Film 10: Drehbuch

Zehntes Buch
Das Ende der Zukunft
(1966) 
 
1OO1 Müllberg Nord


Diese Landschaft könnte sich überall auf der Welt befinden: ein kahles Hügelgelände, zu dem eine staubige Schotterstraße hinaufführt, der weite Blick in eine zersiedelte Ebene, verrottetes Industrie- und Vorstadtgelände, Dunst, fernes Brodeln von Großstadtlärm, ein verbeulter Ami-Schlitten, der in einer Staubwolke herangebraust kommt. Das staubLedeckte Auto hält auf dem Hügelkamm. Ein Mann steigt aus. Mit den Bewegungen eines amerikanischen Gangsterdarstellers geht er lässig ein paar Schritte und schaut über das weite Land. Reinhard blickt, in einem offenen Hemd, mit herunterhängender Krawatte und Schweißtropfen auf der Stirn, auf diese staubige Stadt hinunter. Man sollte nicht glauben, daß auch das München ist: eine ausgedorrte, von Möwenschwärmen überlagerte Steinwüste. Reinhard erinnert sich an die Bilder seiner Reise. 
1OO2 Mexiko-Bilder


Eine Straßenschlucht von Mexiko-Stadt, dem steingewordenen Alptraum: Banken, Geschäftshäuser und Tausende von Autos, die aussehen wie Reinhards Ami-Schlitten. Eine kleine Steinruine in Yucatan, mitten im Busch, Reinhard sitzt in der leeren Fensteröffnung und horcht auf exotische Vogelstimmen. Die Pyramide von Chichen Itza, ein präkolumbianischer Säulenwald, Reinhard inmitten indianischer Ruinen, mit seiner Filmkamera auf tropischen Abenteuerpfaden. 
1003 Abbruch Villa Cerphal


HERMANN. Seit seiner Rüchkehr aus Amerika war Reinhard krank. »Montezumas Rache« nannte der Tropenarzt die Amöben, die sich in seinem Darm festgesetzt hatten. Seit elf Stunden war er wieder in München. Ein Jahr lang hatten seine Filmemacheraugen die Welt gesehen: Brasilien, Peru, El Salvador, Mexiko, Länder, in denen die Baumwollkulturen wachsen, von denen sein Dokumentarfilm handelte. Alles, was ihm der Auftrag des deutschen Chemiekonzerns vorgab, hatte Reinhard mit Robs Hilfe in Filmbilder umsetzen können: Geschichte, Ökonomie, Technik, Klima, Kultur- eine begreifbare Welt, trotz ihrer Exotik. Aber Reinhard spürte, wieviel in seinem Film ungesagt blieb. Wenn er jetzt die Freunde wiedersehen könnte! Wochenlang würde er ihnen von Geheimnissen erzählen, auf die er gestoßen war. Seine Seele war voll von der Größe der Welt, und er wußte nicht, wohin mit dieser Fracht! 

Mit sechs Eistüten, je drei in einer Hand, betritt Reinhard eine Baustelle. Zur Straße hin ist das Gelände durch einen hohen Bretterzaun abgeschirmt. Reinhards Schritte verlangsamen sich. Seine Augen können sich nicht orientieren; seine Sinneswahrnehmungen sind nicht mehr mit seinen Erinnerungen zu koordinieren. Ist er am richtigen Ort? Kann es sein, daß sich dieser vertraute Ort so verändert hat? Die Cerphal-Villa ist verschwunden, der Garten, die Zugangswege, die alten Bäume, das Tor, der Zaun, alles wurde niedergewalzt und verwüstet. Nur die Kellermauern stehen noch und markieren den Grundriß der ehemaligen Herrschaftsvilla. Ein riesiger Bulldozer auf Panzerketten steht neben dem Bauloch, als wollte er sich von seiner Zerstörungsarbeit ausruhen. In der Mittagshitze ist die kalkig-weiße Abbruchstelle menschenleer und verlassen. Reinhard wird sich der Eistüten bewußt, die er den Freunden mitbringen wollte und die er deswegen noch zwischen den Fingern hält. Eine klebrige Schmelzbrühe tropft über seine Hände. Von Ekel geschüttelt läßt er die Waffeltüten einfach in den Bauschotter fallen. Cremiger Brei verläuft zwischen Kies und Zement. Reinhard geht weiter. Er versucht, sich wenigstens einigermaßen zu orientieren. Wo stand der Schuppen? Wo war die Terrasse? Wo verlief die hintere Hauswand? Dort, wo die abgeknickte Fernsehantenne liegt? Oder da, wo der Hügel mit Humus aufgeschüttet wurde? Reinhard findet Reste von Juans Pflastermosaik. Ganz deutlich kann man noch die Umrisse der indianischen Gottheit erkennen. Reinhard ist völlig verwirrt, denn er war in der Zeit, in der Juan diese Pflasterfigur geschaffen hat, längst nicht mehr in Deutschland. Jetzt ist es, als würde er von seinen südamerikanischen Eindrücken eingeholt. Er geht umher wie ein Betrunkener. Plötzlich rennt Reinhard los. Er muß sofort mit einem Menschen sprechen, sonst wird er überschnappen. 

1004 Hollandstraße, Telefonzelle


Wenigstens in der benachbarten Straße hat sich nichts verändert. Die Telefonzelle steht an gewohnter Stelle neben dem kleinen Cafe. Reinhard zählt im Laufen sein Kleingeld ab. Er wählt Robs Nummer. 

REINHARD. Rob, ich bin's. Sag mal, der »Fuchsbau« ist weg, spurlos verschwunden! Nein, in der Telefonzelle in der Hollandstraße . . . Sag mal, hast du die Kamera noch? Gut, dann muß irgendwo noch ein Rest Material sein. Rob, bitte komm damit sofort hierher! Ich will der Sache mit der Kamera nachgehen. Warum mit der Kamera? Weil ich verstehen will, was passiert ist, verdammt noch mal! Ich warte vorm Haus. Ist wirklich weg, glaub's mir doch! 

Beim Verlassen der Telefonzelle spürt er einen heftigen Krampf im Unterbauch. Er bleibt mitten auf der Seitenstraße stehen und krümmt sich vor Schmerzen. 

1005 Abbruch Villa Cerphal 


Als Reinhard zum Abbruchgrundstück zurückkommt, hat der Schmerz ein wenig nachgelassen. Er zündet sich eine Zigarette an, dann betrachtet er noch einmal die Verwüstung. Oben auf dem Bulldozer steht einer der kleinen Steinlöwen, die einst den Villeneingang zierten. Reinhard klettert auf die eisernen Greiferarme, um die Figur von der Baggerschaufel herunterzuholen. Aber die kleine Statue scheint auf dem Eisen festgewachsen zu sein. Eine Bewegung in der Tiefe des Geländes weckt seine Aufmerksamkeit. Reinhard erkennt einen Mann, der auf dem Nachbargrundstück Gartenarbeiten verrichtet. Er steigt von dem Bulldozer herunter, um den Mann über den Holzzaun hinweg anzusprechen. 

REINHARD. Hallo, wohnen Sie hier?

NACHBAR. Ja, wie Sie sehen.

REINHARD. Können Sie mir eine Auskunft geben? 

NACHBAR. Also, wenn Sie das Haus mit der Nummer 21 suchen, das gibt's nimmer, das ist weg. 

RETNHARD. Seit wann denn? 

NACHBAR. Vorigen Donnerstag haben sie's abgerissen. In vier Stunden war alles dem Erdboden gleichgemacht. Den letzten Schutt hams gestern weggefahren. Nicht einmal im Krieg ist so was so schnell gegangen. Aber heut mit den modernen Maschinen, gell? 

RETNHARD. Da haben nämlich Freunde von mir gewohnt. 

NACHBAR. Also, wir gehn da nicht raus. Wir weigern uns, aus unserem E.Iaus auszuziehen. Und das mit Erfolg übrigens. Sehen Sie den Bulldozer da drüben am Zaun? Steht der nicht da wie ein Panzer vor dem Angriff? Sie wollen das Haus hier nämlich auch wegplanieren. Meine Frau ist da geboren, und wir pflanzen nächsten Monat eine neue Hecke an der Grenze, das schwör ich Ihnen. 

Der Mann kehrt zu seiner Arbeit zurück, macht sich an einem Wassertümpel zu schaffen. 

REINHARD. Gehört Ihnen das Haus? 

NACHBAR. Leider nicht. Die Häuser sind doch alle zwei an die Münch-ner Baugrund AG verkauft worden, wissen Sie das nicht? Ham S' das Schild an der Ecke vorne nicht gesehen? Schaun S' sich's Ihnen an, gehn S' nur vor, da ist doch die Büro-Pyramide drauf abgebildet, die sie hier über uns hinwegbauen wollen! 

Jetzt weiß Reinhard Bescheid. Erklären kann er sich die Zusammen- hänge um so weniger. Er denkt nach. Die Schmerzen in seinem Darm kehren wieder. 

REINHARD. Wir wollen hier gleich ein paar Filmaufnahmen machen. Darf ich Sie da um ein Statement bitten? 

NACHBAR. Fürs Fernsehen? 

REINHARD. Ich mache Dokumentarfilme. 

NACHBAR. Wissen S', ich hab mich schon g'nug in die Brennesseln gesetzt. Bittschön, halten S'mich da raus! 

REINHARD. Wissen Sie etwas über die Besitzerin, die Frau Cerphal, wo die jetzt wohnt? 

NACHBAR. G'hört das jetzt schon zum Interview, oder wie soll ich das verstehen? Also, ich weiß nur, daß die Frau ihr Haus zu Geld g'macht hat. Den Quadratmeter zu fünfhundert Demark. Da staunen S', was ? Wir haben hier schon die zweite Räumungsklage überstanden. Eine Gier ist das, das können S' Eana gar nicht vorstellen. Aber, wir pflanzen die Hecken, und damit basta. 
1006 Straße vor Abbruchvilla

Außerhalb des Bauzauns herrscht wieder die friedliche Atmosphäre. Alles Böse ist den Blicken der Nachbarn entzogen, und eine Bautafel beschreibt mit vielen seriösen Firmennamen ein freundlich-modernes Bauvorhaben, von dem es sogar ein buntes Bildchen auf der Tafel gibt: ein Pyramidenbau, der ein wenig an die indianischen Pyramiden erinnert, die Reinhard in Mexiko gesehen hat. Rob kommt mit seinem Lieferwagen an, in dem er die Kameraausrüstung transportiert. Auch er sieht nun zum ersten Mal die Veränderung in der Straße. Er bleibt vor dem Bauschild stehen. Reinhard kommt hinzu und deutet auf das Grundstück, dann auf die Bautafel. 

REINHARD. Hier: Gegenwart - Zukunft. Ich denke mir, wir machen uns auf die Suche nach Bildern, die uns an das Haus erinnern. 

Rob holt die Geräte aus dem Auto: das Stativ, den Kamerakoffer, Reinhard trägt die Klappe. 

1007 Abbruch Villa Cerphal


Jetzt erkennt auch Rob das ganze Ausmaß der Zerstörung. Er beginnt sofort, sein Stativ am Rand der Baugrube aufzustellen. 

REINHARD. Da, schau dir das an! Das ist doch unglaublich! 

ROB. Ja, was willst du denn machen, Reinhard?

REINHARD. Hier!

Reinhard deutet in alle Richtungen. 

ROB. Willst du eine Totale drehen oder einen informativen Schwenk, oder was ? 

REINHARD. Da, das Tor! Reinhard findet immer mehr Dinge, die ihn an die verlorene Zeit im »Fuchshau« erinnern. Er rennt auf dem plötzlich so grogräumig gewor- denen Grundstück umher, als wäre er auf einem Fußballplatz, den er mit riesigen Schritten zu durchmessen versucht.

Rob hat die Kamera auf das Stativ gesetzt. Er beschäftigt seine Augen, indem er seine Erkundungen des Abbruchgeländes durch das Okular der Kamera vornimmt. Er schwenkt und beobachtet das Gelände. Da sieht er im Sucher auch Reinhard, der rastlos umherläuft, einen Schutt- haufen untersucht, den Bulldozer umkreist und schließlich zu Rob zurückkehrt. 

ROB. Was erzählt uns dieser Schwenk? Reinhard, ich sage dir jetzt, was ich sehe. Also, ich sehe einen umgestürzten Baum, drei Öltanks, eine Fernsehantenne, liegend, eine Kellermauer - und jetzt steht mir jemand im Bild! 

Reinhard ist direkt vor dem Kameraobjektiv stehengeblieben. 

REINHARD. Rob, Spekulation, Verwüstung, aufgescheuchte, verjagte Ortsgeister! Die Menschen der Antike, die glaubten an so etwas. Jeder Ort hatte seine Gottheit, und wenn die beleidigt wurde, dann konnte die sich aber ganz bitter rächen! 

ROB. Und das willst du dann als Kommentar drüberlegen? 

REINHARD. Das will ich festhalten! Stell dir vor, das Haus, das ist einfach weg, als ob man es gestohlen hätte! Sogar der Luftraum, in dem es einmal stand, ist weg. 

ROB. Den Luftraum, den siehst du nicht im Bild! Komm, schau selbst mal durch! 

Rob widersetzt sich Reinhards Interpretationen. Er bemüht sich, unbestechlicher Realist zu bleiben. Wenn sein Blick dem Blick Reinhards in den »Luftraum« folgt, sieht er tatsächlich das, was Reinhard meint: eine nackte Sonne über einem nackten Grundstück. Dennoch will Rob seinen Freund zur Objektivität der Kamera erziehen. ROB. Blende 56, Reinhard! 

REINHARD. Warum kann dieses verdammte Glasauge immer nur glotzen! Ohne Hoffnung und ohne Mitleid. Es gibt doch nichts Idiotischeres als so eine Kamera. 

Reinhard bekommt wieder Darmkrämpfe. Er läft die Kamera los, um sich auf einen Haufen von Sperrmüll zu setzen. Er fühlt sich der Situation nicht mehr gewachsen. Rob begreift allmählich, was den Freund so traurig macht. 

ROB. Tatsächlich, fast nichts, was an unseren »Fuchsbau« erinnert! Reinhard, die Villa war doch viel größer als dieses Loch. Die hat hier überhaupt nicht Platz gehabt! 

Rob beginnt, den Grundriß der Villa entlang den Kellermauern abzuschreiten. Er zählt die Schritte. Es sind zehn Meter in der einen und dreizehn in der anderen Richtung. 

ROB. Sag mal, das ist ja unmöglich! Waren das nur hundertdreißig Quadratmeter? Reinhard, das ist ja gar nichts, das war eine Hütte, Reinhard, unsere Villa war eine Hütte! Reinhard? 

Reinhard hat das Villengrundstück verlassen. Rob wird unruhig. Er eilt zum Bauzaun, um nach dem Freund Ausschau zu halten. 

1008 Straße vor Abbruchvilla


Rob findet Reinhard, der hinten auf der Ladefläche eines Lieferwagens sitzt und sich vor Schmerzen krümmt. 

REINHARD. Ich habe wieder diese verdammten Darmkrämpfe. ROB. Was hat denn der Arzt gesagt? 

REINHARD. »Montezumas Rache«! ROB. Komm, lege dich mal hin! 

Während Rob dem Freund auf der Ladefläche eine notdürftige Liege bereiten will, bekommt Reinhard eine heftige Durchfall-Attacke. Rob kann kaum folgen, so schnell rennt der Freund auf das große Tor der Baustelle zu. Er versucht im Laufen, seine Hose herunterzulassen, und schafft es gerade noch bis an den Rand der Baugrube, ehe sich sein Darm entleert. Rob verschließt mitleidig das Holztor vor dem Anblick des kranken Freundes. Als er nachdenklich die Straße entlanggeht, erkennt er Hermann, der sich mit einem Kinderwagen nähert. 

HERMANN. Rob, du bist das? Ihr seid zurück? ROB. Ja. 

HERMANN. Und der Reinhard? Ist der auch da? ROB. Ja ja, der kommt gleich! 

Rob kann gerade noch verhindern, daß Hermann das Holztor öffnet und Reinhard bei seiner Notdurft stört. 

ROB. Reinhard, der Hermann ist da! 

Rob entdeckt Hermanns kleine Tochter, die unter einem Sonnenschirmchen im Wagen sitzt und lächelt. 

ROB. Ist das dein Kind? 

HERMANN. Ja sicher, das ist die Lulu. 

ROB. Die Lulu. 

HERMANN. Das ist doch nicht zu fassen.

ROB. Hast du gewußt, daß die Villa weg ist? 

HERMANN. Schon seit Monaten waren die Türen zugenagelt und keine 

Vorhänge mehr an den Fenstern. Ich wollte rauskriegen, wo der Flügel abgeblieben ist, aber ich bin nicht mehr ins Haus gekommen. Mit bleichem Gesicht kommt Reinhard durch das Holztor, gibt aber Hermann nicht die Hand. Er hat immer noch Bauchschmerzen. 

REINHARD. Grüß dich! Das zieht ja saumäBig da drin.

HERMANN. Daß ich euch hier treffe!

REINHARD. Sag mal, kannst du uns sagen, was da passiert ist? 

HERMANN. Ja, die Cerphal hat das Haus verkauft. Es heißt, sie ist jetzt auf Weltreise und verjubelt ihr Geld mit Herrn Gattinger. 

