Film 8: Drehbuch

Achtes Buch
Die Hochzeit
(1964) 
 
801 Im Hunsrück. Das Haus von Schnüßchens Eltern


Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern ist in den Bauerndörfern eigentlich verboten. Die gefüllten Scheunen, die alten Holzgebäude und die Heuböden würden in Sekunden Opfer der Flammen, wenn auch nur eine Silvesterrakete in sie hineinführe. Das weiß man. Trotzdem will man es den Kindern in der Neujahrsnacht nicht ganz verbieten, ein wenig Lichterzauber ins Dorf zu bringen. Uberall lassen sie ihre Kracher krachen und ihre Kauflhausraketen steigen. Neben dem Hunsrücker Misthaufen brennen sie ihre »Goldregen« und ihre »Zaubersonnen« ab. Aus den Häusern dringt das fröhliche Geschrei der Erwachsenen, die saufen, singen und endlos schwatzen. Schnüßchens Bruder ist vor einigen Tagen Vater geworden. An diesem Abend ist er nach Kreuznach gefahren, um seine Frau Hilde und das Baby aus dem Krankenhaus zu holen. Kurz vor Mitternacht erst kommt das Auto ins Dorf zurück. Alle haben sich auf diese Heimkehr der Wöchnerin gefreut. Schnüßchens ganze Familie winkt aus den Fenstern oder stürzt zur Haustür, um den kleinen Erdenbürger zu begrüßen. Auch Schnüßchen erscheint auf der Haustreppe. Sie ist im Kreis ihrer großen Familie ganz verändert: Sie ist nicht mehr die tapfere kleine Frau von der Stadtrundfahrt in München, sondern eine Bauerntochter wie viele andere. Sie taucht im Bild dieser Familie völlig unter. Schnüßchens Mutter hat sich Sorgen gemacht, weil es so lange gedauert hat. bis ihr Sohn Kurt aus der Kreisstadt zurückkehrt. 
802 Elternhaus Schnüßchen


Hausflur, »gute Stube« und Küche sind voll von lärmenden, biertrinkenden und liedersingenden Menschen, so daß Hilde sich mit ihrem Kind und dem Windelpaket kaum den Weg bahnen kann zu dem Schlafzimmer, in dem die Oma ein Bettchen bereitet hat. Schnüßchens Vater ist schon blau. Er singt am lautesten. Er übertönt seine sechs Söhne, von denen einer Akkordeon spielt. Der Vater zeigt, daß er es wenigstens beim Saufen an Kraft noch immer mit den Jüngeren aufnehmen kann. Das Baby wird in diesem Durcheinander des Familienfestes versorgt, gehätschelt und geliebt. Es gibt viele andere Kinder, die zwischen den Beinen der Erwachsenen umherwuseln oder von ihren Müttern auf den Armen hereingeschleppt werden. Was die Brüder zur »Quetschkommode« singen, ist ein Potpourri von Saufliedern, wie es sie im Hunsrück überall gibt. Darunter sind die Lieder vom »Wutzschlachten«, vom »Feinsliebchen« oder vom »Prosit der Gemütlichkeit«. 

MUTTER SCHNÜSSCHEN. Gott sei Dank, da seid ihr ja!

SCHWÄGERIN HILDE. Kann man schon »Prost Neujahr« sagen?

MUTTER. Nein, mein Mad. Es ist erst fünf vor! Ich hatte mir schon so Angst gemacht gehabt, ich konnt noch keinen Tropfen trinken.

BRUDER KURT. Komm, jetzt übertreibst du aber. . .

MUTTER. Kommt herein, kommt!

SCHNÜSSCHEN. Eisch hätt mir net vorstelle könne, Weihnachten und Neujahr irgendwoanners als daheim zu verbringen. So geht es uns alle in unsrer Familie. Also han eisch rechtzeitig vor den Feiertagen der 

Großstadt Münsche adieu gesagt und bin in den Hunsrück gefahren. Meine sechs Brüder, die sin zwar all'schon verheirat, aber die lasse es sich auch net nehme, Heiligabend im Elternhaus zu feiere. Die bringe ihre Frauen und die viele Kinder einfach mit, damit dat Haus richtig voll wird. Dat sin dann mit den Tante, Onkels, Schwägerinne, Cousins und Brüder immerhin - sechsundzwanzig Erwachsene und siebzehn Kinder. Schnüßchen hat die Runde durch die Zimmer gemacht. Sie genießt den Abend, geht völlig in der Silvesterstimmung auf. Auch wenn sie nicht mit jedem der Brüder noch einmal anstößt, ist auch sie schon ein bißchen beschwipst. Sie bleibt aber wach genug, um die Uhr im Auge zu behalten, denn schließlich sollen die Säufer ja nicht den wichtigsten Moment dieses Abends verpassen: die Sekunde, in der das neue Jahr anfängt! 

SCHNÜSSCHEN. Vater, es ist gleich zwölf - guck emal. Ich mach mal dat Radio an.

ZWEITER BRUDER. Jo, jo, jo. 

In der Küche haben die Mutter und die Schwägerinnen einen »Weibertisch« aufgemacht. Mitten zwischen den Bowlegläsern und Kartoffelsalatschüsseln werden die Sektflaschen geöffnet. Schnüßchen dreht das Radio auf, so laut es geht. 

SCHNÜSSCHEN. Es ist gleich zwölf. 

Aus dem Radio ertönt jetzt das Zeitzeichen. Im Chor zählen die Frauen und größeren Kinder den Countdown zur Jahreswende. Schnüßchen dirigiert den Rhythmus. 

SCHNÜSSCHEN. Achtung: neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins. 

RADIOSPRECHER. Neunzehnhundertvierundsechzig! 

Der Mutter ist es gelungen, einen Sektkorken genau zu dem Moment knallen zu lassen, an dem das neue Jahr beginnt. Der Schaumwein ergießt sich über ihre abgearbeiteten Hände. Ein allgemeines Prosten, Ex-Saufen und Küssen fängt an. Jeder muß jeden einmal an die Brust drücken. Schnüßchen steht in der Türöffnung. Sie ist dem Weinen nahe. Das Glück des Geborgenseins erfaßt sie, und sie spürt, daß sie als einzige dieses Glück eines Tages verlieren wird. 

SCHNÜSSCHEN. Dat Kleenste, dat Boppelsche von meiner Schwägerin Hilde, ist erst vier Tage alt, aber da wird keiner vergesse, wenn die Geschenke verteilt werde und wenn über die Familie geratscht wird. Alles erfährt man: Wat neu angeschafft wurde, wat für Ratenzahlungen die Brüder aufbringe müsse, wat für Krankheit es im Laufe des Jahres gegebe hat, oder wie die Kinner heranwachse.

ZWEITER BRUDER. Heut lasse mer die Sau raus! 

Jetzt wird auch Schnüßchen umarmt und an die knochigen Männerbrüste gedrückt. Sie muß mit jedem der Brüder eine Runde tanzen, während die anderen klatschen und wieder das Walzerlied von der Wutz singen. »Tief im Hunsrückland steht ein Bauernhaus so hübsch und fein. Da wird die Wutz geschlacht' und wird zu Wurst gemacht . . . « Der Christbaum ist angezündet, die Frauen stoßen ihr kreischendes Gelächter aus, und das Neugeborene schreit, daß es rot und blau anläuft. 

SCHNÜSSCHEN. Bei meiner Familie, da kann ich für dat ganze Jahr Kraft tanke. . . 

803 Vor Elternhaus Schnüßchen


Mit zweien ihrer Brüder steht Schnüßchen nun oben auf der Haustreppe und schaut ins Dorf hinaus, wo die älteren Buben schon wieder ihre Knallfrösche loslassen. Der Vater ist mit seinem feinen Anzug in den Stall gegangen, weil das Vieh angefangen hat zu schreien. 

SCHNÜSSCHEN. Ich geh mal nach dem Papa gucken. 

Der Hof ist vollgeparkt mit den Autos der Verwandtschaft. Schnüßchen bleibt an der Stalltür stehen. Diese zweiteiligen Türen laden zum Schwätzen ein. 

SCHNÜSSCHEN. Was macht denn dein Rheuma, Vater?

VATER SCHNÜSSCHEN. Ach, man gewöhnt sich dran, aber du bist doch mein bestes Stück, wo ich hab.

SCHNÜSSCHEN. Ausgerechnet ich bin von allen am weitesten weggegangen . . .

VATER SCHNÜSSCHEN. Du bleibst noch ein paar Tage hier, und dann können wir über alles schwätzen.

SCHNÜSSCHEN. Nein, Vater, ich will nichts verpassen in München. Das verstehst du doch! 

Schnüßchens Vater hat seine schwarze Anzugjacke an die Stallwand gehängt. In Hemdsärmeln ergreift er eine Mistgabel, um die Scheiße unter den Hinterbeinen der Milchkühe wegzuräumen. Dies ist eine selbstverständliche Arbeit, denn ein Bauer hat niemals Freizeit, auch nicht in der silvesternacht. 

SCHNÜSSCHEN. Ich war von den Geschwistern die einzige, die noch nicht verheiratet war. Deswegen nahm auch die Fragerei in der Familie kein Ende: Ob ich denn nicht verliebt wäre, ob ich heimlich einen Schatz hätt in München, wann ich denn endlich ein Kind bekäme, und warum ich mich so in Schweigen hüllen würde. Ich wollte sofort nach den Feiertagen nach München zurückfahren. Das hatte natürlich den Verdacht geschürt, daß es in meinem Leben einen Mann geben könnte. Vielleicht hatte man mir auch angesehen, daß ich verliebt war. Ich hatte viel Zeit, über mich nachzudenken. 

Schon wieder hat einer der Buben einen »Goldregen« entzündet. Die feurigen Eruptionen des Magnesiumlichts ergießen sich über die steinerne Einfassung des Misthaufens. 

804 Münchner Innenstadt


Auch München ist ein Ort, über dem ein Kirchturm thront wie über Schabbach. Aber es sind zwei gewaltige Türme, und welch ein Unterschied ist dieser Blick in das Herz der Großstadt! Schnüßchen liebt es, durch das Zentrum der Altstadt zu laufen und einfach nur zu schauen. Sie will einmal richtig genießen, daß sie sich selbstbewußt und zielstrebig im Menschengewimmel der Metropole bewegen kann. Sie will den Hunsrück auf ihre Weise abschütteln. 

SCHNÜSSCHEN. München, das war inzwischen meine Schicksalsstadt geworden. Ich hatte mir gesagt: Im Mai, also im schönen Monat Mai, da muß sich dat Schicksal irgendwie erfülle . . . 

805 München, Englischer Garten


Wenn die Kastanien blühen, ist es in München am schönsten. Der Englische Garten verwandelt sich in den Schauplatz eines wochenlangen Familienfestes. Man läßt sich in den Wiesen nieder oder wandert ziellos umher, trifft seine Freunde, liest, lernt, spielt, turnt, übt seine Hobbys aus oder versucht sich als Jongleur: wie Juan, der sich mit einem seiner Freunde getroffen hat, um sein Trickrepertoire zu erweitern. Schnüßchen sitzt auf einer Bank. Sie genießt die freien Stunden am Nachmittag und sieht zu, wie Juan seine Bälle in den Frühlingshimmel wirft. 

SCHNÜSSCHEN. Willst du mir nicht erzählen, was dich so bedrückt, Juan? 

JUAN. Dieses Land ist ohne Mitleid und ohne Freude. 

SCHNÜSSCHEN. Wo kommst du denn gerade her? 

JUAN. Aus Oberstdorf. Ich bin seit drei Wochen unterwegs. Zuerst in Neu-Ulm, bei der Familie von Renate, dann unterwegs, immer von Hotel zu Hotel. 

SCHNÜSSCHEN. Du bist immer schon so ein Eigenbrötler gewesen. Irgendwas hast du in dir, was ich nicht begreife. 

JUAN. Ich bin anders als ihr. 

Juan ist freundlich und verschlossen wie immer. Er wird sich auch von Schnüßchen nicht in die Karten schauen lassen, obwohl sie zu ahnen scheint, daß es ihm nicht gutgeht. Juan lenkt ab. Er erhebt sich, geht mit einem chinesischen Lächeln an der Bank vorbei, auf der Schnüßchen sitzt, und streichelt ihr kurz über die Wange. Er wendet sich an den jonglierenden Freund. Die beiden werfen sich die Bälle zu und beginnen eine zirkusreife Artistiknummer. 

806 Biergarten am Chinesischen Turm


Schnüßchen ist losgegangen, um zwei Maß Bier zu holen. Juan, der den Sitzplatz in der Sonne freihält, wartet, bis sie auf ihn zukommt. Sie ist guter Laune. Sie bewegt sich unter den Kastanienblüten wie der Frühling in Person. 

SCHNÜSSCHEN. Juan, ich finde, du mußt dich entscheiden. Du machst lauter Sachen, die dich nicht voranbringen! Warum lernst du Chinesisch? Willst du nach China oder nicht? Warum gehst du mit Renate? Willst du mit ihr leben oder nicht? Du hast so viele Talente, ich beneide dich drum. Aber du nützt sie nicht! 

JUAN. Der Mensch braucht jemanden, der für ihn bürgt. Ich meine, jemanden, der Auskunft geben kann, der kompetent über einen spricht. Ihr habt das alle. Du hast deine Familie, Hermann hat seine Konzerte, seine Kritiken, die Professoren. Stefan, Reinhard, Rob, sie haben ihre Filmfirma. 

SCHNÜSSCHEN. Die sind doch immer pleite! 

JUAN. Das macht nichts. Man spricht über sie, man weiß, wer sie sind. 

SCHNÜSSCHEN. Aber du bist viel besser als sie. Du hast ebbes von der Welt gesehen. Ein ganz seltenes Exemplar bist du. Glaub es mir! 

JUAN. Ach, ich bin ein Niemand. Ich bin ein Wein ohne Etikett. Keiner merkt, wenn ich verschwinde. 

SCHNÜSSCHEN. Juan, ich hab so viel Kraft in mir, ich könnt euch allen etwas davon abgeben. Du kannst immer zu mir kommen, bestimmt. 

Schnüßchen ist noch nicht halb solange in München wie Juan, und sie genießt bei den Freunden auch nicht halb soviel Ansehen. Trotzdem sitzt sie doppelt so fest im Sattel wie Juan. 

807 Münchner Straßen


Im Bahnhofsviertel trifft Schnüßchen ihre neue Freundin. Elisabeth ist eine dunkelhaarige Schönheit von stolzer Körperhaltung und mit dem Gesicht einer verwöhnten Bürgerstochter. Schnüßchen hat wieder einmal die Wohnungsangebote in der Süddeutschen Zeitung durchgesehen und ruft die Inserenten jetzt der Reihe nach an. Als Elisabeth sie durch die Glasscheiben der Telefonzelle entdeckt, entschließt Schnüßchen sich, das hoffnungslose Telefonieren aufzugeben. 

SCHNÜSSCHEN. Ich hatte im Reisebüro Merkel eine sehr sympathische Kollegin kennengelernt. Sie hieß Elisabeth und hat mir bei allen meinen Problemen im Großstadtleben geholfen. Sie war in München aufgewachsen und kannte sich natürlich in jeder Hinsicht aus - Vor allem bei der Wohnungssuche. Ich war gezwungen, umgehend eine kleine Wohnung zu finden, weil ich aus dem Appartement, das mir eine Kollegin anfänglich überlassen hatte, ausziehen mußte. 

Auf dem Weg durch die Stadt kaufen die Freundinnen sich Eistüten. Sie finden ein Plätzchen im Schatten des Alten Peter. Dort lassen sie sich nieder und beraten sich. 

SCHNÜSSCHEN. Ich wollte selbständig bleiben und war bereit, dafür auch einen hohen Preis zu zahlen. Aber die Mietpreise in München, die machten mich oft schon ganz mutlos; Elisabeth jedoch hat mich beraten und mir jeden Tag neue Tips gegeben. 

808 Mietshaus, Treppenhaus


Elisabeth weiß, wo eine billige Wohnung besichtigt werden kann. Als sie mit Schnüßchen in dem Schwabinger Neubau ankommt, sind da aber schon Dutzende von Bewerbern, meist junge Paare, die im Treppenhaus drei Stockwerke hinauf Schlange stehen. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, was mir vorschwebt? So was wie deine Wohnung. Die ist himmlisch. Wie habt ihr die eigentlich gefunden? 

ELISABETH. Ach, das war reiner Zufall. Mein Vater hat dem Besitzer ein paar Kredite verschafft. Er arbeitet bei einer Bank, weißt du, ein richtiger Zahlenmensch. Aber wenn ich den nicht hätte, wäre ich aufgeschmissen bei Rolf. Rolf verdient nichts. 

SCHNÜSSCHEN. Dein Mann? Ich denke, der will Arzt werden. 

ELISABETH. Ich liebe ihn ja wirklich, er ist meine große Liebe, aber er ist so unpraktisch und so sensibel. Nur mit den Kindern ist er wunderbar. 

SCHNÜSSCHEN. Hast du deshalb bei der Stadtrundfahrt gejobbt? 

ELISABETH. Nein, mir ist die Decke auf den Kopf gefallen. Ich meine, es interessiert mich natürlich. Ich fotografiere ja auch sehr viel. 

SCHNÜSSCHEN. Ja, das habe ich gemerkt. Du bist eine tolle Frau, Elisabeth. Soll ich dir mal was sagen? 

ELISABETH. Was? 

SCHNÜSSCHEN. Ich bewundere dich. Ich bin stolz, daß du meine Freundin bist. 

ELISABETH. Aber ich bin sehr selbstsüchtig. Das sagt mein Vater auch immer. 

Während dieses Gesprächs sind Schnüßchen und Elisabeth mit der Warteschlange langsam ein halbes Stockwerk hinaufgekommen. Unten haben sich schon wieder andere Interessenten angeschlossen. Es sieht sehr aussichtslos aus. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du was? Bis wir da oben sind, ist die Wohnung garantiert vergeben. Wir geh'n einen Kaffee trinken. 

Elisabeth ist einverstanden. Die beiden verlassen den hoffnungslosen Ort, so schnell sie können. 

809 Kinderkarussell


Das alte Karussell im Englischen Garten ist eine Oase des Kinderglücks. Es liegt ein wenig abseits vom lauten Betrieb des Biergartens, aber immer noch nah genug, daß diese idyllische Kinderwelt sich behaupten muß gegen die alkoholisierte Aggression und den Lärm des Volksparkes. Schnüßchen fährt Karussell mit Elisabeths Kindern, einem Mädchen von sieben und einem Jungen von fünf Jahren. Zu den Klängen der Walzenorgel drehen sich die hölzernen Schwäne, Störche, Pferdchen und Giraffen, auf denen die Kinder mit ernsten Gesichtern reiten. Schnüßchen versucht gegen die Drehrichtung zu laufen, was ihr bei dem gemächlichen Tempo des Karussells auch gelingt. Rolf und Elisabeth, die Eltern, sehen lächelnd zu und winken. Am Ende der Fahrt sind die Kinder kaum zu bändigen. 

ELISABETH. Die Kinder lieben dich!

SCHNÜSSCHEN. Die sind aber auch goldig.

ELISABETH. Sagt mal, soll die Waltraud mal bei euch schlafen?

KINDER. Jaaa.

ELISABETH. Und darf sie auch ihren Freund mitbringen? 

RAOUL. Ist er nett?

ELISABETH. Ja, der ist nett. Und das ist ein richtiger Künstler! 

SCHNÜSSCHEN. Elisabeth, das ist den Kindern doch egal.

ELISABETH. Ja, aber mir nicht.

