Film 11: Drehbuch

Elftes Buch
Die Zeit des Schweigens
(1967/68) 
 
1101 Ballsaal eines Dorfgasthauses


Der Faschingsball im oberbayerischen Dorf unterscheidet sich kaum von Veranstaltungen dieser Art, die Hermann aus seiner Hunsrücker Dorfjugend kennt. Der Gasthof, direkt an der Hauptstraße gelegen, ist zugleich Metzgerei, Bauernhof, Bushaltestelle, öffentliches Telefon und Feuerwehrzentrale. Einmal im Jahr wird der Saal mit Girlanden, Lampions und Konfettischlangen aus dem nahen Schreibwarengeschäft geschmückt. Die Männer setzen ihre Cowboyhüte auf, die Frauen ziehen ihre Carmen-Kostüme an. Dann wird getanzt, gesoffen und gesungen, geknutscht und vom Fremdgehen geredet, bis die Musik aufhört und der Wirt die Stühle auf die Tische stellen läßt. Hermanns Landsmann Clemens gehört zu den Menschen, die sich überall auf der Welt wie zu Hause fühlen, denn ihre Art, die Dinge zu sehen, ist die allgemeinste mittlere Betrachtungsweise aller Menschen dieser Welt. Clemens hat auch die rot-weiß karierten Hemden und die Lederhosen besorgt, mit denen die kleine Band eingekleidet wurde, die hier zum Tanz aufspielt: ein Posaunist, ein Kontrabassist aus dem Hochschulorchester und Hermann am Klavier. Hermann nutzt die allgemeine Aufbruchstimmung im Saal, um ein Stückchen Beethoven in die Tanzmusik zu mischen. Clemens trommelt dazu, und es entsteht eine kleine Jazzimprovisation über das Klavierkonzert Nr. 5. So werden die letzten besoffenen Ballgäste vertrieben.
1102 Vor Dorfgasthaus

Als die Gelegenheitsband ihre Instrumente über den Hof zu dem VWBus von Clemens schafft, dämmert schon der Morgen über dem Scheunendach. Die Musiker frieren in ihren Lederbundhosen und in ihren Pseudo-Trachtenhemden. Clemens setzt sich ans Steuer. Die Heimfahrt geht über kurvenreiche Landstraßen, auf denen schon der Frühverkehr der Pendler begonnen hat, die bei Sonnenaufgang, antizyklisch zu den jungen Nachtmusikern, zu ihren Arbeitsstellen in München fahren. Um diese frühe Morgenstunde verlassen Rob und sein Vater beim ersten Tageslicht das Haus am Seeufer, um auf die Jagd zu gehen. Die beiden sprechen kein Wort. Rucksäcke, Flinte und Jägerstock werden in einem Ruderboot ordentlich verstaut, während die Mutter die Schlafzimmer-fenster öffnet und auf den Balkon heraustritt. So steigen Rob und der Vater in den Kahn. Rob übernimmt ganz selbstverständlich das Ruder, und die Mutter kehrt ins Haus zurück, nachdem sie sich überzeugt hat, daß die Männer nichts vergessen haben. Der Ruderkahn entfernt sich auf dem diesigen Ammersee. 

ROB. Seit unser Freund Reinhard an einem Sonntag im März im Ammersee verschmunden war, hatte sich in meinem Leben alles verändert. Er ist immer der Autor unter uns gewesen. Er hat für uns gedacht, geplant, Projekte ersonnen und Geschichten erzählt. Jetzt war er selbst eine Geschichte geworden. Legenden entstanden um sein Verschwinden. Und weil sein Leichnam niemals getunden wurde, horchten wir auf, wenn da gemunkelt wurde, jemand hätte ihn in Renates Kneipe gesehen, oder er sei am Flughafen, oder wenn ihn jemand in Venedig erkannt haben wollte. Reinhard hatte einmal gesagt, alles Wesentliche im Leben ist unsichtbar und entzieht sich der Optik einer Kamera: die Liebe, das, was die Leute denken oder fühlen, der Tod. Jetzt war sein Tod ein Beweis für seine Theorie geworden. Scheinbar. Ich bin am Ufer dieses Sees in Bayern aufge-wachsen. Mein Vater war Förster. In unserer Familie wurde niemals viel geredet. Wir wußten aber trotzdem immer ganz genau, was der andere dachte. 

Genau hinsehen, das habe ich von meinem Vater gelernt. Deswegen habe ich Reinhard niemals rechtgeben können. Ich bin Kameramann geworden, weil ich vom Reden nicht viel gehalten hab. Ganz anders als der tate Freund da unten im Wasser, der jetzt bei den Fischen umherschwimmt, die auch nichts sagen. Das Boot kommt im Mündungsgebiet der alten Ammer an, einem moorigen Schilfgelände, das nur vom Wasser her zugänglich ist. Es gibt hier eine kleine Anlegestelle für das Boot, von der aus ein schmaler Pfad zu einem Hochsitz führt, der sich über dem wilden Gehölz erhebt. Rob klettert als erster die Leiter empor. Oben auf der kleinen Plattform hat er einen freien Blick über das Moorgelände. Hinter dem Gebüsch folgt eine unberührte kleine Ebene mit seltenen Gräsern und Schilf. Nun klettert auch der Vater auf den Hochsitz. Es gibt dort oben eine Bank aus Rundhölzern, auf die sich die beiden setzen. Rob betrachtet das Gelände durch den Feldstecher. Nach einiger Zeit entdeckt er ein Reh, das die Ebene betritt. Vorsichtig überreicht er das Fernglas seinem Vater, der das Wild aber schon bemerkt hat. Noch einmal sieht Rob durch das Fernglas, der Vater bringt gleichzeitig sein Gewehr in Anschlag. Der Schuß zerreißt die bisher so sorgsam gehütete Stille. 

