Film 9: Drehbuch

Neuntes Buch
Die ewige Tochter
(1965) 
 
901 Villa Cerphal, Garten


Man könnte sagen, ein Haus ist ein Haus, ist ein bestimmtes Gebäude, definiert durch Grundriß, Baustil, Größe, Alter, Zustand: jene Faktoren also, die seinen Wert als Immobilie ausmachen. Die Cerphal-Villa war aber der Ort der Träume, der heimatlosen Nächte des Freundeskreises um Hermann. Der Anblick des Hauses weckte Hoffnungen, ließ das Herz höher schlagen, wenn nachts das Licht im Terrassenzimmer brannte und die Stimmen der Diskutierenden in den Garten drangen, wenn man langsam näher kam und es nach tausend schwarzen Zigaret-ten roch und den leeren Flaschen unter der Balkonbrüstung. Jetzt erscheint das Haus vollkommen verändert, denn es brennt nachts kein heimliches Licht, und am Tag bleibt das Eingangstor zugesperrt. Der Blick über den Zaun bietet aus der Sicht des fremden Nachbarn eine gänzlich unbekannte Ansicht der Jahrhundertwendevilla: Das rissige Dach mit all seinen komplizierten Nebendächern, das Türmchen über dem Treppenhaus, die weitläufige Terrasse, der Schuppen, der Küchen-anbau, der Balkon vor den Gemächern der Hausherrin, das sind Bauele-mente, die auf der Straßenseite völlig hinter der üppigen Vegetation des Gartens verschwinden. Das Haus wirkt fremd und verlassen. Auch Juan sieht fremd aus, als er im Trikothemd mit einem eigenarti-gen, aus einer Zeitung gefalteten Sonnenhut auf dem Kopf im Garten arbeitet. Er ist dabei, den Weg zwischen Laubengang und Terrassentreppe zu pflastern. Seine Bewegungen widersetzen sich dem Zeitablauf. Sie verlaufen in zeitlupenartiger Verlangsamung in einem Rhythmus, der wie der Puls der Jahreszeiten oder des Pflanzenwachstums ist. Wenn j Juan einen Pflasterstein von dem großen Haufen nimmt, dann ist das der einzige Stein, den es in diesem Augenblick auf der Welt gibt, und dieser eine Stein sucht nun seinen Platz in einem MosaikLild. Dieses Bild, das nach und nach die Konturen einer indianischen Kultfigur annimmt, entsteht nicht aus einer Menge von Steinen und dem Muster ihrer Anordnung, sondern aus den Nachmittagsstunden und Juans Melan-cholie. Juan meditiert mit zehntausend kleinen Pflastersteinen. 

HERMANN. Fräulein Cerphal hatte ihr Hausverbot seit meinem Hoch-zeitstag aufrechterhalten. Die »Fuchsbau«-Jahre waren zu Ende. Für den ganzen Freundeskreis unerwartet, aber um so gründlicher hatte sich seitdem unser Leben verändert. Jeder werkelte nun in seinem eigenen, von allen alten Freunden isolierten Revier, schwieg über seine Projekte, zweifelte an seinem Talent und ließ sich nicht in die Karten gucken. Nur Juun hatte das Privileg behalten, im » Fuchs-bau« zu wohnen. Seit seinem Selbstmorduersuch mit Reinhards Gewehr hatte Fräulein Cerphal ihn in ihrer Obhnt behalten. Er war aber so unzugänglich geworden wie die ganze Villa und der Garten und all die Orte, an denen wir während einiger Jahre glücklich gewesen sind. 

Die Cerphal tritt auf den Balkon hinaus. Die Sonne trifft sie in die alten Kinderaugen: Sie hat Schwierigkeiten, Juans Arbeit zu beobachten in diesem blendenden Frühlingslicht, in das der Garten unter den kahlen Bäumen getaucht ist. Sie wendet sich an Herrn Gattinger, der aber im Zimmer hinter ihr nicht zu sehen ist. 

FRÄULEIN CERPHAL. So nach und nach bin ich mir immer sicherer, daß es richtig war, diese Studenten und jungen Künstler rauszuschmei-ßen. Ich bin wohl einer »idee fixe« hinterhergerannt all die Jahre. Als ob es möglich wäre, das alte Schwabing wiederaufleben zu lassen! Das war doch wohl eine ganz andere Zeit als die, in der wir heute leben. Ich hätte im I8. Jahrhundert geboren sein sollen, dann wäre ich in meiner Zeit gewesen, hätte einen literarischen Salon gegründet. Die besten Geister wären bei mir ein und aus gegangen. Damals war man auch noch nicht so auf die Jugend festgelegt. Ein Mensch war ein Mensch, ob er mit fünfzehn genial war oder mit fünfzig! 

Jetzt betritt Gattinger das Zimmer. Er liest in einem Buch, hört kaum zu, nickt aber, als folge er allen Gedanken seiner Herrin. 

FRÄULEIN CERPHAL. Die Künstler sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Mit Juan ist das etwas anderes. Er ist einfach ein besonderer Mensch. Wie schön er das Pflaster da unten gestaltet! 

Gattinger blättert um, entfernt sich wieder. Juan blickt einmal zur Cerphal herauf, als spüre er, daß von ihm gesprochen wird. Fräulein Cerphal bemerkt, daß sie die ganze Zeit ins Leere gesprochen hat. Sie ist empört. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ein Kunstwerk! Dabei ist er gar kein Künstler. Er ist universell und dabei so traurig. Ich konnte ihn doch nicht auf die Straße werfen, ihn als einzigen nicht! Aber er soll es auch nicht so leicht haben. Nicht daß er mir wieder Selbstmord begehen will. Er braucht festumrissene Aufgaben, die ich ihm geben muß! Er ist ein blendender Unterhalter, aber ich muß ihn arbeiten lassen. Gerold! 

902 In einem Taxi


Frau Ries, die alte Haushälterin der Cerphal, fährt im Taxi durch die Stadt. Daß sie sich solche Fahrten in ihrem Leben nicht oft geleistet hat, ist daran zu erkennen, daß sie brav wie ein Kind auf dem Rücksitz hockt, aus dem Wagenfenster schaut und über alles erstaunt ist, was vor ihren Augen vorüberzieht. Die Fahrt geht an einer Gruppe von Kastanienbäumen vorbei, die über und über in Blüte stehen. Beim Anblick dieser Frühlingspracht beginnt die alte Frau zu weinen. 
903 Straße vor Villa Cerphal und Garten

Das Taxi hält vor der Villa. Frau Ries steigt aus. Juan, der jedes Geräusch wahrnimmt wie ein empfindsames Tier, blickt auf, ist äußerst wach und gespannt, um dann wieder zu seiner Pflasterarbeit zurückzukehren wie ein Eingeborener. 
904 Villa Cerphal, Diele


Erschöpft erreicht Frau Ries die Diele. Ohne den Mantel zu öffnen oder ihren Hut abzusetzen, läßt sie sich in einen der Sessel fallen. Die Taschen, die sie mitgebracht hat, gleiten auf beiden Seiten ihrer müden Füße auf den Teppich. So sitzt sie eine Weile, bis sie merkt, daß die Cerphal oben auf der Galerie erschienen ist und sie fragend anblickt. 

FRAU RIES. Ich glaub, jetzt wird er's nimmer lang machen, Ihr Herr Vater. Ich habe gesehen, wie meine Mutter gestorben ist und Ihr Herr Großvater - und alle im Frühjahr. Das Frühjahr ist gegen die alten Leut, Fräulein Cerphal, das können Sie mir glauben! Verzeihen Sie, daß ich meine Mutter zum Vergleich herangezogen hab. 

Fräulein Cerphal kommt die Stufen herab, um Frau Ries besser sehen zu können. 

FRÄULEINCERPHAL. Geht es ihm denn schlechter? 

FRAU RIES. Wenn Sie ihn noch einmal sehen wollen, Ihren Herrn Vater, sollten Sie zu ihm fahren. Heute nacht ist Vollmond. Man kann nie wissen . . .

FRÄULEIN CERPHAL. Also, ich fühl mich bei Vollmond immer ziemlich kräftig. 

Sie versucht, den Gedanken an den Tod ihres Vaters abzuschütteln. Sie geht entschlossen weiter, öffnet eine Tür. Ist es nicht immer so gewesen im Leben, daß die Dinge sich gebessert haben, wenn man nicht an sie dachte? Plötzlich hat sie Zweifel. Sie kehrt um, setzt sich der Ries gegenüber. 

FRÄULEINCERPHAL. Was hat er denn gesagt?

FRAU RIES. Der Herr Geheimrat meinte, ich bräuchte die Wäsche da nicht mehr zu waschen. 

In den Taschen neben ihren Füßen befindet sich die Wäsche des alten Cerphal, die Frau Ries mitgebracht hat. 

FRÄULEINCERPHAL. Er hat öfter mal Depressionen.

Die Cerphal erhebt sich. Sie geht zur Garderobe, um den Mantel zu holen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was Sie da alles zusammenreimen, Frau Ries!

FRAU RIES. Fräulein Cerphal, Ihr Vater ist vierundachtzig. Sie sind ein rechtes Kind geblieben! 

Diese Äußerung mag so dahingesagt sein von der alten Frau, paßt aber zu dem Anblick, den Elisabeth Cerphal in diesem Augenblick bietet: mit ihrem naiven Blick und der Baskenmütze, die sie sich aufsetzt. 

905 Altenheim, Anfahrt


Schon der Anfahrtsweg durch einen parkartigen Privatwald zeigt die Exklusivität des Altenheims, in dem der alte Cerphal seit Jahren lebt. Uber dem Eingang steht in Antiqua-Schrift: »ST. JORDAN HAMBUR-GISCH-MUNCHNER SENIOREN-STIFTUNG«. Die Cerphal steigt aus dem Taxi mit den gedankenabwesenden, fahri-gen Bewegungen der höheren Tochter, die hinterher nicht sagen könnte, wie sie dahin gekommen ist, obwohl sie doch die Fahrt bezahlt hat und sich beim Aussteigen vom Chauffeur hat helfen lassen. Sie entdeckt die gepflegten Blumenrabatten neben der Hauswand. Ohne einen Moment zu zögern, reißt sie sich aus dem Beet die schönsten Blumen heraus und versucht mit nervösen Bewegungen daraus einen Blumenstrauß zu improvisieren, was ihr mißlingt. Sie geht schnell ins Haus. 
906 Altenheim, Zimmer des alten Cerphal 


Das Zimmer, das der alte Cerphal bewohnt, hat wenig Ähnlichkeit mit einem Krankenzimmer. Schon der Vorraum mit seinen edlen Einbau-möbeln und dem Messingschild neben der Tür erinnert an eine Suite in einem Luxushotel. Das Zimmer bietet einen herrlichen Blick auf den kleinen See und die angrenzende Waldlandschaft. Kostbare antike Möbel, Lieblingsstücke aus seinem Privatbesitz, geben dem alten Mann das Gefühl, mitten in seiner großbürgerlichen Welt geblieben zu sein. Die Frage, ob diese Welt untergegangen sei, braucht ihn hier nicht zu beunruhigen. Das Bett, in dem Fräulein Cerphals Vater liegt, ist ein seltenes Einzel-stück aus einer längst ausgestorbenen Handwerkskunst. Aus Eichen-holz geschnitzt, gedrechselt und verziert, hat es Dimensionen, die den ganzen Raum beherrschen. So betritt jeder, der hereinkommt, den Herrschaftsbereich dieses alten Mannes. Er regiert vom Bett aus, selbst wenn er - wie jetzt - mit geschlossenen Augen daliegt und mit seinem schmalen, zugepreßten Mund und dem henorstehenden Schädelkno-chen einer Mumie ähnelt. Eine Krankenschwester sitzt neben dem Bett und liest dem reglosen Mann etwas vor. Die Cerphal kommt herein, unterbricht die Vorleserin, sucht nach einer Vase für ihre Blumen und ergreift, da keine frei ist, einen der dekorativen Blumensträuße, die im Zimmer herumstehen. Sie reißt ihn aus seiner Vase, drückt ihn der verblüfften Schwester in die Hand und stellt ihren zerzausten neuen Strauß in die Vase. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wie geht s ihm denn?

SCHWESTER. Es geht gut.

FRÄULEIN CERPHAL. Lassen Sie uns allein! 

Die Art der Cerphal, mit Personal umzugehen, ist von umwerfender Sachlichkeit. Es wird sofort klar, daß in diesem Raum der alte hochherr-schaftliche Stil gilt, der einst in der Villa geherrscht haben muß. Fräulein Cerphal ist nun allein mit ihrem Vater. Sie nimmt ihren Blumenstrauß mitsamt Kristallvase und trägt ihn zum Bett. Dabei betrachtet sie den reglosen Mann genau. Sie setzt sich ans Kopfende und lauscht auf seinen Atem. Plötzlich hält sie ihm die Blumen vor die Nase. 

FRÄULEIN CERPHAL. Vati, guck mal, was ich dir geklaut habe! Wie findest du das ? 

Der Alte öffnet seine Augen nicht. Sein Gesicht bleibt ebenso leichenhaft und starr wie vorher. Beim Sprechen bewegen sich die blutleeren Lippen kaum. 

VATER CERPHAL. Hole etwas zum Schreiben, Papier und Stift, und dann komm endlich zur Ruhe! Ich habe den Kopf voller Dinge, die getan werden müssen. 

Die Tochter gehorcht sofort. Sie sucht einen Platz für die Blumen und versucht, sich im Raum zu orientieren. 

VATER CERPHAL. Öffne die rechte Schublade, da findest du alles! Kind, warum bist du immer noch so unordentlich? Du bist jetzt bald erwachsen.

FRÄULEIN CERPHAL. Kritisiere mich nicht! 

Ihr Einwand hört sich fast kindlich an. Fahrig öffnet sie die verschiede-nen Schubladen eines Barockschreibtischs. Der Vater liegt ausgestreckt und verschlossen da. Sein Gesichtsausdruck ist beliebig interpretierbar: ärgerlich, nachdenklich, krank, streng oder ängstlich. 

VATER CERPHAL. Ich sortiere gerade mein Leben. Da gibt es eine Reihe von unerledigten Dingen. In meiner Situation muß man reinen Tisch machen.

FRÄULEIN CERPHAL. Wie geht es dir, Vati? Soll ich dir nicht erst mal was erzählen? Zum Beispiel von einem wunderschönen Gespräch mit Dr. Zehetmeier gestern abend. Er läßt dich grüßen und will auch mal vorbeikommen. 

Dieser Ablenkungsversuch der Tochter entlockt dem alten Gesicht bestenfalls eine Grimasse. Er wartet nur darauf, daß die Tochter wieder an seinem Bett ist. 

FRÄULEIN CERPHAL. Evelyne ist übrigens eine wahre Künstlerin gewor-den, sie wird bald an der Pariser Oper singen.

VATER CERPHAL. Hör zu, mein Kind, das Wichtigste. Du gehst jetzt in den Verlag. ..

FRÄULEIN CERPHAL. Ja.

VATER CERPHAL ... im dritten Stock gehst du in mein Büro. Die Schlüssel dazu habe ich dir rausgelegt, da liegen sie, nimm sie an dich. Hast du sie?

FRÄULEIN CERPHAL. Ja. 

Um die Schlüssel zu erreichen, muß die Cerphal sich weit über den kranken Vater beugen. Fast legt sie sich dabei quer über seine Brust. Dennoch öffnet der Alte seine Augen nicht. 

VATER CERPHAL. Höre zu, du mußt auf folgendes achten: Der kurze Schlüssel ist der Generalschlüssel, damit öffnen sich alle Türen im Haus; der lange Schlüssel gehört zu meinem Büro. Und da gibt es noch die Schreibtischschlüssel. Jetzt notiere die Tresornummer. Bist du bereit? 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja.

VATER CERPHAL. Drei links, fünf rechts, vier rechts, vier links, fünf links, eins rechts, hast du's?

FRÄULEIN CERPHAL. Ja.