ROLF. Also, mit anderen Worten: Wir wollen am Freitag auf ein Sommerfest. Und da wollten wir dich fragen . . .

SCHNÜSSCHEN. Ich verstehe schon! 

Eigentlich ist die Sache schon zwischen den Freundinnen verabredet, nur Rolf muß noch in den Plan einbezogen werden. Schnüßchen spürt, daß es das beste ist, wenn sie sich jetzt erst recht um die Kleinen kümmert. Sie wendet sich an die Kinder. 

SCHNÜSSCHEN. Wollen wir noch mal Karussell fahren? 

KINDER. Au ja! Toll!

Kinder sind leicht zu verführen. Schon wieder dürfen sie in der goldenen Kutsche fahren oder auf den kleinen Schimmeln reiten. Es wird Abend. Auf einmal gehen alle bunten Lichter an. 

SCHNÜSSCHEN. Ich glaube, der Hermann hat lang net geahnt, wie ich mein Leben schon auf ihn eingestellt hatte. Seine Freunde waren längst auch meine Freunde geworden. Auch die Frauen, die mich an fänglich weniger mochten, weil sie sich nämlich der Reihe nach alle auch in den Hermann verliebt hatten. Aber ich hatte die besseren Karten! Das hat mir der Hermann ganz am Anfang bestätigt. Wir kommen eben alle zwei aus´m Hunsrück. 

81O Vor Haus Elisabeth


Um diese Abendstunde ist die Schwabinger Straße noch recht belebt. Die Leute sind gerade dabei auszugehen oder kommen von ihren Abendspaziergängen zurück. Schnüßchen hat sich bei Hermann untergehakt. So kann sie das Gefühl genießen, mit ihm ein Paar zu sein in dieser Frühlingsnacht. 

HERMANN. Ich bin jetzt seit fast vier Jahren nicht mehr daheim gewesen. Und da bin ich konsequent, das verspreche ich dir.

SCHNÜSSCHEN. Also, ich verstehe dich net, Hermann. Deine Mutter ist sehr traurig darüber, weißt du dat überhaupt? Warum bist du denn nur so ein Dickkopf! In dem Punkt, da bist du so ein richtiger sturer Hunsrücker Bauer gebliebe. 

Die beiden sind vor Elisabeths Haustür angekommen. Schnüßchen bleibt stehen. Sie sieht Hermann in die Augen. 

HERMANN. Ich muß meinen eigenen Weg gehen. So was wie Hunsrück, Mutter, Elternhaus, das sind doch alles nur Zufälle. Oder kannst du mir erklären, woher ich das haben soll, Musik zu machen? Weißt du, was ich mir oft denke ? Man muß sich selbst noch einmal auf die Welt bringen, ganz aus sich selbst heraus.

SCHNÜSSCHEN. Fühlst du dich da nicht ganz fürchterlich einsam?

HERMANN. Ja. 

Sie geht jetzt auf ihn zu. Sie spürt seine Unruhe. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, und wem erzählst du dann, ob's dir gutgeht, oder ob's dir schlecht geht? Ob du stolz bist, oder ob du ebbes zustande gebracht hast? Also, ich find das schön, wenn ich daheim erzählen kann, wie ich es gemacht hab. Vor allem, wenn es gutgegangen ist. 

Vor dem Jahrhundertwendehaus gibt es einen mit einem Eisenzaun eingefriedeten kleinen Vorgarten. Schnüßchen öffnet das Eisentor und findet unter einem Stein den Hausschlüssel, den Elisabeth hier für sie versteckt hat. Hermann beobachtet, wie hübsch sie sich bewegt. 

HERMANN. Hast du denn von mir auch schon was erzählt daheim?

SCHNÜSSCHEN. Bis jetzt nur andeutungsweise.

HERMANN. Ich kann manchmal für Monate vergessen, daß ich mal ein Kind auf dem Hunsbuckel gewese bin. . .

SCHNÜSSCHEN. Bei mir denkst du wieder dran. 

Sie sperrt die Haustür auf, bleibt aber mit der angelehnten Tür in der Hand noch stehen. 

HERMANN. Also, weißt du, Schnüßchen, du mit deinem Hunsrücker Platt. Wenn ich verliebt bin, da kann ich dat überhaupt net leiden. Dat kühlt misch dann rischtisch ab.

SCHNÜSSCHEN. Also gut, dann wollen wir jetzt hochdeutsch miteinander sprechen.

HERMANN. Spre...chen!

SCHNÜSSCHEN. Spre...chen.

HERMANN. Ich liebe dich. 

Hermann nimmt die kleine Hunsrückerin in die Arme. Er drückt ihr einen Kuß auf die Lippen. 

SCHNÜSSCHEN. Ich liebe dich.. .

HERMANN. Noch mal (er lacht). Also: »Eisch liebe deisch« - das klingt nun wirklich auch nicht besser.

SCHNÜSSCHEN. Dat sagt man auch net auf Platt! 

Jetzt hat sie genug von der Eckensteherei. Sie drückt die schwere Haustür entschlossen auf und verschwindet im Hausflur. 

HERMANN. Ach, Schnüßchen, irgendwie wirfst du mich um Jahre zurück. 

811 Treppenhaus 

Hermann und Schnüßchen betreten das geräumige Treppenhaus. Hermann fühlt sich ein wenig unbehaglich dabei, in diese bürgerliche Welt einzudringen. Er bleibt hinter Schnüßchen zurück, während sie die Stufen hinaufeilt. 

HERMANN. Ganz geheuer ist mir das ja nicht, in einer fremden Wohnung, bei fremden Leuten.

SCHNÜSSCHEN. Ach, Hermann, du wirst sehen, die Kinder von der Elisabeth, die sind unheimlich lieb.

HERMANN. Ach ja, die Kinder! Und wann kommen die Eltern zurück?

SCHNÜSSCHEN. Bestimmt nicht vor Mitternacht. 

 
812 Wohnung Elisabeth


Als die beiden die Wohnung betreten, bleiben sie unmittelbar hinter der Eingangstür stehen. Hermann versucht erst einmal, die Atmosphäre der fremden Wohnung zu schnuppern. Er lauscht in die düstere Diele hinein. 

HERMANN. Wie still das hier drinnen ist!

SCHNÜSSCHEN. Die Kinder schlafen schon langst. Komm, ich zeig sie dir mal. 

Schnüßchen geht vor. Die Diele ist geräumig und wird als zusätzlicher Wohnraum genutzt. Im Hintergrund brennt ein Licht, das den beiden zeigen soll, daß sie erwartet werden. Schnüßchen öffnet behutsam die Tür zum Kinderzimmer. Mit Falten auf der Stirn beobachtet er, wie sie zu den beiden Bettchen schleicht, um die schlafenden Kinder aus der Nähe zu betrachten. Sie zupft ein wenig an den Bettdecken, als könnte sie ihnen im Schlaf das Gefühl des Versorgtseins vermitteln. Dann schleicht sie auf Zehenspitzen zu Hermann zurück. 

SCHNÜSSCHEN. Guck mal, Hermann, sind sie nicht süß? Guck mal die Gesichter an. 

Hermann hat es eilig, die Tür wieder zu schließen. 

HERMANN. Ja, aber wir müssen aufpassen, daß sie nicht aufwachen. Dann ist es nämlich vorbei mit der Gemütlichkeit. Kinder sind so unberechenbar. Die können stundenlang Terror machen, das kannst du mir glauben. Die kleinen Engelscher sind schlimmer als hundert Erwachsene. Du warst doch sicher auch so.

SCHNÜSSCHEN. Komm, jetzt zeig ich dir mal die Küch. 

Schnüßchen geht vor, denn sie kennt sich hier aus. In der Küche gibt es eine Eckbank mit einem rustikalen Tisch, auf dem ein Briefchen liegt. 

SCHNÜSSCHEN (liest). »Hallo, Ihr beiden! Die Party geht mindestens bis zwei Uhr. Im Kühlschrank findet Ihr genug zum Essen und zum Trinken. Tee könnt Ihr im Samowar bereiten. Macht die Musik nicht zu laut! Die Kinder wissen Bescheid. Macht es Euch schön. Elisabeth und Rolf. « 

Während sie ihren Mantel auszieht, sieht Hermann sich um. 

HERMANN. Ist das hier der Samowar?

SCHNÜSSCHEN. Vielleicht kannst du den mal in Betrieb nehmen! Weißt du, wie so ebbes geht?

HERMANN. Nä.

SCHNÜSSCHEN. Das ist nämlich so gemütlich zu hören, wie's Wasser brodelt, und dabei dann etwas Heißes aus den Tassen zu schlürfen.

HERMANN. Also, ich glaub, ich wäre eher für einen Rotwein und eir Käsebrot zu begeistern.

Er hat eine angebrochene Rotweinflasche gefunden, die er öffnet, um einen Schluck aus der Flasche zu nehmen. Schnüßchen beginnt inzwischen, ein kleines Abendbrot herzurichten. Sie findet Käse, Brot und Aufschnitt. Alles das dekoriert sie auf den schwarzen Keramiktellern, die sie in der Küche gefunden hat. Hermann fängt an, mit den Wurststückchen herumzuspielen. Er legt eins davon auf Schnüßchens nackte Schulter. Er leckt daran und küßt dabei ihre Haut. Schnüßchen wehrt ihn ab. 

SCHNÜSSCHEN. Laß! Ich dekoriere das schön. Laß uns mal kultiviert essen.

HERMANN. Kultiviert?

SCHNÜSSCHEN. Ja.

Schnüßchen arrangiert Geschirr, Gläser und Bestecke auf einem schwarzen Lacktablett und drückt es Hermann in die Hand. Er begreift nicht sofort, worum es geht, aber er folgt ihr in die Diele. 

HERMANN. Sag mal, Schnüßchen, was ist denn das hier? 

Ein kopflhoher Blechschrank steht neben der Badezimmertür. Es scheint sich um ein Gerät zu handeln, denn an der Vorderseite gibt es allerlei Anzeigeinstrumente, Schalter und Knöpfe. 

SCHNÜSSCHEN. Elisabeth hat doch ein Fotolabor. 

Schnüßchen gewährt Hermann einen Blick in das Badezimmer. Eine Hälfte davon ist als Fotolabor eingerichtet: mit Entwicklerschalen und Vergrößerungsgerät. Es liegen noch Fotos auf der Arbeitsplatte, die Elisabeth zum Trocknen hinterlassen hat. Schnüßchen ist inzwischen zum Eingang des Wohnzimmers gegangen. Dort wartet sie auf ihn. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, das Wohn-Schlafzimmer. Die Elisabeth schwärmt nämlich für japanische Wohnkultur.

Hermann staunt. Er kommt mit Schnüßchens Inszenierung kaum noch mit. 

SCHNÜSSCHEN. Schön. Komm, wir ziehen die Schuhe aus. Das machen die Japaner nämlich auch so.

HERMANN. Wenn du meinst. 

Sie macht ihm das Ritual vor. Hermann stellt seine Schuhe akkurat neben die von Schnüßchen. Dann folgt er ihr in das Jugendstilzimmer, das mit allerlei Dekorationsmaterialien »japanisiert« wurde. Ein Baldachin überspannt den halben Raum, der neben der großen Matratze einen Lacktisch, einen Paravent und mehrere japanische Andenken enthält. Hermann nimmt auf der Bettkante Platz. Er zieht die Jacke aus und schenkt für Schnüßchen Rotwein ein. 

HERMANN. War sie denn schon mal in Japan?

SCHNÜSSCHEN. Nä. Aber man kann unheimlich viel von denen lernen. Ist das nicht gemütlich ?

HERMANN. Japanisch!

SCHNÜSSCHEN. Tagsüber benutzen sie das Bett zum Beispiel als Couch. Aber abends, das hat mir die Elisabeth erzählt, da sitzen sie manchmal bis zu zwanzig Personen drauf, wenn sie eine Party hat. Prost, Hermann! 

Sie trinkt. Sie kommt immer mehr ins Schwärmen. Sie kniet auf japanische Weise am Kopfende des Lacktischchens nieder und schaut sich um. 

SCHNÜSSCHEN. Ist das nicht ein ganz perfekter Haushalt? Du brauchst nur an irgend ebbes zu denken, und schon findest du's, Hermann (sie lacht). Guck, Hermann, die vielen Platten und der Plattenspieler! Da kannst du dir die Musik nach jeder Stimmung aussuchen. Also, wenn's deine Stücke auf Platten gäb, Hermann, hier tätst du sie bestimmt finden. Also, wenn du auf Platten gäb, Hermann, hier tätst du sie bestimmt finden. Also, wenn du mal eine Platte machen willst, dann wüßt die Elisabeth einen Grafiker, der tät dir den Umschlag gestalte, das soll isch dir sage. 

Die Schallplatten finden sofort Hermanns Interesse. Er studiert die Titel und sieht Schnüßchen skeptisch an. 

HERMANN. Ist aber auch ne ganze Menge Schund dabei.

SCHNÜSSCHEN. Die Beatles, dat is schön. Die leg mal auf. Oder hast du ebbes dagegen? 

Sie wartet ab, bis er es fertiggebracht hat, den Plattenspieler in Gang zu setzen. Sie wiegt ihren Körper aufreizend zu den ersten Takten der Musik. So schafft sie es leicht, ihn zu sich an den Tisch zu locken. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, komm, knie dich zu mir. Essen wir gemeinsam. 

Hermann ist in Laune, alle ihre Spiele mitzuspielen. Als sie den ersten Schluck Rotwein in den Mund genommen hat, küßt er sie schnell, um ihr den Wein aus dem Mund zu trinken. Daraus entwickelt sich ein leidenschaftlicher Kuß. 

SCHNÜSSCHEN. Deine Zung is ganz sauer und rauh von dem Wein. 

HERMANN. Komm, den probieren wir gleich noch einmal! 

Jetzt nehmen beide den Mund voll Wein, ehe sie die Lippen aufeinanderpressen. Das geht allerdings schief. Der überflüssige Wein fließt auf Hermanns weißes Hemd. 

SCHNÜSSCHEN. O je, das müssen wir gleich auswaschen! Komm schnell! 

In aller Eile versucht sie, ihm das Hemd auszuziehen. Und weil sie die Knöpfe nicht gleich aufbringt, zerrt sie ihn am Hemdzipfel in den Flur hinaus. 

Er sieht, wie sie ihm den Hintern entgegenstreckt. Das reizt ihn, nach ihr zu grapschen. Sie wehrt ihn scherzend ab. 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt wart mal 'n Moment, sonst geht das net mehr raus! 

Hermann kehrt ins Japanzimmer zurück. Er trinkt noch einmal aus dem bauchigen Rotweinglas. Während des Trinkens sieht er Schnüßchen hereinkommen. Er sieht sie durch das Glas hindurch, das vor seinen Augen mit seinem gewölbten Kelch eine Art Weitwinkellinse bildet. In dieser Durchsicht ist Schnüßchens Bild »verzaubert«. Sie trägt einen blau-grauen, gemusterten Kimono, die Haare hat sie sich mit zwei Stäbchen hochgesteckt, so daß eine Art Japanfrisur daraus entstanden ist. Nun öffnet sie den Kimono. Ein schwarzes Neglige aus durchsichtiger Spitze kommt zum Vorschein, das ihre Nacktheit kaum verhüllt. 

HERMANN. Wo hast du das denn her? Das gehört doch sicher dieser Frau! 

Kokett greift sie nach dem japanischen Fächer und wedelt damit an ihrem Körper herum, daß Hermann die Augen übergehen. Als er aber aufsteht, um nach diesem verführerischen, exotischen Bild zu greifen, entzieht sie sich und rennt weg. Sie sperrt sich im Badezimmer ein. 

HERMANN. Komm, zeig dich mal, Schnüßchen! 

Er klopft an die Tür. Er drängt, sie solle aufmachen. Endlich geht die Tür einen Spaltbreit auf. Sie weiß, wie sie Hermann auf Touren bringt. Sie steht am Spiegel und parfumiert sich mit Elisabeths Parfum. 

SCHNÜSSCHEN. Guck emal, Hermann, ist dat net wunderbar?

HERMANN. Ja, wunderbar! 

Er küßt sie auf Schulter, Nacken und Hals. Seine Hände erobern ihren Körper. Da ertönt lautes Geschrei von draußen. Es ist wie eine kalte Dusche für Hermann. 

SCHNÜSSCHEN. Oh, jetzt haben wir die Kinder wachgemacht. 

Sie läßt ihn allein im Bad. Sie will den Kindern jetzt nicht den fremden Gast zeigen. 

Hermann ist neugierig geworden, was Elisabeths Bad noch an Geheimnissen enthält. Er öffnet eine reichverzierte Glasschale. Darin findet er ein Sortiment von Spezialpräservativen, über die er lachen muß. Ein besonders kleines Exemplar steckt er sich heimlich ein. Schnüßchen widmet sich derweil den Kindern. Sie kniet bei den Kleinen am Bett und erzählt mit kindlicher Stimme ein erfundenes Märchen. 

SCHNÜSSCHEN. Es war einmal ein Mädchen, das war gelähmt. Das war das arme, gelähmte Mädchen. Das saß zu Hause in seiner Wohnung und konnte nie rausgehen. . . 

Hermann kehrt ins Wohnzimmer zurück. Er nutzt die Gelegenheit, um auch sich auszuziehen. Er schlüpft aus der Hose und legt eine neue Platte auf. Das kleine Präservativ setzt er einer Nippesfigur, die neben dem Plattenspieler steht, als Hütchen auf den Kopf. Leise Tangomusik erklingt. Hermann trinkt. Schnüßchen kommt von den Kindern zurück. 

SCHNÜSSCHEN. Das Kind ist sofort wieder eingeschlafen, wie es das Parfum von seiner Mutter gerochen hat. Es hat noch das Neglige befühlt, und weg war es. Das ist eine ganz tolle Entdeckung, das müßte man jedem Babysitter weitersagen. Der Kleine hat so schön an mir gerochen, da hab ich gleich eine Gänsehaut gekriegt. Guck emal, Hermann, jetzt hab ich wieder eine. Meinst du, daß das Parfum zu meinem Hautgeruch paßt? Sie kriecht zu Hermann unter das Leintuch. 

HERMANN. Hier riecht es ganz nach dir allein. 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt hab ich wieder eine Gänsehaut. 

HERMANN. Das fühlt sich ja an wie ein Reibeisen. 

SCHNÜSSCHEN. Das ist aber kein schöner Vergleich. (Beide lachen) 

Hermann richtet sich plötzlich erschrocken auf. Er befreit seinen Kopf von dem Tuch, um besser hören zu können. 

HERMANN. Sind wir hier auch wirklich ungestört? Ich meine, die Leute können doch jeden Moment zurückkommen! Also, wenn jetzt hier jemand reinkommt. .. 

SCHNÜSSCHEN. Du kannst ganz unbesorgt sein. 

HERMANN. Ich weiß nicht. .. 

Schnüßchen lenkt seinen Blick auf ihren Körper. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, guck emal, ist das nicht schön? 

Es ist ihr gelungen, seine Angst vor den fremden Gastgebern zu zerstreuen. Er vergräbt sein Gesicht zwischen ihren Brüsten und wird von den Wellen der Begierde überrollt. Schnüßchen läft das Leintuch über sich und ihn fallen, so daß sie mit Hermann ganz in der Dunkelheit des Bettes verschwindet. 

HERMANN. Das riecht hier aber stark nach der fremden Frau! 

SCHNÜSSCHEN. Magst du das, oder magst du das net? Mit dem fremden Parfum auf der Haut bietet sich ihm eine lllusion, sie und Elisabeth auf einmal zu umarmen. Er wühlt sich in die Duftwolke. Plötzlich schlägt sie die Bettdecke wieder zurück und atmet tief durch. 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt hätt ich beinahe keine Luft mehr gekriegt. Hermann sieht sie fragend an. Sie weint fast vor Glück. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, komm! 

