Mutter - die damals erst zwei Jahre alt war - auf dem Arm trug. Sie wollte den Großvater besuchen, der kam nämlich gerade aus der Stadt mit der Kutsche zurück, und sie lief auf den Großvater zu. Ach, das war auch ein wunderbarer Mann, mit einem herrlichen Schnurrbart. Ich habe da noch ein Foto. Und gerade in diesem Augenblick fegte ein Windstoß über den Gutshof und warf den morschen alten Apfelbaum um. Und dieser riesige Baum stürzte, vor den Augen des Großvaters, auf die junge Frau und tötete sie. Ein Ästchen streifte meine Mutter noch auf der Wange, und die hat davon so eine süße kleine Narbe behalten. Und in die hat sich dann zwanzig Jahre später mein Vater verliebt. Sonst gäbe es mich nämlich gar nicht. Mit dem Apfelbaum hat alles angefangen. Und jetzt ist wieder November. Ich habe eine schreckli-che Angst vor dieser Kirsche oder was das sein soll. Gibt es so was ? 

ALEX.SO was gibt's.

FRÄULEIN CERPHAL. Mir scheint, die Baumunfälle, die liegen bei uns in der Familie. 

Alex hat seinen Blick bedeutungsvoll in die Ferne gerichtet. Er ergreift die Gelegenheit, mit der Cerphal zu philosophieren. Ist das nicht seine Rolle, die er im Leben der Freunde spielt? Und leitet sich nicht von da auch sein Anspruch her, ernährt und wirtschaftlich über Wasser gehal-ten zu werden? 

ALEX. Die Bäume sehen die Dinge gewiß anders als wir. Nehmen wir zum Beispiel an, dieser Baum hat Napoleon gesehen... oder Ihren Urgroßvater als Kind. Es wird an den Bäumen gesündigt! 

Die Säge arbeitet sich nun wieder durch den Stamm des Kirschbaums. Der Regen wäscht die Sägespäne fort, sobald sie aus der Schnittfuge rieseln. Der sterbende Baum ächzt, als spüre er die tödlichen Sägezähne in seinem Körper. Plötzlich beginnt er zu fallen. Ganz langsam lösen sich die oberen Äste aus der Umklammerung der Nachbarbäume, zersplit-tern und verlieren den Halt, wie der ganze, triefend nasse Baumkörper. 

605 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Die Cerphal schreit auf. Sie stürzt zur Terrassentür und erreicht mit Alex das Studentenzimmer gerade in dem Augenblick, da der Kirsch-baum mit dumpfem Gepolter auf das Terrassengeländer schlägt und es zertrümmert. Hermann fährt aus dem Schlaf. Die Spitze des Baumes hat das Fenster seines Zimmers zerschlagen. Glasscherben springen umher. Ein Wind-zug fährt herein, alles gerät in Bewegung: die Vorhänge, die Lampe und die vielen Plakate, die im Zimmer wie Wäsche zum Trocknen aufge-hängt sind. Die Cerphal begreift nicht, daß sie um Haaresbreite einem jener »Baum-unfälle« entgangen ist, die angeblich ihre Familie bedrohen. Sie sieht die Äste, die überraschenderweise bis nah an Hermanns Bett hereingedrun-gen sind. 

FRÄULEIN CERPHAL. Das war aber jetzt nicht beabsichtigt! Guten Morgen übrigens. Was ist denn hier eigentlich los? Das riecht ja hier wie in einer Druckerei. Haben Sie denn in diesen Ausdünstungen geschlafen? Das sind doch gefährliche Gase! Herr Simon, haben Sie Kopfschmerzen? Also, das ist ja jetzt ein Glück, daß wir Sie geweckt haben! 

Fräulein Cerphal hat die Gabe, alles irgendwie zu ordnen und mit halben gedanklichen Lösungen zufrieden zu sein: Daß der Kirschbaum die Balustrade und ein Fenster zerstört hat, ist ein Glücksfall an diesem Morgen, denn nun weht frische Luft ins Zimmer und treibt die giftigen Dämpfe hinaus. Verdächtig, wie lange der junge Künstler in den Vor-mittag hinein geschlafen hat! Hermann kann vor Schreck nicht sprechen. Nur langsam realisiert er die fragenden Blicke, die auf ihn gerichtet sind. Er nimmt eins der blauen Plakate vom Boden auf und befreit es von den Glasscherben. 

HERMANN. Das sind die Plakate für mein Konzert im Dezember. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ach! (liest) »Spurengruppe. Neue Musik von Hermann W. Simon. Streichquartett für abwesendes Cello«. Also, das ist witzig. 

ALEX. Sehr witzig! 

Auch Alex interessiert sich für die Plakate. Er versucht, eins davon in die Hand zu nehmen. 

HERMANN. Vorsicht, die sind vielleicht noch feucht! Die haben wir nämlich erst gestern nacht heimlich gedruckt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Heimlich? 

HERMANN. Na ja, in der Akademie. Der Leiter der Siebdruckwerkstatt durfte davon nichts wissen. Deswegen mußten wir sie zum Trocknen mit nach Hause nehmen. 

FRÄULETN CERPHAL. Sind aber sehr schön geworden. Und die Spuren. . . also, die locken irgendwie, das spricht mich an. 

ALEX. Mich auch. 

HERMANN. Na, Sie können ja eins behalten, wenn Sie wollen. 

Hermann schlüpft in seine Hausschuhe, um die nackten Füße nicht an den Glassplittern zu verletzen. Er steht auf. 

FRÄULEIN CERPHAL. Dankeschön - zur Erinnerung. Was machen wir denn jetzt bloß mit diesem Schaden? - Gerold! 

Der Vorarbeiter ist draußen am Fenster erschienen, um den Schaden zu begutachten. 

ARBETTER. Soll ich einen Glaser rufen? 

FRÄULEIN CERPHAL. Mindestens! Aber auf Ihre Kosten! 

ARBEITER. Also, das sehen wir nachher schon. Einen Sprung hat's ja eh schon gehabt, das Fenster. 

FRÄULEIN CERPHAL... Von wegen! Die Fenster waren tadellos . . . 

Alex hat währenddessen beobachtet, wie Hermann sich anschickt, das Zimmer in Richtung Bad zu verlassen. In der Tür holt er ihn ein. 

ALEX. Hermann? 

HERMANN. Ja? 

ALEX. Guten Morgen. 

HERMANN. Guten Morgen! 

ALEX. Ich habe eine Frage an dich. Könntest du mir für vierzehn Tage siebzig Mark borgen? Oder für zehn Tage fünfzig Mark? Ja, oder für fünf Tage dreißig? 

Die Cerphal hat sich inzwischen mit dem Arbeiter geeinigt. Sie wendet sich an Hermann, ohne auf dessen Gespräch mit Alex Rücksicht zu nehmen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Herr Simon, wenn Sie an Brennholz interessiert sind, der Winter steht vor der Tür, bedienen Sie sich, vorausgesetzt, Sie arbeiten mit und machen sich das Holz selber klein. 

ARBETTER. Werkzeug ist vorhanden! Haben Sie schon mal eine Axt in der Hand gehabt? 

HERMANN. Ich bin Musiker, wenn Ihnen das was sagt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, da hat er recht. Er schuldet mir noch drei Monate Miete, der junge Herr Künstler. 

Diese Auskunft der Cerphal dürfte auch einem dickfelligeren Menschen als Alex als Antwort auf seine Frage genügen. 

 
606 Königsplatz

Hermann rennt im strömenden Regen umher und sucht geeignete Wandflächen, an denen er seine Plakate auflhängen kann. Unter dem Säulenportikus der Glyptothek trifft er auf Helga, die ihm bei der Plakataktion hilft. 

HERMANN. Ich habe an diesem Novembertag den ganzen Tag meine »Spuren«-Plakate angeklebt. Die Klebestreifen wollten bei der Nässe nicht halten. Das Papier weichte auf. Wir haben am 23. November die ganze Stadt mit diesen blau-weißen Plakaten dekoriert. Gegen Mittag hat Helga mir geholfen. Sie war schweigsam und ließ sich absichtlich naßregnen. Ich glaube, ich ahnte, daß sie etwas »Dramati-sches« inszenieren wollte. 
 
607 Musikhochschule, Eingangshalle


Hermann und Helga betreten die Marmorhalle und befestigen schweigend eines ihrer »Spuren«-Plakate an einer Säule. 

HERMANN ... Ich versuchte, über ihre Stimmung hinwegzugehen, ich kannte das ja von ihr. Meist lösten sich ihre Spannungen, wenn sie alles in ihr Lyrikheft geschrieben und wenn sie ihre Sehnsüchte in ein Gedicht verwandelt hatte. In der Kantine habe ich erfahren, was ihr eigentlicher Schmerz war. Es stand alles in ihrem Tagebuch. 

608 Musikhochschule, Kantine

Während er auch in der Kantine ein Plakat auflhängt, hat Hermann Reißnägel und Klebestreifen auf einem der Stühle abgelegt. Helga setzt sich langsam und in der Absicht, sich vor Hermanns Augen selbst zu quälen, auf diesen Stuhl. Langsam dringen die spitzen Nägel durch ihre Hose in ihr Sitzfleisch. Helga verzieht keine Miene. Hermann soll sehen, daß ihre eigentliche Pein von anderer Art ist als dieser banale Körperschmerz. Sie liest ihm eine Passage aus ihrem Tagebuch vor. 

HELGA. Sobald du merktest, daß ich nur noch dich sehe und Tag und Nacht nur noch an dich denke, bist du geflohen. Du wolltest alles mögliche von mir, aber meine Liebe, die hat dich angeekelt, und vor der hast du dich gefürchtet. 

HERMANN. Ich glaube, ich bin für die Liebe nicht geeignet. Das hast du doch gemerkt. Ich will frei sein. Liebe, das ist etwas, was einen schuldig macht. Man fühlt sich immer so schuldig. 

Hermann, der nicht weiter auf Helgas Probleme eingehen will, nimmt eines der Plakate, um es an der Holzvertäfelung aufzuhängen. Jetzt erst vermißt er die Reißnägel, auf denen Helga sitzt. Sein Blick begegnet ihren fanatischen Augen. Helga steht langsam auf. Nun muß Hermann die Reißnägel einzeln aus ihrem Gesäß ziehen, bevor er sie weiterverwenden kann. 
 
609 Musikhochschule, Übungszimmer 


Hermann und seine Musikerfreunde haben eine Kollektion von zwei Dutzend Metronomen zusammengetragen, um damit rhythmische Experimente zu machen. Jedes der Metronome wird auf einen anderen Zeittakt eingestellt und dann in Gang gesetzt. So entsteht ein immer komplexer werdendes Geflecht von Schlägen. Die Freunde begeistern sich am bloßen Spiel mit den musikalischen Mitteln. 

HERMANN. Im November I963 hatte ich mein siebtes Semester begonnen. Seit über drei Jahren war ich in München. Ich gehörte nun selbst zu den älteren Semestern, die ich früher so beneidet hatte. Ich komponierte Avantgarde-Stücke und experimentierte mit Zufallswirkungen. »Aleatorische Musik« nannten wir das: von Alea - der Würfel. Dies bedeutete mir soviel wie Schicksal, in einer Welt ohne Gott. 

Die vier Musikerfreunde gehören zu einem Streichquartett, mit dem Hermann zur Zeit probt. In diesem neuen Stück soll der komponierte Zufall gleichfalls eine Rolle spielen. Zwei Metronome werden vor die Spieler plaziert, die mit dem Rücken zueinander sitzen. Auch hier werden die Metronome auf ganz verschiedene Zeittakte eingestellt. Hermann ist zufrieden mit dem Experiment. Er wartet bis die beiden Metronome einen Schlag lang zusammen sind, um dann das Zeichen zum Einsatz zu geben. 

HERMANN. Übrigens, bei diesem Auftritt müßt ihr sehr ernst bleiben. Das ist ja ein Streit unter diesen beiden Gruppen. Sonst hätte das mit den beiden Metronomen ja keinen Sinn. 

Hermann gibt das Einsatzzeichen. Die Musik klingt kompliziert. Her-mann gerät ins Nachdenken. Er läft den Taktstock sinken. 

HERMANN ... Mitten in meinen Gedanken hatte ich piötzlich das Gefübl, daß mir jemand zuhörte. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sie hereingekommen war. 

Hermann entdeckt Clarissa, die, in ihren Wintermantel gehüllt, ganz in sich versunken in einer der Stuhlreihen sitzt. Hermann geht auf sie zu. 

HERMANN. Clarissa! 

CLARISSA. Klingt spannend. 

HERMANN. Wir haben das Cello jetzt weggelassen - notgedrungen. 

CLARISSA. Kann ich kurz mit dir sprechen? 

61O Musikhochschule, Foyer


Clarissa ist sehr ernst. Sie geht nicht auf Hermanns Vorwürfe wegen der Proben ein. Hermann ist unfähig, ihre Sorgen zu empfinden. Während sie spricht, bedrängt er sie mit Gesten des Vorwurfs und der Ungeduld. 

CLARISSA. Ich brauche Geld. Jetzt frage mich bitte nicht, warum, aber es ist dringend. Kannst du mir was leihen? 

HERMANN. Wieviel? 

CLARISSA. Ich muß heute noch achthundert Mark auftreiben. 

HERMANN. Achthundert Mark? Das ist ja Wahnsinn! Ich habe vielleicht noch siebzig oder achtzig. Und ich habe seit drei Monaten meine Miete nicht bezahlt. 

CLARISSA. Ich habe gedacht, du hättest vielleicht heimliche Reserven. Ich weiß auch nicht, warum. . . 

HERMANN. Sag mal, Clarissa, wo warst du eigentlich die ganze Zeit? Seit zwei Wochen bist du wie in Luft aufgelöst. Wir sind sauer auf dich, das kannst du dir wohl vorstellen! Ist dir eigentlich klar, in was für eine Lage du uns gebracht hast? . . . Einfach zu verschwinden, mitten in den Proben und kurz bevor die Plakate gedruckt werden! Jetzt müssen wir das ohne dich machen. Das war vielleicht eine Schufterei, das ganze Stück umzuschreiben! Aber ich habe einfach die Augen zugedrückt und mir dich weggedacht. Das ist ein geistiger Trapezakt für mich gewesen. Aber nur mit dieser wahnsinnigen Wut im Bauch habe ich das geschafft. 

Er hat sich vor Clarissa ausgetobt. Er umkreist sie, gestikuliert und sieht nicht, wie sie zu weinen beginnt. 

CLARISSA. Ich habe all die Jahre nie überlegt, ob ich Freunde habe hier in München . . . 

HERMANN. Und jetzt überlegst du dir das? Das wird aber auch Zeit! 

CLARTSSA. Hermann, mir geht's beschissen. Ich habe eine Odyssee hinter mir, die würde ich nicht mal meinem ärgsten Feind wünschen. 

HERMANN. Ich tät dich wirklich gern verstehen! 

CLARISSA. Später. Später erzähle ich dir alles. Aber frage mich jetzt nicht. Und sei doch nicht böse, daß ich ausgestiegen bin. Manchmal geht es eben nicht anders. 

Clarissa hat sich in dem weiträumigen Treppenhaus von Hermann entfernt, damit er ihre Tränen nicht sieht. Er kann sich immer noch nicht vorstellen, daß es irgendein Problem auf der Welt gibt, das wichtiger wäre als seine Musik. Zumal dann nicht, wenn die Probleme mit Geld zu tun haben. Er will Clarissa auch nicht verstehen. 

HERMANN. Warum fragst du nicht Volker oder besser noch Jean-Marie? Jean-Marie hat reiche Eltern, das weiß ich. Die haben eine Villa in Straßburg. Clarissa, achthundert Mark, das ist verdammt viel Geld! 

CLARISSA. Ich wünsche dir viel Glück für dein Stück! Ich denke an dich und drücke dir auch die Daumen. Du kannst ja jemand anderen neh-men aus der Celloklasse. Wir haben gute Leute. Die tun das bestimmt gern. 

Sie geht nun einfach weg. Hermann sieht hinter ihr her. Jetzt begreift er, daß sie wirklich in Not ist. Aber was ist es, das sie ihm so fremd werden läßt? 

HERMANN. Nein, ich habe das Stück doch für dich geschrieben, nur für dich!

CLARISSA. Mir scheint, du bist der einzige Freund, den ich habe. 

Clarissa bleibt auf der Treppe noch einmal stehen. Sie dreht sich nach Hermann um, der oben auf den Marmorstufen steht und vor ihren Augen demonstrativ die Hosentaschen umstülpt, um ihr zu beweisen, daß sie leer sind. 

HERMANN. Ich hätte dir wirklich gern das Geld gegeben - ehrlich! 

611 Villa Cerphal, Küche und Diele


Alex, der noch immer in der Cerphal-Villa ist, hat sich in die Küche geschlichen. Hier ist er allein und unbeobachtet. Draußen im Garten zersägen die Arbeiter den gefällten Baum. Niemand stört Alex, der die Küche nach etwas Eßbarem durchstöbert. Er sieht in alle Schränke, Schubladen und Dosen, findet aber nichts, womit er das fehlende Frühstück ersetzen könnte. 

ALEX. In der Küche von Fräulein Cerphal hatte es immer etwas zu essen gegeben. Ein Stückchen Wurst, oder Quark, oder die guten eingeleg-ten Gurken von Frau Ries. An diesem 23. November gab es aber nur uraltes Vollkornbrot und verschimmelte Marmelade, die ich besser nicht angerührt hätte. 

Draußen auf der Straße hat ein großer Reisebus angehalten, der bis auf den letzten Platz mit Touristen angefüllt ist. Alex beobachtet durch das Küchenfenster, wie eine kleine Frau im Stewardessenkostüm aussteigt und zur Gartenhecke herüberkommt. Sie hält sich eine Prospektmappe über das blaue Hütchen, um nicht naß zu werden. Auf Zehenspitzen versucht sie, über die Hecke zu blicken. Jetzt hat sie wohl Alex entdeckt und ruft ihm winkend etwas zu. 

SCHNÜSSCHEN. Hallo, Sie, wohnt hier im Haus der Hermann Simon? 