VATER CERPHAL. Leicht zu merken: fünfunddreißig habe ich das Ver-lagsgebäude aufgebaut, vierundvierzig wurde es ausgebombt, und einundfünfzig haben wir aufgebaut. Wo war ich stehengeblieben?

FRÄULEIN CERPHAL. Der Tresor!

VATER CERPHAL. Ah ja, richtig. Du findest darin oben links einen braunen Umschlag. Den bringst du mir, ungeöffnet!

FRÄULEIN CERPHAL. Ja.

VATER CERPHAL. Beeile dich!

FRÄULEIN CERPHAL. Jetzt gleich? Da ist doch jetzt zu, Vati. Die machen doch Feierabend, die Angestellten!

VATER CERPHAL. Geh doch durch die Eisentür am Parkplatz. Sowieso besser, wenn man dich nicht sieht. Das geht das Personal gar nichts an.

FRÄULEIN CERPHAL. Da paßt der Schlüssel auch?

VATER CERPHAL. Das ist ein Generalschlüssel! Weißt du nicht, was das ist? 

Erst bei diesem Satz macht der Alte die Augen auf, um seine Tochter strafend anzusehen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Der paßt überall. 

VATER CERPHAL. Außer zu meinem Büro, da paßt nur der lange. Ist das jetzt klar?

FRÄULEIN CERPHAL. Vati, endlich machst du die Augen auf! Ich habe gedacht, du willst mich nicht sehen. Frau Ries hat mich heute erschreckt. Seit vierzig Jahren drückt sie sich unklar aus! 

Die Cerphal drückt ihrem Vater einen zärtlichen Kuß auf die Wange. Sie ist plötzlich gerührt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ich habe gedacht, du stirbst.

VATER CERPHAL. Elisabeth, zieh das ruhig in Betracht. Ich kann die rechte Hand nicht mehr bewegen. Ich habe ein ungutes Gefühl.

FRÄULEIN CERPHAL. Meinst du?

VATER CERPHAL. Tue jetzt, was ich dir gesagt habe. Sei ein liebes Kind. Und bringe mir das Bild von deiner Großmutter mit, dann werfen wir diese Landschaft hier hinaus. 

Dem Bett gegenüber hängt ein Gemälde, das im Malstil des »Blauen Reiters« eine halb ins Abstrakte aufgelöste Landschaft zeigt. Ein Bild, das auf die kulturelle Aufgeschlossenheit hinweist, die im Hause Cerphal vor einem halben Jahrhundert geherrscht haben mag. 

VATER CERPHAL. Ich habe mich sattgesehen! 

Als die Tochter das Zimmer verlassen hat, fällt ein Strahl der Nachmittagssonne auf das Gemälde. Der zufällig beleuchtete Teil des Bildes, ein Hügel mit Bäumen, sieht im Lichtstrahl wie ein Totenschädel aus. Deutlich erkennt man die Augenhöhlen, das Nasenloch und sogar die Spiegelung dieses Schädels in einem darunter gemalten See. Der einsame alte Mann richtet sich auf, von Todesangst geschüttelt, starrt das Bild an und läßt sich dann erschöpft auf sein Bett zurückfallen. Er verbirgt seine Augen unter dem Leintuch. 

907 Am Maxmonument 


Auf dem Weg zum Verlagsgebäude hastet die Cerphal an Hermann vorbei, der zufällig mit seinem Fahrrad ihren Weg kreuzt. Sie hat ihn nicht beachtet. Er überlegt, ob er hinter ihr hereilen soll, verzichtet dann aber darauf. Es wird Abend. 
908 Vor Cerphal-Verlag

Als Fräulein Cerphal das Verlagsgebäude erreicht, ist es schon dunkel geworden. Sie muß eine Eisenbrücke über die Isar überqueren, um die verwinkelten Druckereigebäude und den Bürotrakt des Cerphal-Verlags zu erreichen. Der Nachtpförtner sieht die späte Besucherin nicht, weil er gerade einen Lkw aus der Einfahrt herauswinkt. So gelangt die Cerphal zur Eisentür, die der Vater ihr beschrieben hat, unbemerkt. Der Schlüssel, den sie in der Hand hält, paßt tatsächlich. Sie dringt in das nächtliche Gebäude ein. 
909 Cerphal-Verlag, Gänge 



909 Cerphal-Verlag, Gänge 


Durch einen muffigen Archivraum gelangt die Cerphal in die Garderobe, wo die Angestelltenspinde stehen. Dort gibt es wieder eine verschlossene Tür, aber auch hier paßt der Generalschlüssel. Nun geht es eine steile Holztreppe empor in die bessere Etage. Überall hängen Ölgemälde, die von den Wänden herunterschimmern. Sie betritt eins der alten Verlagszimmer. Hier steht eine Standuhr, die ganz in die Holzvertäfelung eingearbeitet ist. Auf dem verspiegelten Gewicht des Perpendikels fängt sich der Reflex einer Lichtquelle. Die Cerphal untersucht das geheimnisvolle Lichtphänomen, hört auf das Ticken der alten Uhr und geht weiter. Ihre Neugier ist geweckt. Die leeren Büros strahlen Würde und den Geist der vielen Bücher aus, die hier verlegt worden sind. Die Portraits berühmter Autoren hängen an den Wänden. In einer Vitrine sind die letzten Exemplare alter Editionen ausgestellt. Die Cerphal findet den Lichtschalter, mit dem sie eine Innenbeleuchtung in der Vitrine einschalten kann. Nun will sie auch den Glasdeckel hochheben, um eins dieser Bücher herauszunehmen. Mit der Bewegung des Deckels löst sie aber die Alarmautomatik aus. Sie braucht eine Weile, bis sie begreift, daß dieses ohrenbetäubende Schnarren und Tuten, das jetzt alle Räume durchfährt, von ihr verursacht worden ist. Der alarmierte Pförtner rennt durch den Hof. Die Männer des Werksschutzes stellen die »Einbrecherin« in einem Flur des Bürotrakts. 

FRÄULEIN CERPHAL. Keine Aufregung, meine Herren, Sie irren sich! Es scheint, als ob jemand Alarm ausgelöst hätte. Sehen Sie nach, und leuchten Sie mich bitte nicht so an!

WACHMANN. Wie sind Sie hier hereingekommen? Und was haben Sie da in der Hand? Schlüssel? Geben Sie mir mal die Schlüssel her! 

Die Cerphal wird jetzt böse. Was nehmen sich diese Angestellten heraus? Sie verteidigt ihren Generalschlüssel. Der Werkschutzmann aber ist stärker als sie und entwindet ihn ihrer Hand. 

FRÄULEIN CERPHAL. Das sind meine Schlüssel! Tun Sie doch nicht so, als ob Sie sich hier in einem Regierungsgebäude befänden! Ich finde das richtig, daß Sie Ihre Pflicht tun, aber jetzt übertreiben Sie! Bitte, geben Sie mir meine Schlüssel zurück, und gehen Sie an die Arbeit.

WACHMANN. Jetzt gehen wir mal miteinander nach unten. 

Der Werkschutzmann hat die Cerphal im Polizeigriff. So führt er sie die Treppe hinunter. 

FRÄULEIN CERPHAL. Fassen Sie mich nicht an, ich bin eine Cerphal, damit Sie Bescheid wissen! Das Büro gehört meinem Vater, und da haben Sie keine Rechte.

WACHMANN. Wir werden ja sehen. ..

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, das werden Sie auch sehen! Sie werden gleich sehen, was Sie hier anrichten.

WACHMANN. Jetzt kommen Sie einmal mit hier runter, dann gehen wir 

Sie ist nun einmal als Einbrecherin festgenommen worden, und da kann sie die Dinge nicht mit Argumenten ändern. Sie wird von den Beamten in den Streifenwagen bugsiert, obwohl sie heftig protestiert. 

FRÄULEIN CERPHAL. Mein Schlüssel! Der Mann da hat noch meinen Schlüssel! 

911 Villa Cerphal, Garten und Eingang


Alex macht in dieser Nacht den Versuch, in den »Fuchsbau« einzudringen, wie er das jahrelang gewohnt war. Er ist entschlossen, mit dem von Fräulein Cerphal ausgesprochenen Hausverbot endlich Schluß zu machen. Er rüttelt an dem verschlossenen Gartentor. 

ALEX. Nanu, was ist denn das? 

Er ist empört. Das Tor war niemals zuvor verschlossen. Er entschließt sich, über den Zaun zu steigen. Da erscheint der Dackel von Herrn Gattinger im Garten. Er kommt angerannt und bellt wie verrückt. 

ALEX. Ist ja gut, Wasti! 

Beim Herunterspringen zerreißt Alex sich an einer Zaunlatte das Hosenbein. Dennoch läßt er sich nicht abhalten. An der Haustür hält Frau Ries ihn auf. 

FRAU RIES. Alex? 

ALEX. Guten Abend, Frau Ries. Der Hund scheint mich zu verwechseln. 

FRAU RIES. Wie kommen Sie denn da herein? Sind Sie über'n Zaun gestiegen?

ALEX. Ja, aber da ist doch keine Klingel dran.

FRAU RIES. Aber deswegen können Sie doch nicht einfach einbrechen! Gut, daß Fräulein Cerphal nicht zu Hause ist!

ALEX. Sie kennen mich doch, Frau Ries.

FRAU RIES. Ich war immer dagegen, daß hier jeder kommen und gehen durfte. Früher war das anders. Es muß doch eine Ordnung haben. Alle halten sich daran, nur Sie nicht. Sie haben keine Kinderstube, Herr Alex. 

Wenn Alex schon keine Kinderstube hat, dann kann er auch noch weitergehen. Er schlüpft unter den abwehrenden Armen der Haushälte-rin hindurch ins Haus. 

912 Villa Cerphal, Terrassenzimmer 


Alex besucht Juan. Als er die Türen zu dem vertrauten Zimmer öffnet, sieht er den Freund in seiner komfortablen Einsamkeit an einem Tisch sitzen. Die polierte Edelholzplatte ist angefüllt mit zahllosen Papierfigu-ren: Reptilien, Elefanten, Vögel und geometrische Körper sind dabei, Pyramiden, Kästchen, Sterne und Blumen. Juan hat all diese Figuren nach alten japanischen Vorlagen gefaltet. Er bemerkt kaum, wie Alex hereinkommt und sich zu ihm setzt. 

ALEX. Grüß dich, Juan. Was machst du denn hier? 

Juan hält eine Figur, die er gerade fertig gefaltet hat, vor Alex' Augen. Sie stellt ein Urwelttier dar, das fast so aussieht wie in den Trickfilmen: mit grüner Oberfläche, einem riesigen gewundenen Schwanz, zwei Vo-gelbeinen und einem hochgereckten Hals, auf dem der kleine Kopf sitzt. JUAN. Ein Brontosaurus aus einem Stück Papier. All diese Tiere hier sind aus einem Stück Papier gemacht. Das nennt man Origami, die Kunst des Papierfaltens. Mehr als fünfhundert Jahre Tradition! Alex betrachtet die Kollektion von Tieren auf Juans Tisch. Sie bilden einen ganzen Mini-Zoo aus Papier. Ein erschütterndes Zeugnis von Juans Einsamkeit in diesem Haus. Jetzt hat er einen fußballgroßen Körper in die Hand genommen. Er besteht aus ineinanderverschränkten kleinen Pyramiden. 

JUAN. Schau dir das hier an. So was gibt es nicht in der Natur. Ein »Ikosaedro«, ein regelmäßiger Körper. Es gibt nur fünf davon. Zwanzig gleiche Dreiecke. So was finde ich faszinierend. Du nicht?

ALEX. Rein philosophisch betrachtet, bist du

913 Kellerkneipe »Renates U-Boot«

Alex hat Juan dazu gebracht, einmal sein einsames »Fuchsbau«-Zimmer zu verlassen. Renate, die stets nach größeren Aufgaben suchende Schwäbin, hat zusammen mit dem sächsischen Aufnahmeleiter Bernd eine Kneipe aufgemacht. »Renates U-Boot«, so nennt sie das Kellerlokal, das in einer sehr untypischen Gegend Münchens liegt, in einer ehemaligen Schnapsfabrik. Die Kneipe geht gut. Die Gäste, meist junge Leute im Studentenalter, strömen herein. Alex ist schon Stammgast. Er kann Juan führen, als sei er selbst der stolze Kneipenbesitzer. 
914 Renates U-Boot«, Schänke und Bühne


Über einer ehemaligen Rollbahn für Schnapsfässer gelangt man unter Tonnengewölben zu einem Garderobenraum, in dem sich Renate, hinter einem Vorhang verborgen, für einen Auftritt auf der kleinen Hausbühne zurechtmacht. Alex zieht den Vorhang beiseite, um Juan Gelegenheit zu bieten, Renate zu begrüßen. Die aber ist vor ihrem Schminkspiegel völlig darauf konzentriert, ihr Gesicht in das schimmernde Antlitz einer Meerjungfrau zu verwandeln. Bernd, als »U-Boot«-Wirt in Matrosenanzug und Kapitänsmütze, nimmt sich der Freunde an. 

BERND. Hat es Sie auch hierher verschlagen, Herr Juan? Der Alex gehört schon zu unseren Stammgästen, stimmt's? Er bekommt schon speziellen Hausrabatt. 

Alex zeigt scherzhaft einen Schlüsselbund den er aus seiner großen Tasche gezogen hat. 

ALEX. Mein Hausschlüssel!

BERND. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Räumlichkeiten. Gehen wir runter. Vorsicht, Köppe einziehen! Sie kommen gerade rechtzeitig, in fünf Minuten fängt die Vorstellung an. Das eigentliche Lokal liegt noch ein Stockwerk tiefer und kann über eine steile Holztreppe erreicht werden. Der Weg dorthin führt unter einem niedrigen Kellergewölbe hindurch. Dort, wo die Treppe beginnt, liest Juan einen Spruch, der auf die Wand geschrieben steht: »BIS HIERHER —UND NOCH WEITER«. 

ALEX. Die Losung des Tages.

BERND. Unser Herr Aufhäuser sitzt da hinten in der Ecke. Den kennen Sie ja ooch.

ALEX. Ja ja.

BERND. Der hat seine Cutterin mitgebracht, Fräulein Dagmar heeßt se. 

ALEX. Fräulein Dagmar heeßt se . . .

BERND. Wen kennen Sie noch? Gucken Sie sich ruhig'n bissel um. Wir sind für alle offen, nicht zu offen, denn wenn wir heute zu offen sind, sin mer morgen zu! Sie verstehen, was ich meene. . . 

Der völlig veränderte Gastraum ist mit Hilfe bemalter Kulissenwände als das Innere eines Unterseeboots dargestellt worden. Dekorativ stehen allerlei Requisiten aus der Schiffahrt umher; von der Decke hängen Gegenstände wie ausgestopfte Fische, Rettungsring, Schiffslaternen. Die Dekorateure versuchten, den Raum als Schiffsinneres zu gestalten. Da er keine Fenster hatte, sind die eisernen Gestelle und Installationen der ehemaligen Schnapsfabrik in die Kneipenausstattung einbezogen worden. Juan entdeckt gleich am Eingang ein Plakat. Es kündigt ein Konzert mit Ravels berühmtem Klavierkonzert für die linke Hand an. Juan erkennt den Solisten, der auf dem Plakat abgebildet ist.

JUAN. Volker! 

Alex, der das Lokal durchstreift, hat auf seiner Suche nach Saufgenossen den Filmemacher Stefan getroffen. Stefan ist in Begleitung einer hübschen Blondine. 

STEFAN. Ja, das ist Fräulein Dagmar, meine Cutterin, und das ist Alex, mein Hausphilosoph.

BERND. Na, Alex, was wollen Sie trinken? 

ALEX. Vielleicht ein schönes Frischbier? 

Schon ist es Alex gelungen, eingeladen zu werden. Juan hat inzwischen Helga entdeckt, die an einer Wand neben den Toiletten eine Inschrift anbringt. 

