Film 7: Drehbuch

Siebtes Buch
Weihnachtswölfe
(1963) 
 
701 Straße vor Musikhochschule


Man vergißt immer, daß der Dezember im Sinne des Kalenders noch ein Herbstmonat ist. Es ist vielleicht eine unerfüllte Kindheitserwartung, daß der Weihnachtsmonat in Deutschland ein weißer Monat mit Tan-nenduft und leisem Schneegeriesel sei. Aber ebenso wie die Vorstellung, daß die bayerische Hauptstadt in Gebirgsnähe liege, ist die Erwartung, daß sich die Stadt in weihnachtliche Stimmungen hüllen könne, eine der romantischen Fehleinschätzungen - typisch für die Provinzkinder, die hierhergekommen sind, um sich Träume zu erfüllen. Clarissa kämpft mit dem Herbststurm, der die Arcisstraße hinauffegt. Sie ist es gewohnt, ihr Cello auf eine bestimmte Weise zu tragen. Das gelingt ihr aber heute kaum, denn die Sturmböen finden an dem Cellokasten eine besonders große Angriffsfläche und reißen ihr das Instrument von der Schulter. Im Vorwärtsstreben muß sie ihr wertvolles Cello immer wieder vor dem Wegfliegen bewahren. Schließlich trägt sie es, mit den Armen umschlungen, so vor sich her, wie eine Mutter in dieser Situation ihr Kind getragen hätte. So erreicht sie die Treppe, die zum schützenden Säulenportikus der Hochschule hinaufführt. 

CCARISSA. Drei Jahre und drei Monate waren vergangen, seit ich die bayerische Kreisstadt verlassen hatte, um in München Musik zu studieren. Ich hatte mich weit entfernt von dem Ort, an dem meine Mutter zu Hause war und meine aufgeregte Kindheit mit den frühen Celloerfolgen, dem Ort, an dem mein großer Förderer Dr. Kirch-mayer lebte, und alle guten Wünsche, die mich begleiten sollten auf meinem » Weg zum Ruhm«. 

702 Musikhochschule, Foyer und Damentoilette


Clarissas Bewegungen sind träge, fast mechanisch, als sie die Marmor-halle betritt, jenen Ort, der schon so bekannt ist und gar nicht mehr beeindrucken kann mit der Größenwahn-Architektur der Hitlerära. Kurz vor der Freitreppe hält Clarissa inne. Sie kehrt um. Sie trägt ihr Cello in den Vorraum der Damentoilette.

CLARISSA. Es war Dezember - kurz vor Weihnachten. Meine Sehnenscheidenentzündung hatte sich wieder gemeldet, eine weitverbreitete Musikerkrankheit. 

Clarissa hält ihre Unterarme unter das fließende Kaltwasser. Sie versucht, die schmerzenden Handgelenke ein wenig zu massieren und im Waschbecken abzukühlen. Hände und Unterarme sind gerötet. 

CLARISSA. Was ist das nur für ein maßloses Verlangen, das einen durch Tausende von Ubungsstunden treibt? Was sucht man hinter diesen Einsamkeiten mit seinem Instrument? 

Eine Studentin, die aus einer der Toilettenkabinen kommt, beobachtet sie. Während Clarissa Arm und Handgelenke mit einer elastischen Binde umwickelt, gibt die Studentin ihr Ratschläge. 

STUDENTIN. Ich habe damals bei meiner Sehnenscheidenentzündung Salzwasser genommen. Ich habe dreimal täglich mit heißem Salzwasser gebadet, und ich hab's weggekriegt. Na, ich meine ja bloß, aber es wird dir sowieso jeder einen anderen Rat geben. 

Clarissa geht auf den Rat der Kommilitonin nicht ein. Sie konzentriert sich völlig auf das richtige Anlegen der Binde. Sie bemerkt nicht einmal ihr eigenes Spiegelbild und das von tiefen Stirnfalten zerteilte Gesicht. Sie ist nicht in sich und nicht außer sich. Sie versucht nur noch, die Zeit durchzustehen. 

CLARISSA. Es gab Zeiten, da habe ich mit meinem Cello gekämpft wie mit einem Feind. Das Cello war für mich immer männlich - mit seiner tiefen Stimme, mit der ich zu sprechen versuchte . . . 
703 Weg zur Pinakothek


Sie kann sich von ihrem Cello niemals trennen. Selbst wenn sie nicht vorhat, mit dem Instrument zu arbeiten, muß sie es überall mit sich herumtragen. Wo sollte sie es auch lassen, wo wäre es wirklich sicher aufbewahrt? Dieser menschengroße Kasten muß immer mitgenommen werden. Es ist ihr schon zur zweiten Natur geworden, diesen ewigen Begleiter mit der männlichen Stimme bei sich zu haben, auch wenn sie nichts anderes tut, außer ihn zu tragen. Der Herbststurm wütet immer noch auf der Straße, als sie den Weg, den sie gekommen ist, wieder zurückeilt. Das Gebäude der Alten Pinako- thek ist von hier aus nicht weit. 

CLARISSA. Mein alter Celloprofessor sagte, an den traurigen und ver- zweifelten Tagen solle ich die Pinakothek aufsuchen. Im Anblick der alten Meister könne ich mich aufrichten. Ich probierte es zum ersten Mal aus. 

704 Pinakothek


Trotz aller Einlaßkontrollen ist es Clarissa gelungen, auch in den Ausstellungssälen ihr Cello bei sich zu behalten. Sie ist nicht auf die Idee gekommen, es an der Garderobe abzugeben. Ihre Art, das Instrument zu tragen, ist so mit ihrer Erscheinung verschmolzen, daß niemand auf die Idee käme, sie auf das »Gepäckstück« in ihren Händen anzusprechen.

CLARISSA. Aber mein Blick ging immer nur in mein Inneres. In meinem Bauch schien ein eiskalter Stein zu liegen. Ich hatte Angst. All die berühmten Ölgemälde von Dürer, Grünewald, Tizian oder Rubens, die an ihrem Blick vorbeiziehen, lassen sie unbewegt. Jetzt entdeckt sie die Gambenspielerin des Holländers Anthonis van Dyck. Sie setzt sich auf eine Lederbank, rückt ein wenig von ihrem Cellokasten ab und betrachtet das Gemälde. Ist diese Frau mit der Gambe ihr Ebenbild? Eine Musikerin wie sie? 

CLARISSA. Vor elf Tagen war ich in Rosenheim - bei diesem Arzt, den Evelyne mir empfohlen hatte: ein Engelmacher, der in einem modrigen Keller herump fuscht. Ich müsse es nun ein fach abwarten, hatte er nach dem Eingriffgesagt. Seit elf Tagen passierte nichts. 

Clarissa sieht sich um: Überall sieht sie die Bilder von Müttern mit ihren Kindern, idealisierte Darstellungen der Maria mit dem Jesuskind, das Mutterglück, der Mutterstolz, die Heiligkeit der Mutterschaft, das heilige Kind. Sie greift nach ihrem Cello, als wollte sie sich versichern, in diesem Moment nicht allein zu sein. Zwei junge Nonnen gehen vorbei. Als eine der Gottesbräute sich umdreht, meint Clarissa, sich selbst zu erkennen. War das ihr eigenes Gesicht, das sie da, vom schwarzen Nonnenschleier umrahmt, angestarrt hat? Clarissa steht auf. Sie folgt den Nonnen, die Hand in Hand vor ihr durch die Galerie schreiten. Sie kann die beiden überholen, aber ihr Gesicht begegnet ihr nicht noch einmal. Clarissa bleibt vor anderen Gemälden stehen. Es ist eine fremde, von ihrem Leben unendlich weit entfernte Welt, die sie da - in Gestalt von Gemälden -anschaut. Aber auch hier sind wieder überall die Bilder der heiligen Mutterschaft. Sie wiederholen sich so oft, wohin Clarissa auch den Blick wendet, daß es sie moralisch erdrückt. Können die Bilder aus einem fernen Jahrhundert heute in Clarissas Leben einwirken, und können sie ihre Stimme erheben zu dem Umstand, daß sie es ablehnt, Mutter zu werden? 

CLARISSA. Ich wollte nicht dieses Frauenleben! Ich wollte selbst etwas bewegen und nicht immer nur bewegt werden! Ich wollte - ich wollte -, ich war ganz voll vor lauter Wollen! 

705 Zimmer Clarissa


Sie zittert am ganzen Körper, als sie ihr Untermietzimmer erreicht und ihr Cello endlich in die Ecke stellen kann. Sie ist bleich. Ihre Lippen haben den blauroten Ton von Menschen, deren Kreislauf versagt. Sie ist schwach. Selbst das Aufknöpfen des Mantels überfordert sie beinahe. Beim Ausziehen der Schuhe verliert sie das Gleichgewicht. Sie friert von innen heraus. Sie läßt sich auf das Bett fallen und zieht die Decke eng an sich. Es ist düster im Zimmer, so daß sie ihr Bild in dem kleinen Spiegel über dem Bett nicht mehr erkennen kann. Sie schaltet die Leselampe ein. Das Licht bricht schmerzend hell in ihre Augen. Sie versucht, sich zu schützen. Es gibt keinen Schutz. Clarissa ist allein. Der Widerstand, den ihr Körper bis zu diesem Moment noch gegen sie und ihren Willen aufrechterhalten konnte, bricht zusammen. Neben dem Bett hängen all die Vorbilder für ihre Karriere. Bilder der berühmten Cellisten, denen sie nacheifert, Bilder ihrer Lehrer, die ihren Willen, als Künstlerin voranzukommen, gestärkt haben. Dort hängen auch die Einladungen und Plakate zu ihren Konzerten und Erfolgen und das Plakat von Hermanns »Spuren«-Konzert. 

HERMANN. Wochenlang hatte ich mich um Clarissa bemüht. Sie, nur sie allein sollte den Cellopart in meinem »Spuren«-Konzert spielen. Ich hatte davon geträumt, mit ihr gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Gemeinsam mit ihr wollte ich Erfolg haben und alles wiedergutmachen, was uns bei meinem ersten Cellokonzert so verwundet hatte. 

706 Vor dem Konzertgebäude


Schnüßchen, das Mädchen aus dem Hunsrück, gehört zu den ersten Konzertbesuchern, die an diesem Abend vor dem Goethesaal eintreffen. Sie hat es eilig. Schnell sieht sie in dem Schaukasten nach: Hat sie sich geirrt? Auch hier hängen die »Spuren«-Plakate - also nichts wie rein in das Gebäude! Schnüßchen geht auf den Künstlereingang los. Sie läßt sich nicht zurückhalten durch den Hinweis »Eintritt verboten«. Sie findet sofort den Weg auf die Bühne, auf der Hermann und seine Freunde die letzten Vorbereitungen zum Konzert treffen. 

HERMANN. Es war das erste Mal, daß ich außerhalb der Musikhochschule auftrat. Alle Stücke des Abends waren von mir, und zum ersten Mal setzte ich mich der Kritik der Freunde, der Presse und der Fachwelt aus, ohne von den Lehrern beschützt zu werden. Ich war sehr nervös. 
707 Konzertsaal, Bühne


Am Aufgang zur Bühne ist Schnüßchen erst einmal geblendet, weil ein Scheinwerfer sie direkt anleuchtet. Aber schnell gewöhnt sie sich an das helle Licht. Sie erkennt Hermann, der zwischen den Notenpulten und Mikrofonen umherrennt. schützen. Es gibt keinen Schutz. Clarissa ist allein. Der Widerstand, den ihr Körper bis zu diesem Moment noch gegen sie und ihren Willen aufrechterhalten konnte, bricht zusammen. Neben dem Bett hängen all die Vorbilder für ihre Karriere. Bilder der berühmten Cellisten, denen sie nacheifert, Bilder ihrer Lehrer, die ihren Willen, als Künstlerin voranzukommen, gestärkt haben. Dort hängen auch die Einladungen und Plakate zu ihren Konzerten und Erfolgen und das Plakat von Hermanns »Spuren«-Konzert. 

HERMANN. Wochenlang hatte ich mich um Clarissa bemüht. Sie, nur sie allein sollte den Cellopart in meinem »Spuren«-Konzert spielen. Ich hatte davon geträumt, mit ihr gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Gemeinsam mit ihr wollte ich Erfolg haben und alles wiedergutmachen, was uns bei meinem ersten Cellokonzert so verwundet hatte. 

Am Aufgang zur Bühne ist Schnüßchen erst einmal geblendet, weil ein Scheinwerfer sie direkt anleuchtet. Aber schnell gewöhnt sie sich an das helle Licht. Sie erkennt Hermann, der zwischen den Notenpulten und Mikrofonen umherrennt. 

HERMANN. Jetzt seid doch bitte mal still! Was ist das, Herr Wischer? Ist das vielleicht ein Wechselstrombrummen? 

TONTECHNIKER. Ich höre nur das Knarren dieser Dielen. 

Hermann geht umher wie ein gereizter Löwe im Käfig. Seine Musiker und der Tontechniker, die mit dem Aufbau der Instrumente und Ver-stärkeranlagen beschäftigt sind, wagen es kaum noch, sich zu bewegen. Hermann terrorisiert sie. 

HERMANN. Wer bewegt sich denn da dauernd? 

Diese Frage war gebrüllt. Alle schrecken sie zusammen, nur Schnüßchen nicht. Sie hebt ihre Hand wie in der Schule, um sich zu melden. 

SCHNUSSCHEN. Ich, ich glaube, ich habe mich bewegt.

HERMANN. Wie kommst du denn hier rein ?

SCHNUSSCHEN. Uberraschung! 

Schnüßchen hebt eine Einkaufstüte hoch, die sie mitgebracht hat. 

HERMANN. Sage jetzt lieber nichts! Bleib stehen, und bewege dich nicht! 

TONTECHNIKER. Wenn Sie mich fragen... 

HERMANN. Ja?

TONTECHNIKER . . . das kommt von der Heizung!

HERMANN. Ach so, und wo ist hier bitte sehr die Heizung? 

Die Musiker sind es nicht gewöhnt, mit solchen Fragen bedrängt zu werden. Sie bemühen sich, kooperativ zu wirken, geben Hermann aber auch zu verstehen, daß er sein Problem allein lösen muß. 

GEIGER. Ja, überall! Da sind so Lüftungsschlitze und da hinten, glaube ich, auch.

HERMANN. Gut, dann müssen wir die abhören, jede für sich. Notfalls müssen wir die Heizung eben abschalten. 

Jetzt entsteht eine merkwürdige Aktivität, die besonders komisch wirkt, weil die Musiker bereits ihre Konzertfräcke tragen. Sie knien auf der Rampe nieder, legen ihre Ohren auf die Lüftungsschächte, die in den Boden eingelassen sind, oder laufen in den Saal, in dem jederzeit die ersten Konzertbesucher eintreffen können. Auch die Heizkörper wer-den »abgehört«. 

ERSTER MUSIKER. Schauen wir mal.

ZWEITER MUSIKER. Da drin, da gluckert s ein biEchen. 

HERMANN. Ja, hier gluckert es auch. Aber das meine ich nicht. Ich finde nicht, daß es gluckert, sondern ich finde, daß es brummt!

TONTECHNIKER. Vielleicht ist es die Lüftung. Gibt es hier einen Ventila-tor?

ERSTER MUSIKER. Das weiß ich auch nicht.

TONTECHNIKER. Weiß einer, wo man hier den Hausmeister findet? 

Der Tontechniker zeigt mit jeder Bewegung, daß er Hermann für einen Spinner hält. Seinen Ruf nach dem Hausmeister richtet er in den menschenleeren Saal. Er erwartet keine Antwort. 

HERMANN. Ich möchte endlich einmal absolute Stille hören! Wenn ich in meiner Partitur eine Pause schreibe, dann meine ich Stille und nicht Brummen. 