Hermann folgt Reinhard, der sich auf die Ladefläche des Lieferwagens gesetzt hat, um sich auszuruhen. 

REINHARD. Mensch, Hermann, in der Villa sind wir mal glücklich gewesen. Ich habe immer gemeint, daß ich nicht so ganz dazugehöre zum Freundeskreis, aber jetzt... Sag mal, was ist aus den anderen geworden? Trifft man sich noch? 

HERMANN. Du warst lange weg. 

REINHARD. Hast nicht du mal die Geschichte von Helga erzählt, wie sie nach einem Jahr nach Hause kommt, und die Klingel war noch immer nicht repariert? 

HERMANN. Ja. 

REINHARD. Also, du bewegst dich, siehst die ganze Welt, erfährst, daß du an einem Tag wahnsinnig viel erledigen kannst, und dann kommst du nach Hause und mußt feststellen, die Zeit ist stehengeblieben. Nicht mal die Klingel haben sie repariert! Dann weißt du, daß du daheim bist. 

Rob beschäftigt sich mit Lulu. Hermann öffnet inzwischen das Tor zur Baustelle. Reinhard folgt ihm. Die beiden bleiben im Tor stehen. 

HERMANN. Ich habe das immer gehaßt, diese Heimatgefühle. 

REINHARD. Du warst aber immer der Mittelpunkt. 

HERMANN. In der Villa? Das war doch Zufall! 

ROB. Ein halbes Jahr Südamerika, du kommst heim, und München ist ein Dorf, die Hauptstadt von Bayern. 

1009 Abbruch Villa Cerphal

Hermann geht voran. Auch er ist fassungslos über das verwüstete Gelände. Die Baugrube hat eine starke Anziehungskraft. Immer wieder bleiben die Freunde am Rand des Lochs stehen, blicken hinein und spüren ihre Ohnmacht. Hermann wagt es, in die Grube hinabzusteigen. Reinhard umrundet den Keller. 

REINHARD. Zwischen meinem vierten und sechzehnten Lebensjahr, da sind wir sechsmal umgezogen. Wir sind nirgendwo länger als zwei Jahre geblieben. Ich habe fünfmal die Schule gewechselt und fünfmal neue Lehrer hassen gelernt. 

HERMANN. Wenn ich nur wüßte, wo dieser Flügel abgeblieben ist! Das war nämlich gar kein schlechtes Instrument. Der Klang war eigenartig: kühl, aber trotzdem weich. Man mußte ihn allerdings mögen, sonst hat er sich gewehrt. 

REINHARD. Wie kannst du nur an dieses blöde Klavier denken, Hermann! Daß die Villa weg ist, das ist dir Wurst! Nichts ist mehr so wie früher. 

Jetzt kommt Hermann wieder aus dem Loch heraus. Wie Reinhard wirft er Steine in die Grube oder schaut durch Robs Filmkamera, die immer noch aufgebaut ist. 

HERMANN. Ich muß gehen. Die Kleine kriegt Hunger. 

REINHARD Sobald einer verheiratet ist, wird er zum Materialisten! 

ROB, Soll ich dich mitnehmen? Ich kann euch nach Hause fahren. 

HERMANN, Müßt ihr nicht noch Aufnahmen machen? 

Die Idee, das Verschwinden der Villa mit der Filmkamera zu dokumentieren, hat Reinhard jetzt aufgegeben. Er nimmt die Kamera vom Stativ und packt sie in ihren Koffer. Beides trägt er auf die Straße hinaus. 

REINHARD Sag mal, Hermann, bist du eigentlich glücklich, mit Frau und Kind und Küche und dem Wecker auf dem Nachtkasten? 

1010 Straße vor Abbruchvilla


Hermann schaut hinter Reinhard her. Er spürt die Verbitterung und versucht sich zu verteidigen, als wäre er schuld an dem Verlust dieser Ersatzheimat. 

HERMANN. Es ist eben alles ein bißchen anders als früher. 

REINHARD. Siehst du, das habe ich vorhin auch gesagt. 

HERMANN. Du magst keine Kinder, stimmt s?

REINHARD. Nein.

ROB. Reinhard, du bist heute neben der Spur. Geh nach Hause! 

Reinhard beschließt, seinen Abschied vom »Fuchsbau« ganz allein zu begehen. Er nimmt seine Fotokamera mit auf die Baustelle, wo er das Objektiv erst mal in alle Richtungen wendet, um sich zu vergewissern, was hier überhaupt Realität ist. Inzwischen nimmt Rob Hermann und sein Kind mit in die Stadt. 

1011 »Renates U-Boot«


Bei Einbruch der Dunkelheit fährt Reinhard in München umher, als wäre er in Mexiko. Sein Straßenkreuzer bahnt sich seinen Weg zwischen Motorrollern und Fußgängern; vor einem Kneipeneingang bleibt er schließlich stehen. Gerade wenn er müde und traurig ist, wirkt Reinhards schwerer Körper wie der eines Westernhelden. Er betritt die Kellerkneipe, aus der ihm laute Stimmen, Zigarettenrauch und Kellermoder entgegenströmen. Das Gebäude ist ganz in blaues Licht getaucht. Reinhard war noch niemals hier. Bernd kommt ihm entgegen, sein ehemaliger Aufnahmeleiter, in Matroseniacke und Kapitänsmütze. Reinhard wird mit der immer gleichbleibenden Munterkeit der Gastwirte begrüßt, die alle dunklen Gedanken verbannen wollen, damit der Gast ein fröhlicher Zecher wird. 

BERND. Herr Dörr, guten Abend! Schön, daß wir Sie auch mal zu sehen bekommen! Schauen Sie sich ruhig ein bißchen um. Gestern waren wir zu, heute sind wir offen. Wenn wir aber heute zu offen sind, sind wir morgen wieder zu, wenn Sie wissen, was ich meine. Der Alex sitzt da drüben. 

Schon ist alles geregelt und in gewohnte Bahnen gelenkt. Das fühlt sich gut an, auch wenn man das erste Mal hier ist. Da sitzen die Jungintellektuellen Münchens und gefallen sich in ihren »Analysen« und lysen« und »Projekten«. Da sind die Paare, die sich aneinanderklammern, als wollten sie sich ausgerechnet hier dem Untergang der Welt entziehen, und da ist Renate, die geschäftig umhereilt, Getränke serviert und ihre Cocktails anpreist. 

RENATE. So, hier noch etwas Neues aus unserer Lecker-SchmeckerKüche: »Tränen von Olga«, frisch gepreßt! 

Reinhard hat Alex entdeckt, der über das Gipsbein einer schönen Frau gebeugt ist, um etwas Tiefsinniges auf den Verband der gebräunten Schönheit zu schreiben. Vor ihm haben sich schon andere Verehrer auf dem Streckverband verewigt. Alex jedoch wagt einen Ausflug in die Geschichte der Philosophie. Reinhard beugt sich über seine Schulter. 

REINHARD. Was schreibst du denn da ? 

Alex' Finger folgt beim Vorlesen den Worten bis unter den Rocksaum der verletzten Frau. 

ALEX. »Jedes endliche Ding ist durch andere endliche Dinge bestimmt. Keines davon hat Gott zur unmittelbaren Ursache.« 

Alex ist so in seine Philosophie vertieft, daß er kaum noch wahrnimmt, wie ungewöhnlich seine Situation ist. Vor ihm das gebrochene Bein einer fremden Frau, die schweigt und ihn gewähren läßt, und hinter ihm der Freund, den er seit vielen Monaten nicht gesehen hat. 

ALEX. »Die Frage ist, welches Zwischenglied besteht zwischen den unendlich vielen Substanzen und der Unendlichkeit Gottes. « 

REINHARD. Grüß dich, Alex!

ALEX. Ja, grüß dich!

REINHARD. Weißt du, daß sie den »Fuchsbau« abgerissen haben? 

ALEX. Ja. Auch das ließe sich mit Spinoza erklären: Jedes Haus definiert sich durch die umgebenden Häuser, jeder Abbruch durch die umgebenden Abbrüche. 

Renate ist ungeduldig geworden. Sie löst sich aus der Gruppe, die den philosophierenden Alex umgibt, und sucht Bernd, ihren Kompagnon, der lächelnd an der Theke steht. 

RENATE. Kannst du dich jetzt um die Gäste kümmern? Ich muß hoch! 

Jetzt, wo Reinhard es nicht mehr erwartet hätte, kommt eine freundliche Zuwendung zustande. Alex sieht ihm unerwartet in die Augen und lächelt. 

ALEX. Na, Weltreisender, laß dich ansehen! Deine Augen haben sich verändert. 

REINHARD. Ich habe heute zum ersten Mal bemerkt, daß ich auf dreiunddreißig Jahre zurückblicke. Kannst du dir das vorstellen? Dreiunddreißig! Ein Wahnsinn, was? 

ALEX. Du kommst ins Christus-Alter, Zeit, etwas für deine Unsterblich- keit zu tun!

REINHARD. In Mexiko wäre ich fast gestorben. 

Alex nimmt einen großen Schluck, dann nickt er Reinhard zu, als wüßte er alles, was Reinhard auf seiner Reise erlebt hat. Renate erscheint auf ihrer kleinen Hausbühne, auf der als besonderes Dekorationsstück ein gläsernes Aquarium aufgestellt wurde, das mit einem magischen Unterwasserlicht beleuchtet ist. Renate ist völlig nackt und trägt nur eine lange Perlenkette. So steigt sie ins grünliche Wasser und läßt sich die Goldfische um die Beine streichen. Sie genießt die Blicke der Gäste, die sich unterhalb der Bühne versammeln. 

RENATE. Meine Herrschaften, Sie sehen jetzt zu Ehren des Meergottes Poseidon das Gedicht »Nachtgesang der Fische«. 

Renate atmet tief ein, dann läßt sie ihren ganzen Körper ins Aquariumwasser gleiten. Die Perlen fluten um ihre Brüste, als wären sie Haarsträhnen einer Meerjungfrau. Mit weitgeöffneten Augen versucht sie, durch die gläserne Wand nach draußen zu blicken in die reale Welt, in der ihre Kneipengäste sich befinden. Reinhard steht fasziniert unter den Zuschauern, die nicht begreifen können, was da vor ihren Augen dargeboten wird. Renate, umschwebt von Goldfischen, Reflexen und Perlen, sieht plötzlich wunderschön aus. Sie ist in »ihrer« Welt, einer Welt aus Wasser. Die Stille, die im Lokal entstanden ist, auch Renates Lächeln und die Luftblasen, die aus ihrem Mund steigen, die Schwerelosigkeit ihres üppigen Körpers - das alles verzaubert Reinhard. Er kann nicht verstehen, warum die Gäste dieser Kneipe so melancholisch sind, warum Alex sich so in seine alkoholisierte Gedankenwelt zurückzieht. Im Hintergrund ertönt das Beatles-Lied »Yesterday«. Reinhard ist von einer Weltreise zurückgekommen, und jetzt findet er seine Freunde, eine ganze Jugend vor, die sich von einem »Gestern« verabschiedet, das sie alle einmal verbunden hat. 

REINHARD. Wie hältst du das eigentlich aus, Alex? Jeder in seinem Winkel verkrochen! 

ALEX. Es gibt keine Mitte in dieser Welt von »Monaden«. Wir sind nach außen abgeschlossen, ohne Fenster, wie Leibniz sagt. 

REINHARD. Du siehst ungesund aus und unglücklich!

ALEX. »Schmerz ist ein lokalisierter Kummer«, wie Spinoza sagt. 

REINHARD. Ach, hör doch mit deinem Spinoza auf! Ich will wissen, was uns fehlt. 

ALEX. Uns fehlt das, was allen fehlt. Wir sind Spiegelbilder des Ganzen. 

Endlich ist es Alex gelungen, einen Draht zu entfernen, der von der niedrigen Decke über der Bar gehangen und ihn dauernd an der Glatze gekitzelt hat. Er sieht Reinhard triumphierend an, denn er hat einen Gedanken formuliert, mit dem er das Problem erledigen konnte, so wie man einem lästigen Insekt mit der Fliegenpatsche den Garaus macht. 

REINHARD. Du machst mich wahnsinnig. Ich spiele dieses Spiel nicht mit, dieses Einsamkeitsspiel. Ich will dazugehören, gebraucht werden, verstehst du? 

Alex trinkt. Auch Reinhard weiß sich keinen anderen Rat, als ein Glas nach dem anderen herunterzukippen. Die beiden schweigenden Freunde sind bald die letzten Gäste, nachdem auch die schöne Frau mit dem Gipsbein weggegangen ist. Sie zerschmeißen ihre Gläser auf dem steinernen Boden. Die Wirtsleute Renate und Bernd sitzen stumpfsinnig an die Wand gelehnt und schlafen. Immer mehr Gläser gehen auf dem Steinboden zu Bruch. 

1012 Wohnung Reinhard


Reinhard wacht am späten Vormittag mit einem bösen Kater auf. Als er das Bettuch hebt, um seinen Kopf zu befreien, martert eine brutale Helligkeit seine Augen. Er kann sich nicht aufrichten. Auf allen vieren und mit geschlossenen Augen kriecht er durch das Zimmer, um seine Sonnenbrille zu holen, die auf dem mit Reiseandenken überladenen Tisch liegt. Erst jetzt vermag er vorsichtig die Augen zu öffnen. In der Küche trinkt er ein großes Glas Wasser, dann macht er sich ans Kaffeekochen. Zwischen den exotischen Mitbringseln findet er eine Schallplatte, die er auf den Plattenteller legt. Mit der Kaffeetasse in der Hand ruft er von seiner Küche aus, beim Gedudel mexikanischer Folklore, seine Cutterin an. 

REINHARD. Ja, hier ist Reinhard Dörr. Geben Sie mir bitte den Schneideraum. Dagmar, ja, ich bin's. Nein, das ist eine mexikanische Schallplatte. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, daß ich später komme. 

Als Reinhard sich auf seine Bettkante setzt, um eine Kopfwehtablette einzunehmen, klingelt es an der Haustür. Ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen mit langen blonden Locken steht vor Reinhards Wohnungstür und nimmt eine »aufreizende« Haltung ein. Sie ist damenhaft geschminkt, trägt hochhackige Schuhe und eine Bluse mit Tigermuster, die zwei riesige Brüste verbirgt. Sie steht da, ans Treppengeländer gelehnt, und wartet darauf, daß Reinhard die Tür öffnet. 

REINHARD. Trixi, was willst du denn hier? 

TRIXI. Darf ich reinkommen? 

REINHARD. Ja, sicher. Hast du die Schule geschwänzt? Warst du schon bei deiner Schwester im Schneideraum? Weiß sie, daß du hier bist? 

TRIXI Nee. 

Er hat Trixi hereingelassen. Sie reckt sich ein bißchen, sie will größer erscheinen, als sie jetzt umhergeht und sich lässig umschaut. 

REINHARD. Woher hast du denn meine Adresse?

TRIXI. Ich weiß alles!

REINHARD. Ah ja. 

Reinhard läßt Trixi einfach im Flur stehen. Er schließt sich im Bad ein, um zu duschen. Trixi mustert inzwischen die Wohnung mit ihren kahlen weißen Wänden, den hohen Fenstern, den improvisierten Möbeln, dem Bett, das aus riesigen Schaumstoffblöcken besteht, dem Tisch mit den mexikanischen Reiseandenken. Trixi findet Reinhards schwarze Zigaretten. Sie zündet sich verstohlen eine davon an. So steht sie rauchend vor dem Fenster, als Reinhard vom Bad zurückkommt. 

REINHARD.SO, jetzt sag schon, was du willst! 

Trixi antwortet nicht. Sie sieht Reinhard geheimnisvoll an und raucht weiter. Er begreift nur langsam, daß sie ihr Anliegen noch vor ihm verbergen will. Er nimmt die Sonnenbrille ab, um sie besser sehen zu können. Trixi atmet tief ein, bevor sie spricht. 

TRIXI. Ich will zum Film. 

Reinhard verkneift sich das Lachen. Er gibt sich den Anschein von lässiger Ernsthaftigkeit und fährt fort, sich anzuziehen. 

REINHARD. Und deswegen schwänzt du die Schule?

TRIXI. Es stimmt doch, daß Sie ein Drehbuch schreiben, oder?

REINHARD. Stimmt. Das habe ich vor, aber was hat das mit dir zu tun? 

TRIXI. Ganz einfach! Ich meine, daß ich die Hauptrolle spiele, und dazu müssen wir uns jetzt ein bißchen besser kennenlernen, sonst können Sie ja die Rolle nicht richtig schreiben für mich. Also: Ich bin einssiebenundsechzig groß, ich tanze gern, ich trage gerne schöne Kleider, und ich kann gut küssen. Ich stelle mir vor, daß ich die Tochter eines Diplomaten spiele, oder die elegante Dame von Hollywood. Kennen Sie Brigitte Bardot? 

Trixi hat sich bei der Schilderung ihrer Träume immer wieder ein wenig auf die Zehenspitzen gestellt, um größer zu wirken. Das gibt ihr eine tänzelnde Haltung, die verlegen und zugleich überdreht wirkt. Reinhard ist amüsiert. 

TRIXI. Ich komme natürlich um die ganze Welt, und die Männer tragen mich auf Händen, im Kino, meine ich. 