JUAN. »Das Kapital ist scharf auf.«

HELGA. »Nullen!« 

Diesen Satz schreibt Helga so, daß die Doppelnull, die den Weg zur Toilette markiert, in ihre Grafik einbezogen wird. Juan denkt über ihren Spruch nach. Er lächelt. Renate tritt auf ihrer Kleinkunstbühne auf. Oberhalb der Theke und nur von einem Teil der Kneipe aus einsehbar, erhebt sich die Bühne bis dicht unter die Deckenwölbung. Renate hat ein Phantasiekostüm an, das sie als Meerjungfrau ausweist. Sie schleppt einen gewaltigen, mit Goldpailletten bestickten Fischschweif hinter sich her. Auch ihr üppiger Körper ist in diese goldglitzernde Fischhaut gezwängt. In den Haaren trägt sie eine Art Algengeflecht. Eine endlose Kette aus unechten Perlen, goldene Schuhe und künstliche Goldhaare machen den »unterseeischen« Auftritt zur perfekten Parodie seiner selbst. Begleitet von den Blasmusikern, die sie auf Hermanns Hochzeit kennengelernt hat, singt Renate nun auch den Tango von damals. 

RENATE (singt). 

» Komm, tanz mit mir unsern Tango d'amor, Ich bin verliebt wie noch niemals zuvor. Schön war für mich jede Stunde mit dir Komm, tanz noch einmal mit mir. « 

Helga, die nun ebenfalls Stefan entdeckt hat, rennt freudestrahlend durch das Lokal. Schon von weitem ruft sie Stefan eine freudige Nachricht zu: 

HELGA. Stefan, ich bekomme ein Kind! 

Zuerst sitzt Helga nur Stefan gegenüber und sieht ihm in die Augen. Plötzlich küßt sie ihn auf den Mund. Stefan ist verwirrt, läßt sich aber auf den Kuß ein. Renate plärrt ihren Tango, Juan tanzt mit Olga, die er inzwischen getroffen hat; die Gäste bestaunen die glitzernde Meerjungfrau auf der Bühne, und Stefan denkt verzweifelt über Helgas Satz nach. 

STEFAN. Helga, ich bin mir nicht bewußt, dir ein Kind gemacht zu haben.

HELGA. Es ist ja auch nicht von dir!

ALEX. Ich würde es ja Stefa-nie nennen. 

HELGA. Nie! 

Helga hat eine unglaubliche Art, Stefan zu quälen. Sie steht auf und läßt ihn einfach sitzen. Renate singt um ihr Leben. Die Töne wollen einfach nicht gehorchen und geraten immer haarscharf daneben. Um so überzeugender sind Renates Bewegungen und ihr unzähmbares Verlangen, als »Star« entdeckt zu werden. 

915 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Hermann und Schnüßchen haben sich die kleine Mansardenwohnung inzwischen mit wenig Geld, aber mit all den Dingen ausgestattet, die sie für ihr neues Familienleben brauchen. Ein Jahr ist seit der Hochzeit vergangen, und die Tochter Lulu-Simone ist geboren. Die Kleine ist jetzt vier Monate alt, ein Alter, in dem sie täglich Mengen von schmutziger Wäsche produziert. Schnüßchen wäscht und bügelt. Sie ist eine richtige Hausfrau geworden, die sich darum bemüht, auch ihrem Mann die Atmosphäre des Behütetseins zu schaffen. Lulus Windeln und Strampelhosen sind im Flur der kleinen Wohnung zum Trocknen aufgehängt. Hermann sitzt am Küchentisch und versucht zu komponieren. Aber Schnüßchen stört ihn mit dem »Tango d'amor«, den sie noch falscher als Renate vor sich hinsingt. Hermann unterbricht seine Arbeit. 

HERMANN. Schnüßchen! 

SCHNÜSSCHEN. Tut mir leid! 

HERMANN. In den »Fuchsbau«-Jahren hatten Schnüßchen und ich oft darunter gelitten, daß die Freunde uns fast jede Nacht besuchten. Zu den unmöglichsten Zeiten! Wenn der Verkehr auf den Straßen ruhte und die letzte Kneipe der Stadt geschlossen war, sind sie über uns hergefallen wie ein Vogelschwarm. Sie überrollten uns mit ihren Diskussionsthemen, fraßen den Kühlschrank leer und hatten unend-lich viele Fragen; Fragen, die keine Selbstverständlichkeit duldeten; Fragen, die den verschlafenen Geist wieder wachrüttelten; Fragen, die Unruhe und Protestgeist weckten und das Verlangen nach einer wahnsinnigen Freiheit. Das war nun vorbei. Jetzt hatten wir unsere Ruhe in der Nacht. Schnüßchen und ich - und unser Kind. 

Die Kleine wacht auf und weint. Schnüßchen, die das Kind nicht mehr stillt, um wieder arbeiten zu können, bereitet aus abgekochtem Wasser und Milchpulver ein Fläschchen für das Baby. 

SCHNÜSSCHEN. Ja, isch komm ja schon. Ach, Simonschen, mein kleines Hässchen. Na, komm mal her, jetzt gibt's was zu futtern. 

Sie bevorzugt es, die Tochter mit ihrem zweiten Namen zu nennen, der Hermanns Nachnamen nachempfunden ist, während Hermann das Kind lieber Lulu nennt. Dieser Name erinnert ihn an ein Traumbild, das ihn früher begleitet hat. Dieses Traumbild ist natürlich in Gestalt eines Kindes weit in die Zukunft verbannt. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann!

HERMANN. Ja ?

SCHNÜSSCHEN. Ich mach mir Sorgen.

HERMANN. Warum?

SCHNÜSSCHEN. Dat wir disch hemme.

Hermann unterbricht seine Arbeit, die jetzt ohnehin keine Chancen mehr hätte. Er setzt sich neben Schnüßchen in das Ehebett und sieht zu, wie die Kleine gefüttert wird. 

SCHNÜSSCHEN. Hemmen wir dich, die Simone und isch? Wir müssen doch ein furchtbarer Klotz an deinem Bein sein. Manchmal weiß isch gar net mehr, wie wir uns noch kleiner mache solle. 

Von nebenan ertönt das Tackern einer Schreibmaschine. Es ist der Untermieter der beiden, der das größere der zwei Mansardenzimmer bewohnt. Herr Roos raucht und tippt. 

SCHNÜSSCHEN. Ich hab schon mal gedacht, wir sollten dem Herrn Roos kündigen, aber der findet ja auch net so schnell was Billiges! Sag, Hermann, hemme wir disch? 

HERMANN. Ach, Schnüßchen, mach dir keine Gedanken. Ich hab dich doch lieb!

SCHNÜSSCHEN. Guck mal, wie schön sie getrunke hat. Mein Herz-chen . . . 

Hermann nimmt das Baby auf, um es sein »Bäuerchen« machen zu lassen. Er klopft ihm auf den Rücken und trägt es im Zimmer herum. 

HERMANN. Manchmal habe ich das Gefühl, sie ist nur zu Besuch bei uns. Na, Lulu? Guck mich doch mal an (lacht). Ich freue mich schon drauf, wenn sie was sagen kann! Neulich habe ich das mal geträumt. Da ist sie zu mir ans Bett gekommen und hat das Köpfchen auf meine Schulter gestreckt und hat mit mir gesprochen, ganz wie eine Große, ganz lang, und hat mich ins Vertrauen gezogen und hat gesagt: »Das verraten wir jetzt aber keinem, daß ich sprechen kann.« Und sie hat erzählt und erzählt, ich weiß gar nicht mehr, was. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, isch will dem Herrn Roos kündigen. 

Machen wir dat? Dann haste auch Platz für'n Klavier. Während Hermann die Kleine ins Bettchen legt und die Spieluhr, Fräulein Cerphals Hochzeitsgeschenk, in Gang setzt, macht sich Schnüßchen wieder an die Hausarbeit. Bei dem Liederpotpourri aus der Spieluhr schläft das Kind schnell ein. 

HERMANN. Wenn ich mir überlege, wieviel Menschen früher immer um uns waren, im »Fuchsbau«, da ist doch keine Nacht vergangen, ohne daß nicht wenigstens zwei, drei Freunde gekommen sind. Das fehlt mir manchmal. Jetzt hat uns schon seit Monaten keiner mehr besucht. Von den meisten weiß ich nicht einmal mehr, was sie überhaupt machen.

SCHNÜSSCHEN. Hermann, gibst du mir dein Unterhemd?

HERMANN. Das ist doch völlig verschwitzt!

SCHNÜSSCHEN. Komm, gib et her! Ich hab das so gern an mir, das mußt du mir schon glauben. 

Hermann muß sein Unterhemd ausziehen, damit Schnüßchen es als Nachthemd-Ersatz tragen kann. Sie deckt das Baby zu, dämpft das Licht, indem sie ein Tuch über die Nachttischlampe breitet, und legt sich unter ihr Federbett. Hermann, der sie bei ihren Wegen durchs Zimmer beobachtet hat, spürt das Verlangen nach Zärtlichkeit in sich aufsteigen. Er erhebt sich, schließt die Verbindungstür zur Küche hinter sich und schlüpft zu Schnüßchen unter die Decke. 

SCHNÜSSCHEN. Du hast mir immer noch net gesagt, ob wir disch hemmen.

HERMANN. Ach, Unsinn, Schnüßchen. Was denkt du, wie der Mozart komponiert hat, mit dem Stall voll Kinder!

SCHNÜSSCHEN. Ach, der ist aber auch dauernd fremdgegange.

HERMANN. Das ist eben der kleine Unterschied zwischen dem Mozart und mir (beide lachen). Wenn's jetzt klingeln tät, und die Freunde stünden draußen, um uns zu besuchen, dann täten wir einfach nicht aufmachen!

SCHNÜSSCHEN. Wir täten sie draußen in der Kälte stehenlassen, bis sie blau anlaufen.

HERMANN. Ich tät einen Zettel runterschmeißen und draufschreiben: » Kommt wieder, wenn wir euch nicht brauchen. «

SCHNÜSSCHEN. Hermann, laß dir net in die Karten gucken! Du mußt vorsichtiger werden. So ebbes nützen die Leut' aus. 

Schnüßchen ist schläfrig geworden. Hermanns Nähe macht sie nicht etwa liebesgierig, wie er gehofft hat, sondern entspannt sie, so daß sie gleich wegtaucht in den Schlaf. 

HERMANN. Meinst du? Ich steh noch mal auf. Mir ist grad noch was eingefallen. Das möchte ich noch eben aufschreiben.

SCHNÜSSCHEN. Ist gut, Hermann, dann frag ich disch morgen noch mal, ob wir disch hemme. 

Als Hermann die Küche betritt, begegnet er dem Untermieter, der sich eine Kanne Tee aufbrüht. Hermann grüßt kurz, sagt aber nichts weiter. Herr Roos stellt den Wasserkessel zur Seite, nimmt die Teekanne und verläßt die Küche. 

HERR ROOS. Gute Nacht. Die Tür mache ich zu, ja?

HERMANN. Ja ja. Gute Nacht.

Hermann sieht zum Fenster hinaus. Unten fährt ein Funkstreifenwa-gen mit Blaulicht vorbei. Sonst ist die Welt da draußen friedlich und fremd. 

916 Villa Cerphal, Zufahrt und Eingang 


Juan kommt von Renates Kneipe zurück. Er ist ein bißchen betrunken, seine Bewegungen sind nicht mehr so kontrolliert wie sonst. Deswegen hat er auch Schwierigkeiten mit seinem Hausschlüssel, der ihm aus der Hand gleitet, während er versucht, das Tor aufzusperren. Der Schlüssel landet in einer Pfütze. Und weil er ihn in der trüben Brühe nicht mehr finden kann, ist Juan verzweifelt. Blendendes Scheinwerferlicht trifft Juan, während er neben der Pfütze kniet. Das Licht kommt von den Scheinwerfern eines Polizeiautos, das in die Einfahrt rollt und direkt vor Juan zum Stehen kommt. Fräulein Cerphal, von den beiden Streifenbeamten, die sie im Verlagshaus festgenommen haben, begleitet, entsteigt dem Funkwagen. Sie ist auch ein bißchen »betütert«. Es scheint also auf dem Revier nicht allzu schlimm gewesen zu sein. 

FRÄULEIN CERPHAL. Meine Herren, wenn Sie jetzt nicht im Dienst wären, dann würde ich Sie ja gerne noch zu einem Schluck in mein Haus einladen. Aber leider sind Sie ja im Dienst. Sie sind doch im Dienst?

POLIZIST. Allerdings. Vergessen S' doch nicht den Generalschlüssel, gnädige Frau. 

Sie wird »gnädige Frau« genannt. Das genügt ihr. Sie nimmt den Schlüssel in Empfang und steuert auf Juan zu, den sie am Boden knien sieht. 

FRÄULEIN CERPHAL. Sind Sie verletzt, Juan? Was machen Sie denn da unten?

JUAN. Mein Schlüssel...

FRÄULEIN CERPHAL. Das scheint ja der Tag der verlorenen Schlüssel zu sein, heute. Da, nehmen Sie den Generalschlüssel. 

Es ist alles nicht sehr logisch an diesem Abend. Juan hat seinen Schlüssel wiedergefunden und will gerade das Tor aufsperren, während der Generalschlüssel, den er in Händen hält, hier überhaupt nicht paft. Die Cerphal wankt zu den Polizisten zurück. 

FRÄULEIN CERPHAL. Also, meine Herren, nochmals vielen Dank für Ihre freundliche Behandlung und daß Sie mich hierhergebracht haben. Grüßen Sie Ihren Inspektor. Wiedersehen Leopold, auf Wiedersehen Karl. Oder, nee, Sie waren der Leopold, umgekehrt! Auf Wiederse-hen! 

Während der Streifenwagen nun wieder wegfährt, folgt die Cerphal Juan auf ihr Grundstück. 

FRÄULEIN CERPHAL. Juan, ich mache mir Sorgen, ich verwechsle alles. Dieser Generalschlüssel überfordert mich. Wissen Sie, daß mein Vater sehr krank ist? Leben Ihre Eltern noch?

JUAN. Nur meine Mutter.

FRÄULEIN CERPHAL. Alles, was ich bin und was ich habe, das verdanke ich meinem Vater: dieses Haus, die Vergangenheit und vielleicht auch die Zukunft. Aber ich habe nie überlegt, daß ich das alles auch mal verlieren könnte. Man hat mich heute für eine Kriminelle gehalten. Können Sie sich das vorstellen?

JUAN. Ja.

FRÄULEINCERPHAL. Ja? Also, das müssen Sie mir aber jetzt erklären. Sie machen mir ja angst. Juan, kommen Sie mit ins Haus, und wir trinken noch etwas zusammen.

JUAN. Nein, danke, ich habe schon genug getrunken.

FRÄULEIN CERPHAL. Ach, da machen Sie sich einen kräftigen Tee! Wissen Sie, ich habe noch nie in meinem Leben einen Toten gesehen. Können Sie sich das vorstellen? Auch nicht im Krieg. Während der Bombenangriffe auf München bin ich hier in diesem Haus gewesen, und ich habe nachts die Flammen der brennenden Stadt gesehen. Wie sich das in den Wolken widerspiegelte! Alles, was mit Ekel und Blut zusammenhängt, das ist bisher an mir vorübergegangen. 

Die beiden kommen an der Haustür an. Juan sperrt auf. Die Cerphal bleibt draußen.

JUAN. Vielleicht werden Sie bald einen Toten sehen.

FRÄULEIN CERPHAL. Ich bin völlig ratlos, Juan. Ich bin ratlos. 

Sie setzt sich einfach auf die obere Stufe der Haustreppe. Juan dreht sich noch einmal nach ihr um, dann geht er hinein, um Tee zu kochen. 