TONTECHNIKER. Herr Simon, absolute Stille, so was gibt es nicht. Nicht einmal physikalisch ist das denkbar! 

HERMANN. Dann nennen Sie es eben, wie Sie wollen. Nennen Sie es von mir aus relative Stille. Hören Sie eigentlich nicht, wovon ich spreche? Sie sind irgendwie unkooperativ. 

TONTECHNIKER. Es liegt jedenfalls unter der Hörschwelle, was Sie da hören, Herr Simon. 

Der Tontechniker und Hermann treiben sich gegenseitig in immer höhere Erregungszustände. 

HERMANN. Wessen Hörschwelle? Ihre oder vielleicht meine? Oder die Hörschwelle von menschlichen Wesen? Die Neue Musik ist ohne anständige Stille nicht denkbar! 

Hermann spürt, daß sein Fuß auf einem Kabel steht. Er stolpert ein bißchen, dann nimmt er das Kabel in die Hand. Er versucht herauszufin-den, wohin es führt. 

HERMANN. Was ist denn das, was ist denn das für ein Kabel? Wohin führt das denn? Vielleicht ist es das.

TONTECHNIKER. Das ist doch nur das Netzkabel zum Verstärker.

HERMANN. Aha! Da hätten wir s ja vielleicht. . .

TONTECHNIKER. Lassen Sie es bitte liegen. 

Das Kabel endet neben Schnüßchen in einer der Wandsteckdosen. 

SCHNÜSSCHEN. Guck emal dei Hand an, Hermann. Die ist ja ganz schwarz. So kannst du doch gar nicht dirigieren. 

Hermann sieht, daß er sich an dem schwarzen Kabel die Hände schmut-zig gemacht hat. Aber das ist ihm jetzt egal. Er reißt den Stecker aus der Dose. Es wird still auf der Bühne. 

HERMANN. Ahhh - Stille! Ruhe, das nenne ich Stille, Herr Wischer. Sehen Sie, es lag alles nur an Ihrem Scheißverstärker, der brummt so.

TONTECHNIKER. Dann machen Sie Ihre Ansage eben ohne »ScheiEver-stärker«. Auch für die Sängerin haben wir dann kein Mikrofon. 

Schnüßchen ist Hermann gefolgt. Während er sich mit Herrn Wischer streitet, tippt sie ihm immer wieder auf die Schulter.

HERMANN. Was ist denn, du machst mich nervös! Was stehst du denn hier so rum? Wo ist überhaupt die Evelyne? Evelyne!

SCHNÜSSCHEN. Hermann, jetzt kommst du mal mit! Drei Minuten Zeit mußt du schon haben.

HERMANN. Da sind schon eine Menge Leute draußen. 

SCHNÜSSCHEN. Ja, die drängeln sich schon richtig. 

Schnüßchen führt Hermann zum Ausgang. Er versucht sich zu wehren, aber ihr Verhalten ist so bestimmend, und seine Gereiztheit lenkt ihn so ab, daß er sich von ihr führen läßt. Der Tontechniker ruft hinter Hermann her. 

TONTECHNIKER. Also, was ist jetzt? Mit oder ohne Verstärker? 

HERMANN. Ohne Brummen! 

708 Konzertsaal, Toilette


Schnüßchen führt Hermann eine Treppe hinab, die zu den Toiletten geht. Im Eingang zur Damentoilette bleibt sie stehen. 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt hab doch mal einen Moment Geduld! 

HERMANN. Es ist schon halb neun. Wir müssen uns beeilen. 

SCHNÜSSCHEN. Ich habe eine Überraschung für dich.

HERMANN. Ich warte hier draußen.

SCHNÜSSCHEN. Nein, du mußt mitkommen! 

HERMANN. Was, aufs Damenklo? 

Ehe Hermann sich überhaupt sträuben kann, hat sie ihn schon in die Damentoilette hineingezerrt. 

SCHNÜSSCHEN. Ei, da is keiner. Schnell, jetzt wasch dir erst einmal die Finger. Schnell, zieh die Krawatte aus und auch das Hemd!

HERMANN. Was? 

Schnüßchen öffnet die Einkaufstüte, die sie mitgebracht hat. Sie bringt einen schwarzen Rollkragenpulli hervor, den sie Hermann an die Brust hält. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, den habe ich noch kurz vor Geschäftsschluß gekauft für dich, und ich bin absolut sicher, daß er dir wunderbar steht!

HERMANN. Sag mal, was hast du denn vor mit mir? 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt zieh ihn mal an, los!

HERMANN. Wenn da jemand reinkommt. ..

Schon hat sie ihn zu den Kabinen geführt. Sie fordert ihn auf, das Hemd auszuziehen. Sie verspricht ihm, aufzupassen, daß niemand kommt. Er sperrt sich in eine der Kabinen ein. Schnüßchen wartet am Eingang. Ihr Gesicht strahlt vor Freude und Erregung. 

SCHNÜSSCHEN. Hast du mal die Bilder vom Leonard Bernstein im Stern gesehen? Der hat auf all seinen Konzertreisen so einen Pulli an. Genau so einen. Sogar in den größten Opernhäusern, und auch, wenn er Klavier spielen tut.

HERMANN. Aber ich bin doch gar kein Pianist! 

Hermann kommt aus der Kabine. Er trägt den Rollkragenpulli mit Unbehagen. 

SCHNÜSSCHEN. Laß dich einmal angucken. Schön siehst du aus, Her-mann! Den behältst du heute abend an - und keine Widerrede! Der ist doch auch von mir, ich will dich bewundern, wenn du auf dem Pult stehst und dirigierst. Wirklich wunderbar, Hermann! 

Er hält Schnüßchen sein weißes Hemd und die abgelegte Krawatte hin. 

SCHNÜSSCHEN. Das nehme ich mit und passe drauf auf bis nach dem Konzert. Und jetzt: viel Glück. 

Sie umarmt ihn. Dreimal spuckt sie ihm über die linke Schulter. Sie weiß, was unter Künstlern üblich ist. 

709 Konzertsaal, Foyer


Unter den Konzertbesuchern, die sich vor dem Einlaß drängen, sind die meisten von Hermanns Freunden aus den »Fuchshau«-Jahren: Alex, Juan, Renate, Olga, Stefan und Helga. Auch Volker und Jean-Marie kommen gerade an. Olga, die einen großen Strauß für den Künstler mit-gebracht hat, amüsiert sich über Stefan und Helga, die sich im Hinter-grund halten und vor den Augen der Freunde miteinander knutschen. 

OLGA. Habt ihr Helga und Stefan gesehen? Das ist unser neues Paar. Und habt ihr gemerkt: Stefan ist völlig blockiert. 

Schnüßchen, die sich unter die Wartenden mischt, nimmt Stefan und Helga in Schutz. 

SCHNÜSSCHEN. Laß sie doch, wenn sie sich lieben. . . 

OLGA. Stefan soll lieber Filme machen!

ALEX. Mit dir vielleicht, Genossin?

OLGA. Ach, hör doch auf mit deiner blöden Genossin! 

Alex hat sich so weit nach vorn gedrängt, daß er an der Kontrolle vorbeigedrückt wird, als das Publikum in den Saal strömt. 

71O Konzertsaal


Während die Leute die Plätze einnehmen, ist Hermann noch auf der Bühne. Mit letzten Handgriffen korrigiert er den Verlauf eines Kabels und zieht den schwarzen Molton gerade, mit dem der Bühnenboden ab-gedeckt ist. Das Bühnenbild ist völlig schwarz, ebenso das kleine Po-dium in der Mitte, so daß ein Spiegel im Zentrum der Bühne kaum sicht-bar wird. Alex hat sich in die erste Reihe gesetzt. Er winkt Hermann zu. 

ALEX. Toi-toi-toi! Es war keine Karte da. Ich hoffe, ich sitze hier richtig. 

Helga, die sich von Stefan löst, kommt ebenfalls ganz nach vorn, um Hermann zu begrüßen. Sie stellt sich direkt vor die Rampe und sieht ihm mit rätselhaftem Lächeln in die Augen. 

HELGA. Na, auch ganz in Schwarz, Hermann? 

Hermann versteht Helga nicht. Er sieht sich im Saal um: Es scheint, daß die Reihen voll werden. Ein Erfolg. Helga ist ganz in Schwarz gekleidet. Um das zu betonen, legt sie sich nun auch noch ein schwarzes Häkel-tuch, das sie vorher über die Schultern getragen hat, über den Kopf. So sieht sie fast wie eine Nonne aus. Stefan kommt hinzu. Er küßt sie vor Hermanns Augen. Helga lehnt sich an Stefan, bevor sie Hermann erneut anspricht. 

HELGA. Ich bin deine Witwe!

HERMANN. Aber ich lebe noch! Grüß dich, Stefan. 

STEFAN. Hermann, nervös?

HERMANN. Das kannst du wohl glauben! 

Helga ist offenbar immer noch tief gekränkt, weil Hermann ihre Liebe verschmäht hat. Ihr Spiel mit Stefan ist ein wenig zu offensichtlich. 

Volker, der sich im Eingang mit Jean-Marie unterhalten hat, kommt nun herein. Er geht suchend die Reihen durch. Da er nicht gefunden hat, wonach er Ausschau hält, wendet er sich an Alex.

VOLKER. Hast du Clarissa gesehen?

ALEX. Nein.

Jean-Marie nimmt seinen Sitzplatz ein. Volker kommt aber zu Hermann an die Rampe. Er unterbricht ihn, als er gerade seine Ansage durch das Mikrofon machen will. 

VOLKER. Hermann, Hermann, warte mal ganz kurz... Ich kann leider nicht dableiben. Also, es tut mir wahnsinnig leid. Es ist auch kein Neid und auch kein Konkurrenzkampf. Aber ich kann nicht bleiben. Mir ist was dazwischengekommen. Ich erkläre dir das alles nächste Woche. Ich melde mich bei dir. Aber jetzt kann ich nicht bleiben. Volker, der sich Sorgen um Clarissa macht, will nicht erkennen lassen, was er eigentlich meint. Er verläf t schnell den Saal. Hermann nimmt das Mikrofon in die Hand. 

HERMANN. Das Stück, das Sie heute abend zuerst hören werden, trägt den Titel »sine nobilitate«.

Herr Wischer hat das Mikrofon natürlich nicht eingeschaltet. 

ZUSCHAUER. Lauter! 

HERMANN. »Sine nobilitate«. Es ist einem abwesenden Cello gewidmet. Das wollte ich nur sagen, um eventuellen Mißverständnissen vorzu-beugen. Und jetzt: viel Glück. 

Jetzt funktioniert das Mikrofon wieder. Der Tonmeister übt sich in Rache. Die Vorstellung, die jetzt beginnt, ist eine von Hermanns szenisch-musikalischen Inszenierungen. Neben dem Spiegel hängt ein weißes Tuch, das eine Person verhüllt, die noch verborgen bleiben soll. Vier Musiker, Hermanns Streichquartett, kommen herein. Jeder von ihnen trägt ein Metronom in der Hand, das auf ein Zeitmaß eingestellt ist, das anders ist als das der drei Kollegen. Jeder Spieler richtet das Tempo seiner Schritte nach seinem eigenen Metronom. So wird dem Publikum in theatralischer Weise vorgeführt, daß dieses Stück auf der Basis voneinander abweichender Zeitmaße komponiert wurde. 

HERMANN. Warum hatte Clarissa mich mitten in den Proben allein gelassen? Warum hatte sie nichts gesagt, als sie verschwand? Warum hatte sie die Verbindung zu mir abgebrochen, gerade als wir anfingen, uns auf das Konzert zu freuen? 

Die Bewegungen der Musiker sind übertrieben ernst. Als sie an ihren Plätzen angekommen sind, befestigen sie ihre Metronome an Haken, die an unsichtbaren Fäden vom Schnürboden herunterhängen. Hermann erscheint mit seinem Taktstock. Er gibt den Spielern das Zeichen zum Setzen. 

HERMANN. Ich war geschränkt. Aus Verzweiflung hatte ich meine Musi-ker terrorisiert und mich geweigert, das Stück umzuschreiben oder Clarissa durch eine andere Cellistin zu ersetzen. Ich wollte ihr ein Zeichen hinterlassen, eine Geste der Enttäuschung und des Stolzes. 

Auf ein weiteres Zeichen von Hermann werden die Metronome empor- gezogen und verschwinden im Dunkel der Oberbühne. Dann wird das weiße Tuch gelüftet. Was darunter zum Vorschein kommt, ist eine nackte Frau, die mit dem Rücken zum Publikum inmitten der Musiker-gruppe sitzt. Auf den Rücken der Nackten sind die F-Löcher eines Cellos gemalt. Die Inszenierung zitiert eine berühmte Fotomontage von Man Ray. 

HERMANN. So blieb das »Streichquartett für ein abwesendes Cello« bewußt unfertig und bösartig im Klang. 

Hermann gibt nun den Musikern den Einsatz. Die Freunde im Saal lachen über Hermanns Einfall mit der nackten Frau. Sie meinen zu wissen, was da gemeint ist. Die Musik klingt tatsächlich wirr und häßlich. 

711 Wohnung Clarissa


Volker besucht Clarissa in ihrer trostlosen Bude. Als er die Zimmertür öffnet, liegt sie noch genauso da, wie sie sich nach dem Heimkommen hingelegt hat. Ihr Gesicht ist bleich. Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn. Sie zittert. Volker hat mit einem Blick erfaßt, daß es ihr sehr schlecht geht. 

VOLKER. Clarissa, was fehlt dir? Sag doch was, bist du krank? Hast du Fieber? Du hast hohes Fieber. Hast du Schmerzen? Clarissa! 

Clarissa wimmert vor sich hin. Sie spürt, daß jemand im Zimmer ist. Sie kann keine Antwort geben. Frau Foisner, die Wirtin, beobachtet die Szene von der offenstehenden Tür aus. Sie sieht, wie Volker Clarissa umdrehen will. 

FRAU FOISNER. Um Gottes willen, bloß net bewegen, bloß net bewegen! 

VOLKER. Clarissa, hast du so große Schmerzen?

FRAU FOISNER. Da ist eine Luft herinnen! Da kann man ja gar net schnaufen.

VOLKER. Clarissa!

FRAU FOISNER. Ich mache schnell das Fenster auf. . . 

Volker versucht währenddessen weiterhin, von Clarissa zu erfahren, was ihr fehlt. Er versteht, daß sie nicht sprechen kann. Sie wird immer schwächer. 

VOLKER. Clarissa, hörst du mich? Bitte, sag mir, was ich tun soll! 

FRAU FOISNER. Ich hole einen Arzt! 

712 Krankenwagen


Volker begleitet Clarissa auf dem Weg ins Krankenhaus. Er sitzt neben dem Sanitäter im Krankenwagen und bemüht sich, zu helfen. 

VOLKER. Ich kann Ihnen vielleicht Hinweise geben, die für die Diagnose wichtig wären. 

713 Krankenhaus, Foyer


Der Krankenwagen kommt vor der Klinik an. Clarissa wird auf einer Tragbahre im Laufschritt in das Haus getragen. Sie erhält eine Infusion. Volker läuft scheu hinter den Sanitätern her. Hilflos sieht er zu, wie Clarissa von den Ärzten versorgt wird. Volker weiß nicht, wohin er gehen soll. Der Krankenhauspförtner öffnet sein Schalterfensterchen und spricht ihn an. 

PFÖRTNER. Hallo, Sie... bleiben Sie hier. Ich brauche noch einige Angaben und Ihre Personalien. 

Volker füllt den Anmeldeschein für Clarissa aus. Wenigstens so kann er ihr ein wenig helfen. 