REINHARD. Hast du eine Ahnung! 

Trixi setzt sich nun neben Reinhard. Sie funkelt ihn mit ihren schönen großen Augen an und wartet die Wirkung ihrer Worte ab. Nun ist Reinhard verlegen. Er wühlt in seinen Kleidern, aus denen ihn noch der Dunst der trostlosen Kneipe von gestern anweht. 

TRTXI. Bitte, lassen Sie mich mitmachen im Film!

REINHARD. Warum sagst du eigentlich "Sie" zu mir?

TRIXI. Na ja, Sie sind doch mindestens zehn Jahre älter als ich - und ein Regisseur . . .

REINHARD beim Jungen Deutschen Film. 

Er hält sich den verkaterten Kopf, als er lachen muß. 

REINHARD. Scheiße, ich kann nicht lachen. Willst du einen Kaffee? Jetzt hör mir mal zu, Trixi: Ich habe gerade etst angefangen, das Drehbuch zu schreiben. Ich weiß noch gar nicht, wie die Geschichte ausgehen wird und ob sie mir hinterher noch gefällt. Vorerst bin ich einfach traurig. Und weil ich traurig bin, schreibe ich, und ich suche mir Bilder, die mich traurig machen. 

Reinhard ist zum Fenster gegangen. Er sieht hinaus in diesen hellgrauen Tag. 

TRIXI. Ich bin auch sehr oft traurig. 

REINHARD. Vor 37 Tagen war ich noch in Tampico. Kannst du dir das vorstellen? An der mexikanischen Küste! Es gibt einen berühmten Western, der da spielt. Mein Gott, daß ich jetzt wieder hier bin! 

Trixi erhebt sich. Sie kommt näher zu Reinhard, sie schöpft wieder Hoffnung. 

TRIXI. Wird dein Film ein Western-Film? 

REINHARD. Nein, es wird die Geschichte von einem, der durch die Wildnis zieht. Eines Tages, da packt ihn das Heimweh, und er will dahin zurück, wo seine Freunde sind. Aber als er an das Haus kommt, da ist das Haus weg. Kannst du dir das vorstellen? 

Es ist vielleicht das erste Mal, daß Reinhard diese Ideen für seinen Film ausspricht. Trixi spürt, daß etwas im Entstehen ist, und versucht, die Handlung des Films auf ihre Weise weiterzuspinnen. 

TRIXI. Niedergebrannt von den Apachen! 

REINHARD. Ja, wenn es ein Western wäre. Aber es ist eine moderne Geschichte. Die Wildnis, das sind die modernen Städte. Pferde gibt es keine mehr, nur noch Autos. Keine Killer und Brandstifter. Das sind heute feine Leute, Geschäftsleute, Bauunternehmer. . . 

TRIXI. Schade! 

REINHARD. Warum schade? 

TRIXI. Na ja, die Pferde und die Indianer, die Wildnis und die Prärie, das ist doch alles viel schöner! 

REINHARD. Na ja, wie gesagt, ich weiß selber noch nicht, was aus dieser Geschichte wird. Ich weiß auch nicht, wie sie ausgehen wird. 

Reinhard bemüht sich, die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Er will sich nicht auf Trixis Schwärmerei für ein Kino von gestern einlassen. 

REINHARD. Sag mal, hast du den Lippenstift von deiner Schwester geklaut? 

TRIXI. Haha, sehr witzig! 

1013 Isarfilm, Studio


Das Studio der Isarfilm ist in einem ehemaligen Vorortkino untergebracht. Das langgestreckte Gebäude liegt an einer Kreuzung zwischen Wohnblöcken aus den fünfziger Jahren. Reinhard hat Trixi neben sich sitzen, als er in seiner Blechkarosse vor dem Studioeingang ankommt. Er nimmt wohl an, daß die Kleine ihm ins Haus folgen wird, wo ja auch Dagmar, ihre große Schwester, arbeitet. Aber Trixi bleibt mit ihrer Schultasche draußen vor der Tür stehen. 

TRIXI. Ich haue ab, Reinhard.

REINHARD. Schlechtes Gewissen? 

Sie stellt den Schulranzen auf den Boden und lächelt Reinhard geheimnisvoll an. 

TRIXI. Weißt du, was Dagmar immer sagt? 

REINHARD. Nein, was denn? 

TRIXI. »Wenn ich mal tot bin, Trixi, wird mein Finger aus meinem Grab rauswachsen und dir drohen! «

Mit ausgestrecktem Finger demonstriert sie an der Hausecke, wie der bleiche Leichenfinger ihrer Schwester aus dem Grabhügel wachsen wird. 

REINHARD. Das ist ja schauerlich!

TRIXI. Meine Schwester glaubt an so was. 

REINHARD. Ich sage ihr nichts, versprochen! 

Trixi verdrückt sich, so schnell sie kann. Reinhard winkt zwei Komparsinnen, die vor der Tür spanische Tänze üben, aufmunternd zu und betritt das Haus. 

1014 Isarfilm, Schneideraum 


Der Schneideraum, in dem Trixis große Schwester als Cutterin arbeitet, gleicht allen Schneideräumen der Filmwelt. Er ist in einem schäbigen Souterrainraum untergebracht, schlecht belüftet und klein. Dagmar sitzt neben Rob, der ihr bei der Arbeit zusieht. 

REINHARD. Guten Morgen! 

Während er Rob die Hand gibt, merkt er, daß Dagmar sauer auf ihn ist. Ihr Gruß gerät zu einer regelrechten Drohung. Deswegen verdrückt sich Reinhard erst einmal schnell in den Nebenraum, um von dort einen Stuhl zu holen. 

REINHARD. Darf ich die Szene auch von Anfang an sehen? 

Er hatte gehofft, einfach zur Tagesordnung übergehen zu können, aber Dagmar, die strenge Cutterin, läßt nicht locker. 

DAGMAR. Das war doch meine kleine Schwester da draußen auf der Straße, ich habe ihre Stimme gehört. Warum ist sie denn nicht mit reingekommen? 

REINHARD, Ihre Schwester? 

DAGMAR. Seien Sie doch nicht so scheinheilig! Ich weiß genau, daß sie hinter Ihnen her ist! Da müssen Sie sich in acht nehmen, das ist ein kleines Luder, die Trixi. Das liegt in der Familie. 

Sie setzt den Schneidetisch in Gang. Auf dem Arbeitsbildschirm wird ein mexikanisches Baumwollfeld sichtbar, das von einem kleinen Flugzeug in niedriger Höhe überflogen wird. Rob beugt sich weiter nach vorn, um die Filmszene besser anschauen zu können. 

REINHARD. Da, erinnerst du dich? Das war doch der Morgen, als wir uns verfahren haben. 

ROB.Klar. Da kamen wir von Tampico mit so einem ganz alten Landrover runter. 

ROB. Ein Wehrmachtsmodell mit Einschußlöchern. 

Das Filmbild zeigt eine trübe Sonne, die über der staubigen Landschaft aufgeht. Ein Reiter, der aus einem Westernfilm stammen könnte, taucht aus der Staubwolke am Feldrand auf. Er nähert sich einem primitiven Flugplatz, auf dem abenteuerliche Doppeldecker-Flugzeuge aufgetankt werden. Die Männer, die mit den giftigen Insektiziden arbeiten, tragen Gummihandschuhe und Atemmasken. 

REINHARD. Und die Nacht davor, da hat Rob diesen Don Gustavo kennengelernt, der ihn unbedingt mit einer Mexikanerin verkuppeln wollte. 

ROB, Ah, wenn ich diese Bilder sehe, da kommt mir diese ganze Stimmung wieder in den Sinn! 

Eine neue Einstellung zeigt die Männer vom Chemiekonzern, die in ihren Jeeps ankommen, um die Landarbeiter zu beraten. Eine Szene, die ganz offensichtlich gestellt ist, um Vertrauen in die chemische Industrie zu wecken. 

REINHARD, Das ist schon merkwürdig in den subtropischen Gebieten, wenn die Sonne aufgeht, und es ist noch heiß vom Vortag. Und feucht ist das, daß man denkt, man hätte die Schwindsucht. Die ganze Nacht schwitzt man. Der Tau kühlt nicht, er klebt. 

ROB. Und Don Gustavo sagt: »Eh du das Land verläßt, mußt du eine Mexikanerin umarmen, dann kommst du immer wieder, mit Sicherheit. « 

Dagmar macht sich am Regal zu schaffen. Sie hat für die Schwärmerei der beiden Weltreisenden nur ein mildes Lächeln übrig. 

REINHARD,.. und, kommst du wieder? 

ROB. Klar. 

Rob hält den Schneidetisch an. Das Bild auf dem Schirm friert ein. Es zeigt einen Mexikaner im Sonnenhut, eine Flagge in der Hand, mit der er die Spritzflugzeuge über den Baumwollfeldern einweisen soll. 

ROB. Dagmar, schauen Sie mal! Wissen Sie, wer das war, der Mann mit der roten Flagge ? 

Dagmar nimmt die Pose einer ungeduldigen Lehrerin ein. Sie kommt auf ihre beiden romantischen Filmemacher zu und sieht sie streng an. 

DAGMAR. Also, jetzt hört mir mal zu! So kann man keinen Film schneiden. Seit drei Wochen höre ich nichts als nette, bunte Erlebnisgeschichten zu diesen Bildern. Soll ich euch mal was sagen, eure Geschichten könnt ihr vergessen! 

ROB. Sie meinen wohl, daß Ihnen das ganze Filmmaterial nicht gefällt. 

Rob blickt beleidigt. Reinhard fühlt sich wegen Trixi bestraft und versucht zu lächeln. 

DAGMAR. Das habe ich nicht gesagt. Da sind ein paar sehr schöne Bilder dabei, und ich versuche auch, einen ordentlichen Film daraus zu machen. Und das Thema Baumwolle habt ihr wirklich gut drin, aber nichts von euren Stimmungen, von den Gedanken, den persönlichen, die ihr dauernd zitiert. 

Reinhard erhebt sich. Er erkennt, wie wenig alle seine Erinnerungen sich in dem Filmmaterial wiedergefunden haben. 

REINHARD. Wir müssen uns davon trennen, Dagmar hat recht! 

ROB. Was heißt das, wir müssen uns davon trennen? So ein Unsinn! Ich trenne mich überhaupt nicht davon. Was soll denn das? Das war die größte Zeit in meinem Leben, diese Reise. Jeder Tag war ein Juwel! 

REINHARD. Ja, aber wir haben nicht ein Juwel mit nach Hause gebracht. ROB. Aber ich habe mich nach Hause gebracht. Was heißt denn da: nichts im Filmmaterial? Ich hab's hier im Kopf, jedes Bild ist mir eingebrannt, für immer und ewig! Lassen Sie die Szene mal ganz laufen.

Dagmar gehorcht. Sie schaltet den Schneidetisch wieder ein. Die Film- szene setzt sich auf dem kleinen Schirm fort. Man sieht, wie der Mann mit der Flagge sich duckt, damit das Spritzflugzeug nicht seinen Kopf abrasiert, denn es fliegt so tief, daß es ihn in eine dichte Wolke von Insektengift einhüllt. Dagmars Gesicht spiegelt sich in der Mattscheibe. Sie ist nachdenklich. Sie sucht nach filmischen Lösungen für die Gefühle ihrer Filmemacher. 

1015 Abbruch Villa Cerphal 



Das Abbruchgelände der »Fuchsbau«-Villa liegt im harten Mittagslicht. Hermann ist wieder mit seiner Tochter auf der einsamen Baustelle erschienen. Er fühlt sich unbeobachtet und läßt das Kind mit Juans Mosaiksteinen spielen. Der alte Strandkorb, der damals zur Möblierung der Gartenterrasse gehört hat, steht unter den Bäumen an der Grundstücksgrenze. Clarissa sitzt darin. Bis jetzt hat sie gelesen. Da erkennt sie den Freund, dem vielleicht gerade ihre Gedanken galten. Sie zögert. Sie überlegt, ob sie das Gedankenbild stören soll, dann entscheidet sie sich für die Realität. Sie erhebt sich. Clarissa ist hochschwanger. Ihre Bewegungen sind verlangsamt, sie scheint größer zu sein als früher. Sie ruft Hermanns Namen. Hermann hebt den Blick. Auch für ihn ist die plötzliche Anwesenheit der ewig fernen Geliebten wie ein Traumbild. Langsam geht er auf sie zu. Sein Kind läßt er einfach auf den Pflastersteinen sitzen. 

HERMANN. Du hast es also auch erfahren. 

CLARISSA. Jean-Marie hat es mir erzählt. Ich habe es mir überhaupt nicht vorstellen können. Deswegen bin ich hier vorbeigekommen. 

HERMANN. Es sieht so leer aus! Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, daß hier das Haus gestanden hat. Außerdem ist alles irgendwie geschrumpft, findest du nicht auch? 

Die beiden können ihre Augen nicht ewig in die Baugrube richten, irgendwann müssen sie sich ansehen. 

CLARISSA. Wie geht es dir? 

HERMANN. Es sind fast zwei Jahre vergangen. Das ist die Lulu. Man hat mir gesagt, daß du . . . du kriegst ein Kind? 

CLARISSA. Ja, eigentlich müßte es schon da sein. Eine Zeit des Abwartens.

HERMANN. Und, freust du dich?

CLARISSA. Vielleicht. Man sagt, die Freude sei hormonell bedingt. 

Clarissa geht auf Hermanns Kind zu, das sein Spiel unterbricht und mit großen Augen beobachtet, was sein Vater da für eine Frau getroffen hat. 

CLARTSSA. Ein schönes Kind. Hat sie deine Augen? 

HERMANN. Ich weiß es nicht, aber ich wünsche es mir. 

CLARISSA. Lulu. Nach der Oper von Berg.

HERMANN. Schnüßchen mag den Namen nicht. 

CLARISSA. Und du? Lulu war ein schlimmes Weib, ist dir das klar? 

HERMANN. Sie wird einmal die Männer quälen. 

Clarissa spürt, daß sie und Hermann nur aneinander vorbeireden. Sie geht weiter, um ihn nicht mehr ansehen zu müssen. Hermanns Tochter ist ganz still, vielleicht begreift nur sie, was hier geschieht. 

CLARISSA. Komisch, daß wir uns hier treffen! Ich habe überhaupt nicht mit dir gerechnet. 

HERMANN. Und die Musik? 

CLARISSA. Sie ruht. 

HERMANN. Kann sie das?

CLARISSA. Ich bin eine Frau. 

Nun haben die beiden doch noch ihre Wunden berührt. Clarissa unterdrückt die Tränen. Sie sucht Halt in diesem Gelände ohne Halt. Sie setzt sich auf die bröckelnde Kellermauer. 

HERMANN. Mein Gott, Clarissa! 

Hermann kehrt zu Lulu zurück. Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Auch mit der Kleinen benimmt er sich jetzt hilflos. Er hält ihr ein Steinchen hin, das sie verschmäht. Clarissa spürt, daß sie etwas erklären muß. 

CLARISSA. Ich werde Volker heiraten. 

HERMANN. Ich hab s gehört. 

Sie nimmt sich zusammen. Sie steht auf und begibt sich zu dem Bulldozer, auf dessen Kettenrädern sie ihre Tasche hat stehenlassen. Hermann folgt ihr. 

CLARISSA. Und sonst?

HERMANN. Ich schreibe ein Requiem: »Abschied vom Fuchsbau«.

CLARISSA. Ach so. Deswegen bist du hierhergekommen.

Hermann starrt nun wieder in die Baugrube. Die kleine Lulu spielt verloren mit ihren Steinen. Clarissa packt ihre Tasche. 

CLARISSA. Ich gehe jetzt.

HERMANN. Ich gehe auch.

Sie reicht ihm die Hand. Es ist ein bewußt neutraler Händedruck, ehe sie fortgeht.

CLARISSA. Wiedersehen.

HERMANN. Ja. 

Hermann läuft zu seinem Kind zurück. 
 
1O16 Wohnung Reinhard 


Trixi, erneut aufreizend gekleidet, steht schon wieder in Reinhards Treppenhaus und nimmt eine damenhafte Haltung an, bis der Filmemacher ihr die Tür öffnet. 

TRIXI. Reinhard, ich muß dir was erzählen! 

REINHARD. Trixi, das ist mir nicht recht, daß du jeden Tag die Schule schwänzt und zu mir kommst. Was willst du denn? 

TRIXI. Reinhard, ich habe eine tolle Idee. Ich bin so aufgeregt, deswegen habe ich's in der Schule nicht aushalten können. Darf ich es dir sagen? 

Reinhard trägt Boxhandschuhe. Trixi hat ihn beim Training mit einem Punchingball gestört. Jetzt setzt er seine Übung einfach fort. 

REINHARD. Na, leg los. 

TRIXI. Also, du brauchst doch Geld, um deinen Spielfilm drehen zu können, stimmt's? 

REINHARD. Ziemlich viel Geld sogar, stimmt. 

TRTXT. Und du hast gesagt, du kennst niemand, der so viel hat? 

REINHARD. Ich habe auch gesagt, ich müßte eine reiche Witwe heiraten, dann wäre. . . 

TRTXT. Reinhard, ich bin so aufgeregt, ich muß dir das jetzt sagen! Hast du eine Zigarette? 