Alex, der bei seinem Mundraub in der Küche nicht entdeckt werden will, zieht sich vom Fenster zurück. 

ALEX. So sahen wir die Waltraud zum ersten Mal. Ja, an diesem Tag im November ist sie zum ersten Mal bei uns aufgetaucht. Auch so etwas gibt es: Jemand kommt zur Tür herein, und du weißt, die werden wir nun öfters zu sehen bekommen. Ich glaube, daß ich derartige Folgen voraussagen kann. Es gibt eine instinktive Intelligenz in uns, die so etwas ausrechnet und uns blitzschnell als Ahnung ins Bewußtsein rückt. Es gab eine ganze Kaskade von derartigen Blitzen, als ich die kleine Reisestewardeß durch die Diele gehen sah. 

Waltraud steht vor dem runden Tisch in Hermanns Zimmer. Sie schreibt einen Brief: »Lieber Hermann, eigentlich hätte es eine tolle Überraschung werden sollen. Schade, daß Du nicht da warst . . . « Waltraud hat kein Geheimnis, denn sie erklärt der Cerphal und Alex, die in der Diele warten, mit exakt denselben Worten, die sie da auf das Papier schreibt, was sie will und warum sie gekommen ist. Nachdem sie mit ihrem Brief fertig ist, geht sie mit wackelndem Hintern auf die Cerphal zu und gibt ihr die Hand. 

SCHNÜSSCHEN. Eigentlich hätte das eine richtig tolle Überraschung werden sollen, schade, daß er nicht da ist. Grüßen Sie den Hermann von mir. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ich habe schon befürchtet, Sie schleppen mir die ganze Busladung hier ins Haus. 

SCHNUSSCHEN. Nein, wo denken Sie denn hin, das sind Amerikaner aus Idaho, eine richtig nette Reisegesellschaft! Die haben eine Engelsgeduld mit mir, weil ich doch Anfängerin bin. Die lassen sich alles gefallen. Ich danke Ihnen schön. Auf Wiedersehen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wiedersehen! 

Alex platzt vor Neugier. Er will Schnüßchen nicht gehen lassen, bevor sie ihm gewisse Auskünfte gegeben hat. 

ALEX. Woher kennen Sie denn den Hermann? 

SCHNUSSCHEN. Wir sind zusammen aufs Gymnasium gegangen, leider nur bis zur Untersekunda. Jetzt muß ich aber wirklich gehen. Byebye! 

 
612 Sightseeing-Bus


Schnüßchen ist Fremdenführerin bei der »Münchner Stadtrundfahrt«. Sie steht in ihrem adretten Kostüm ganz vorn neben dem Busfahrer und erklärt den amerikanischen Touristen die Münchner Sehenswürdigkei-ten, an denen man vorbeifährt. Sie ist mit ihren auswendig gelernten Texten nicht so recht synchron zu der Fahrt, die durch die regnerische Innenstadt führt. Dennoch spricht die kleine Hunsrückerin tapfer ins Bordmikrophon und bemüht sich, ihren Dorfakzent zu überspielen. 

SCHNÜSSCHEN.... Did Kronprinz Ludwig get the seven-years-itch? I don't know. But after seven years of marriage he took a trip to Italy. There he was so fascinated by the spirit of the antiquity that he declared: I will not rest until Munich looks like Athens! How serious he was that can be seen at the Königsplatz surrounded by the Glyptothek, the Propyläen and the Collection of Antiquities . . . 

613 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Alex sitzt an Hermanns Tisch. Er liest den Brief, den Schnüßchen für den Freund hinterlassen hat. Dabei kichert er amüsiert in sich hinein. 

ALEX. Sie hat mit fünfzehn Hermann das Küssen beigebracht. An der Mosel! Seine Mutter hat ihr seine Adresse gegeben. »Ich habe dich nie vergessen können - Waltraud« . . . Komischer Tag heute, finden Sie nicht auch ? 

Alex wendet sich an die Cerphal, die immer noch damit beschäftigt ist, die Schäden zu beheben, die der umstürzende Baum erzeugt hat. Gerade ist der Glaser ins Zimmer gekommen. Er repariert das Fenster. 

FRÄULEIN CERPHAL. Legen Sie das wieder hin, Alex, so was tut man nicht! 

ALEX. Hermann hat nie eine Waltraud erwähnt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Mir scheint, Sie wissen alle sehr wenig voneinander, Sie und Ihre Freunde. 

ALEX. Wenn Sie das Persönliche meinen, da mögen Sie recht haben. Aber so was wie Familie, Herkunft, Geschwister und so weiter, das ist doch reiner Zufall. Mich interessiert in erster Linie, was einer denkt. Die Familie ist doch meist ein trauriges Kapitel. 

FRÄULEIN CERPHAL. Das war früher anders, vor dem Krieg. 

ALEX. Ja ja, da mögen Sie recht haben, aber überlegen Sie doch mal, welches Genie kommt schon aus gutem Hause? Zitat: »Die Geschichte ist der Triumph des Dahergelaufenen«. Zitatende. - Ein schöner Satz, nicht wahr? 

Als ein »Dahergelaufener« kann Alex ohne weiteres auch sich definie-ren. Ob er aber irgendwann einmal Geschichte machen wird, wie er suggerieren möchte, ist fraglich. Die Cerphal geht lieber nicht auf seine Selbsteinschätzung ein. 

FRÄULEINCERPHAL. Trifft aber auf Hitler auch zu. . . 

ALEX. Der hat ja auch Geschichte gemacht. Wenn wir das leugnen, werden wir niemals mit ihm fertig! 

FRÄULEINCERPHAL. Ich werde darüber nachdenken. 

Auch die Cerphal ist bedrückt an diesem Tag. Mit Alex zu philosophie-ren, das könnte ihr Spaß machen, wenn es nicht das einzige Gespräch wäre, das sie an diesem Tag führen kann. So wie Alex pleite ist, so ist sie einsam und gibt es nicht zu. 

FRÄULEINCERPHAL. Wir hatten früher so ein anregendes Leben hier im Haus, noch bis vor kurzem. Was ist denn mit Ihrem schönen Freun-deskreis passiert? Hermann sagt, er sei gruppenmüde - was immer das heißen soll. 

ALEX. Ja ja, das ist der Individualismus, die gröfte Krankheit unseres Jahrhunderts. 

FRÄULEIN CERPHAL. Machen Sie nicht so große Worte, Alex. Ich habe mir kürzlich mal überlegt, ob ich das Haus hier eigentlich halten oder nicht besser verkaufen soll. Man hat mir einen sehr guten Preis dafür geboten. Lassen Sie uns doch bald mal beraten, was ich mit dem Haus tun soll! Fragen Sie doch mal Ihre Freunde. Ich bin da wirklich etwas ratlos. Wissen sie, daß jeder Quadratmeter hier im Garten sehr, sehr viel Geld wert ist? 

Alex ist neben die Hausherrin getreten. Er sieht mit ihr gemeinsam durch das reparierte Fenster hinaus in den Garten. Der wertvolle Boden, von dem sie gesprochen hat, ist von moderndem Laub bedeckt. Sein Wert ist ebenso abstrakt wie dieses Gespräch. Ein Schwarm hungriger Krähen hat sich eingefunden und kreist über dem Grundstück. 

614 Villa Cerphal, Bibliothek und Terrassenzimmer


In Hermanns Zimmer haben sich zwei weitere Freunde eingefunden, die an diesem naßkalten Novembertag nicht wissen, was sie tun sollen. Es ist so kalt im Terrassenzimmer, daß Renate gar nicht erst ihren Mantel ausgezogen hat. Sie läuft unruhig im Zimmer hin und her und hört zu, wie Juan auf dem Flügel klimpert. 

JUAN. Spielen Sie auch Klavier?

RENATE. Nein, ich gehe doch jetzt auf die Schauspielschule. Hat Ihnen der Hermann davon erzählt? 

Die beiden merken nicht, daß Alex ganz in der Nähe ist und zuhört. Er hat sich in der benachbarten Bibliothek installiert und belauscht die beiden. 

ALEX... Der Gedanke, daß Fräulein Cerphal die Villa verkaufen wollte, empörte mich! Die Lady wollte ein fach nicht begreifen, daß ihr Haus ein historischer Ort war, historisch deshalb, weil wir darin ein und aus gingen! Wir waren Kennedys Kinder, intelligent und frei und jung. . . dies war ein Tag für grundsätzliche Fragen. Und - was mich betrifft- mit leerem Magen bekommt man ein gesteigertes Sendungs-bewußtsein. 

Alex schmökert in den Büchern, die er in der Bibliothek vorfindet. Draußen geht die Unterhaltung zwischen Juan und Renate weiter. 

RENATE. Wissen Sie, wir kennen uns seit dem ersten Tag. Seitdem er Münchner Boden betreten hat. Da hab ich ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. 

JUAN. Vor dem Schlimmsten? 

RENATE. Der hat doch keine Unterkunft gefunden. Und geregnet hat es an dem Tag, als ob die Welt untergehen wollte. Wie die Sintflut. Und da ist er mitten in der Nacht zu mir gekommen, und ich habe ihn beherbergen können. Wissen Sie, meine Wirtin, die Frau Kritschn-eder, hat ja von allem nichts wissen dürfen. Jedesmal, wenn er von der Wohnungstür in mein Zimmer rein wollte, da habe ich die Klospü-lung ziehen müssen. Aber der Hermann war ja so leise. 

Alex hat im Regal Wittgensteins berühmten »Tractatus« gefunden. Alles, was er in dem Buch liest, amüsiert ihn heute. 

ALEX (liest). »Alles, was man weiß und nicht bloß rauschen und brausen gehört hat, läft sich in drei Worten sagen. « 

Alex blättert und schlägt das erste Kapitel auf. Er macht es sich in der Leseecke des alten Cerphal gemütlich, um sich ganz der geistigen Nahrungsaufnahme zu widmen. 

ALEX. »Die Welt ist alles, was der Fall ist.« 

Juan klimpert seine traurige Melodie, während Renate vor sich hinplap-pert. Die Lesestimme von Alex mischt diese traurigen Gesprächsfetzen mit philosophischen Gedankenfetzen. 

RENATE. Wo bleibt er denn nur so lange? 

JUAN. Ich weiß es nicht!

ALEX. »Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt. . .« 

RENATE. Ja, sind Sie denn nicht mit ihm verabredet?

JUAN. Nein.

ALEX. »Die Welt zerfällt in Tatsachen.«

RENATE. Ja, dann wohnen Sie auch mit hier in dem Zimmer?

ALEX. »Die Substanz ist das, was unabhängig von dem, was der Fall ist, besteht.«

JUAN. Ich bin hier nur, um Klavier zu üben, das ist alles.

RENATE. Also, so einen Freund hätte ich auch gern, der jederzeit bei mir rein und raus geht und Klavier spielt!

Alex hat seinen Geist mit Wittgenstein überfordert. Er schließt die Augen, um in sich hineinzuhorchen. In seinem Innern ist große Müdig-keit. Renate beginnt sich für Juan näher zu interessieren. Sie beugt sich über den Flügel und versucht ihm in die Augen zu blicken. 

RENATE. Sie, in Neu-Ulm, da hatte ich mal eine Freundin, aber weil sie auch Renate geheißen hat, sind wir wieder auseinandergegangen. Das verstehen Sie doch, oder?

JUAN. Ja, das verstehe ich. 

Juan hat sein Klavierspiel unterbrochen. Renate kommt nun noch näher zu ihm.

RENATE. Sie, darf ich Ihnen mal was anvertrauen?

JUAN. Ja . . .

RENATE. Der Hermann und ich, wir sind uns einmal sehr nah gekom-men. Wisset Se, wie i des moin?

JUAN. Sie haben mit ihm gevögelt! 

Jetzt ist auch Alex, der alles mithört, wieder hellwach. Er grinst in seiner Leseecke. Renate geht um den Flügel herum. Sie setzt sich lachend auf die Fensterbank. 

RENATE. Also, das Wort hab i vermeide wolle. Aber Sie habe mich schon verstanden. Aber jetzt haben wir uns schon lang net mehr gesehe. Wisset Se, i hab nämlich einen Freund gehabt, der isch ein bissel älter gwese. Und da bin i in ganz andere Kreise ge-raten . . . 

Juan hat wieder begonnen, Klavier zu spielen. Alex sinnt über einen Satz Wittgensteins nach, der ihm Rätsel aufgibt. 

ALEX. »Das Bild ist so mit der Wirklichkeit verknüpft, es reicht bis zu ihr. « 

Renate sitzt nun neben dem Flügel auf Hermanns Bettkante. Sie him-melt Juan an. 

RENATE... Schön schpielet Se, wirklich schön. Mei Mutter kann auch Klavier spiele. Weihnachtslieder und die Träumerei von Schumann. I bin, glaub i, unbegabt. 

Schon wieder hält es Renate im Sitzen nicht aus. Sie kommt näher an Juan heran. 

JUAN. Aber Sie haben doch mal Jura studiert. 

RENATE. Dann hat der Hermann also doch über mi gesproche, und er hat mi net vergesse! - Oh, das ist schön, da wird mir gleich ganz warm. Da muß i gleich mal den Mantel ausziehe! 

Sie zieht tatsächlich ihren Mantel aus. Eine wildgemusterte Bluse kommt zum Vorschein, unter der sich der große Busen wölbt. Renate sieht Juan lächelnd an.

RENATE. Bleibet Sie über Nacht hier? 

JUAN. Wahrscheinlich nicht. 

RENATE. Ah, des, des wisset Sie noch net? 

JUAN. In welche Schauspielschule gehen Sie? 

RENATE. Privat. Ich hab Privatlehrer. 

Jetzt ist sie so nah an Juan herangekommen, daß sie fast flüsternd weiterspricht. 

Alex ist in der Bibliothek eingeschlafen. Er sitzt so krumm und außer-halb jeglicher Balance, daß er im Schlaf das Gleichgewicht verliert. Renate hat im Nebenzimmer begonnen, Juan etwas vorzusingen. Es ist das Lied von der verlorenen Nadel aus Mozarts »Cosi fan tutte«. Juan begleitet den schrillen Gesang auf dem Klavier. Alex kippt. Er wacht zu spät auf, um sich noch halten zu können. Mitsamt seinem Wittgenstein-Buch fällt er aus seinem Lesesessel auf den Teppich. Sofort wird ihm auch der Gesang bewußt, der von nebenan hereindringt. 

ALEX. Die Welt ist alles, was der Fall ist. . . 

Auf allen vieren nähert sich Alex der verglasten Schwingtür, die die Bibliothek von dem Studentenzimmer trennt. Durch die in Facetten geschliffenen Glaskanten kann Alex das Bild von Juan und der singen-den Renate verzerrt sehen. Je nachdem, wie er seine Augen vor dem Glas hin und her bewegt, vervielfältigen sich Renate oder Juan. Er kann Renate bis zu viermal in identischen Kopien vor seine Augen zaubern. Eine optische Täuschung, die Wittgensteins Text zu bestätigen scheint. 

Schließlich liegt Renate auf dem Bett Hermanns und lächelt Juan nur noch an.

RENATE. Gucket Sie mich net so an. Ich bin halt net schöner. . . 

615 Alter Nordfriedhof


Es ist nicht sicher, daß Alex immer weiß, wo er sich befindet. Er ist fähig, mit einem Buch in der Hand das Haus zu verlassen und - in die Lektüre vertieft - durch die Stadt zu laufen. Er hat einen Schutzengel wie die Betrunkenen oder die Verrückten, der verhindert, daß er dabei überfah-ren wird. Alex hat auch keine ausgeprägten Empfindungen für die Jahreszeiten oder die Tages- und Nachtzeiten. Er lebt in seiner eigenen Welt, immer auf der Suche nach den Bedeutsamkeiten. Er entscheidet allein, was groß ist, klein, wichtig oder unwichtig. Seine Freunde teilt er in Genies und Kamele auf. Es gibt im Norden der Stadt einen kleinen, aufgelassenen Friedhof, auf dem die Mütter ihre Kleinkinder spielen lassen. Alex liebt diese Oase von alten Bäumen, GraLdenkmälern und Kieswegen, denn hier kann er lesen, seine Runden drehen ohne aufzufallen. Er ist immer noch in die Abstraktionen Wittgensteins vertieft. Als er nachdenklich aufblickt, sieht er Clarissa, die mit ihrem Regen-schirm traurig durch den Hintergrund des Friedhofs geht. Auch sie ist in Gedanken vertieft.

ALEX. Clarissa! Clarissa, warte! Momentchen bitte! So ein Zufall. Was machst du denn hier? Apropos Zufall, weißt du, was Wittgen-stein dazu sagt? Hör mal: »Die Welt ist alles, was der Fall ist. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen und nicht der Dinge. Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt, und dadurch, daß es alle Tatsachen sind« - ist das nicht gut -, »denn die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und was nicht der Fall ist. Die Welt zerfällt in Tatsachen. Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein, und alles übrige bleibt sich gleich...« Schön, nicht? »Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.« Apropos, Tatsachen im logischen Raum... könntest du mir für sieben Tage eventuell zwanzig Mark borgen? 

CLARISSA. Ach, Alex, wenn du wüßtest. . . 

ALEX . . . Ich gebe sie dir auch bestimmt wieder, nach acht Tagen! 

CLARISSA. Tut mir leid. 

Clarissa ist stehengeblieben. Die vielen Worte, die ihr aus Alex' Mund entgegengepurzelt sind, verwirren sie nur. Sie geht denselben Weg wie Alex. Auch sie ist in Gedanken vertieft und bemerkt den Herbsttag nicht und nicht die Rabenvögel, die auf den Bäumen krächzen. Ihre Sorgen sind aber völlig andere als die des philosophierenden Sprüchemachers und Schnorrers. 

ALEX (resigniert). Na gut, Tschüß.

Wieder vertieft er sich in Wittgensteins Sätze. 