714 Konzertsaal


Evelyne ist im langen Konzertkleid auf die Bühne gekommen. Das Vorspiel zu dem Lied, das sie jetzt singen soll, besteht aus langen Klangflächen, zu denen die Gitarre, die Hermann selbst spielt, fremdartige Akkorde beiträgt. 

HERMANN. Seit Evelyne in unseren Freundeskreis gekommen war, hatte ich eine Reihe von Liedern für sie komponiert. Eins davon war Ansgar gewidmet, dem toten Freund. Ansgar hatte mir eines Tages eine Reihe seiner Gedichte geschickt. Darunter war dieser Text, der von einem Schaukelstuhl erzählt, in dem Ansgar gern saß, wenn er uns im Garten des »Fuchsbaus« besuchte. Einmal, als er sich mit seinem Rotweinglas in den Stuhl setzte, fühlte er sich wie Kennedy und sagte: John Fitzgerald hat recht - so denkt sich's menschlicher . . . Nun lebte auch der Präsident im Schaukelstuhl nicht mehr. 

Evelynes Vortrag ist von der Trauer erfüllt, die sie immer noch für den toten Freund empfindet. 

EVELYNE (singt). 

»Mein Schaukelstuhl fällt hintenüber den Himmel reißt es mit und Dächer, Dächer rot und Trunkenheit und sauren Wein Die Füße über mir und kleinen Fliegen ein Tanz mit Schwalbenzügen übers Meer. Der Stuhl im Fall nimmt Birkenäste mit und Blau und Sehnsucht, Hände, Liebe Tod und Spiegelblick, Oh Fall, oh Fallen, nein, oh ende, ende, ende nicht! Jetzt ich und wieder, wieder ich!« 

715 Vor dem Krankenhaus, im Auto


Volker hat Jean-Marie aus dem Konzertsaal geholt. Jetzt fährt er mit dem Freund in dessen VW-Cabrio zu der Klinik zurück. Jean-Marie erlebt die Ereignisse ganz anders als Volker, der Clarissa liebt und deswegen den Kopf verliert. Jean-Marie bezieht die Sache auf sich. Er fürchtet, in dramatische Ereignisse hineingezogen zu werden und in eine Lage zu geraten, die er nicht beherrscht. Das Auto mit den ratlosen Freunden bleibt auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus stehen. 

JEAN-MARIE. Scheiße . . . ich habe Angst um sie. 

716 Krankenhaus, Foyer und Gänge


Volker ist es gelungen' den jungen Stationsarzt anzusprechen. Mitten im Krankenhausbetrieb, der immer hektisch wirkt und die besorgten Ange-hörigen der Kranken grundsätzlich ignoriert, hat Volker den Arzt dazu gebracht, sich über Clarissas Zustand zu äußern. Der Arzt hat die Patientenkartei geholt und sieht nach. 

ARZT. Also, es handelt sich um eine Sepsis. Im Volksmund heißt so etwas Blutvergiftung. Das ist eine Allgemeininfektion mit pathogenen Kei-men. Die Symptome sind: hohes Fieber mit Schüttelfrösten, beschleu-nigter Puls und Atembeschwerden. Bei der Patientin liegt - wie ich hier sehe - eine hochgradige Anämie vor. Die Ursache: ein septischer Abortus criminalis. 

VOLKER. Haben Sie die Patientin eigentlich gesehen, Herr Doktor? 

Jean-Marie ist hinzugekommen. Er hat die Erklärung des Arztes mit angehört. Jetz~ mischt er sich mit der schärferen Tonlage des Bürgersoh-nes ein. Er will sich nicht einschüchtern und abwimmeln lassen wie sein Freund Volker. 

JEAN-MARIE. Wir wollen wissen, wie es ihr geht! 

ARZT. Ich bin zwar die ganze Nacht im Hause, aber die Patientin kenne ich noch nicht persönlich. Sie müssen mich auch jetzt entschuldigen, ich muß in die Notaufnahme. 

Der offenbar noch unerfahrene Doktor entzieht sich weiteren Fragen. Er geht so rasch in den Seiteneingang, der zur Notaufnahme führt, daß es wie eine Flucht aussieht. Die Freunde begeben sich jetzt eine Etage höher. Sie finden die internisti-sche ntensivstation. Es ist gerade »Chefvisite«. Die Freunde, die Clarissa sehen wollen, können das Zimmer nicht betreten. Sie stehen im neonbeleuchteten Gang und Warten. 

JEAN~MARIE Ich frage mich immer noch, wie ich da mit hineingeraten konnte Clarissa kam direkt von dir, als sie mich damals besuchte. Kannst du Dir das erklären? 

VOLKER. Sie läuft vor der Liebe davon. Irgendwie ist das so ihre Art. Warum? Weißt du, warum eine Frau so was macht? 

JEAN-MARIE- Ich glaube, es ist dieses verdammte Cello. 

VOLKER. Dle Liebe oder das Cello, was? 

JEAN-MARIE Sie hat uns beide nicht gemeint. Komischerweise reizt mich diese Art von Frauen.

Plötzlich füllt sich der Flur mit Weißkitteln. Der Chefarzt und sein Anhang haben eins der Krankenzimmer verlassen. Sie stehen diskutie-rend auf dem Flur, bevor sie ein weiteres Zimmer aufsuchen. Volker und Jean-Marie entdecken die Stationsschwester in der Gruppe. Sie fangen sie ab, bevor sie mit der Chefvisite weiterzieht. 

VOLKER. Entschuldigung, ist das das Zimmer von Clarissa Lichtblau? 

SCHWESTER. Ja, das ist das Zimmer von Fräulein Lichtblau.

JEAN-MARIE. Können wir sie sehen?

SCHWESTER. Nein, das geht jetzt nimmer. Es ist zu spät. Sie schläft, und eben war Visite.

VOLKER. Wie geht's ihr denn? Kann man nicht. . . 

SCHWESTER. Es geht ihr ganz gut.

VOLKER. Kann man mal kurz hineinschauen?

SCHWESTER. Einen ganz kleinen Spalt, ganz kurz. 

Die Schwester öffnet die Zimmertür ein wenig. Sie läßt Volker und Jean--Marie ihre Köpfe durch den Spalt stecken. Was die Freunde sehen, ist eine an Geräte, Kabel und Schläuche angeschlossene Frau, die auf einer Bahre liegt und sich nicht rührt. Clarissas Oberlippe ist mit einem Pflaster verklebt, unter dem ein Schlauch verläuft, der in ihrer Nase endet. Ein Überwachungsgerät mit Oszilloskop zeigt ihre Atem- und Herzfre-quenz an. Bei jedem der Herzschläge entsteht ein Knackgeräusch in einem kleinen Lautsprecher. Clarissa ist eigentlich nicht anwesend in diesem Raum. Es sieht aus, als hätte ihre Seele diesen technisch kontrol-lierten Körper verlassen. Volker bemüht sich, seine Empfindungen noch in dieses leblose Bild hineinzusehen. Aber wie sehr er auch die Augen aufreißt und mitleidig blickt - er steht ebenso beziehungslos vor der Kranken wie Jean-Marie, der sich vorgenommen hat, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das einzige, was wichtig zu sein scheint, ist das Funktionieren der Tropfinfusionen, an die sie angeschlossen ist, und ihr Atem, der künst-lich gesteuert wird. Die Schwester beschließt, die Patientin weiteren Betrachtungen zu entziehen. 

SCHWESTER. Also, ich muß jetzt zur Visite. 

Sie zieht die Tür, die sie die ganze Zeit nicht losgelassen hat, einfach zu. So bleibt Clarissas Körper allein. 

717 Foyer, Konzertsaal


Hermanns Konzert ist zu Ende. Die Freunde warten im Foyer, bis er mit seinen Musikern die Bühne geräumt hat und nach draußen kommt. Schnüßchen hat Elisabeth, ihre Kollegin von der Stadtrundfahrt, getrof-fen. Immer noch trägt sie Hermanns Hemd, die Krawatte und seine Jacke mit sich herum. Sobald sie Hermann kommen sieht, sucht sie den Platz an seiner Seite, als wäre sie seine Ehefrau, die ihre Rechte wahr-nimmt. Sie stellt sich den anwesenden Freunden in den Weg, als wolle sie Hermann vor ihnen schützen. 

HERMANN. Am Ende des Konzerts hatte es langen Applaus gegeben, aus dem ich vor allem die Freunde heraushörte mit ihren Bravorufen. Die Stimmen von Alex, Helga, Stefan, Frau Moretti, Juun und Renate hatte ich erkannt. Clarissas Stimme aber fehlte. Ich fragte mich, ob die Freunde mich nur trösten wollten mit ihrem Beifall. Der Abend endete unbefriedigend, und ich wurde unsicher, als ich den Freunden nun gegenüberstand. 

Schnüßchen wartet geduldig, bis Hermann die Freunde begrüßt hat und Zeit findet, sie anzuschauen. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, darf ich dir mal meine Kollegin vorstellen? Die Elisabeth, die tät dich so gern einmal kennenlernen. 

Hermann hat nur mit halbem Ohr zugehört. Er sieht, wie seine Freunde sich überall zum Weggehen anschicken. Er ist ganz hilflos. 

HERMANN. Ihr kommt doch alle nachher noch in den »Fuchsbau« ? Ich habe ein paar Flaschen Wein zu Hause.

SCHNÜSSCHEN. Von der Mosel, Heimatwein sozusagen.

FRAU MORETTI. Ja, gerne.

SCHNÜSSCHEN. Komm, zieh mal dieJacke an. Du hast dich angestrengt. Schnüßchen ist guter Laune, und es sieht aus, als wäre sie es, die hier alles arrangiert und inszeniert hatte. Jetzt entdeckt Hermann ihre Freundin Elisabeth, die im Hintergrund wartet.

HERMANN. Bitte, tu mir einen Gefallen, erspare mir deine Kollegin. Ich kann sie ja später mal kennenlernen.

SCHNÜSSCHEN. Elisabeth verehrt dich. Sie hat extra solange gewartet. 

Das Foyer hat sich geleert. Außer den Freunden haben auch die letzten Gäste das Theatergebäude verlassen. Es ist nicht festzustellen, ob Hermanns Musik den Freunden wirklich gefallen hat. 

HERMANN. Schnüßchen hatte mir nicht nur diesen Rolikragenpulli geschenkt, sie hatte auch angefangen, mich als Star aufzubauen, bei ihren Kollegen vom Reisebüro. Sie war lieb. Sie spürte, daß ich traurig war, und fing an, mich mit allen Mitteln zu trösten. 

718 Krankenhaus, Foyer

Volker und Jean-Marie sind noch immer in der Klinik. Sie gehen durch die nächtlichen Gänge und versuchen sich über die Situation klarzuwerden. 

VOLKER. Sie trägt verdammt das höhere Risiko. Ich möchte keine Frau sein. 

JEAN-MARIE. Ich werde meinen Vater fragen, ob er den Chefarzt hier kennt. Man soll so was immer von oben nach unten regeln.

VOLKER. Großbürger!

JEAN-MARIE. Soll ich jetzt sagen, Kleinbürger? Volker, du bist mein Freund. Du hast etwas zu sagen, musikalisch meine ich. 

Mit dieser Bemerkung fühlt Volker sich angegriffen. Er gibt Jean-Marie einen Schubs, um ihm klarzumachen, daß er sich nicht beleidigen lassen will. Jean-Marie lenkt ein. 

JEAN-MARIE. Komm, laß uns nicht die Nerven verlieren. 

Die beiden Freunde beschließen, von hier wegzugehen. Wohin, das wissen sie noch nicht. Auf dem Weg zum Ausgang wird Volkers Stimme weinerlich. 

VOLKER. Eine Frau wie Clarissa - das ist ein Traum für mich, JeanMarie. Ich hänge wahnsinnig an ihr. Ich wollte ihr sogar ein Cellostück schreiben.

JEAN-MARIE. Aha, in Hermanns Fußstapfen!

VOLKER. Wie war sein Konzert eigentlich?

JEAN-MARIE. Ist gut angekommen bei den Leuten.

VOLKER. Und was sagst du?

JEAN-MARIE. Er ist ein Zauberlehrling, epigonal, aber talentiert. Ein Spätromantiker. 

Jean-Marie hat es wenigstens versucht, Hermann aus Volkers Angst- welt zu vertreiben. Die beiden treten in die kalte Dezembernacht hinaus. 

719 Bar


Helga und Stefan sind die einzigen Gäste in dieser Kneipe. Sie sitzen in der Bordellbeleuchtung, sehen aneinander vorbei und warten, bis eine der beiden Bardamen unwillig herankommt. 

BARFRAU. Was darf´s sein?

STEFAN. Zwei Daiquiri. An dich ist unheimlich schwer ranzukommen. Du lebst hinter tausend Glasscheiben.

HELGA. Ich bin eine Frau...

STEFAN. Das ist das einzige, was sicher ist. 

Helgas Blick geht geradeaus in die glitzernden Spiegel, mit denen der Barhintergrund ausgestattet ist. Dort ist sie mehrfach abgebildet, wie sie neben dem traurigen Stefan sitzt und auf das Getränk wartet. Ihr Gesicht nimmt einen hochmütigen Ausdruck an. 

HELGA. Hältst du dich auch manchmal für genial?

STEFAN. Nein.

HELGA. Schade. 

Die Bardame serviert die beiden Daiquiris. 

STEFAN. Das Hemingway-Getränk. 

HELGA. Das da sind wir. 

Helga deutet auf die Spiegelfläche. Stefan und sie sind in diesem Spiegelbild »aufgehoben«, entmaterialisiert. Anstelle ihrer Gesichter erscheinen weiße, unstrukturierte Flächen, durch die der Barhintergrund hindurchscheint. 

STEFAN. Ohne Gesichter? 

HELGA. Tot.

STEFAN. Ungeboren.

HELGA. Ich will mich betrinken.

STEFAN. Prosit. Bonjour tristesse! 

720 Zimmer Renate


Juan ist an diesem Abend bei Renate zu Gast. In Unterhose und mit einem Handtuch über der Schulter kommt er von der Toilette zurück. Wie einstmals Hermann muß er leise sein und darf den Weg zwischen Zimmer und Bad nur auf Zehenspitzen zurücklegen, damit es die Wirtin nicht hört. Juan ist froh, die Tür hinter sich schließen zu können und wieder in Renates Obhut zu sein. 

RENATE. Der Klodeckel. .. 

JUAN. Der Klodeckel?

RENATE. Ja, hast du ihn runtergeklappt? 

JUAN. Ja, natürlich!

Er kommt lächelnd auf Renate zu, hockt sich auf das Bett. Sie sitzt mit ihrem rosa Bademantel da und versucht, seine Jonglierkugeln in der Hand kreisen zu lassen, so, wie Juan es immer vorführt. Renate ist aber zu ungeschickt. Sie gibt die Kugeln an Juan zurück. 

RENATE (lacht). Jetzt haben wir den Hermann schmählich sitzenlassen. Möchtest du hier schlafen?

JUAN. Das weiß ich noch nicht. 

Sie kuschelt ihren Kopf in seinen Schoß. 

RENATE. Ich überlege mir immer noch, ob des richtig war, daß ich die Geschichte mit dir angefangen habe. Ich mache immer Sachen, die wo ich nachher bereue. Gib's zu, Juan, ich bin doch auch für dich die reine Verlegenheitslösung.

JUAN. Ich gehe bald wieder weg. Ich bin nur ein Gast aus einem fremden Land. 

Einen Moment lang träumt Renate hinter Juans Worten her. Dann aber springt sie auf. Sie läuft unruhig im Zimmer umher. Sie sucht etwas. 

RENATE. Habe ich die jetzt genommen oder nicht? 

Auf ihrer Frisierkommode findet sie die Pillenschachtel. Sie kontrolliert das Datum, dann nimmt sie eine der Pillen, die sie vor Juans Augen mit einem Schluck Wein hinunterspült. 