Trixi, die keinen Moment ruhig stehen kann, rennt ins Nebenzimmer. Sie findet die Zigaretten und zündet sich genüßlich eine an. 

REINHARD. Was ist denn los? Willst du einen Bankraub mit mir aushekken? Du bist ja völlig außer dir! 

TRIXTI Du hast doch erzählt, was diese Frau verdient hat, die Frau, der das abgerissene Haus gehört hat. 

Jetzt kehrt sie zurück. Sie fängt Reinhards Punchingball auf, so daß seine Boxschläge ins Leere gehen. 

TRIXTI Verstehst du denn nicht, diese Frau, die kennst du, und die ist reich, wahnsinnig reich! Du mußt doch nur zu ihr hingehen. Du erzählst ihr deinen Film, sie gibt dir das Geld, oder sie leiht es dir, und dann kannst du ihn drehen, und ich spiele die Hauptrolle! 

REINHARD. Aha! 

TRIXI. Machst du das? Es klappt bestimmt! Weil du nämlich so schön erzählen kannst. Wenn du ihr das so erzählst, wie du es mir im Auto erzählt hast, dann hört sie dir bestimmt zu. Und die hat Millionen! Vielleicht sitzt sie jetzt irgendwo und langweilt sich gerade. Und wenn du dann kommen würdest, du mußt dich beeilen, Reinhard, vielleicht sind schon andere hinter ihr her! 

RETNHARD. Trixi, du bist ja wirklich lieb. 

Reinhard ist hin- und hergerissen. Halb lacht er Trixi aus wegen ihrer Naivität, halb beginnt er ihren Worten zu glauben und tatsächlich eine Chance für sich zu ahnen. Er setzt sich neben sie, läßt sich von ihr die Boxhandschuhe öffnen. 

RETNHARD. Glaubst du denn wirklich, daß reiche Leute so sind, wie du sie beschreibst? 

TRTXT. Nicht alle, vielleicht die wenigsten, aber vielleicht eine. Es reicht doch eine? 

RETNHARD. Wie kommst du denn auf so was? 

TRTXT. In der Deutschstunde, da bin ich drauf gekommen. Bei Maria Stuart, da habe ich plötzlich denken müssen, so eine edle Frau! Und vielleicht ist heutzutage eine edle Frau anders und finanziert dir deinen Film. 

RETNHARD. Merkwürdige Wege gehen deine Gedanken. 

TRIXI. Bist du enttäuscht von mir? 

REiNHARD. Trixi, ich weiß doch nicht einmal, wo Fräulein Cerphal im Augenblick wohnt. 

Sie erkennt, daß sie gewonnen hat. Sie sieht, wie Reinhard dasitzt und sich den Schweiß von der Stirn wischt. Sie kippt ihn mitsamt seinem modernistischen Stuhl um, damit er sich aufraffen muß. 

TRIXI. Dann gehen wir sie eben suchen! 
1O17 Verlagsgebäude 

Reinhards Straßenkreuzer nähert sich den Gebäuden des CerphalVerlags. Auf dem Firmenparkplatz steigen er und Trixi aus. 
1O18 Cerphal-Verlag, Zimmer Frau Ries 



Frau Ries, die nach dem Tod des alten Cerphal und dem Abbruch der Villa eine hinfällige Greisin geworden ist, haust in einer ehemaligen Hausmeisterwohnung des Verlags. Kittelschürze und Wollmütze, die sie trägt, machen deutlich, daß sie in dieser Umgebung alle ihre ehemaligen Herrschaftsmanieren abgelegt hat. Sie wirkt müde und sieht Reinhard kaum an, als sie ihm Auskünfte erteilt. 

FRAU RIES. Ich wüßt schon, wer noch Anspruch hätte auf das Haus. 

REINHARD. Ja, die Evelyne. 

FRAU RIES. Vielleicht, aber es gäb noch jemand. . . 

RETNHARD. Was? 

FRAU RiES. Wenn ich Ihnen das sag, dann müßten Sie aber bis nach Venedig fahren. 

REINHARD . . . nach Venedig? 

Reinhard setzt sich zu Frau Ries an den kleinen Tisch. Er spürt, daß er auf völlig neue Spuren gelangt, die ihn vielleicht zu den Wurzeln seiner Geschichte führen werden. Er will diese Geschichte ergründen, die Geschichte des Hauses Cerphal. Trixi hört zu. Sie beginnt, von all den Reisezielen, die hier erwähnt werden, zu träumen. 
 
1019 Villenstraße, Abbruch Villa Cerphal 


Hermann hat an diesem Tag einen grotesken musikalischen Aufzug inszeniert. Er marschiert, ganz in Schwarz gekleidet, mit Zylinderhut und einer riesigen Trommel, die er sich vor den Bauch geschnallt hat, voran. Er trommelt den Takt und führt ein Musikergrüppchen an, das ihn in die Villenstraße bis zur Abbruchvilla hinterherzieht: eine Geigerin, ebenfalls in Schwarz wie Hermann, Juan, der die Quena-Flöte spielt, und eine Studentin, die ein Leiterwägelchen zieht, auf dem ein Kontrabassist mitfährt. Es folgen noch ein Klarinettist, ein Akkordeonspieler und einer der Schlagzeuger, die Hermann schon seit Anfang seines Studiums kennt. Das Musikstück ist in der Art eines Trauermarschs komponiert, aber mit seinen zarten Klängen für eine Aufführung im Freien wenig geeignet, weil die Tone sich in der Mittagsluft völlig verlieren. Es ist wieder einrnal eine theatralische Idee, die Hermanns Kompositionen auszeichnet Die Gesichter der Musiker sind kalkweiß geschminkt, und der pathetische Gestus, mit dem die Gruppe hinter Hermann herzieht, wirkt eher peinlich auf die Anwohner der Straße, als daß er etwas von Abschiedsschmerz zum Ausdruck brächte. Am Wegesrand warten Freunde: Es sind Olga, Stefan, Volker, Clarissa und Jean-Marie, die sich dem Zug anschließen, sobald die Musiker an ihnen vorübergezogen sind. Rob ist mit seiner Filmkamera erschienen, um das Ereignis zu dokumentieren. Er hat sein Stativ oben auf seinem Kombi-Auto plaziert und läßt sich von den Assistenten auf der Straße parallel zum Trauerzug mitschieben. So filmt er die Annäherung an das »Fuchsbau«-Gelände. Hermanns Komposition geht in den Dreivierteltakt über. Er und seine Musiker halten an und tanzen im Walzerrhythmus. Die Freunde tanzen mit. 

HERMANN. Ich hatte mein »Requiem« auf den »Fuchsbau« in wenigen Tagen dahingeschrieben, unkonzentriert und in gereizter Stimmung. Lulu litt an einer Mittelohrentzündung und ließ uns nachts nicht schlafen, Schnüßchen wollte ihren Job im Reisebüro aufgeben und drängte mich, mit meiner Musik endlich Geld zu verdienen; Reinhard brauchte jemanden, der ihm seinen Baumwollfilm vertonte, und die Freunde hatten die Einladung, zu dieser Abschiedsparade zu kom- men, nur unschlüssig angenommen. Wir gingen die Straße hinab, maskiert, entschlossen und doch ziemlich unvorbereitet. Mit jedem Schritt spürte ich mehr, wie jämmerlich unsere Musik klang. Ich schämte mich und führte dennoch meine Inszenierung zu Ende. 

Der Trauerzug hat inzwischen das Abbruchgelände erreicht. Während Rob seine Kamera abbaut, um noch eine Reihe von Nahaufnahmen »aus der Hand« zu schießen, versammelt Hermann seine Gäste zu einem improvisierten Chor rund um die Baugrube. Das »Requiem« endet mit einem schauerlich mißlungenen »Halleluja, Amen«. Begleitet von einem auf- und abschwellenden Trommelwirbel, sammelt Hermann nun sämtliche Noten seines neuen Werkes ein. Er zerreißt sie in kleinste Fetzen. Die Freunde und Gäste schließen sich seinem Beispiel an. Es werden auch andere Papiere, mitgebrachte Erinnerungsstücke und Zettel mit letzten Wünschen eingesammelt und auf ein Kommando von Hermann in die Baugrube geworfen. Es entsteht eine Art Konfetti- regen. Die ganze Luft ist für ein paar Sekunden mit Papierschnipseln gefüllt, die allmählich in die Grube schweben. Ein letzter Trommelwirbel - das war Hermanns Abschiedsvorstellung für den alten »Fuchsbau«.

ROB. Und jetzt, Leichenschmaus? Bei Renate ein Gläschen Wein?

Juan hat sich in den alten Strandkorb gesetzt. Mit seiner Quena-Flöte spielt er eine südamerikanische Melodie und nimmt so Abschied von seinem Pflastermosaik, auf das er hinabblickt. abwesend anlächeln. Eher schon wendet er sich an Clarissa, die hinter dem Strandkorb verlegen mit dem Laub der Büsche spielt. 

JUAN. Im Mai nehme ich das Schiff von Genua. Ein schönes, weißes, italienisches Schiff. Auf der Herfahrt habe ich auf diesem Schiff eine unendliche Liebe erlebt. Es dauerte elf Tage und Nächte, so lange wie die Überfahrt. 

CLARISSA. So was kommt nicht wieder. 

Hermann, der immer noch bei Olga steht, hat Juans Worte mitgehört. Jetzt läßt er Olga stehen, um zu Juan zu gehen. 

HERMANN. Im Mai reist du ab? Juan antwortet nicht. Clarissa erscheint auf der anderen Seite des Strandkorbs. So steht sie Hermann gegenüber. Nur Juan sitzt zwischen den beiden und spürt die Schwingungen, die zwischen dem unglückli- chen Paar entstehen und mitten durch ihn hindurchzugehen scheinen. 

JUAN. Ich liebe euch!

HERMANN. Ich würde dich gerne zu mir nach Hause einladen. Schnüß- chen würde sich bestimmt freuen.

CLARISSA. Dein »Requiem« hat mir gefallen. Das kleine Motiv aus dem »Wölfe-Lied« habe ich erkannt. Danke!

Der gewaltige Motor des Bulldozers brüllt auf. Helga hat das Gerät in Gang gesetzt und bedient jetzt alle Hebel. Sie bringt es zustande, daß sich die Baggerschaufel hebt und die gefährlichen Greiferzähne sich zum Himmel recken. Stefan begreift als erster von den verwirrten Freunden, daß Helga sich diesen spektakulären Auftritt verschafft hat. Er stürzt zum Bulldozer, um sie aus der Führerkabine zu zerren. 

STEFAN. Helga, bist du wahnsinnig? Die ganze Zeit bist du verschwun- den, und jetzt so was! Mach dieses Scheißding aus!

HEEGA. Laß das!

STEFAN. Los, raus jetzt, das ist doch zu gefährlich! Raus!

HELGA. Ich walz euch alle platt! Ihr mit eurer sentimentalen Kacke!

Helga klettert aus der Baumaschine und bringt eine Basttasche zum Vorschein, in der ihr Kind, der kleine Karli, sitzt. Das Kind grinst die Freunde an. Rob und Juan starren auf den kleinen Jungen. Es ist das erste Mal, daß sie Helgas Sohn zu sehen bekommen. Im Hintergrund fängt nun auch Olga an, sich bitter zu beklagen. 

OLGA. Mir geht es wie dir, Juan. Seit drei Monaten spiele ich im Künstlerhaus, und keiner der lieben Freunde zeigt sich. Rob sieht, wie verlegen Stefan neben Helgas Baby steht, und kann es sich nicht verkneifen, den Filmemacherfreund mit Ironie zu überschütten. 

ROB. Ah, junges Familienglück! 

STEFAN. Ich habe noch eine Verabredung. Ich muß gehen, tschüß! 

Schon hat sich Stefan verdrückt. Das Baby ist nun Nebensache. Alex versucht immer noch, die Stimmung zu retten. 

ALEX. Freunde, streitet euch nicht. Ich schlage vor, wir gehen jetzt alle zu Olga ins Theater! 

HERMANN. Lauter idiotische Gekränktheiten hier! Ich habe dieses Treffen arrangiert, ich habe das Stück komponiert, ich habe das für euch getan, nur für euch! Aus Freundschaft, jawohl, und um ein Zeichen zu setzen. 

HELGA. Vorbei ist vorbei! 

Hermann springt in die Baugrube. Es ist eine tiefliegende Bühne, auf der er nun steht und seine Zuschauer anspricht, die auf ihn herabschauen. Er geht gestikulierend in der Grube umher und spricht eine Art beleidigtes Hochdeutsch, das aus seinem Mund ganz fremd klingt. 

HERMANN. Das weiß ich auch. Der »Fuchsbau«, das ist nur ein Ort, ein zufälliger Treffpunkt aus den Studentenjahren. Aber wir haben doch noch alle Möglichkeiten, verdammt noch mal! Warum tut ihr denn so, als ob alles verloren wäre? Es ist überhaupt nichts verloren. Wenn ihr nur die Augen und Ohren aufmachen würdet! Und warum sagt mir eigentlich kein Mensch, wie ihm das »Requiem« gefallen hat? 

Juan erscheint am Rand der Grube. 

JUAN. Ich habe dir bei der Probe schon gesagt, daß ich viel davon halte. 

ALEX. Ich verstehe nicht viel von Musik, aber es war ein ergreifendes Erlebnis, hier auf dem Grundstück. Olga, warte, ich komme! 

Rob und Jean-Marie haben sich während Hermanns Anklage schon verzogen. Nun schließt sich auch Alex an. 

HERMANN. Also, ich kann mir das nicht mehr länger mit anhören. Es tut mir leid, das ist einfach Scheiße! Ich gehe jetzt mit meinen Musikern ein Bier trinken, kommt! 

Hermanns Musiker, die nicht zum alten Freundeskreis gehören, haben geduldig auf den Ausgang der Debatten gewartet. Jetzt sind sie froh, daß sie endlich von diesem bösen Ort weggehen können. Auf dem Weg durch das Tor kommt Hermann nahe an Olga vorbei. Auch sie braucht noch jemanden, dem sie ihre Enttäuschung ins Gesicht schleudern kann. 

OLGA. Hat dir deine Frau Ausgang gegeben? 

Hermann tut, als habe er nichts gehört. 

ALEX. Olga, ich begleite dich ins Theater. 

OLGA. Ach nein, Alex, das brauchst du doch nicht. 

ALEX Doch, ich bestehe aber darauf. 

OLGA. Wirklich?

ALEX.Ja, laß mich heute dein einziger Verehrer sein. 

Alex, der sich endlich einmal als galanter Freier betätigen kann, bietet Olga seinen Arm. So führt er sie die Straße hinab. 

1O20 Hauptbahnhof und Zugabteil


Ein schwarzes Geflecht aus Signalen, Oberleitungen und Brückenkonstruktionen überzieht den westlichen Himmel Münchens. Der Sonnenuntergang über dem Gleissystem des Hauptbahnhofs läßt alle Träume von Ftrne und schlafenden Abenteuern erwachen. Reinhard hat an Hermanns Abschiedsveranstaltung nicht teilgenommen. Er versucht auf seine Weise, diesen Untergang seiner Jugend zu begreifen. Trixi hat ihn zum Nachtzug nach Venedig begleitet. Sie hilft ihm, sein Gepäck, eine Ledertasche und eine Reiseschreibmaschine, zu verstauen. Sie beobachtet, wie er sich auf den Sitz fallen läßt und sein Gesicht zwischen den Händen verhüllt. 

TRIXI. Reinhard, fehlt dir was ? 

REINHARD. Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen! 

TRIXI. Hast du das oft? 

REINHARD. In letzter Zeit. Es ist gleich besser. Ich werde wahnsinnig. 

TRIXI. Du bist einfach nur genial, das ist alles. 

Sie hat es sich auf dem Sitz gegenüber bequem gemacht. Sie betrachtet Reinhard mit fürsorglichem Blick und macht keine Anstalten, das Abteil zu verlassen. 

REINHARD. So, Trixi, jetzt mußt du aussteigen. Der Zug fährt gleich ab. Sie kauert sich auf den Sitz. Sie sieht Reinhard, der entschlossen vor ihr steht, mit treuen Augen an. Aber er ist unerbittlich. Er öffnet die Abteiltür und wartet, bis sie draußen auf dem Gang erscheint. 

REINHARD. Trixi, du kannst wirklich nicht mitkommen!

TRIXI Warum denn nicht? Ich verstehe das überhaupt nicht. 

REINHARD. Weil deine Mutter nichts weiß, weil deine Schwester nichts weiß, weil du erst fünfzehn bist, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt. 

Er gtht ungeduldig zwischen Trixi und dem Gang hin und her. 

REINHARD. Trixi, verdammt noch mal, versuch's nicht immer wieder! 

TRIXI. Aber ich bin doch deine Freundin. 

REiNHARD. Ja, ich weiß. Komm. 

Er nimmt Trixi an der Hand, zieht sie den Gang entlang bis zur Wagentür. Als er sie um die Taille nimmt, um sie auf den Bahnsteig hinabzuheben, klammert sie sich fest um seinen Hals und küßt ihn auf den Mund. Reinhard wehrt ab, so gut er kann. 

REINHARD. Ich komme doch wieder, Trixi! 