917 Villa Cerphal, Küche, Räume der Cerphal


Es ist still geworden im nächtlichen » Fuchshau «. Juan hat seinen Körper wieder ganz unter Kontrolle. Er gießt mit exakten Bewegungen den Tee auf und reinigt seine von der Pfütze verschmutzte Anzughose. Dann bereitet er ein Tablett mit Teekanne, Tasse, Zuckerdose, Zitronenhälf-ten und Löffelchen, alles perfekt hergerichtet. Er trägt es vorsichtig die Treppen hinauf. Oben durchquert er den Salon und findet Fräulein Cerphal, die im Kleid, mit Schuhen und dem Hut auf ihrem Kopf, in ihrem weißen Schleiflackbett eingeschlafen ist. Ohne ein Geräusch zu machen, trägt Juan das Tablett zu ihr, stellt es auf dem Nachttisch ab, dann schaltet er das Licht aus. Er läft die Cerphal schlafen. 
918 Fuchsstraße, Villa Cerphal


Am folgenden Tag scheint die Sonne. Die Cerphal-Villa wirkt gegen Mittag noch wie ausgestorben. Hermann kommt näher. Er schiebt einen Kinderwagen mit seinem Kind Lulu vorbei. Am Gartentor hält er an. Er probiert aus, ob sich das Tor noch so wie früher öffnen läßt. Dazu führt er einfach die flache Hand zwischen den Latten hindurch und drückt die Klinke nach unten. Das Schloß springt aber nicht mehr auf. Es hat sich alles geändert. Ein Hund bellt, aber es ist nicht Gattingers Wasti. Die Villa, halbversteckt hinter leicht bewegtem Astwerk, ist nur noch eine Erinnerung. Hermann nimmt sein Baby in den Arm, weil es von einem Flugzeuggeräusch aufgewacht ist. Der landende Jet fliegt ganz tief über München. 
919 Flughafen, Landebahn

Der Jet schwebt über der Landebahn von München-Riem ein und setzt seine Räder auf die Betonpiste. Staub wirbelt auf. 
920 Flughafen München



901 Villa Cerphal, Garten


Die Ankunftshalle füllt sich mit den Passagieren, die aus Amerika eingetroffen sind: Touristen, Geschäftsleute, Familien. Clarissas Mutter und Dr. Kirchmayer, die aus Wasserburg gekommen sind, recken die Hälse, können aber die junge Musikerin nicht entdecken. Clarissa hat sich in den Monaten ihrer Abwesenheit sehr verändert. Ihre Haare bilden einen Turm über dem geschminkten Gesicht, das hinter einer riesigen Sonnenbrille fast verschwindet. Auch das Jackenkleid ist neu. Es hat einen amerikanischen Schnitt, wie er hier noch nicht üblich ist. Sie erkennt die Mutter in der Menge. 

DR. K. Ich freue mich!

CLARISSA. Ich habe überhaupt nicht mit euch gerechnet!

MUTTER CLARISSA. Clarissa, mein Kind, ich habe so gebetet, daß du heil runterkommst. 

Dr. Kirchmayer, der mit einem Blumenstrauß noch im Hintergrund geblieben ist, entdeckt auf Clarissas Cellokasten eine eingedrückte Stelle, gerade da, wo sich der Steg befinden muß. Er beugt sich zu dem Kasten, um die Delle zu untersuchen. 

DR. K. Clarissa, was ist mit dem Cello passiert? Ist es hingefallen? 

Clarissa löst sich aus den Armen der Mutter. Jetzt erkennt auch sie den Schaden. Sie kniet nieder, um den Kasten zu öffnen. Der Anblick ist erschütternd. Das wertvolle Instrument ist an mehreren Stellen zersplit-tert. Saiten und Steg hängen traurig über der aufgerissenen Decke. Die F-Löcher sind ausgefranst, zersplittertes Holz liegt umher. Clarissa rennt weinend durch die Halle. Verzweifelt trampelt sie gegen die Flughafenwand, zwischen Tränen und Wutausbrüchen. 

MUTTER CLARISSA. Wie kann denn so was vorkommen? Clarissa, sag, was passiert ist, was ist denn vorgefallen? 

CLARISSA. Ich hab's geahnt, den ganzen Flug über hab ich's geahnt! Dieser blöde Idiot, der mir das eingeredet hat, ich könnte das Cello ruhig als Reisegepäck mitnehmen, er würde sich persönlich darum kümmern. Ich hab's ja nicht glauben wollen, aber ich wollte das Geld Sparen, weil sie für das Cello . . . Sie verlangen dafür mehr als für eine Person, wenn man es mit in die Kabine nehmen will. Dabei ißt ein Cello nichts und trinkt ein Cello nichts und sagt noch nicht mal einen Rucks. Oh, Scheiße, ich hab's gewußt! 

Sie kehrt zu ihrem Cello zurück, das Dr. Kirchmayer inzwischen schwei-gend gehütet hat. Sie betrachtet das zerstörte Instrument.

MUTTER CLARISSA. Hauptsache, dir ist nichts passiert!

CLARISSA. Ach, Muter, das kann ich jetzt überhaupt nicht hören! Siehst du denn nicht, was passiert ist? Ist es denn nicht genug? Zweihundert Jahre hat es auf mich gewartet. 

921 Im Auto von Dr. Kirchmayer


Während der Fahrt nach Wasserburg hält Clarissa auf dem Rücksitz ihr krankes Cello zärtlich in den Armen. Sie ist in Gedanken versunken. Immer noch fließen die Tränen, und sie hat keinen Blick für die schöne bayerische Landschaft, die sie so lange nicht mehr gesehen hat. Die Mutter versucht, sie auf andere Gedanken zu bringen. Sie wendet sich nach der Tochter und kramt einen Zeitungsartikel aus ihrer Hand-tasche. 

MUTTER CLARISSA. Clarissa, stell dir mal vor: Der » Sittenstrolch« ist ein großer Pianist geworden. Ich habe hier einen Zeitungsartikel, den wollte ich dir zeigen. Hier, willst du ihn lesen? 

Clarissa erkennt Volkers Bild, das in der Zeitung abgedruckt ist. Der Artikel beschreibt ihn als großes Talent auf dem Klavier. Clarissa wischt sich die Tränen ab. 

CLARISSA. Volker...

MUTTER CLARISSA. Ja, überall bekommt er Lob und, wie man hört, die besten Kritiken. Er scheint wirklich etwas zu können, der junge Mann. Das ändert die Gefühle, die man für jemanden hat, verstehst du das?

DR. K. Ich schlage vor, wir fahren erst einmal zu mir, ja? 

Kirchmayer lenkt den Wagen auf kleinen Landstraßen durch die reiz-volle Umgebung. Clarissa vertieft sich in den Artikel über Volkers Klaviererfolge. 

MUTTER CLARISSA. Clarissa hat zwei Wettbewerbe gewonnen in Ame-rika. Und in einem Studio hat sie gespielt, bei einer Plattenfirma. Clarissa, willst du denn gar nichts erzählen? Dr. Kirchmayer ist doch schon neugierig. 

CLARISSA. Ich habe dir doch alles geschrieben.

MUTTER CLARISSA. Die Debussy-Sonate hat sie gespielt.

DR. K. Kann man die Platte auch hier kaufen?

CLARISSA. Nein, vielleicht nächstes Jahr.

MUTTER CLARISSA. Ja - und die Einladungen zu den Konzerten in New York und Kalifornien?

CLARISSA. Boston und San Francisco, Mutter.

MUTTER CLARISSA. Clarissa, bist du denn nicht stolz?

CLARISSA. Ich bin traurig. 

Das Auto überquert die Innbrücke. Clarissa ist in der Stadt ihrer Kindheit angekommen. 

922 Villa Dr. Kirchmayer


Das Auto fährt unter den mächtigen Buchen hindurch, bis das erwar-tungsvolle Haus in seiner Pracht zu sehen ist, dann wird angehalten. Maria, das Dienstmädchen, wartet schon an der Haustreppe. 

MUTTER CLARISSA. So, da sind wir ja. 

DR. K. Maria, kommen Sie doch bitte! Während die Mutter aussteigt und das Mädchen sich um ihr Gepäck kümmert, bleibt Clarissa auf dem Rücksitz und hält ihren Cellokasten auf dem Schoß.

DR. K. Es wird wieder heil werden. Wer weiß, wie viele Risse es in den zweihundert Jahren schon abbekommen hat! Aber gewissenhafte und tüchtige Geigenbauer haben es immer wieder geheilt. Vielleicht wird sein Klang immer schöner davon, es könnte doch sein! 

Clarissa steigt aus. Kirchmayer nimmt ihr das Cello ab. 

CLARISSA. Georg, du bist ein Optimist.

DR. K. Du bist noch viel schöner geworden in Amerika. Habe ich dir das schon gesagt?

CLARISSA. Georg, was du als allererstes in Amerika lernst, das ist, dir keine Illusionen zu machen. 

Kirchmayer denkt über diese Worte nach. Er bemerkt, daß er mit Clarissa allein ist, denn die Mutter und das Mädchen sind schon ins Haus gegangen. 

DR. K. Morgen fahren wir zu einem Geigenbauer. 

Mit diesen Worten drückt er Clarissa ein kleines Etui in die Hand. Dann geht er mit dem Cello langsam in Richtung Haus. 

CLARISSA. Nein, das mache ich doch. . . alleine. 

Sie findet ein Paar sehr schön gearbeitete Ohrringe in dem Kästchen. Sie ist sprachlos. 

923 Musikhochschule


Die Eingangshalle der Musikhochschule ist wie immer angefüllt mit leisen Echos von allerlei Musikinstrumenten und fernen Gesangsstim-men. Der Unterricht, der in den langen Gängen hinter verschlossenen Eichentüren stattfindet, hat seinen eigenen Klang, so wie die frischge-putzten Marmorböden und Treppenstufen ihren eigenen Geruch haben. 

HERMANN. Auch die Studentenjahre waren zu Ende gegangen. 

betrat noch einmal die alte Hochschule, stieg noch einmal die faschistische Marmortreppe hinauf und erinnerte mich an alles und nichts. Jeder Schritt war bekannt. Neun Semester standen neben mir wie ein abgegessener Tisch. Hermann wirft im Vorübergehen einen Blick auf das Postament am Fuß der Treppenbalustrade, an dem er Clarissa zum ersten Mal vor fünf Jahren gesehen hat. Professor Rüdiger, der einmal sein Gehör geprüft hat, erwartet Hermann in dem Prüfungszimmer von damals. Wieder steht der Professor vor einem der beiden Flügel und empfängt ihn mit den gleichen Worten. PROFESSOR. Herr Simon, würden Sie sich bitte umdrehen? Hermann dreht sich um. Auf dem Notenständer des zweiten Flügels, in dessen polierten Flächen er einst die Hände des Professors beobachten konnte, steht eine Diplomurkunde. Professor Rüdiger reicht ihm die Hand. 

PROFESSOR. Also, Herr Simon, da bleibt mir nur noch, Ihnen für das weitere . . 

Als Hermann das Gebäude verläßt und in seinem feinen Anzug auf die Als Hermann das Gebäude verläßt und in seinem feinen Anzug auf die Straße tritt, regnet es in Strömen. Er bleibt stehen. 

HERMANN. Jetzt war ich »Staatlich Geprüfter Akademischer DiplomKomponist«... Wenigstens besa/3 ich in der Urkunde einen nützlichen Regenschirmersatz. 

Kurz entschlossen entfaltet er die Diplomurkunde, bildet damit ein Spitzdach über seinem Kopf und rennt in den Regen hinaus. 

924 Cerphal-Verlag


Als Fräulein Cerphal an diesem Mittag an die Isarbrücke gelangt, um das zweite Mal zum Verlagsgebäude zu gehen, regnet es schon weniger. Der Schirm, den sie sich über den Kopf hält, ist ein besonders ungeeignetes Instrument, um sich vor Nässe zu schützen, denn der schwarze Stoff hängt in Fetzen an einer Seite herab, und einige Schirmstangen stehen leer in die nasse Luft hinaus. Weiß der Teufel, wo sie dieses schäbige Exemplar gefunden hat! Am Ende der Brücke hängt sie es jedenfalls einfach ans Geländer und geht weiter, als hätte sie mit diesem Schirm nichts zu tun. Nun, am hellichten Tag, kann sie die Verlagsräume betreten, ohne den Generalschlüssel benutzen zu müssen. Sie findet eine Empfangsdame, die am Ende des Ganges sitzt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Guten Tag! Ich bin um dreizehn Uhr mit Herrn von Beck verabredet. 

EMPFANGSDAME. Die Herren sind noch zu Tisch. Bitte nehmen Sie doch einen Moment Platz! 

FRÄULEIN CERPHAL. Ja, danke. 

Beim Auf- und Abgehen entdeckt sie wieder die Standuhr mit dem spiegelnden Pendel, die sie in der Nacht schon so fasziniert hat. Am Tag fehlt der Lichtstrahl, der sich bei den Pendelausschlägen im Zimmer bewegte. Dafür ist aber ihr eigenes Gesicht in dem Pendelgewicht zu sehen. Sie geht darauf zu, um ihr Make-up zu prüfen. Sie bückt sich, muß aber nun mit dem ganzen Oberkörper den Ausschlägen des Pendels folgen, um ihr Spiegelbild nicht aus dem Blick zu verlieren. So steht sie und bietet einen merkwürdigen Anblick, als die Herrschaften, mit denen sie verabredet ist, ankommen. 

HERR V. BECK (off). Fräulein Cerphal?

EMPFANGSDAME (off). Die Dame wartet schon. 

Herr von Beck hat einen Blumenstrauß mitgebracht, den er Fräulein Cerphal überreicht. 

HERR V. BECK. Von Beck! 

Es folgen zwei leitende Angestellte des Verlags, die mit verlegen lächelnden Gesichtern hereinkommen, um der Cerphal ebenfalls ihre Hände hinzustrecken. 

HERR V. BECK. Darf ich vorstellen: Frau Dr. Leierseder, unsere Cheflektorin. 

FRAU DR. LEIERSEDER. Herzlich willkommen! 

HERR V. BECK. Dr. Riebe, unser Hausjurist. 

DR. RIEBE. Guten Tag. 

FRÄULEIN CERPHAL. Angenehm. Ich habe wohl die ganze Firma verwirrt letzte Nacht. Das tut mir sehr leid. Aber ich war auf den Schrecken genausowenig vorbereitet wie Sie. Aber heute haben Sie ja sogar Rechtsbeistand, wie ich sehe. 

Die Anspielung hat wohl ins Schwarze getroffen, denn sie wird mit einem unnatürlich lauten Scherzlachen quittiert. Der Hausjurist führt die Besucherin zur Besuchercouch, auf der auch er und Herr von Beck Platz nehmen. 

DR. RIEBE. So ist das nicht gemeint, Fräulein Cerphal. Aber da ich nebenbei noch der Prokurist der Firma bin, bitte, setzen Sie sich, Sie müssen wissen, für uns ist das ein großes Ereignis, eine echte Cerphal zu begrüßen. Eine Repräsentantin der ehemaligen Besitzerfamilie . . . 

HERR V.BECK... und Gründerfamilie, das wollen wir nicht vergessen! Gründer eines Verlagsimperiums. Die Traditionen, die Ihr Herr Großvater und danach auch Ihr Herr Vater geschaffen haben, leben bei uns weiter, das kann ich Ihnen versichern. Ich möchte Ihnen hier einige Exemplare der Edition Cerphall überreichen . . . 

FRÄULEIN CERPHAL. Cerphal! 

HERR V.BECK. Sehen Sie, Wiederauflagen von Titeln, die schon der alte 

Wilhelm Cerphal herausgebracht hat. Haben Sie das gewußt? 

FRÄULEIN CERPHAL. Nein. 

HERRV.BECK. Eine erlesene Ausgabe. Erstklassiges Papier! 

DR. RIEBE. Wir haben hier einen Vertrag gefunden, der Ihrem Herrn Vater den Zugang zu seinem Büro auf Lebenszeit gewährt. Wir waren alle ganz überrascht. Das muß damals gemacht worden sein. Und hier im Paragraph sieben wird dieses Recht auch seinen Familienangehörigen gewährt. Allerdings, wie ich meine, nur zur Bürozeit! (Alle lachen) Wir sind sehr glücklich, daß in unserem Verlag so viel Sinn für das Menschliche dokumentiert wurde, damals. 