RENATE. Ich hab mir doch neulich von unserem Hausarzt in Neu-Ulm die Pille verordnen lassen.

JUAN. Das ist gut.

RENATE. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen bei mir, verstehst du, was ich meine?

JUAN. Ja, das verstehe ich.

RENATE. Auf euch Männer kann man sich nämlich nicht verlassen. Juan antwortet wie ein Roboter, leidenschaftslos und präzise.

JUAN. Nein, auf uns kann man sich nicht verlassen. 

Unter Renates Bademantel kommt ein dicklicher Körper zum Vorschein mit der spiefigen Wäsche, die sie für Reizwäsche hält. Unten, wo das Baumwollhemd aufhört, sehen ein paar weiße Strapsbänder hervor, mit denen sie ihre Nylonstrümpfe befestigt hat. 

RENATE. Du bist doch ein schrecklicher Kerl, Juan. Du bringst es auch zu nix im Leben. Da bist du genauso wie ich. 

An der Wand hängt ein Filmplakat, auf dem eine Tingeltangel-Tänzerin abgebildet ist, die sich Renate als Traumvorbild erwählt hat. Vor Juans Augen nimmt sie nun die Pose der abgebildeten Tänzerin ein. 

RENATE. Meinst du, ich werde mal eine brauchbare Schauspielerin werden?

JUAN. Nein.

RENATE. Du glaubst also nicht an mein Talent? Aber an meine Energie glaubst du doch ? Und an meine Wut, die wo ich im Bauch habe. Jetzt trau dich nur net wieder nein zu sagen, sonst wirst du nämlich in kleine, handliche Stückle zerlegt und aus dem Fenster geschmissen . . . 

Renate hat ihren Bademantel wieder angezogen. Juan bietet ihr keine Chance, ein bißchen glücklich zu werden an diesem Abend. Nicht einmal täuschen darf sie sich. 

JUAN. Was soll ich sagen?

RENATE. Ach, du sollst überhaupt nichts mehr sagen. Du sollst mich jetzt allein lassen. Du machst mich traurig. Mit deiner ganzen Art machst du mich traurig. 

Renate packt Juans Kleider und wirft sie neben ihn auf das Bett. Jetzt ist Juan beleidigt. Sie setzt sich neben seine Kleider und starrt die Wand an. 

RENATE. Ist das eine Nacht heut nacht! 

721 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Das Zimmer im »Fuchsbau« ist für eine größere Party vorbereitet worden. In Diele und Studentenzimmer sind Getränke, Imbißplatten, Weihnachtsgebäck und belegte Brötchen auf Tischen und Buffet dekoriert. Weihnachtlich brennen ein paar Kerzen. Es gibt sogar einen Adventskranz. Es ist die Zeit des Nikolausfestes. Hermann wollte das Konzert mit den Freunden stimmungsvoll feiern. Schnüßchens Rollkragenpulli hat er anbehalten. Schnüßchen sitzt in ihrem geblümten Konzertkleid auf dem Fußboden. Sie sieht zu, wie Hermann immer ungeduldiger und schließlich ärgerlich wird. 

HERMANN. Ich verstehe das nicht! Es ist gleich halb drei, wo bleiben die nur? Es ist ja wie eine Verschwörung heute abend. Normalerweise lassen sie einen Nacht für Nacht nicht schlafen, und heute kein Mensch!

SCHNÜSSCHEN. Mir gefällt das, so allein mit dir. Mensch, Hermann, der Pulli, der steht dir narrisch gut. Ich sehe dich immer noch so auf der Bühne, richtig genial, du glaubst es nicht! 

Hermann setzt sich ans Klavier. Die Themen seines Konzerts beschäftigen immer noch seine Phantasie. Er spielt Teile aus dem »Lied für Ansgar«. 

HERMANN. Die müssen das doch gehört haben, hier, der Schluß: Guck mal, wenn ich das so komponiert hätte, beispielsweise der Schluß: Das ist eine Kadenz, das ist klar, aber trotzdem, das ist banal, das ist Kitsch! Aber so, wie ich das gemacht habe, das ist doch eine völlig neue Welt! 

Er wiederholt den Schluß des Liedes, mit den Harmonien, wie er es für Evelyne komponiert hat. Selbstgefälliger, als er es sonst zu sein wagen würde, spielt er vor Schnüßchen den genialischen Komponisten, den zu seiner Zeit keiner versteht. 

HERMANN. Hast du so was schon mal gehört? Ich nicht! Verdammt, die können doch nicht einfach darüber wegsehen. Schnüßchen genießt es, daß Hermann ihr allein sein Werk vorspielt. Sie versteht nichts von Musik, aber von diesem Musiker glaubt sie viel zu verstehen. 

SCHNÜSSCHEN. Brauchst du unbedingt die Meinung von den anderen? Ich tät mir wünschen, daß du von so etwas unabhängig bist.

HERMANN. Man macht Musik nicht für sich alleine. 

SCHNÜSSCHEN. Aber deine Kunst, die ist doch ganz allein in dir und von dir . . . 

Als Hermann sich jetzt unverstanden und leidend in seinen Sessel fallen läFt, fühlt Schnüßchen, daß ihre Stunde gekommen ist. Sie erhebt sich, füllt ein Glas mit der Bowle, die für die untreuen Freunde bereitsteht, und nähert sich Hermann. 

SCHNÜSSCHEN. Ich möchte dich so gerne in die Arme nehmen und dich spüren lassen, daß du es richtig gemacht hast. Weißt du, was mir gefallen tät? Daß du dich überhaupt nicht um die Meinung der anderen Leute kümmern tätst. Ich tät dafür sorgen, daß du schaffen kannst, daß keiner dich stört. Und um dich herum, Hermann, da wär so eine Bannmeile, die täte ich bewachen und hüten wie ein Zerberus. Kannst du dir das vorstellen? Nur du allein und deine Musik. ..

HERMANN. Und du! Schnüßchen, du bist lieb. 

Schnüßchen spürt, daß sie für Hermanns Geschmack die Dinge ein biLchen zu schnell einfädelt. Sie wendet sich von ihm ab und wartet, was er sagen wird. 

HERMANN. Ich weiß auch nicht, warum ich das brauche, daß sie mich ansprechen. Vielleicht will ich einfach nur gelobt werden.

SCHNÜSSCHEN. Wie in der Schule, nicht?

HERMANN. Unsinn, mehr in dem Sinne, daß sie mich anerkennen.

SCHNÜSSCHEN. Ja, das tun die doch auch. Und sie bewundern und beneiden dich auch. 

Hermann braucht nun mehr Raum für seine Schritte. Er läuft zwischen Zimmer und Diele hin und her. 

HERMANN. Sie haben alle versprochen, heute noch vorbeizukommen, und jetzt geht's schon auf drei Uhr zu. 

Es gibt da ein Gebäck, das Hermann seit seiner Kindheit kennt. Es ist üblich, dieses am Nikolaustag zu backen. Einen von diesen in Men-schengestalt gebacken »Weckmännern« greift sich Hermann und reißt ihm den Kopf ab. Er beginnt demonstrativ, den kleinen Mann aufzu-essen. Dann versinkt er in Erinnerungen. 

SCHNÜSSCHEN. Fühlst du dich einsam?

HERMANN. Vielleicht. ..

SCHNÜSSCHEN. Das macht mich richtig traurig. Komm, gib mir mal einen Kuß. 

Schnüßchen geht durch das Zimmer, bis sie dicht vor Hermann steht. Sie schmiegt sich mit ihrem ganzen Körper an den traurigen Komponi-sten. Er zögert. Dann spürt er den Frauenkörper und küßt sie. Schnüßchen ist zufrieden. Sie löst sich von ihm, um eine Flasche Wein vom Buffet zu holen. Sie beginnt, sie zu entkorken. 

SCHNÜSSCHEN. Den probieren wir jetzt, der ist aus der Kreuznacher Gegend. Kennst du Waldalgesheim ? Da sind wir immer mit der Frau vom Kurt hingefahren, weißt du, das ist meine Lieblingsschwägerin. 

Sie stellt sich ein bißchen ungeschickter an als nötig, so daß Hermann ihr die Flasche aus der Hand nimmt und den Korken herauszieht. Ist so etwas nicht Männersache? Er füllt die Gläser, die Schnüßchen ihm hinhält. 

SCHNÜSSCHEN. Schon allein die Farbe, guck mal, Hermann, wie Gold schimmert der. Eine Scheurebe. Ach, ich freue mich so auf den Wein. Ein Stückelchen Heimat ist das. 

Zum Trinken setzt sie sich auf Hermanns Schoß. So ist es gemütlicher. Sie stößt mit ihm an. 

SCHNÜSSCHEN. Der ist viel zu schade für deine arroganten Freunde, genau wie deine Musik.

HERMANN. Schnüßchen, davon verstehst du nichts! 

Hermann läßt sich ausgiebig küssen. Die vom Wein gesäuerten Zungen wühlen sich ineinander. Schnüßchen öffnet nach einer Weile die Augen, um sich zu vergewissern, daß Hermann sich auch ganz auf sie einläßt. 

SCHNÜSSCHEN. Sei mir nicht böse, Hermann, ich weiß, daß ich da nicht kompetent bin. Aber du wirst schon dahinterkommen, wer die wah-ren Freunde sind. 

Hermann steht jetzt auf. Er hält die kleine Hunsrückerin mitsamt ihrem Weinglas im Arm. So dreht er eine kleine Pirouette mit ihr, bevor er sie zum Bett trägt. 

722 Vor dem Krankenhaus, im Auto

Jean-Marie und Volker übernachten im Auto auf dem Parkplatz. Er-schöpft hat Volker seinen Kopf auf die Rückenlehne sinken lassen. So liegt er und atmet unruhig. An der Autoscheibe haben sich Eisblumen gebildet. Jean-Marie hält das Steuer in der Hand, als wolle er fahren. Volker wacht auf. 

VOLKER. Ahh, ist das kalt hier! 

Jean-Marie hat tief geschlafen. Er antwortet sofort. 

JEAN-MARIE. Wollen wir nicht lieber nach Straßburg fahren? Bei uns zu Hause sind wir in Sicherheit. Es wird dir gefallen.

VOLKER. Ich bleibe, bis sie außer Gefahr ist.

JEAN-MARIE. Es war ja nur ein Angebot. Du kannst es dir ja überlegen. 

Jean-Marie hat viele Gedanken in sich angesammelt, während Volker schlief. 

JEAN-MARIE. Wir sollten wieder arbeiten, Volker. Ist dir aufgefallen, wie lange wir schon nichts Neues mehr gemacht haben?

VOLKER. Wir Propheten der Neuen Musik! Da sitzen wir nun. Wenig-stens musikalisch haben wir keine Kompromisse gemacht.

JEAN-MARIE. Musik ist Musik, Schnaps ist Schnaps, Liebe. . . 
 
723 Treppenhaus Stefan


Stefan wohnt in einem großen Schwabinger Jugendstilhaus. Das reich-verzierte Geländer windet sich durch die Stockwerke. Das Nachtlicht läßt gespenstische Schatten durch das Treppenhaus fallen. Der rote Reflex einer Leuchtreklame füllt die Stockwerke mit rhythmischen Farbspielen. Helga hat sich im zweiten Stock weit über das Treppengeländer gelehnt. Sie läßt ihren Schuh in den Schacht fallen, um zu sehen, wie tief er ist. 

STEFAN. Helga. ietzt hör doch auf mit dem Quatsch. Komm, warum bist du überhaupt bis hierhin mitgekommen? Zehn Stufen, und du bist im Warmen.

HELGA. Zehn entscheidende Stufen, Stefan. 

Sie setzt sich auf die Holzstufen und lehnt sich gegen die kalte Wand. Stefan ist verzweifelt. Er setzt sich neben sie. 

HELGA. Das sind doch Milchmädchenrechnungen. 

STEFAN. Hier werden wir höchstens krank.

HELGA. Ja, krank, krank, krank. . . Wir sind krank in der Seele!

STEFAN. Da gebe ich dir sogar recht. Wenn wir weiter hier sitzen bleiben, dann sind wir krank, geisteskrank!

Er kramt seinen Wohnungsschlüssel aus der Manteltasche. Damit geht er die zehn Stufen empor zum Eingang. Er sperrt auf. Helga sieht zu, wie er das macht. 

HELGA. Ich war noch nie so nah an deinem Bett, stimmt's? 

Stefan, der sich Hoffnungen macht, kommt nun selig lächelnd wieder die Treppe herunter. 

STEFAN. Stimmt.

HELGA. »Herr K. besuchte eine Freundin. Im zweiten Stock kehrte er um. Weiter hatte er heute nicht gehen wollen. « 

Sie hat diesen Satz zitiert, ohne darüber lachen zu wollen. Sie küßt Stefan, bleibt aber so sitzen wie zuvor. 

STEFAN. Du mußt mich hassen. 

HELGA. Ich bin doch bei dir. .. 

724 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Hermann und Schnüßchen haben sich geliebt. Nackt und erschöpft liegt Hermann zwischen ihren Beinen. Ausgebreitet und ganz offen nimmt sie seine Zärtlichkeiten entgegen. Sie genießt es, daß er zufrieden ist. Er küßt ihren Bauch. 

HERMANN. Jetzt habe ich alles vergessen, den ganzen Abend und diesen Mist. Schön ist es mit dir, Schnüßchen. 

SCHNUSSCHEN. Komm, du erkältest dich. So gut es geht, deckt sie ihn mit einem Kopfkissen zu. Er sucht unter dem Kissen eine Öffnung, um atmen zu können. Dann bleibt er so liegen. Er ruht sich auf ihrem Schamhügel aus. 

HERMANN. Du ahnst gar nicht, was diese intellektuellen Frauen mit einem anrichten. Ich hasse sie alle, die ganzen Weiber in der Hoch-schule, die Künstlerinnen und Dichterinnen, die verkrampften Kar-rieretanten. Ich hasse sie. Ich fühle mich richtig verwundet. 

SCHNÜSSCHEN. Ich spüre das, Hermann, komm, ruhe dich einfach aus. Sie richtet sich auf, damit Hermann eine bequemere Lage einnehmen kann. Sie läßt sich von ihm verwöhnen. Sie legt sich auf den Rücken und deckt sich mit seinem Körper zu. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, ich mag das, wenn du einfach nur so auf mir liegst. Weißt du, ich habe das gern, wenn du dich ganz schwer auf mir machst. Weißt du, Hermann, wir zwei, wir haben was zusammen, das kann keiner verstehen. Daß wir dieselben Hecken kennen und diesel-ben Bäume und Bäche. Weißt du, was ich meine? Wir zwei waren an denselben Stellen Kind. Das verbindet.

HERMANN. Vielleicht sollten wir heiraten!

SCHNÜSSCHEN. Sag doch nicht so etwas, Hermann, wir kennen uns doch erst seit...

HERMANN. Seit einer Ewigkeit! Ich habe das Gefühl, daß ich dich schon immer kenne, seit ich denken kann.

SCHNÜSSCHEN. Ich tät dich auch gern heiraten. Aber mein Verstand sagt mir, daß man so etwas nicht übereilen sollte.

HERMANN. Jedenfalls kommen diese akademischen Zicken für mich nicht in Frage.

SCHNÜSSCHEN. Ist gut, Hermann, wir schwätzen noch mal darüber. 

Jetzt windet sie sich unter Hermanns Körper wieder heraus. 

SCHNÜSSCHEN. Komm, so wirst du mir doch ein bißchen zu schwer. Lege dich neben mich. 

Er weigert sich, ihr zu gehorchen. Er bekommt wieder Lust auf sie. So entsteht ein scherzhaftes Ringen und Gelächter, bis Hermanns Blick auf den Spiegel fällt, der über der Kommode hängt. Er sieht sich und Schnüßchen in diesem magischen Bild. Er hat sich ertappt. 