Es gelingt ihm gerade noch einzusteigen, als der Zug sich in Bewegung setzt. Trixi steht auf dem Bahnsteig wie eine verlassene Geliebte. Reinhard entgleitet ihrem Blick. 

1021 Abbruch Villa Cerphal 


Juan ist als einziger aus dem Freundeskreis nach Hermanns »Requiem« auf dem »Fuchsbau«-Gelände geblieben. Es ist Nacht geworden. Niemand kann wissen, daß Juan, der in der Baugrube steht und wehmütige südamerikanische Melodien auf der Quena spielt, auf seine Art endgültig Abschied von seinen Münchner Jahren nimmt. Es beginnt zu regnen. 
1022 Wasserburg, Wohnung Mutter Clarissa


Auch in Wasserburg, Clarissas Wohnort, geht ein hochsommerlicher Gewitterregen mit gewaltigen Wassermassen nieder. Die Reflexe der Wasserströme fluten in das Wohnzimmer, und es sieht aus, als flösse das Regenwasser über Wände und Decke. Clarissa ist aufgewacht. Sie fühlt sich, als wäre sie im Traum auf den Grund eines Sees geraten. Da bemerkt sie, daß sie tatsächlich in einem durchnäßten Bett liegt. Sie schlägt die Bettdecke zur Seite, um sich zu vergewissern. Sie wird immer wacher. Sie wankt aus dem Bett und sucht im dunklen Zimmer die Orientierung. Sie findet die Tür und läuft über den Gang zum Schlafzimmer ihrer Mutter. Sie schaltet das Licht an. Die Mutter wacht auf. Clarissa läuft unruhig vor dem Bett der Mutter umher. Die Mutter verfolgt sie mit den Blicken. Dann setzt sich Clarissa zu ihr ans Bett. 

CLARISSA. Mutter, ich bin ganz naß. Mein Bett ist naß, irgendwie laufe ich aus. Gibt es das? 

MUTTER CLARISSA. Hast du Wehen? 

CLARISSA. Ich glaube, nicht. Manchmal zieht es so. Ich bin mit einem Schmerz aufgewacht. 

MUTTER CLARISSA. Soll ich Doktor Kirchmayer rufen? 

CLARISSA. Mutter, du mußt das doch kennen! Geht das jetzt los? Ist das die Fruchtblase, die geplatzt ist? 

MUTTER CLARISSA. Bei mir war das anders. 

Die Mutter beugt sich zu ihrem Nachttisch, auf dem der Wecker steht. 

MUTTER CLARISSA. Drei Uhr. Das war zuviel für dich heute in München. Ich wollte nicht, daß du mitfährst. 

Jetzt beginnt die Mutter sich anzukleiden. Das geschieht ziemlich umständlich, indem sie zuerst den Morgenrock überstreift, um dann darunter in Rock und Strümpfe zu schlüpfen, damit die Tochter sie nicht nackt sehen kann. Clarissa ist immer noch unruhig. Sie versucht, sich über ihre Situation klarzuwerden. 

CLARISSA. Ich habe überhaupt keine Beziehung zu diesem Kind. Ich schäme mich, daß ich keine Muttergefühle habe. 

MUTTER CLARISSA. Das ändert sich, wenn du es siehst. Wenn es dich liebt und braucht, wirst du es auch lieben. 

CLARISSA. Es ist fremd. Es will alles von mir und ist vollkommen fremd. 

MUTTER CLARISSA. Ihr müßt euch kennenlernen. 

CLARISSA. War ich dir auch so fremd? 

MUTTER CLARISSA. Später, als du erwachsen warst, da bist du mir oft sehr fremd gewesen. Weißt du, man vergißt schnell, wie das mit den Kindern war. 

Eine Wehe kommt. Sie krümmt sich auf dem Bett. Es dauert nur eine Minute, dann läßt der Schmerz wieder nach, dieser Schmerz, der Clarissa so neu ist. Sie versucht, die Mutter anzulächeln. CLARISSA. Und Volker, ich liebe ihn nicht wirklich. Ich strenge mich an, weil er zärtlich ist und intelligent und geduldig. Ich will es ihm gleich tun. Er ist ein guter Musiker, manchmal fast genial - fast. 

MUTTER CLARISSA. Ich mag ihn. Ich mache mir oft Sorgen um ihn. Er sieht schlecht aus, ist er krank? 

CLARISSA. Er hat immer so ausgesehen. 

Mit einem Frotteetuch, das sie aus dem Schrank geholt hat, beginnt die Mutter, Clarissas feuchte Beine abzutrocknen. Clarissa genießt es, so versorgt zu werden. 

MUTTER CLARISSA. Es ist alles Bestimmung. Du kannst dir nicht aussuchen, mit wem du durchs Leben gehen wirst, die Kinder nicht, den Mann nicht, auch der Erfolg wird dir gegeben oder nicht. 

CLARISSA. Aber warum arbeiten wir, warum verliebt man sich? 

Die Mutter entzieht sich den Fragen, indem sie die eifrig Beschäftigte spielt. 

MUTTER CLARISSA Ich weiß es nicht, Clarissa. CLARISSA. Das klingt alles so hoffnungslos. 

MUTTER CLARTSSA. Ich freue mich auf dein Kind. Ich helfe dir, es großzuziehen. 

Das Gesicht der Mutter hat seinen liebevollsten Ausdruck angenommen. So kniet sie neben der Tochter nieder, sieht ihr aufmunternd in die Augen. 

CLARISSA. Sag, Mutter, ich kann doch das Leben nicht einfach so hinnehmen! 

MUTTER CLARTSSA. Doch, das mußt du, und jetzt wirst du das Kind zur Welt bringen. Ich rufe ein Auto, dann fahren wir in die Klinik. Hör auf mit diesen Nachtgedanken. Das sind nur Nachtgedanken, Clarissa. 

Clarissa weint. 

1023 Venedig, Kanäle

Reinhard ist in Venedig angekommen. In einem Taxiboot fährt er durch das labyrinthische Kanalsystem. Er steht neben dem Bootsführer. Die Stadt wirkt wie eine verlassene Filmkulisse. Die Menschen dieser Stadt sind nur für einige Sekunden sichtbar, wenn gerade jemand über eine der zahllosen Brücken geht und so den Kanal überquert, während das Motorboot unten hindurchfährt. Reinhard war noch niemals hier. Er kann nichts anderes tun, als schauen und staunen über soviel Schönheit. Nach einer endlos erscheinenden Fahrt kommt er an der Pension an, in der er wohnen wird. Vom Wasser aus gelangt er durch einen kleinen Garten zum Eingang. 
1024 Venedig, Pensionszimmer


Das Zimmer ist dunkel, nur ein schmaler Lichtspalt, der durch die Fensterläden fällt, erhellt Teile des Raums. Licht und Dunkelheit sind in diesem Zimmer radikal getrennt. Reinhard läßt sein Reisegepäck zu Boden gleiten, dann geht er zum Fenster und stößt die Läden auf. Das Tageslicht ist so stechend, daß es ihn blendet und er den kleinen Platz unterhalb des Hotels kaum erkennen kann. Die venezianische Geräuschkulisse dringt herein: ein Gemisch von Tausenden von Schritten auf den Steinwegen, Stimmen und Gezänk von Menschen, die man nicht zu sehen bekommt. Man weiß nicht, woher alle diese Stimmen kommen. Reinhard läßt sich im Mantel auf das Bett fallen. Er schließt die Augen. 
1025 Traumbild


Trixi als Filmstar. Wie eine junge Königin kommt sie in silbernen Schuhen und weißem Märchenkleid eine hohe Marmortreppe herunter. Rechts und links von ihr alle ihre Verehrer, junge Männer, die vor ihr niederknien und ihr rote Rosen überreichen. Ein Spotlight verfolgt sie. Trixi lächelt angestrengt. Am unteren Ende der Treppe wartet das Filmteam. Eine riesige Studiokamera wird vor ihr umhergefahren, und der Regisseur, erkennbar an der Lederjacke, klatscht ihr Beifall. Ein Traumbild, das sich sofort wieder auflöst. 
1026 Venedig, Gassen


Reinhard verläßt seine Pension. Er hat einen Stadtplan bei sich, der ihm aber kaum hilft, denn schon nach einem kurzen Stück Weg verliert der Fußgänger in Venedigs Gassen die Orientierung. Reinhard gelangt auf seiner Suche in Teile der Stadt, die kein Tourist kennt und in denen ihm niemand begegnet, den er nach dem Weg fragen könnte. Zweimal findet er sich nach langem Laufen an derselben Stelle wieder, an der er schon einmal gewesen ist. Sein einziger Begleiter ist sein Schatten, den die venezianische Sonne auf das Pflaster wirft. Endlich kann er seinen Standort wieder auf der Karte identifizieren. Er ist angekommen, ohne zu wissen, wie. Am Eingang des Palazzos findet er ein Messingschild mit der Aufschrift 

STUDIO FOTOGRAFICO GOLDBAUM ESTHER 

Unter dem Schild gibt es einen bronzenen Löwenkopf, der einen Metallring im Maul hält. Ein Türklopfer? Reinhard bemerkt, daß die Tür aber nur angelehnt ist. 

1027 Palazzo Esther 


Er betritt einen winzigen Hof mit Statuen, Säulen und verdorrten Eukalyptusbäumen. Eine lange Marmortreppe schlingt sich über das Höfchen zum Obergeschoß. Dort oben scheint auch der Eingang zum Haus zu sein. Auf der Treppe liegen zwei tote Katzen, vor denen Reinhard sich ekelt. Er macht einen Bogen um die Kadaver und kommt zu einer Glasveranda, die er zögernd betritt. 

REINHARD. Permesso... 

Niemand antwortet. Es scheint auch niemand im Haus zu sein. Dieser ehemalige Herrschaftspalast macht einen eher verwahrlosten Eindruck. Die Räume stehen voller alter Möbel, die nicht zusammenpassen. Zahllose kleine Dinge liegen herum, und in der Diele, die Reinhard jetzt betritt, hängen auf krenz und quer verspannten Leinen mehrere zu Riesenformaten vergrößerte Fotos zum Trocknen. Die Fotos zeigen kranke Tiere, meist Katzen, aufgenommen in Venedig. Es ist ein sonderbarer Kontrast zwischen der Schönheit der in der Patina der Jahrhunderte verwelkenden Stadt und diesen armen Tieren. Reinhard vernimmt ein Geräusch. Es klingt wie das Auswringen eines nassen Putzlappens. Jemand rührt in einem Wassergefäß. Reinhard entdeckt eine junge Frau, die in einer flachen Wanne ein weiteres dieser Großfotos fixiert. Im seidenen Overall, mit Baskenmütze und Gummihandschuhen, kniet sie auf dem Rand der Wanne, um das Bild mit einem Schwamm zu bearbeiten. Da die Frau ihn nicht beachtet, macht Reinhard sich räuspernd bemerkbar. 

REINHARD. Permesso, scusi, scusi, dove e la signora Cerphal de Monaco di Bavaria? Do you understand me? 

ESTHER. Sie können ruhig deutsch reden, nein, die können Sie hier nicht treffen. Gehen Sie mal aus dem Licht! 

REINHARD. Man hat mir gesagt, daß ich hier die Frau Cerphal aus München finden könnte, oder daß Sie mir vielleicht weiterhelfen können. Sind Sie die Nichte? 

ESTHER. Nichte? Wer hat Nichte gesagt? 

REiNHARD. Um Himmels willen, das habe ich mir so zusammengereimt! Aber sind Sie Esther Goldbaum? 

ESTHER. Richtig. Jetzt brauche ich Platz! 

Esther hebt das triefende Foto mit beiden Händen aus der Wanne heraus, läßt es kurz abtropfen, dann trägt sie es in ein benachbartes Badezimmer, wo sie das Bild an die gekachelte Wand klatscht, um es mit der Handdusche zu wässern. Reinhard geht inzwischen in der Wohndiele umher. Er betrachtet noch einmal die Bilder, die hier auf der Wäscheleine hängen. 

REINHARD. Sie sehen irgendwie medizinisch aus, Ihre Bilder. Medizinische Fallstudien über kranke Katzen. 

ESTHER. In Venedig! 

REINHARD. Alle in Venedig! 

ESTHER. Schockiert? 

Reinhard betritt das Bad, aus dem er Esthers Stimme vernommen hat. Er sieht ihr zu, wie sie ein neues Katzenfoto duscht. 

ESTHER. Wie heißen Sie? 

REINHARD. Ich heiße Reinhard Dörr, ich bin Filmautor aus München, das heißt, ich lebe in München. Ich schreibe ein Drehbuch über eine Münchner Geschichte, eine Verlegerfamilie, eine Erbin . . . 

Esther ist nun fertig mit dem Wässern des Bildes. Sie nimmt es von der Kachelwand wieder ab und trägt es zu den Wäscheleinen. 

ESTHER. Halten Sie mal! 

REiNHARD . . . mehrere Erben, eigentlich über ein Haus. Ich recherchiere noch. 

Er muß ihr nun helfen, das Foto zum Trocknen aufzuhängen. Während er das tut, erzählt er ihr seine Geschichte. ESTHER. Wer sagt, daß Tante Cerphal hier bei mir sein soll? Wollte sie hierherkommen? 

REINHARD. Das frage ich Sie. 

ESTHER. Keine Ahnung! 

Als das Bild in seiner ganzen Größe nun dahängt, versinkt Esther in die Betrachtung ihres Werkes. Sie ist unzufrieden. Reinhard spürt, daß sie sich nun nicht mehr so für ihn interessiert wie vorher. Er holt seinen Mantel, um sich zu verabschieden. 

REINHARD. Ich bin länger hier. Darf ich noch mal nachfragen? Esther läßt ihn aber nicht ohne weiteres gehen. 

ESTHER. Was für ein Film, ein Kinofilm? 

REINHARD. Ja, hoffentlich. Und das wird eine Ausstellung? Venedig aus der Katzenperspektive. . . 

Sie geht voraus, um Reinhard eine Tür zu öffnen, die auf der Rückseite des Hauses direkt zur Straße hinabführt. 

ESTHER. Ja ja, so ähnlich! Fragen Sie in ein paar Tagen wieder. Kommen Sie! 

Nachdem Reinhard gegangen ist, bleibt sie nachdenklich hinter der verschlossenen Tür stehen. 

1028 Venedig, Gassen, Hotelzimmer


Wieder steht Reinhard in dem verwirrenden Labyrinth von Gassen, Kanälen und Brücken. Als er endlich seine Pension wiedergefunden hat, ist er todmüde. Er legt sich aufs Bett, sein Kopf ist voller Bilder. Seine Schreibmaschine hat er so auf den Nachttisch gestellt, daß er sich nur aufzurichten braucht, um seine Gedanken zu Papier zu bringen. Reinhard raucht. Die harten Anschläge seiner Schreibmaschine füllen das Zimmer, das Haus, die benachbarten Gassen. Seine Gedanken rekonstruieren die Eindrücke des Tages. Er beschreibt die Bilder, die er gesehen hat, die Kanäle, die Irrfahrten, Esthers Haus. In dem Drehbuch, das er nun zu schreiben beginnt, ist sein eigenes Leben die Geschichte. Er kann noch nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht, er versucht, in seinem Leben mit dem Schreiben Schritt zu halten. 
1029 Palazzo Esther und Gassen


Dieses Mal nähert sich Reinhard von der Rückseite dem Haus, in dem die Fotografin lebt. Als er die Stufen einer Brücke hinaufgeht, sieht er Esther oben auf dem Balkon stehen. Sie trägt einen merkwürdig flachen Hut, der zwar zu ihrem eleganten Kleid paßt, aber auf ihrem Kopf wie eine Verkleidung wirkt. Sie hält ein Champagnerglas in der Hand. Reinhard winkt ihr zu. 

ESTHER. Ciao! Kommen Sie rauf? 

1030 Palazzo Esther


Reinhard betritt die Wohnetage über dieselbe Außentreppe, die er beim ersten Besuch benutzt hat. Esther empfängt ihn sehr herzlich. 

ESTHER. Na, haben Sie Venedig gesehen? 

REINHARD. Ja. Ich habe nachgedacht und geschrieben. 

ESTHER. Ich hab was für Sie. 

Im vorderen Salon, der zur Diele hin mit Glastüren abgetrennt ist, stehen zwei Herren, die über Esthers Bilder diskutieren. Esther gibt Reinhard zu verstehen, daß es sich um Galeristen handelt, deretwegen sie heute diese Verkleidung inszeniert. Sie führt ihn an den grüßenden Männern vorbei in ihr Privatgemach. Sie überreicht Reinhard einen Brief. 

ESTHER. Von Tante Cerphal. Sie können ihn lesen. Aus Peru, abgeschickt vor sechs Wochen. So lange war der unterwegs. 

REINHARD. Peru? Da kann ich ja noch lange hier warten! 

ESTHER. Lesen Sie sich das mal durch. Und hinterher wollte sie noch nach Biarritz oder so, und dann. .. 

Es scheint, daß die Herren draußen sich verabschieden wollen. Esther entschuldigt sich und läßt den Besucher aus München einstweilen mit dem Brief allein. Das Zimmer, in dem Reinhard sich befindet, dient offensichtlich auch als Schlafraum, denn es gibt hier neben vielen anderen venezianischen Möbeln ein romantisches Bett mit einem verzierten Messinggestell. An den Wänden hängen einige von Esthers früheren Fotos: alles Bilder von eher abstraktem Inhalt, mit Schwarzweiß-Strukturen, Elementen von Landschaft und Natur. Reinhard setzt sich auf einen Hocker und vertieft sich in den Brief. Da erscheint Esther in der Türöffnung. Sie beobachtet den mit der Lektüre beschäftigten Reinhard. 