DR.LElERSEDER. Ich könnte mir vorstellen, daß die Geschichte Ihrer Familie ein ganz phantastisches Zeitdokument wäre.

FRAULEIN CERPHAL. Ach... 

DR.LElERSEDER. Wollen Sie nicht ein Buch darüber schreiben ? 

FRÄULEIN CERPHAL. Ich, nein. Also... 

DR.LElERSEDER. Doch! 

FRÄULEIN CERPHAL. Nein. 

DR.LElERSEDER. Wir suchen im Augenblick einen geeigneten Text für unsere Hausgeschichte. 

HERR V.BECK... eine Hausgeschichte, die gewiß im Büro Ihres verehrten Herrn Vaters sozusagen verborgen liegt. 

Die Lektorin hakt sich bei der Cerphal unter und führt sie durch ein kleines Büro zu dem Gang, über den man das Büro des alten Cerphal erreicht. Die Herren sind ganz aufgeregt. Herr von Beck tänzelt auf verdächtige Weise um die Cerphal herum. 

DR.RIEBE. Dieses Büro ist uns immer heilig gewesen. 

DR.LElERSEDER. Falls Ihnen das Formulieren schwerfallen sollte, wir haben da ganz ausgezeichnete Autoren an der Hand. Was denen allerdings fehlt, das ist das Authentische, das Persönliche. Ja, und genau das haben Sie!

FRÄULEIN CERPHAL. Da haben Sie recht.

DR.LElERSEDER. Ich könnte Ihnen Mut machen, Ihnen helfen! 

HERRV.BECK. Ich darf mal vorgehen . . . 

Die Cerphal überreicht Herrn von Beck den Schlüsselbund den ihr der kranke Vater mitgegeben hat. 

DR.RIEBE. Außer Ihrem Herrn Vater hat meines Wissens nie jemand einen Schlüssel dafür gehabt. 

Das Öffnen der Bürotür gestaltet sich zum Zeremoniell. Es handelt sich um eine Flügeltür, an deren Türknöpfen die Herren ziehen müssen, um den Zutritt zum Büro zu gewähren. Hinter der Flügeltür gibt es aber noch eine mit edlen Holzschnitzereien umrahmte Glastür, die nicht verschlossen ist. Die Cerphal kann eintreten. Das Büro, auf allen Seiten mit reichverzierten Bücherwänden ausgestattet, liegt im Halbdunkel, da sämtliche Fenster mit schweren Plüschvorhängen verschlossen sind. 

DR.LElERSEDER. Hier ist die Zeit stehengeblieben, wie die Luft.

HERRV.BECK. Das ist die Luft von I91o. 

FRÄULEIN CERPHAL. Noch lebt mein Vater. Ich habe hier einiges zu erledigen. 

Die Cerphal zieht einen Vorhang auf. Jetzt wird die ganze Schönheit des Raumes sichtbar. Ein riesiger Rokokoschreibtisch steht in der Mitte, der angefüllt ist mit alten Büchern, Andenken der Familie, Kristallkaraffen und dem Schreibzeug des Verlagsgründers. Herr von Beck und seine Begleitung stehen wortlos da. Sie sind beeindruckt und zugleich neugierig. Sie wollen erfahren, was ihnen da an Schätzen im Haus verborgen geblieben ist. Die Cerphal aber läßt nun ganz plötzlich wieder erkennen, daß sie zur Klasse der Besitzer gehört. Sie ändert ihren Tonfall. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Empfang. Ich versichere Ihnen, ich werde Ihr Hausrecht nicht mehr verletzen. Über alles Weitere müssen wir ein anderes Mal reden. Ist das mein Vertrag da? 

DR. RIEBE. Eine Kopie. 

Sie nimmt dem Hausjuristen das Papier aus der Hand, mit dem sie ihre Rechte begründen kann. Dann läßt sie sich auch den Schlüsselbund zurückgeben und komplimentiert die Herrschaften hinaus. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ich brauche vielleicht eine Stunde. Den Ausgang finde ich allein. 

Fräulein Cerphal braucht, als sie endlich allein ist, eine Weile, bis sie sich in der verwirrenden Fülle von alten Dingen orientieren kann. Zumindest das Jugendbild von ihrer Großmutter, das ihr Vater mitgebracht haben wollte, entdeckt sie sofort. Schließlich findet sie den Tresor, der hinter einer Tür in der Wandvertäfelung steht. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wo fange ich an? Fünfunddreißig vierundvierzig, einundfünfzig. 

Der Tresor läßt sich tatsächlich mit den Daten der Hausgeschichte öffnen. Sie findet den braunen Umschlag, aber noch viel mehr. Sie holt einen Berg von alten Dokumenten und Familienbildern aus dem Safe und trägt sie zum Schreibtisch. Sie setzt sich auf die Platte und beginnt in den alten Papieren zu wühlen. Fotografien aus der Kaiserzeit sind dabei und Bilder, die den jungen Herrn Gattinger in SS-Uniform zeigen. Sie wagt es nicht, sich in den ledernen Ohrenbackensessel zu setzen, der ihres Vaters Platz gewesen ist. Sie spricht mit dem Sessel, als wäre es der Vater selbst. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was habe ich immer zu dir gesagt, Vati? »Fang mir ein Kind, daß ich mit ihm spielen kann.« Weißt du, daß ich mir eingebildet habe, du hättest Onkel Goldbaum als Kompagnon in deine Firma genommen, weil er auch eine Tochter in meinem Alter hatte? Edith war dreizehn. Das muß I934 gewesen sein. Und dann hast du immer zu mir gesagt: »Kind, du mußt dir keine Sorgen machen.« Ich habe mir nie Sorgen gemacht: nicht um den Verlag, als unser Peter fiel; nicht um Mutter, als sie Krebs bekam; nicht um die Familie, als unser Haus in Bogenhausen ausbrannte; nicht um Edith, als sie I943 abgeholt wurde; nicht um ihr kleines Töchterchen, als man es mitten im Krieg in die Schweiz geschafft hat. 

Es klopft an die Tür. Die Lektorin ist wieder da. Sie steckt ihren Kopf herein. Mit ihrem gewinnendsten Lächeln bringt sie die von Herrn von Beck angekündigten Bücher herein. 

DR.LElERSEDER. Oh, nicht böse sein, aber Ihre Bücher. . . 

Die Bücher waren nur ein Vorwand. Draußen steht ein Glatzkopf und wartet. 

DR.LElERSEDER. Darf ich Sie noch was fragen? Nur eine Kleinigkeit: Dürfte unser Hausfotograf Sie so fotografieren, genau so, wie Sie jetzt da sitzen ? 

FRÄULEIN CERPHAL. Macht das Krach? 

DR.LElERSEDER. Aber nein, wir sind wie die Mäuschen!

FRÄULEIN CERPHAL. Meinetwegen. 

DR.LElERSEDER. Danke! Entzückend. 

Die Cerphal, immer noch in die Familiendokumente vertieft, ist jetzt wieder das Kind der reichen Bürgerfamilie, das in Vaters Sachen schnüffelt. Der Fotograf blitzt seine dummen Schnappschüsse, die Lektorin führt den Hausfotografen zu immer neuen Motiven. 

DR.LElERSEDER. Ist das nicht zu privat?

FOTOGRAF. Mm.

DR.LElERSEDER. Toll! Noch mal! Ja, danke schön. . . 

Die beiden Angestellten entfernen sich und schließen die Glastür. Die Cerphal ist wieder allein. Nun setzt sie sich doch in den Ledersessel. Sie spricht mit der Kopflehne. 

FRÄULEIN CERPHAL. Jetzt ist unser Arno tot, Tante Hedwig ist in Haifa gestorben, und du bist krank. Ich weiß so entsetzlich wenig. Vati, du darfst mich nicht so unwissend lassen! Ich muß dich bitten, ändere das. Wahrscheinlich hältst du alles für Unsinn, was ich weiß. Zum Beispiel weiß ich noch, wie dein Geburtstagskuchen schmeckte, mitten im Krieg, als du sechzig wurdest. Ich erinnere mich auch, daß Edith nach Schweiß gerochen hat in der letzten Zeit, bevor man sie nach Dachau brachte. Edith war zwanzig Jahre lang meine beste Freundin, und Dachau liegt nur zwanzig Kilometer entfernt. . . 

Sie erhebt sich, um dem Sessel gegenübertreten zu können. 

FRÄULEIN CERPHAL. Du mußt doch zugeben, daß ich lauter Unsinn in meinem Kopf mit mir herumtrage . . . Willst du mir nicht helfen, Vati? Sag mir was, sag was! 

Der alte Ledersessel schweigt. 

925 Straße und Boutique 


Die Cerphal hat das Ölgemälde von ihrer Großmutter in einen kleinen Teppich eingepackt. So trägt sie es durch die Stadt. Auf dem Trottoir vor einer Boutique sieht sie eine junge Frau, die aus dem Geschäft kommt und ein großkariertes Komplet trägt. Die Cerphal betrachtet das modische Kleidungsstück, das sich da vor ihren Augen auf dem schlanken Körper im Stadtgetriebe entfernt. Kurz entschlossen geht sie nun in den Laden. Sie wendet sich an die Verkäuferin und zerrt sie an das Schaufenster. 

FRÄULEIN CERPHAL. Darf ich Ihnen mal ganz schnell mal etwas zeigen?

Das Komplet, das da eben rausgegangen ist, sehen Sie. . .?

VERKÄUFERIN. Ja.

FRÄULEIN CERPHAL... das hätte ich auch gern. Haben Sie das noch mal in meiner Größe? 

Schon hat die Cerphal ein Kleid gekauft, das ihr überhaupt nicht steht. Auf ihrem weiteren Weg nach Hause hat sie nun auch noch das alte Kleid in einer Tüte und den Mantel und neben dem Gemälde noch den braunen Umschlag zu schleppen. Sie ist mittlerweile ganz kopflos. Beinahe wäre sie zu allem Überfluß auch noch gegen ein Verkehrsschild gerannt. 

926 Villa Cerphal, Diele 

Als sie in ihrem Haus ankommt, hat sich die Nervosität noch gesteigert. Sie läßt ihr Gepäck einfach zu Boden gleiten und fängt an, in der Küche nach etwas Eßbarem zu suchen. Sie weiß sich in ihrem Hunger nicht zu helfen. Sie schreit abwechselnd nach Gerold Gattinger und nach Frau Ries, die aber beide nicht antworten. Auf der Treppe ruft sie wieder nach Gerold. Erst jetzt fällt ihr ein, warum sie von ihrem »Finanzberater« keine Antwort erhält. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ach so, der ist ja in Spanien. 

Sie kehrt um, holt das Portrait ihrer Großmutter und trägt es in ihr Wohngeschoß empor. 

927 Villa Cerphal, Schlafzimmer und Salon


In ihrem Schlafzimmer öffnet sie alle Schubladen und Schränke. Sie kämpft gegen einen akuten Hungeranfall. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wo ist meine Vollmilchschokolade? Bitter mag ich nicht! 

Es gibt in diesem Zimmer Dutzende von Schubladen, in denen eine haarsträubende Unordnung herrscht. Hinter einer hohen Schranktür findet sie endlich eine Blechschachtel mit Schweizer Pralinen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Alle Vollmilch ist weg! 

Mit ihrer Beute setzt sie sich wie ein Kind auf den Fußboden neben das Bild der Großmutter, das sie hier abgestellt hat. Sie steckt sich eine um die andere Praline in den Mund. Kauend wühlt sie in einer Kiste, findet ein Tagebüchlein, in dem sie blättert. Juan läßt sich an der Tür sehen. Er ist so leise gekommen, daß man glauben könnte, er hätte sich aus der Luft materialisiert. 

FRÄULEIN CERPHAL. Kommen Sie rein, Juan. Sehe ich meiner Großmutter ähnlich ?

JUAN. Nein, ich glaube nicht. 

Die Cerphal beugt sich zu dem Großmutterbild hinüber. Sie kaut schon wieder eine Praline. 

FRÄULEIN CERPHAL. Warum habe ich nicht geheiratet? Warum habe ich nichts gelernt? Für den Verlag war ich nicht vorgesehen. Warum kann ich mich in der Stadt nicht orientieren ? Sehen Sie mal, Juan, das ist hier mein Tagebuch. Es beginnt I927, aber ich komme darin nicht vor. Ich verstecke es hier in meiner Kiste. Wenn mein Vater hier wäre, der könnte Ihnen alles erklären. Mir fehlen zwanzig Jahre, die sind mir irgendwo abhanden gekommen. 

928 Altenheim


Das Taxi fährt vor dem idyllischen Landhaus vor, in dem sich das Altenstift befindet. Es ist gegen Abend. Der Chauffeur hilft Fräulein Cerphal, das Bild zum Haus zu tragen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Kommen Sie, wir packen das Bild schon hier unten aus. 

Die abgebildete Großmutter ist ganz in Weiß gekleidet. Sie trägt auch einen weißen Sonnenhut, der mit Rosen geschmückt ist. Über dem benachbarten See geht die Sonne unter. 

929 Altenheim, Zimmer des alten Cerphal


Die Pflegeschwester hilft, das abstrakte Landschaftsgemälde von der Wand zu holen und das neue Bild aufzuhängen. Die Cerphal gibt Anweisungen. 

FRÄULEIN CERPHAL. Nicht mit den Fingern aufs 01! Ja, so ist's gut! Und schön grade hängen.

SCHWESTER.So, und was sollen wir jetzt mit dem schönen Bild machen? 

Die Schwester deutet auf die abstrakte Landschaft, die sie nun mit der Cerphal zusammen in den Händen hält. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was wir mit dem schönen Bild machen? Vati, was machen wir jetzt mit dem schönen Bild? 

Der Alte sitzt aufrecht, mit dicken Kissen abgestützt, in seinem Prachtbett. Er liest die Papiere durch, die seine Tochter ihm aus dem Büro geholt hat. 

VATER CERPHAL. Lassen Sie uns allein!

FRÄULEIN CERPHAL. Lassen Sie uns allein, und nehmen Sie das Bild mit. Halt! Nein, lassen Sie es doch lieber hier, und stellen Sie es da an die Wand! Und machen Sie die Tür zu! 

Die Cerphal kann sich in kleinen Dingen ebensowenig entscheiden wie in großen. Sie atmet auf, als die Schwester das Zimmer verlassen hat. Der Vater überreicht ihr das Dokument. 

VATER CERPHAL. Elisabeth, komm, das mußt du jetzt zerreißen!

FRÄULEIN CERPHAL. Du meinst, ich soll, ich soll das jetzt vor deinen Augen zerreißen?

VATER CERPHAL. Ja, mach schon. 

Gehorsam zerreißt sie das mehrseitige Manuskript. Dann versucht sie zu erkennen, um was es sich da gehandelt und was sie zerrissen hat. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was ist denn das?

VATER CERPHAL. Ein Scheinvertrag. Der ist ungültig. Weiter, zerreiß ihn ganz!

FRÄULEIN CERPHAL. Aber das ist doch deine Handschrift! Wann hast du denn das geschrieben?

VATER CERPHAL. Das muß vernichtet werden. Höre, wenn jemand kommen sollte und behauptet, er hätte Ansprüche auf dein Haus, jage ihn zum Teufel!

FRÄULEIN CERPHAL. Wen meinst du?

VATER CERPHAL. Zum Beispiel die Goldbaum-Verwandtschaft. Dein Haus gehört dir, dir ganz allein.

FRÄULEIN CERPHAL. Aber das Haus, das hat doch mal Onkel Goldbaum gehört, nicht wahr?

VATER CERPHAL. Ach, das ist Vergangenheit. Er ist tot. Die Sache hat sich jetzt erledigt. Schaff das weg! 

Jetzt zerreißt die Tochter den Vertrag in ganz kleine Stücke, ohne hinzusehen. 

VATER CERPHAL. Na, willst du das nicht verbrennen?