ALEX . . . »die Welt ist alles, was der Fall ist. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen und nicht der Dinge. Die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und was nicht der Fall ist. Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein, alles übrige bleibt sich gleich . . . « 

616 Ein Blumenladen, Straße

Jean-Marie, der Nachwuchsdirigent und Avantgarde-Musiker, ist an diesem Regentag elegant ganz in Schwarz gekleidet: schwarze Flanell-hose, schwarzer Trenchcoat, schwarze Schuhe, schwarzer Regen-schirm. Lässig schüttelt er den nassen Schirm aus, ehe er das kleine Blumengeschäft betritt, um einen StrauB roter Rosen zu kaufen. Sorgfältig trägt er den in Papier verpackten Blumenstrauß so vor sich her, damit er trocken bleibt. So erreicht er das Schwabinger 
617 Haus Clarissa, Treppenhaus


Jean-Marie betritt die hochgewölbte Einfahrt, von der aus er ins Jugendstiltreppenhaus geht. Er bleibt stehen. Ein Geräusch hat ihn auf eine Person aufmerksam gemacht, die weiter oben die Stiegen hinaufgeht. Er erkennt den Freund, der kurz vor ihm hier angekommen sein mag. 

JEAN-MARTE. Volker! VOLKER. Jean-Marie? Volker ist ebenso erstaunt wie Jean-Marie, den Freund hier anzutreffen. Auch er trägt einen Blumenstrauß in der Hand. Beide Freunde setzen nun den Weg nach oben gemeinsam fort. 

618 Zimmer Clarissa


Clarissa erwartet die Freunde an der Wohnungstür. Sie läßt sie hereinkommen und eilt voraus in ihr Untermietzimmer. Volker und Jean-Marie treten ein. Auch Volker trägt einen schwarzen Trenchcoat und einen Schirm, der genauso aussieht wie der des Freundes. Unwillkürlich werden nun auch die Bewegungen der beiden Freunde gleich. Das Hochheben der Blumensträuße, die Blicke nach Clarissa, das Türeschließen. Clarissa hat sich hinter einen Wandschirm zurückgezogen. Sie steht vor ihrem Waschbecken und betrachtet ihr Gesicht im Spiegel. Sie sieht erschöpft und zugleich entschlossen aus. 

JEAN-MARIE. Wo finden wir zwei Vasen?

VOLKER. Für die Blumen, meine ich. 

Beim Auspacken der Sträuße erkennen die beiden Freunde, daß sie für Clarissa die gleichen langstieligen roten Rosen gekauft haben, womöglich auch in demselben Geschäft. Sie müssen lachen und halten nun ihre Sträuße bewußt mit den gleichen Gesten vor Clarissa hin, während sie hinter dem Wandschirm hervorkommt. Clarissa versteht zwar die Gesten, ist aber jetzt nicht in Stimmung, auf Witze einzugehen. Ihr Lächeln wirkt gequält. 

CLARISSA. Ich lege sie vorläufig ins Waschhecken, getrennt! Einverstanden? 

Gemeinsam zerknüllen Jean-Marie und Volker die Packpapiere, lehnen ihre Schirme nebeneinander an die Wand neben der Tür, lassen die Papierballen neben die Schirmspitzen fallen, damit sie das Tropfwasser auffangen, und hängen ihre Trenchcoats an die Haken an der Tür. Clarissa hat währenddessen die beiden Blumensträuße über Kreuz ins gußeiserne Waschbecken gelegt. Sie dreht den Wasserhahn auf. Während das Wasser fließt und das Becken füllt, kommt Clarissa ins Zimmer zurück. Sie sieht die Freunde, die ein wenig betreten und abwartend dastehen, ernst an. 

CLARISSA. Ich bin schwanger! 

Dieser Satz braucht seine Zeit, bis er auf das Verhalten der beiden Männer einwirkt. Sie fühlen sich beide betroffen, fangen jedoch sofort an, sich gegenseitig zu taxieren und zu überlegen, ob nicht der jeweils andere der Sünder sei, der hier zur Rechenschaft gezogen wird. Clarissa bleibt ernst. Sie geht zu dem Stuhl, auf dem sie sonst Cello übt. 

CLARISSA. Ich hätte mit jedem von euch beiden getrennt sprechen können, aber da wäre ich nicht glaubwürdig gewesen. Ich habe mir das sehr genau überlegt. Ich kann nun einmal nicht feststellen, bei wem von euch beiden es passiert ist. 

Volker erhebt sich von seinem Stuhl. Er kommt erregt auf Clarissa zu. 

VOLKER. Aber später kann man doch so was feststellen. 

Ihr Blick fällt auf den Linoleumboden. Dort kommt ihr Wasser entge-gengeflossen. Sie springt auf. Sie eilt zum Waschbecken, sieht, daß es überläuft: Weil sie vergaß, das Blumenwasser abzudrehen, hat sie jetzt eine kleine Überschwemmung in ihrer Waschecke. Schnell dreht sie den Wasserhahn zu, ergreift den Eimer und einen Putzlappen und beginnt sofort, den Boden aufzuwischen. Volker geht in die Knie, um mit Clarissa auf gleicher Ebene sprechen zu können. 

VOLKER. Ich meine ja nur, daß man im Prinzip feststellen kann, wer der Vater ist. Du könntest dich also später noch entscheiden zwischen uns. 

JEAN-MARTE. Eine komische Situation: Ich bin ein Fifty-fifty-Vater. Daß es das überhaupt gibt! 

Sie kann ihrer Erregung nun besser Luft machen, als wenn sie den Freunden bei ihren Worten in die Augen blicken müßte. Sie putzt das Wasser vom Boden, als wollte sie damit alles wegwischen, was gesche-hen ist. 

CLARISSA. Du glaubst doch nicht etwa, daß ich mir ein Kind andrehen lasse! Ich habe den Vertrag für die Tournee durch Frankreich näch-stes Frühjahr unterschrieben. 

VOLKER. Du willst es wirklich wegmachen lassen ? 

Jetzt ist auch Jean-Marie in die Knie gegangen. Er spricht unter dem Wandschirm hindurch. 

JEAN-MARIE. Hast du denn da eine zuverlässige Adresse?

VOLKER. Weißt du, daß man sich mit so was strafbar macht?

JEAN-MARIE. Ich hoffe, du hast dir das wirklich gut überlegt!

VOLKER. Wieviel kostet denn so was überhaupt?

CLARISSA. Ich brauche noch achthundert Mark. Den Rest habe ich selber.

VOLKER. Du meinst also, wir sollten uns das teilen? Für jeden vierhun-dert Mark.

CLARISSA... zum Beispiel. Aber es muß noch heute sein!

Clarissa rennt wieder im Zimmer umher. Sie wringt den Putzlappen aus, hängt ihn auf den Heizkörper zum Trocknen. 

JEAN-MARIE. Ich könnte dir einen Scheck ausstellen. 

CLARISSA. Nein, das geht nur mit Bargeld. Bitte, tut etwas. Ich habe vierzehn Tage lang gesucht, um diese Möglichkeit herauszufinden. Ich muß heute noch zu einem Arzt nach Rosenheim. 

Volker nimmt die Sache nicht so leicht wie sein Freund, der sofort das Scheckheft gezückt hat, um sich freizukaufen. 

VOLKER. Hast du keine Angst, daß du uns als Freunde verlieren könn-test?

CLARISSA. Moment mal, wie meinst du das? Ich gebe euch das Geld auf Heller und Pfennig zurück.

JEAN-MARIE. Ich bin in fünfzehn Minuten zurück. Ich gehe schnell zur Bank. 

Jean-Marie schlüpft in seinen Mantel und verläft das Zimmer, so schnell er kann. 

VOLKER. Das ist sehr traurig, daß sich alles in Geld auflöst. 

Jean-Marie stellt draußen fest, daß er in der Eile die Regenschirme verwechselt hat. Schnell kommt er noch einmal herein und tauscht den schwarzen Schirm Volkers gegen seinen aus, der kein bißchen anders aussieht. 

VOLKER. Das ist das Ende jeglicher Romantik.

CLARISSA. Volker, ich kann dir das erklären: Ich liebe euch nämlich beide nicht. 

Es fällt Clarissa schwer, diesen Satz zu Volker allein zu sagen. Volker wendet sich von ihr ab. Er sieht aus, als ob er weint. 

VOLKER. An solchen Tagen sollte man sterben . . . 

619 Vor der Bank

Auf dem nassen Trottoir vor der Bank wird Jean-Marie von Alex eingeholt, der klatschnaß hinter ihm herrennt und sich offensichtlich freut, endlich jemanden gefunden zu haben, den er glaubt, anpumpen zu können. 

ALEX. Hallo,Jean-Marie! Salut! 

JEAN-MARIE. Hallo, Alex.

ALEX. Pourquoi tu es tellement presse? 

JEAN-MARTE. Je dois aller a la banque. Excuse-moi! Die machen gleich zu.

ALEX. Aha, gut, quel hasard! 

Alex folgt Jean-Marie einfach in das Bankgebäude hinein. 

620 Foyer der Bank


In der Drehtür gerät Alex mit seinen Beinen und der gleichzeitigen Konversation in Unordnung. Er dreht die Runde gleich zweimal, so daß Jean-Marie einen Vorsprung vor ihm gewinnt. 

ALEX. J'ai fait la connaissance de ta mere, imagine-toi. Pas physique-ment, mais j'ai lu le livre qu'elle a publie l'annee derniere. Elle est une femme exorbitante, ta mere, philosophiquement et bien sur musicale-ment. Je l'adore vraiment. Je serais absolutement heureux si j'avais une mere comme la tienne! 

Jean-Marie ist im Schalterraum verschwunden. Alex steht vor der gläsernen Trennwand und boobachtet, wie der Freund zu einem der Schalter geht, dort einen Scheck einlöst, um dann an der Kasse das Geld in Empfang zu nehmen. Zum zweiten Mal blickt Alex an diesem Tag durch eine Glastür mit Facettenschliff. Schon wieder verdoppelt sich das Bild vor seinen Augen, und das Geld, das Jean-Marie abhebt, wird immer mehr. Alex versucht mitzuzählen und verschluckt sich fast. Als Jean-Marie aus dem Schalterraum zurückkehrt, nimmt Alex seine verbale Verfolgung erneut auf. 

ALEX. Jean-Marie, bitte warte, ich muß etwas ganz Dringendes mit dir besprechen!

JEAN-MARIE. Ich werde erwartet. Kann das nicht ein anderes Mal sein ? 

ALEX. Ich bin ein Opfer des Individualismus! Eine Seuche unter uns, die ich - wie du weißt - ständig bekämpfe. Aber zur Zeit ist ja jeder von euch mit seinem privaten Süppchen beschäftigt. Und ich stehe alleine da. Jean-Marie, ich schreibe gerade eine Arbeit über Heideg-ger. Ich stehe kurz vor dem Abschluß. Nächste Woche bekomme ich das Honorar vom Merkur. Ich brauche einhundertfünftig Mark zur Uberbrückung. Jean-Marie, je sais que tu es presse, mais . . .

JEAN-MARIE. Alex, wenn du auf diese achthundert Mark anspielst, die habe ich soeben für einen Freund abgehoben.

ALEX. Für Volker?

JEAN-MARIE. Du siehst, ich lasse Freunde nicht im Stich. Aber ich kann sie doch nicht alle ernähren! C'est trop! 

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Alex den Freund moralisch in die Enge treiben können. Aber an diesem Tag helfen keine Argumente. Jean-Marie läßt Alex einfach auf der Treppe stehen. Da hilft es auch nicht, daß er mit dem Halbfranzosen schlechtes Französisch gesprochen hat. 

ALEX. Mais tu es riche!

JEAN-MARIE. Pas moi, ce sont mes parents. Ne sois-pas naif!

ALEX. Mais j'ai faim!

JEAN-MARIE. Alex, ich habe Wichtigeres zu tun. Salut!

ALEX. Merde!

Alex trottet weiter. Er läßt sich absichtlich naßregnen. 

621 Straße, Schaufenster 


Alex kommt an einer Metzgerei vorbei. Die herrlichsten Würste und Schinken hängen im Schaufenster, nur durch eine Glasscheibe von dem Philosophen getrennt. Alex bleibt stehen. Er wendet Wittgenstein auf seine Situation an. 

ALEX. Tja, man muß den Tatsachen ins Auge blicken! 

Alex ist nicht in der Lage der Winterkrähen, die in der Großstadt von dem leben, was ihnen übriggelassen wird. Vor den Augen von Alex ist immer eine Glasscheibe, die ihn von den Tatsachen trennt. 

622 Straße

Auf seinem weiteren Weg durch den Regen gelangt Alex zu einem modernen Glasbetongebäude, vor dem Scheinwerfer, Filmgeräte und ein Lkw stehen, der die Aufschrift einer Filmfirma trägt. Alex beschleunigt seine Schritte. In dem offenen Lkw sitzt ein Mann aus dem Beleuchterteam. Alex spricht ihn an. 

ALEX. Sagen Sie mal, wird hier ein Film gedreht? 

BELEUCHTER. Ja, da drinnen.

ALEX. Ist das zufällig der Stefan Aufhäuser?

BELEUCHTER. Ja, den Namen habe ich gehört. Gehen Sie mal rein, da immer dem Kabel nach, dann finden Sie ihn schon. 
 
623 Versicherungsgebäude, Treppenhaus 

Alex folgt dem Starkstromkabel, das auf dem Boden verläuft. Das Kabel führt ihn durch lange Gänge zu einer Glastür, die sich zu einem Innenhof öffnet. Schon wieder muß er in den Regen hinaus. 

ALEX. »Der Regen fällt immer nach unten«, Bert Brecht. Alex hat für jede Lebenslage ein Zitat parat. 
 
624 Versicherungsgebäude, Foyer und Treppenhaus 


Ein dicker, kleiner Hausmeister mit Wichtigtuermiene hat Alex in Empfang genommen. Eine Gruppe neugieriger Betriebsangehöriger ver-folgt den Weg, den der Hausmeister Alex führt. 

HAUSMEISTER. Na, wissen S', ich kann hier net jeden reinlassen. Wir haben über sechshundert Leute im Betrieb. Das wäre ja die reinste Völkerwanderung! Jetzt schauen S' her: Des ist die Kamera.

ALEX. Ach...

HAUSMEISTER. Und der daneben, das ist der Herr Aufhäuser. 

Auch hier sieht Alex wieder alle seine Wunschziele hinter Glasscheiben. Außerdem beschlagen sich seine runden Brillengläser, so daß alles vor seinen Augen irreal und entrückt wirkt. 

In diesem modernistischen Gebäude haben Stefan, Reinhard und Rob sich etabliert, um eine Filmszene im Stil der Antonioni-Filme zu drehen. Sie treiben einen imponierenden professionellen Aufwand. Es wimmelt von Menschen, die an der Szene beteiligt sind oder zuschauen; unter-halb einer geschwungenen Freitreppe spielt der Jazzmusiker Clemens mit einer Band. Die große Studiokamera wird auf einem Dolly umherge-fahren. Rob ist umgeben von technischen Assistenten, Beleuchtern, Bühnenarbeitern. Überall, wo Alex seinen Blick hinwendet, brennen Scheinwerfer, sind die gläsernen Trennwände mit farbigen Folien be-spannt, so daß sich ein ganz künstliches Licht ausbreitet. Soeben wird die Klappe geschlagen. Die Kommandos »Ruhe, Ton, Ton läuft, Kamera ab, läuft«, die Ansage der Klappennummer und Stefans Regiekommando, das sind magische Formeln, die alle in diesem Raum versammelten Menschen bannen. Der kleine Aufnahmeleiter Bernd schreit noch einmal »Ruhe«, aber das wäre schon nicht mehr nötig gewesen, denn alles hält den Atem an und verfolgt die Szene, die soeben begonnen hat. Auf der Betontreppe entwickelt sich mondänes Leben: Frauen und Männer in eleganter Abendgarderobe kommen und gehen, lassen sich von den Kellnern bedienen, trinken Champagner, gehen gelangweilt umher und betrachten die Darbietung eines schwarzen Stripteasetänzer-Paares. Alex nutzt die Gelegenheit und bedient sich unbemerkt vom Brotzeitbuffet des Filmteams. In aller Eile kaut und verschlingt er eine Käsesemmel. Die Kamera mit Rob und seinen Assistenten vollführt eine sehr kompli-zierte Bewegung im Raum. Sie erfaft die Jazzband, die unter Clemens' Leitung ein Thema aus Antonionis »La Notte« spielt, sie gleitet über die Instrumente, das Schlagzeug, das Klavier, das Saxophon, um dann dem Kellner zu folgen, der auf den Treppenstufen verstreut liegende Ziffern-blätter von Uhren einsammelt, symbolhafte Gegenstände, die Alex nicht begreifen kann. Reinhard und Stefan folgen den Kamerafahrten, machen äußerst ge-spannte Gesichter und scheinen alles im Griff zu haben. Die Stripteasetänzerin hat auf der Treppe begonnen, ein Rotweinglas auf ihrer Stirn zu balancieren. Ohne den Wein zu verschütten, geht sie zu Boden und beginnt verschiedene Verrenkungen und gymnastische Übungen, bei denen sie das Weinglas weiterhin balanciert. Alex hat nach und nach den ganzen Raum erfaßt. Die Käsesemmel hat er verdrückt, ohne den Akt des Essens als solchen noch wahrzunehmen. Er ist quasi außer sich vor Erstaunen. 

ALEX . . . Wenn ich diesen Regentag betrachte, sehe ich auch mich selbst, wie ich darin stehe. Ich sehe, wie ich mich von Situation zu Situation verändere. Hier war ich sozusagen geschrumpft. Die Nässe war durch meinen Mantel, das Pelzfutter, meine Jacke, das Hemd, meine Haut in die inneren Organe gedrungen, hatte das Sonnengeflecht aufgeweicht und schließlich die moralische Ebene erreicht. Noch nie war ich so naß! - Was Wittgenstein nicht bedacht hat, waren die Voraussetzungen, die Tatsachen zu betrachten. So naß und hungrig, wie ich war, verwandelte die Szene sich in einen Traum. Reinhard, Stefan und Rob, die Freunde, traten in einem Film über Film über Film auf. Sie waren entrückt, Götter über einen Betrieb von Exoten, Schauspie-lern, die Schauspieler spielen, Kostümen, Technik, ein Apparat, der die reale Welt völlig ersetzte. 