725 Straße vor Kosmetiksalon Moretti 


Am nächsten Tag macht Schnüßchen einen Einkaufsbummel mit Olga. Sie spielt vor der erfolglosen Schauspielerin das arme Häschen vom Lande, das sich in der Großstadt nicht zu helfen weiß. Olga hat Gelegenheit, einer anderen Frau einmal richtig überlegen zu sein. Sie führt Schnüßchen in der Stadt umher und berät sie in praktischen Lebensfragen. 

FRAU MORETTI. Was gibt s denn, Zwutschgerl? Entschuldigen Sie bitte ein Momenterl! 

Die Ex-Ungarin erhebt sich schwerfällig, um sich Schnüßchen genauer ansehen zu können. 

MORETTI. Ja, Fräuleinchen, tun S' denn gar nichts für Ihre Schönheit? 

SCHNÜSSCHEN. Ich wasche mich mit Seife und kaltem Wasser. 

FRAU MORETTI. Ja, was a Wunder! Und dann wollen Sie einen Rat von mir? Erblicken Sie überall auf Straßen schöne Frauen, in Zeitschrift und im Theater. Ich weiß, wie das ist, und dann kommen Sie sich zu Hause vor wie kleines, graues Mauserl. Habe ich recht?

SCHNÜSSCHEN. Stimmt. 

Die Moretti tut, als ob sie Olga erst jetzt entdeckte. Sie begrüßt sie überschwenglich und führt sie in ihren Behandlungsraum. 

MORETTI (lacht). Ja, Fräulein Olga?

OLGA. Grüß Gott.

MORETTI. Ja, ich habe Sie ja wirklich nicht erkannt. Mir scheint, die Moretti wird langsam a bisserl alt. Na, wie blaß schauen Sie heute wieder aus. Nehmen Sie Platz. Und haben wieder diese Stirnfalten, immer diese Dackelfalten! Was geht denn vor in Ihnen? Was macht denn die Liebe? 

Schnüßchen hört fasziniert zu, wie Olga von der Moretti hofiert wird. Sie hat eine Welt betreten, die sie noch nicht kannte. 

MORETTI. Ich mach euch schön wie die Engerln, und die Männer sind es nicht wert. Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, daß die berühmtesten Männer und Genies Frauen haben, so häßliche, kleine Schlampen und graue Mäuse. . . 

Jetzt trifft der Blick der Moretti auf Schnüßchen. War das eine heimliche Warnung oder ein Angriff? Schnüßchen sieht ängstlich aus. 

MORETTI. Oh, entschuldigen Sie, nix für ungut, Fräulein . . . 

SCHNÜSSCHEN... Schneider.

MORETTI. Und jetzt mache ich eine Schönheit aus Ihnen, ja?

SCHNÜSSCHEN. Ja. 

Schnüßchen in Morettis Behandlung: Sie liegt auf einer Art Operationstisch, Haare und Körper sind mit Frottiertüchern abgedeckt, das Gesicht ist dick mit einer weißen Masse eingestrichen, so daß nur noch Augen und Mund herausschauen. Die Moretti legt in dünne Scheiben geschnittene Salatgurken auf die weiße Gesichtsmaske. 

MORETTI. So, mein kleines Schatzerl. Und jetzt werden Sie aber so schön werden. daß alle Männer hinter Ihnen herrennen. Sie werden stau nen, glauben Sie mir. Natürlich müssen Sie Vertrauen haben zu Moretti. Hat große Erfahrung in solchen Sachen. Und noch eins aufs Naserl, und oben auch. Aber jetzt kommt Spezialität, das ist nämlich Spezialität Moretti, gegen Dackelfalten: Wurscht aus Szegedin! 

Eine Scheibe ungarische Salami, auf Schnüßchens Stirn aufgebracht, bildet den Abschluß der fragwürdigen Behandlung. 
727 Konzertsaal, Foyer


Hermann hat sich im Vorraum des Konzertsaals mit seinen Musikern verabredet, um die Abendeinnahmen mit ihnen abzurechnen. Der Bratschist hat eine Abendzeitung mitgebracht, in der er mit den anderen die Kritiken sucht. Hermann hat es eilig. Er stellt nur fest, daß Evelyne als einzige für die Abrechnung fehlt, dann begibt er sich in die Räume der Verwaltung, um das Geld abzuholen. 

HERMANN. Es war Mitte Dezember. Die Vorweihnachtszeit mit ihrer Adventsstimmung erinnerte mich immer noch an den Hunsrück und Kindheit und Familienterror. Ich versuchte, dem zu entgehen, und vermied es auch, Schnüßchen wiederzusehen. 

Einer der Musiker hat eine Besprechung des Konzerts gefunden, eine Notiz, die er überfliegt, bevor er die Zeitung seinem Kollegen überläßt. 

MUSIKER. Was Positives?

ZWEITER MUSIKER. Durchwachsen. 

Hermann kommt zurück. In einer Geldkassette bringt er die Abendeinnahmen mit. 

HERMANN. Als ich hörte, was mit Clarissa geschehen war, wollte ich überhaupt niemanden mehr treffen. Ich sorgte dafür, daß meine Musiker ihr Geld bekamen, und zog mich zurück. Das bevorstehende Jahresende war wie ein dunkler Tunnel, durch den wir alle hindurch sollten, ohne zu wissen, was am anderen Ende auf uns wartete. 

Der Bratschist liest aus der Zeitung vor. 

BRATSCHIST. »Fünf Werke sehr verschiedenen Charakters, die naturgemäß widersprechende Empfindungen auslösen und ebenso viele grundsätzliche Fragen anschneiden. Bericht morgen. «

VIERTER MUSIKER. Typischer Zeitungsschleim. 

Hermann stellt die Kassette auf einen Tresen am Eingang. Er beginnt, das Geld zu gleichen Teilen unter den Musikern zu verteilen. 

HERMANN. Das meiste waren Studentenkarten. Die Saalmiete haben sie schon abgezogen. Fünfzig Mark für unsere Nackte, da bleiben für uns neunhundertfünfundvierzig Mark. Geteilt durch sechs, macht hun-dertsiebenundfünfzig Mark fünfzig. . . Habt ihr mitgerechnet? 

ERSTER MUSIKER . . . für vier Wochen Arbeit?

HERMANN. Und das Geld für Evelyne, was machen wir damit?

ERSTER MUSIKER. Hast du eigentlich die Abendzeitung schon gelesen? 

HERMANN. Ja.

Während des Geldausteilens erkennt er im Spiegelbild der Glastür Volker, der suchend hereinschaut. 

HERMANN. Könnt ihr das hier bitte weitermachen ? Und bringt anschlie-ßend die Kassette zurück.

Hermann eilt nach draußen. Er begrüßt Volker, der vor dem Eingang stehengeblieben ist und sehr ernst dreinschaut. 

VOLKER. Servus, Hermann. Clarissa geht's schlecht. 

HERMANN. Ich weiß, was passiert ist.

VOLKER. Von ihrer Wirtin?

HERMANN. Ja, sie ist zu ihr ins Krankenhaus gefahren. 

VOLKER. Dann weißt du ja alles. 

728 Krankenhaus, Flur und Zimmer Clarissa


Die Tage sind zu dieser Jahreszeit kurz. Die Neonlichter brennen die ganze Zeit. Ihr blau-grünes Licht dringt in alle Ritzen und nimmt dem ehemaligen Klostergebäude jegliche Stimmung oder Geborgenheit. Frau Foisner, die Clarissa besuchen will, muß auf den hellbeleuchteten Gängen warten. Sie vertreibt sich die Zeit, indem sie die Hinweisschilder studiert. Als sie danach auf einem Stuhl in der Warteecke Platz nehmen will, vernimmt sie einen lauten Schrei. War das Clarissas Stimme? Der Schrei wiederholt sich nun schwächer und ängstlicher. Frau Foisner springt auf. Sie rennt durch den Flur zu dem Zimmer, aus dem der Schrei gekommen ist. Als sie die Tür öffnet, sieht sie Clarissa, die vor Panik außer sich ist und aufrecht in ihrem Krankenbett sitzt. Sie bemüht sich, ein umgefallenes Stativ, das zu der Tropfinfusion gehört, festzuhalten. Die verchromte Stange liegt direkt auf ihrer Brust. Alle Schläuche, an die sie angeschlossen ist, sind in Unordnung geraten. 

CLARISSA. Ich kann das nicht halten! Da muß mal jemand helfen kommen. 

Frau Foisner entdeckt nun auch eine ältere Frau, die direkt neben Claris-sas Bett ausgestreckt auf dem Fußboden liegt und sich nicht mehr bewegt. 

FRAU FOlSNER. Um Gottes willen, Fräulein Clarissa, ist das Ihre Mutter? Ach du lieber Gott, was mache ich denn bloß? Ich weiß doch gar nicht, was ich tun soll! Was soll ich bloß machen? Und die Schwester ist auch nicht da. Ja, was tue ich denn da? 

Clarissas Wirtin ist in die Knie gegangen. Sie schüttelt die Mutter, die aber kein Lebenszeichen von sich gibt. Clarissa sieht, daß sie von der Foisnerin keine Hilfe bekommen kann. Mit ihren letzten Kräften er-reicht sie den Klingelknopf. Die Schwester kommt sofort. An der Tür hat sich schon eine Gruppe von neugierigen Patienten aus den Nachbarzimmern eingefunden. Die Schwester muß erst einmal diese Gruppe verscheuchen, ehe sie sich um die ohnmächtige Mutter kümmern kann. 

SCHWESTER. Jetzt gehen S', gehen S' auf Ihr Zimmer!

FRAU FOlSNER. Gott sei Dank, daß S' da sind. Das ist ihre Mutter.

CLARISSA. Die ist hier umgefallen.

FRAU FOISNER. Ah, jetzt ist alles gut, gelt? Die Schwester ist schon da. 

Erst einmal beginnt die Schwester, die Infusionsleitungen von Clarissa in Ordnung zu bringen, bevor sie sich um die ohnmächtige Mutter kümmern kann. 

SCHWESTER. Jetzt gehen S' schnell zu Doktor Achthaler. 

Frau Foisner sucht nach ihrer Handtasche, die sie in ihrer Panik verloren hat. Dann rennt sie die Gänge entlang, um den Arzt zu finden. Der Doktor ist aber sowieso schon unterwegs und betritt das Krankenzim-mer. Clarissa sinkt erschöpft in ihr Kissen. 

CLARISSA. Was hat denn meine Mutter? 

Der Stationsarzt hat zwei Pfleger mitgebracht, die Clarissas Mutter auf eine Bahre legen und hinaustragen. Arzt und Schwester beobachten den Abtransport. Sie können nicht verhindern, daß Frau Foisner mitten in dem Trubel noch einmal hereindrängelt und sich über Clarissa beugt. 

FRAU FOISNER. Ich habe Ihnen Ihre Wäsche mitgebracht, Fräulein Clarissa, und den Waschbeutel auch, war das recht so?

CLARISSA. Danke. 

Der Arzt wendet sich an die Schwester. 

DR. ACHTHALER. Rufen Sie Dr. Hessel, er soll sich noch mal die Patien-tin ansehen. 

Die verwirrte Foisnerin kann eigentlich immer nur im Weg stehen oder durch übertriebene Hilfsbereitschaft stören. Sie folgt nun der Bahre mit Frau Lichtblau. Sie versucht, in das Behandlungszimmer zu gelangen, in dem die Mutter versorgt wird. Aber auch dort ist sie nicht erwünscht. Volker kommt in diesem Augenblick durch den Flur. Er hat einen Blumenstrauß mitgebracht. Es gelingt der Foisner, einen Blick in das Behandlungszimmer zu tun. Frau Lichtblau ist schon wieder bei Bewußtsein. Sie sitzt auf einem Stuhl, und der Doktor will ihr gerade eine Spritze geben. Es scheint also alles nicht so schlimm zu sein. Volker, der von dem Ohnmachtsanfall der Mutter nichts mitbekommen hat, begibt sich zu Clarissas Zimmer und klopft leise an. Da geht die Tür auf, und Volker steht vor dem jungen Doktor, der ihm in der Nacht zuvor die unbefriedigende Auskunft gegeben hat. 

DR. HESSEL. Aha, der Beinahe-Vater! Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Krisen gehören zum typischen Verlauf. Wir haben den Infekt im Griff, sie ist fieberfrei. 

VOLKER. Darf ich sie sehen? 

DR.HESSEL. Ja. Aber nur ganz kurz. 

Volker blickt durch den Türspalt, den der Doktor ihm offengelassen hat. Er sieht Clarissa, die sich erfreut aufrichtet. 

VOLKER. Servus!

CLARISSA. Volker! Was ist mit meiner Mutter jetzt? 

Auch jetzt drängt sich wieder die eifrige Frau Foisner vor. 

FRAU FOISNER. Die hat sich schon wieder derfangt.

VOLKER. Und du, Clarissa?

CLARISSA. Müde.

DR.HESSEL. Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Verabschieden Sie sich jetzt, sie wird nämlich schlafen.

FRAU FOISNER. Und's Waschzeug? 

Volker verabschiedet sich kurz. Seinen Blumenstrauß ist er nicht losgeworden. Der junge Doktor schließt behutsam die Tür. Sein Lächeln verbreitet Hoffnung. Volker und Frau Foisner können aufatmen. Da kommt Frau Lichtblau, von der Schwester geführt, den Gang herunter. Ihr Gesicht und ihre Gangart sind entschlossen, fast verbissen. Sie wirkt bedrohlich, wie sie da auf die beiden zukommt. Der Schwester gelingt es nicht, die Mutter zurückzuhalten. 

FRAU FOISNER. Frau Lichtblau, Sie dürfen jetzt nicht zu Ihrer Tochter rein. Sie braucht jetzt absolute Ruhe. Das hat der Herr Doktor grad gesagt.

SCHWESTER. Jetzt lassen S' doch die Frau in Ruhe! 

Volker meint, daß et am besten helfen kann. Er läßt seine Blumen in der Besucherecke und holt Frau Lichtblau ein. 

VOLKER. Ich könnte Sie nach Wasserburg zurückfahren. Ich habe ein Auto da. Dorthin wollen Sie doch, oder? 

Langsam dreht sich die Mutter zu Volker um. Sie hat ihn erkannt. Sie sieht ihm ins Gesicht. Ihre Augen bohren sich in seinen Blick. 

MUTTER CLARISSA. Du Sittenstrolch! Wenn meine Tochter sterben muß, dann will ich bei ihr sein. 

Frau Foisner hat sich so vor die Tür gestellt, daß es der Mutter nicht gelingen kann, zu Clarissa vorzudringen. Es entsteht ein kleines Geran-gel vor dem Krankenzimmer, das sich aber auflöst, als die Mutter heftig zu weinen beginnt. 

SCHWESTER. Ihre Tochter stirbt nicht, Frau Lichtblau. Das ist doch ein Wahnsinn, was Sie da denken. Sie stirbt nicht, glauben Sie's mir. Kommen S', und jetzt bringe ich Sie an die frische Luft, das ist das beste für Sie. Ich erkläre Ihnen dann alles. 

Die Schwester führt die Mutter den Gang hinab zum Ausgang. Volker sieht hinterher. Er steht neben der Wirtin, als wären er und die Foisner Clarissas Engel, die sie beschützen müssen. 