ESTHER. Wie geht s? 

REINHARD. Nicht so gut. Ich muß aus meinem Zimmer ausziehen. Die stört meine Schreibmaschine. Außerdem, die sind ja wahnsinnig teuer hier. Die Venezianer haben irgendwie ihre eigene Inflation, hängen an alles noch eine Null dran. 

Nun sind die Galeristen endgültig zum Aufbruch bereit. Esther läßt Reinhard wieder allein. Bald sieht er, wie sie ihre Besucher zur Hintertür führt und mit ihnen temperamentvoll über eine Ausstellung debattiert, die sie gern in Venedig mit ihren Bildern veranstalten möchte. Die Galeristen wollen aber die Bilder lieber in Mailand zeigen. Esther ist froh, als sie die Tür hinter den beiden schließen kann. Jetzt kann sie auch den albernen Modehut abnehmen. Sie ist nun wieder privat, als sie zu Reinhard zurückehrt. Er liest noch immer Cerphals Brief. Er spürt aber, daß Esther ihn ansieht. Noch einmal läßt sie ihn allein. Sie geht zu dem Zimmer, in dem sie die Galeristen vorher empfangen hat. In der Glastür bleibt sie stehen und denkt nach. Hin und wieder hält sie nach Reinhard Ausschau. Reinhard schaut auf. Sie vermeidet, seinem Blick mit ihren Augen zu begegnen. 

ESTHER. Kommen Sie mal? 

Reinhard folgt der Aufforderung zögernd. Den Brief nimmt er mit. So betritt er mit Esther zusammen den kleinen Salon. 

ESTHER. Hier können Sie schreiben.

REINHARD. Sie meinen, daß ich hier. ..

ESTHER . . . kostet nichts, stört keinen. Das Haus ist zu groß für mich. 

Reinhard kann das Angebot erst einmal nicht fassen. Er geht in dem taghellen Salon umher, betrachtet alles, den Tisch, die Stühle, die schmale Liege an der Wand, die hohen Fenster mit der kunstvollen Bleiverglasung. 

REINHARD. Schönes Licht, Nachmittagssonne! Morgens fällt mir so- wieso nichts ein. 

ESTHER. Nehmen Sie es an. Holen Sie Ihr Gepäck, und machen Sie sich's, wie Sie's brauchen. Dann müssen Sie auch nicht immer nachfragen kommen.

REINHARD. Danke!

Er bemerkt, daß er immer noch den Brief in der Hand hält. Er gibt ihn Esther zurück. 

REINHARD. Sie kommt also mit Herrn Gattinger her?

ESTHER. Mein Vater.

REINHARD. Gattinger, dieser alte. 

ESTHER . Nazi! Sagen Sie's ruhig.

REINHARD. Entschuldigen Sie, das wollte ich nicht! Ich habe das nicht gewußt. Geahnt, ja, aber

ESTHER. Das können Sie in Ihrem Drehbuch verarbeiten.

Reinhard ist sprachlos. Er schaut zum Fenster hinaus. Ist das immer noch dasselbe Venedig? Esther beugt sich über die Liege, auf der Reinhard nun schlafen soll. Ein kleines Foto hängt dort an die Wand gepinnt. Sie nimmt es an sich. Sie kehrt in ihr Zimmer zurück. Sie legt das Foto auf einen Tisch und setzt sich davor. Es ist ein Bild von ihrer Mutter, das einzige, das sie besitzt. 

1031 Isarfilm, Schneideraum


Trixi hilft ihrer SchwesterDagmar bei den Schneidearbeiten an Reinhards Mexiko-Film. Während Dagmar sich mit Hermann den Rohschnitt am Schneidetisch ansieht, um die Filmmusik vorzubereiten, muß Trixi »Muster numerieren«, eine stupide Arbeit, bei der sie mit weißer Tusche fortlaufende Zahlen in immer gleichen Abständen auf den Filmrand zu schreiben hat. Ihre Gedanken sind nicht bei dieser Arbeit. Trixi weint. Auf die Fragen Dagmars gibt sie keine Antwort, auch nicht, als die große Schwester mit mütterlicher Uberlegenheit zu ihr kommt und sie zu trösten versucht. 

DAGMAR. Komm, mir kannst du es doch sagen. Liebeskummer? 

TRIXI. Laß mich in Ruhe! 

DAGMAR. Ich durchblicke dich bis auf den Grund deiner schwarzen Seele. Was haben wir da: ah, die gescheiterte Hollywood-Karriere. 

TRIXI Blöde Kuh!

DAGMAR. Jetzt heulst du wenigstens nicht mehr. 

TRIXI. Eines Tages wirst du so dasitzen, und dann wird dir deine Blödheit bewußt! 

Hermann, dem die Szene peinlich ist, hat sich intensiv in den Film vertieft. Mit einer Stoppuhr bestimmt er seine Musiklängen und starrt auf den kleinen Bildschirm. Als Dagmar zu ihm zurückkommt, ist sein Konzept schon umrissen. 

HERMANN. Also, das habe ich jetzt, 75 Sekunden »musique concrete«. 

DAGMAR. Und wie klingt das? 

Hermann kommt nicht dazu, Dagmar seine Musikideen zu erklären, denn Olga tritt ganz unerwartet ein. Sie hält den beiden eine Postkarte vor die Nase. 

OLGA. Schaut mal, was ich hier habe! 

DAGMAR. Das ist Venedig! 

OLGA. »Ponte dei Sospiri. . .«

HERMANN. »Seufzer«, das ist gut! 

OLGA. Reinhard hat mir geschrieben. 

DAGMAR. Er ist in Venedig! 

OLGA (liest die Postkarte vor). »Liebe Olga, ich verfolge hier den Schatten einer Kinofigur. « Ich verstehe das nicht ganz. »Ich erfahre immer mehr von ihr, indem ich schreibe. Was hast Du im nächsten Frühjahr vor? Ich habe eine schöne Rolle für Dich. « 

Diesen entscheidenden letzten Satz aus Reinhards Karte lesen Dagmar und Hermann mit Olga gemeinsam im Chor. Hermann gratuliert Olga spontan. Trixi hält nebenan in ihrer Arbeit inne. Auch sie hat gehört, was Reinhard vorhat. 

OLGA. »Herzliche Grüße aus der Stadt der Träumer und der Räuber, Reinhard. « 

In diesem Augenblick bricht für Trixi eine ganze Welt voller Träume und Hoffnungen zusammen. Sie erhebt sich. Sie streift ihre Arbeitshandschuhe ab, ergreift das Glas mit der weißen Tusche und geht entschlossen auf ihre große Schwester los. Im Vorbeigehen schleudert sie die Tusche auf die Kleider von Olga und Dagmar. Dann knallt sie die Tür zu und ist verschwunden. Dagmar, Olga und Hermann sind perplex. Die Postkarte mit der Seufzerbrücke darauf liegt am Boden, mit weißer Tusche übergossen. 

1032 Venedig, Gassen, Palazzo Esther

Das Nachmittagslicht ist fahler als in der ersten Zeit, die Reinhard in Venedig verbrachte. Uber den Kanälen macht sich der nahende Herbst schon bemerkbar. Der Palazzo, in dem Esther wohnt, wirkt verlassen, nur Reinhards Schreibmaschine ist bis auf die Gasse hinab zu hören. 
1033 Palazzo Esther


Esther hat begonnen, Reinhard bei der Arbeit zu fotografieren. Sie will, daß er sich beim Schreiben nicht unterbrechen läßt, dennoch kommandiert sie ihn herum und verlangt von ihm, daß er die Positionen einnimmt, die ihr gefallen. 

ESTHER (Off). Weiterschreiben! Schreiben Sie weiter! Können Sie mal aufstehen? 

Reinhard ist wie ein gutwilliger Zirkusbär. Er steht bereitwillig auf, er wartet darauf, daß Esther ihm sagt, was er nun tun soll. 

ESTHER. An die Wand da!

REINHARD. Ja.

ESTHER. Ziehen Sie mal Ihr Hemd aus! 

Reinhard hat nur ein weißes Unterhemd an, das er nun hochstreifen muß. Seine breite Brust wird entblößt. Esther schießt ein paar Fotos, während er sich noch einmal unsicher umsieht und die kleine nervöse Frau verfolgt, die mit der Zigarette im Mundwinkel arbeitet. 

ESTHER. Umdrehen.

REINHARD. Was wollen Sie denn sehen? 

ESTHER. Alles! Ich fotografiere sonst keine Menschen. Das ist neu für mich. Und jetzt zum Fenster! 

Esther läßt Reinhard mit weit nach oben gestreckten Armen ans Fenster treten. Sie spreizt ihm seine Finger, so daß es weh tut. Dann fotografiert sie ihn von hinten. Und noch einmal von vorn. Ihre Aufnahmen sind alle aus nächster Nähe geschossen, so daß sie eigentlich nur Details seines Körpers abbilden kann. Sie steigert sich in die Macht, die sie allmählich über Reinhard gewinnt. Sie ist grob mit ihm, sie schubst ihn herum, sie läßt ihn wie ein Tier über den Boden kriechen. 

ESTHER, Hatten Sie nicht mal die Amöbenruhr? 

REINHARD. Ja, das waren saumäßige Schmerzen.

ESTHER. Wo tut das weh? Im Bauch? 

Reinhard muß ihr zeigen, wo die Schmerzen gewesen sind. Sie verlangt, daß er seinen Bauch anfaßt, sie treibt ihn in die Erinnerung an die Schmerzen. Sie schreit ihn an, während sie die Kamera auslöst. 

ESTHER. Als ob Ihnen die Eingeweide herausgerissen werden! 

Immer wieder muß Reinhard den Schmerz vor ihr fühlen, muß auf allen vieren kriechen und sich an den nackten Bauch fassen. Schließlich drückt sie ihm die Knie in den Nacken, daß er aufschreit. Dann verlangt sie von ihm, daß er seine Hose auszieht. 

REINHARD. Dafür werde ich mich aber rächen. Sie müssen mir alles von sich erzählen, alles, was Sie erlebt haben. 

ESTHER.O. k. 

REINHARD. Ich will Ihr ganzes Leben wissen.

ESTHER. Auf den Bauch! 

Reinhard muß sich auf die Liege legen. Sie sieht, daß er seine Unterhose anbehalten hat. Sie reißt ihm dieses letzte Stück Schamhaftigkeit vom Leib. Dann fotografiert sie ihn von der Seite, von oben und von vorn. 

REINHARD. Auf was habe ich mich da eingelassen! Wie viele noch?

ESTHER. Nicht mehr viele. Umdrehen!

Er liegt auf dem Rücken, sie kniet auf seiner Brust. Sie fotografiert sein schmerzverzerrtes Gesicht. Sie vergißt, mit ihm zu sprechen, ehe sie ihn quält. 

RETNHARD. Das tut weh!

ESTHER. Und jetzt den Mund auf! So ist es gut. 

Sie fotografiert seinen aufgerissenen Mund. Sie greift mit den Fingern zwischen seine Zähne, sie hat alle seine Intimschranken durchbrochen, er ist ihr Opfer. Sie schießt die letzten Fotos, dann läßt sie sich auf ihn fallen und küßt ihn bis zur Erschöpfung. 

1034 Kanal in Venedig

Das Wasser im Kanal steht so ruhig, daß es ungewiß ist, ob es an der Oberfläche gefroren ist oder ob sich nur eine zähe Schicht von Schleim und Fäkalien darauf ausgebreitet hat. Von einer der Brücken fällt ein steter Wassertropfen, der in der Oberfläche verschwindet, ohne Wellen zu erzeugen. Die Sonne spiegelt sich auf den Metallteilen der abgestellten Boote am Kanalrand. Uber die Brücke gehen zwei Menschen, lautlos. Venedig ist Reinhards Schicksal geworden. 
 
1035 Wasserburg, Aussichtspunkt


Am Wachstum der Kinder können wir das unbegreifliche Fortschreiten der Zeit am besten feststellen. Clarissas Kind ist schon über einen Monat alt. Die junge Mutter freut sich über ihre wiedergewonnene Beweglichkeit. Sie macht Purzelbäume vor Freude, genießt den schlanken Körper und läuft durch das Waldgelände. Volker schiebt den Kinderwagen. Er ist stolz, Vater zu sein. An dem berühmten Aussichtspunkt, den Clarissa in ihren schweren Zeiten so gern aufgesucht hat, um Abstand zu sich und ihren Problemen zu suchen, finden sich die beiden Eltern wieder. Unter ihnen die Schleife des Inns mit der alten kleinen Stadt Wasserburg. 

CLARISSA. Schläft er? 

Volker murmelt eine unverständliche Antwort vor sich hin. Er ist immer wieder in Sorge um Clarissa. Ihre Stimmungen können plötzlich umschlagen und sich gegen ihn wenden. Das Kind schläft. 

CLARISSA. Ich möchte verreisen. Am liebsten bis nach Australien. 

VOLKER. Und unser Arnoldchen? 

Volker tut das, was sonst meist die Frauen tun, um ihre Partner an sich zu binden: Er nimmt Clarissa in die moralische Pflicht wegen des Kindes. Sie setzt sich zu ihm auf eine Bank. Das Baby öffnet die Augen und schaut seine beiden Eltern an. 

CLARISSA. Er schaut mich immer so vorwurfsvoll an. 

VOLKER. Das bildest du dir ein. 

CLARISSA. Er hat immer Hunger. Ich bin ihm nicht genug. Ich denke, er ist nie satt! 

VOLKER. Er hat aber zugenommen. 

CLARISSA. Meinst du? 

VOLKER. Ja. Er hat ganz runde Bäckchen bekommen. Schau ihn dir doch an! 

Sie beugt sich über das Kind. Sie versucht, dem Kleinen in die Augen zu schauen und zwingt sich, ihn anzulächeln. 

CLARISSA. Wir müssen uns noch kennenlernen, Arnold. 

1O36 Palazzo Esther, Esthers Zimmer


Der Halbmond steht am Nachthimmel. Reinhard und Esther liegen zärtlich ineinanderverknotet auf dem romantischen Bett in Esthers Zimmer. Er spielt mit ihrem Fuß, während er seine Phantasie durch die Geschichte seines Drehbuchs bewegt. 

REINHARD. Du warst neun, als sie deine schöne Mutter in Dachau umgebracht haben. Da hattest du nur noch dieses Foto, die schöne Jüdin auf dem einzigen Foto, das du hattest. Abends, wenn du im Bett lagst, da hing dieses Bild ganz dicht neben dir an der Wand. In diesem Zimmer, im Haus von der Tante im Tessin, in der Schweiz, wo du Heimweh hattest und nicht schlafen konntest. Morgens fragtest du die Tante, wann denn deine Mutter wiederkommt, um dich endlich abzuholen, aber jahrelang keine Antwort, die du glauben konntest, denn du warst ja viel zu klein, um zu verstehen, was Krieg ist, und daß sie deine Mutter verraten hatten und nach Dachau gebracht. Das konnte ja nicht mal die Schweizer Tante verstehen. Eines Tages hieß es dann, der Krieg sei jetzt vorbei, aber für dich hatte sich nichts verändert. Krieg, das war ein Wort. Deine Mutter wurde immer ferner für dich, war am Ende nur noch ein Foto, ein Stück Papier, an dem du gerochen hast, an dem du geleckt hast, um irgend etwas von deiner Mutter zu spüren. Aber sie blieb ein Stück Papier. Vielleicht hast du wegen dieses Fotos angefangen zu fotografieren. 

Esther, die ein paar von Reinhards Manuskriptseiten in der Hand hält, hört aufmerksam zu. Je weiter seine Erzählung voranschreitet, desto ungeduldiger wird sie. Schließlich schlägt sie ihm scherzhaft die Drehbuchseiten auf die Wange. 

ESTHER. Du hast schon angefangen, mich zu verfälschen. 

REINHARD. Nein, ich erzähle dir deine Geschichte. 

ESTHER. Viel zu romantisch, viel zu deutsch!

REINHARD. Aber sehr schön! 

Esther macht aus den Manuskriptseiten ein Rohr, durch das sie leise in Reinhards Ohr zu sprechen beginnt. 

ESTHER. Ich spüre es genau, seit du hier bist. Du bist so erschrocken, wenn eine Frau dir nahekommt. 

Reinhard hört sich diese Worte mit wohligem Lächeln an. Er liegt in ihrem Schoß und hält sein Gesicht von ihr abgewendet. Er schweigt. Esther rollt das Manuskript wieder auseinander. Sie liest nach, was er dort als Antwort anbietet. 

ESTHER (liest). "Alexander gibt keine Antwort. Er sieht zum Fenster hinaus und betrachtet den Hallbmond, der über Venedig steht. " 

Es steht wirklich ein riesiger Halbmond über dem Kanal vor Esthers Fenster. Die leicht bewegten Wellen reflektieren das Mondlicht auf die umgebenden Fassaden. 

ESTHER. Hast du eine Frau in München? 