Der schwarzen Tänzerin ist es inzwischen gelungen, das Weinglas zwischen ihren Knien zu halten, dabei einen Purzelbaum rückwärts zu machen, das Glas mit den Beinen wieder auf ihrer Stirn zu plazieren, sich vom Boden zu erheben, und schließlich wieder aufrecht zu stehen, ohne daß ein Tropfen Wein verschnttet worden wäre. Die inszenierten Party-gäste nehmen aber keine Notiz von dieser Jonglierdarbietung, sondern bewegen sich mit traurigen Gesichtern im Rhythmus der Bluesmusik und spielen eine Schickeriawelt am Rande des Weltuntergangs. Die Szene ist voll von Anspielungen auf Filme dieser Zeit Anfang der sechzigerJahre, die Stefan und Reinhard anbeten. Am Ende der endlos langen Kamerafahrt wird ein Tablett gezeigt, auf dem Uhren ohne Zeiger liegen: »Das Ende der Zeit«. Reinhard unterbricht die künstliche Szene und ruft »Schnitt!« Stefan setzt ein eifriges »Danke« darauf, und Rob erhebt sich selbstzufrieden vom Sucher der Kamera. 

ROB. Für mich war die gut! 

Alex erkennt seine Freunde nicht mehr wieder. Kaum ist die Szene abgedreht, entwickelt sich im Raum eine nervöse Betriebsamkeit. 

ALEX. Ich war ein hilfloser Frosch geworden. Ich war ganz unten, war ein nasser Bittsteller im Vorzimmer des Paradieses. 

Während die Statisten ziellos umherlaufen, der Tonmeister seine Auf-nahmemaschinen kontrolliert und die Beleuchter Kabel und Lampen umherrücken, kommt der kleine Aufnahmeleiter auf Alex zu. 

BERND. Na, Sie haben wohl auch kein Geld, um mit der Straßenbahn zu fahren! Hab ich Sie herbestellt?

ALEX. Nicht daß ich wüßte. Ich suche den Stefan Aufhäuser, Ihren Regisseur.

BERND. Den können Sie jetzt wirklich nicht stören. Sie sehen doch, der ist beim Nachdenken. Eine ganz schwierige Szene ist das, die hier gedreht wird. Sehen Sie, die Schauspieler und Partygäste, alle sind sie ganz erschöpft. Was soll ich Ihnen sagen, wovon? Von der geistigen Konzentration. Das ist das allerschwerste. Da müssen Sie Rücksicht nehmen. Na, soll ich Ihnen ein Handtuch bringen lassen? Eine Ecke des Raumes ist für die Maskenbildnerin eingerichtet worden. Dort sitzen die Schauspieler vor Schminkspiegeln, und eifrige Hände sind dabei, die Frisuren historisch herzurichten oder Perücken zu knüp- fen. Alex steht in einer Wasserpfütze, die sich unter seinem vom Regen völlig durchnäßten Mantel gebildet hat.

BERND. Sabine! Trocknet doch mal den jungen Mann da drüben ab. Kommen Sie ruhig mal rüber. . . Bernd ist ganz in seinem Element. Überall gibt es noch was zu organisie-ren. Da müssen Komparsen entlassen werden, da muß er darauf achten, daß die Kostüme ordnungsgemäß wieder abgegeben werden, schließlich muß er den Hausmeister besänftigen, der sich schon wieder aufspielt.

HAUSMEISTER. Sie, ich muß Sie daran erinnern, daß Sie um siebzehn Uhr fertig sein müssen. Wenn nämlich der Feierabendverkehr losgeht, also, der ist bei uns unberechenbar. Uber sechshundert Menschen arbeiten in dem Gebäude, und die müssen dann alle bei mir da unten vorbei. Also, siebzehn Uhr ist mein letztes Wort!

BERND. Lassen Sie's gut sein, Herr Streckfuß, es soll auch nicht Ihr Schaden sein! Ich glaub, Sie verstehen mich schon, Sie sind doch ein intelligenter Mensch. Sehen Sie, die Szene, eine ganz diffizile Sache ist das . . .

HAUSMEISTER. Also, für mich ist das ein Schmarrn! 

Bernd steckt dem Hausmeister einen Geldschein in die Tasche. Damit beruhigt er ihn. Die kleinen Statisten schnauzt er aber nur an, wie es sich für einen Aufnahmeleiter gehört. Alex wird von drei jungen Damen bearbeitet, die ihm seine nassen Klamotten vom Leib zerren und ihm den Kopf frottieren, als gehöre es zu ihrem Job, Alex wieder trocken zu machen. 

ALEX. Ich hätte gleich an Flucht denken sollen, aber da waren diese hilfreichen Frisösen, die mich sofort auszogen und abwischten, um- kleideten und fertig machten für einen Auftritt in diesem Film. Über-- all sah ich das verwandelte Geld. Man sagt, manchmal liegt es fest, mal hat man es flüssig, mal stinkt es, dann arbeitet es, mal klingelt es oder sitzt locker. Hier war es »zweckgebunden«. Ich fing an zu be-- greifen, was das für mich bedeutete. 

Oben auf der Treppe ist die Tänzerin erschienen. Sie ist ganz unbefangen, bis sie Alex' Blick spürt, der auf ihren nackten Körper gerichtet ist. Sie ergreift ihre Kleider und eilt davon. Stefan, Reinhard und Rob sitzen auf dem Kamerawagen. Sie philosophieren. Für sie ist der Einsatz der Filmtechnik noch nicht der selbständige Umgang mit dem Handwerkszeug, das zu ihrem Beruf gehört, sondern eine Auseinandersetzung mit den großen Vorbildern. 

STEFAN. Denke doch einmal an Bunuels »Viridiana«. Was ist da Traum, und was ist da Wirklichkeit? 

ROB. Ich denke an »Zazie« von Louis Malle. 

REINHARD. Jetzt reicht's aber! Ich muß drauf bestehen, daß ich als erster die Idee zu diesem Film hatte. Und zwar genau in der Nacht nach dem letzten Antonioni-Film. Da habe ich diese Szene geträumt, und zwar ohne Schnitte - und euch erzählt. So war es doch, oder?

STEFAN. O.k., dann werde ich eben darauf bestehen, daß ich meine eigenen Bilder sehe! 

Im Nu ist unter den Jungfilmern der schönste Streit entstanden. Sosehr sie sich in ihren Schwärmereien einig sind, so uneins sind sie bei der Arbeit selbst. Der Ehrgeiz, der immer so perfekt unter ihrem Kunstanspruch verborgen blieb, verschafft sich nun Raum. 

REINHARD. Unter meinem Namen ist das Drehbuch eingereicht und gefördert worden. Da ist doch ein gewisser Zusammenhang, den ich für mich in Anspruch nehmen kann! Das ist meine Idee und das Geld, und das kommt zusammen. Also habe ich hier auch was zu sagen. 

STEFAN. Und ich zeichne für die Regie verantwortlich. Darüber waren wir uns immer einig. Und diese Aufgabe ist unteilbar. Glaubst du, Visconti oder Fellini lassen sich von ihrem Drehbuchautor rein-reden? 

REINHARD. Oder Stefan Aufhäuser!

STEFAN. Arschloch! 

ROB. So? ...Jetzt ist Schluß! Ihr vergeßt gerade euren Produzenten. Während ihr hier eure Regiebesprechung habt, stehen nämlich sechs Schauspieler, z5 Komparsen und ein ganzes Team in der Gegend herum. Ihr müßt so was abends in der Kneipe diskutieren, da ist es billiger. Herbert, wir bauen ab! 

Rob hat sich hinter dem Praktikerstandpunkt verschanzt. Als Kamera-mann hat er das technische Team unter sich und kann agieren, während die Freunde sich in sinnlose Worte verstricken lassen. Aber kaum beginnen die Beleuchter Robs Anordnungen auszuführen, setzt sich wieder eine andere Routine des technischen Ablaufs in Gang. Die Regieassistentin Ulla fährt dazwischen und fordert das Recht ihres Jobs. 

ULLA. Moment, Moment, wir müssen noch eine Raumatmo machen. Raumatmo! Raumatmo! 

Es ist gar nicht so einfach, in dem Ameisenhaufen von führungslosen Filmschaffenden Ruhe zu organisieren und das zarte Eigengeräusch dieses Drehorts auf Band einzufangen. Alle sind sich zwar einig, daß die »Raumatmosphäre« aufgenommen werden muß, damit die Cutterin später die Tonpausen mit dem authentischen Geräusch füllen kann. Aber selbst der sonst so eifrige Aufnahmeleiter Bernd kann seine kleine Ansprache nicht unterbrechen, mit der er dem Hausmeister und den Versicherungsangestellten imponiert. Er läßt die Neugierigen durch Farbfolien blicken, mit denen Rob das Licht einfärbt. 

BERND. Sehen Sie, wie eigenartig sich der Raum verfärbt? So machen wir das beim Film. Einfach, werden Sie sagen, aber da schätzen Sie die Colortechnik falsch ein. Ein ganz komplizierter Vorgang ist das. Und soll ich Ihnen mal sagen, . . .

ULLA. Ruhe jetzt!

BERND... was Sie dann nachher im Kino sehen?

ULLA. Ruhe jetzt!

BERND . Ein komplettes Bild des Zerfalls! Und nun denken Sie mal an den Atomkrieg.

ULLA. Ruhe bitte jetzt! Raumatmo! Keine Bewegung! 

Endlich hat Ulla, die wild gestikulierend im Raum umhergelaufen ist, sich durchgesetzt. Es wird still am Drehort. Bernd hält in seinem Vortrag inne, der Saxophonist unterbricht seine Übungen auf dem Instrument, und die Komparsen bleiben mitten in ihren Bewegungen stehen. Der Tonmeister schaltet sein Gerät auf Aufnahme und macht seine Ansage. 

TONMEISTER. Atmo... 

Während einer »Atmo«-Aufnahme ergeben sich bei Filmteams die komischsten Situationen. Jeder erstarrt in seiner Arbeit, als hätte man einen Film angehalten: Der Saxophonist wagt nicht mehr, sein Instru-ment vom Mund abzusetzen, sobald die Aufnahme läuft. Die drei Filmemacher können ihren Streit nun nur noch stumm und mit bösen Blicken austragen. Der Standfotograf hält die Kamera auf sein Objekt, fertig zum Abdrücken, wohlwissend, daß der Ausdruck im Gesicht seines Modells dahin sein wird, wenn die »Atmo«-Aufnahme beendet ist. Alex, der den ganzen Tag im Regen umhergelaufen ist, bekommt ausgerechnet in diesem teuren Augenblick einen Niesanfall, den er mit allen Mitteln zu unterdrücken versucht. Jetzt hat Stefan auch den Freund erkannt. Er versucht, so leise auf ihn zuzugehen, daß es kein vom Mikrofon wahrnehmbares Geräusch macht. Alex winkt besserwissend und steht seit der » Atmo « -Ansage auf einem Fuß. Er wagt es nicht mehr, den anderen Fuß auf den Boden zu setzen. Eine Minute kann endlos lang sein. Die schwarze Tänzerin ist in einer Tanzpose erstarrt. Langsam hilft ihr Kollege, ihr das Bein auf einem Praktikabeltisch abzustützen. Die Garderobenfrau hält mitten beim Annähen des Knopfes inne, während eine Mädchengruppe in der Nähe des Tonmeisters mühsam versucht, das Kichern zu unterdrücken. Eine Schweigeminute ist eine Qual, wenn es Leute gibt, die nicht ernst bleiben können. Das Filmteam bekommt Ähnlichkeiten mit einer Kindergartenklasse. Plötzlich ist die Situation nicht mehr zu beherrschen: Die Kicherer kichern los, die Huster müssen husten und die Clowns ihre Witze loswerden. So entsteht eine »Raum-atmo«. Sie ist immer zu kurz. Der Tonmeister bedankt sich, Bernd bedankt sich, und Stefan kann endlich Alex begrüßen. 

ALEX. Endlich, ich bin ein Opfer eures ewigen Individualismus. 

STEFAN. Ja, Alex, ich auch! 

Stefan macht slch sotort von Alex los, als er Relnhard auf sich zukommen sieht. 

REINHARD. Stefan, Moment mal, Stefan. . .

ALEX. Reinhard, grüß dich. Weißt du was, ich bin pleite!

REINHARD. Alex, das ist ein sehr schlechter Augenblick. Stefan! Plötzlich spielt das Geld keine Rolle oder was . . . 

Reinhard läßt Alex einfach stehen. Rob, der den Streit immer noch schlichten will, folgt ihm. Alex versucht, ihn festzuhalten. 

ALEX. Rob, du bist meine letzte Chance!

ROB. Alex, wenn zwei Regie führen, das ist die Hölle. 

Schon rennt auch Rob hinter den Freunden her, so daß Alex allein unter den verwirrten Filmschaffenden stehenbleibt. Bernd versucht zwar, die Ordnung wiederherzustellen, aber die zerstrittenen Jungfilmer haben den Raum verlassen. Alex entschließt sich, ihnen zu folgen. In den ulkigen Klamotten, die man ihm angezogen hat, in ausgelatschten Filzpantoffeln und mit einem Handtuch um die Hüften rennt Alex nach draußen auf die Straße. 

625 Vor Versicherungsgebäude

Außerhalb des Gebäudes herrscht immer noch der 23.November: Regen, Kälte, Zugluft, Dämmerung. Rob hat Reinhard eingeholt, der einen Moment zögert, Stefan in den Regen zu folgen. 

STEFAN. Du hast von Geld keine Ahnung! 

REINHARD. Ich habe von Geld keine Ahnung? Was ist denn das, jetzt nach dem zweiten Tag? 

ROB. Reinhard, ihr könnt jetzt nicht einfach das Motiv verlassen. Herrgottnochmal, Stefan, Reinhard, so was Unprofessionelles! Das einzige, was ich machen will, ist ein Film, und nicht mit euch intellektuellen Schwachköpfen hier rumdiskutieren. Das ist einfach unglaublich! Es ist zum Kotzen. . . 

Der Streit hat sich vom Eingangsbereich über die Straße fortgesetzt bis zu den einander gegenüberstehenden Autos von Stefan und Reinhard. Die beiden setzen sich in ihre Wagen, während Rob gestikulierend von einem zum anderen läuft. Schließlich gibt er es auf. Er spürt auch, daß er immer noch nasser wird. Er rennt über die Straße zurück und trifft dort auf den armen Alex, der ihn ja nur anpumpen wollte. 

ALEX. Rob...

ROB. Erzähle mir nicht, daß du nicht auch noch Regie führen willst! 

ALEX. Ich wollte euch doch nur was fragen . . . 

Rob läft Alex einfach im Regen stehen und verschwindet im Haus. 

In diesem Augenblick kommt der Sightseeing-Bus vorbei, den Alex schon am Morgen gesehen hat, mit Hermanns Jugendfreundin Wal-traud und einer neuen Ladung von amerikanischen Touristen, die München besichtigen wollen. 
 
626 Sightseeing-Bus


Waltraud, genannt Schnüßchen, ist sehr geschickt, wenn es darum geht, ihren Vortrag für die Touristen mit dem in Einklang zu bringen, was sie durch die verregneten Scheiben draußen zu sehen bekommt. Der Fahrer verlangsamt die Fahrt, als die Touristen dem schon wieder durchnäften Alex in seinen Pantoffeln zuwinken. Schnüßchen kommentiert durch das Bordmikrofon. 

SCHNUSSCHEN ... as you see, Munich is also a capital of the film-industry. At every corner you can see German »Jungfilmers « . . . Oh, I know him! Look, say »Hello« to him! Hello!

ALEX. Das ist ja das Fräulein Waltraud. . .

SCHNÜSSCHEN . . . He is an actor or a student. Look at the funny clothes he wears. 

Schnüßchen und die Touristen sehen, wie draußen die Garderoben-frauen erscheinen, um Alex seine Kleider wieder anzuziehen. Es ist wirklich ein Stück Filmwelt, die sich hier auf dem Trottoir abspielt. Der Sightseeing-Bus fährt langsam weiter. Die Besichtigungsfahrt geht nun zum Odeonsplatz und über den klassi-zistischen Königsplatz zurück zum Hauptbahnhof. Schnüßchen kom-mentiert alles, was zu sehen ist. 

SCHNÜSSCHEN. The Feldherrnhalle ist constructed by the famous archi-tect von Gärtner in I844. As you all know, Hitler tried here at this place to come into power in I923. Ladies and gentlemen, I hope you enjoyed your trip to what is Munich. Mr. Ludwig and I we thank you very much for your interest, and we say: »have a good day. « 

627 Hauptbahnhof


Die Touristen applaudieren und verabschieden sich von der kleinen Fremdenführerin. Der Hauptbahnhof ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt der Stadtrundfahrt. Im Aussteigen bemerkt Schnüßchen einen jungen Mann, der diese » Spu-ren«-Plakate aufhängt, die sie schon am Morgen in Hermanns Zimmer gesehen hat. Es ist Juan, der hier offenbar Hermann hilft. Schnüßchen spürt, daß eine Begegnung auf sie wartet. Sie überläßt die Touristen dem Busfahrer Ludwig und eilt die Treppen zum Bahnhof hinauf. 

SCHNUSSCHEN . . . Also, ich han alles vergesse, was am 23. November I963 passiert ist, aber eines weiß ich noch ganz genau: dat ich dich endlich getroffe hab, Hermann. Im Münchner Hauptbahnhof. Wo sollen sich zwei Hunsrücker auch sonst treffen? Der liebe Gott hat dich in den Bahnhof geschickt, da bin ich ganz sicher. Genau um zwanzig vor vier hat dich der liebe Gott in den Bahnhof geschickt! 

Unter den vielen Reisenden, die hier umherlaufen, und in all der Betriebsamkeit des Großstadtbahnhofs findet Schnüßchen schnell, was sie sucht. Es ist Hermann, der gerade die Verkäuferin der Bahnhofs-buchhandlung dazu überredet, eins seiner Plakate in ihr Schaufenster zu hängen. Schnüßchen bleibt einfach vor der Buchhandlung stehen. Sie fixiert Hermann, bis er unruhig wird und ihr fragend in die Augen sieht. 