729 Straßburg, Villa von Jean-Maries Eltern


In den Vorweihnachtstagen des Jahres I963 ist Volker mit seinem Freund Jean-Marie nach Straßburg gefahren. Es ist eine große, traditionsreiche Villa, in der die Eltern des Freundes leben. In der mit Holzvertäfelungen und Gemälden reich ausgestatteten Diele steht schon vor dem Fest ein üppig geschmückter Christbaum. Helene, eines der Dienstmädchen, kommt die Haustreppe herunter. Sie bringt ein paar Kleidungsstücke und Schuhe, die sie neben Jean-Marie hinstellt. Das sehr junge Mädchen ist voller Bewunderung für den Sohn des Hauses, der ihr auf gönnerhafte Weise den Hof macht. 

ZIMMERMÄDCHEN. C'est tout ce que j'ai trouve, Monsieur Weber. 

JEAN-MARIE. Ce sont les chaussures de mon pere? 

ZIMMERMÄDCHEN. OUi, et j ai trouve ces lunettes. 

JEAN-MARIE. Vous pensez a tout, Helene, comme toujours. Volker est dans la salle a manger. Je pense que ca ira.

ZIMMERMÄDCHEN. Essayons... 

Die Kleidungsstücke sind für Volker bestimmt, der sich vor der Abreise nicht auf Winterwanderungen vorbereiten konnte wie Jean-Marie, der hier zu Hause ist und sportlich gekleidet, in Pullover und Wanderschuhen, erscheint. 

JEAN-MARIE. Volker, wir haben ein paar Sachen gefunden. Probiere sie mal. Das steht dir sicher gut. Komm, ich zeige dir unseren Blick auf Straßburg. 

730 Straßburg, Terrasse der Villa


Noch ehe Volker die Sportkleidung anziehen kann, führt Jean-Marie ihn durch den angrenzenden Wintergarten auf eine riesige Terrasse hinaus, die sich zum Rheintal hin öffnet. Unterhalb der Terrasse dehnt sich der parkartige Garten bis zur Sichtgrenze. Von der Stadt kann man von hier aus nichts erkennen. Aus den Räumen im Obergeschoß wird Klavierspiel vernehmbar. Jemand spielt Beethovens Sonate Nummer 3, C-Dur. 

VOLKER. Eine großartige Pianistin, deine Mutter. Kaum zu fassen.

JEAN-MARIE. Meine schöne Stiefmutter! Sie ist nur zwölf Jahre älter als ich, wußtest du das? An meine richtige Mutter kann ich mich kaum noch erinnern. Sie starb I944, da war ich fünf. Wir wohnten damals in Narbonne, in Südfrankreich. Vor ein paar Jahren hat mein Vater die schöne Klavierspielerin aus Starnberg bei München geheiratet. Er konnte sie sich leisten. Dann wurde es kosmopolitisch, das Haus. Im Krieg hat er mit den Nazis kollaboriert. So geht das!

VOLKER. Du magst deinen Vater nicht?

JEAN-MARIE. Ich frage mich, von wem ich meine Neigung zur Musik habe. Vielleicht von meinen Lehrern in den vielen Internaten in Frankreich, in der Schweiz. Er ist mir egal, der Herr Staatssekretär. Genügt dir die Antwort? 

Jean-Marie hat Volker die Treppen hinuntergeführt, über die man eine untere Terrasse erreicht. Von hier aus hat Volker die Villa mit ihrer eindrucksvollen Gartenfassade über sich und den Blick ins Tal vor sich. 

JEAN-MARIE. Da drüben liegt Seesenheim, der Ort, in dem die Pfarrers-tochter Friederike gelebt hat, die Geliebte von Goethe, als er in Straßburg studierte, weißt du noch?

VOLKER. Wenn ich hier aufgewachsen wäre, würde ich die Dinge anders sehen.

JEAN-MARtE. Anders als ich?

VOLKER. Ja. - Ich war als Junge weit und breit der einzige, den sie aufs Gymnasium geschickt haben. Du warst drinnen, ich war draußen.

JEAN-MARIE. Du meinst, dein Elternhaus.

VOLKER. Es gab kein »Elternhaus«; meinen Vater, zum Beispiel, habe ich kaum gekannt. Den gibt es eigentlich gar nicht. Und Goethe... Goethe ist unheimlich weit weg, eine Legende. 

Jean-Marie geht ein wenig gelangweilt umher. Sein Verhältnis zum Elternhaus ist ironisch. Volkers Bericht hingegen entbehrt dieser Ironie. Auch hierin drückt sich der Klassenunterschied aus. 

JEAN-MARIE. Was suchst du bei Clarissa?

VOLKER. Clarissa ist wie ich, mit ihrer starren Mutter, von früh auf dran gewöhnt, sich mit gewissen Dingen einfach abzufinden. Ich verstehe sie und weiß, daß auch sie meine geheimsten Gedanken verstehen würde.

JEAN-MARIE. Sei vorsichtig! Die Liebe ist aus tausend Gefühlen zusam-mengesetzt. Die meisten davon sind erklärbar, sie sind gar nicht so geheimnisvoll, und es ist ziemlich beschämend, wenn man sie bei Licht betrachtet.

VOLKER. Wir sind gleichnamige Pole, das ist das Problem. 

Jean-Marie schaut zu dem Dienstmädchen empor, das auf die obere Terrasse gefolgt ist und immer noch die Winterkleidung für Volker bereithält. Das Mädchen sieht ein wenig traurig aus. Ihr Blick ist sehnsüchtig. Jean-Marie genießt diesen untertänigen Blick. Er lächelt verführerisch zu dem Madchen empor.Volker schaut ins Tal. Er weiß, daß er hier fremd bleiben wird. Aber soll er nach München zurückkehren? Zu Clarissa, die er liebt, und die seine Liebe nicht erwidert? Er weiß, daß Jean-Marie mit seiner zynischen Betrachtung der Liebe nicht ganz unrecht hat. 

VOLKER. Darf ich über Weihnachten bei euch bleiben? 

JEAN-MARIE. Mais bien sur! 

731 In den Bergen


Das schneebedeckte Gebirgspanorama zeigt eine gewaltige Natur, in der die Menschen nur noch winzig erscheinen. Stefan hat Helga in diese Landschaft mitgenommen, um mit ihr die Feiertage auf einer Gebirgshütte zu verbringen. Die beiden stapfen, mit ihren schweren Rucksäcken und in zünftige Kleidung gehüllt, ein Schneefeld hinauf. Sie kommen nur langsam voran, weil der Schnee so tief ist. daß sie bei jedem Schritt bis zu den Knien einsinken. Helga bleibt stehen. Sie atmet durch. 

HELGA. Ob wir hier der deutschen Weihnacht entkommen, das ist noch zweifelhaft. 

732 Berghütte 



HELGA. Das ist weder politisch noch sexuell, sondern etwas ganz anderes. Aber was? Mensch, Stefan, ich muß das rausfinden! 

STEFAN.So, noch zehn Minuten, dann haben wir es geschafft. Soll ich dir den Rucksack abnehmen?

HELGA. Ich habe mein Gepäck bis hierhin alleine getragen, jetzt werde ich auch den Rest ohne deine Hilfe schaffen. Es ist nämlich einzig eine Frage der Gesinnung, ob eine Frau schwach ist, und nicht ihrer Natur. Niemals werde ich mich von einem Mann versorgen lassen, wie das sonst so bei Frauen üblich ist. Da kannst du dich drauf verlassen! 

Helga stürmt Stefan davon. Er kann ihr nicht mehr folgen. Sie veraus-gabt sich, aber das macht ihr nichts aus. 

STEFAN. Wie meinst du denn das? Politisch oder sexuell?

HELGA. Sexuell! 

Helga ist an einem Fleck mit vertrocknetem Gras angekommen. Dort wirft sie sich nieder. Sie ist außer Atem. Stefan holt sie ein. Schnaufend bleibt er vor ihr stehen. Sie liegt auf dem Rücken und spreizt ihre Beine. 

HELGA. Liebe mich! Jetzt sofort, hier, an dieser Stelle! 

STEFAN. Helga, du freust dich an meiner Schwäche.

HELGA. Liebe mich doch!

STEFAN. Also, ich tue es grundsätzlich nur in der Kirche. Oder, noch besser, im Kino, so wie bei Ingmar Bergmann, im »Schweigen«.

HELGA. Ja, dann aber nicht ganz hinten, sondern in der allerersten Reihe, wo es die Zuschauer auch sehen können. Würdest du das wagen, Stefan?

STEFAN. Das ist ein merkwürdiges Thema für zwei Menschen, die es überhaupt noch nicht miteinander getan haben. 

Stefan fühlt sich diesem Spiel nicht gewachsen. Er schultert seinen Rucksack und setzt den Aufstieg zur Hütte fort. Helga bleibt sitzen. Sie will das provokante Spiel nicht aufgeben. 

HELGA. Ich täte es am liebsten in einem Turm, mit weitem Blick über die ganze Stadt.

STEFAN. Solche Türme, die gab es aber nur im Mittelalter. Und das waren Gefängnisse. Aber ich bin leider kein Kerkermeister und auch kein Folterknecht. Und jetzt stehe endlich auf, du erkältest dich. Und außerdem ist es der falsche Weg. Wir hätten nämlich viel weiter rechts gehen müssen, wo der Schnee nicht so tief ist. 

Schließlich kommen die beiden bei einer Berghütte an. Hier gibt es hohe Schneewehen. Die zwei Wanderer erreichen die Hütte erst, als sie sich entschließen, auf dem Hintern die Schneewehe herunterzurutschen. Vom Hütteneingang aus hat man einen herrlichen Blick über Berge und Täler. Helga bleibt stehen. Sie atmet durch. 

HELGA. Ob wir hier der deutschen Weihnacht entkommen, das ist noch zweifelhaft. 

Stefan hat die Hüttentür aufgesperrt. Im Innern ist zwar alles sehr eng, dafür fehlt aber nichts, was man für einen längeren Aufenthalt braucht. STEFAN. Und? Ist doch schön hier! Schlafkoje, Herd. Ich gehe mal in die Stube, Feuer machen. Unschlüssig steht Helga im Vorraum. Sie betrachtet die Einrichtung Stück für Stück. Sie sieht zu, wie Stefan seinen Rucksack ablegt. Er entledigt sich seiner Handschuhe, der Mütze. Er untersucht den Ofen. Es macht ihn verlegen, mit ihr allein in dieser Einsamkeit zu sein. 

HELGA. Mir ist schon ganz weihnachtlich zumute. 

Jetzt geht Helga entschlossen in die Stube und setzt sich auf die Heizbank neben Stefans Rucksack. 

HELGA. Am liebsten würde ich schreien. Das riecht auch so fatal aus deinem Rucksack. 

Während Stefan den Ofen ausräumt, untersucht Helga seinen Rucksack. Sie findet ein in Weihnachtspapier eingewickeltes Päckchen. Sie faßt es an der goldenen Schnur, mit der es zugebunden ist, und zieht es aus dem Rucksack heraus. 

HELGA. Nicht einmal hier sind wir dem christlichen Konsumterror entkommen.

STEFAN. Später... 

Stefan nimmt Helga Rucksack und Geschenk einfach weg. 

HELGA. Ich habe seit Wochen immer so ein Gefühl. Es ist zum Verrücktwerden. Ich komme nicht dahinter, was es ist.

Er fängt nun an, alles was er in seinem Rucksack hat, auf der Tischplatte auszubreiten: Brot, Konserven, Dauerwurst, Weihnachtsgebäck - er hat an alles gedacht. 

STEFAN. Da sind wir versorgt. Das hat meine Mutter gemacht. Eine Kerze für Heiligabend ... 

Immer neue Dinge kommen aus dem Rucksack: Äpfel, Wein, Käse. . . 

HELGA. Das ist weder politisch noch sexuell, sondern etwas ganz anderes. Aberwas? Mensch, Stefan, ich muß das rausfinden! 

Stefan nimmt Helga, die sich eine Zigarette angezündet hat, das Feuer-zeug aus der Hand. Damit geht er zum Ofen. Er zündet das Feuer an. Bald hört man ein wohliges Knistern. Helga setzt sich mit dem Rücken an den Kachelofen. Sie sieht zum Fenster hinaus. 

HELGA. Ich habe über Nähe und Ferne nachgedacht. Diese Hütte, zum Beispiel, ist mir aus der Ferne ganz nah vorgekommen, aber jetzt, wo wir hier sind, jetzt ist sie mir ganz fern. Stefan, der bis jetzt zu Helgas Äußerungen geschwiegen hat, verliert die Nerven. Er rennt in der Stube umher und ringt nach Worten. 

STEFAN. Helga, das da, das ist ein Feuer. Das hier ist eine Hütte, das da ist ein Tisch. Das, das ist ein Stuhl, und ich bin ein Mann, und du bist eine Frau. So einfach können die Dinge sein! 

Helga beantwortet Stefans Gefühlsausbruch mit einem undefinierbaren Mona-Lisa-Lächeln. 

HELGA. Das ist weder politisch noch sexuell, sondern etwas ganz anderes. Aber was? Mensch, Stefan, ich muß das rausfinden! 

STEFAN.So, noch zehn Minuten, dann haben wir es geschafft. Soll ich dir den Rucksack abnehmen?

HELGA. Ich habe mein Gepäck bis hierhin alleine getragen, jetzt werde ich auch den Rest ohne deine Hilfe schaffen. Es ist nämlich einzig eine Frage der Gesinnung, ob eine Frau schwach ist, und nicht ihrer Natur. Niemals werde ich mich von einem Mann versorgen lassen, wie das sonst so bei Frauen üblich ist. Da kannst du dich drauf verlassen! 

Helga stürmt Stefan davon. Er kann ihr nicht mehr folgen. Sie veraus-gabt sich, aber das macht ihr nichts aus. 

STEFAN. Wie meinst du denn das? Politisch oder sexuell?

HELGA. Sexuell! 

Helga ist an einem Fleck mit vertrocknetem Gras angekommen. Dort wirft sie sich nieder. Sie ist außer Atem. Stefan holt sie ein. Schnaufend bleibt er vor ihr stehen. Sie liegt auf dem Rücken und spreizt ihre Beine. 

HELGA. Liebe mich! Jetzt sofort, hier, an dieser Stelle! 

STEFAN. Helga, du freust dich an meiner Schwäche.

HELGA. Liebe mich doch!

STEFAN. Also, ich tue es grundsätzlich nur in der Kirche. Oder, noch besser, im Kino, so wie bei Ingmar Bergmann, im »Schweigen«.

HELGA. Ja, dann aber nicht ganz hinten, sondern in der allerersten Reihe, wo es die Zuschauer auch sehen können. Würdest du das wagen, Stefan?

STEFAN. Das ist ein merkwürdiges Thema für zwei Menschen, die es überhaupt noch nicht miteinander getan haben. 

Stefan fühlt sich diesem Spiel nicht gewachsen. Er schultert seinen Rucksack und setzt den Aufstieg zur Hütte fort. Helga bleibt sitzen. Sie will das provokante Spiel nicht aufgeben. 

HELGA. Ich täte es am liebsten in einem Turm, mit weitem Blick über die ganze Stadt.

STEFAN. Solche Türme, die gab es aber nur im Mittelalter. Und das waren Gefängnisse. Aber ich bin leider kein Kerkermeister und auch kein Folterknecht. Und jetzt stehe endlich auf, du erkältest dich. Und außerdem ist es der falsche Weg. Wir hätten nämlich viel weiter rechts gehen müssen, wo der Schnee nicht so tief ist. 

Schließlich kommen die beiden bei einer Berghütte an. Hier gibt es hohe Schneewehen. Die zwei Wanderer erreichen die Hütte erst, als sie sich entschließen, auf dem Hintern die Schneewehe herunterzurutschen. Vom Hütteneingang aus hat man einen herrlichen Blick über Berge und Täler. Helga bleibt stehen. Sie atmet durch. 

HELGA. Ob wir hier der deutschen Weihnacht entkommen, das ist noch zweifelhaft. 