REINHARD. Nein. 

ESTHER. Weißt du, du mußt keine Angst haben vor mir. Es ist nur so ein merkwürdiger Gedanke, daß ich dir mein Leben schenke, als Stoff für ein Drehbuch. Ich schenke dir doch mein Leben! 

Esther und Reinhard haben sich geliebt. Verschwitzt und glücklich zündet er sich nun eine Zigarette an. Esther vergewissert sich, daß der Mond noch immer zu sehen ist. Er schwimmt jetzt, so als wäre er vom Himmel abgestürzt, draußen im Kanalwasser. Reinhard zieht sich den Mantel über den nackten Körper. 

REINHARD. Weißt du, was mich beim Schreiben wahnsinnig macht? Das ist, daß kein Gefühl eindeutig ist. Du müßtest doch alle Deutschen hassen. Aber du denkst und du sprichst deutsch. Du müßtest Herrn Gattinger hassen, der dich gezeugt und der dann deine Mutter verraten hat, um seine Nazikarriere nicht zu gefährden. Aber du nennst ihn Vater. 

ESTHER. Er hat mich auf die Akademie in Florenz gebracht. 

REINHARD. Er hat dich um dein Vermögen gebracht, wie der ganze Cerphal-Clan. Aber du liebst ihn. Liebst du ihn? 

Da Esther nicht antwortet, faßt Reinhard sie an der Schulter, um sie zu sich heranzuziehen. Sie fällt rücklings ins Bett und verschüttet dabei das Glas mit dem Wein, das sie in der Hand gehalten hat. Reinhard erschrickt, denn Esthers Gesicht ist tränenüberströmt. 

ESTHER. Liebst du ihn, liebst du ihn, natürlich liebe ich ihn! Reinhard, was willst du aus mir machen? Ich bin kein Zwitterwesen, keine Nazijüdin! Schreibe so was nicht! Das ist Kitsch und Ubertreibung! Ich bin ich, bin ich, bin ich! Los, leg dich noch mal hierher und höre ganz genau hin. Was hörst du? Was hörst du? 

Sie packt Reinhards Kopf und preßt ihn fest auf ihren Bauch. Sie verlangt von ihm, daß er genau in sie hineinhört. Sie nimmt ihren Satz wörtlich. Er gerät in Not, er bekommt keine Luft mehr in ihrer Umklammerung. Schließlich gelingt es ihm, sich loszureißen. Er flieht auf einen Stuhl in der Ecke des Zimmers. 

REINHARD. Da brauche ich aber noch Wochen, bis ich die Geschichte zusammenkriege! 

ESTHER. Du kriegst das Zimmer ganz oben im Haus, von meinem ExMann. Da bist du ganz allein. Keiner stört keinen, o. k. ? 

Mit dem vom Wein durchnäßtes Nachthemd und dem vom Kampf mit Reinhard und den Tränen gezeichneten Gesicht sitzt Esther da wie eine Schicksalsgöttin. Reinhard sieht sie an. Er liebt sie. Esther findet das angefeuchtete Manuskript, das immer noch auf ihrem Bett herumliegt. Sie liest da weiter, wo die Geschichte vor ihrer Liebesumarmung geendet hatte. 

ESTHER (liest). »Alexander dreht sich auf den Rücken, sieht wieder in Richtung Mondstrahl und sagt . . . « 

REINHARD. ». . . Der Halbmond glänzet am Himmel und es ist neblicht und kalt. Gegrüßt seist du, Halber dort oben, wie du bin ich einer der halb. « Kennst du das Gedicht von Grillparzer? ESTHER (liest). »Esther schüttelt den Kopf.« Sie tut das, was in Reinhards Drehbuch steht, und schüttelt den Kopf. 

RETNHARD. ». . . Halb gut und halb übel geboren, und dürftig in beider Gestalt. Mein Gutes ohne Würde, das Böse ohne Gewalt. « 

Sie kennt das Grillparzer-Gedicht nicht und liest es gleichzeitig mit Reinhard im Buch mit. Dann läßt sie die Blätter sinken. Auch sie fühlt jetzt, wie sehr sie diesen Mann liebt. Sie steht langsam auf und pirscht sich an Reinhard heran. Dabei tut sie, als ob auch das in seinem Drehbuch vorgeschrieben sei. 

ESTHER. "Esther richtet sich auf und pirscht sich an Reinhard heran, setzt sich auf seinen Schoß und flüstert ihm tröstend ins Ohr: ´Der Mond nimmt zu!´" 

Reinhard trägt Esther wie ein Kind durchs Zimmer. Er steigt mit ihr mitten in das Bett, um besser aus dem Fenster schauen zu können. 

REINHARD. Nimmt er wirklich zu? 

ESTHER. Ja, wenn er die Rundung rechts hat, nimmt er zu. 

REINHARD. Da haben wir aber Glück gehabt. 

Jetzt steht der Halbmond wieder schön und klar über dem Kanal. 

1037 Palazzo Esther, Reinhards Zimmer


Reinhard, von all diesen Erlebnissen inspiriert, stürzt sich wieder in seine Arbeit. Bald ist das Zimmer, das Esther ihm zur Verfügung gestellt hat, erfüllt von den Anschlaggeräuschen der Reiseschreihmaschine und dem Qualm der vielen Zigaretten, die Reinhard bei der Drehbucharbeit raucht. Die Manuskriptseiten häufen sich auf dem kleinen Arbeitstisch. 
1038 Venedig, Kanäle und Gassen


Spät in der Nacht läuft Reinhard noch durch die menschenleere Stadt, um sich die Füße zu vertreten. Er ist noch ganz in seinen Gedanken, als ihn ein Blitzlicht, das in Kanal und Fassaden widerscheint, aufschreckt. Er hört Geräusche, die aus dem düsteren Bereich zwischen zwei Brükken, Hausecken und einer Kanalkreuzung kommen. Reinhard geht den Geräuschen nach. Da trifft ihn wieder einer dieser Lichtblitze. Er entdeckt Esther, die mit ihrer Kamera in einem alten Holzboot herumklettert und den Ratten auflauert, die hier leben. Jedesmal, wenn einer ihrer Blitze erstrahlt, rennen die scheuen Tiere weg und verschwinden in den geheimnisvollen Hohlräumen unter Venedigs Fundament. Reinhard sieht, daß die Freundin ein ebenso leidenschaftlicher Nacht- arbeiter ist wie er. 
1039 Palazzo Esther

Eines grauen, unwirtlichen Tages kommt eine Gondel den Kanal herunter, in der Elisabeth Cerphal mitsamt Herrn Gattinger sitzt. Die Cerphal ist ganz in weißen Loden gekleidet. Sie trägt einen riesigen südamerikanischen Strohhut und hat eine ganze Serie von Koffern bei sich. Plötzlich kennt sie sich aus, sie sieht zu dem Balkon des Palazzos hinauf, als ob man sie dort erwarten müßte, und fängt an, laut zu schreien. Sie wirft ihre spärlichen italienischen Vokabeln durch die Stille des Nachmittags. 

FRÄULEIN CERPHAL. Ferma, signore, quiquiqui. . . 

Der Gondoliere legt vor dem Palazzo an und kassiert bei Gattinger den Fahrpreis. Dann kauft Gattinger noch einen großen Blumenstrauß unterhalb der Brücke, ein Geschenk für seine Tochter. 

1040 Palazzo Esther


Die größte Sorge, die Gattinger nach der Ankunft in Esthers Haus hat, ist die, daß irgendeins der zahlreichen Gepäckstücke abhanden gekommen sein könnte. Während die Cerphal sich erschöpft auf einen von Esthers Sesseln fallen läßt und sich die geschwollenen Füße massiert, sortiert Gattinger die Koffer auf dem Dielenboden. 

GATTINGER. Sei ganz ruhig, Elisabeth, wir haben alles. 

Jetzt bestaunt er Esthers Bilder, die an der Wand hängen. Er tut, als hätte er ihr fotografisches Schaffen verfolgt und könnte hier ihren künstlerischen Fortschritt erkennen. Esther nimmt von ihren Gästen so wenig Notiz wie möglich. Sie arbeitet seelenruhig in ihrem Fotolabor, das direkt an die Diele angrenzt. Da fällt Gattinger ein, daß er ja noch den Blumenstrauß da liegen hat. Er nimmt ihn vom Boden auf und überreicht ihn mit großartiger Geste seiner Tochter. 

GATTINGER. Esther, das ist für dich!

ESTHER. Oh, grazie! 

Esther läßt die Blumen einfach auf den Arbeitstisch fallen und setzt ihre Arbeit mit der Trockenpresse fort. Gattinger beugt sich jetzt vertraulich über sie, um ihr Neuigkeiten über Fräulein Cerphal ins Ohr zu flustern. 

GATTINGER. Sie hat ihr ganzes Geld verloren. Jetzt ist sie bettelarm. Weißt du das schon, mein Kind? Ich habe versucht, sie vor der Beteiligung zu warnen. Ein völlig obskures Projekt, in das sie da geraten ist. Irgendwelche Franzosen, die in den Bergen ein Kulturinstitut errichten wollten! Die Sache war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Aber sie hat zwei Millionen investiert! 

FRÄULEIN CERPHAL. Demark! 

Natürlich hat die Cerphal alles mitgehört. Sie will, daß man ihren Schaden auch würdigt. Gattinger spricht mit Heuchlermiene weiter. 

GATTINGER. Jetzt sind sie weg! 

Gattinger hat offensichtlich ein schlechtes Gewissen vor der Cerphal, denn er geht nun zu ihrem Sessel und tut, als wolle er sie trösten. 

GATTTNGER. Wie geht es dir, Elisabeth? 

FRÄULEIN CERPHAL. Rede doch nicht so scheinheilig! Du hast mir das eingebrockt. Ich hätte nie auf dich hören sollen. Aber mein Vater hat mich ja schon vor dir gewarnt. Weißt du, was er gesagt hat? Dieser Gattinger, das ist ein ungedeckter Wechsel, wie das ganze Dritte Reich! Du hast nichts dazugelernt, Gerold! 

Wie ein gemaßregelter Schuljunge kommt Gattinger nun zu Esther zurück. Bei ihr versucht er sich herauszureden. 

GATTINGER. Das ist überhaupt nicht wahr! Ich habe sie davor gewarnt. Da kam so eine Art Künstler, und da war sie natürlich voll in ihrem Element. 

Esther bemerkt, daß Reinhard die Wohnung betritt. Er kommt mit Einkäufen bepackt durch den Hintereingang, zu dem er den Schlüssel hat. Esther eilt ihm entgegen. 

ESTHER. Mein Vater ist da - mit der alten Cerphal. Komm rein. 

Gattinger tritt nun Reinhard in den Weg, sieht ihn erstaunt an. 

GATTINGER. Sagen Sie mal, wir kennen uns doch, aus München. Na so was! Ihr Name, wie war der noch mal? 

REINHARD. Dörr.

GATTINGER. Ja, Elisabeth, schau doch, wen wir da haben! 

Noch ehe sich die Cerphal mit Reinhard befassen kann, mischt Esther sich ein. 

ESTHER. Reinhard wohnt bei mir, wir arbeiten zusammen! 

Die Cerphal bekommt einen weinerlichen Anfall von Selbstmitleid. Sie steigert sich derart in ihre defensiven Argumente, daß sie am Ende tatsächlich als Häuflein Elend dasitzt. 

FRÄULEIN CERPHAL. Also, ich habe genug getan, ein für allemal genug! Ihr Künstler seid Blutsauger, richtige Vampire! 

GATTINGER. Elisabeth, bitte! 

FRÄULEIN CERPHAL. Jahrelang haben die bei mir in München gehaust und mich geschröpft. Sind Sie auch hinter mir her? 

REINHARD. Ich will ein Drehbuch schreiben, über Esther und Ihr Haus. 

FRÄULEIN CERPHAL. Alle sind sie immer nur hinter meinem Geld her. Geld, Geld, das ist widerlich. Seht mich an: In einem Jahr bin ich um zwanzig Jahre gealtert. Das ist widerlich!

Weinend windet sich die Cerphal in ihrem Sessel. Esther gibt Reinhard, der immer noch seine Einkaufstüten in Händen hält, ein Zeichen, sich mit ihr in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Nachdem die beiden die Glastüren geschlossen haben, dreht Esther von innen den Schlüssel um. Sie hängt ihre Baskenmütze über die Türklinke, damit niemand durch das Schlüsselloch hereinsehen kann. Dann verkriecht sie sich in der Couchecke, wo Reinhard ihr seine Einkäufe vorführt. Er zeigt einen von zwei Fischen, die er mitgebracht hat. 

REINHARD. Der sollte eigentlich Gulasch werden. Aber er will nicht. 

ESTHER. Vielleicht will der andere. Willst du? 

Esther nimmt den zweiten Fisch in die Hand. Sie sieht ihm in das tote Maul. Der Fisch gibt keine Antwort. Sie ist ganz kleinlaut, seit ihr Münchner Vater hier aufgetaucht ist. Vor Reinhard versucht sie aber, Unbefangenheit zu spielen. Sie stellt sich eine Klopapierrolle, die Reinhard eingekauft hat, auf den Kopf, und lächelt verkrampft. 

ESTHER. Das war also mein Vater! 

REINHARD. Mein Vater war deutscher Jagdflieger. Er hat geholfen, Guernica zu bombardieren. Dafür hat er 1936 ein »Spiegelei« bekommen. Hat er hier unterm Herzen getragen. Das war eine Auszeichnung, sah wirklich aus wie ein Spiegelei. 

ESTHER. Also auch ein Mörder? 

REINHARD. Aber lieb. Er hat meine Mutter glücklich gemacht, wenigstens ein paar Jahre. 

Esther läßt sich über Reinhard fallen. Er fängt sie in seinen Armen auf und läßt sie an seiner starken Brust ausruhen. Eine Weile spater beginnt Reinhard seine neuen Eindrücke aufzuschreiben. Esther bleibt bei ihm, während er die Schreibmaschine bearbeitet. Sie beobachtet ihn aus der Distanz der Zimmerecke. 

ESTHER. Zuerst fand ich dich häßlich. . . 

1041 München, Englischer Garten


Der Herbstnebel ist in Venedig so dicht, daß Reinhard kaum seinen Weg findet. Plötzlich endet die Gasse direkt vor dem Wasser. Einen Schritt weiter, und er wäre in den stillen Kanal gefallen. Reinhard bleibt im Nebel stehen. Er wartet, bis ein leichter Wind die Wand vor ihm auflöst, dann kehrt er um. 
1042 Venedig, Kanäle 


Der Herbstnebel ist in Venedig so dicht, daß Reinhard kaum seinen Weg findet. Plötzlich endet die Gasse direkt vor dem Wasser. Einen Schritt weiter, und er wäre in den stillen Kanal gefallen. Reinhard bleibt im Nebel stehen. Er wartet, bis ein leichter Wind die Wand vor ihm auflöst, dann kehrt er um. 
1043 Palazzo Esther, Dunkelkammer


Der Hintereingang, zu dem Reinhard den Schlüssel besitzt, führt in Esthers Arbeitsbereich. Als er das Haus betritt, empfängt ihn das Rotlicht ihrer Dunkelkammer. Sie ist damit beschäftigt, die Bilder zu vergrößern, die sie von ihm gemacht hat. Um das Riesenformat zuwege zu bringen, das sie für ihre Fotos bevorzugt, hat sie einen Diaprojektor aufgebaut, mit dessen Hilfe sie das Negativbild an eine der Wände werfen kann. Reinhard findet Esther vor dieser Großprojektion. Sie ist auf einen Hocker geklettert, um die Formatgröße nachzumessen. Das Bild zeigt Reinhards Nacken und sein ängstliches Gesicht, das über die Schulter gedreht ist. 

ESTHER. Das erste Foto ist immer das beste! 

Esther steigt von dem Hocker herunter, um Reinhard, der neben dem Projektor stehengeblieben ist, zu begrüßen. 

ESTHER. Guckst du mal, ob das Korn scharf ist? 

Er folgt ihrer Aufforderung. Er tritt vor die Projektionsfläche und kontrolliert die exakte Schärfe, während Esther an ihrem Gerät das Objektiv einstellt. Sie beobachtet den Freund, der jetzt im Lichtstrahl steht, beinahe in der gleichen Position, in der sie ihn fotografiert hat. 

ESTHER. Weißt du, daß ich deinen Nacken liebe? Er ist so eine ungeschützte Stelle. 

Reinhard tritt zurück, um das Foto besser betrachten zu können. Mit einem Lineal, das Esther zum Nachmessen gebraucht hat, erzeugt er einen messerscharfen Schatten über dem projizierten Nacken. Es sieht aus, als wolle er symbolisch sein eigenes Bild enthaupten. 

REINHARD. Hast du dir schon einmal vorgestellt, wie das ist, enthauptet zu werden? Wenn das Fallbeil in deinen Nacken eindringt und vorne zur Kehle wieder rauskommt? Ich stelle mir oft den Weg zum Schafott vor, wie ich plötzlich Herzklopfen bekomme, panische Angst. Aber ich gehe dennoch einfach weiter. Das ist doch reiner Zufall, daß wir in einer Zeit leben, wo uns so etwas nicht passieren kann, wie deiner Mutter zum Beispiel, im Dritten Reich. 