HERMANN. Liebst du mich? 

SCHNÜSSCHEN. Ja, Hermann. 

HERMANN. Willst du noch einen Schluck Wein? Statt des Weinglases findet Hermanns tastende Hand die Nippesfigur, auf deren Kopf das schwarze Hütchen aus Gummi sitzt. Er hält die Figur vor Schnüßchens Augen. 

SCHNÜSSCHEN. Was ist das denn? 

HERMANN. Das ist eine Zipfelmütze (beide lachen). Sollen wir das mal ausprobieren? 

SCHNÜSSCHEN. Wenn du willst. . . (beide lachen) 

Hermann hat sich die »Zipfelmütze« mit seinen Lippen von der Figur gepflückt. Schnüßchen verfolgt seine Bewegungen mit wachsender Neugier. Er stellt die Figur wieder neben den Plattenspieler: Sie stellt eine exotische Schönheit dar, die in einem Schiffchen sitzt und wie Eva einen rotbackigen kleinen Apfel in der Hand hält. Die Tangoplatte dreht sich, die Musik schwillt an. 

SCHNÜSSCHEN. Spürst du was davon? 

HERMANN. Nein, und du? 

SCHNÜSSCHEN. Nur dich. 

HERMANN. Die Musik macht mich wahnsinnig! 

SCHNÜSSCHEN. Bleib mal so, ich mach sie aus. 

Jetzt kommt Schnüßchens Fuß unter der Bettdecke heraus. Tastend finden ihre Zehen den Netzstecker. Sie ziehen daran, bis er aus der Steckdose springt. Gleichzeitig mit der Musik geht das Licht im Zimmer aus. 

813 Kleinhesseloher See 


Ein kunstvolles Feuerwerk steigt mit seinen Sternen, Goldrosetten und bunten Kaskaden in den Nachthimmel über dem Englischen Garten. Elisabeth und Rolf lassen sich in einem Ruderboot über den See treiben. Ihre barocken Phantasiekostüme, die Reflexe des Feuerwerks im Wasser, die rhythmischen Explosionen des Raketenzaubers, das alles stürzt auch Elisabeth in einen Rausch der Sinne. 

ROLF. Hoffentlich werden die Kinder nicht wach - bei dem Krach! 

ELISABETH. Ach was! 

814 Wohnung Elisabeth


Rolfs Befürchtungen waren nicht unbegründet, denn sein Sohn, der vierjährige Raoul, ist aufgewacht. Ganz ruhig steht das Kind auf, durchschreitet die Diele und öffnet die Wohnzimmertür. Hermann und Schnüßchen schrecken auf. Raoul fühlt sich sehr »erwachsen«, als er jetzt auf das Bett mit seinen beiden Babysittern zugeht, um sie genauer betrachten zu können. Der kleine Junge ist hellwach. Schnüßchen, die kennt er. Aber wer ist dieser Mann? 

RAOUL. Wer bist du?

SCHNÜSSCHEN. Das ist der Hermann. 

HERMANN. Und du? 

RAOUL. Ich bin der Raoul. 

SCHNÜSSCHEN. Raoul, geh jetzt in dein Bett, es ist spät. 

Raoul gehorcht sofort. So vernünftig, wie er hergekommen ist, so einsichtig »schreitet« er nun in sein Kinderzimmer zurück. Hermann und Schnüßchen können aufatmen. 

HERMANN. Die »Zipfelmütze« ist weg!

SCHNÜSSCHEN. Ach Gott, wo ist sie denn? 

HERMANN. Das weiß ich doch auch nicht. 

SCHNÜSSCHEN. Laß mich mal raus hier. Verdammt gefährlich, deine »Zipfelmütze« ! 

Schnell verläßt sie das Liebesbett, um ins Bad zu eilen. Draußen sind die beiden Kinderstimmen zu hören. Die Kinder meinen offenbar, Schnüßchen wäre gekommen, um mit ihnen zu spielen. Sie schickt sie aber energisch in ihre Betten. Hermann sitzt da wie ein Pascha. Er sieht sich das Zimmer noch einmal in Ruhe an. 

Schnüßchens Hand erscheint im Türspalt. Zwischen ihren Fingern der benutzte Pariser. 

SCHNÜSSCHEN. Die Suche war von Erfolg gekrönt! 

Diesem Satz folgt Schnüßchens lachendes Gesicht. Hermann steht jetzt mitten im Bett. Mit seinem Weinglas, der japanischen Decke, die er um die Hüfte geschlungen hat und dem befriedigten Feixen in seinem Gesicht sieht er im Spiegelbild einer Schranktür wie ein moderner Satyr aus. Ihm ist danach zumute, sein Spiegelbild zu verhöhnen. 

HERMANN. Nie mehr die Liebe! 

Schnüßchen versucht die aufgekratzten Kinder zu beruhigen. Dabei wird sie von einer großen Welle der Kinderliebe ergriffen. Wären die beiden Kleinen ihre eigenen Kinder, könnte sie nicht mütterlicher, nicht zärtlicher zu ihnen sein. 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt erzähle ich euch noch eine Geschichte, und wir riechen noch ein bißchen am Parfum von der Mama. Macht die Augen zu. 

Hermann vergnügt sich am Rotwein. Er feiert diesen erfolgreichen Abend. Sein Gesicht zeigt beim Trinken ein unverschämtes Grinsen. Schnüßchen kommt zurück. Sie hat einen silbernen Leuchter mit vier brennenden Kerzen mitgebracht. So steigert sie die Inszenierung dieses Abends. 

SCHNÜSSCHEN. Das hat ewig gedauert mit den Kindern. 

HERMANN. Eine wunderschöne Wohnung ist das hier! 

SCHNÜSSCHEN. Ja, Hermann, wenn du müd bist, kannst du ruhig ein bißchen schlafen.

Sie stellt den Leuchter neben das Bett. damit alles in rosenfarbenes I.icht getaucht wird. Dann legt sie sich behutsam neben Hermann, der wohlig grunzt und sich an sie schmiegt. 

815 Wohnung Elisabeth, Flur 


Rolf und Elisabeth kehren von ihrem Fest am See zurück. Sie sehen die Schuhe von Hermann und Schnüßchen, die immer noch einträchtig nebeneinander im Flur stehen. Elisabeth und Rolf kauern auf dem Dielenboden nieder. Sie sind müde und wissen nicht, ob sie sich in ihrer eigenen Wohnung frei bewegen können. 

ELISABETH. Ob wir unser Babysitter-Pärchen noch stören sollen? 

ROLF. Es ist halb drei. 

ELISABETH. Die schlafen! 

ROLF. Bist du müde? 

ELISABETH. Ja. 

Bei der Neckerei, die zwischen den beiden losgeht, öffnet sich die Tür zum »Japanzimmer« von selbst. Elisabeth erhebt sich. Rolf folgt ihr. So erreichen sie das Ehebett, in dem das fremde Pärchen selig schlummert. Elisabeth berührt Schnüßchens Wange. Davon wacht sie auf. 

SCHNÜSSCHEN. Hallo! 

ROLF. Es war ein bezauberndes Fest. 

SCHNÜSSCHEN. Ja.

Hermann spürt den Kuß, den Schnüßchen ihm auf die Wange drückt. Langsam begreift er, daß er nicht mehr mit ihr allein ist. Als er Elisabeth erkennt, richtet er sich ein wenig auf, um sich förmlich vorzustellen. 

HERMANN. Guten Abend - Simon!

ELISABETH. Angenehm.

HERMANN. Hermann Simon.

Er gibt auch Rolf die Hand. 

ROLF. Wenn ihr wollt, könnt ihr bei uns bleiben.

ELISABETH. Haben die Kinder euch in Ruhe gelasen?

HERMANN. Ja, fast!

ELISABETH. Dann war es bestimmt Raoul. Der ist wie du, Rolf: neugie- rig, selbst im Schlaf. Wissen Sie, daß ich Sie bewundere? Sie sind ein wahrer Künstler. Sie müssen mir darauf jetzt keine Antwort geben.

ROLF. Komm, wir schlafen drüben bei den Kindern!

ELISABETH. Ja. - Gut Nacht!

SCHNÜSSCHEN. Gut Nacht!

ROLF. Gut Nacht, Waltraud. Und danke für alles! Durch das Ornamentglas am oberen Ende der verschlossenen Zimmer- tür kann man noch sehen, wie Rolf und Elisabeth sich küssen. In ihren Rokoko-Kostümen sind sie in Schnüßchens Augen ein Traumpaar. Hermann ist nun auch hellwach - wie vorher die Kinder. 

HERMANN. Ich hab Herzklopfen.

SCHNÜSSCHEN. Schlaf weiter, Hermann. Ist es nicht wunderschön hier? Ich will, daß es immer so bleibt.

HERMANN. Ich bin daheim, ohne heimzugehen.

SCHNÜSSCHEN. Siehste!

HERMANN. Wie ein Kind.

SCHNÜSSCHEN. Komm bei misch, Löffelsches!

»Löffelsches« liegen, das heißt, daß Schnüßchen ihm ihren Po in den Schoß kuschelt. Sie liegen wie die Löffel in der Schublade. 

SCHNÜSSCHEN. Schläfst du, Hermann?

HERMANN. Ja.

SCHNÜSSCHEN. Gut Nacht! 

816 Orientexpreß


Der Orientexpreß rast durch die Nacht. Ein kleiner Ausschnitt aus der Fahrt von Bukarest-Nord nach Paris-Ost. Clarissa liegt im Mittelbett des Liegewagenabteils und hält im Schlaf ihren Cellokasten umklammert. Sie schläft unruhig.
817 Wohnung Elisabeth


In ihrem Traum - oder ist es Hermanns Traum? - liegt Clarissa »Löffelsches« mit Hermann. Sie wacht auf. Sie erhebt sich und hat Schnüßchens schwarzes Neglige an. So steht sie in Hermanns Bett. Er ist nun auch aufgewacht. Ganz deutlich sieht er sie im dunklen »Japanzimmer« stehen. Nun geht sie zu dem Spiegelschrank, in dem er sich vorher als Sat,vr gesehen hat. Sie dreht sich noch einmal zu ihm um und hält den Finger vor ihre Lippen. Sie gebietet ihm zu schweigen. Daraufhin geht sie in den Spiegel hinein. Sie tauscht sich gegen ihr Spiegelbild aus. Auf diese Weise verschwindet sie aus Hermanns Traum. Als er sich in die Kissen zurückfallen läßt, ist da wieder nur Schnüßchen. Er schläft sofort ein. 
818 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


In seinem nächsten Traum ist es Winter. Auf der »Fuchsbau«-Terrasse liegt hoher Schnee. Er sitzt an seinem Schreibtisch und komponiert. Auf Notenpapier schreibt er einen Text, der so schnell entsteht wie seine Gedanken. 

HERMANN. »Liebe Clarissa, ich habe gerade von dir geträumt. . .« 

Da steht Clarissa plötzlich hinter ihm. Sie trägt den roten Pullover vom Weihnachtsabend. Auch ihre Haare sind noch so kurz wie damals. 

CLARISSA (im Traum). Dreh dich um! 

HERMANN (im Traum). Hast du mir die ganze Zeit über die Schulter geguckt?

CLARISSA (im Traum). Ich habe geträumt, daß ich dich besuche. 

Er fragt sich, ob er nicht doch wach ist. Er öffnet die Augen: Ja, da liegt Schnüßchen neben ihm. Sie lebt, atmet, ist real. Er betastet ihre Schulter. Dann schläft er wieder ein. 

819 Musikhochschule


In der marmornen Treppenhalle der Musikhochschule schneit es. Große Schneeflocken rieseln auf Clarissa herab, die mit ihrem Cello am Fuß der Freitreppe steht und auf Hermann wartet. Sie ruft seinen Namen. Aber kein hörbarer Laut kommt aus ihrer Kehle. Noch einmal ruft sie: unhörbar. Da erhebt er sich hinter ihr. Im Schneetreiben sieht er sie an. Er öffnet den Mund: Er spricht zu ihr. 

HERMANN (im Traum). Ich habe gerade von dir geträumt. Jetzt freue ich mich, deine Stimme zu hören. .. 

820 »Japanzimmer« /Orientexpreß


Hermann schläft in Schnüßchens Umklammerung. Clarissa schläft im Zug und umklammert ihr Cello. 
821 Rosenheim, Arztpraxis


Clarissa betritt im Traum noch einmal die Kellerpraxis des Rosenheimer Abtreibungsarztes. Sie ist in großer Not. Sie zeigt dem Arzt die F-Löcher, die sie wie ein Stigma auf ihrer Rückenhaut trägt. Sie möchte, daß der Art diese Zeichen zunäht. Der makabre Doktor lacht und hustet. 

CLARISSA (im Traum). Herr Doktor, bitte. . . 

ARZT (im Traum). So, entspannen Sie sich. 

Mit einer primitiven Schusternadel und einem groben Faden näht der Arzt nun die F-Löcher zu. Die Operation ist so scheußlich wie die Fratze des Arztes. Am Ende hält er wie ein Friseur einen Spiegel hin, damit Clarissa sein Werk begutachten kann. 

ARZT (im Traum). Gut so? 

822 Paris, Gare de l'Est


Der Orientexpreß fährt in Paris ein. Clarissa wacht auf. Der helle Tag empfängt ihre verstörten Augen. Sie orientiert sich: Da steht ein Mann, der im Liegewagen mitgereist ist und sie nun angrinst. 

REISENDER. Bonjour! 

CLARISSA. Bonjour!

REISENDER. Avez-vous bien dormis? 

CLARISSA. OUi, mais j'ai trop reve.

REISENDER. Oh, was man in der ersten Nacht träumt, das geht immer in Erfüllung! 

823 Paris, Straß

Clarissa ist angekommen. Sie überquert den Platz vor dem Pariser Ostbahnhof, der zu dieser frühen Morgenstunde noch menschenleer ist. Sie findet den Eingang zur Metro. Mit müden Bewegungen trägt sie ihren Cellokasten die Stufen hinunter. Sie kommt zu einem prächtigen Mietshaus, in dem es eine Atelierwohnung gibt, die Evelyne und ihrem afrikanischen Freund gehört. 
824 Atelierwohnung, Paris


Evelyne und ihr Freund sind verreist. Clarissa hat sich bis aufs Hemd ausgezogen. So sitzt sie zwischen all den afrikanischen Andenken: Statuen, Tierfelle, großgemusterte Decken und urwaldartige Zimmerpflanzen. Sie improvisiert auf ihrem Cello. Elemente des »Wölfelieds«, das Hermann für sie komponiert hat, tauchen in ihrer Improvisation auf. Ihre Stimme geht in schmerzliches Schluchzen und Heulen über. 

CLARISSA (singt).». . . und sie hatten sich nicht. Und sie waren zärtlich zueinander die Wölfe, die Wölfe. « 

825 München, Straße vor Villa Cerphal


Der Sightseeing-Bus ist wieder einmal mit einer Gruppe amerikanischer Touristen gefüllt, und Schnüßchen tut in ihrem blauen Stewardessenkostüm Dienst. Der Bus fährt durch die engen Straßen des Villenviertels. Vor dem »Fuchsbau« kommt er zum Stehen. Schnüßchen nimmt das Mikrofon in die Hand. 

SCHNÜSSCHEN. Schwabing is a center of young artists in Munich, composers and so on. Here you see one of those typical houses. Schwa- bing ist not a district but a condition - »Schwabing ist kein Stadtteil, sondern ein Zustand«, as we say in Bavarian German. Schnüßchen spürt, daß sie ihre Touristen im Griff hat. Sie hat inzwischen Routine in ihrem Job bekommen. Sie wendet sich an den Busfahrer, der wissen will, warum hier angehalten worden ist. 

SCHNÜSSCHEN. Herr Staller, ich muß da mal kurz rein. . . 

HERR STALLER. Und was machet mer, wenn die Leut alle aussteige wollet? 

SCHNÜSSCHEN. Da lasse mer sie eben aussteige. 

826 Villa Cerphal


Frau Ries hat den Bus vor dem Haus ankommen sehen, während sie auf der Galerie ihre Blumen gießt. Sie sieht nach Schnüßchen, die aus dem Bus steigt und auf das Grundstück gelaufen kommt. Frau Ries kennt diese unerwarteten Besuche im Haus. 

HERMANN. Seit fast drei Jahren wohnte ich in Fräulein Cerphals Villa. Ich war damit zum Mittelpunkt des Freundeskreises geworden, oder besser gesagt: Ich lebte im Mittelpunkt und verwaltete den »Fuchs- bau«. Ich hatte mich auch längst an diesen Lebensrhythmus ge- wöhnt. Nachts das Kommen und Gehen der Freunde, die Diskussio- nen über Kunst, Politik, Musik, Umsturz der Gesellschaftsordnung und tags diese müde Ruhe, diese Atmosphäre von Nachmittagsschlaf, den ich regelmäßig störte durch meine Kompositionsarbeit und meine Experimente am Klavier. Ich wargefangen in diesem Tagesablauf und fand dennoch keinen Grund zu fliehen. Immer war ich geflohen, aber diesmal - vielleicht gefiel es mir sogar, gefangen zu sein . . . 

Schnüßchen hat beim Betreten des Hauses sein Klavierspiel gehört und gemerkt, daß Hermann bei der Arbeit ist. Sie öffnet leise die Tür zu 

seinem Zimmer, um vom Eingang her eine Weile genießen zu können, wie ihr Freund sich in die Tasten wirft, wilde Tonfolgen und Akkorde ausprobiert, die er dann sofort auf ein Notenblatt schreibt. Er ist völlig vertieft. Schnüßchen wartet, bis eine Pause in seiner Musik eintritt, und hält ihm dann mit ihren Händen beide Augen zu. Er erschrickt. 

HERMANN. Wer ist das?

SCHNÜSSCHEN. Rat einmal. . . 

HERMANN Schnüßchen! Was machst du denn hier? 

SCHNÜSSCHEN. Trick siebzehn: Ich hab mir einen ganz besonderen Gag einfallen lassen. Draußen steht mein Bus. Hermann, ich muß unbedingt was mit dir besprechen. 

Die amerikanischen Touristen sind nicht im Bus sitzen geblieben, sondern um die Villa herumgegangen und dringen jetzt durch die Hintertür in Hermanns Zimmer ein. Im Nu füllt sich der Raum mit Menschen, die alles betasten, begaffen und dann wild durcheinanderplappern. Schnüßchen versucht die Reisegruppe wieder einzufangen. 

SCHNÜSSCHEN. This house ist called the fox-earth. If a hunter wants to hunt a fox, he must set his dogs at all entrances at the same time. Otherwise the game will escape. This is the philosophy of foxhunting. Do you understand, what I mean? Come with me outside and I show you . . . 

Frau Ries versteht nicht, was diese Leute hier wollen und warum die schöpferische Nachmittagsruhe so jäh unterbrochen worden ist. 

FRAU RIES. Sind das alles Freunde von Ihnen, Herr Simon? 

HERMANN. Freunde, ja, alles Verwandte! 

FRAU RIES. Verwandte? 

HERMANN. Ach Gott, wenn ich das nur wüßte. 

Schnüßchen führt die Touristen durch die geräumige Diele. 

SCHNÜSSCHEN . . . well, even artists have to work and so we better leave now. . . 

Da taucht Fräulein Cerphal oben auf der Galerie auf. Der Lärm hat auch sie aus der Ruhe geschreckt. Schnüßchen ist ein wenig erschrocken, als sie die Cerphal kommen sieht. Sie versucht sich zu entschuldigen. 