733 Kirche in München


Heiligabend. Evelyne singt Bachs »Weihnachtsoratorium«. Der Organist bemüht sich um den festlichen Ton, der Evelynes Stimme emporhebt. EVELYNE (singt). »Deine Wangen müssen heut' viel schöner prangen, Eile, den Bräutigam selig zu lieben! « Probt Evelyne für ein Konzert? Die Kirche ist menschenleer. Nur ein einziger Zuhörer sitzt unter der Orgelempore, auf der Evelyne singt. Während des Liedes ist sie näher an die Brüstung gegangen, damit ihr Zuhörer sie besser sehen kann. Es ist ein Afrikaner in der festlichen Tracht seiner Heimat. Auf seinem Kopf trägt er eine reich mit Perlen bestickte rote Mütze, die wie eine Krone aussieht. So ähnlich sieht man einen der Heiligen Drei Könige oft dargestellt: ein Märchenprinz. Evelyne singt allein für ihn. 
734 Berghütte


Unter dem Hochgebirgsmassiv, wo Stefans Berghütte steht, senken sich die blauen Schatten der Nacht herab. Ein Bild, das ein gewisses Pathos ausstrahlt mit all den schneebedeckten Gipfeln und der einsamen Hütte, in der das einsame Lichtlein brennt. Weihnachten auch hier. Stefan und Helga tanzen, eng aneinandergeschmiegt, nach einer unhörbaren Musik. Kerzen brennen in der Stube. Stefan tanzt in seinen wollenen Bergsocken, Helgas Füße sind nackt. Sie trägt nur ihren schwarzen Slip und eine Strickjacke. Stefan hat sein warmes Molton-Unterhemd an. Er küßt sie. Sie beantwortet den Kuß mit offenem Mund. Plötzlich reißt sie sich los. Sie wirft sich auf den Boden und ergreift eine Weinflasche. 

HELGA. Es lebe die Trunkenheit! 

Stefan sieht zu, wie Helga aus der Flasche trinkt. Mit auffordernd gespreizten Beinen läßt sie sich trinkend nach hinten sinken. Stefan kniet zwischen ihren Beinen nieder. Er küßt das Stückchen nackte Haut, das über ihrem Slip sichtbar wird. Er legt die Wange auf ihren Bauch. Er kriecht mit den Händen an ihrem Körper empor. Dabei versucht er, die Knöpfe ihrer Strickjacke zu erreichen, um sie zu öffnen. Bauch und Brüste werden entblößt. Er erhebt sich, um sich ebenfalls auszuziehen. Er streift die Hosenträger herunter. 

HELGA. Ich bin ganz nüchtern, so nüchtern wie noch nie. 

Stefan zieht das Unterhemd aus. Jetzt steht er mit nacktem Oberkörper da. 

HELGA. Ich schaue dir zu: Deine Bewegungen sind hastig, deine Blicke flackern. 

Er zieht auch seine Schuhe aus. Dabei gerät er kurz aus dem Gleichgewicht, aber er fängt sich wieder. 

HELGA. Du hast rote Flecken auf der Brust. 

Stefan sieht nach, ob Helga recht hat. Er wird nervös. Seine Lust ebbt ab. 

HELGA. Na, jetzt weißt du nicht, was du machen sollst. Du überlegst, ob du mich vergewaltigen sollst. .. 

Helga richtet sich auf. Sie bekommt einen harten Gesichtsausdruck. Sie fängt an, Stefan zu erniedrigen. 

HELGA... du denkst, sie soll den Mund halten. Dein Blick wird gehässig, gleich ziehst du die Hosen wieder an. Du denkst, so geht das nicht . . .

STEFAN. Sei ruhig!

Helga steht auf. Sie geht zum Kachelofen und lehnt sich gegen die warmen Kacheln. Sie verhüllt ihre Nacktheit nur wenig. Die Strickjacke hebt sie ein wenig hoch, so daß ihr Bauch sichtbar wird. 

HELGA. Du mußt mich haben, aber ich bin absolut nüchtern. 

STEFAN. Halt deinen Mund! 

Stefan ist nun fast nackt. Die Unterhose hat er noch an. Er setzt sich auf die Stuhlkante und starrt Helga mit rotunterlaufenen Augen an. Er verliert die Kontrolle über sich. Sie beugt sich jetzt zu der Weinflasche hinab. Dabei streckt sie Stefan ihr Hinterteil auffordernd entgegen. Sie bleibt abgewendet stehen, so daß er ihren Körper wie eine Beute vor sich hat. 

HELGA. Nimm mich doch! Ich werde schreien. 

STEFAN. Du bist jetzt ruhig, du bist jetzt ruhig! 

Helga hat es geschafft: Stefan wirft sich wie ein wildes Tier über sie. Er reißt sie zu Boden und versucht, ihr den ganzen Wein in den schreienden Mund zu schütten. Er will ihr wehtun. Helga verschluckt sich. Sie hustet und schreit dann wieder. Stefan läßt sie aber nicht los. Das Geschrei tönt über das ganze Gebirgstal. Es ist Nacht geworden. Niemand hört es. 

 
735 Krankenhaus, Zimmer Clarissa


Die Glocken von der nahen Klosterkirche läuten zur Christmette. Der Hof des Krankenhauses ist von mildem Licht erfüllt, das aus dem Kirchenfenster fällt. Blick aus dem Fenster des Krankenzimmers. 

CLARISSA. Weihnachten im Krankenhaus, eine absurde Inszenierung der Nachtschwester. Ein Christbaum, ein Plattenspieler im Gang, plötzliche Stille in dem lauten Haus. Bei mir im Zimmer: eine Wöchnerin. - Ich sollte das Glück sehen, Mutter zu sein! Noch in den Fiebertagen beginne ich mit Musils »Mann ohne Eigenschaften«. Ich male mir das Leben einer anderen Clarissa aus. Eine sehr fremde Frau, die so heißt wie ich. Die Langsamkeit des Romans ist so langsam wie die Langsamkeit der Genesung. 

Während die Wöchnerin neben ihr das Neugeborene mit verklärtem Lächeln säugt, versucht Clarissa, sich in den Roman zu versenken. Sie wendet sich ab von der Zimmergenossin und versucht, zwischen Kopfkissen, hochgezogener Schulter und Buch eine Zelle der Abgeschiedenheit zu bilden, in der die Gedanken und die leise Wahrnehmung des Zimmers, der Glocken und des Krankenhauses eine Einheit bilden, in der sie wieder beginnen kann, ihr verwundetes Ich einzufangen, das in den vergangenen Wochen den Körper mehrmals verlassen wollte. Dieses fremde Gefühl, das sie zu sich selbst empfunden hatte, das war also die Todesnähe, von der die Schwester und die Freunde gesprochen hatten. 

CLARISSA (liest leise). »Augen: Sie sieht so viele Augen. Sie hat so viele menschliche Erlebnisse. Sie erkennt: die Seele der Menschen spricht aus ihren Augen. « 

Als sie sich ein wenig aufrichtet, um ihr ganzes Gesichtsfeld mit dem Text ausfüllen zu können, fallen ihre Haare ins Bild. Sie liest die gedruckten Worte, die zwischen den Haarsträhnen so zart wirken wie ihre Haare, die langsam wieder ihre eigenen werden in Clarissas Wahrnehmung. 

CLARISSA (liest weiter). »Blau - Treue - Weiblichkeit. Braun - Untreue -Männlichkeit. « 

Clarissas Aufmerksamkeit wird durch Gesang abgelenkt, der sich nähert. Es sind die älteren Kinder der Wöchnerin, die mit ihrem Vater brennende Kerzen hereintragen und »Ihr Kinderlein kommet« singen. 

Clarissa will, daß dies alles an ihr vorübergehe, daß sie gar nicht wahrgenommen werde von den Menschen, die heute "Familienglück" demonstrieren, ein Glück, das es nach ihrer Meinung nicht gibt. Sie tarnt sich hinter den Haarsträhnen, die sie nicht aus dem Gesicht streicht, wenn sie den Kopf ein wenig hebt. 

CLARISSA (liest wieder). »Grün - Falschheit- Schlange. Schwarz -Tenfel und Engel - Liebe. Grau - Kälte, Berechnung. Am interessan-testen ist der Charakter von Mischaugen. « 

Am Bett nebenan beginnt eine kleine Weihnachtsfeier. Der Ehemann nimmt das Kind in den Arm, um feierlich seine Vaterschaft zu demon-strieren. Clarissa schirmt sich noch mehr ab. Kopf, Buch, Haare und Kissen sollen sich noch enger um sie schließen, damit sie wieder dieses einsame Erwachen der Kraft spüren kann, das in ihr begonnen hat. 

CLARISSA (liest). »Blaugrün - feminine Schlauheit. Braungrün - masku-line Schlauheit. Schwarzbraun - teuflische Untreue . . . « 

Das Baby nebenan beginnt zu plärren. Die besorgten Stimmen der Geschwister und des Vaters können es nicht beruhigen. Das Kind schreit häßlich, schnarrend. Der Ton ist fast wie das Schnarren der großen Zikaden im dürren Gras der südlichen Länder. 

CLARISSA (lesend). »Clarissens Gedanken im Wahnsinn 5. Jede reine Farbe hat ihr eigenes Symbol. Rot - das Teuflische. Schwarz - der Teufel selbst. Wenn sie sich für besessen halten, erschrecken sie als vor ihrem eigenen Angesicht . . . als vor ihrem eigenen Angesicht. « 

Der Ehemann nebenan küßt seine Frau. Der Säugling schnarrt immer noch. Clarissas Gesicht besteht nun nur noch aus Haaren. Sie wieder-holt den letzten Satz, den sie immer noch nicht verstanden hat. 

CLARISSA (liest weiter). »...Erwartung der Erlösung. Weiß erscheint schmutzig, existiert nicht, oder bedeutet Erhebung ins Himmelreich. An Blau glaubt sie nicht. « 

Der Ehemann hat eine Sektflasche geöffnet. Der Säugling hat aufgehört zu schnarren. Er gluckert nur noch. Clarissa wiederholt den Satz: »An Blau glaubt sie nicht.« Ihr Name fällt ihr ein. Glaubt sie wirklich nicht an Blau ? 

CLARISSA.... Lichtblau ... 

Das größere Kind, von seinen Eltern angestiftet, tippt ihr auf die Schulter. Es macht darauf aufmerksam, daß auch für Clarissa ein Glas Sekt bereitgehalten wird. 

KIND. Fröhliche Weihnachten!

DER VATER. Frohe Weihnachten. 

ALLE. Frohe Weihnachten. 

Da helfen kein Musil und kein Zelt aus Haaren: Clarissa soll jetzt mitfeiern. Sie verläßt ihre Höhle mit dem Roman und den stillen Gedanken. Sie setzt sich auf die Bettkante. Sie trinkt. Hinter ihr geht es weiter mit Geschenkeüberreichen und freudigen Umarmungen. Behutsam verläßt Clarissa das Zimmer. Draußen auf dem Flur zieht sie die Tür hinter sich zu. Erst einmal ist sie jetzt ungestört. Sie geht ein paar Schritte durch den neonbeleuchteten Gang, in dem keine Menschenseele zu sehen ist. Das dauernde Glockengeläute kommt nicht von der Kirche, sondern von einem Plattenspieler in der Besucherecke. Die Langspielplatte spielt gerade »Oh du Fröhliche«. Clarissa starrt in den leeren Krankenhausflur. An den Wandelementen, zwischen den Türen, hängen Tannenzweige. Es sieht aus, als würden alle Patienten schlafen oder als wären sie mit Beruhigungsspritzen in Weihnachtsschlaf versetzt worden. Jetzt öffnet sich eine dieser Türen. Die Nachtschwester kommt heraus. Sie trägt über den Rücken geschnallte Engelsflügel. Sie versucht, engelhafte Bewegungen zu machen, während sie in einem gegenüberliegenden Zimmer verschwindet. Clarissa betritt die Besucherecke. Hier ist alles in Goldfarbe getaucht. Sie geht zur Balkontür. Draußen steht die barocke Klosterkirche. Aber sie sieht auch ihr eigenes Gesicht in der Spiegelung. Sie sieht, daß ihre Haare während der Krankheit ein langes Stück gewachsen sind. Ihre Ponyhaare hängen ihr bis über die Augen und behindern ihren Blick. Sie streift sich das seitliche Haar hoch. Es ist strähnig, es engt das Gesicht ein. Sie versucht, die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Jetzt wird das Gesicht hell, alles scheint heller zu werden um sie herum. Clarissa kehrt rasch in das Krankenzimmer zurück, um ihre Tasche und ihren Waschbeutel zu holen. Die Kinder versuchen ihr noch ihre Weihnachtsgeschenke zu zeigen. 

KIND. Schau mal, was ich bekommen habe. 

CLARISSA. Oh, das ist ja schön.

KIND. Und die Teller auch noch!

CLARISSA. Toll, ja. 

Clarissa hat es jetzt sehr eilig. Sie haßt diesen Tag. Sie eilt den Gang entlang, bis sie den Toilettenraum erreicht hat, in dem sie sich einsperrt. Vor dem Spiegel beginnt sie sich die Haare abzuschneiden. 

736 Krankenhaus, Pförtnerloge


Unten, bei der Pförtnerloge, ist Clarissas Mutter angekommen. Mit ihrem schwarzen Mantel und der großen Handtasche sieht die Frau aus wie eine Bäuerin. Sie geht direkt auf die Loge zu, in der der Pförtner und ein Kollege begonnen haben, auf ihre Art zu feiern. Sie trinken Schnaps. 

MUTTER CLARISSA. Hallo! Sagen Sie mir bitte die Zimmernummer meiner Tochter? 

PFÖRTNER. Wie heißt sie denn? 

MUTTER CLARISSA. Clarissa Lichtblau. 

PFÖRTNER. Lichtblau? Zimmer Nummer 93, auf dem zweiten Stock! 

MUTTER CLARISSA . . . 93, zweiter Stock. 

PFÖRTNER. Zweiter Stock, ja. 

737 Krankenhaus, Toilette


Das Abschneiden der Haare ist für Clarissa ein symbolischer Akt. Diese Haarbüschel, die da in das Waschbecken fallen, sind in ihrer unglücklichsten Zeit gewachsen. Sie sollen alle im Krankenhaus bleiben! Die Schere arbeitet sich immer weiter in ihre Vergangenheit vor. . . 
738 Krankenhaus, Zimmer Clarissa


Die Mutter schert sich überhaupt nicht um die glückliche Weihnachtsfamilie in Clarissas Zimmer. Sie sitzt wie Strafgericht und rächender Engel in einer Person neben dem Bett ihrer Tochter, hält die Hände gefaltet und betet. 

MUTTER CLARISSA. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängstigter Geist, ein geängstigtes, zerschlagenes Herz. . . 

Der Familienvater hält der betenden Mutter seinen Säugling hin. Der fängt sofort wieder an, zu schnarren. Um den Fuß des Eisenbettes kreist ebenfalls schnarrend - ein kleines Motorrad aus Blech. Der Kindsvater versucht, Frau Lichtblau aufzumuntern. 

VATER. Ist das nicht ein süßes Kerlchen . . . 

Die Mutter Clarissas wendet sich vom Anblick des Säuglings ab. Sie weint. Der Vater zieht sich verlegen zurück. Das Spielzeugmotorrad bleibt jetzt stehen. Es wird ruhig. Clarissa kommt herein. Clarissa hat sich sehr verändert. Ihre Haare bedecken kaum noch Nacken und Ohren. Es ist eine eher sportliche Mädchenfrisur, die sie sich gemacht hat. Sie paßt gut zu ihrem roten Pulli, den sie angezogen hat. Clarissa freut sich, ihre Mutter dasitzen zu sehen. 

CLARISSA. Mutter, das ist aber eine Überraschung! 