ESTHER. Meine Mutter ist aber vergast und nicht enthauptet worden. Wenn ich nur wüßte, warum ich dir meine Geschichte anvertraut habe! Als hätte ich darauf gewartet, sie loswerden zu können. 

REINHARD. Deine Geschichte ist meine Geschichte geworden. 

Reinhard hat das Labor verlassen. Esther, vom Projektionsstrahl geblendet, kann nicht sehen, wohin er gegangen ist. 

ESTHER. Reinhard, dove sei? 

1044 Palazzo Esther, Reinhards Zimmer


Reinhard hat immer noch seinen Mantel an. So sitzt er an seinem Schreibtisch. Er zählt die Seiten seines Drehbuchmanuskripts. Esther erscheint in der Diele. Sie eoobachtet die Szene durch den Sucher der Kamera. Die Glastür steht offen, es ist ein feierlicher Anblick, wie Reinhard dasitzt, sein fertiges Drehbuch durchblättert und es dann auf der hochgestellten Hand für Esther präsentiert. 

REINHARD. Zweihundertsechsundneunzig Seiten! Willst du es nicht mal lesen? 

Sie legt ihre Kamera auf einen Tisch. Dann kommt sie mit gemessenen Schritten zu der verglasten Flügeltür. Sie schließt zuerst den einen Flügel, verriegelt ihn mit dem alten Eisenriegel, dann schließt sie den zweiten Flügel. Reinhard wiederholt seine Frage. 

ESTHER. Später. 

Sie dreht von außen den Schlüssel im Schloß um. Reinhard ist nun in seinem Zimmer eingesperrt. Irritiert betrachtet er sein fertiges Werk. Er geht zu der Tür, um sich zu vergewissern, daß sie wirklich verschlossen ist. 

REINHARD. Esther! 

Esther holt draußen einen Stuhl. Sie stellt ihn in der Diele genau der Glastür gegenüber. Auf diesen Stuhl setzt sie sich. Sie beobachtet Reinhards Konturen, die durch das Ornamentglas hindurch zu ahnen sind. 

ESTHER. Jetzt willst du mich verlassen. 

REINHARD. Laß mich gehen, bitte! 

ESTHER. Du warst mein Gefangener die ganze Zeit. 

REINHARD. Ich muß doch in München nachsehen, was es wirklich gibt, oder was ich erfunden habe. Vielleicht gibt es die ganze Stadt überhaupt nicht. 

Den Schlüssel hält sie in der Hand. Sie spürt die Sinnlosigkeit der Situation. 

ESTHER. Niemand hat mir je so lange zugehört. 

REINHARD. Esther, wenn ich hierbleibe, werde ich diesen Film niemals drehen! 

Sie läft Reinhard noch eine Weile in seinem gläsernen Gefängnis umherlaufen. Dann erhebt sie sich, um ihn freizulassen. Sie sperrt die Tür auf, sie öffnet beide Flügeltüren, so weit es möglich ist. Jetzt ist Triumph in Reinhards Haltung zu spüren. Noch immer hält er ihr sein fertiges Manuskript entgegen. Sie umkreist ihn. Ganz plötzlich reißt sie ihm die Drehbuchseiten aus der Hand. Sie schlägt damit auf ihn ein und wirft dann das Paket von beschriebenen Blättern in die Luft, so daß ein Papierregen entsteht, unter dem sie mit Reinhard ringt. Sie schafft es, ihn zu Boden zu werfen. Dabei schreit sie wie ein Tier und zerkratzt ihm mit den Fingernägeln das Gesicht. 

ESTHER. Hast du mich jetzt? Ist deine Neugier jetzt befriedigt? Hast du mich endlich, sag! 

EINHARD. Ich komme doch wieder! 

1045 Markusplatz


Als Reinhard, bepackt mit seiner Reisetasche und der Reiseschreibmaschine, an San Marco ankommt, steht der ganze berühmte Platz unter Wasser. Es ist ein Bild des Untergangs, durch das Reinhard gehen muß, um die Stadt zu verlassen. Je weiter er sich dem Campanile nähert, desto tiefer geht er in die Flut. Sie reicht ihm schon bis zum Knie
1046 München, eine Buchdruckerei


In seiner Werkstatt hat der Buchdruckermeister alle Ecken und Zwischenräume zwischen Maschinen und Regalen mit selbstgebastelten Vogelkäfigen gefüllt, in denen zahllose Vögel umherhüpfen und ein lautes Gepiepse und Geschrei veranstalten. Die Geräusche der Buchbinderarbeit gehen völlig unter in diesem Vogelgezwitscher. Reinhard hat Olga mit hierhergenommen, um ihr das frisch gedruckte und gebundene Drehbuch überreichen zu können. Während die Angestellten des Buchbinders noch letzte Arbeiten verrichten, sieht Olga sich die exotischen Vögelchen an. 

REINHARD. Vor elf Tagen war ich noch in Venedig. Kannst du dir das vorstellen? Die ganze Stadt stand unter Wasser. Mein Gott, daß ich jetzt wieder hier bin! 

Nun bringt der Buchbinder den Stapel von zwanzig Drehbüchern herein. Er beginnt, sie auf dem Packtisch für Reinhard einzupacken. 

HÖSL. SO, jetzt sind's fertig! Die sind aber noch feucht, Herr Dörr. Es ist besser, Sie schlagen's nicht auf, weil's nämlich sonst auseinanderbrechen. 

REINHARD. Herr Hösl, ich sollte ein Exemplar haben für meine Hauptdarstellerin. 

HÖSL. Na ja, das sehe ich ein. 

Herr Hösl nimmt ein Exemplar aus dem Packen heraus und überreicht es Olga, die sich höflich bedankt. 

HÖSL. Darf ich mich Ihnen vorstellen: Hösl. Ich bin ein ganz ein großer Kinonarr. Schon als Kind war ich mal mit einem Wanderkino unterwegs. Alle Schauspieler hab ich gekannt, damals. A klein's Momenterl, bittschön, würden S' mir hier ein Autogramm geben? 

OLGA. Ich? 

HÖSL. Ja freilich. 

REINHARD. Ja, Olga, daran mußt du dich gewöhnen. Das geht jetzt los! 

OLGA. Sie heißen? 

HÖSL. Hösl. 

OLGA. Mit »e«? 

HÖSL. Nein, mit »sl«. 

Olga signiert für den Drucker ein übriggebliebenes Deckblatt. Reinhard grinst dazu. 

1047 Straße vor Druckerei 


Als Reinhard seine Autotür öffnet, um Olga einsteigen zu lassen, kommt Trixi auf dem Fahrrad daher. Sie hat Reinhard hier aufgelauert und fährt ihm jetzt einfach gegen die offene Autotür. Olga erschrickt, sie weiß nicht, was sie von dem Vorfall halten soll. 

REINHARD. Mensch, Trixi, ich habe dich ja schon ewig nicht gesehen! Das Drehbuch ist fertig, schau mal, hier. 

TRIXI. Verräter! 

REINHARD. Ach, Trixi, jetzt sei doch nicht sauer! 

TRIXI. Fünf Wochen, fünf Wochen habe ich auf dich gewartet. Nicht mal einen Gruß für mich hast du der Dagmar gesagt! 

REINHARD. Worauf denn gewartet? 

TRIXI. Ob das klappt mit dem Geld. Das war schließlich meine Idee. 

REINHARD. Trixi, das ist alles ganz anders gekommen. Ich erzähle dir das, wenn wir mal Ruhe haben. 

TRIXI. Spießer! Ich spreche nie mehr ein Wort mit dir! 

Trixi steigt wütend auf ihr Rad und fährt grußlos weiter. Olga schaut hinter ihr her. Sie sieht, wie Trixi in der Aufgeregtheit beinahe in einen Lastwagen fährt. 

OLGA. Ist sie verschossen in dich? Ich bin so glücklich, daß es endlich vorangeht. Ich habe so auf diesen Augenblick gewartet. 

REINHARD. Setze dich mal kurz in den Wagen, ich komme gleich. 

Reinhard läuft hinter Trixi her. 

OLGA. Du wirst sehen, ich werde dich nicht enttäuschen! 

1048 Ein Cafe


Er hat Trixi das Fahrrad wegnehmen können und schiebt es zu einem Cafe. Trixi muß ihm wohl oder übel folgen. Unwillig betritt sie mit ihm das Cafe. Sie setzt sich an einen der kleinen Tische und starrt gekränkt geradeaus. Reinhard pendelt verlegen zwischen ihr und der Theke hin und her. 

RETNHARD. Trixi, was willst du trinken, Kaffee? Zwei Kaffee, bitte! 

Endlich setzt er sich Trixi gegenüber. 

REINHARD. Also, Trixi, in dem DrehLuch, da ist eine sehr schöne kleine Rolle für dich, ehrlich! 

TRIXI... und? 

REINHARD. Die »Esther«, also, die Hauptrolle, die ist halt sehr viel älter als du. Die hat den Krieg erlebt, weißt du? Außerdem hat sie dunkle Haare. 

TRIXI. Wie deine Olga, was? 

REINHARD. Ja, die muß sie sich natürlich färben, ist klar. 

TRIXI. Soll ich dir mal was sagen, Reinhard? Du bist ein ganz kleiner, lächerlicher Waschlappen. Du wirst nie einen guten Film machen. Mal Blond, mal Schwarz, mal München, mal Mexiko. Ach, und schöne Grüße aus Venedig. »Ich habe eine wunderbare Rolle für dich. « 

Sie sieht, daß Reinhard keine Argumente mehr zu seiner Verteidigung findet. Sie erhebt sich. Sie will ihn jetzt richtig »fertigmachen«. 

TRIXI. Weißt du, was du bist? Du bist ein Fähnchen im Wind - flatternd, schwankend, eiernd und torkelnd. So! 

Mit diesen Worten, die sie durch einen torkelnden Gang illustriert hat, ist sie zum Ausgang gelangt. Sie macht in seine Richtung ein Kreuzzeichen, um ihm zu zeigen, daß er für sie gestorben ist. 

TRIXI. Waschlappen! Laß dich beerdigen, Reinhard! 

Trixi geht. Reinhard sitzt nachdenklich da. 

1049 Forsthaus am Ammersee 


Der Kameramann Rob ist der Sohn eines bayerischen Försters, der in einem schönen alten Forsthaus am Seeufer lebt. Reinhard ist mit dem Ruderboot der Familie auf den See hinausgefahren, einsam sitzt er im Boot, liest verloren in seinem Drehbuch und läßt sich mit den Wellen treiben. Rob, der nicht versteht, was der Freund so lange auf dem See draußen tut, kommt vom Forsthaus her ans Ufer, um nachzusehen. Reinhard ist so intensiv mit seiner Lektüre beschäftigt, daß er den fernen Rob nicht bemerkt. 
1050 Landstraße Nähe Ammersee 


Hermann und Schnüßchen fahren an diesem Tag mit Volker und Clarissa in dessen Volkswagen spazieren. Die Frauen haben die beiden Kinder bei sich auf dem Rücksitz. Im Auto entwickelt sich während der Fahrt ein unerträglicher Alltagsterror, weil keiner es dem anderen recht macht und die Frauen wegen ihrer Kinder die Nerven verlieren. Die Gespräche lassen jeden Anspruch vermissen, den die jungen Künstler einmal an sich und das Leben hatten. 

HERMANN. Ich mach mal ein bißchen das Fenster auf, was meint ihr? 

SCHNÜSSCHEN. Nä, Hermann, dann zieht's uns hier hinten. Nä, mach's bitte zu. 

HERMANN. Na gut, aber das beschlägt doch! 

VOLKER. Du brauchst doch nur diesen Knopf rüberziehen. 

SCHNÜSSCHEN. Nein, laß das Fenster jetzt zu. 

HERMANN. Laß mich das mal. . . ich mache das. . . einen Moment kann ich das. .. Ich muß den Knopf drücken und dann. . . 

SCHNUSSCHEN. Also, ich finde, der hat Hunger! 

CLARISSA. Nein, der hat keinen Hunger, der ist müde. Das merkt man doch! So redet meine Mutter auch immer. 

SCHNUSSCHEN. Also, unsere Simone, die schläft. 

CLARISSA. Hermann, mach doch mal bitte das Fenster zu... Wo sind wir denn jetzt? 

VOLKER. Wir müssen doch bald da sein. 

SCHNÜSSCHEN. Wenn wir jetzt bald mal aus dem Auto hier rauskommen, wär's schon besser. 

HERMANN. Und am Ende ist der Rob gar nicht da. 

VOLKER. Du hast doch gesagt, er ist immer da am Wochenende. 

HERMANN. Ja, das stimmt. Also, schneller kannst du nicht fahren? 

1051 Forsthaus am Ammersee

Als der Volkswagen mit den zwei Kleinfamilien vor dem Forsthaus ankommt, steht Rob auf dem Balkon des Hauses. Hermann winkt ihm zu. 

ROB. Ihr seid ja ganz schön vollgeladen! 

HERMANN. Ja, wir haben alles dabei. Wir parken da vorne. Bis gleich. 

Das Abladen der Kinderwagen vom Dachständer, das Aussteigen aus dem engen Auto, das Beruhigen der plärrenden Kinder und Schnüßchens Geschäftigkeit machen auch die Szene auf dem Parkplatz zu einer Alltagsgroteske. Clarissa entdeckt eine Kapelle, in deren Turmfassade die Statue eines Heiligen eingelassen ist, der seinen abgeschlagenen Kopf in den eigenen Händen hält. Sie fühlt sich von der dargestellten Legende angezogen. Sie betritt das kleine Gotteshaus. 

1052 Kapelle Sankt Alban


Das Barockkirchlein ist reich geschmückt mit vergoldeten Holzschnitzereien und Wandgemälden. Auch hier ist der Heilige wieder in verschiedenen Szenen seines Märtyrerlebens dargestellt. Eine Nonne, die sich in der Kapelle zu schaffen macht, sieht Clarissas fragenden Blick.

CLARISSA. Warum wurde ihm denn der Kopf abgeschlagen?

NONNE. Der heilige Alban hat die christliche Botschaft verkündet, und dadurch hat er sich viele Feinde gemacht. Schließlich wurde er dafür dann enthauptet.

CLARISSA. Er sieht aus, als könnte er seinen Kopf wieder aufsetzen. 

NONNE. Da haben Sie recht. Die christliche Botschaft sagt nämlich aus, wer an Jesus Christus glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. 

Mit dieser Auskunft kann Clarissa wenig anfangen, denn die hölzernen Skulpturen scheinen eine ganz andere Geschichte zu erzählen. 

1053 Ammersee-Ufer 


Schnüßchen hütet inzwischen beide Kinder. Sie läßt ihre Lulu Steinchen ins Wasser werfen. Hermann und Volker blicken gelangweilt auf den See hinaus. 

VOLKER. Wo ist eigentlich Clarissa?

SCHNÜSSCHEN. Keine Ahnung. Ich glaube, in der Kirche. 

Das Boot, in dem Reinhard gesessen hat, treibt in einiger Entfernung vorbei. Es ist leer. Hermann beobachtet das führerlose Boot. 

HERMANN. Kannst du jemand in dem Boot erkennen? 

VOLKER. Ich kann niemanden sehen. Scheint sich vom Ufer losgerissen zu haben. 

ROB. Hermann, hat einer von euch Reinhard gesehen? 

HERMANN. Reinhard? Nein, wieso denn? 

ROB. Ich habe die Wasserwacht gerufen.

HERMANN. Die Wasserwacht? Warum denn? Was ist denn los? 

Schon ist Rob vorangeeilt auf den großen Landungssteg, der den Wasserwachtbooten und der Polizei als Operationshasis dient. Hier sind wieder mehrere Neugierige versammelt. Rob hastet zu einem der Rettungsboote, dessen Besatzung dabei ist, schweres Tauchgerät zu verladen. Einen aus der Rettungsmannschaft kennt Rob und spricht ihn an. 

ROB. Toni, grüß dich. Sag mal, wißt ihr schon was? 

TONI. Naa, wir wissen bisher noch nix. 

Schnüßchen holt Rob ein.

SCHNUSSCHEN. Was ist denn los? 

ROB. Der Reinhard ist heut ganz in der Früh mit unserem Ruderboot auf den See raus. Er wollte über sein Drehbuch nachdenken. 

Allmählich wird den Freunden klar, daß dieses Unglück auch sie betrifft. Während sie zusehen, wie die Taucher sich immer wieder in die Tiefe gleiten lassen und ebensooft erfolglos auftauchen, stehen sie wie gelähmt da und werden ganz kleinlaut. Reinhard ist verschwunden. 

ROB. Er hat immer so geschwankt, aber . . . Ein Polizeibeamter wendet sich an Rob. 

POLIZIST. Herr Stürmer, kommen S' doch bitte mit. Ist das ein Bekann-ter von Ihnen? 

ROB. Ja, er hatte ein Drehbuch bei sich. Format DIN A4, gebunden.

Titel »Esther«.

POLIZIST. Alter?

ROB. Dreiunddreigig. PoL~zrsT. Wohnhaft in Dießen?

ROB. Nein, München, Wilhelmstraße 4.

POLIZIST. Können Sie sonst noch Angaben machen?

Rob und der Polizist kommen bei Clarissa vorbei. Sie steht am Ufer und hält ihr Kind fest an sich gepreßt.