SCHNÜSSCHEN. Du guckst und guckst. Ei, Hermann, kennst du mich denn nicht mehr? Jetzt denke mal nach, Hermann. Fünf, sechs Jahre mußt du schon zurückgehen: Da war Kirmes unten an der Mosel. Wir sind aus dem Tanzzelt zusammen rausgegangen, weißt du noch? Und dann haben wir uns ans Ufer gesetzt, und dann hab ich dir was erklärt... 

HERMANN. Wie der Zungenkuß geht! Mensch, Schnüßchen, du bist dat! Sag mal, was hast du denn für ein komisches Kostüm an? 

SCHNÜSSCHEN. Ei, ich bin doch bei der Münchner Stadtrundfahrt. Das ist mein erster Arbeitstag, und schon laufe ich weg und schwänze die letzten fünf Minuten. Nä, Hermann, bist du dat wirklich ? 

Schnüßchens Begrüßung ist so laut und so betont fröhlich, daß ihre Stimme in der ganzen Bahnhofshalle widerhallt. Nichts ist ihr so intim, daß sie es nicht hemmungslos hinausposaunen könnte. Hermann gerät aus der Fassung. Jetzt fängt auch er unwillkürlich an, lauter zu reden als sonst und den Heimatdialekt wieder anzunehmen.

HERMANN. Sage mal, Schnüßchen, wie kommst du denn nach München?

SCHNÜSSCHEN. Jaaa . . .

HERMANN. Ich hab ganz vergessen, wie du ausguckst. Ei, schön siehst du aus!

SCHNÜSSCHEN. Älter und reifer. Und du? Bist Komponist geworden. Das hast du dir doch immer gewünscht. 

Hermann fällt jetzt die Lautstärke der Begrüßung auf. Die Verkäuferin von der Buchhandlung hält beim Dekorieren ihres Schaufensters inne. Sie starrt die beiden Hunsrücker an. Das wird Hermann peinlich. 

HERMANN. Laß uns hier weggehen. Ich glaube, wir stehen im Weg. Gehn wir raus. Nä, dat Schnüßchen!

SCHNÜSSCHEN. Hermann, sei so gut und nenne mich hier in München bei meinem richtigen Namen. Sag Waltraud zu mir. Sonst werd ich den Hunsrück zu Leben-Lebtag net mehr los. 

Er bemerkt, daß Juan im Hintergrund der Bahnhofshalle Schwierigkeiten mit einem Bahnpolizisten hat, der die illegal angeklebten Spuren-Plakate requiriert. Deswegen führt Hermann Schnüßchen zu dem Freund. Hilfe ist aber nicht mehr nötig, weil Juan das Problem mit seinem asiatischen Lächeln gelöst hat. Er läßt den Polizisten einfach die Plakate mitnehmen.

HERMANN. Darf ich vorstellen? Das ist Juan, mein Freund, das ist Waltraud, eine Jugendfreundin. 

SCHNÜSSCHEN (lacht). Das klingt komisch: Jugendfreundin! Als wären wir schon uralt. Nä, Hermann, is dat schön, daß ich dich wiedersehe! Komm, ich muß dir mal richtig um den Hals fallen. Keine Angst, du kriegst net gleich noch mal einen Zungenkuß. 

Schnüßchen hat ihre Handtasche zu Boden fallen lassen, um Hermann besser drücken zu können. Als sie sieht, daß Juan die Szene ein wenig verlegen beobachtet, läßt sie Hermann los und nimmt einfach Juan in die Arme. Sie drückt auch ihn. 

SCHNÜSSCHEN. Und Sie sollen auch was davon abkriegen. Ich komme nämlich aus der Gegend, wo der Hermann auch herkommt. 

Als Hermann noch einmal zur Bahnhofsbuchhandlung hinübersieht, erkennt er Clarissa, die da - völlig in sich versunken und in ihren Wintermantel gehüllt - vorüberhuscht. Hermann wendet sich schnell an Juan und Schnüßchen. 

HERMANN. Wartet mal einen Moment, ich komme gleich wieder. 

Hermann rennt los. Er ruft Clarissas Namen. Schnüßchen sieht hinter ihm her. Sie ist glücklich, ihn endlich getroffen zu haben. 

SCHNÜSSCHEN. Gut sieht er aus, der Hermann. Er war ja schon daheim immer ein schöner Kerl. Aber daß er hier in München auch noch von allen anderen absticht, alle Achtung. 

Hermann verfolgt Clarissa bis zu den Bahnsteigen. Zuerst verliert er sie aus den Augen, dann findet er sie wieder, als sie gerade in den Zug nach Rosenheim einsteigt. Sie ist so spät gekommen, daß der Zug sich in Bewegung setzt, sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hat. Hermann kann ihr nur noch nachwinken. Er sieht, wie sie das Fenster öffnet, um sich zu vergewissern, ob er es wirklich ist. Der Zug rollt aus dem Bahnhofsgebäude hinaus. Hermann kehrt um. 

628 Straße vor Haus Olga


Helgas Seelenzustand hat sich seit diesem Morgen auf bedenkliche Weise verschlimmert. Sie irrt im Regen umher und hat sich von einem wildfremden Menschen in einem Volkswagen mitnehmen lassen. Jetzt erkennt sie Alex, der durch den Regen läuft. Sie ruft nach ihm und verläft - sobald der Autofahrer anhält - den VW, um bei dem über-raschten Freund Hilfe zu suchen. 

ALEX. Helga, was machst du denn hier? 

HELGA. Alex, halt mich, halt mich fest!

ALEX. Aber ja!

HELGA. Ich werde verrückt! 

ALEX. Was ist denn ?

HELGA. Ich glaube, ich werde verrückt! 

ALEX. Was ist denn?

Die Begegnung mit Alex ereignet sich vor einem Geschäft für Schaufen-sterpuppen. Die vielen künstlichen Menschenkörper hinter den Glas-scheiben, der strömende Regen über der Szene, die Sprüche von Alex lassen die Situation tatsächlich wie das Wahnbild eines Irren erscheinen. Helga atmet heftig, schreit angsterfüllt auf und versucht, sich an Alex zu klammern. 

ALEX. Denke an Hölderlin. Seine Gedichte wurden immer besser. 

HELGA. Mir tut das so weh hier drin! 

ALEX. Weißt du, was Spinoza dazu sagt? »Schmerz ist ein lokalisierter Kummer.« Ist es das Herz, ist es die Liebe. Aber Liebe, das ist doch nur Prestige. Schau mich an! Nimm dir ein Beispiel an mir, an uns Philosophen. Ich bin frei davon. 

Alex hat Helga um die Hausecke geführt. Vor einer Eingangstür bleibt er stehen. 

ALEX.So, und jetzt mußt du mir helfen. 

HELGA. Wieso denn? Wobei denn? 

ALEX. Ich muß Olga anpumpen. Sie ist meine letzte Hoffnung. Ich habe ihr schon dreimal geholfen, einmal im Mai 61, das zweite Mal im Februar 62 und das dritte Mal im gleichen Jahr, als sie im August in Urlaub fahren wollte. Da hatte sie gerade ihr Beischläfer verlassen. 

Er hat einen Namen gefunden, der auf dem Klingelbrett steht. Er grinst. 

ALEX. Ah, hier! Diplomingenieur Viereck. Sehr sinnig! 

629 Wohnung Olga


Olga öffnet ihre Wohnungstur. Sie bekommt in der Zugluft sofort einen gewaltigen Niesanfall. Ihr Gesicht ist verquollen, von einer scheußli-chen Grippe gezeichnet. Alex drückt sich an der kranken Schauspielerin vorbei, um die Wohnung inspizieren zu können. 

ALEX. Stecke uns nicht an. Ich gehe auch gleich wieder. 

HELGA. Wo lebst du denn hier?

OLGA. Ihr seid ja völlig verrückt! Was macht ihr denn hier? Ihr seid ja pitschnaß. Ihr macht mir hier alles dreckig! Alex, komm, geh da aufs Bett! Zieh die Schuhe aus und halt die Klappe! 

Helga, die diese Wohnung noch nie betreten hat, läuft in dem geräumi-gen Schwabinger Atelierzimmer umher. Es gibt hier ein nach Norden gerichtetes Atelierfenster, wie man sie früher gebaut hat, als die Maler noch zum Kolorit dieses Stadtviertels gezählt wurden. Heute ist diese Wohnung das Domizil von Olgas »Beischläfer«, wie Alex sagt, des Ingenieurs Viereck. Der ist aber nicht anwesend. Das einzige, was von ihm Zeugnis gibt, sind Arbeitstische und ein hohes Zeichengerät, das dekorativ in der Mitte des Zimmers steht. An den offenliegenden Dachbalken entlang führt eine Wendeltreppe zu einer Empore hinauf. Dort oben scheint es den Schlafraum zu geben. Olga hat sich mit Packpapier einen Fotohintergrund gebastelt. Die Zimmerpalme soll eine gewisse Strandatmosphäre zaubern, die durch zwei kleine Scheinwerfer verstärkt wird. Die Besucher haben Olga bei ihren Versuchen gestört, sich selbst zu fotografieren. Olga geht ruppig mit ihren Besuchern um, vor allem mit Alex, den sie hemmungslos herumkommandiert. Sie bekommt einen Niesanfall nach dem anderen. Olga stellt ihre Fotokamera auf ein Stativ. 

OLGA. Komm mal her, Helga! Also, paß auf, hier ist der Auslöser, und so transportiert man den Film. Da mußt du einfach nur draufdrücken, wenn ich in Positur stehe, klar?

HELGA. Wie am Strand von Waikiki . . . 

OLGA. Drück jetzt endlich ab! 

Olga hat sich eine blonde Langhaarperücke über den Kopf gestülpt und das Badetuch, in das sie gewickelt war, abgelegt. Ein hübscher Bikini kommt zum Vorschein. Aber genau in dem Augenblick, in dem Helga den Auslöser drückt, muß Olga wieder niesen. Der Rotz läuft ihr aus der Nase. Alles ist verdorben. 

OLGA. Scheiße! 

Sie träufelt sich den Saft einer Zitrone in den Mund, um die Halsschmer-zen zu bekämpfen. Alex hat sich auf ihr Bett gelegt und nimmt eine Art Yogahaltung »gegen Hunger« ein. 

OLGA. Schlaf mir da nicht ein! Ich bekomme nämlich noch Besuch, und da mußt du hier weg.

ALEX. Ah, dein junger, dynamischer Positivist.

OLGA. Halt den Mund! Nein, es ist der Fahrer von dem Regieassistenten von dem Regisseur von dem Film, bei dem ich mich bewerbe. Die Bilder müssen noch heute nach Rom. Die werden dort nämlich ent-wickelt.

ALEX. In Rom? Bekommst du denn eine Filmrolle in Rom? 

Olga begibt sich auf die Galerie, um sich dort umzuziehen. 

OLGA. Ja, die haben Fotos von mir verlangt. Aber ich habe keine, jedenfalls keine, die zu denen passen würden.

HELGA. Film? Was denn für ein Film?

OLGA. »Volles Herz und leerer Beutel« oder so ähnlich. Aber immerhin soll ich neben Heidi Brühl an der Via Veneto spielen. 

Als Olga in ihrem eleganten Kleid die Wendeltreppe herunterkommt, ist Alex ganz betont höflich zu ihr. Er behandelt sie, als wäre sie bereits der Filmstar, der sie mit Hilfe dieser lächerlichen Fotos werden möchte. Er hilft ihr in die hochhackigen Schuhe. Olga hat es eilig, um das Bild nicht wieder durch Niesanfälle zu gefährden. Nun hilft Alex, das Foto zu machen. Sobald sie in Positur steht, sieht er durch den Kamerasucher, bevor der den Auslöser betätigt. 

ALEX. Apropos, ich hätte da eine Frage . . . »leerer Beutel«!

OLGA. Warum seid ihr überhaupt hier? Ihr kommt doch sonst nie. Ich ahne es schon: weil du mich anpumpen willst, Alex, stimmt's oder habe ich recht?

ALEX. Da hast du nicht unrecht, Genossin!

OLGA. Hör mit deiner Genossin auf. Dieses blöde Gruppengetue. Ich gehöre nicht zu euch. 

Olga setzt sich eine Fellmütze auf den Kopf. Sie begibt sich zu einem Wandspiegel, um sich zurechtzumachen. Plötzlich wird sie ganz ver-zagt. Sie betrachtet ihr Spiegelbild und fängt an, leise zu weinen. 

OLGA. Ich bin Schauspielerin. Wißt ihr überhaupt, was das ist? Eine leicht verderbliche Ware. Zum alsbaldigen Verzehr bestimmt. Was habe ich schon zu verkaufen? Meine Jugend. . . Habe ich eine Wahl? Als Schauspielerin bist du auf die Initiative der anderen angewiesen. Die Schriftsteller, die Regisseure, die Produzenten, die bestimmen, was aus dir wird. Und wenn die bekloppt sind, dann wirst du auch bekloppt. Und wenn die dich nicht kennen, dann gehst du ein. 

Helga ist immer unruhiger geworden. Sie zieht sich ihre nassen Schuhe wieder an. Auch Alex hat keine Lust mehr, sich zu seinem Elend auch noch das Elend von Olgas Karriere anzuhören. 

HELGA. Ich kann das nicht mehr aushalten, dieses primitive Lamento!

ALEX. Warte, ich komme mit!

OLGA. Helga, du hast dich immer überlegen gefühlt. Und warum? Weil du nämlich nichts riskierst. Das ist es, da steht man fein da. Und du, Alex? Du riskierst schon ein bißchen mehr, weil du nämlich häßlich bist und nichts kannst außer lesen und klug sein.

ALEX. Danke! Jedem seine Tragik, jedem seine Verachtung.

HELGA. Alex, komm wir gehen. 

Alex und Helga haben sich die Schuhe angezogen. Helga steht schon im Mantel da. Sie will die Wohnungstür öffnen. In diesem Augenblick setzt Olga zum Gegenangriff an. Sie rennt wütend umher und fängt an, die Freunde mit schriller Stimme zu beschimpfen. 

OLGA ... Jetzt sage ich euch mal was: Keiner von uns dreien kann den anderen leiden. Wir kennen uns über sogenannte Freunde. Und warum treffen wir uns dann so »rein zufällig« an diesem ekelhaften Novembertag? Weil wir nämlich am Ende sind! Alle drei am Ende!

HELGA. Das ist wahr . . .

Helga ist getroffen. Sie sinkt wie ein wundes Tier auf den Boden. All ihr Schmerz vom Vormittag kommt wieder zum Vorschein. Olga hat ihr die Wahrheit gesagt. 

OLGA. Du liebst den Hermann, kriegst ihn aber nicht. Hah, du wirst ihn nämlich nie kriegen! Ja, er schläft manchmal mit dir, aber seine Seele ist weit. Er ist auch eines dieser arroganten Genies wie Jean-Marie und Volker und Stefan und Reinhard und all die anderen. Sie basteln an ihrer Unsterblichkeit herum. Dafür brauchen sie uns nicht. Wir sind keine Genies, aber auch nicht untertänig. Helga, wenn du so ein Heimchen am Herd wärest, eine, die ihm die Füße leckt und ihn anhimmelt, ja, dann hättest du eine Chance bei ihm. 

ALEX. Schön, Olga, daß du wenigstens sein Genie erkennst! Das ehrt dich, das nenne ich sogar Freundschaft. 

OLGA. Alex, du bist kein Künstler. Was dich so rührend macht, ist, daß du nicht neidisch bist. Irgendwie bist du großzügig. Komm, Alex, ich brate uns ein paar Spiegeleier, willst du? 

Alex ist bei der Abrechnung ziemlich ungeschoren geblieben. Die Aussicht, nun endlich etwas zu essen zu bekommen, ändert die Situation für ihn vollkommen. 

ALEX. Oh, da bin ich nicht abgeneigt. 

OLGA. Helga, gib dir einen Ruck, zieh den Mantel aus! 

Helga denkt nach. So ohne weiteres kann sie doch nicht zugeben, daß Olga ihr Drama mit Hermann richtig erkannt hat. 

HEEGA. Olga? 

OEGA. Ja? 

HELGA. Du hast vorhin vergessen, daß ich Gedichte schreibe. 

OLGA. Ja, schöne Liedertexte für Hermann, aber du gibst dem Leben den Vorzug vor der Kunst. Das unterscheidet sie übrigens auch von mir. 

ALEX. Ah ja. 

In Helgas Seele hat sich etwas angestaut, das nicht mit guten Worten und nicht mit Spiegeleiern zu beruhigen ist. Sie springt auf. Sie zertram-pelt Olgas Packpapier-Horizont und gerät außer sich. 

HELGA. Soll ich euch mal was sagen? Ich werde diese Stadt verlassen! Und wißt ihr auch, warum? Weil München eine Illusion ist, eine Chimäre: vorn Löwe, in der Mitte Schlange und hinten Schweine-schinken! 

Das Brutzeln der drei Spiegeleier in Olgas Pfanne klingt so ähnlich wie das Prasseln des Regens, der den ganzen Tag schon auf die Stadt niedergeht. 

630 Hausflur, Wohnung Schnüßchen


Mit einer Chiantiflasche in der Hand kommt Hermann aus dem Auf-zug, der im oberen Stockwerk eines Mietshauses aus den fünfziger Jahren angehalten hat. Er wischt sich das Regenwasser aus Gesicht und Haaren und eilt zu einer Wohnungstür, die offensteht. Er ist gut gelaunt und in schwunghafter Bewegung. 

HERMANN. Um die Flasche Chianti zu kaufen, habe ich in der Kneipe all die leeren Pfandflaschen eingelöst, die ich an diesem Abend auftrei-ben konnte. 

Er betritt das Appartement, in dem Schnüßchen schon am Tisch sitzt, um Salat zu putzen. Über ihrem adretten Pulli und dem hellen Falten-rock trägt sie eine Hausfrauenschürze. Als Hermann sich das Küchen-handtuch schnappt, um sich damit das regennasse Gesicht abzuwi-schen, schreitet sie ein. Für den Kopf hat sie ein anderes, ein eigens dafür bestimmtes Frotteetuch. 