SCHNÜSSCHEN. Ah, hallo, das sind Amerikaner aus Wyoming. . . 

Fräulein Cerphal mischt sich in Schnüßchens Fremdenführung ein und übernimmt die Instruktion der Besucher auf ihre Art. 

FRÄULEIN CERPHAL. Nice to see you, yes, you know, ladies and gendemen, this house is a historical house. So, you know Schwabing, Schwabing is a Dorf, nicht wahr, a country, exactly like GreenwichVillage. Damals, Schwabing was finished at the Siegestor, you know. And this quarter was the quarter for intellectuals and writers and painters and artists and, you know, Feuchtwanger was here, yes, yes, and please, Brecht. Brecht, you know him also in America. 

Einer möchte wissen, ob Hitler ebenfalls in diesem Haus gewesen sei. 

FRÄULEIN CERPHAL. No, no, Hitler was not here. He was here, but not here. Come on, please. . . 

Die Cerphal führt ihre vielen Gäste hinaus in den Garten. Dort erzählt sie weiter vom alten Schwabing, von den Dichtern und Denkern, die hier ein und aus gegangen sein sollen. Die Amerikaner sind begeistert. Schnüßchen findet einen ruhigen Moment, um mit Hermann zu sprechen. 

HERMANN. Ja, aber ich muß arbeiten. Du weißt, daß man hier nachts nie in Ruhe gelassen wird. Ich muß tagsüber arbeiten. So eine Störung, das kostet mich einen ganzen halben Tag Arbeit. 

SCHNÜSSCHEN. Deswegen habe ich doch auch nach der Zweizimmerwohnung gesucht. Hermann, stell dir mal vor, du bist aus dem Trubel hier raus! Das wär doch ein ganz anderes Leben, und du könntest endlich emal richtisch schaffe! 

HERMANN. Gut. 

SCHNÜSSCHEN. Frau Ries, das ist eine Ausnahme, das soll nicht mehr vorkommen. Aber ich mußte dem Herrn Simon noch was ganz Wichtiges sagen. 

FRAU RIES. Ja, dann is ja gut. 

Noch einmal gelingt es Schnüßchen, Hermann von der Arbeit fernzuhalten. Sie lockt ihn zur Haustür. 

HERMANN. Was ist denn noch? 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, komm, sei so gut und geh heut abend mit mir zu der Hausverwaltung. Ich habe uns für fünf Uhr angemeldet. Das ist nicht weit vom Bahnhof. Du mußt mit mir kommen, denn die wollen nämlich nur ein Ehepaar als Mieter haben. 

HERMANN. Aber wir sind doch gar nicht verheiratet. 

SCHNÜSSCHEN. Ach, das mußt du nicht so wörtlich nehmen. Wir sagen einfach, daß wir - ich meine, die sehen uns doch nicht an, daß wir nur Verliebte sind. 

HERMANN. Was hast du mir da erzählt? Hundertachtzig Mark, das ist ja fast geschenkt! Ich zahle ja hier schon hundert. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, ich bin so glücklich! Ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren bei der Arbeit. Geht dir das auch so? Weil ich immer an dich denken muß. 

Frau Ries, die so tut, als ob sie hinter den Touristen und Fräulein Cerphal hersähe, hat den Dialog gehört. Ein wissendes Lächeln huscht über ihr Gesicht. 

FRAU RTES. Verliebt, verlobt, verheiratet. 

Die Cerphal kommt jetzt zurück. Sie schüttelt den Kopf. Dieser Besuch hat bei ihr Träume geweckt. waren Sie schon einmal in Amerika?

HERMANN. Nein.

FRÄULEIN CERPHAL. Schade. Gerold! Haben wir schon Pläne? 

Schon wieder ruft sie nach ihrem immer dienstbereiten Herrn Gattinger, der sich aber nicht blicken läßt. 

827 Straße Nähe Bahnhof

Um fünf Uhr wartet Hermann an der verabredeten Stelle gegenüber dem Justizpalast. Schnüßchen scheint sich zu verspäten. Straßenbahnen kommen an, fahren weg, ohne daß sie aussteigt. Da entdeckt Hermann die Freundin, die sich ein bescheidenes Röckchen mit Bluse und Strickjäckchen angezogen hat. Er eilt ihr entgegen. 
828 Büro des Immobilienmaklers


Das Büro des Häusermaklers ist ganz mit Edelholz vertäfelt. Das Gebäude scheint zwar ein Neubau zu sein, aber mit der Inneneinrich-tung wird Tradition vorgetäuscht. Hermann und Schnüßchen sitzen wie zwei Schüler da, die zum Schuldirektor gerufen worden sind. Sie sitzen auf dem Plüschsofa und wagen es kaum, sich zu rühren. Statt des Seniorchefs betritt ein großer Dalmatiner das Büro. Er läuft zu einem Schreibtisch, wo der Juniorchef Briefe unterschreibt. Der Hund erhält einen Hundekeks, der auf der Schreibtischplatte serviert wird. Hermann und Schnüßchen unterdrücken ihr Lachen. Da kommt der Senior herein. Er liest in einer Vertragsakte, die er seinem Sohn bringt, ohne das junge Paar auf seiner Wartecouch zu beachten. Schnüßchens freundliche Miene zerfällt wieder, weil sie nicht bemerkt wird. Der Seniorchef geht schweigend auf und ab. Der Vertrag in seiner Unterschriftsmappe scheint ihn zu überfordern. Jetzt erst würdigt der Junior Hermann eines Blickes. 

JUNlOR. Und Sie sind also der Ehemann, Herr . . .

SCHNÜSSCHEN . . . der zukünftige Ehemann.

JUNTOR. Aha.

HERMANN. Simon, Hermann Simon.

JUNTOR. Darf ich nach Ihrem Beruf fragen, nach Ihrem Einkommen?

HERMANN. Ich bin Musiker! Wieder scheint das Interesse an dem Paar erloschen zu sein, denn der 

Senior legt dem Junior nun den Vertrag zur Unterschrift vor. Schnüßchen fürchtet, daß sich Teile dieser zerstückelten Konversation in der Meinung des Juniors falsch zusammenreimen und daß er sie deswegen als Mieter ablehnen wird. 

SCHNÜSSCHEN. Also, das ist zu allgemein! Mein Bräutigam ist Komponist. Das heißt, er hat zwar alle Instrumente studiert, weil das nämlich so vorgeschrieben ist, aber er spielt sie nicht selbst. Er ist sozusagen kein ausführender Musiker, wie man vielleicht denken könnte. Er entwickelt die Musik in seinem Kopf. Komponieren, das ist ein Beruf, der keinen Lärm macht. Verstehen Sie? Sie haben vielleicht mal gehört, was das absolute Gehör ist. 

SENlOR. Ja, das ist, wenn man alles gleich mitsingen kann, stimmt's? 

Hermann sind die Äußerungen seiner unmusikalischen Freundin peinlich. Er kann sich nicht vorstellen, daß ein Wohnungsgeschäft auf so unseriöse Weise zustande kommt. 

HERMANN. Ja, nein. Mit Singen hat das eigentlich weniger zu tun. Aber ich könnte Ihnen das erklären.

SENlOR. Also, auf dem Gebiet bin ich Laie. Wissen Sie, mein Sohn und ich, unsere ganze Familie ist eigentlich unmusikalisch. Und singen können wir erst recht nicht (er lacht). Wir krächzen wie die Raben. 

Schnüßchen hat sich das Krächzen und die Raben so deutlich vorgestellt, daß sie herzlich lachen muß. Der Senior kommt auf die beiden zu und setzt sich ihnen gegenüber. 

SENIOR. Stammen Sie aus einer Musikerfamilie?

HERMANN. Nein. Das sind eher die Solisten, die Interpreten, die Geiger, die Pianisten, das sind oft Musikerkinder. Die leben von Kindesbeinen an in der musikalischen Tradition. Bei uns Komponisten ist das oft anders. Wir sind gerade oft keine Musikerkinder und können deswegen auch viel leichter mit den musikalischen Traditionen brechen.

SCHNÜSSCHEN. Haben Sie vielleicht etwas über das Konzert gelesen, das mein Mann, ich meine, mein Bräutigam, im letzten Winter im Goethesaal gegeben hat? Lesen Sie vielleicht den Münchener Merkur?

Schnüßchen hat instinktiv die Tonlage gefunden, auf die der Makler reagiert. Er sieht sie zunehmend freundlich an und geht schließlich zu seinem immer noch unwilligen Sohn, um ihn in geflüstertem Ton etwas zu fragen. 

SENlOR. Sag mal, wir kriegen doch im Juli was frei.

JUNlOR. Hat denn dieser Beruf auch Zukunft?

HERMANN. Ja.

SCHNÜSSCHEN. Also, um unsere Zukunft mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Ich muß zwar im Moment noch etwas hinzuverdienen, aber wir sind ja noch jung.

JUNIOR. Als was arbeiten Sie denn?

SCHNÜSSCHEN. Ich, ich bin Reiseleiterin.

JUNlOR. Aber da sind Sie doch oft monatelang auf Reisen, stimmt's?

SCHNÜSSCHEN. Also, das werde ich schon zu verhindern wissen, weil ich meinen Mann doch sehr liebe. 

Diese Äußerung scheint den Senior an sein eigenes Familienleben zu erinnern. 

SENlOR. Lieben Sie Kinder? 

Die Antwort erfordert Geistesgegenwart. Schnüßchen hat keine Zeit, sich ihre Antwort zu überlegen. Deswegen verheddert sie sich bei dem Wort »Liebe«. 

SCHNÜSSCHEN. Ja, die Kinder anderer Leute, die li-li-liebe ich sehr.

JUNIOR. Herr Simon, wir würden doch gerne wissen, ob Sie mit einem festen Einkommen rechnen können. Das ist für uns nämlich wichtig. Wir wünschen uns solvente Dauermieter und wollen einen langfristigen Mietvertrag abschließen.

HERMANN. Feste Anstellungen sind für uns Komponisten selten, aber das lieben wir auch gar nicht, wir arbeiten lieber frei. Aber es gibt sehr potente Auftraggeber. Die Rundfunkanstalten kommen da in Frage. Sie kennen doch sicher den Südwestfunk. Der ist im Bereich der Neuen Musik sehr aktiv, auch der WDR, der Sender Freies Berlin, der Bayerische Rundfunk hin und wieder, nicht so oft. Aber es gibt dann auch die Opernhäuser, die Städtischen Orchester. Es gibt auch freie Orchester. Man darf auch natürlich den ganzen Bereich der Schallplattenindustrie nicht vergessen, die Film- und Fernsehbranche, der Werbebereich, wenn man das will.

SENIOR. Das klingt ja großartig! Hast du das gewußt, Georg? 

Der Junior sieht fast beleidigt aus. Er spürt, daß sich sein Vater gegen ihn entscheidet. 

SENIOR. Aber sind Sie nicht für all das noch ein bißchen zu jung?

HERMANN. Ich bin vierundzwanzig. Mozart und Schubert waren in meinem Alter schon Genies.

SENIOR. Ja, aber arm und nicht in der Lage, ihre Miete zu bezahlen. Aber das ist ja heute alles ganz anders, im Zeitalter der Vollbeschäftigung. Wann soll denn die Hochzeit sein? Haben Sie das Aufgebot schon bestellt? 

Der freundliche Herr hat, ohne es zu wollen, die zweite Fangfrage gestellt. Schnüßchen gibt sich schüchtern und naiv. 

SCHNÜSSCHEN. Seit heute. . .

JUNIOR. Bringen Sie uns den Nachweis der Eheschließung. Es genügt eine Kopie des Aufgebots vom Standesamt.

SENlOR. Wir werden uns dann positiv entscheiden.

JUNlOR. Und, Frau Schneider, darum muß ich Sie natürlich auch noch bitten, Ihren letzten Gehaltsstreifen.

SCHNÜSSCHEN. Ja. 

Der Junior geht zu einer Tür, die durch die Holzvertäfelung zum Vorzimmer führt. Die Sekretärin, eine Blondine mit Brille, nimmt die Vertragsmappe von ihm in Empfang. 

JUNIOR. Machen Sie das fertig? Die Kaution beträgt fünfzehnhundert Mark. Bringen Sie denn so viel auf?

SCHNÜSSCHEN. Ja. Und wann können wir einziehen?

JUNIOR. Am I. Juli, vorher geht es nicht.

SENIOR. Tja, dann wünsche ich Ihnen noch viel Glück für Ihre junge Ehe! 

SCHNÜSSCHEN. Danke.

SENlOR. Ich beneide Sie, Tatsache! 

Hermann und Schnüßchen werden mit Handschlag verabschiedet und zur Tür geführt. Der Junior vergräbt sich in seinen Papieren. Er will seine Niederlage nicht eingestehen. Der Papa aber ist von Schnüßchen begeistert. Nur der Dalmatiner scheint dem Junior völlig ergeben zu sein. Auf den Hinterläufen balancierend, bettelt er um den nächsten Hundekeks. 

829 Treppenhaus des Immobilienmaklers


Auf dem Weg zum Aufzug sind Hermann und Schnüßchen außer sich vor Freude über den gelungenen Coup. Schnüßchens Vermutung, daß nur ein junges Ehepaar die Wohnung erhalten wird, hat sich bestätigt. 

SCHNÜSSCHEN. Darf ich Sie zum Essen einladen, »Herr Bräutigam« ?

HERMANN. Sind Sie wahnsinnig, »Frau Reiseleiterin« ?

SCHNÜSSCHEN. Warum denn net? Ich bin doch Großverdienerin.

HERMANN. Dann muß ich aber erst » den letzten Gehaltsstreifen sehen. « 

Da es den fröhlichen Siegern zu lange dauert, bis der Aufzug kommt, kehren Sie um und laufen die Treppe des Bürohauses zu Fuß hinunter. 

830 Schlemmerlokal


Schnüßchen hat es gewagt, mit Hermann in eins der nobelsten Restaurants der Stadt zu gehen. Zur Feier des Tages haben die beiden sich feingemacht. Sie sitzen zwischen den illustren Gästen und wagen es kaum, sich umzuschauen in diesem Raum, der reich dekoriert ist mit Blumengestecken, Wandschmuck und Kerzenleuchtern. Soeben wird der Nachtisch serviert. Er besteht aus einer winzigen Farbkomposition mit einer Erdbeere, ein wenig Speiseeis, Fruchtsoße und einem halben Ananasring. Die Portion füllt kaum einen Löffel. 

HERMANN. Sage mal, bist du satt geworden? 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, so ein feines Essen, das ist nicht nur, um satt zu werden! 

HERMANN. Also, ich habe jetzt richtig Hunger. Na ja, die Portionen sind aber auch wirklich klein. Die müssen sich ja hier dumm und dämlich verdienen, wenn die einem nix auf den Teller geben. 

SCHNÜSSCHEN. Also, satt bin ich auch nicht gerade. Aber es ist doch so schön hier. Komm, wir trinken noch. 

Eine reiche Dame kommt mit einem Hund herein, der noch vornehmer ist als die übrigen Gäste. Der Kellner gießt Hermann demonstrativ den letzten Tropfen Wein ein. 

SCHNÜSSCHEN. Ich möchte zahlen, bitte.

HERMANN. Wollen wir denn schon gehen? 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, wenn du so einen Hunger hast, dann gehen wir jetzt. 

831 Villa Cerphal,Terrassenzimmer


Zu Hause im »Fuchsbau« haben Hermann und Schnüßchen sich noch ein paar ordentliche Quarkbrote geschmiert, um nicht hungrig einschlafen zu müssen. Hermann ißt, als hätte er seit Tagen nichts bekommen. 

HERMANN. Endlich was Richtiges zwischen den Zähnen.

SCHNÜSSCHEN. Hermann, ich mache mir Sorgen!

HERMANN. Ausgerechnet jetzt! 

Hermann macht Faxen. Er knabbert an Schnüßchens nackten Füßen herum, er schmust mit ihren Brüsten und wälzt sich auf dem Bett. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, in dir is ebbes, was ich nur ahn, aber net begreife. Du bist bei mir ganz anders als bei deinen Freunden.

HERMANN. Wie bin ich denn?

SCHNÜSSCHEN. Du bist bei mir ganz unkompliziert! Du lachst und schwätzt und beißt mir in die Füß.

HERMANN. Es geht mir eben gut bei dir. 

Hermann, der von allen unbeantworteten Fragen ablenken will, die dieser Tag aufgeworfen hat, wälzt sich nun vor Schnüßchens Füßen auf dem Teppich umher, kriecht unter das Bett, um dann wieder aufzuspringen, auf den Stuhl zu steigen und vor ihren Augen den schwierigen Künstler zu mimen. 

SCHNÜSSCHEN. Nä, Hermann, in dir is ebbes, dat willst du mir net zeigen. Oder eisch han kei Antenn. Vielleicht bin ich auch zu dumm für disch.

HERMANN. Ach, Schnüßchen! Gut, dann erkläre ich dir eben, wie ich bin: Ich quäle mich gern selber. Aber ich will mich jetzt gar nicht quälen. Ich stehe gern als der Schwierige da und liebe es, wenn die Leute mich als das Orakel von Delphi ansehen. Traurig, wirklich traurig! Ich leide, und keiner versteht mich. Aber dir kann ich eben nichts vormachen.

SCHNÜSSCHEN. Ach Hermann, du bist schon ein komischer Kerl. Aber ich hab dich sehr, sehr lieb!

Er setzt sich ans Klavier. Das Stück, das er improvisiert, ist eine Mischung aus unterhaltsamen Harmonien und melancholisch-zerdehnten Themenanfängen. Alles ist unausgeführt- kaum begonnen, schon beendet. Schnüßchen ist dem Weinen nahe. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, was ich mir wünsche? Daß du mir mal ebbes auf'm Klavier vorspielst, ganz allein für mich. Das han ich mir schon immer gewünscht. 

Sein Klavierstück ist wirklich nicht für sie bestimmt. Es ist der Ausdruck seiner inneren Quälereien. Plötzlich unterbricht er sich. 

HERMANN. Und wenn wir das wirklich machen ?

SCHNÜSSCHEN. Was machen?

HERMANN. Heiraten.

SCHNÜSSCHEN. Hermann, Lieber, was sagst du da? 

Schnüßchen richtet sich auf. Sie ist wieder hellwach. Seine Stirn zeigt zwei tiefe, senkrechte Falten. Die Szene hält den Atem an. 

HERMANN. Ich habe oft darüber nachgedacht, was es bedeutet, einen Gedanken auszusprechen. Ein ganz und gar unfaßbares, unwirkliches Gebilde: ein Gedanke! Ausgesprochen aber verwandelt er sich in Realität. 

832 Autobahn


Es ist der 22. Juli 1964. Auf der Autobahn, mitten im dichten Verkehr, nähert sich ein weißer Karman-Ghia, ein Auto mit einer Simmerner Nummer. Oben, auf dem Dachgepäckträger türmt sich ein Aufbau wie bei den jugoslawischen Industriearbeitern, wenn sie in den Sommerferien ihre Familien zu Hause besuchen: ein Kühlschrank, Koffer und Kisten, so daß dieses kleine Auto nur langsam vorankommt. Es wird gerade von einem riesigen Lkw überholt. Im Innern des Autos sitzen Tante Pauline, die Uhrmacherwitwe aus Simmern, Marie-Goot, Hermanns Verwandte aus Schabbach und Jacquelinchen, Paulines dreizehniährige Enkelin. Pauline lenkt den Wagen. Sie ist verärgert. 