FRÄULETN CERPHAL. Vati, ich kann doch hier kein Feuer machen. Wie stellst du dir denn das vor, das kommt in den Müll! 

Sie läßt die Papierstückchen in den Papierkorb rieseln. Der Vater ist einverstanden und sich seiner Hilflosigkeit bewußt. 

VATER CERPHAL. Was ist das nur mit dieser Hand? Es ist zum Wahnsinnigwerden!

FRÄULEIN CERPHAL. Warum willst du mir nicht sagen, was das für Papiere waren? Was ist mit unserem Haus? Muß ich mir Sorgen machen?

VATER CERPHAL. Du mußt dir keine Sorgen machen. Aber jetzt tu etwas für mich!

FRÄULEIN CERPHAL. Was soll ich für dich tun, Vati?

VATER CERPHAL. Ich will, daß du endlich dein Studium beendest. 

Elisabeth Cerphal geht nachdenklich im Zimmer umher. Schließlich setzt sie sich wie ein gescholtenes Kind an Vaters Schreibtisch. Es fehlt nur noch, daß sie mit den Beinen baumelt. 

VATER CERPHAL. Ich sage dir das im vollen Ernst. Habe ich dir nicht immer gesagt, du sollst deinen Doktor machen? Seit zwanzigJahren studierst du herum: Kunstgeschichte, Psychologie, Völkerkunde, Medizin, Ägyptologie, Theater. Gibt es etwas, das du nicht studiert hast?

FRÄULEIN CERPHAL. Unendlich viel, Vati. Ich bin nämlich wie du. Mich interessieren die Dinge immer nur bis zu einem gewissen Punkt. Und du hast gesagt, der Rest ist Bürokratie.

VATER CERPHAL. Ach, Kind, du verstehst mich nicht. Ich will, daß du erwirbst, was du besitzt. Ich habe das auch tun müssen. Es genügt nicht, wenn man etwas nur ererbt. Ach, ich habe keine Fragen mehr. Komm, gib mir den Stift! 

Die Tochter bringt dem Vater seinen Füller. Sie rückt ihm sein Schreib-zeug zurecht und setzt ihm seine Brille auf. Auf einem Briefbogen des lten Verlagshauses beginnt er nun, sein Testament zu schreiben. ie Cerphal steht an die Wand gelehnt und weiß nicht, was von ihr verlangt wird. »MEIN LETZTER WILLE« schreibt der Alte in Kraxelschrift auf das Papier. Wegen seiner Lähmung der rechten Hand geht es nicht besser. Noch einmal wirft er einen Blick auf das Bild der schönen jungen Mutter, dann macht sich die ungeschickte Linke an die Details der Testamentsverfügung. 

930 Konzertsaal 


Volker spielt Ravels Klavierkonzert d-Dur für die linke Hand. Während der gewaltigen Anfangskadenz hängt seine Rechte leblos am Körper herab. Er ist wirklich in der Konzentration des Spiels und in der Identifikation mit dem Werk ein »einarmiger Pianist«, der mit den dramatisch aufbegehrenden Tonfolgen des Werks gegen diese Beschränkung anspielt. Jean-Marie dirigiert das Orchester. Clarissa ist zusammen mit ihrer Mutter gekommen. Sie sitzt neben ihr in der ersten Reihe und hört erstaunt zu, wie virtuos und leidenschaftlich der sonst so schüchterne Freund dieses Konzert spielt. Volker ist an diesem Abend auch in Clarissas Empfindung völlig verändert. Die Kadenz endet mit einem riesigen Glissando, aus dem heraus JeanMarie den Orchestereinsatz entstehen läßt. 
931 Straße in Schwabing

Juan ist einsam in der Nacht unterwegs. Er weiß nicht, wo er hingehen soll. Als er an dem Haus vorüberkommt, in dem Hermann und Schnüßchen wohnen, entschließt er sich hineinzugehen, da die Haustür offensteht. 
932 Wohnung Hermann und Schnüßchen 


Im Treppenhaus bekommt Juan Zweifel, ob er Hermann so spät noch besuchen kann. Er bleibt vor der Wohnungstür stehen. War das nicht das Baby? Er zögert und klingelt nicht. Hermanns Badezimmer hat ein vergittertes Fensterchen zum Treppenhaus, an dem Juan kurz erscheint und lauscht. Tatsächlich sind Hermann und Schnüßchen mit ihrem Kind beschäftigt. Die Kleine wird gebadet. 

SCHNÜSSCHEN. Laß mal die Windel los. So, mein kleiner Schatz. Da ist ja gar nichts drin! Simonsche, jetzt geht's ins Wasser. Das ist doch viel zu kalt, das Wasser!

HERMANN. Ach was! 

Während Schnüßchen mit dem Kind turtelt, hat Hermann plötzlich das Gefühl, daß ihm jemand zusieht. Er geht zu dem Fensterchen und sieht hinaus ins Treppenhaus. Juan hat sich aber wieder entfernt. Hermann kann gerade noch seinen Schatten erkennen, der unten durch das Treppenhaus huscht. 

933 Konzertsaal


Juan erscheint im Foyer des Konzerthauses. Er hört das Ravel-Konzert, das sich seinem Ende nähert. Schon ist Juan wieder im falschen Moment gekommen. Der Applaus rauscht mächtig auf. Volker und auch Jean-Marie werden gefeiert. Es war ein überwältigendes Konzert. Als Volker einen Strauß Rosen überreicht bekommt, springt er von der Bühne, um sie an Clarissa weiterzugeben. Er umarmt sie und läßt sich auch von der Mutter gratulieren. Der einsame Juan verläßt das Konzerthaus unbemerkt. 
934 Cafe Annast


Nach dem Konzert gehen Volker und Jean-Marie in Begleitung von Clarissa und ihrer Mutter in das bekannte Cafe, um den großen Erfolg zu feiern. Eine Flasche Champagner wird bestellt.

JEAN-MARIE. Das Klavierkonzert für die linke Hand wird zum Symbol für dich. Du mußt weitermachen als Pianist.

CLARISSA. Das ist wahr, Volker!

JEAN-MARIE. Du siehst doch, daß es dir Glück bringt. 

VOLKER. Ich bin Komponist!

JEAN-MARIE. Sein Talent erkennt man an dem, was einem leichtfällt! A la tienne, Volker, Prost!

Der Champagner perlt in den Gläsern. Die Freunde stoßen miteinander an. Clarissa, die neben Volker sitzt, genießt den Abend in hoffnungsvoller Stimmung. 

VOLKER. Weißt du noch, Clarissa, wie du gesagt hast, es wäre aus mit dir und dem Cello ?

CLARISSA. Das ist lange her, Volker.

VOLKER. Ja, aber du warst ganz schön nahe dran. 

Der Blick der Mutter geht in den dunklen Hofgarten hinaus. Plötzlich taucht dort Juan auf. Durchsichtig wie ein Spiegelbild kommt er näher und scheint um eine Ecke des Gebäudes zu biegen. 

MUTTER CLARISSA. Clarissa, ich glaube, da war eben HerrJuan. .. 

Clarissa beugt sich zum Fenster. Sie kann aber den Freund nicht mehr sehen. Auf dem weiten Odeonsplatz sitzen nur ein paar Gäste des Cafes. Ein Kellner geht umher. Juan ist so plötzlich, wie er aufgetaucht ist, wieder verschwunden. 

935 Universität, Gänge und Foyer


Fräulein Cerphal studiert eine geologische Mineraliensammlung, die in einem Seitentrakt der Universität ausgestellt ist. Sie läßt sich von den glitzernden Kristallen, von Farben und Lichteffekten bezaubern. Ein wissenschaftliches Interesse vermag sie für diese schönen Objekte nicht aufzubringen. In einem der Gänge trifft sie ihren Geologieprofessor, den sie in ein Gespräch verwickelt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Machen Sie keine Scherze, Herr Professor, ich bin nicht mehr so jung, wie es vielleicht den Anschein hat. Ich muß allmählich zu einem Abschluß kommen. Eine Promotion ist doch sehr aufwendig. Gibt es nicht ein anderes Examen, eine Schuhnummer kleiner, ein Diplom? Ich möchte es meinem Vater zuliebe tun, er ist vierundachtzig.

PROFESSOR. Welche beruflichen Vorstellungen haben Sie denn?

FRÄULEIN CERPHAL. Sehen Sie, das ist die andere Frage. Was kann man denn mit Geologie so alles anfangen? Die Küsten und Gebirge sind alle erforscht. Gesteinskunde, das würde mich interessieren. Ich habe Ihre phantastische Sammlung gesehen, da sind ja wahre Kunstwerke der Natur entstanden. 

PROFESSOR. Es gibt die Petrographie, sie bedient sich der Paläontologie. Die Geotektonik untersucht die Vorgänge, die zur Verformung der Gesteine führen. Die Geochemie untersucht ihre Zusammensetzung; die Stratigraphie befaßt sich mit der Aufeinanderfolge der Gesteinsschichten und ihrer fossilen Inhalte, da wird es praktischer. Die Lagerstättenkunde handelt von Vorkommen von Erzen, Kohle, Salzen, Erdöl, ja, oder die Baugeologie: Die prüft die Eignung des Untergrundes für Hochhäuser, Staudämme, Brücken, Straßen. Sie sehen, es gibt ganz nützliche und auch zukunftsträchtige Anwendungsbereiche. 

FRÄULEIN CERPHAL. Also, so Hochhäuser und Staudämme, Herr Professor, ich weiß nicht so recht. Ich hätte da doch mehr an etwas gedacht, was vielleicht ein bißchen stärker mit Reisen verbunden wäre.

PROFESSOR. Sie reisen gern?

FRÄULEIN CERPHAL. Ja. Das ist ein alter Traum von mir. Seit meiner Jugend!

PROFESSOR. Wir planen eine Exkursion ins Donauried.

FRÄULEIN CERPHAL. Ich dachte an Australien oder die Galapagosinseln, die Anden. Peru soll ja ein sehr aufregendes Land sein. Ich brauche eine Aufgabe, ich komme mir sonst nutzlos vor, zumal mein Vater schwer krank ist. Ich nehme die Sache sehr ernst. Sagen Sie mir ehrlich, Herr Professor, glauben Sie nicht, daß ich für all diese Sachen schon ein bißchen zu alt bin ?

PROFESSOR. Nein. Aber die Konkurrenz ist hart! Das spüre selbst ich an jedem Tag aufs neue.

FRÄULEIN CERPHAL. Sie machen mir Mut, ja?

PROFESSOR. Eigentlich nicht.

FRÄULEIN CERPHAL. Nein?

PROFESSOR. Eigentlich ja, das heißt: nein. 

Während dieser Unterhaltung haben der Professor, ein recht jugendlich wirkender, kleiner Mann, und die Cerphal die klassizistischen Gänge durchschritten und sind schließlich oberhalb des berühmten Lichthofs der Münchner Universität stehengeblieben. Der Professor verabschiedet sich ganz abrupt. Er läßt die Cerphal auf der Empore stehen und entfernt sich. Unten, in der Mitte des Lichthofs, grüßt er noch einmal, als hätte er nachträglich Gewissensbisse wegen seiner Unhöflichkeit gegenüber einer Studentin, die immerhin gut fünfzehn Jahre älter ist als er. 

936 Villa Cerphal, Terrassenzimmer 


Elisabeth Cerphal läßt sich von Juan die Karten legen. Es ist eins von Juans Zauberkunststücken, die Karten beim Mischen zwischen seinen Händen umherspringen zu lassen, als wären sie elektrisch. Juan genießt den Gestus des Magiers. Die Cerphal steht dabei und raucht mit ihrer silbernen Zigarettenspitze. 

JUAN. Zweimal abheben, mit der linken Hand!

FRÄULEIN CERPHAL. Zum Herzen.

Juan verteilt die Karten auf dem Tisch. Seine Bewegungen wirken routiniert. 

FRÄULEINCERPHAL. Juan, Sie wissen alles!

JUAN. Sie sind die ewige Tochter.

FRÄULEIN CERPHAL. Karo-Dame?

Die Cerphal beugt sich vor, um ihre Schicksalskarte besser betrachten zu können. Juan zählt nun acht Karten ab und legt sie in eine Reihe. Die folgenden Karten interpretiert er. 

JUAN. Ihr Vater entscheidet: Geld - Liebe - Beruf - Reisen -Gesundheit - Haus.

FRÄULEIN CERPHAL. Das steht alles in den Karten?

Jetzt legt er das Pik-As auf den Tisch. Er sieht erschrocken aus. Die Cerphal setzt sich hin. 

JUAN. Ein großer, dunkler Punkt in Ihrer Familie: Ihr Vater hat das Haus von Goldbaum bekommen, damit er es nach dem Krieg zurückgibt. Er hat sein ganzes Vermögen genommen, er hat nichts zurückgegeben. Ein großes Unrecht!

FRÄULEIN CERPHAL. Woher wollen Sie das alles wissen, Juan?

JUAN. Ich habe es »rekonstruiert«. Sagt man so? Ich habe Sie gefragt, ich habe Herrn Gattinger gefragt. Ich habe beobachtet. Das ist alles.

FRÄULEIN CERPHAL. Ich weiß nichts von meinem Vater, weil er immer nur mit meinen Brüdern sprach. Peter war der wichtigste. Dann kam Arno, den liebte er, und ich bin die »unbetonte Note«. So nannte er mich einmal.

JUAN. Sie sind tot, Ihre Brüder. 

Sie möchte Juan zu dem Spiel zurückführen, obwohl sie weiß, daß es ein Spiel mit der bitteren Wahrheit werden kann. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was steht noch in den Karten?

JUAN. Was wollen Sie wissen?

FRÄULEIN CERPHAL. Reisen? Liebe? 

JUAN. Sie leben in der falschen Generation. Vor zwanzig Jahren ist Ihre Zeit stehengeblieben. Sie haben alles gewußt: die Geschichte von Ihrer Freundin im KZ, die Geschichte von Herrn Gattinger mit ihr und ihrem Kind - Sie haben gewußt, daß Herr Gattinger Edith verraten wird. Sie haben gewußt, daß sie sterben wird. Sie wissen, wem Ihr Haus gehört.

FRÄULEIN CERPHAL. Jetzt gehen Sie zu weit, Juan. Das ist alles falsch! Ich weiß nichts, und ich glaube Ihnen kein Wort von dem, was Sie mir da eben alles gesagt haben. 

Sie spielt die Empörte. Sie rennt durchs Zimmer, um sich abzuregen. 

JUAN. Sie haben Herrn Gattinger geliebt.

FRÄULEIN CERPHAL. Also, jetzt hören Sie auf! Bringen Sie uns lieber was zu trinken. 

Sie ist froh, daß Juan endlich einmal nicht die Wahrheit ausspricht. Sie hat jetzt wieder Boden unter den Füßen und setzt sich gemütlich an den runden Tisch. Juan läßt aber nicht locker. Er kommt mit bleichem Gesicht auf sie zu. Er sieht ihr in die Augen. 

JUAN. Ich denke, daß Sie vielleicht auch mich lieben. . . 

Elisabeth Cerphal ist erhaben über etwas so Lächerliches wie die Liebe. Sie kann es nicht zulassen, daß Juan sie so klein macht. Sie beendet das Spiel und verläßt das Zimmer, ehe sie zusammenbricht und damit herauskommt, daß Juan sie tatsächlich durchschaut hat. 

937 Schlafzimmer Fräulein Cerphal


Erst in der Abgeschlossenheit ihres Schlafzimmers läßt Elisabeth Cerphal sich gehen. Sie sitzt auf ihrem Bett, spürt einen gewaltigen Schmerz, der ihre Brust einschnürt. Die Tränen schießen ihr in die Augen. 

FRÄULEIN CERPHAL (weint). Vati, du sollst nicht sterben! Du sollst mich nicht allein lassen! 

Sie läßt sich in die Kissen fallen. Ein unbeherrschbares Schluchzen zerreißt ihren Atem. Sie mag sich noch so oft in ein Handtuch schneuzen und das Gesicht abwischen, der Fluß der Tränen läßt sich nicht zum Stillstand bringen. Juan sitzt immer noch am runden Tisch und brütet über seinen Karten. 