HERMANN. Nach dem langen Tag in Kälte und Regen wollten wir es uns bei Waltraud gemütlich machen. Sie verfügte über das Appartement einer Kollegin, die nach Amerika gereist war. Es gab dort eine Zentralheizung und eine komplette Kücheneinrichtung, so daß Juan endlich Gelegenheit hatte, uns seine Kochkünste vorzuführen. 

Die Küche ist eher eine große Kochnische. Sie ist aber mit allem ausgestattet, was Juan braucht, um sein südamerikanisches Gericht zuzubereiten. Auch Juan trägt eine Schürze, die Schnüßchen ihm umge-bunden hat. Aus einer Zeitung hat er sich kunstvoll eine Art Kochmütze gefaltet, die er auf dem Kopf trägt. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, was der Juan da kochen tut? Dat sind Empanadas. Woher kommen die, Juan? Aus Chile oder aus Boli-vien?

JUAN. Ich glaube, aus Peru. Aber eigentlich sind sie das Nationalgericht von Chile. Hermann, mach bitte die Flasche auf, ich brauche ein paar Tropfen Wein, für den Pino. 

Schnüßchen überreicht Hermann den Korkenzieher. Sie ist stolz, daß sie mit allem dienen kann, was gebraucht wird. Während Hermann sich mit dem Korkenzieher abmüht, stellt sie sich so an den Tisch, daß er ihre aufreizende Körperhaltung betrachten kann. Sie spürt und genießt die lüsternen Blicke ihres Landsmanns. 

Feierlich öffnet Juan das Backrohr. Er zeigt die fertiggebackenen Empa-nadas' eine Reihe goldbraun aussehender Teigtaschen, die mit allerlei raffinierten Mischungen gefüllt sind. Hermann kommt, vom Duft des Gebäcks angezogen, an die Küchentür. Er überreicht Juan die Weinflasche. 

HERMANN. Das erinnert mich an Weihnachten, an Weihnachtsplätz-chen, die habe ich immer so gern gegessen, oder Zimtwäffelchen. 

Kennst du die, Schnüßchen? Oh, Verzeihung, Waltraud! Komm, laß mich Schnüßchen sagen, sonst komme ich noch ganz durcheinander. Auch Waltraud wird von Erinnerungen an den Hunsrück überfallen. Sie wartet, bis Hermann nah genug bei ihr ist, dann greift sie seine Rekapi-tulation der Hunsrücker Küche auf. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, was mein Lieblingsessen war, daheim? So Krummbeere-Auflauf oder »Stampes«. Kennst du dat?

HERMANN. Ei, allemol! Wie hat denn dei Mutter dat gemacht? Mit »Brätlauch« oder mit »Moaten«? Mir han immer »Äppelbrei« hin-nerher geß. 

SCHNUSSCHEN ... oder »Schweinebrüh« und »Gequellte«. Und dann »Arme Ritter«. Kennst du die?

HERMANN. Oder »Krummbeereklöß« oder »Schwenkbraten«, oder »Dippelabbes«. Kennst du »Dippelabbes« ? 

Hermann muß lachen, weil ihm die Dialektbezeichnungen der Speisen so fremd und doch so vertraut vorkommen. Er wundert sich, daß er solche Namen in Erinnerung hat, und daß er so was überhaupt in seinem Hirn herumträgt. Schnüßchen ist da ganz anders, sie verleugnet ihren Dialekt nicht. 

JUAN. Was ist das: » Krummbeere« ? 

SCHNÜSSCHEN. Ei, die habt ihr doch erfunden, in Südamerika. Von euch, da kommen die doch her, Kartoffeln meine ich.

JUAN. Ah, Papas! Guck, die erste Runde ist fertig. 

Juan hält das Backblech mit den fertigen Empanadas in die Höhe, damit man seine Arbeit auch bewundern kann. Hermann gießt die Rotwein-gläser voll. Schnüßchen wird ganz feierlich. Sie zieht die Schürze aus und zündet die Kerzen an, die auf dem Tisch stehen. 

HERMANN. Ich habe jetzt richtig Hunger! 

SCHNÜSSCHEN. Die riechen wirklich wie Weihnachten!

JUAN. Ich glaube, das ist das Piment. Ihr müßt Geduld haben, sie sind noch sehr heiß.

SCHNÜSSCHEN. Trinken wir!

HERMANN. Auf den Koch! 

Die drei Weingläser treffen sich über dem schön gedeckten Tisch. Sie klingen und werden zu den drei Mündern geführt. Die Augen leuchten. 

SCHNUSSCHEN. Darauf, daß wir uns heut gefunden haben. 

631 Straße in Rosenheim

Clarissa ist in der bayerischen Kleinstadt angekommen. Hier liegt Herbstnebel über Straßen und Gärten. Sie sucht den Weg. Sie liest Straßenschilder. Dann geht sie entschlossen in eine Gartenstraße, die rechts und links mit Einfamilienhäusern bebaut ist. 

CLARISSA. Ich habe von diesem Tag lauter Gerüche in Erinnerung. Der Rosenheimer Arzt wohnte in der Nähe eines Fichtenwaldes. In der nebligen Luft roch es nach Benzin und Harz und faulendem Laub. Vier Jungen versuchten, ein Fahrzeug anzuschieben. Die Auspuffgase vermischten sich mit dem Geruch der klatschnassen Pflastersteine vor dem Haus des Arztes. Beim Gartentor gab es eine Lampe, die nach verschmorten Elektroleitungen roch, und eine Mülltonne stand da, deren vergorener Inhalt säuerliche Luft ausströmte. Ich kam an der Autogarage des Arztes vorbei: Altölgeruch vermischte sich mit dem Efeu und den verwelLten Rosen neben der Hausmauer. Selbst das Eisengitter verströmte einen Geruch. Es roch nach Rost und Nässe. 

Mehrmals ist der Arzt im Hintergrund des Grundstücks sichtbar gewor-den. Zuerst hat er sich vor der Garage zu schaffen gemacht. Dann ist er im Haus verschwunden. Leise schnarrt der elektrische Türöffner, so-bald Clarissa am Gartentürchen ankommt. Sie wird heimlich erwartet. 
 
632 Arzthaus

Mit zögernden Schritten nähert sich Clarissa der Haustür, die offen-steht. Der Blick in eine muffige kleine Diele wird frei. Eine Zwischentür versperrt den Zugang zum Wohnbereich. Für eine Sekunde wird der Glatzkopf des Arztes sichtbar, der an einer Kellertreppe verschwindet. Ein Luftzug bewegt ein Blatt Schreibpapier, das an die Wandvertäfelung geheftet ist. Ein primitiv daraufgemalter Pfeil weist stumm in die Richtung, die Clarissa nehmen soll. 

CLARISSA. Als ich das Haus betrat, umfing mich die stickige Luft eines Kellers. Es roch nach feuchtem Gips, nach Urin und Chloroform. 

Mein eigener Mantel begann, modrig zu riechen. Alle meine Wahr-nehmungen reduzierten sich auf das Einatmen von Gerüchen . . . 

633 Behandlungszimmer


Sie hat die Kellerräume erreicht, in denen der Abtreibungsarzt sein Handwerk ausübt. Durch eine Art Abstellraum, in dem ausgestopfte Tiere und alte Möbel stehen, gelangt sie zu einem Vorhang, hinter dem allerlei medizinisches Gerät zu sehen ist: Metallmöbel, eine Vitrine mit Medikamenten, ein fahrbares Tischchen mit chirurgischen Werkzeugen und das alte Modell eines gynäkologischen Stuhls. Der Arzt hustet mit den verschleimten Bronchien des chronischen Rauchers. Er wühlt in seinen Werkzeugen herum und vermeidet es, Clarissa anzusehen. Noch begrüßt er sie nicht. 

ARZT. Machen Sie sich frei. Das Geld können Sie dahin legen. 

Clarissa zieht ihre verkrampfte Hand aus der Manteltasche. Sie hat die achthundert Mark während des ganzen Weges unbewußt in der Faust gehalten. Jetzt sind die Geldscheine feucht von ihrem Angstschweiß. Sie läft die Scheine auf das Gerätetischchen gleiten. Da liegen sie zwischen Spritzen und Kanülen. 

CLARISSA. So deutlich und so scharf abgegrenzt riechen vielleicht die Hunde, wenn ihnen Gefahr droht. 

Langsam zieht sie nun ihren Mantel aus. Es gibt hier nicht einmal einen Haken, an dem sie ihn aufhängen könnte. Schließlich legt sie ihn über den Wandschirm, von dem er abzurutschen droht. Der Arzt hustet wieder. Clarissa kommt näher. Sie betrachtet den Marterstuhl, auf den sie sich setzen soll. 

ARZT. Na, machen Sie mal! 

Sie findet einen Schemel, an dem sie sich abstützen kann, als sie ihre Unterhose herunterstreift. Dann setzt sie sich auf den Untersuchungs-stuhl. Sie muß ihre Beine auseinanderspreizen, um die Unterschenkel auf die dafür vorgesehenen Stützen legen zu können. Der Arzt bekommt wieder einen Hustenanfall. Er nähert sich mit zwei gynäkologischen Folterinstrumenten. 

ARZT. So, jetzt entspannen Sie sich mal. 

Clarissas Blick sucht Halt an den Gegenständen im Raum. Über ihrem Kopf hängt ein Stich mit dem Hasen von Dürer. Sie starrt dieses Bild an, als wäre es ihre letzte Verbindung zum Leben. Der Arzt macht sich zwischen ihren Beinen zu schaffen. Er tut ihr weh. Ihr ganzer Körper verkrampft sich. Sie wendet den Kopf. Sie will sich aufrichten, aber sie ist gefangen in diesem Stuhl in dieser unwürdigen Haltung. An der Wand gegenüber hängen Glaskästen, in denen tote Käfer und Riesenspinnen aufgespießt sind. Der Arzt scheint dergleichen zu sammeln. Die Tortur wird erst beginnen. Der Arzt richtet sich auf und wühlt wieder in seinem Gerätesortiment. Dann taucht er wieder zwischen Clarissas Beinen unter. Ein Angstschrei ringt sich aus ihrer Brust. 

634 Arzthaus. Stadtpanorama


Die frühe Dämmerung des Novembertages verschlingt das Arzthaus. Nur noch das Neonlicht dringt aus dem Kellerraum in den Garten. Der Nieselregen legt einen feinen Schleier über Clarissas Not. Über München neigt sich der naßkalte Tag mit einem roten Schimmer, der den ganzen Horizont umsäumt. Es ist erst I7 Uhr. In den Büros wird gerade Feierabend gemacht, und die Straßen ersticken an den Auspuffgasen der Rush-hour. Es ist die Stunde, in der die Krähen zu ihren Nachtquartieren im Englischen Garten zurückkehren. 
635 Hinterhöfe, Vorstadt


Es ist auch die Stunde, in der die Ratten, die in den feuchten Altbaukel-lern am Isarrand leben, sich aus ihren Löchern wagen, um die Müllton-nen zu durchstöbern. Der frische Abfall der Wohlstandsgesellschaft ist ein üppiges Angebot am Ende eines solchen Tages. Auch Alex bewegt sich in dieser Welt zwischen Müll und Großstadt-lärm. Er durchsucht die Mülltonnen nach Pfandflaschen, die er einlösen kann, um zu ein paar Groschen zu kommen. Mit Bierflaschen und einer Milchflasche begibt er sich auf die Suche nach Geschäften, in denen er um das Flaschenpfand bitten kann. Er ist zu dieser Tageszeit fast schon ein Clochard geworden. 
636 Straßenbahn


Schnüßchen fährt mit Hermann und Juan in der Straßenbahn. Auch hier kann sie nicht aufhören, sich als Fremdenführerin zu betätigen. Her-mann sitzt neben Juan. Nach dem guten Essen sind die jungen Männer zufrieden. Sie hören sich lächelnd Waltrauds Reden an. 

SCHNUSSCHEN. Jetzt könnte ich euch einen Vortrag halten über Mün-chen, aber das wollt ihr wahrscheinlich gar nicht. Aber ich könnt's. Ich kenne zum Beispiel die Kirche da drüben. Das ist zum Beispiel die Matthäuskirche, »Martin Luthers Achterbahn« »or Martin Luthers rollercoaster«. Ach, Hermann, bist auch so froh, aus dem Hunsrück weg zu sein? Irgendwie wehrst du dich gegen mich. Habe ich recht? 

HERMANN. Ich will jetzt »Cleopatra« sehen. . . 

Die Straßenbahn fährt durch das Rondell am Sendlinger Tor. 

637 Kino


Die Premiere des »Cleopatra«-Films ist über dem Kinoeingang auf einem riesigen Transparent angezeigt. Die Stars Taylor, Burton und Harrison sind in übermenschlichen Dimensionen abgebildet, so daß die Menschen, die unter dem Reklameschild die Kinoeingänge betreten, ganz winzlg erscheinen. Schnüßchen und ihre Begleiter stellen sich gar nicht erst in der Schlange an, die vor der Kasse steht, sondern begeben sich zur Extrakasse, wo die clevere Waltraud alles regelt. Hermann und Juan sehen hinter ihr her und staunen, wie selbstbewußt sie auftritt und wie sie das Großstadtle-ben meistert. 

JUAN. Hast du gesehen, wie sie sich bewegt? Ist das nicht entzückend? Und dieser Hüftschwung!

HERMANN. Und das, obwohl sie aus dem Hunsrück stammt.

JUAN. Aber dafür schreibt sie keine Gedichte, singt sie auch nicht und spielt kein Cello.

HERMANN. Ach, Juan, wenn ich ehrlich bin, wenn ich dir meine geheim-sten Wünsche verraten soll, dann. . . 

Schnüßchen kommt mit drei Eintrittskarten zurück. Sie strahlt und verteilt sie an die neuen Freunde. 

SCHNÜSSCHEN. So, das ist die Karte von meinem Chef, das ist seine Frau, und ich bin die Tochter! 

638 Versicherungsgebäude 


Renate, die Möchtegern-Schauspielerin, ist an diesem früh hereingebro-chenen Abend noch in Sachen Karriere unterwegs. Sie betritt das menschenleere Versicherungsgebäude, ohne daß sie jemand bemerkt hat. Auch sie folgt dem Starkstromkabel durch Flur und Innenhof, bis sie in die Räume gelangt, in denen Stefan, Reinhard und Rob sich am Nachmittag bei den Filmarbeiten zerstritten haben. Alles ist noch so, wie es das Filmteam verlassen hat. An den gläsernen Trennwänden hängen noch die gelben und pinkfarbenen Filterfolien. Der Fußboden ist von einem Gewirr von Stromkabeln bedeckt, und die Scheinwerfer stehen ausgeschaltet herum, wie in einem nächtlichen Filmstudio. Re-nate ist fasziniert von dieser Atmosphäre. Ihren Regenschirm, den sie vor einigen Minuten auf der Straße vielleicht noch gebraucht hat, um ihre hübsch zurechtgemachte Frisur zu schüt-zen, trägt sie selbstvergessen auch in diesen Innenräumen noch aufge-spannt über dem Kopf. Mehrmals verzögert sie ihre Schritte, um sich umzuschauen. Wo sind denn nur die Filmemacher? Wo ist denn die Kamera? Renate gelangt an den Schminkspiegel, der noch voll beleuch-tet ist. Hier entdeckt sie sich selbst und sieht im Spiegelbild, daß sie noch den Schirm über sich hält. Ein Geräusch im Hintergrund läßt sie aufmerken. Wieder gerät sie an eine gläserne Trennwand, die mit Farbfolien bespannt ist, und das Bild vor ihren Augen ist eingefärbt. Dort, hoch oben auf der Freitreppe, die zum Zwischenstockwerk führt, erscheint der sächsische Aufnahmeleiter Bernd, der ihr munter zuwinkt. 

BERND. Kommen Se ruhig hoch, Fräulein, hamm Se nur Mut! 

Renate hat eine gläserne Schwingtür gefunden. Dahinter stehen nun auch endlich die Kamera und das ganze professionelle Gerät, das ihr solche Ehrfurcht einflößt, daß sie sich beinahe verirrt zwischen den Stativen und Kabeln. Auf der Freitreppe begegnet sie zwei elegant gekleideten Komparsinnen, die gerade den Drehort verlassen wollen. Renate weiß immer noch nicht, was sie mit ihrem aufgespannten Schirm machen soll. Da kommt ihr Bernd mit einem Suppenteller entgegen. 

BERND. Die gute Suppe, essen Sie ruhig davon, die bleibt uns heut nämlich übrig, weil die Dreharbeiten abgebrochen worden sind.

RENATE. Abgebrochen?

BERND. Es is een richtsches Elend, Fräulein. Sollten Sie ooch noch mitspielen? 

Bernd spricht reinstes Sächsisch, was Renate sehr beruhigt. 

RENATE. Noi, wisset Sie net, wo der Stefan und der Reinhard hingegange sind?

BERND. Jedenfalls werden Sie die nicht an eenem gleichen Ort wiederfinden, nach dem Streit, den's heute hier gegeben hat!

RENATE. Was ist denn vorgefalle? Da machet Sie mich aber neugierig. . . 

Bernd drückt nun auch Renate einen Teller in die Hand und einen Löffel. Er führt sie zu einem Kessel, in dem eine riesige Suppenkelle steckt. Er hebt die Kelle empor, um Renate dieses köstliche Essen zu zeigen. 

BERND. Suppe! Für siebenundfuffzig Personen! Es ist doch schade drum! 

Er schöpft Renate eine ordentliche Portion von dem Linseneintopf auf den Teller. Renate läuft schon das Wasser im Mund zusammen. 

RENATE. Sieht aber lecker aus.

BERND. Ja, is noch'n bissel heeß, Achtung! Haben Sie die gelbe Folie unten gesehen? Haben Sie mal durchgeguckt? Ist das nicht ein Bild wie der Atomkriech?

RENATE. Atomkrieg?