PAULINE. Jedesmal fällt mir das Herz in den Schuh, wenn so ein hausgroß Monstrum vorbeiwill. 

Der Lkw fährt durch eine Pfütze, wodurch eine Ladung Schmutzwasser aufgewirbelt wird und Paulines Windschutzscheibe verdunkelt. 

PAULINE. Ach nä, jetzt spritzt er uns auch noch an! Nä, so ebbes! Da sollte man sich richtig die Nummer aufschreiben.

MARIE-GOOT. Do haste recht!

PAULINE. Uns Robertschen hat ja neulich so einen angezeigt.

MARIE-GOOT. Ja?

PAULINE. Ja. Direkt hinter der Autobahn is er ans Telefon gegange und hat die Nummer durchgegebe.

MARIE-GOOT. Dat war richtisch.

PAULINE. Marie-Goot, weißt du, wat die bei der Polizei gesagt han?

MARIE-GOOT. Nä?

PAULINE. Es wär ihm doch kei Schade entstande!

MARIE-GOOT.So ebbes!

PAULiNE. Als ob die Nerve kei Schade wäre.

MARIE-GOOT. Do haste recht.

PAULINE. Dat kost einen doch sämtlische Nerve mit dene Raudies. Aber die stecke ja all unner einer Deck! So, und jetzt ham'mers bald geschafft.

MARIE-GOOT. Wie lang sin wir denn jetzt eigentlisch unnerwegs? Jacquelinsche, rechne du emal nach! Um Viertel vor vier sin mer fortgefahre heut morge. Um siebe ham'mer getankt, dat war aber schon hinner Frankfurt, im Spessart. Weeßte, da war mer noch im Wald. . .

JACQUELINCHEN. Ei, eisch muß noch mal.

PAULINE. Ruhig, das hältste jetzt aus, bis wir in München sma. uas wär ja gelacht, wenn wir jetzt noch anhalten täten. Ei, isch muß auch schon noch emal, aber bis Münsche halte wir dat jetzt aus, das ist ja net mehr weit. Ei, Marie-Goot, was biste denn so still?

JACQUELINCHEN. Oma, ich glaub, die Marie-Goot muß kotzen! 

Pauline lenkt den Wagen auf einen Parkplatz. 

833 Autobahn, Parkplatz


Marie-Goot und Jacquelinchen haben sich in die Büsche geschlagen. Hier, zwischen Dornenhecken und den Ausscheidungen der anderen Autofahrer, entleeren sie ihre Blasen. Marie-Goot geht es schon wieder besser, was sich darin ausdrückt, daß ihre ganze Hunsrücker Geschwätzigkeit wiederkehrt. 

MARIE-GOOT. Nä, nä, so weit war isch noch nie fort von daheim. Sag mal, Jacquelinsche, wie weit sin mer denn jetzt eigentlisch gefahre? Sechs Stunde? Also, ich sin müd für zehn Stunde. Und dann noch die ganz Hochzeit. Und um elf solln mer auf dem Standesamt sein. Und umziehe müsse wir uns noch. Pauline, was mach isch denn nur, wenn isch net durchhalte? 

PAULINE. Ach, Marie-Goot, da halte mer durch, da wird einfach durchgehalte! Du kannst doch den Hermann net blamiere, vor all seine Freunde. Wat muß der Hermann auch grad an so 'nem Tag heiraten, wo et so warm is! Hätt er net warte könne bis September? Da hätte mer gleisch am nächste Tag weiterfahre könne bis an de Gardasee. Dat ist jetzt gar net mehr weit, Marie-Goot, nur noch grad über die Alpe! 

MARTE-GOOT. Da vertu disch mal net, Pauline! Da liegt noch Österreich dazwische und Tirol und der ganze Brennerpaß. 

PAULINE. Marie-Goot, hast du denn überhaupt an unsere Seidenblusen gedacht? 

MARIE-GOOT. Ei, allemal han isch die engepackt, Pauline. Die sin hier in dem Koffer drin. 

PAULINE. Ohne die wäre wir ja aufgeschmiß, und Münsche ist groß! 

JACQUELINCHEN. Noch größer wie Kirchberg und Simmern zusammen? 

MARIE-GOOT. Ei, allemal, Jacquelinsche, viel größer! Mindestens ein dutzendmal so groß. 

PAULINE. Ob mer überhaupt die Straß finde, wo der Hermann wohnt? 

Die Fahrt im überladenen Auto geht weiter. Jacquelinchen ißt dabei den Erdbeerkorb leer, den Marie-Goot eigentlich als Hochzeitsgeschenk für Hermann und seine Braut vorgesehen hatte. 

834 Standesamt


Im Warteraum des Schwabinger Standesamts hat sich ein kleiner Kreis von Freunden versammelt. Alex und Olga als Trauzeugen, Fräulein Cerphal und Herr Gattinger als Ersatz für die fehlenden Eltern, Schnüßchens Freundin Elisabeth als Fotografin, die alle Ereignisse der Reihe nach dokumentiert, Elisabeths Kinder und ihr Mann Rolf. Die Standesbeamtin öffnet die Flügeltüren zum eigentlichen Trauungszimmer. Man hört noch die Harmoniumklänge von der vorausgegangenen Trauung. 

ANGESTELLTE. Das Brautpaar Simon-Schneider bitte! 

SCHNÜSSCHEN. Das sind wir!

HERMANN. Ach, jawohl, da sind wir!

ANGESTELLTE. Das Brautpaar in die erste Reihe bitte, die Zeugen rechts und links. 

Der Hausorganist klappt den Harmoniumdeckel zu und erhebt sich. Die Standesbeamtin beobachtet, wie die Hochzeitsgesellschaft in den Stuhlreihen Platz nimmt. Der Standesbeamte scheint noch nicht im Dienst zu sein. Er liest Zeitung. Nach einem Blickwechsel mit dem Organisten wendet sich die Zeremonienbeamtin an Hermann. 

ANGESTELLTE. Ist es richtig, daß Sie keine Musik bestellt haben ? 

HERMANN. Ja, das ist richtig!

ANGESTELLTE. Dann kann ich den Harmoniumspieler jetzt wegschikken ?

HERMANN. Ja.

ANGESTELLTE. Er kostet aber nur zwanzig Mark, dann wird er natürlich dableiben.

HERMANN. Das ist mir bekannt!

ANGESTELLTE. Dann wird er jetzt also gehen. 

HERMANN. Ja. 

Schnüßchen ist nach dieser Unterhaltung traurig geworden. Sie sieht sich nach den Freunden um, die ebenfalls erstaunt sind über Hermanns Härte in der Musikfrage. 

SCHNÜSSCHEN. Ach, Hermann, wollen wir nicht lieber doch mit Musik heiraten ?

HERMANN. Aber wir haben das doch so besprochen!

ANGESTELLTE. Was denn nun, mit Musik oder ohne?

HERMANN. Ohne.

ALEX. Das wird dir aber als Banausentum ausgelegt werden.

HERMANN. Ich bin doch nur gegen diese Geschäftsmethoden.

FRÄULEIN CERPHAL (mischt sich ein). Hermann, warum sind Sie denn so hart? Der Mann hatte vielleicht auch einmal Träume - als Musi- kus!

HERMANN. Was soll ich denn machen?

FRÄULEIN CERPHAL. Ich möchte Sie gern einladen, darf ich?

SCHNÜSSCHEN. Dankeschön, Fräulein Cerphal!

Die Cerphal winkt die Beamtin heran. 

FRÄULEIN CERPHAL. Doch Musik!

ANGESTELLTE. Das hätten Sie sich aber wirklich früher überlegen kön- nen.

Herr Gattinger, wie immer fürs Finanzielle zuständig, und die Cerphal versammeln sich in der Ecke mit dem Organisten. Es beginnt eine leise Verhandlung über die Musikbegleitung. 

ORGANIST. Was wollen Sie denn hören?

FRÄULEIN CERPHAL. Den Hochzeitsmarsch oder so was ähnliches?

ORGANIST. Gut, also, der Wagner kostet achtzehnfünfzig und der Mendelssohn zweiundvierzigfünfzig.

GATTINGER. Warum ist denn der Mendelssohn so teuer?

ORGANIST. Ja, der ist dauernd im Fortissimo, verstehen Sie, da muß man andauernd pumpen.

FRÄULEIN CERPHAL. Und was haben Sie noch?

ORGANIST. Das Largo von Händel, sehr günstig. .

GATTINGER. Nein, also, das spielt man bei jeder Beerdigung.

ORGANIST. Das kann ich - ehrlich gesagt - auch nicht empfehlen.

FRÄULEIN CERPHAL. Und dieses Stück hier: »Mit Musik in den Ehestand« ? Das ist doch schön!

ORGANIST. Das kann ich auch nicht empfehlen.

FRÄULEIN CERPHAL. Und was ist das für dreißig Mark?

ORGANIST. Der »Liebestraum« von Liszt. Aber da brauche ich schon ein Publikum mit Verständnis.

FRÄULEIN CERPHAL. Und was ist das Teuerste?

ORGANIST. Das Beste, was ich Ihnen bieten kann, das wäre mein universeller »Hochzeits-Kompaktmarsch«. Nach Wagner, mit Mendelssohn-Einlage, und »Tristan«-Vorspiel. 

Der Organist zelebriert seinen »universellen Hochzeits-Kompakt- marsch«, als wäre es eine Symphonie. Hermann windet sich, die Freunde sind in gespannter Erwartung. Die Trauung von Hermann Simon und Waltraud Schneider aus dem Hunsrück hat begonnen. 

835 Villa Cerphal, Garten und Haustür


Marie-Goot, Pauline und Jacquelinchen haben die Villa von Fräulein Cerphal tatsächlich gefunden. Sie sind aus ihrem engen Auto geklettert und nähern sich nun - neugierige und ängstliche Blicke umherwerfend dem Haus. Marie-Goot, die mit ihren schlechten Augen gewohnt ist, erst einmal blindlings in fremdes Gelände zu tappen, geht voran. 

MARIE-GOOT. Der Hermann hat ja mal heimgeschrieb, daß er in so einer Villa wohnt. Aber das hat ihm ja in Schabbach kein Mensch geglaubt. 

Mit ihrem erhobenen Blick hat Marie-Goot das Blumenarrangement nicht bemerkt, mit dem der Kiesweg ausgelegt ist: Die Strecke vom Garten bis zur Haustreppe besteht aus einem kunstvoll zusammenge-fügten Blütenteppich, in dessen Mitte ein Violinschlüssel aus weißen Nelken dargestellt wurde, ein Symbol zur Begrüßung des Musiker Bräutigams. 

PAULINE. Achtung, Marie-Goot, paß uff!

MARIE-GOOT. Ach, ist das schön!

PAULINE. Guck emol, en Notenschlüssel! Jacquelinsche, hast du schon mal so ebbes gesehen ?

MARIE-GOOT. Jacquelinsche, geh doch emol gucke, wo die Schell is!

PAULINE. Is dat schön! Da han se sich aber richtisch Müh geb. Herrlisch! Der schöne rote Teppisch. 

Das Hunsrücker Kind steht oben auf dem roten Teppich, der die Haustreppe ziert. Es ist hilflos, da die Tür offensteht und die Klingel nicht funktioniert. 

MARIE-GOOT. Jacquelinsche, geht se net? Was mache wir denn da?

PAULINE. Die Haustür steht aber uff!

MARIE-GOOT. Wir könne aber net einfach so ringehe.

PAULINE. Hallo, ist da jemand? Hallo! 

Frau Ries, die heute ein Geschwader von Hauspersonal befehligt, horcht auf. Sie kommt zur Haustür, um nachzusehen, wer da so schreit. 

FRAU RIES. Grüß Gott!

MARIE-GOOT. Guten Tag! Ich bin die Großtante, und das da, das ist die Tante, die Frau Gröber aus Simmern.

PAULINE. Ja, aber wissen Sie, ich bin nicht die richtige Tante. Genauge- nommen bin ich ja bloß - die Schwester vom Stiefvater vom Her- mann.

MARIE-GOOT. Und dat da ist dat Enkelsche von der Frau Gröber. Jacquelinsche, gib emol e Hand und mach en Knixsche! Also isch, ich bin ja jetzt die Schwester vom Hermännsche seiner Großmutter. Dem Hermann sei Mutter, die ja eigentlisch ingelade war. . .

PAULINE. Wisse Se, die Mutter vom Hermann, die hätt ja so gerne mitkommen wollen, aber die verträgt dat Autofahre so schlescht! Wisse Se, und da war dat unmöglisch heut morge, und deswege han wir gesagt, da fahren wir zwei. Und die Mutter is daheim gebliebe in Schabbach.

MARIE-GOOT. Und dann bin ich dann mitgekommen, wenn's Ihnen recht ist. Sie sind doch die Besitzerin? Pauline und Marie-Goot haben Frau Ries keine Gelegenheit gegeben, Fragen zu stellen. Sie überrollen die alte Haushälterin mit ihrer selbst- verständlichen Dreistigkeit. Frau Ries lächelt mühsam.

FRAU RIES. Nein, ich bin nur die rechte Hand von der Besitzerin. Ich bin Frau Ries. Das Brautpaar ist aber noch auf dem Standesamt.

PAULINE. Ah, da sind wir also doch zu spät gekommen! Können wir da noch hinfahren?

FRAU RIES. Ja, mit dem Auto könnten Sie's schaffen. Aber bei diesen vielen Einbahnstraßen, bis ich Ihnen das erklärt habe, derweil sind die da. Kommen S' lieber rein. 

836 Villa Cerphal, Diele, Terrassenzimmer

Frau Ries ist endlich wieder die Haushälterin, die sie in den guten alten Zeiten der Cerphal-Familie einmal war. Sie genießt das Kommando über ihre Serviermädchen, die sie immer wieder losschickt, um Stühle aus Fräulein Cerphals Privaträumen herunterzuholen. Auch eine Kö- chin wurde engagiert, die aus der heruntergekommenen Studentenkü- che für diesen Tag wieder eine richtige Herrschaftsküche gemacht hat. Frau Ries hat die drei Hunsrückerinnen gleich wieder vergessen. 

PAULINE. Jacquelinsche, komm, wir gehe jetzt emal zum Auto und hole die Koffer raus. 

Marie-Goot wird in der herrschaftlichen Diele allein gelassen. Sie geht umher wie ein fremdes Haustier, das neugierig schnuppert und heraus-finden will, ob es hier geduldet wird oder nicht. Frau Ries holt sich zwei von ihren Hausgehilfinnen heran, um mit ihnen den großen Ausziehtisch zu decken. 

FRAU RIES. Also, zieht, zieht, aber Vorsicht! Keinen Kratzer! Das ist echt Palisander! Ja, nur weiter, weiter. Der ist sieben Meter lang, für dreißig Personen! 

Marie-Goot starrt auf den Tisch, der immer länger wird. So etwas hat sie noch nie im Leben gesehen. 

837 Vor dem Standesamt


Elisabeth hat die ganze Hochzeitsgesellschaft für ein Foto aufgestellt. Der klassizistische Eingang mit den Rundsäulen und der hübschen Marmortreppe eignet sich besonders gut für das offizielle Hochzeitsfoto: das Brautpaar in der Mitte, die Trauzeugen rechts und links, allerlei Faxen und gewollte Scherze. Ein Bild, wie es hier täglich gestellt wird. Es muß sein! 

ELISABETH. So, alles zu mir schauen! So, jetzt mal lachen. . . 

Der große Sightseeing-Bus, in dem Schnüßchen sonst Dienst tut, fährt vor. Das ist eine Uberraschung, die sich Herr Merkel, Schnüßchens Chef, ausgedacht hat. 

ALEX. Ein Hochzeitsbus, das ist ja großartig!

SCHNÜSSCHEN. Ladies and gentlemen! Come in and fasten your seatbelts! 

Beim Einsteigen in den Bus entsteht schon die Partystimmung, die heute gewünscht wird. Alex klopft seine Sprüche, Fräulein Cerphal spielt die Mutter der Kompanie. 

 
838 Villa Cerphal, Straße und Garten


Der Sightseeing-Bus nähert sich mit lautem Hupen der Villa. Frau Ries und ihre Dienstmädchen kommen in den Garten gerannt, um die Ankunft des Brautpaares nicht zu versäumen. Auf dem Trottoir vor der Villa haben sich auch die anderen Freunde eingefunden. Stefan, Reinhard und Rob warten ebenso wie Helga, Frau Moretti, Volker, Jean-Marie und der Aufnahmeleiter Bernd. Juan ist in Begleitung einer blonden Schönheit erschienen, die niemand kennt. 

HERMANN (ZU Renate). Da gratulier ich dir!

RENATE. Nein, ich muß dir doch gratulieren, dir und deiner süßen Braut! Renate hakt sich vertraulich bei Hermann unter, während sie mit ihm zur Braut geht.

HERMANN. Das ist Renate—Schnüßchen. 

SCHNÜSSCHEN. Waltraud!

RENATE. Du traust dich was, Hermann!

HERMANN. Wieso? Ich bin schließlich nicht der erste Künstler, der heiratet.

RENATE. Aber der untreueste! Darf ich das sagen? 

Schnüßchen begrüßt andere Gäste, so daß sie diese vertraulichen Anspielungen Renates nicht hören muß. Renate entdeckt Juan, der an der Seite seiner blonden Begleiterin unglücklich lächelt. 

RENATE. Juan! So sehen wir uns wieder. Isch des dei Freundin?

JUAN. Darf ich vorstellen, das ist Anikki, meine Freundin aus Finnland. Sie ist Deutschlehrerin.

Renate küßt Juan einfach auf den Mund. Sie tut das nicht, weil sie provozieren will, sondern weil sie in einem Porsche gekommen ist und sich zu den Siegern zählt. Anikki antwortet etwas auf finnisch. Sie ist verlegen, weil sie die Verhältnisse hier nicht durchblickt. 

RENATE. Lernst du jetzt auch Finnisch?

JUAN. Ja, natürlich, das habe ich schon vorher gekonnt. 

RENATE. Ah. ..

JUAN. Und, willst du keine Schauspielerin mehr werden?

RENATE. Doch, doch, der Dr. Bretschneider hat mich jetzt unter seine Fittiche genommen. Grad in dem Beruf brauchst du doch Protektion. Net wahr, Alois?

DR. BRETSCHNEIDER. Ja, was ist denn, Haserl? 

Dr. Bretschneider nähert sich mit Frau Moretti, die sich mit ihrer ganzen körperlichen Wucht an ihn drängt. Renate stutzt. 

RENATE. Ach, nix! Komm, gib mir's Geschenk! 

Renate nimmt Bretschneider das Paket mit dem Hochzeitsgeschenk aus der Hand und zieht sich gekränkt zurück. 

FRAU MORETTI. Ein wirklich schönes Auto, muß ich sagen, haben Sie da!

DR. BRETSCHNEIDER. Es ist auch nicht das billigste! 

FRAU MORETTI. Sehr schön!

Auch Olga hat es jetzt der rote Porsche angetan. Sie posiert für die drei Filmemacher vor dem Sportwagen: ein Traumfoto. Im Garten haben sich die Freunde auf beiden Seiten des Kiesweges aufgestellt, um für das Brautpaar »Pergola« zu spielen. Mit erhobenen Händen, die sie mit den Händen ihres Gegenübers verschränken, bilden sie eine Art Tunnel oder »Laubengang«, durch den Hermann und Schnüßchen hindurchgehen müssen. Da die hinteren Personen, an denen das Brautpaar schon vorübergegangen ist, immer wieder nach vorn rennen, kann so der Eindruck einer unendlich langen »Menschenpergola« erzeugt werden. Es ist ein lauter Spaß, der auch durch das Gerenne entsteht, an dem jeder mehrmals teilnehmen muß. Erst vor dem Blumenteppich mit dem Violinschlüssel kommt das Spiel zum Stillstand. 