938 Geschäft eines Geigenbauers


Clarissa ist in Begleitung von Volker, als sie den Laden eines bekannten Geigenbauers in der Innenstadt betritt. Zahllose Geigen, Bratschen und Celli aller Größen sind in Vitrinen und Regalen ausgestellt. Der Geigenbauer selbst ist nirgends zu sehen. 

CLARISSA. Es riecht immer so gut, wenn man hier reinkommt. 

Clarissa ruft vergeblich den Namen des Geigenbauers. 

VOLKER. Vielleicht ist er hinten in der Werkstatt. 

Tatsächlich finden sie den Handwerker in seiner Werkstatt, die vom Laden aus über einen schmalen Gang erreichbar ist. Der Geigenbauer arbeitet an Clarissas Cello, dessen Körper, in seine Einzelteile zerlegt, auf dem Werktisch liegt. Die Decke des Instruments ist schon wieder so weit zusammengefügt, daß man die Risse und Absplitterungen kaum noch bemerkt. Die Arbeitsvorgänge sind liebevoll und präzise. 

VOLKER. Denken Sie, daß Sie das Instrument wieder hinkriegen?

HERR MICHAEL. Ich denke, doch. 

Der Mann ist nicht sehr gesprächig. Er nimmt von seinen Kunden kaum Notiz, da die doch sehen, was er gerade macht und daß es seine Zeit braucht, bis das Instrument wieder seine Stimme erheben kann. Clarissa betrachtet die schön geformte Cellodecke mit den F-Löchern. 

CLARISSA. Das erinnert mich. .. 

VOLKER. Die F-Löcher?

CLARISSA. .. Ein Traum.

VOLKER. Erzählst du ihn mir mal?

CLARISSA. Ich glaube, ich habe ihn vergessen. Es ist nur noch ein Gefühl. 

VOLKER. Da hing ein Bild in deinem Zimmer, ein Foto, nicht wahr? Damals, in deinem Zimmer. .. 

939 Straße vor Geigengeschäft


Als die beiden aus dem Geigenladen kommen, erzählt Volker Clarissa von einem Stück, das er für sie komponiert. Ein Stück, bei dem sie nur Pizzicato zu spielen habe und das von Klavier und Schlaginstrumenten begleitet werde. Er sei noch mit der Komposition beschäftigt. Clarissa freut sich darauf. So überqueren sie die Straße, um sich an der Ecke zu verabschieden. 

CLARISSA. Und schick mir die Noten, ja? 

VOLKER. Ich bringe sie dir vorbei. 

Als Clarissa sich nun zum Weitergehen wendet, rempelt sie mit einem Kinderwagen zusammen, den eine junge Frau über das Trottoir schiebt. 

CLARISSA. Schnüßchen!

SCHNÜSSCHEN. Tag, Clarissa! Dat is unsere Simone. 

CLARISSA. Das ist Hermanns Kind?

SCHNÜSSCHEN. Und meins!

CLARISSA. Wie alt ist das denn?

SCHNÜSSCHEN. Vier Monate und fünf Tage. Du, ich hab's furchtbar eilig. Komm doch mal vorbei!

CLARISSA. Was, so lange war ich weg? 

Schnüßchen verabschiedet sich. Clarissa sieht hinter ihr her, wie sie das Kind über die Kreuzung schiebt und auf der anderen Straßenseite verschwindet. 

940 Wasserburg, Villa Dr. Kirchmayer


Die Wasserburger Villa ist an diesem Abend festlich beleuchtet. Aus allen Fenstern dringen Kerzenlicht und Musik. Die vornehmen Autos der Gäste stehen unter den Bäumen. Clarissa und Volker spielen das dritte der Phantasiestücke Opus 73 von Robert Schumann. Im Salon von Kirchmayer sind einige Dutzend Honoratioren, ihre Gattinnen und Mitglieder der Stadtprominenz versammelt, um die junge Künstlerin zu hören, die in letzter Zeit solche Erfolge erlebt haben soll. Der Applaus ist herzlich. Es wird Champagner gereicht. Dr. Kirchmayer nimmt seinen Freund, Herrn Kempe, einen bekannten Konzertagenten, zur Seite. 

DR. K. Verstehst du jetzt, daß ich an ihrer Entwicklung schon immer sehr interessiert gewesen bin? Für mich spielt sie einfach wunderbar. Du hast doch in deiner Agentur nur Prominente, aber könntest du Clarissa nicht unter deine Fittiche nehmen? Ich halte sie für sehr begabt. 

941 Villa Cerphal, Garten/Eingang


Der Vollmond steht am wolkenlosen Nachthimmel über München. Die Grillen zirpen im Villengarten wie in den südlichen Ländern. Juan zelebriert einsam einen magischen Akt mit seiner indianischen Figur, die er in seinem Pflastermosaik im Garten nachbildet. Beim Feuerschein einer Pechfackel macht er einen Handstand auf dem Kopf dieser Pflasterfigur. Er meditiert im doppelten Sinne auf dem Kopf stehend. Als er ein Geräusch hört, läßt er sich langsam auf die Füße sinken. Er hebt den Oberkörper, atmet aus und horcht. Am verschlossenen Gartentor sind Alex und Dirk, ein SDS-Führer, angekommen. Sie bleiben im Mondschein vor der Einfahrt stehen. Sie betrachten das Tor und wissen nicht, wie sie in die Villa hineingelangen sollen. 

DIRK. Wir stehen hier vor der Gewaltfrage.

ALEX. Gewalt gegen Personen lehnen wir grundsätzlich ab. Hingegen Gewalt gegen Dinge ist - unter gewissen Umständen - moralisch durchaus vertretbar.

DIRK. Das Tor gewaltsam zu öffnen, wäre Sachheschädigung.

ALEX. Hingegen gewaltsam über das Tor hinübersteigen, wäre. . . da ist ein Hund!

DIRK. Ein großer? 

Alex zeigt Dirk mit den Händen, wie groß der Dackel Wasti ungefähr ist. Er nimmt es mit dem Maß sehr genau. Eine Gruppe junger Leute nähert sich, angeführt von Helga, der noch nichts von der Schwangerschaft anzusehen ist. 

HELGA. Da ist zu! Da steigen wir drüber! 

Ohne sich aufhalten zu lassen, klettert Helga über das Tor, öffnet von innen den großen Eisenriegel und läßt die Genossen eintreten. 

STUDENTIN. Wo mussen wir jetzt hin?

HELGA. Wir gucken mal, ob da auf ist, sonst gehen wir einfach hintendurch. 

Die Studentengruppe entfernt sich mit Stimmengewirr in Richtung Villa. Jetzt stehen Alex und Dirk vor einem offenen Tor. Sind ihre Skrupel damit beseitigt? Und ist der Weg in die Cerphal-Villa damit endlich wieder frei ? 

942 Cerphal-Verlag


Elisabeth Cerphal hat sich trotz der nächtlichen Stunde noch einmal in das Büro ihres Vaters begeben. Das Verlagsgebäude ist um diese Zeit eine Insel der Ruhe. Sie hat in der Schublade ihres Vaters eine Pistole gefunden. Zuerst wagt sie es kaum, die Waffe anzurühren. Sie betrachtet lange das Tuch, in das sie gewickelt ist. Schließlich aber überwiegt die Neugier. Sie zieht die Pistole zu sich heran und nimmt sie in die Hand. Sie betrachtet sie von allen Seiten. Ob sie wohl geladen ist? Sicher nicht. Sie lädt durch, zielt auf den Ledersessel und probiert mal, was passiert, wenn sie abdrückt. Ein Schuß peitscht durch das nächtliche Gebäude. Die Werkschützer auf ihrem Kontrollgang hören ihn und eilen sofort zu dem Büro, aus dem der Knall gekommen ist. Sie reißen die Tür zu Cerphals Büro auf. Der Schein ihrer Taschenlampen trifft Elisabeth Cerphal, die immer noch am Schreibtisch sitzt und die Waffe in Händen hält. 

WERKSCHUTZMANN. Alles in Ordnung?

FRÄULEIN CERPHAL. Alles in Ordnung. Ich sollte so ein Ding nicht anfassen. Es ist irgendwie losgegangen. Sehen Sie mal, da ist ein Loch im Sessel! 

Das Geschoß hat sich in die Rückenlehne des väterlichen Sessels gebohrt. Das Einschußloch ist scharf begrenzt, nur ein wenig angesengt an den Rändern. Es hat den Sessel genau da getroffen, wo Vaters Herz wäre, wenn er darin säße. 

FRÄULEIN CERPHAL. Wie spät ist es?

WERKSCHUTZMANN. Kurz vor halb eins.

FRÄULEIN CERPHAL. Dann komme ich mit Ihnen. Dann brauche ich mich in den dunklen Gängen nicht zu fürchten. 

Die Werkschützer, die jetzt wissen, daß Fräulein Cerphal sich legal im Haus aufhalten darf, helfen ihr in den Mantel. Die Pistole bleibt so, wie sie ist, auf dem Schreibtisch liegen. 

943 Villa Cerphal, Eingang


Als Elisabeth Cerphal nach Hause kommt, hört sie schon von der Straße her laute Rockmusik. Beim Näherkommen werden außerdem die Stimmen von vielen jungen Menschen vernehmbar, die sich in die Musik mischen. Licht dringt aus allen Fenstern. Die Cerphal beschleunigt ihre Schritte. Kurz vor dem Haus trifft sie auf Juan, der im dunklen Garten das Einradfahren übt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Juan, was ist denn hier eigentlich los? 

JUAN. Bitte, helfen Sie mir! 

Sie muß ihm die Hand reichen. So kann er besser aufsteigen und fährt jetzt vor ihren staunenden Augen ein ganzes Stück auf dem Einrad, ohne hinzufallen. Sie holt ihn bei der Haustür ein. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was ist los?

JUAN. Ich glaube, es ist eine Versammlung!

FRÄULEIN CERPHAL. Eine Versammlung in meinem Haus?

JUAN. Ja, seit zehn Uhr. 

944 Villa Cerphal, Diele


Als die Cerphal mit Juan die Diele betritt, empfangen sie dichter Zigarettenqualm und ein brodelnder Lärm von Argumentengeschrei, Plattenmusik und dem Gerenne all dieser fremden Studenten, die sich in Gruppen und Grüppchen die Seelen aus den Leibern diskutieren. 

FRÄULEIN CERPHAL. Guten Abend. Fräulein Helga, was ist denn hier los? Was passiert hier in meinem Haus? Ich verstehe das nicht!

ALEX. Die Verpflegung haben wir uns selber mitgebracht. Es ist alles in Ordnung.

FRÄULEIN CERPHAL. Also, ich muß doch sehr bitten! Sie können doch nicht einfach meinen Kühlschrank hier leerfressen. Was ist eigentlich passiert? 

Die Cerphal versucht, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, was ihr kaum gelingt, denn die Besucher nehmen von ihr wenig Notiz. Dirk hat sich auf der Treppe aufgebaut. Er nimmt die Haltung eines Volkstribuns ein. 

DIRK. Hört mir doch mal zu! Hört mir doch bitte einmal zu! Ein kleines bißchen Ruhe! Ich meine, wir stehen doch hier vor folgender Frage: Ist die Befreiung der Überflußgesellschaft identisch mit dem Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus oder nicht? Mehr möchte ich ja gar nicht in den Raum stellen als Frage. Als Antwort habe ich euch vorzuschlagen: Sie ist nicht damit identisch. .. 

Wenigstens so viel Ruhe hat Dirk in die Versammlung gebracht, daß die Cerphal ihren Weg zur Treppe findet und sich auch endlich bemerkbar machen kann. 

FRÄULEIN CERPHAL. Meine Herrschaften, wenn Sie hier die Revolution ausrufen sollen, machen Sie weiter, ich bin gar nicht da!

DIRK. Sind Sie die Hausbesitzerin?

FRÄULEIN CERPHAL. Ganz recht.

DIRK. Als Vertreterin der Bourgeoisie verkörpern Sie unter uns den Klassenfeind. Ich meine, das ist nicht persönlich gemeint! Sie sind sicher sehr nett, aber Ihre Absichten können immer nur die des Besitzbürgertums sein.

FRÄULEIN CERPHAL. Was mich stört, ist, daß Sie mich nicht gefragt haben, ehe Sie diese Versammlung hier einberufen haben. Und das hätte nichts mit Politik zu tun gehabt, sondern mit Anstand. Wer hat Sie eigentlich hier hereingebracht?

ALEX. Fräulein Cerphal, das ist doch jetzt völlige Nebensache! Schließlich geht es hier um das Aufrechen von Herrschaftsstrukturen. 

Alex ballt seine Faust zum kommunistischen Gruß. 

FRÄULEIN CERPHAL. Drohen Sie mir nicht!

DIRK. Das ist doch hier der »Fuchsbau« ?

FRÄULEIN CERPHAL. Wieso? Ich möchte, daß die Versammlung jetzt aufgehoben wird. Es ist spät!

HELGA. Fräulein Cerphal, jetzt regen Sie sich nicht auf! Wir haben uns doch hier getroffen wegen der Notstandsgesetze, die wir unbedingt verhindern müssen.

DIRK. Das ist eine historische Pflicht unserer Generation.

FRÄULEIN CERPHAL. Sie sind doch nicht die Regierung! Also, ich verstehe überhaupt nichts mehr.

HELGA. Nein, ganz im Gegenteil!

FRÄULEIN CERPHAL. Fräulein Helga! Sie wissen doch ganz genau, daß ich dieses Haus der offenen Tür geschlossen habe!

HELGA. Ja, aber das ist eine Ausnahmesituation!

FRÄULEIN CERPHAL. Bitte, Juan, helfen Sie mir! Ich möchte, daß diese Herrschaften hier verschwinden. Ich kann ja nicht die Polizei rufen.

DIRK. Lassen Sie uns den Fall doch ausdiskutieren! Also, Sie sind gekränkt, weil man Sie nicht gefragt hat. Wir hingegen sind in Verlegenheit um einen abhörsicheren Versammlungsraum, wo die Herren Höcherl und Strauß noch nicht ihre Wanzen installiert haben.

FRÄULEIN CERPHAL. Ach, diese Leute haben doch keine Wanzen! Jetzt hören Sie doch auf mit dem Stuß. 

Alle lachen über die politische Naivität der Cerphal. Nur Helga, die einzige, die sie aus den guten »Fuchsbau«-Jahren noch ernst nimmt, versucht nun, mit der Hausbesitzerin zu argumentieren. In Helgas Gesicht spiegelt sich eine wirklich intellektuelle Not. 

HELGA. Fräulein Cerphal, verstehen Sie doch, wir sind unwahrscheinlich unter Zeitdruck, weil diese Ermächtigungsgesetze durchgepeitscht werden sollen.

DIRK. Ja, genau.

HELGA. Jetzt denken Sie doch mal daran, wie Hitler an die Macht gekommen ist. Das ist doch Wahnsinn!

FRÄULEIN CERPHAL. Ach so. . . 

Präulein Cerphal setzt sich zu Helga auf die Treppenstufen. Sie ist ganz kleinlaut geworden. 