Sie beugt sich über das Metallgeländer, um noch einmal einen Blick in die Halle zu werfen, durch die sie eben heraufgekommen ist. Sie versteht nicht, was Bernd ihr da erzählen will. 

BERND. Und da müssen Sie erst mal den Hausmeister sehen! Streckfuß heeßt er, also, der reinste Faschist! Und nun sag ich Ihnen was: Der wäre bereit, vor der Kamera auszupacken! Aber unsere beeden Genies merken das nicht. 

Renate geht zu dem Suppentopf zurück. Sie hat wunderbare Würste gesehen, die in der Suppe schwimmen. Mit spitzen Fingern greift sie in die Linsensuppe hinein und fischt sich eine ganze Kette von diesen Würstchen heraus. Gierig beißt sie hinein, so daß ihr der Saft an den Wangen herunterläuft. Bernd ist so begeistert von seiner Geschichte, daß er selbst dabei das Essen vergessen hat. 

BERND. Ich hab'n gefragt. Also, Fräulein, der erzählt Ihnen heute, nach achtzehn Jahren, noch glatt von der Leber weg, wie er andere Leute ans Messer geliefert hat vor 45. Ich bin bei ihm in der Wohnung gewesen! Wie's da riecht, so nach Bohnerwachs und Essig. Een Film, sag ich Ihnen! Da brauchen Sie keine gelben Scheiben, da wird Ihnen angst und bange. Und Streckfuß heeßt er auch noch.

RENATE. Streckfuß?

BERND. Das kann ich Ihnen beschwören. Und wie heißen Sie?

RENATE. Ich bin doch die Renate. Und wie goht das jetzt mit der Filmerei weiter? Ich hab mich nämlich bewerbe wolle, weil ich auch mitmache will.

BERND. Sehen Se? Schon wieder so een Fall: Schweifen in die Ferne, und das Gute, Sie sind eben zu nah, Fränlein Renate. Stimmt's oder nicht? Das Leben ist immer da, wo die Filmleute nicht sind!

RENATE. Ah, das ist'n Jammer.

BERND. Das ist zum Flöhekrieschen. Ich könnt' Ihnen Geschichten auftun, ein wahrer Abgrund! Sehen Se, und ich komm überall rein! Ob das daran liegt, daß ich Aufnahmeleiter bin? Ich weeß es nicht. Jedenfalls, ich spreche eenen an, und schon zeigt er mir sein Schlaf-zimmer oder seinen Familienschmuck. 

Renate beginnt, an Bernd Gefallen zu finden. Sie funkelt ihn mit ihren dunklen Augen an, so daß Bernd ganz verlegen wird. 

BERND. Ach, Sie glooben mir nicht?

RENATE. Also, das kann ich wirklich net glaube.

BERND. Also, jetzt erzähl ich Ihnen mal folgende Geschichte: Da wird doch heute die Staatsoper wiedereröffnet. Und wissen Sie, was der Großvater von ebendiesem unserem Hausmeister Streckfuß in Frie-denszeiten gemacht hat? Er hatte die Heizung der Staatsoper unter sich. Damals war das alles noch auf Dampfbasis. Wie tät sich doch unser kleener Faschist freuen, wenn wir mit ihm dahin gehen könn-ten, wo er als Kind gespielt hat. Freilich, alles modernisiert, verän-dert, aber es ist der gleiche Ort. 

Bernd, der sich vor Renate als Repräsentant der ganzen Filmfirma fühlt, führt sie auf die Treppe, damit sie einmal für ihn vorspielen kann. Sie soll es so machen wie für den Regisseur, den sie ja sehen wollte. Er begibt sich zu der großen Studiokamera, die er natürlich nicht bedienen kann. Aber er tut so, indem er das Augenlicht über dem Kompendium einschaltet und die Kamera ein wenig hin- und herschwenkt. 

BERND. Nun zeigen Sie ruhig mal Ihr Talent, Fräulein Renate! 

Renate hat sich nicht zweimal auffordern lassen. Sie nimmt ihren zusammengefalteten Schirm als Ersatz für das Zepter und rezitiert aus Schillers »Jungfrau von Orleans«. Bernd schwenkt mit der Kamera hin und her und tut, als ob er sie filme. 

RENATE. »Frommer Stab, oh hätt' ich nimmer mit dem Schwerte dich vertauscht, hätt' es nie in deinen Zweigen, heil'ge Eiche, mir ge-rauscht, wärst du nimmer mir erschienen, hohe Himmelskönigin: Nimm, ich kann sie nicht verdienen, deine Krone, nimm sie hin! Ach, ich sah den Himmel offen und der Sel'gen Angesicht, doch auf Erden ist mein Hoffen - und im Himmel ist es nicht! « 

Möglicherweise kommt Renates schwäbische Aussprache Schillers Ori-ginal näher als die mancher Bühnenschauspielerinnen. Aber gerade deswegen klingt ihr Vortrag sehr komisch. Bernd scheint aber ihren Dialekt gar nicht zu bemerken. Er hat sich in der kurzen Zeit, die er nun mit ihr zusammen ist, in sie verguckt. Er applaudiert ihr herzlich und ist ganz begeistert. 

BERND. Sie dappen nicht mehr lang im dunkeln, Fräulein Renate, da bin ich mir sicher!

RENATE. Ach, hören Sie doch auf. 

Renate weiß genau, wie ihre Chancen in Wirklichkeit stehen. Was hilft es ihr, diesen kleinen Aufnahmeleiter zu verführen? Sie setzt sich auf die Treppe und holt einen Flachmann aus ihrer Handtasche. Sie öffnet den Korken und nimmt einen verzweifelten Schluck. Als sie Bernd nun unten neben der Kamera stehen sieht, so nett und verlegen lächelnd, streckt sie ihm die Flasche entgegen. Sie bietet ihm einen Schluck an. 

BERND... aber Fräulein Renate! 

Bernd nimmt dicht neben ihr Platz. Er trinkt. Renate sieht ihn an. 

RENATE. Da sind Sie also auch so einer, dem der Herrgott die Gaben umsonst gegeben hat, hab ich net recht?

BERND. Leider! 

Traurig sitzen jetzt die beiden auf den Stufen der Filmtreppe inmitten all der Geräte. Sie trinken schweigend den Schnaps aus. Das »Augenlicht« auf der Filmkamera brennt immer noch. Es beleuchtet die beiden. Sie heben den Blick und erkennen, daß sie sich in der Frontscheibe der Kamera spiegeln: ein Bild, das melancholisch stimmt. Irgendwie passen die beiden gut zueinander, so häßlich, zu klein geraten, wie sie sind, und mit all ihren unerfüllten Träumen,

639 Straßen bei Nacht, Telefonzelle


Alex, der erfolglose Schnorrer, zieht durch die Nacht. Er nähert sich einer Telefonzelle in der Nähe des Volksbades. 

ALEX. So gegen zwanzig Uhr beschloß ich, meine Freunde telefonisch auf die Probe zu stellen. Mit dem Flaschenpfand von einer Milchfla-sche und drei Bierflaschen konnte ich sechs Gespräche führen. Vielleicht fand sich jemand, er an mich glaubte und bereit war, etwas Geld in meine Zukunft zu investieren. Vielleicht war auch eine Einladung zu einem Abendessen zu erreichen . . . 

Leider ist die Telefonzelle besetzt. Ein alter Mann mit Hut steht darin. Er führt ein umständliches Gespräch. Alex geht auf und ab. Schließlich wartet er auf einem Treppchen, das zum Isarufer hinunterführt. Endlich kommt der alte Mann grüßend an Alex vorbei. 

ALTER MANN. So, jetzt können S' nei, jetzt ist frei. 

In der Telefonzelle findet Alex eine Geldbörse, die der alte Mann zwischen den Seiten des Telefonbuchs vergessen hat. Alex ist wie gelähmt: Einerseits spürt er die Pflicht, schnell hinter dem alten Mann herzulaufen, andererseits packt ihn die Gier, nachzusehen, was in der Börse ist. Sein Ruf nach dem Mann gerät recht leise, und als er die Zelle verläßt, um zu sehen, wo der Mann geblieben ist, sieht er zuerst in die falsche Richtung und verpaßt so den Moment, den der Mann braucht, um unterhalb der Treppe ganz zu verschwinden. Alex ist fast erleichtert bei der Feststellung, daß der Mann weg ist. Nun öffnet er die Börse. 

ALEX. In der Geldbörse befanden sich ein Hundertmarkschein, zwei Zwanzigmarkscheine und ein Zehnmarkschein, außerdem ein paar Münzen. Das Portemonnaie enthielt keinen Hinweis, wie der alte Mann hieß und wo er wohnte. Ich wurde irgendwie das Getühl nicht los, daß er die Börse mit voller Absicht liegengelassen hatte. Wie hätte er sonst so spurlos verschwinden können? 
 
640 Kneipe in Schwabing 


Alex hat sich aus dem Viertel mit der Telefonzelle rasch verdrückt. Jetzt ist er in seinem geliebten Schwabing angekommen und steuert direkt auf eine der alten Stammkneipen los. Als er erhobenen Hauptes, denn er ist ja jetzt reich, die Gaststube betritt, ist es kurz nach acht Uhr. Das Lokal ist voll von Menschen - Münchner Bürger, Studenten, Künstler, Stammtischbrüder. Der Tabakrauch vernebelt die Sicht, so daß Alex sich nur nach und nach orientiert. Er übersieht Stefan, der einsam inmitten einer Tischrunde fremder Menschen sitzt und eine Gulaschsuppe löffelt. 

STEFAN. Alex!

ALEX. Stefan, grüß dich. Wo hast du denn dein Filmteam gelassen? 

STEFAN. Die haben Krisenurlaub heute. Ganz schön voll hier, nicht? 

GAST. Rutschen wir halt ein bissel zusammen . . . 

Die Gäste am Tisch machen Alex Platz, damit er sich an Stefans Seite setzen kann. 

ALEX. Sag mal, Stefan, ich schulde dir doch noch vierzig Mark. Stimmt das?

STEFAN. Alex, da brauchen wir doch jetzt nicht drüber reden, komm, ich spendiere dir so eine Suppe.

ALEX. Hier, vierzig Mark! Mit bestem Dank zurück. 

Mit großartiger Geste läßt Alex die beiden Zwanzigmarkscheine auf Stefans Teller herunterfallen. Stefan fängt das Geld hastig auf, reinigt es von den Gulaschflecken. 

STEFAN. Alex, was ist denn mit dir passiert? Hast du deine Großmutter erschlagen oder was ? 

Alex hält das unrechtmäßig erworbene Geld stolz in die Höhe. Er braucht jetzt die Genugtuung, vor allen Freunden unabhängig zu erscheinen. Was wäre das gefundene Geld wert, wenn er es nur ausgeben würde? Er braucht jetzt seine eigene Erfolgsgeschichte. 

ALEX, Hier, hundertfünfzig Mark! Das habe ich heute von einem wildfremden Menschen bekommen. Also, es müssen nicht unbedingt Freunde sein, die einem helfen. Hundertfünfzig Mark für eine Stegreifübersetzung von Puschkin aus dem Russischen. Eine wunderschöne Verszeile. Ein alter Mann in einer Telefonzelle hat dieses Gedicht in der russischen Gefangenschaft von einer Russin gelernt, ohne je wirklich zu wissen, was es bedeutet. Heute hat er von mir zum ersten Mal die richtige Übersetzung erfahren. 

STEFAN. Und die lautet? 

ALEX. Doppelpunkt: »Ein Freund ist einer, der einem Geld borgt.« Puschkin. Siehst du, Stefan, es gibt eben doch noch Menschen, die mich erkennen und die an mich glauben. 

641 Im Kino


Hermann, Schnüßchen und Juan sehen »Cleopatra«. Auf der gewalti-gen Leinwand spielt sich ein noch gewaltigeres Hollywoodspektakel ab: Cleopatra hält ihren triumphalen Einzug ins antike Rom. Mit ihrem kleinen Sohn Cäsarion steht sie, in Gold und Edelsteine gehüllt, hoch oben auf einem Triumphwagen, der von Tausenden von nubischen Sklaven durch das dekorative Stadttor gezogen wird. Die Menge des römischen Volkes jubelt. Überall sieht man die Menschen, die, in altrömische Gewänder gehüllt, demonstrieren, was Geld und Studio-technik vermögen. Fanfarenbläser stehen auf allen Palästen und Dach-zinnen. Ihre Musik mischt sich mit dem Jubel der Menge. Liz Taylor ist wirklich eine Göttin. Schnüßchens Augen sind weit geöffnet, als sie verfolgt, wie dieser Star gefeiert wird. Um die Szene auf der Breitwand zu erfassen, müssen die Freunde in der Parkettreihe permanent ihre Köpfe hin- und herwenden. Da fällt ein Lichtschein, der vom Kinoeingang herkommt, auf die Leinwand und stört das Bild. Die Zuschauer wenden die Köpfe, um nachzusehen, was es gibt. Es sind zwei Herren, der Kinobesitzer und ein Begleiter im Kamelhaarmantel, die an den Reihen entlanggehen, um schließlich die Bühne zu betreten. Ein Verfolgungsscheinwerfer leuchtet den Herren den Weg. Schließlich bleiben sie unter der Leinwand stehen. Der Kinobesitzer gibt ein Handzeichen, woraufhin der Filmton abge-dreht wird. 

KINOBESITZER. Sehr verehrte Damen und Herren! Wir müssen Sie um Verständnis für diese Unterbrechung bitten. Ich gebe nun das Wort an Mr. Hilton von der Centfox. 

Der Film läuft weiter. Cleopatra steigt immer noch mit königlicher Würde die vielen Stufen von ihrem sphinxförmigen Triumphwagen herunter. Mr. Hilton von der Centfox braucht einen Moment, bis er seiner Stimme mächtig ist. 

MR. HILTON. Die Theaterleitung und ich als Chef von der deutschen Centfox haben diesen Augenblick eine traurige Mitteilung zu ma-chen. Wir müssen Ihnen mitteilen, daß der amerikanische Präsident John F. Kennedy heute, vor einer Stunde, in Dallas/Texas ermordet wurde. .. Thank you . .. 

Im Filmtheater ist es totenstill. Schnüßchen, Hermann und Juan sitzen erstarrt unter den erschrockenen Menschen. Oben auf der Galerie beginnen einige Zuschauer, sich zu erheben. Diesem Beispiel folgen bald alle, um den toten Präsidenten stehend zu ehren. 

642 Straßen in München


Am Odeonsplatz werden die ersten Zeitungen verkauft, die Berichte über den Mord von Dallas bringen. Die Münchner Abendzeitung hat ein kleines Wunder an journalistischer Reaktionsfähigkeit und techni-scher Schnelligkeit vollbracht. Schon so kurz nach Eintreffen der Nach-richt ist die Extraausgabe erschienen, die den Zeitungsverkäufern aus den Händen gerissen wird. Die Leute können nicht fassen, was da geschehen ist. Sie stehen erschüttert auf der Straße, lesen, weinen oder sprechen mit ihren Nachbarn. Nie ist ein politischer Mord mit so viel Anteilnahme von den Menschen in der Öffentlichkeit erlebt worden. Alex und Stefan, die die Nachricht in der Kneipe erfahren haben, kommen über die Straße gerannt. »Kennedy ermordet!« - »Extraaus-gabe!«, so ertönen die Rufe der Zeitungsverkäufer durch die Nacht. Vergessen sind alle Probleme des Tages. Stefans Streit mit den Freunden, Alex'Sorge um das nötige Kleingeld. 

ALEX. Warum rennst du denn so schnell, wo willst du denn hin? STEFAN. Ich weiß auch nicht. 

ALEX. Komm, wir kaufen uns eine Zeitung! 

Am Schaufenster eines Radiogeschäfts hat sich eine Traube von Men-schen gebildet. Auf den Fernsehgeräten im Schaufenster werden die ersten Berichte über Dallas gezeigt. Gebannt verfolgen die Menschen vor dem Schaufenster die Kommentare, die über einen Außenlautspre-cher übertragen werden. 

FERNSEHKOMMENTAR ... Kaum jemand hat es für möglich gehalten, daß Kennedy, einer der drei bestbewachten Männer der Erde, ermordet werden könnte. Nicht nur seine Leibwächter, sondern seine Offensive gegen den Haß, sein Mut und seine Arglosigkeit schienen ihn gefeit zu haben gegen Heimtücke und Hinterhalt. Doch die Ereignisse in Dallas belehrten uns eines anderen. Es geschah wenige Sekunden nach diesen Aufnahmen, die das Präsidentenpaar umjubelt und scheinbar gut bewacht zeigten. 

Alex und Stefan hören eine Weile zu. Dann lösen sie sich aus der Menge. An einer Telefonzelle bleiben sie stehen. 

ALEX. Und wohin gehen wir jetzt?

STEFAN. Ich weiß auch nicht.

ALEX. Da drüben wohnt Helga. Wir müssen es ihr sagen. 

STEFAN. Ja, geh du mal vor. Ich gehe noch telefonieren. Ich rufe meine Eltern an. Ich komme dann nach. 

Vor einer Telefonzelle weht der Nachtwind und zerfetzt eines von Hermanns »Spuren«-Plakaten. Aus einem der Hausfenster schaut eine alte Dame. Sie hat zum Gedenken an den toten Präsidenten eine Kerze angezündet. In den Kneipen sind die Radios und Fernsehgeräte eingeschaltet. Auf den Bildschirmen gibt es die ersten Rückblicke und Würdigungen von Kennedys Karriere. Die anteilnehmenden Menschen erleben noch einmal die berühmte Szene vor dem Schöneberger Rathaus, wo Kennedy sagt: »Ich bin ein Beeliner.« 

643 Untermietzimmer Helga 


Als Alex die Tür zu Helgas Bude öffnet, bietet sich seinen Augen ein unwirkliches Bild. Geschminkt und wie eine Tote in ihrem Bett aufgebahrt, liegt Helga da. Um sie herum brennen Dutzende von Kerzen. Sie werfen flackerndes Licht auf ihr bleiches Gesicht. Ihre Kummerfalten auf der Stirn und in den Mundwinkeln hat sie mit einem schwarzen Stift nachgezeichnet. Helga liegt starr. 