HERMANN. Seht euch das mal an!

SCHNÜSSCHEN. Ach, ist das schön!

ALEX. Der Reis, der Reis!

HERMANN. Reis? Was ist denn jetzt los? 

Alle reden nun auf einmal. An der Treppe entsteht wieder ein wildes Durcheinander, denn jeder der Freunde will sich an dem Reiswerfen beteiligen, mit dem eine alte Tradition vollzogen werden soll. 

ALEX. Einen Moment, Hermann, du mußt jetzt die Braut über die Schwelle tragen, damit das endlich mal vorangeht! 

Nun ist auch noch Clemens in Bundeswehruniform mit einer riesigen Trommel erschienen. Er schlägt den Auftakt für den Einzug der Braut ins Hochzeitshaus. Hermann folgt den Anweisungen der Freunde. Er trägt Schnüßchen, die aufkreischt, über den Blumenteppich zur Haustreppe hin. Der Reisregen ergießt sich unter lautem Geschrei und Gejohle auf Braut und Bräutigam. So kommt Hermann oben an der Türschwelle an, wo er Schnüßchen direkt vor Marie-Goot und Pauline zu Boden gleiten läßt. 

ALEX. Ja, Hermann, alles ist sinnlos, aber nichts ist Zufall. 

PAULINE. Hermann, ich muß dir schnell was erklären. . .

HERMANN. Ja, wo ist denn die Mutter?

PAULINE. Ja, dei Mutter. . .

HERMANN. Ja.

PAULINE. Du kennst doch dei Mutter. Die wollt unbedingt mitkomme. Aber du kennst se doch! Die hat so viel Angst vor so viele fremde Mensche. Und die lang Fahrt. Und gestern abend . . . 

SCHNÜSSCHEN. Ach, das ist aber schad! 

PAULINE . . . um zehn, gell Marie-Goot, da hatten wir sie soweit! 

MARIE-GOOT. Die hat die ganz Nacht vor Aufregung net geschlafe.

PAULINE. Ja, und heut morge, da wollt se net mehr.

HERMANN. Ach, das freut mich aber, daß ihr da seid!

MARIE-GOOT. Ja, und ich konnt ja die Pauline net allein fahre lasse. 

HERMANN. Ja.

PAULINE. Mer sollen dich aber ganz herzlich grüßen. Und deine Frau auch!

HERMANN. Das ist also die Waltraud, Waltraud Simon! 

MARTE-GOOT. Tach, Waltraud!

PAULINE. Da haste dir aber ein lieb Mädsche ausgesucht, Hermann! 

SCHNÜSSCHEN. Grüß Gott!

PAULINE. Und die Mutter schreibt auch noch. 

839 Villa Cerphal, Diele und Bibliothek


Die Diele ist voller Menschen. Stimmengewirr läßt die Luft im Haus beben. Den Servierfräulein werden die Champagnergläser regelrecht von den Tabletts gerissen. Die »Fuchsbau«-Freunde feiern sich heute selbst: ihre Anwesenheit, ihre Anrechte auf dieses Haus, ihre Freundschaft, die immer in Gefahr war, zu zerfallen. Stefan, noch immer hoffnungslos in Helga verliebt, trinkt zwei Gläser ex. Tante Pauline schnappt sich das Brautpaar. Sie hat in der Bibliothek, wo die Hunsrücker Koffer stehen, eine Uberraschung bereitgehalten. 

PAULTNE. Das hab ich mir doch gedacht, dat ihr kei Trauring habt! So, jetzt bleibt emal stehe, guckt emal, isch han euch a Paar aus unserem Geschäft mitgebracht, aber dat sind net die schmale, billige, die wo die Bauere immer kaufe, dat sind die breite, die ganz massive. Guckt emal. Dat is vierzehn Karat Gold, weil achtzehn Karat, das wär zu weisch, dat hält sisch net. Aber die hier, die halte ewisch. Da habt ihr wat fürs Lebe. Wie hätte mir uns dat gewünscht, dei Onkel Robert selisch und isch, dat wir damals solsche Trauring gehabt hätte.

Pauline sorgt mit lauter Stimme dafür, daß sie für ihre Zeremonie genügend Zuhörer findet. In der Bibliothek, wo die vielen Hochzeitsgeschenke aufgebaut sind, haben sich auch Alex, Fräulein Cerphal und Marie-Goot eingefunden. Die Freunde in der Diele werden ruhiger, um mitzuerleben, was Pauline nun inszeniert. 

PAULTNE. Wisse Sie, Fräulein Cerphal, dat ware schwere Zeite für uns damals! I934, in der »Aufbauzeit«. Wir waren so arm damals, wir konnten nischt mal aus unserem eigenen Geschäft die Ringe nehmen, aber mein Sohn, gucken Se mal, dat Robertschen, der jetzt dat Geschäft übernomme hat, der hat auch die breiten, die ganz massiven Ringe. So, Hermann, und jetzt steck mal deiner Frau einen an. Isch bin so gespannt! Dat is für die Waltraud. Isch bin so gespannt, ob sie überhaupt passe!

Hermann nimmt den Trauring aus Paulines Hand entgegen. Er steckt ihn Schnüßchen, die vor Glück von einem Fuß auf den andern tritt, an den Finger. 

PAULINE. Ja, er paßt! So, jetzt du, Waltraud, der andere. 

Hermann streckt Schnüßchen zuerst seine linke Hand hin. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, die andere Hand.

PAULINE. Jetzt bin ich gespannt! Ja, der paßt auch! So Hermann, jetzt mußt du aber auch deiner Frau einen Kuß gebe, los!

HERMANN. Na komm, Waltraud! 

Hermann küßt Schnüßchen lange und fest auf den Mund. Pauline unterbricht, indem sie die beringten Hände des Brautpaares hochhebt, wie man die Hände von Siegern in einem Boxring vorzeigt. 

PAULINE. Na, nun langt et, nun langt et. Kommt emal all gucke! 

Der Beifall im versnobten Freundeskreis ist nicht so herzlich, wie Pauline ihn erwartet hat. Schnüßchen wirft- um nun auch einem alten Brauch zu genügen – ihren Brautstrauß in die Menge. Olga hat ihn aufgefangen und springt begeistert auf Reinhards Schulter. Reinhards Proteste helfen nichts - Olga nimmt das Zeichen, die nächste Braut im Kreis zu werden, jubelnd an. Jacquelinchen, die völlig vergessen worden ist, erscheint traurig in der Tür. 

JACQUELINCHEN. Eisch will hääm, Marie-Goot, bitte. 

840 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Frau Ries und ihre Gehilfinnen haben eine herrliche Hochzeitstafel gedeckt. Das gute Familienporzellan, die Kristallgläser und das Silberbesteck schaffen auf dem blumengeschmückten Damasttischtuch eine feierliche Atmosphäre. Alex hat mit Fräulein Cerphal begonnen, die Tischkärtchen zu verteilen. Er fühlt sich für die Tischordnung zuständig und plaziert die Karten ganz nach seinen Vorstellungen.

ALEX. Clemens, der Mann mit der Pauke, Bernd, dann haben wir da Volker, Jean-Marie, Clarissa - die Heilige Dreifaltigkeit. .. 

FRÄULEIN CERPHAL . . . Jules et Jim.

ALEX . .. Renate, Dr. Bretschneider, die Sexualordung im Büro, Herr Schneider, Scholle und Acker, dann hier Braut und Bräutigam . . . 

Stefan, der die Verteilung der Tischnachbarschaften von weitem beobachtet, schleicht heran, um die Karten anders zu mischen: Juan setzt er zu Rob und sich selbst an die Seite von Helga. 

841 Villa Cerphal, Garten und Straße

Noch bevor das Festessen beginnt, haben sich einige von den Gästen aus dem Hause entfernt: Elisabeths Sohn Raoul, der mit Herrn Gattinger den Dackel »Wasti« spazierenführt, Schnüßchens Chef, Herr Merkel, der den Reisebus wieder zum Einsatz fährt, und Frau Moretti, die es vorzieht, mit Herrn Dr. Bretschneider eine Spritztour in dem roten Porsche zu unternehmen. So entsteht Stille rund um das Hochzeitshaus. 
842 Villa Cerphal, Garten, Terrassenzimmer


Hermann und seine Gäste haben Glück, denn auch das Münchner Wetter zeigt sich von seiner schönsten Seite. Der »Fuchsbau« ist für Sommerfeste wie geschaffen. Die Terrasse wurde für den Anlaß mit einer ausladenden Markise überdacht, so daß sich das Zimmer bis weit in den Garten hinaus erweitert. Für die zappeligen Kinder bietet der Garten zudem genügend Auslauf. Sie können dort Ball spielen und müssen nicht auf die Erwachsenen Rücksicht nehmen, die still am vornehm gedeckten Tisch sitzen müssen und der kultivierten Harfenmusik zuhören. Eine eigens von Hermann bestellte Harfenistin greift virtuos in die Saiten. Gerade noch rechtzeitig zur Suppe trifft Evelyne ein. Mit ihrem Lebensgefährten, einem bildschönen, großen Afrikaner, kommt sie von ihrer Englandreise zurück. Ihr Köfferchen lassen die beiden einfach im Garten stehen. So kann Evelyne ihren Freund, der in der Feiertagstracht seines Landes erschienen ist, auf bekannten Pfaden durch den Garten über die Terrasse in das Hochzeitszimmer führen. Sie überreicht Hermann ihr Geschenk. Dann macht sie die Runde um die große Tafel, um die Freunde zu begrüßen, von denen sie etliche seit Ansgars Tod nicht mehr gesehen hat. so weiter. Ja meinen Sie, die Bauern verstehe ebbes davon? Da stehe Sie als Geschäftsmann manschmal ganz allein in Ihrem Laden. 

ALEX. Und dann bleiben Sie also auf Ihren Juwelen sitzen.

PAULINE. Ach, verstehe Sie ebbes davon?

ALEX. Ja, allerdings: negativ, sozusagen. Ich weiB, wie es ist, wenn man keine Juwelen hat.

PAULINE. Ach so, ja. 

Paulines Hunsrücker Stimme ist so laut, daß sie die ganze ührige Konversation übertönt. Die Freunde amüsieren sich. Hermann ist aber diese Verwandtschaft peinlich. Frau Ries kündigt den nächsten Gang des Hochzeitsmenüs an. 

FRAU RIES. Als nächstes: Waldorfsalat in Nufkörbchen. 

Die beiden Servierfräulein bringen die gebackenen Körbchen auf Silbertabletts herein. Beim Austeilen der zerbrechlichen Vorspeise passieren kleine Ungeschicklichkeiten. Jean-Marie nimmt dies zum Anlaß, mit einem der Dienstmädchen zu flirten. 

JEAN-MARIE. Von Ihnen hätte ich lieber keinen Korb bekommen! 

ANGESTELLTE. Es ist doch nur ein Körbchen. 

JEAN-MARIE. Tant-mieux! A tout ailleurs. 

Marie-Goot hat schon wieder Schwierigkeiten, alles zu begreifen. Sie wendet sich mit ihrer lauten Stimme an den Bräutigam. 

MARIE-GOOT. Hör mal, Hermann! Mußt du dat alles allein bezahle? 

HERMANN. Pscht, Marie-Goot, sei doch bitte still! Hör doch mal zu, was die anderen Leut sagen. Das ist doch interessant!

MARIE-GOOT. Du kannst mir doch sage, wat dat kostet. Dat dauert doch net lang!

HERMANN. Also gut! Das kostet so fünf- bis sechshundert Mark. Aber da han mer eusch net dafür gebraucht. Das hat Schnüßchen von ihrem Vater bekommen.

MARIE-GOOT. Guck emol, Hermann, dat is alles für disch. Isch sollt's dir ja erst heut abend gebe, aber du sollst wissen, von daheem kommt aach noch ebbes. 

Marie-Goot öffnet ihre Handtasche auf ihrem Schoß. Es kommt ein kleines Bündel von Hundertern zum Vorschein. Hermann spürt, daß jetzt die Augen aller seiner Freunde auf das Geld gerichtet sind. 

HERMANN. Bitte, laß das doch stecken! 

Schnüßchen versucht das Thema am Tisch auf etwas anderes zu lenken. Sie wendet sich mit lauter Stimme - denn auch sie ist eine Hunsrückerin - an Juan, der auf der anderen Seite der Tafel sitzt und schweigt. 

SCHNÜSSCHEN. Juan, du hast doch Inkablut in den Adern! Ei, isch tät so gerne mal in die Anden fahren. Das wär doch mal ebbes anderes als das öde Land hier, meinst du net, Anikki? In Finnland soll's doch soviel Steschmücke gebe, stimmt dat? Anikki antwortet etwas auf finnisch, was keiner versteht. 

SCHNÜSSCHEN. Wat?

ROB. Stechmücken? Gefährliche Tierchen! 

Da taucht Jacquelinchen wieder auf. Sie kommt aus dem Garten zurück und verkündet ihrer Oma, was sie schon seit ihrer Ankunft will: 

JACQUELINCHEN. Eisch will hääm!

PAULliNE. Jacquelinsche, jetzt komm doch erst emal gucke, wat et all gibt. Setz disch da emal hin.

MARIE-GOOT. Du »Festekel«, wenn isch gewußt hätt, wie du disch anstellst, dann wärst du aber dahääm gebliebe! 

Die Menüinszenierung von Frau Ries funktioniert wie in guten alten Zeiten. Schon wieder rollt ein neuer Gang heran. 

FRAU RIES. Canard a l'orange - Ente in Orangensoße!

MARIE-GOOT. Hermann, ich bin schon satt.

HERMANN. Ach nein.

MARliE-GOOT. Zuerst Fisch und dann Salat und dann Supp und dann Nuß!

HERMANN. Komm, wir gehen mal raus.

MARIE-GOOT. Und alles verkehrt herum. Dat war einfach zuviel. Ich muß emol an die Luft! 

HERMANN. Die Ente ist eigentlich das Schönste, was wir haben. 

Während sich die Cerphal darum kümmert, daß die Enten fachgerecht tranchiert werden, führt Hermann Marie-Goot in die Diele hinaus. 

MARIE-GOOT. Hermann, wo ist denn hier dat Klo?

HERMANN. Hier, komm, ich zeig's dir.

MARIE-GOOT. Nä, wart emol, isch muß ja gar net! Isch wollt's nur wisse, für alle Fälle. Du, Hermann, dei Freunde da drin, die sin doch bestimmt aus den besten Familien. Kannst du disch auf die auch so richtig verlasse?

HERMANN. Teilweise.

MARIE-GOOT. Teilweise, aber die gucke disch manschmal so komisch an. Mir vergeht der Appetit, wenn ich dat sehe. Ach, Hermann, warum bist du net emol heimgekomme in all der langen Zeit! Dei Mutter, die hätt sisch so gefreut! Du bist schon en komischer Kerl.

HERMANN. Marie-Goot, müssen wir jetzt über das Thema schwätzen?

MARIE-GOOT. Ja.

HERMANN. Ausgerechnet heut!

MARIE-GOOT. Irgend jemand muß dir dat ja emol sage.

HERMANN. Nä.

MARIE-GOOT. Et is ja auch für uns net einfach.

HERMANN. Das ist meine Sach.

MARIE-GOOT. Dat sagst du so. 

Jemand pocht draußen an die Eingangstür. Hermann unterbricht sein Gespräch mit Marie-Goot, um nachzusehen. Ein knochiger Mann mit Schnauzbart und Glatze tritt auf. Auf der Schulter trägt er eine hölzerne Weinkiste. Er schüttelt Hermanns Hand so fest, daß dieser in die Knie geht. 

VATER SCHNÜSSCHEN. Eisch sin dei Schwiegervater!

HERMANN. Ja.

VATER SCHNÜSSCHEN. Da sin eisch nun mal! Mein lieber Mann, schön is et da, da muß Geld sin. Waltraud! 

Schnüßchen hat die Stimme ihres Vaters schon von weitem erkannt. Sie kommt - außer sich vor Freude - gerannt und fällt ihrem Vater um den Hals. 

SCHNÜSSCHEN. Nää, Vatter, dat Ihr noch kommt!

MARIE-GOOT. Schnüßchens Karl von Schnappebach! 

SCHNÜSSCHEN. Ei, isch kann et ja gar net glaube. Wie geht's denn der Mutter und der Hilde und dem kläne Bobbelsche?

VATER SCHNÜSSCHEN. Denen geht es alle gare gut!

SCHNÜSSCHEN. Ach, schön ist dat. Komm mit rein.

VATER SCHNÜSSCHEN. Ja. Da, Hermann, halt emal. . 

Jetzt erst entledigt sich der Hunsrücker der Weinkiste, indem er sie Hermann einfach in die Arme drückt. Hermann kann die schwere Kiste kaum halten. Es scheint, daß die alte Heimat ihn jetzt doch noch eingeholt hat. Schnüßchen führt ihren Vater auf Hermanns Platz. 

SCHNÜSSCHEN. Ach, ist dat schön! Dat ist mein Vatter. Dat sin alles Freunde vom Hermann.

VATER SCHNÜSSCHEN. Schneider. ..

SCHNÜSSCHEN. Mein Vater - das ist Fräulein Cerphal, die Hausherrin.

FRÄULEIN CERPHAL. Freut mich, nehmen Sie Platz! 

Hermann wird jetzt an der Tafel nicht mehr vermißt. Die Hunsrücker geben den Ton an. Hermann steht an der Tür, als wäre er nicht eingeladen. 

PAULINE. Ja, so ebbes, Schnüßchens Karl ist ebe gekomme. Wat für eine Uberraschung! Und wat für eine Sorte von Musik machen Sie, Herr Weber? Auch moderne?

JEAN-MARIE. Die Neue Musik muß man immer und immer wieder hören. Erst dann gefällt sie einem. Wissen Sie, da ist jedes Stück einmalig, es erinnert eben an nichts.

PAULINE. Was, an gar nix? Nicht einmal an Musik?

VOLKER. Es kommt drauf an, was Sie unter Musik verstehen.

PAULINE. Ach, es gibt ja so viel Musik, man weiß gar net, was dat Schönste ist: Lieder und Schlager und Blasmusik und Marschmusik und Opern. Wissen Sie, in die Oper, da tät ich ja für mein Leben gern mal gehen. Ich hab ja im Fernsehen die Wiedereröffnung von der Münchner Staatsoper gesehe. Nää, so ebbes! Allein schon der gewaltige Kronleuchter, der ist doch sischer größer wie dat ganze Zimmer hier!

SCHNÜSSCHEN. Schmeckt dat dir denn, Vater?

VATER SCHNÜSSCHEN. Ach ja, weißt de, die Ent mit dem Apfelsinensaft, das schmeckt mir net!

SCHNÜSSCHEN. Aber Vater, das ist doch eine ganz feine Küch. Und die Krokettschen, dat ist lecker!

Paulines Blick mißt die Dimensionen des Zimmers ab. Sie betrachtet den kleinen Kristalleuchter, der über der Tafel hängt. Sie sucht immer noch nach Vergleichen. Ist der Kronleuchter der Oper wirklich so groß wie dieses Zimmer? 

PAULINE. Vor allem höher! Komponieren Sie denn auch Opern?

VOLKER. Bisher nicht, aber im Prinzip ja. 

Marie-Goot kommt zu der Tafel zurück. Pauline redet auf sie ein. 

PAULINE. Ach, Marie-Goot, wolle wir net wenigstens ämol in die Oper gehe, wenn wir schon mal hier sind ?

MARIE-GOOT. Ja.