Sie küßt die starre Mutter. Dann setzt sie sich ihr gegenüber auf die Bettkante, um ihre neue Frisur besser zeigen zu können. Aber die Mutter sieht nichts außer ihren düsteren Gedanken. Sie schaut die Tochter strafend an. 

MUTTER CLARISSA. Du Mörderin! 

Diese Worte fahren wie ein Donnerschlag in das Zimmer. Die Wöchnerin und ihre Familie erstarren. Clarissa springt auf. 

CLARISSA. Mir reicht's jetzt! Das ist ja überhaupt nicht mehr auszuhalten. 

In aller Eile packt sie alles zusammen, was sie greifen kann. Kleider, ihren Musil, den Waschbeutel, Zahnbürste. Alles stopft sie in ihre Tasche. Im Weggehen knallt sie die Tür zu. Sie läßt die gnadenlose Mutter einfach im Weihnachtszimmer zurück. 

739 Haus vonJean-Marie in München


Clarissa kommt an einem prächtigen Jugendstilhaus in Schwabing an. Hier hat Jean-Maries Familie ihr Münchner Domizil. Clarissa entdeckt auch den Namen auf dem Türschild. Zuerst geht sie weiter, dann entschließt sie sich zu klingeln. Das Eisentor öffnet sich automatisch. Hinter Clarissa schließt es sich wie von Geisterhand. Sie kommt in ein prächtiges Treppenhaus. Marmortreppen, geschmiedete Lampen. Es ist ein Haus wie ein Schloß. Im Obergeschoß muß sie erneut klingeln. Der Wohnungseingang ist beleuchtet. Ein junger Mann kommt, um nachzusehen. Er spricht französisch. 

ANGESTELLTER. Bonsoir!

CLARISSA. Entschuldigung, daß ich heute abend störe. Ist Jean-Marie Weber da ?

ANGESTELLTER. Je regrette! Monsieur Weber est n'est pas la. Il passe les fetes chez ses parents a Strasbourg.

CLARISSA. Ah so, merci, Wiedersehen. Fröhliche Weihnachten! 

740 Vor dem Postamt


Clarissa steht in einer Telefonzelle. Sie hat begonnen zu telefonieren. Schon die dritte Nummer, die sie wählt, gibt keine Antwort. Als sich auch bei Volker niemand meldet, gibt sie auf. Traurig verläßt sie die Telefonzelle. In den Häusern gegenüber sind alle Fenster mit Kerzen beleuchtet. Überall ist Heiligabend, das Fest, das den Familien gehört und das alle ausschließt, die draußen stehen. 
741 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Hermann zu besuchen, das war der letzte Gedanke, den sie sich an diesem Abend erlaubt hätte. Aber das Schicksal hat es so gewollt, daß sie ihr Weg hierhergeführt hat. Sie durchschreitet den Garten. Sie läßt ihre Handtasche stehen. Spärlicher Winter. Ein wenig Restschnee, Frostblumen auf den Fenstern, Eis auf den Stufen zur Terrasse. Es brennt Licht im Haus. Sie kommt an Hermanns Fenster an. Sie sieht ihn. Er ist zu Hause. Allein geht er um den runden Tisch. Er spielt Schach gegen sich selbst. Sie schaut ihm zu. Er bemerkt sie nicht. Plötzlich begegnen sich ihre Blicke in dem Spiegel, der über Hermanns Kommode hängt. Eigentlich sieht er als Spiegelbild nur ein anderes Spiegelbild von ihr, weil sie sich im Fenster spiegelt. Er weiß nicht, ob sie nur ein Gedankenbild von ihm, eine Halluzination, oder ob sie Wahrheit ist. Sie spürt plötzlich, daß ihr zum Weinen ist. Sie gibt nur ein ganz kleines Zeichen, daß sie ihn gesehen hat. Daraufhin geht er zur Balkontür, öffnet für sie. Jetzt stehen sie sich in Realität gegenüber. 

HERMANN. Clarissa! Ich habe keine Kohlen mehr. Es ist ziemlich kalt bei mir.

CLARISSA. Bist du allein?

HERMANN. Ja, ich war in Gedanken!

CLARISSA. Irgendwie habe ich gedacht, daß die anderen auch alle hier sind: Juan, Reinhard, Stefan und Helga. Vielleicht auch deine Freundin, wie heißt sie noch? 

Sie hatte ganz anders sprechen wollen. Warum konnte sie das nicht? Sie lehnt sich an die Wand, um Halt zu finden, denn sie ist jetzt wieder sehr schwach. 

HERMANN. Wenn du Volker suchen solltest, der ist mit Jean-Marie nach Straßburg gefahren, weißt du das nicht? Zu der stinkreichen Familie. Mensch, Clarissa, bist du wieder gesund?

CLARISSA. Ich habe es im Krankenhaus nicht mehr ausgehalten. 

Sie setzt sich auf einen Stuhl, der an Hermanns Tisch steht. 

HERMANN. Es ist das erste Mal, daß du mich hier besuchst. Ich meine alleine, ohne die Freunde.

CLARISSA. Feierst du nicht Weihnachten?

HERMANN. Ich bin seit drei Jahren nicht mehr zu Hause gewesen. Da hat man das hinter sich.

CLARISSA. Das gefällt mir, alle Achtung. 

Clarissa wärmt sich die Hände an Hermanns Tischlampe. Er sieht ihr lange zu. Er bemerkt, wie das Licht durch ihre von der Krankheit noch bleichen Hände dringt. 

HERMANN. Ich glaube, ich sollte hier doch irgendwie Feuer machen. Bleibst du ein bißchen hier?

CLARISSA. Wenn du willst...

HERMANN. Ja, ich habe eine Idee. Warte, ich bin gleich zurück! 

Hermann nimmt die Tagesdecke von seinem Bett und legt sie Clarissa über die Schultern. Dann eilt er zur Terrassentür. 

HERMANN. Wenn du willst, kannst du dich aufs Bett setzen. 

Während Hermann drauBen Brennholz zusammensucht, sieht sich Clarissa sein Schachspiel an. Sie studiert die Position der weißen Figuren. Sie erkennt, daß ein Schachzug genügen würde, um das Spiel zu entscheiden. Sie macht diesen Zug und schlägt den schwarzen Springer. In diesem Augenblick ertönt ein Schrei. Clarissa springt auf, um zu sehen, ob Hermann etwas zugestoßen ist. 

742 Villa Cerphal, Terrasse


Draußen im Garten hat Hermann versucht, Teile des morschen Gartenzauns zu zerkleinern. Dabei hat er sich verletzt. Aber er hört mit seiner Arbeit nicht auf. Clarissa sieht von der Terrasse aus, wie er immer mehr Zaunlatten zerbricht. 

CLARISSA. Hermann, ist was passiert? 

HERMANN. Ach, ich will doch nur, daß es warm wird in der Bude! Verdammt, ich glaube, ich habe mir weh getan. 

Er bringt die Lattenteile zu Clarissa herauf. Etwas schmerzt ihn an der Hand. Er läßt das Holz einfach fallen. 

HERMANN. Da sind ja lauter rostige Nägel drin!

CLARISSA. Du blutest ja! Zeig mal her. Hast du Verbandszeug da? 

743 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Hermanns Hand blutet sehr. Dicke Bluttropfen fallen auf das Schachbrett und die Weihnachtsausgabe der Süddeutschen Zeitung. 

HERMANN. Verdammt, das tropft alles auf den Teppich. Was mache ich nur?

CLARISSA. Warte, ich hab eine Idee. 

Durch die Diele eilt sie nach draußen, um die Tasche zu holen, die sie beim Ankommen im Garten hat stehenlassen. Hermann läßt das Blut auf die Zeitung tropfen, bis Clarissa zurückkommt. Sie holt eine hygienische Frauenbinde aus ihrer Tasche. 

CLARISSA. Hier, ich binde dir was drum. Laß los! Hast du ein Taschen-tuch?

HERMANN. Ja, da drüben, in der oberen Schublade. 

Die Wunde ist schnell versorgt. Während Clarissa die Hand verbindet, hat Hermann sogar noch Zeit, den neuen Stand des Schachspiels zuerkennen. Er sieht, daß Schwarz mit einem Zug matt ist. Er wirft seinen König um. Dieses Spiel ist also zu Ende. 

CLARISSA. Komm, jetzt machen wir Feuer. 

Die beiden setzen sich vor den Ofen und zünden das Feuer gemeinsam an. Bald lodern die Flammen um die zerbrochenen Zaunlatten. Clarissa kontrolliert noch einmal Hermanns Hand. 

CLARISSA. Zeig mal, bewege mal die Finger.

HERMANN. Das tut nicht weh.

CLARISSA. Spürst du das?

HERMANN. Ja, ich spüre dich!

CLARISSA. Das scheint noch mal gutgegangen zu sein. Nachher mache ich den Verband neu, dann sehe ich es mir mal genau an. Sie setzt sich dicht neben ihn. Er legt das Tuch, unter dem sie sich vorher gewärmt hat, auch über seine Schultern. So sitzen sie einträchtig vor dem Ofen und sehen ins Feuer. 

HERMANN. Ich habe oft an dich gedacht.

CLARISSA. Beinahe wäre ich tot gewesen, Hermann.

HERMANN. Du warst unheimlich weit weg, schon sehr lange.

CLARISSA. Ich war gar nicht mehr ich selbst. Du weißt doch, wie sehr ich meine Freiheit liebe. Verstehst du mich ein bißchen? Als Mann erlebt man ja so was nicht.

HERMANN. Ich weiß wahrscheinlich mehr davon, als du ahnst, Clarissa.

CLARISSA. Ich glaube, ich habe jetzt noch mehr Angst vor der Liebe als vorher.

HERMANN. Aber trotzdem lieben dich alle. Das hört natürlich jetzt nicht auf.

CLARISSA. Volker will mich immer noch heiraten.

HERMANN. Was würdest du sagen, wenn ich auch heirate? 

CLARISSA. Was?

HERMANN. Ja.

CLARISSA. Ist das dein Ernst?

HERMANN. Ich und Schnüßchen. Vielleicht im Frühjahr. 

Clarissa verläßt die Höhle unter dem Tuch. Sie geht im Zimmer umher. 

CLARISSA. Na ja, dann ist ja jetzt doch noch Weihnachten ausgebrochen. Hast du mal eine Zigarette?

HERMANN. Nein. 

Hermann steht auf. Er erreicht Clarissa an der Terrassentür. Dort ist wieder ihr Spiegelbild zu sehen. Das Spiegelbild schaut ihn an. 

CLARISSA. Du wirst mich heute nicht so schnell los.

HERMANN. Ich will dich auch gar nicht loswerden.

CLARISSA. Meine Mutter hat sich in meiner Bude eingenistet. Wie das Jüngste Gericht sitzt sie da. Sie hat mich in Grund und Boden verdammt. Ich traue mich da jetzt nicht mehr hin. Weißt du, daß ich heute regelrecht ausgestoßen worden bin? Ich bin entsetzlich müde.

HERMANN. Du kannst hier schlafen, wenn du willst.

CLARISSA. Wo schläfst du?

HERMANN. Du kannst dich in die Bibliothek legen. 

CLARISSA. Dein Liebesnest. .. 

Schon wieder hat Clarissa die Linie überschritten, die es zwischen ihr und Hermann gibt. Er verschließt sich vor ihr. Er öffnet die Schwingtür der Bibliothek. 

744 Villa Cerphal, Bibliothek


Schweigend holt er das Bettzeug aus dem Schrank. Er legt alles, was Clarissa für die Übernachtung braucht, auf die Liege. Währenddessen steht sie im Dunkeln. Er kehrt zu der Schwingtür zurück. 

HERMANN. Soll ich dich jetzt allein lassen? CLARISSA. Ach, Hermann, was ist nur mit uns beiden passiert? Immer sind wir gegen alles, und dann tun wir's trotzdem. Liebst du sie?

HERMANN. Schnüßchen? Ich glaube, ja. Mir ist, als wäre es immer so gewesen. 

Sie gibt sich einen Ruck. Sie beugt sich nieder, um das Bett zu machen. Hermann steht immer noch unschlüssig an der Schwingtür. 

CLARISSA. Ich komme schon zurecht. Gute Nacht!

HERMANN. Scheiß-Weihnachten!

CLARISSA. Sag du das nicht!

Er verläßt die Bibliothek. Clarissa macht weiter ihr Bett. 

745 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


In seinem Zimmer läuft Hermann unruhig hin und her. Hermann ist in Not, denn alle seine Vorsätze, die er mit großer Uberzeugung Schnüßchen gegenüber geäußert hat, sind nicht wahr. Er sieht Clarissas Mantel. Das Feuer knistert; es wird warm im Zimmer. Der Mantel liegt auf dem Stuhl, auf dem er gerade noch mit ihr gesessen hat. Diese Sehnsucht! Er kniet nieder, denn das sieht sie ja nicht. Er taucht das Gesicht in ihren Mantel. Er küßt den Stoff, der nach ihr riecht. Er spürt die Wunde in seiner Hand. Er umarmt seine Sehnsucht. Das ist es. Und er ist allein, obwohl sie so nah ist. Er zieht seine Schuhe aus, um nun auch ins Bett zu gehen. Ohne seine Kleider abzulegen, kriecht er bis zu den Ohren unter die Bettdecke. Clarissa kommt aus der Bibliothek. Sie nähert sich so behutsam wie nur möglich. Sie hat das große Federbett mitgebracht. Als sie bei der Tischlampe vorbeikommt, schaltet sie das Licht aus. Dann legt sie sich neben Hermann. Er hat sie mit zurückgeschlagener Bettdecke erwartet. Die beiden kuscheln sich eng aneinander. So eng, wie es nur geht. 

CLARISSA. Sag, warum muß man sich immer so anstrengen?

HERMANN. Jetzt sind wir beide krank.

CLARISSA. Wir waren immer krank, wenn wir uns geliebt haben.

HERMANN. Ich werde dich immer lieben.

CLARISSA. Ich bin auf der Flucht vor dir, immer bin ich auf der Flucht vor dir. Hermann, was ist das nur?

HERMANN. Und ich vor dir.

CLARISSA. Was ist das denn?

HERMANN. Der Wahnsinn! 

Hermann und Clarissa weinen zusammen. 

CLARISSA. Jetzt müssen wir wie Bruder und Schwester sein, so verwun-det wie wir sind. 

CLARISSA. Gib mir deine wehe Hand.

HERMANN. Ich muß immer an mein Blut denken, das in deine Binde fließt. Bei uns ist alles umgekehrt, alles ist umgekehrt wie sonst auf der Welt.

CLARISSA. Ich bin wie du.

HERMANN. Ich bin auch wie du. 

Die beiden streicheln sich und stecken die Köpfe nah zusammen. 

HERMANN. Bist du eifersüchtig?

CLARISSA. Ja.

HERMANN. Würdest du mich heiraten ?

CLARISSA. Niemals, niemals!

HERMANN. Wir sind noch nie zusammen eingeschlafen.

CLARISSA. Doch, in Gedanken schon oft.

HERMANN. Ja.

Das war der Weihnachtsabend von Hermann und Clarissa. Die beiden schlafen wie Bruder und Schwester nebeneinander ein. 

746 Villa Cerphal, Terrasse, Wintertag


Hermann hat ein Lied für Clarissa geschrieben, das »Wölfelied« nach einem Text von Said. Es ist ein trauriges Lied, das er auf der Gitarre begleitet. Draußen ist ein neuer Tag. Ein Tag mit Eis und Schnee. 

CLARISSA (singf). »Der eine Wolf lag neben dem anderen und sie nagten sich nicht und sie wühlten nicht ineinander und sie liebten sich nicht und sie hatten sich nicht und sie waren zärtlich zueinander, die Wölfe. «