ALEX. Helga, ich bin es, Alex. Verzeih, daß ich dich wecke. Helga, hörst du mich denn nicht? Helga, Genossin! 

Das Kerzenwachs rinnt in breiten Bahnen über Helgas Nachttisch und bildet lange Zapfen bis zum Boden hinunter. Alex ist ratlos. Als er ein Geräusch hört, sieht er Stefan, der nun auch die Wohnung betritt. 

STEFAN. Alle Telefonleitungen sind belegt. Du kommst nirgends mehr durch. Was ist denn mit Helga los? 

ALEX. Sie ist irgendwie ohnmächtig. Sie hört mich nicht. Ich weiß nicht, was wir machen sollen. 

Stefan beugt sich zu der wie aufgebahrt daliegenden Helga. Er spricht sie an, er schüttelt sie, er klatscht ihr mit der Hand auf die Wangen, aber Helga rührt sich nicht. Jetzt untersucht Stefan ihren Nachtkasten. Er entdeckt ein Tablettenröhrchen. 

STEFAN. Sie hat Schlaftabletten gefressen. Komm, wir müssen sie zum Kotzen bringen, schnell, hilf mir! 

Stefan packt Helga an den Schultern. Er dreht sie um und steckt ihr den Finger in den Hals. Alex kommt hinzugeeilt. Weil er nichts anderes findet, hält er ihr den Papierkorb unter. Helga ist immer noch leblos. Es will Stefan nicht gelingen, sie zum Erbrechen zu bringen. Er zieht sie vollends aus dem Bett. 

STEFAN. Komm, wir schaffen sie ins Bad. . .

ALEX. Soll ich die Wirtin rufen oder einen Arzt? 

Mit vereinten Kräften wird Helga nun durch den Flur geschleppt. Ins Bad folgt Alex nicht, weil er fürchtet, selber kotzen zu müssen. Er hört, wie Stefan Helga traktiert, bis sie wieder Lebenszeichen von sich gibt und die Schlaftabletten aus sich herauswürgt. 

644 Straße vor Wohnung Clarissa


Der regnerische Tag endet mit Herbstnebel und Nieselregen. Die Straßen sind wie ausgestorben. Nach den Meldungen aus Dallas bleiben die Münchner in ihren Häusern. Volker und Jean-Marie warten mit ihren schwarzen Regenschirmen auf Clarissas Rückkehr aus Rosenheim. Auf dem Trottoir vor ihrem Haus gehen sie auf und ab. 

VOLKER. Das ist doch Clarissa! Ist sie das nicht? 

Sie taucht ganz plötzlich zwischen den parkenden Autos auf. Die beiden Freunde stellen sich ihr in den Weg. 

VOLKER. Clarissa, wir haben auf dich gewartet. Ich muß unbedingt noch mal mit dir reden. 

JEAN-MARTE. Hör zu, Clarissa, du mußt uns eine Chance geben. 

CLARISSA. Eine Chance, wozu? 

Clarissa geht weiter. Ihre Schritte sind schleppend. Sie wirkt müde und erschöpft. 

VOLKER. Weißt du, was passiert ist? 

CLARISSA. Ich muß jetzt allein sein. Verzeiht mir.

VOLKER. Wie geht es dir überhaupt?

CLARISSA. O. k., aber ich will jetzt nicht drüber sprechen. 

JEAN-MARIE. Gut, wir respektieren das. Du weißt ja, wo ich wohne. 

VOLKER. Komm, ich helfe dir. 

Sie ist an der Haustür angekommen. Volker hilft ihr, das Tor zu öffnen. Dann verschwindet er mit ihr in der Einfahrt. Jean-Marie bleibt draußen und wartet. Er fröstelt unter seinem Schirm. Volker kommt zurück. 

JEAN-MARIE. Und? In jedem Fall hat sie die Sache hinter sich gebracht. 

VOLKER. Woher willst du das wissen? 

JEAN-MARIE. Sonst hätte sie anders reagiert. 

VOLKER. Ich hätte ihr gern geholfen. Sie ist ein elender Dickschädel, sie ist in der Lage zu krepieren, ohne sich helfen zu lassen, ich kenne das. Mein Vater war genauso. Während er starb, hat meine Mutter auf todkrank gemacht und hat alle terrorisiert. Bei ihm hat nicht mal der Arzt gemerkt, wie schlimm es um ihn stand. Ich mache mir Vorwürfe.

JEAN-MARIE. Wegen deines Vaters? 

VOLKER. Daß wir nicht besser aufgepaft haben.

JEAN-MARIE. Du meinst doch mich, mich allein, stimmt s? 

Volker und Jean-Marie überqueren die Straße. Sie gelangen an einen Zaun, vor dem sie stehenbleiben. Im Hintergrund ist das Fenster zu sehen, hinter dem das Licht angeht. Sonst bleibt alles ruhig in der Straße. 

VOLKER. Das Problem ist, daß du sie nicht liebst. 

JEAN-MARIE. Volker, sei froh, daß die Sache nicht noch schlimmer ist. 

VOLKER. Hat sie bei dir auch damals von Hermann gesprochen? 

JEAN-MARIE. Damals?

VOLKER. In Donaueschingen.

JEAN-MARIE. Ja, er hatte sie irgendwie beleidigt. Ich habe es vergessen. 

VOLKER. Sie wollte ihn provozieren. 

JEAN-MARIE. Du meinst, daß sie deshalb so überdreht war, als wir vom Schloß in die Pizzeria gingen? 

VOLKER. Sie hat mit uns gespielt. Dabei ging Hermann dauernd hinter uns, mit dieser italienischen Sängerin. Weißt du noch? Er! Sie hat alles seinetwegen inszeniert. 

JEAN-MARIE. Du meinst, aus Eifersucht? Das glaube ich nicht. Du neigst zu Depressionen, Volker. Sie war ganz einfach übermütig. Sie hat sich überschätzt damals auf dem Festival. Erinnere dich, alle haben ihr zugejubelt auf dem Konzert. Wer war nicht in sie verliebt? Sie hätte die halben Musiktage haben können.

VOLKER. Und als Ersatz dafür hat sie uns genommen. 

Es gibt eine stille Seitenstraße, die hinter einem Zaun beginnt. Die Freunde sind stehengeblieben. Sie haben eigentlich kein Ziel, aber tren-nen wollen sie sich auch nicht.

VOLKER. Wann warst du eigentlich der Glückliche?

JEAN-MARTE. Das mußt du jetzt wirklich nicht erfahren! 

VOLKER. Das kann doch nur auf dem Rückweg gewesen sein, in dem Hotel! 

JEAN-MARIE. Volker, ich will, daß wir Freunde bleiben. Hör auf zu grübeln. Sie hat das alles ganz alleine zu verantworten, glaube es mir. 

VOLKER. Das Problem ist, daß du sie nicht liebst. 

645 Villa Cerphal, Garten


Es ist schon spät in der Nacht, als Alex wieder beim »Fuchsbau« ankommt, wo er seine Runden durch den Tag begonnen hat. Er ißt im Gehen eine Tüte Pommes. Im Grunde hat er an diesem Tag, an dem er glaubte, verhungern zu müssen, mehr gegessen als an anderen Tagen. Er begegnet Stefan, der Helga im Kreise führt. Stefan verlangt von ihr, daß sie sich ununterbrochen bewegt und gut durchatmet. Alex ist gar nicht erstaunt darüber, daß Helga offensichtlich wieder unter den Lebenden weilt. Er ist völlig damit beschäftigt, die Ereignisse dieses Tages in die Reihe zu kriegen. Er versucht, seinen Erlebnissen Ausdruck zu geben. 

ALEX. Das ist ja vielleicht ein komischer Tag heute! Als erstes . . . 

HELGA . .. Mir ist so kalt.

WEITER ALEX . . . einen Toast Hawaii bei Edith im Nest, als zweites eine Linsensuppe gegenüber im Picnic. . .

HELGA. Komm, laß uns reingehen!

WEITER ALEX ... als drittes einen Kaiserschmarrn von Maria im Wer-neckhof, einfach so durchs Fenster, 

einfach so! Und das Ganze umsonst, ohne einen Pfennig zu bezahlen.

HELGA. Komm, wir gehen jetzt rein.

ALEX . . . obwohl ich die Taschen heute voller Geld habe, seltsam! 

Volker und Jean-Marie haben offenbar auch keine andere Wahl, als an diesem Abend die Freunde im »Fuchsbau« zu treffen. Viel einträchtiger, als sie sich fühlen, kommen sie des Weges und gesellen sich zu den Freunden vor dem großen Gartentor. 

ALEX. Ah, Jean-Marie, Volker, hallo! Habt ihr's schon gehört?

HELGA. Meine Knie zittern so!

STEFAN. Ist doch klar, das ist immer noch das Tablettengift.

HELGA. Mir ist schweinekalt.

STEFAN. Das wird schon gut. Das wird schon. .. 

Volker und Jean-Marie begrüßen Helga. 

VOLKER. Servus, Helga.

HELGA. Ich bin heute leider ein bißchen invalide. Ich habe mich nämlich vergiftet.

VOLKER. Vergiftet?

HELGA. Ja. Ich war schon halb überm Jordan. Da wäre ich auch beinahe dem hübschen amerikanischen Präsidenten begegnet. Die wollten mich aber leider nicht behalten da drüben.

STEFAN. Hör doch auf mit dem makabren Geschwätz! Ich kann dich auch dir selbst überlassen. Warum kümmere ich mich überhaupt um dich? Kannst du mir das mal erklären?

HELGA. Damit du nachher sagen kannst, du hättest deine Pflicht getan. Dann kannst du nämlich behaupten, du liebtest mich! 

Helga, die sich von Stefan gelöst hat, läuft in den Garten. Noch einmal dreht sie sich nach ihm um. Was hat sie gegen ihn? Sie verschwindet in der Villa. 

JEAN-MARIE. Ist Hermann zu Hause?

STEFAN. Was? Ich weiß nicht. Schauen wir halt mal nach. Mir ist auch kalt. 

646 Villa Cerphal, Terrassenzimmer 


Als Alex das Terrassenzimmer betritt, sitzen die Freunde ziemlich trübsinnig herum. Stefan gießt eine Tasse Tee ein, die er zu Helga bringt. Juan sitzt am Flügel. Er spielt das Mozart-Lied von der »verlorenen Nadel«. Helga hat sich auf dem Bett in die Ecke verkrochen, in der sie am liebsten gesessen hat, wenn es in diesem Zimmer Feste gab oder lange Abende mit Diskussionen. Stefan nötigt sie, viel zu trinken. 

STEFAN. Helga, das ist wichtig, viel Flüssigkeit. Vorsicht, Schluck für Schluck!

HERMANN. Was hat sie denn?

STEFAN. Helga hat eine große Dummheit gemacht. 

Auf Hermanns Schoß liegt Schnüßchen. Sie ist eingeschlafen. Alex, der im Zimmer umhergeht, entdeckt Olga, die ihre Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verbirgt. Alex will ihr etwas aus seiner Pommestüte anbieten. Olga reagiert nicht. Sie spielt mit einem Apfel, den sie mit einem Messer kunstvoll zerschneidet. Sie langweilt sich. Die Zimmertür geht behutsam auf. Rob erscheint mit einer Suppenkelle voll Suppe. 

ROB. Stefan, probierst du mal? Ja, Reinhard bereitet gerade wieder sein Gulasch mit mildem Paprika zu. Komm! 

Stefan hat das Versöhnungsangebot von Rob verstanden. Er folgt ihm ein wenig mürrisch. 

647 Villa Cerphal, Küche


Stefan und Rob kommen in die Küche, wo Reinhard begonnen hat, seine berühmte Gulaschsuppe zu kochen. 

STEFAN. Mild?

ROB. Mild.

STEFAN. Reinhard. 

648 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Alex braucht seine Zeit, bis er die Situation richtig erfaft. Von Olga, die er hier nicht erwartet hat, wechselt er zu Juan hinüber. Er hört einen Moment lang seinem Klavierspiel zu. Dann erkennt er Schnüßchen, die auf Hermanns Schoß schlummert. 

ALEX. Aber, das ist ja das Fränlein Waltraud!

HERMANN. Sag mal, Alex, woher kennst du denn . . . ? 

Schnüßchen stöhnt ein wenig im Schlaf. Hermann sieht Alex fragend an. Der aber geht, immer noch seine Pommes knabLernd, zu Jean-Marie. Alex hüllt sich in nachdenkliches Schweigen. Hermann sieht die fragen-den Blicke der Freunde. 

HERMANN. Ich wollte sie euch eigentlich vorstellen. Aber das geht jetzt natürlich nicht. Sie heißt Waltraud, Waltraud Schneider. Sie kommt aus demselben Dorf wie ich. Sie arbeitet bei der Münchner Stadtrund-fahrt. Deswegen muß sie morgens immer sehr früh aufstehen. 

Schnüßchen hat gespürt, daß von ihr die Rede ist. Aber gerade deswegen tut sie, als wenn sie ganz tief schliefe. Sie dreht sich um und kuschelt sich noch fester an Hermanns Körper. Die Blicke der Freunde sind skeptisch. Alex entdeckt ein Foto von John F. Kennedy, das hier schon lange an der Wand hängt: ein Zeitungsbild. Hat nicht Hermann am selben Tag Geburtstag wie der jugendliche Präsident? 

ALEX. Komisch, so ein Bild verbirgt mehr, als es zeigt. In Wahrheit hat Kennedy gerade einen akuten Schmerzanfall mit seiner Bandscheibe. Er lächelt gegen die höllischen Schmerzen an. Merkst du das? 

Jean-Marie vertieft sich in das Kennedy-Portrait. Tatsächlich sieht man es anders, wenn man wie Alex dazu spricht. 

649 Villa Cerphal, Küche


Die drei Filmemacher versöhnen sich stumm. Das geschieht in der Weise, daß Stefan, der gekränkte Regisseur, von Reinhard, dem ge-kränkten Autor, den Löffel annimmt, um mit ihm und Rob gemeinsam aus dem Gulaschtopf zu essen. 
650 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Juan beendet das Mozart-Stückchen. Er erhebt sich vom Flügel, um nach dem Feuer zu sehen. Er legt ein Scheit Holz in den Ofen. Das Holz ist naß, es knistert. Die Tür öffnet sich. Bernd und Renate kommen, leise grüßend, herein. Renate erkennt Juan. Wie sich das Blatt an einem Tag doch wenden kann! Sie kniet neben Juan nieder und zeigt ihm mit seligem Lächeln an, daß sie nun mit Bernd glücklich ist. 

RENATE. Guten Abend, hallo. . .

JUAN. Es brennt nicht - es ist naß. 

RENATE. Aber es ist trotzdem schön warm. 

JUAN. Ja, das stimmt. 

Bernd kann die Stille im Zimmer nicht aushalten. Er bleibt mitten im Raum stehen. 

BERND.So ein Abend zeigt einem mal richtig, was wichtig ist, und was unwichtig ist im Leben. Der Herr Ministerpräsident hat heute abend sein Bankett vorzeitig verlassen. Nun tut er Wichtigeres. Was, das wissen wir nicht. Aber wenn ich mir die Stadt so angucke: Die Kneipen sind leer, aber schlafen tun die Leute auch nicht. Rücken sie näher zusammen ? Das wissen wir nicht. Vielleicht fühlt sich der Herr Maier ja besonders einsam heute abend ohne die Frau Maier. Wenn ein großer Mann von uns geht, das sortiert die Gefühle. Habe ich recht? 

Olga quittiert Bernds Rede mit einem heftigen Niesanfall. Die Erschütterung ihres Körpers ist so heftig, daß ihr die dunkle Brille aus dem Gesicht fällt. 

BERND. Gesundheit! Wollten Sie auch zu Herrn Aufhäuser? 

OLGA. Nein. 

Alex hat etwas auf einen Zettel geschrieben. Mit diesem Zettel geht er bedeutungsvoll zu Hermann. Schnüßchen ist auf Hermanns Knien im Begriff, aufzuwachen. 

ALEX. Hermann, kannst du mir diesen Text vertonen? Tu es einem Freunde zuliebe, der in Not ist. 

HERMANN (liest). »Groß ist die Wohltat eines zinslosen Darlehens. Eine größere gibt es nicht. « 

ALEX. Ein altes jüdisches Sprichwort. I 3. Jahrhundert! 

HERMANN. Vertonen? 

ALEX. Ja. 

Reinhard, Rob und Stefan bringen den Topf mit der Gulaschsuppe herein. Auch Teller und Bestecke bringen sie mit, so daß dies der Auftakt zu einem richtigen Gemeinschaftsessen wird. 

REINHARD. So, bitte...

ROB. Mit mildem Paprika!

REINHARD. Olga, räum mal weg da!

Im Nu ist der Tisch gedeckt. Die Freunde versammeln sich um die Tafel. Am barocken Spiegel, der über der Kommode hängt, klebt ein weiteres Zeitungsbild, das einer der Freunde aus der Extraausgabe der Abendzeitung ausgeschnitten hat. Es zeigt Kennedy und Chruschtschow während ihrer Wiener Gipfelkonferenz von I96I. Juan bleibt vor diesem Zeitungsbild stehen. 

JUAN. Schau dir den Chruschtschow an!

ALEX. Etwas Fragendes ist in seinen Augen.

JUAN. Verliebt?

ALEX. Richtig verknallt ist der kleine Dicke in den schönen Kennedy. 

JUAN. Ja.

ALEX. Erstaunlich, trotz Kuba. So habe ich das nie betrachtet. 

Die Freundesrunde folgt den Blicken von Alex und Juan. Das Zeitungsbild von Kennedy und Chruschtschow am Spiegel gibt allen im Terrassenzimmer Anwesenden das Gefühl, in diesem Augenblick an einem historischen Ereignis teilzuhaben. Die Freunde spüren wieder, daß sie zusammengehören. ALEX. Drei Dinge hat Kennedys Tod bei uns bewirkt: Wir haben Helga rechtzeitig gefunden und sie vor dem Selbstmord bewahrt. Ich hatte wieder Geld in der Tasche, und die Freunde kamen nach über einem Jahr endlich wieder zusammen