PAULINE. Net wahr?

MARIE-GOOT. Ja, mer gehen!

PAULINE. Ach, Marie-Goot, dat könnte mer doch mal mache!

MARIE-GOOT. Ja.

PAULINE. Meinste net, wenn wir schon mal da sind?

MARIE-GOOT. Ja.

PAULINE. Weißt du wat, die jungen Herren könnte uns doch vielleicht behilflisch sein?

MARIE-GOOT. Bei wat?

PAULINE. Ei, Karte besorge.

MARIE-GOOT. Für wat?

PAULINE. Ei, Marie-Goot, für die Oper!

MARIE-GOOT. Ja.

PAULTNE. Wir wollte doch in die Oper gehen. Wat kost denn so ebbes, ist dat teuer?

JEAN-MARIE. Das kann teuer sein.

VOLKER. Das ist vielleicht das Schwierigste an der Oper. Aber es muß ja auch Dinge geben, die man sich nicht alle Tage leisten kann. Die Hochzeit zum Beispiel ist doch so etwas. 

Jetzt setzt Pauline ihre Unterhaltung mit Marie-Goot flüsternd fort, weil Jacquelinchen an ihrer Schulter eingeschlafen ist. 

PAULINE. Stell dir vor, Marie-Goot, fünf Musiker han mir hier am Tisch. Und da is der Hermann noch gar net mitgezählt. Und die annere all,die sind sogar vom Film! Und zwei Schauspielerinne!

MARIE-GOOT. Ja, wo hocken die denn all?

PAULINE. Ja, der äne Herr vom Film, der hockt da, und die annern, die sitze da, und die zwei Schauspielerinne, die hocke dahinne!

MARIE-GOOT. Pauline, woher weißt du denn dat alles?

PAULTNE. Ei, das hat mir alles der Herr mit dem Inkablut erzählt. Frau Ries tritt mit einem Tablett voller Schnäpse auf. Sie stellt sich vor, daß es nach der Ente einer Verdauungshilfe bedarf.

FRAU RIES. Einen »Verteiler«! 

Pauline entdeckt Hermann, der immer noch in der Tür steht. 

PAULINE. Ei, Hermann, komm, dat ist doch dei Hochzeit! 

Jetzt erst bemerken die Gäste, daß Hermann nicht mehr am Tisch sitzt. Sie prosten ihm zu, aber Hermann ist mit seinen Gedanken weit weg. 

843 Paris, Straßen


Clarissa in Paris. Sie trägt ihren Cellokasten und ihr Reiseköfferchen am Seineufer entlang. Im Hintergrund der Eiffelturm. Ein Bild wie eine Postkarte. Vielleicht ist es das Bild, das Hermann sich in diesem Augenblick vorstellt. 
844 Atelier des Celloprofessors


Das Gebäude erinnert an die Eisenarchitektur des Eiffelturms, den man auch hinter der Gewächshausverglasung ahnen kann. Clarissa spielt die Sonate für Klavier und Cello, A-Dur, von Cesar Franck. Der Celloprofessor schlendert mit dem Bewußtsein, berühmt zu sein, genüßlich durch den Raum. Er schäkert ein wenig mit seinen Assistenten, die auf ihn warten und küßt im Vorübergehen den Scheitel seiner Pianistin. Clarissa spielt ausdrucksvoll, vielleicht ein wenig zu traurig. Sie will gefallen, will anerkannt werden und das Stipendium in den USA gewinnen. Aber sie weiß ihren Ausdruck nicht anders zu steigern als in diese Traurigkeit. Der Celloprofessor setzt sich, um das Ende ihres Spiels abzuwarten. Das Zusammenspiel mit der Pianistin ist gut. Ganz am Ende verpatzt Clarissa noch einen einzigen vorletzten Ton -ein verzeihlicher Fehler angesichts der Spannung. Der Professor setzt sich Clarissa gegenüber an die Seite der Pianistin. 

PlANISTIN. How do you like it, honey?

PROFESSOR. Fine, it was o. k. Tell me, do you know the Golden Gate? 

CLARISSA. Yes.

PROFESSOR. We get a ticket for you, for the Golden Gate. That's for sure! Can I ask you something? You know, Cesar Franck is a French composer, not a German one. There is always some hope and lightness. Just like your name, Clarissa light. . . 

CLARISSA. Lichtblau.

PROFESSOR. Clarissa Lichtblau. 

CLARISSA. That's »Lightblue«.

PROFESSOR. Well, that's nice. 

845 Villa Cerphal, Garten


Volker hat für Hermann ein Hochzeitsständchen komponiert. Zur improvisierten Uraufführung haben sich im Garten ein paar von Volkers Musikerfreunden versammelt. Clemens trommelt auf einer großen Trommel mit. Posaune, Tuba und Klarinette begleiten einen Trompeter, der sich mühsam durch die Töne kämpft. Volker dirigiert und versucht, die auseinanderstrebenden Töne zusammenzuhalten. Die Hochzeitsgäste, die nach dem Essen dringend Bewegung brauchen, kommen träge auf die Terrasse hinaus, um zuzuhören. Helga ist von dem Trompeter fasziniert. Sie starrt diesen Musiker so gierig an, daß er noch mehr Mühe hat, der Musik Farbe zu geben. Hermann nimmt Schnüßchen in den Arm. Er freut sich, daß die Feier endlich auch einmal seinen Freunden gefällt. Es beginnen sich schon Pärchen zu bilden: Renate mit Bernd, Rob mit Anikki, Jean-Marie und das Servierfränlein Helga. .. Es kommt ein Wind im Garten auf, der in die Notenblätter fährt. Alle Versuche der Musiker, die Noten festzuhalten, scheitern. Schließlich wehen die von Volker komponierten Stimmen von den Pulten, so daß die Musik kläglich im Naturereignis untergeht. Doch dieses Ende macht das Musikstück zum Erfolg bei den Gästen. Unter allgemeinem Applaus überreicht Volker nun dem Bräutigam seine Partitur. 

HERMANN. Danke, Volker, das ist für mich? 

VOLKER. Für dich!

HERMANN. Ihr kommt doch auch mit rein, es ist noch genug zu trinken da. 

Mit Trara und Paukenschlägen folgen die Musiker Hermann und den Gästen ins Haus. Helga bleibt auf der Wiese. Sie sieht dem Trompeter so hemmungslos ins Gesicht, daß dieser es vorzieht, stehenzubleiben, bis er weiß, wie weit diese fremde Frau mit ihm gehen will. 

HELGA. Wie heißt du?

TROMPETER. Wladimir.

HELGA. Bist du aus Rußland?

TROMPETER. Nä. . . aus'm Rheinland! 

Wladimir ist die Art von Mann, die Helga jetzt braucht. Er faßt sie an der Hand und zerrt sie in eine schattige Ecke neben dem Hausschuppen. Sie fiebert danach, diesen Mann sofort, an Ort und Stelle, zu umarmen. Sie rennt in den Schuppen hinein, setzt sich mit gespreizten Beinen auf einen Holzstoß. Sie wartet. Wladimir kommt mit der Trompete zu ihr. Er sieht sie lange an. Endlich geht er langsam auf sie zu, packt sie entschlossen an ihrem Gürtel und reißt sie empor, zu sich heran, dann sinkt er mit ihr zu Boden. 

846 Villa Cerphal, Terrassenzimmer


Die Tafel ist aufgehoben worden. Während Frau Ries mit ihren Mädels wieder Ordnung schafft, verteilen sich die Gäste in die übrigen Räume der Villa. Juan ist einsam. Er hört zwei künstlichen Nachtigallen zu, die, von einem Uhrwerk angetrieben, in einem goldenen Käfig singen: eine von Fräulein Cerphals alten Spieluhren. Das Hochzeitsgeschenk, das die Cerphal Hermann und Schnüßchen überreicht, ist ebenfalls eine Spieluhr. Sie befindet sich in einer Holzschatulle. 

FRÄULEIN CERPHAL. Das stammt aus der Schweiz, aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ich habe mir die Schuhe abgelaufen, um sie aufzutreiben! Sehen Sie mal diese entzückende Intarsienarbeit! Mein Großvater mütterlicherseits, der hatte eine Taschenuhr mit Musik, und ich hatte als junges Mädchen einen Brummkreisel, und den halte ich in Ehren. Hat es nicht fast den Charme eines Goya-Bildes? Simsalabim! 

Die Cerphal öffnet die Musikschatulle. Das Werk setzt sich automatisch in Gang und spielt zu Schnüßchens Freude ein Lied, das auch sie kennt: »Hoch soll er leben...«. Die Melodie lockt die Freunde an. Elisabeth hört nicht auf, alles mit ihrer Leica zu dokumentieren. Nur Juan bleibt traurig. 

847 Villa Cerphal, Schuppen
 

Helga und Wladimir lieben sich rückhaltlos auf dem Schuppenboden. Ihr Stöhnen hat Stefan angelockt. Er sieht durch das Fensterchen herein, und als er Helga erkennt, rennt er ins Haus, um sich zu besaufen.
848 Villa Cerphal, Bibliothek 


Volker und Jean-Marie unterhalten die Gäste mit Liedern. Volker spielt mit so viel Humor, daß sich bald die ganze Sippe um den Flügel versammelt. Jean-Marie hat sich ein keckes Schnurrbärtchen auf die Oberlippe gemalt und spielt den dekadenten Schnulzensänger einer vergangenen Epoche. JEAN-MARIE (singt). »Marinella! Ah. . . reste encore dans mes bras. Avec toi je veux jusqu'au jour, Danser cette rumba d'amour Son rythme doux Nous emporte bien loin de tout, Vers un pays mysterieux, Le beau pays des reves bleus Blottie contre mon epaule, Tandis que nos mains se frolent Je vois tes yeux qui m'enjolent. D'un regard plein de douceur Et quand nos cceurs se confondent Je ne connais rien au monde de meilleur, Marinella! Quand je te tiens la sur mon caeur, Pour moi c'est un bonheur Qu'aucun mot ne peut exprimer. Tout mon etre est transforme Et je voudrais que ce moment Qui me trouble eperdument Se prolonge eternellement . . . Marinella . . . « Jean-Marie bringt das Chanson bravourös zu Ende. Die Rose, die er beim Singen in den Händen hielt, wirft er zum Schluß seiner hübschen Serviererin zu. In diesem Moment ertönt ein greller Schrei. Es ist Anikki, der Rob im dunklen Garderobenkämmerchen ein mysteriöses Kästchen gezeigt hat. Niemand begreift diese Anspielung. 
849 Villa Cerphal, Garten


Das Fest verlagert sich nach draußen auf die Terrasse. Die Blasmusik hat sich inzwischen um ein Akkordeon verstärkt und spielt zum Tanz auf. Jetzt ist Renates Stunde gekommen. Auch sie will ihr Gesangstalent vorführen. RENATE (singt). »Der letzte Abend, die letzten schönen Stunden, Der letzte Tango für uns zwei. Nimm mich in deine Arme, Laß mich vergessen, wie weh der Abschied tut. Sag mir, wir sehn uns wieder, Halt mich ganz fest, sonst verlier ich den Mut. Komm, tanz mit mir unsern Tango d'amor, Ich bin verliebt wie noch niemals zuvor. Schön war für mich jede Stunde mit dir Komm, tanz noch einmal mit mir. « Renate animiert ihre Zuhörer, vor allem natürlich Bernd, indem sie während des Singens den Rock hebt, ihre Strumpfbänder zeigt, sinnliche Spiele mit ihrer Zunge andeutet. Hermann und Schnüßchen verdrücken sich in den Garten. Unterhalb der Terrasse, wo sie niemand sieht, lassen sie sich ins Gras sinken.

RENATE (singt weiter). »Mit diesem Tango hat alles angefangen, Und nun hört alles damit auf. Aber ich will nicht weinen, Denn wenn das Schicksal es ehrlich mit uns meint, Weiß ich, bald kommt die Stunde, Wo dieses Lied uns für immer vereint. «

SCHNÜSSCHEN. Hermann!

HERMANN. Ja . . .

SCHNÜSSCHEN. Soll ich dir mal zeigen, wie ein Zungenkuß geht?

HERMANN (lacht). Dafür sind wir doch viel zu alt!

SCHNÜSSCHEN. Mach die Augen zu, Mund auf, Zunge raus, Hermann! 

850 Flughafen München
 

Die Lufthansa-Maschine aus Paris schwebt über der Landebahn ein. Beim Aufsetzen der Räder wirbelt Staub auf. Clarissa kommt aus Paris zurück. 
851 Villa Cerphal, Terrasse


Renate plärrt noch immer ihren Tango. Stefan ist besoffen, trinkt aber weiter. Bernd klettert auf die Balustrade, um Renate besser anlächeln zu können. 
852 Münchner Straßen


Clarissa fährt mit der Straßenbahn durch die Innenstadt. Sie ist lange weggewesen. Alles, was ihre Augen jetzt sehen, wirkt weniger vertraut als früher. Sie hält sich an ihrem Cello fest. 
853 Villa Cerphal, Terrasse und Diele


Renates Tangoeinlage geht zu Ende. Die Tanzpaare klatschen. Stefan kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er torkelt und fällt hin. Niemand kümmert sich um ihn. Alle sind fröhlich. In der Diele ist Alex dabei, die Hochzeitsgeschenke zu besichtigen. Vor allem die Widmungen interessieren ihn. Die fünfte Pfeffermühle, die dem Brautpaar geschenkt worden ist, hat eine besonders originelle. 

ALEX. »Schärfer wird bei Euch die Liebe, habt Ihr Pfeffer im Getriebe. « 

Auch die Cerphal ist neugierig auf die Geschenke. Da kommen Hermann und Schnüßchen aus dem Garten zurück. Auf Hochzeitsanzug und Haaren hängen noch Grashalme. 

854 Villa Cerphal, Küche


Marie-Goot und Pauline machen sich nützlich. Sie spülen ab. Es ist wie zu Hause. Die Männer, Clemens und Schnüßchens Vater, singen eines der Hunsrücker Sauflieder-Potpourris, das aus allerlei Liedanfängen zusammengereimt ist. Der Gesang fällt hauptsächlich laut aus. »Amalie, Amalie, ja was hast du für ne schli-schlank Talie. Ich fahr mit meiner Clara in die Sahara zu den wilden Tieren. Ich möchte meine Clara in der Sahara gern einmal verführen. Kommt ein wilder Löwe, 0 Schreck, frißt mir meine Clara weg Da fahr' ich ohne Clärchen aus dem Sahärchen in die Heimat zurück..» Das Ende dieses Liedes klingt wie eine Anspielung auf Hermanns Jugendliebe. Er verbirgt seine Gedanken und singt, so gut es geht, mit. Im Garten draußen wird es Nacht. Juan ist immer noch allein. Er stellt die Spieluhr mit den künstlichen Nachtigallen auf einen Holzblock, setzt sich ihr gegenüber und versinkt in Melancholie. Raoul, Elisabeths kleiner Sohn, hat Wladimirs Trompete erobert. Er bläst jämmerlich darauf. So plötzlich, wie es nur im Sommer passieren kann, wenn die Luft sich tagsüber aufgeladen hat und sich nun in einem Wärmegewitter entladen muß, beginnt es zu regnen. 
855 Villa Cerphal, Diele und Bibliothek


Volker hat sich mit Jean-Marie zurückgezogen. Er spielt ganz für sich und den Freund ein Stück von Beethoven. Der zweite Satz der Sonate Opus 109 in E-Dur beginnt seine Variationsreihe mit einer so schönen Melodie, daß alle Gäste des Hauses still werden. Wladimir hat den silbernen Davidstern entdeckt, den Helga an einem silbernen Halskettchen trägt. 

WLADIMIR. Und was war das Schöne am Kibbuz? 

HELGA. Das Zusammenarbeiten, das Kollektiv. Wir waren über fünfzig Kibbuzniki aus der ganzen Welt, nur fünf davon aus Deutschland. 

WLADIMIR. Und wo war das?

HELGA. Am Generet.

WLADIMIR. Was? 

HELGA. Na, am See Genezareth, da, wo Jesus zu Fuß drübergelaufen ist.

WLADIMIR. Und du, bist du auch drübergelaufen? 

HELGA. Ja, jeden Abend, barfuß.

STEFAN. Ja ja, barfuß! 

Der eifersüchtige Stefan mischt sich in Helgas Gespräch mit Wladimir ein. 

HELGA. Komm, Stefan, laß uns in Ruhe! 

STEFAN. Wieso denn in Ruhe? Seit wann magst du denn Ruhe? Das sind ja ganz neue Seiten an dir! 

HELGA. Stefan, du störst.

STEFAN. Wieso denn?

HELGA. Komm, hau ab!

STEFAN. Ihr seid doch ein schönes Paar.

HELGA. Ja.

STEFAN. Wirklich ein schönes Paar!

WLADIMIR. Es reicht!

Wladimir, der viel stärker ist, gibt Stefan einen Fausthieb auf die Brust, von dem er quer durch die Diele fliegt. Reinhard fängt den Filmemacher zwar noch auf, aber sein Weinglas ergießt sich über Reinhards Anzug. 

REINHARD. Stefan, das ist Scheiße! Der Frack, der ist geliehen.

STEFAN. Das ist mir doch egal, Mensch! Unser neues Paar, hier. ..

REINHARD. Der Frack ist geliehen!

STEFAN. Das ist doch mir egal!

REINHARD. Du spinnst wohl!

Da Stefan nun auf Helga und ihren neuen Freund losgehen will, packt Reinhard ihn am Kragen und wirft ihn zu Boden. 

STEFAN. Reinhard, was is denn los?

REINHARD. Stefan, jetzt komm mit, jetzt kriegst du ein Glas Milch. 

Er schleppt Stefan in die Küche, um ihn zu beruhigen. Die Stunde der Kräche hat begonnen. Elisabeth und ihr Mann Rolf geraten in eine Ehekrise. Rolf, der sich den ganzen Tag um die Kinder gekümmert hat, kann nicht mehr länger freundlich sein. 

ROLF. Ich sehe dir genau an, was du jetzt denkst.

ELISABETH. Wieso, was denke ich denn? Wie kommst du darauf, ich könnte denken, was du denkst, das ich denke! Willst du wissen, was ich denke?

ROLF. Ich soll gehen, stimmt's?

ELISABETH. Nein, wir gehen nach Hause und bringen die Kinder ins Bett!

ROLF. Und dann kann ich mir wieder ansehen, wie du dahockst und grübelst, nur weil du verzichten mußtest. Nein, ich gehe mit den Kindern nach Hause, bleib du schön hier!

ELISABETH. Und dann bin ich wieder die Rabenmutter und kann mir wochenlang deine Vorwürfe anhören.

ROLF. Wenn ich schon sehe, wie du diese Musiker anhimmelst, die Augen fallen dir schon raus!

ELISABETH. Ah so, eifersüchtig bist du!

ROLF. Ach, rutsch mir doch den Buckel runter!

ELISABETH. Was bist du für ein Ekel, für ein widerlicher Spießer bist du heute, bäh! 

Rolf packt seine beiden Kinder, die auch todmüde sind nach dem langen Tag und dem vielen Essen. Er schleppt sie zur Tür. Elisabeth folgt. Sie ist böse auf ihren Mann, der ihr mit seinen Tiraden den Abend verdorben hat. 

ROLF. Nur heute? Sag's doch, du verachtest mich, weil ich »die Mutter deiner Kinder« bin. 

ELISABETH. Was, meiner Kinder? Das höre ich heute zum x-ten Mal! Das sind ja wohl unsere Kinder. ..

ROLF. Na, wer weiß!

ELISABETH. Jetzt reicht's mir aber endgültig! 