945 Wasserburg, Villa Dr. Kirchmayer 


Das Hauskonzert in der Villa des Wasserburger Arztes hat den experimentellen Teil erreicht: Volkers Pizzicato-Stück wird uraufgeführt. Die Gäste sind mit dieser Art von Musik deutlich überfordert. Was Volker als Unterhaltung empfindet, ist für das bürgerliche Publikum eine Strapaze. Dennoch regt sich kein Protest, denn man ist schließlich eingeladen und weiß, wie man sich zu benehmen hat. Volker hat den Flügel im Sinne von Cage präpariert. Mit Sandsäckchen und Tüchern sind die Saiten gedämpft. Mit breitköpfigen Nägeln, Beilagscheiben und Schrauben hat er die Klangfarben verändert, so daß der Flügel eher ein Schlaginstrument ist, wie das Becken und die Quijada, ein sogenanntes »Eselsgebiß«, das schnarrende Geräusche abgibt. Volkers Komposition steht in eigenartigem Kontrast zur Einrichtung md auch zur Kleidung der Musiker. Clarissa trägt ein prinzessinnenhaftes rosa Konzertkleid, dazu die Ohrringe, die Kirchmayer ihr geschenkt hat. Volker ist in einem weißen Seidenpulli ein wenig legerer, aber dennoch edel gekleidet. Die Pizzicatotöne werden auf dem Cello ebenso rhythmisch durch die verschiedenen Klangfarben moduliert wie die Klaviertöne. Die Schlaginstrumente, zu denen noch Agogo-Glocken und Autohupen gehören, werden von beiden Spielern abwechselnd geschlagen. Fingerschnippen, Klatschen, Ausrufe von sinnlosen Wörtern und Kußgeräusch gehören ebenfalls zur Komposition, so daß eventuelle Zwischenrufe oder Proteste der Zuhörer die Aufführung eher belebt als gestört hätten. Aber die Zuhörer bleiben starr bis zum Ende. 
946 Wohnung Mutter Clarissa

Clarissas Mutter, die Volker wegen seines Klavierspiels gewiß mehr schätzt als wegen seiner Kompositionen, hat ihn mit in ihre Wohnung genommen. Er kann hier mit ihr zusammen auf Clarissa warten, die noch in der Villa geblieben ist, um den Konzertagenten kennenzulernen. Volker sitzt ein wenig verlegen in diesem Zimmer, in dem Clarissa einmal als Kind lebte. Die Mutter tut alles, um ihm zu zeigen, daß auch er hier willkommen ist. 

MUTTER CLARISSA. Sie können hier übernachten! Ich gebe Ihnen eine Zahnbürste. Hier, original verpackt! Ich habe immer zu Clarissa gesagt, das Leben gibt dir nur einmal die Hand. Nun scheint es diesmal anders zu sein. Das ist eine Ausnahme, verstehen Sie, wie ich das meine, Herr Schimmelpfennig? Das Leben gibt Ihnen zum zweiten Mal die Hand!

VOLKER. Aber ich habe eigentlich immer. . . 

MUTTER CLARISSA. Schweigen Sie! 

Volker gehorcht. Er fühlt sich immer noch schuldig. 

947 Straße vor Wohnung Mutter Clarissa


Kirchmayer bringt Clarissa im Auto nach Hause. Es regnet. Der verliebte Arzt beeilt sich, seinen Schirm über Clarissa zu halten, als sie aussteigt. Ihren Cellokasten hat sie die ganze Fahrt über auf dem Schoß gehalten. 

DR. K. Der Klang ist tatsächlich noch schöner geworden nach der Reparatur, findest du nicht auch?

CLARISSA. Ich danke dir für alles, Georg.

DR. K. Wirst sehen, diese Konzertagentur wird sich melden. Ich kenne Herrn Kempe seit dem Studium. Er wollte auch mal Mediziner werden. 

Dr. Kirchmayer folgt Clarissas Blick. Oben in der Wohnung der Mutter brennt Licht. Sie wird erwartet. 

948 Straße vor Villa Cerphal 


Frau Ries kommt so spät in der Nacht noch zu Fuß nach Hause. Ihre Schritte sind schleppend, ihr Ausdruck ist elend und geistesabwesend. Es scheint so, als hätte sie den Weg bis hierher gerade noch geschafft. Sie zögert ein wenig, als sie bemerkt, daß das Gartentor offensteht. Dann geht sie weiter. 
949 Villa Cerphal, Diele


Die Diskussionen in Diele, Küche und Terrassenzimmer sind gesitteter geworden. Die Musik wurde abgestellt. Die Cerphal sitzt immer noch auf den Treppenstufen, um sich von den jungen Leuten das politische Problem erklären zu lassen. 

DIRK. Das Hauptproblem, das ich im Augenblick sehe, ist, daß wir überhaupt nicht genau wissen, was passiert, wenn diese Gesetze in Kraft treten. Und das werfen die uns vor!

HELGA. Es ist nicht festgelegt, was überhaupt Notstand heißt!

DIRK. Und die werfen uns vor, wir würden demonstrieren gegen etwas, was wir nicht kennen. 

Frau Ries hat sich zwischen die Diskutanten gesetzt. In Mantel und Hut, die Arme an beiden Seiten des Körpers hängend, sitzt sie wortlos da, bis die Cerphal sie bemerkt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Frau Ries?

FRAU RIES. Jetzt ist er tot, Ihr Herr Vater. Und für mich gibt es bald keine Aufgabe mehr. Sehen Sie, Fräulein Cerphal, so endet das für uns, für Sie und für mich.

FRÄULEIN CERPHAL. Waren Sie im SanktJordan? Es ist doch schon spät, zwei Uhr ?

FRAU RIES. Um fünf vor halb eins ist er gestorben. Der Herr Doktor war bei ihm, die Schwester und ich. Gesagt hat er nichts mehr. 

Es ist still geworden im Haus. Die jungen Leute begreifen, daß etwas Ernstes geschehen ist. Sie schweigen, ohne zu wissen, warum. Frau Ries weint still vor sich hin. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was sagen Sie? Um halb eins? 

Die Cerphal geht ein paar Schritte. Vor ihren Augen erstarrt die Szene. Sie sieht die Rauchschwaden und die Blicke der Studenten, die sie fragend anstarren. Nach einigen Sekunden des Schmerzes setzt sie sich wieder in Bewegung. Sie rennt die Treppe hinauf, als wollte sie sich schnell vor den Blicken der vielen Gäste verbergen. Als sie oben auf der Galerie ankommt, bleibt sie stehen und wendet sich an die ungebetenen Besucher. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ich möchte jetzt, daß Sie alle verschwinden! In fünf Minuten ist die Polizei hier und wird Sie alle festnehmen, wenn Sie mir nicht sofort Folge leisten! Raus! Haben Sie denn gar keinen Anstand? 

Die letzten Worte ersticken fast in Tränen. Der Ausbruch der Cerphal läßt einen heiligen Zorn spüren, so daß die Gäste das Haus sofort verlassen, ohne auch nur Fragen zu stellen. Elisabeth Cerphal ist niemals zuvor so ernst und erwachsen gewesen. Es ist eine Vollmondnacht, wie Frau Ries sie angekündigt hat

950 Altenheim, Zimmer des alten Cerphal


Park und See sind an diesem Tag so friedlich und von der Sonne verwöhnt, daß man weinen möchte bei dem Gedanken, daß einer tot daliegt und ein solches Panorama nicht genießen kann. Die Cerphal ist ganz in Schwarz gekleidet. In Schwarz auch Frau Ries, die sich jetzt wieder beherrscht und dafür sorgt, daß in Gegenwart des Toten alles würdig zugeht. Elisabeth Cerphal betrachtet den Vater, der mit gefalteten Händen in einem weißen Hemd in weißen Bettüchern liegt, den Kopf nach oben gereckt, wie zu Lebzeiten, wenn ihm etwas nicht paßte. Die Schwester ordnet mit sinnlosen Aktivitäten das ohnehin bereits ordentliche Sterbezimmer. 

FRÄULEIN CERPHAL. Vati! Fräulein Cerphal wendet sich aufgeregt an Frau Ries.

FRÄULEIN CERPHAL. Mir war eben so, als hätte er sich bewegt!

FRAU RIES. Man täuscht sich leicht, Fräulein Cerphal. Schauen S', den Brief sollt ich Ihnen überreichen. Den sollen Sie lesen. Der Herr Geheimrat hat das so gewollt. Kommen S', Schwester, wir lassen sie allein. 

Frau Ries führt die Schwester hinaus und schließt die Zimmertür. Jetzt ist die Cerphal allein mit ihrem toten Vater. Sie setzt sich zu seinen Füßen auf den Parkettboden. Wieder ist sie ganz Kind. Sie liest den Brief, den der Tote ihr hinterlassen hat. 

FRÄULEIN CERPHAL (liest). »Liebe Tochter Elisabeth, vergiß nicht, das Haus gehört Dir ganz allein. Wenn Du zu unserer Bank gehst, findest Du dort alles Notwendige im Tresor. Wende dich an Dr. Finck, er weiß über alles Bescheid. Er wird Dir auch erklären, wie ich das gemeint habe, daß Du Dein übriges Erbe erst antreten darfst, wenn Du Dein Examen in der Tasche hast. Ich werde auf dem Nordfriedhof liegen, da bist Du ja in meiner Nähe. Dein Vati. « 

951 Straße vor » Renates U-Boot « 


Die frühe Sperrstunde ist für Münchner Kneipen mehr als eine behördliche Vorschrift. Sie ist ein Schicksalsschlag für die Nachtschwärmer und Leute, die in ihren Stammkneipen das einzige Heimatgefühl erleben. Jenes, das die vom Existenzkampf geprägte Großstadt denjenigen zu bieten hat, die keine Zuflucht in Familien oder Liebesnestern finden. Einer der unbehausten Freunde, ein Trompeter, hat sich hoch oben auf ein Dach gestellt, um einen traurigen »Zapfenstreich« zu blasen. Unter den Gästen, die um eins auf die zugige Straße gesetzt werden, sind Olga, Alex, Stefan, Juan. Sie wissen nicht, was sie nun tun sollen. 

OLGA. Ach, ich will noch nicht nach Hause gehen! Diese Wohnung, so schön sie ist, ich fürchte mich nachts vor dem Alleinsein. Neulich, da bin ich um fünf Uhr früh aufgewacht, und ich dachte, es wäre jemand in meinem Zimmer. Ich hörte ganz deutlich das Atmen von irgendeinem Wesen in der Dunkelheit. Ich sagte mir, das kann doch gar nicht sein, die Tür ist verriegelt, das Fenster ist zu, ich wohne im fünften Stock, wie soll denn das möglich sein, da kann doch niemand im Zimmer sein! Aber je mehr ich mir das sagte, desto wacher wurde ich. Dann habe ich einfach das Licht angemacht, um mir selber zu bestätigen, daß ich spinne. Da wurde es aber überhaupt erst schlimm. 

Stefan sieht, wie Helga eine Zigarette nach der anderen raucht. 

STEFAN. Helga, nicht in deinem Zustand! 

Helga wirft Stefan einen spöttischen Blick zu und raucht weiter. Oben auf der Dachzinne bläst immer noch der Trompeter. Olga kann nicht aufhören mit ihrer Einsamkeitsgeschichte. 

OLGA. Ich sah niemanden, aber es wehte mich etwas Fremdes an. Ein fremdes Wesen schien da zu sein, aber ich konnte es nicht sehen. Kennst du so was? Habt ihr so was schon mal erlebt? Ach, ihr seid ja Männer, ihr würdet so was sowieso nie zugeben. Ich schlief erst bei Helligkeit ein, da war die Gefahr vorbei. Aber ich mußte ja um zehn Uhr zur Probe gehen. Da kam wieder die Panik auf, daß ich die Probe verpenne. Ach, es war eine schreckliche Nacht! 

Volker und Clarissa, die aus einem Konzert kommen, wollen noch ein Glas trinken und Freunde sehen. Auch sie scheitern an der Sperrstunde. Sie sehen das Grüppchen der verzweifelten Freunde. 

VOLKER. Hallo!

OLGA. Guten Abend!

CLARISSA. Und - wo gehen wir denn hin?

STEFAN. Das ist eine interessante Frage, nachts um eins in München! 

Diese Frage hat sich früher, in den schönen »Fuchsbau«-Jahren, nicht gestellt. Das Freundesgrüppchen steht verloren im Dunkeln. 

952 Villa Cerphal, Garten


Juan arbeitet auch an diesem schönen Sommertag wieder an seinem Pflastermosaik. Stein um Stein setzt er in wohlgeordneter Reihe zu den anderen. Da nähert sich ein weißer Sportwagen. Es ist Herr Gattinger, der neben der Villa anhält und einen Herrn mit Aktentasche aussteigen läßt. Der Hund Wasti begrüßt sein Herrchen. 
953 Villa Cerphal, Diele


Der Herr mit Aktentasche beherrscht die Kunst, Vogelstimmen zu imitieren. Er steht in der Diele und pfeift wie Amsel, Drossel, Fink und Star. Dazu benutzt er die Plättchenpfeife des berühmten »Vogeljakob«. Von den Vogelstimmen angelockt, erscheint die Cerphal oben auf ihrer Galerie. 

FRÄULEIN CERPHAL. Was pfeift denn hier? Toi-toi-toi! 

Sie klopft gegen Holz. Der Gerichtsvollzieher wird es ja wohl nicht sein! Sie kommt die Treppe herunter, um den fremden Herrn zu begrüßen. Gattinger stellt ihn ihr vor. 

GATTINGER. Das ist der Herr Notar Böhringer- Fräulein Cerphal.

BÖHRINGER. Böhringer.

FRÄULEIN CERPHAL. Ich bin das Huhn, das keine Eier legt.

GATTINGER. Aber, Elisabeth, bitte! 

Gattinger bietet dem Notar einen Platz zum Schreiben an. Die Cerphal bekommt einen Lachanfall, der bald in Schluchzen übergeht. 

GATTINGER. Elisabeth!

FRÄULEIN CERPHAL. Ist doch wahr, Gerold, was der Krieg nicht zerstört hat, das zerstören wir jetzt mit diesem Vertrag. Herr Notar, können Sie den Käufer wenigstens verpflichten, auf diesem Grund und Boden irgend etwas zu errichten, was etwas mit Kultur zu tun hat?

BÖHRINGER. Nein, das geht nicht. Die Münchner Baugrund AG will hier einen Wohnungskomplex mit hundertfünfzig Einheiten bauen. Die Stadt fördert dieses Unternehmen.

FRÄULEIN CERPHAL. Hundertfünfzig Wohnungen? Gerold, verkaufen wir das Haus nicht zu billig?

GATTINGER. Das ist ein sehr guter Preis, Elisabeth!

BÖHRINGER. Damit können Sie Weltreisen machen, solange Sie leben.

GATTINGER. Vor allem - solche Einkünfte sind steuerfrei!

FRÄULEIN CERPHAL. Ach! Also, irgendwann muß ja auch mal Schluß sein mit all dieser Vergangenheit. Wann packen wir die Koffer?

GATTINGER. Na, wenn du willst, heute noch!

FRÄULEIN CERPHAL. Mein Vater wird sich im Grabe umdrehen.

GATTINGER. Seine Zeit war abgelaufen, Elisabeth.

FRÄULEIN CERPHAL. Mein Vater war ein Tycoon. Wissen Sie, was das ist?

BÖHRINGER. Ja. 

Elisabeth geht in den Räumen umher, um in Gedanken von ihnen Abschied zu nehmen. Die Sonne sendet noch einmal die schönsten Strahlen ins Terrassenzimmer. 

BÖHRINGER. Was sollen wir als Ihren Beruf eintragen, Fräulein Cerphal?

FRÄULEIN CERPHAL. Studentin. 

954 Villa Cerphal, Garten


Der Notar hat seinen Dienst getan. Vogelstimmen imitierend geht er mit seiner Aktentasche durch den Garten davon. Die Vögel in den Bäumen antworten auf seine Pfeiftöne. Wasti bellt. Die Cerphal kommt auf die Terrasse hinaus. Sie sieht zu, wie Juan sein Mosaik gestaltet. 

FRÄULEIN CERPHAL. Juan, das ist doch alles umsonst. Wollen Sie nicht lieber aufhören? 

Juan erhebt sich ganz langsam. Die Schritte, mit denen er auf die Cerphal zugeht, sind gemessen und ernsthaft. Er bleibt vor ihr stehen. 

JUAN. Aber ich bin doch noch nicht fertig.

FRÄULEIN CERPHAL (überlegt). Na gut, dann machen Sie weiter. 

Juan setzt seinen Papierhut auf und kehrt zu seiner Arbeit zurück. Die indianische Figur, die das Mosaik darstellt, ist ein Gott.