Der Ehekrach hat sich immer weiter in den Vorgarten hinaus verlagert. So verschwindet das »vorbildliche Ehepaar« in die Nacht hinaus. Clarissa erscheint im Garten. Sie trägt eine weiße Hose und einen Pulli mit merkwürdigen Ausschnitten an den Schultern. Sie hat ein Geschenk mitgebracht. So wagt sie es, wenn auch viel zu spät, zu Hermanns Hochzeit zu kommen. In der Diele sieht sie sich um. Marie-Goot und Pauline packen ihre Koffer zusammen. Volkers »gesangvolles, mit tiefster Empfindung« vorgetragenes Klavierspiel bleibt ein ruhiger Kontrast zu allem, was sich vor Clarissas Augen abspielt. 

PAULINE. Komm, Marie-Goot, wir müssen fort, es ist ja schon so spät! 

MARIE-GOOT. Jo, jo, isch komm schon!

PAULINE. Ich möscht wisse, wie dat geht mit der Spieluhr. 

MARIE-GOOT. Komm auch, beeil disch ein bißchen. 

Jean-Marie bemerkt Clarissa als erster. 

JEAN-MARIE. Kalifornien o. k. ?

CLARISSA. Ja.

Volker unterbricht seine Beethoven-Sonate. Er kommt mit leuchtenden Augen zu der Freundin. 

JEAN-MARIE. Herzlichen Glückwunsch! 

CLARISSA. Wo ist denn der Hermann!

VOLKER. Im Hunsrücker Himmel!

Clarissa schenkt Schnüßchen und Hermann einen Kasten mit zwölf Suppenlöffeln. Als Widmung hat sie einen Zettel in den Kasten gelegt, auf dem steht: 

»VIEL GLUCK BEIM AUSLÖFFELN DER SUPPE«. 

Schnüßchen liest Hermann diesen Text vor. Hermann sieht Clarissa an und schweigt. 

CLARISSA. Es lebe die Musik! 

856 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Das Haus, in dem das junge Ehepaar die Wohnung bekommen hat, ist ein Bau aus den fünfziger Jahren, fünfgeschossig, mit Erkerfenstern. Hermanns Schwiegervater und seine Tanten schleppen den ganzen Hausrat durchs Treppenhaus, den sie vom Hunsrück mitgebracht haben. 

PAULINE. Paß auf, die Spieluhr!

VATER SCHNÜSSCHEN. Ich bin ja ein richtiger Hunsrücker Lastesel! 

Das schwerste Stück ist der alte Kühlschrank. Der Hunsrücker Vater genießt diese Anstrengung, weil sie den Alkohol aus dem Hirn treibt. Schnüßchen erwartet die Trägertruppe am Eingang zu der Mansarde. Sie leuchtet mit einer Baulampe den Weg. 

SCHNÜSSCHEN. Licht han wir noch keins!

HERMANN. Sei net so laut! 

Als der Kühlschrank abgestellt ist und auch die Koffer, Blumen und Geschenkkartons unter den Dachschrägen der Mansarde verstaut sind, unterbricht Schnüßchen das laute Stimmengewirr. Sie leuchtet ihren Gästen mit der Handlampe in die verschwitzten Gesichter.

SCHNÜSSCHEN. Also, ich wünsch mir jetzt, daß ihr all wieder zurückgeht und noch weiterfeiert, es gibt ja noch genug zu essen und zu trinken! Stell das mal hin, ich möchte nämlich jetzt mit dem Hermann allein sein.

HERMANN. Die Waltraud ist müd.

SCHNÜSSCHEN. Das versteht ihr doch?

PAULINE. Aber Hermann, wir finde doch die Pension net, wo mer schlafe solle.

HERMANN. Das ist ganz einfach. Da geht ihr jetzt raus, unten rechts und dann die zweite wieder links, und dann kommt eine Ampel. Da ist es dann auch gleich an der Ecke.

SCHNÜSSCHEN. Also, ihr seid doch erwachsen, ihr werdet das schon finden!

PAULINE. Ich weeß net, an der Eck, dat is so eine große Stadt, dat München.

SCHNÜSSCHEN. Pauline, ihr wißt euch sicher schon zu helfen!

Schnüßchen ist energisch. Sie drängt die Verwandtschaft zum Ausgang und erreicht es, daß sogar Marie-Goot kleinlaut wird. 

SCHNÜSSCHEN. Gute Nacht, schlaft gut, der Vater hilft euch!

ALLE. Gut Nacht!

VATER SCHNÜSSCHEN. Und Hermann, mach's gut! 

Der Vater kann es nicht lassen, Hermann noch ein obszönes Handzeichen zu geben, mit dem er ihn an die eheliche Pflicht erinnert, die nun auf ihn wartet. 

857 Villa Cerphal, Bibliothek und Terrassenzimmer


Der Auflösungszustand, in dem sich die Hochzeitsfeier seit Stunden befindet, ist zu einem Dauerzustand geworden, in dem sich die übriggebliebenen Gäste eingerichtet haben. Sie genießen es, so müde und leergebrannt zu verweilen, zwischen »Tür und Angel« ein völlig anderes Zeitgefühl zu erfahren als vorher. Clarissa, die ja erst vor einigen Stunden aus Paris zurückgekommen ist und den ganzen Tag noch nichts gegessen hat, sitzt mit dem Rücken zur verwüsteten Hochzeitstafel gewendet und ißt eine Salatschüssel leer. Nachdenklich trinkt sie Wein aus einer Kaffeetasse. Sie kauert auf einem der zerstreut umherstehenden Stühle und lauscht in sich hinein. Volker spielt wieder auf dem Flügel. Das »Gaspard de la Nuit« betitelte Stück von Ravel beschreibt genau dieses impressionistische Gefühl, daß alles provisorisch ist, nur vom Augenblick zusammengehalten. Er läßt seine nervösen Finger durch die vielen perlenden Triller und Läufe flackern, ist ganz der Musik hingegeben und gleichzeitig mit seinen Gedanken vollkommen in der Gegenwart. Er bringt eine erstaunliche Konzentration auf, indem er seine Hände genauestens kontrolliert und zugleich mit Clarissa über seine geheimsten Gedanken spricht. 

VOLKER. Ich zähle die Tage. Weißt du, daß es genau noch vierunddreißig Tage sind bis zu deiner Abreise?

CLARISSA. Noch über einen Monat. 

VOLKER. Ich bin traurig. Du wirst sehr weit weg sein. 

CLARISSA. Volker, ich muß weg, ich will auch weg.

VOLKER. Wie war Paris?

CLARISSA. Es hat geregnet.

VOLKER. Il »pleure« sur Paris . . .

CLARISSA... Und blöde Idioten in der Metro, die einem an den Hintern fassen.

VOLKER. Ich würde gern mit dir wegfahren, zwei Tage nur: einen Tag mit dir reden und den anderen schweigen. 

Clarissa erhebt sich. Sie geht auf Volkers Frage nicht ein. Sie betrachtet den langen Tisch, an dem über dreißig Gäste gespeist, gesoffen, gefeiert und gestritten haben. Jetzt ist dieser Tisch gefüllt mit leeren Flaschen, Gläsern und schmutzigem Geschirr. 

CLARISSA. Das war also Hermanns Hochzeit. Jetzt ist auch das schon wieder Vergangenheit. Findest du nicht auch, daß jeden Tag etwas zu Ende geht? Manchmal fühle ich mich wie auf einem Karussell, es geht alles so schnell! 

Jetzt schweigt Volker. Seine Hände flattern wieder über die Tasten, kreuzen sich wie Schmetterlingsflügel, lassen die Farben der Töne schimmern. Clarissa ißt vom Rote-Bete-Salat. Sie ist in sich versunken. 

VOLKER. Sag, wie wär's? Nur zwei Tage.

CLARISSA. Vielleicht, ich weiß noch nicht. 

VOLKER. Du denkst an Hermann. 

Volker wollte diesen Satz eigentlich beiläufig sagen, so neben der Musik, wie seine anderen Sätze. Aber nun bleiben seine Klavierhände einfach stehen. Er erschrickt über die Stille, die er erzeugt hat. Clarissa schüttelt ihre Nachtgedanken ab. Sie versucht, frisch zu wirken, als sie aufsteht und mit ihrer Salatschüssel vor Volker hintritt. 

CLARISSA. Nein, überhaupt nicht! Gut, ich fahre mit dir. Wo fahren wir denn hin? 

Volkers Hände nehmen die musikalische Perlenkette wieder auf. Ein Lächeln fliegt über sein Gesicht. 

VOLKER. In die Lammer-Öfen?

CLARISSA. Was für Öfen?

VOLKER. Die heißen so. Das ist eine Schlucht an der Lammer in Österreich. 

Clarissa denkt nach. Sie kehrt in das Hochzeitszimmer zurück. Wieder steht sie vor der abgegessenen Tafel. Ein Ruck geht durch ihren Körper. Dann schleudert sie die Salatschüssel in die Luft, daß der rote Saft umherspritzt und die Scherben klirren. Ein irres Lachen entringt sich ihrer Kehle. 

CLARISSA. Gut, dann fahren wir eben in diese Öfen! 

Ihr Lachen geht in Weinen über. Clarissas Gesicht ist voller Blutspritzer. (Es sind die Spuren des Salatsaftes.) Volker spielt und flüchtet in die schwierigen Läufe des Klavierstücks. Die Freunde, die sich noch im Haus aufhalten, nehmen von Clarissas Ausbruch und Volkers Musik kaum Notiz. Jean-Marie hat endlich sein Dienstmädchen erobert. Er turtelt mit ihr, an die Holzvertäfelung gelehnt, und läßt sich von ihr den geschminkten Schnurrbart wegwischen, bevor er sie noch einmal küßt. 

JEAN-MARIE. Vous pensez a tout!

ANGESTELLTE. Bien sur, Monsieur! 

Reinhard und Olga spielen mit der Winchester, dem schönen Westerngewehr, das immer noch in der Villa herumliegt seit den Zeiten, da Stefan hier wohnte. Olga hält Reinhard den Lauf vor die Brust. 

OLGA. Du brauchst keine Angst zu haben.

REINHARD. Aha, glaubst du, ich habe Angst? Reinhard hält Olga die Brust hin.

OLGA. So meine ich das doch nicht! 

Reinhard versteht sie. Er zögert. Dann küßt er sie. Das Gewehr steht jetzt in den Fensterrahmen gelehnt, als Symbol verbraucht, als Waffe aber eine Realität. 

858 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Das Brautpaar ist noch wach. In einem der leeren Zimmer haben Schnüßchen und Hermann sich ein Matratzenbett gebaut. Sie versucht die Atmosphäre mit Kerzenlicht zu verbessern. In ihrem kurzen Nachthemd sieht sie sexy aus, und sie weiß das auch. Er liegt auf dem Rücken. Er sieht, wie sie auf ihn zukommt, sich rittlings auf seinen Schoß setzt und ihn anfunkelt. Er versucht sich ein wenig zu wehren, aber da reibt sie ihren Schoß so raffiniert auf seinem Bauch, daß es schnell um ihn geschehen ist. 

HERMANN. Sollen wir das ausgerechnet jetzt tun, in unserer Hochzeitsnacht? 

Schnüßchen lächelt nur. 

859 Villa Cerphal, Terrasse und Garten


Die Hochzeitsparty ist wieder in Gang gekommen. Zu den Rhythmen einer Beatles-Platte wird auf der Terrasse getanzt. Die Freunde brennen Wunderkerzen ab und amüsieren sich über die Cerphal, die in Ermangelung eines geeigneten Tänzers mit einer ausgestopften Puppe tanzt. Auch die Filmemacher sind nun wieder munter, und Clarissa tanzt mit Volker. Ein Schuß zerreißt die Nachtluft über dem Garten. Stefan ist der erste, der aufschreckt. Er sieht Juan, der sich auf der Wiese wälzt. Reinhard ringt mit Juan, entwindet ihm die Winchester, schreit den Freund an. 

REINHARD. Du spinnst wohl! 

JUAN. Mierda, dejen-me solo! 

Der Aufschrei Juans reißt die betrunkenen Tänzer aus ihrer Selbstvergessenheit. Was ist geschehen? Sie stehen erstarrt auf den Terrassenstufen. Reinhards Schatten löst sich von dem weinenden, sich krümmenden Juan. Mit der Flinte in der Hand kommt Reinhard näher. Er bringt fast keine Worte hervor. 

REINHARD. Juan, Juan hat sich, er wollte es . . . 

Stefan meint, daß er handeln muß. Er stürzt auf Reinhard los, um ihm das Gewehr zu entreißen. 

STEFAN. Du mit deinem Scheißgewehr! Seit zwei Jahren liegt es rum, jetzt ist endlich was passiert! Bist du jetzt zufrieden?

JUAN. Deien-me solo! 

Clarissa rennt los, um zu sehen, was mit Juan passiert ist. Sie kniet bei dem weinenden Freund nieder. Sie untersucht ihn, sie rüttelt ihn, sie ruft seinen Namen. 

CLARISSA. Kann mal jemand Verbandszeug holen? Juan, das ist nur aufgeschürft, das ist nur die Haut, glaube ich. Komm, dreh dich mal um. Tut dir das weh, spürst du das, wenn ich dich anfasse? Juan, sag doch irgendwas, bitte, Juan! Warst du die ganze Zeit hier? Ich wußte überhaupt nicht, daß du da bist! Warst du hier im Garten? 

Juan will sich nicht helfen lassen. Er wälzt sich von Clarissa weg und verweigert ihr den Blick in sein Gesicht. 

CLARISSA. Juan, du sollst dich nicht immer verstecken! Juan, wo warst du denn die letzten Monate, man hat überhaupt nichts mehr von dir gehört. Juan, ich bin's doch, jetzt guck mich doch mal an! Willst du denn nicht, daß ich dir helfe? Wir waren doch immer Freunde! 

Zwischen Stefan und Reinhard ist der Streit schärfer geworden. 

STEFAN. Meinst du, ich gehe wegen dir, wegen deinem scheißblöden Westerngetue, ins Gefängnis?

REINHARD. Jetzt halt doch mal die Klappe, du blödes Bürgersöhnchen, du!

STEFAN. Du weißt es genau, das verstöft gegen das Waffengesetz, mein Freund! Aber ich krieg dich dran, das sage ich dir, du bist kriminell!

REINHARD.So, mein Freund, das war schon lange mal fällig! 

Reinhard verpaßt Stefan eine mächtige Ohrfeige. Der beleidigte Stefan geht wie ein Berserker auf den dicken Reinhard los, so daß im Nu eine Schlägerei entsteht. Alex versucht noch einzuschreiten und gemahnt die »Genossen« zur Ruhe. Aber er bewirkt nur, daß noch böser losgeprügelt wird. Die Cerphal fährt dazwischen und wendet sich an Juan. 

FRÄULEIN CERPHAL. Hören Sie auf! Nicht auf meinem Grund und Boden! Sie sind hier alle meine Gäste gewesen, aber das geht mir zu weit. Juan, Sie enttäuschen mich! Ich habe gerade Sie für einen disziplinierten Menschen gehalten. Gerade Sie, mit Ihrem Fleiß und mit Ihren Talenten! 

Die Cerphal erreicht es, daß die Streithähne voneinander ablassen. Der Vorfall hat alle, die sich im Garten aufhalten, in hysterische Zustände versetzt. Helga fängt an zu schreien; Wladimir, ihr neuer Freund, schüttelt sie. Volker und Clarissa sehen sich entsetzt an, und Anikki löst sich von Rob. Sie fühlt sich schuldig vor Juan und rennt weg. 

ROB. Sag mal, Juan, ich hole einen Arzt, ja?

JUAN. Nein.

Juan, der am linken Oberarm blutet, geht beschämt ins Haus. Rob versucht, sich wegen Anikki zu entschuldigen, es hilft aber nichts. 

ROB. Das ist doch alles nicht ernst!

FRÄULEIN CERPHAL. Ich will wissen, wie das passieren konnte! 

Die Cerphal stellt Reinhard, der noch ganz benommen ist, zur Rede. 

REINHARD. Juan wollte sich ins Herz schießen. Ich konnte es gerade noch verhindern. 

Stefan sieht sich um. Hinter ihm steht Helga, an Wladimirs Brust geschmiegt. Sie atmet heftig. Volker starrt Clarissa an. 

VOLKER. Ich liebe dich, Clarissa.

CLARISSA. Volker, bitte nie mehr diese Worte, das ist meine einzige Bedingung! 

860 Villa Cerphal, Küche


Juan sitzt auf der Küchenbank. Geistesabwesend verbindet er sich seine Wunde mit einem Küchenhandtuch. Olga ist hereingekommen. Sie beobachtet Juan vom Tisch aus. 

OLGA. Du bist ein Träumer, Juan! 

Alex stürzt herein. Er ist so aufgebracht, daß er zunächst keine Worte hervorbringt. Olga wird heftiger. Sie bezieht Alex mit ein, als sie nun ihre Vorwürfe aus sich herausschreit. 

OLGA. Warum redet ihr über alles, bloß nicht über euch selbst, ihr blöden Kerle!

ALEX. Was ?

OLGA. Philosophie, ja, aber du, wo bleibst du? 

Alex baut sich vorJuan auf. Noch nie war er so empört. Er schreit, als ob er ihn für alles Unglück verantwortlich machen wollte, das ihm je im Leben widerfahren ist. 

ALEX (ringt nach Worten). Ich sage dir, das ist unmöglich! Das ist ein Angriff auf meine Person! Was fällt dir eigentlich ein? So was macht man nicht, das ist undenkbar. Wir sind doch denkende Menschen! Das ist unmoralisch! So etwas geht nicht, eine Schweinerei! 

861 Villa Cerphal, Garten


Stefan, der es nicht erträgt, daß Helga und Wladimir sich in diesem Augenblick küssen, lädt die Winchester durch. Er legt auf die beiden an. Frau Cerphal sieht das und reißt Stefan das Gewehr aus der Hand. Jetzt ist auch ihre Fähigkeit, die Situation länger zu ertragen, erschöpft. 

FRÄULEIN CERPHAL. Also, jetzt reicht es aber, Schluß jetzt!

HELGA. Spinnst du?

FRÄULEIN CERPHAL. Ich möchte, daß Sie jetzt alle mein Haus verlassen und meinen Garten, und zwar endgültig und für immer!

STEFAN. Das war doch nur Spaß, Fräulein Cerphal.

FRÄULEIN CERPHAL. Das ist kein Spaß! Ich mache von meinem Hausrecht Gebrauch! Jetzt ist Schluß! Ich will Sie alle nie mehr wiedersehen! Sie haben mich alle enttäuscht, alle. 

Auch Alex, der aus der Küche zurückkommt, hat sein Fett abbekommen. Er versteht überhaupt nichts mehr, warum die Cerphal nun auch ihn anbrüllt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Und jetzt kommen Sie mir noch und sagen Sie mir, Sie wollen hier in meinem Hause wohnen! Auch Sie werden mein Haus verlassen, und zwar auf der Stelle! Schluß jetzt! 

Fräulein Cerphal trägt das Gewähr ins Haus. Sie legt es mitten zwischen das abgegessene Geschirr, auf den großen Ausziehtisch. Die Freunde sind schlagartig nüchtern geworden. Ist dies wirklich das Ende ihrer schönen Jahre im »Fuchsbau« ? Sie gehen betreten umher. Dann setzen sie sich auf die Terrassenstufen oder in das Gras des Gartens. Der Morgen dämmert bereits. Da sitzen sie nun und schweigen: Reinhard, Stefan, Rob, Alex, Volker, Clarissa, Olga und Juan, Wladimir und Helga.