1104 Parkplatz, Ammersee-Ufer


Clemens macht mit seinem VW-Bus einen Umweg, der direkt am Seeufer entlang zu der Wallfahrtskapelle führt, die unweit von Robs Forsthaus steht. Am kleinen Parkplatz steigen die vier Musikanten aus. Mit Blick auf den See, in dem Reinhard ertrunken ist, reihen sich Clemens und seine Freunde neben Hermann auf, um von der Ufermauer hinab ins Wasser zu pinkeln. Hermanns Blick geht in die Ferne. Der Gedanke an den toten Reinhard ist sein Geheimnis. Clemens und seine Musikanten stehen mit ihren Bundhosen so albern da, als hätten sie nichts anderes in ihren Köpfen als die blöde Musik, die sie heute nacht gedudelt haben. Clemens freut sich über seinen endlosen Wasserstrahl. 

CLEMENS. Dat bayerische Bier is so wasserisch. 

MUSIKER. Was ist wasserisch?

CLEMENS. Flüssig! 

Hermann hat keine Lust, mitzulachen. Er wendet sich an Clemens.

HERMANN. Heh, Clemens, wann gibt's denn das Geld? 

CLEMENS. Ganz einfach, jeder kriegt fuffzisch Mark. 

HERMANN. Fünfzig Mark? Das ist ja genau das, was ich dir noch schuldig bin. 

CLEMENS. Willst du sie mir zurückgeben? 

HERMANN. Na ja, kannst sie behalten, dankeschön! 

CLEMENS. Bitteschön! 

In der Reihenfolge, in der sie mit dem Pinkeln fertig werden, kehren die Musikanten zum Auto zurück. Wortlos und frierend steigen sie ein, um so schnell wie möglich wieder weiterfahren zu können. Das Tageslicht will sich an diesem Morgen nicht vermehren. Es bleibt den ganzen Vormittag dämmerig. 
11O5 Schilfgebiet am See


Rob hat eine Person entdeckt, die sich im Dickicht mit seinem Boot zu schaffen macht. So schnell er kann, klettert er von seinem Hochsitz hinab und rennt, während der Vater sich ganz gelassen mit dem totgeschossenen Reh beschäftigt, zu der Anlegestelle und zu seinem Boot. Eine junge Frau in Gummistiefeln und Regenmantel ist gerade dabei, das Boot vom Ufer wegzurudern. 

ROB. Sie, bleiben Sie da, das ist unser Boot! 

Ohne Rücksicht auf seine Schuhe läuft Rob ins Wasser und kann das Boot gerade noch fassen, ehe es in tiefere Bereiche entkommt. Er zieht den Kahn ans Ufer zurück, so daß die Frau wieder aussteigen muß. 

ESTHER. Entschuldigung, ich habe gedacht, das Boot steht hier so einfach in der Gegend rum. Ich wollte es nur ausleihen. Ich bin Berufsfotografin. 

ROB. So was, wenn Sie wenigstens gefragt hätten! 

ESTHER. Es ist gerade so eine bewegte Stimmung am See. Ein Freund ist in diesem See ertrunken. 

Rob schweigt. Er starrt Esther an, als wäre sie eine Geistererscheinung. Es ist ein wortloses Erkennen, das die beiden nun vereint. Sie sehen auf den See hinaus, der inzwischen unruhig geworden ist und auf seiner Oberfläche wirkt, als wollte er anfangen zu kochen. Die Wolken hängen tief, fast berühren sie die Wellen. Unerwartet tritt Robs Vater auf. Er zieht das tote Reh hinter sich her, als wäre es ein dürrer Ast. Er nimmt von Esther keine Notiz und gibt seinem Sohn die zusammengebundenen Läufe des toten Tieres in die Hand. Umständlich löst er seinen Rucksack von der Schulter. 

ROB. Mein Vater . . .

VATERROB. Grüß Gott! 

ROB. Sie hat den Reinhard gekannt. 

VATERROB. Aha. 

ROB. Berufsfotografin. 

VATERROB. Ah so. 

Das Einladen des erlegten Wildes in den Kahn, das Verstauen der Rucksäcke und der Flinten, das Losbinden des Bootes vom Ufer, das Einsteigen und Ablegen sind Vorgänge, die wieder diese Selbstverständ-lichkeit zeigen, die Rob und sein Vater im Umgang mit der Natur und ihren Dingen zeigen. Esther steht dabei, läft ihre Kamera unbenutzt um den Hals hängen und macht keine Anstalten, von dieser unwegsamen Stelle fortzukommen. 

ESTHER. Ich wollte Reinhards Grab fotografieren. Aber der See sieht irgendwie nur grau aus, harmlos und bayerisch. 

VATERROB. Dös deischt. 

Rob hat das Boot in schiffbare Wassertiefe geschoben. Er zögert einen Augenblick, ehe er einsteigt. Er sieht zu Esther hinüber, die lächelnd dasteht. 

ROB. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt mitfahren. Schieben S' ein bissel an. 

Sie folgt dem Boot so weit ins Wasser, wie es ihre Gummistiefel erlauben. Dann schwingt sie sich über die Bordwand. Sie setzt sich neben Robs Vater. Rob rudert, und bald erreicht das schwankende Schiffchen den offenen See, der immer noch aufgeregt brodelt. 

ROB. Jedenfalls war es jetzt aus mit der Legende, daß Reinhard nach Venedig abgehauen sein könnte. Und so suh also seine venezianische Geliebte aus. »Eine Unglücksperson«, meinte meine Mutter, als sie Esther an diesem Morgen kennenlernte. 

1106 Vor Haus Hermann und Schnüßchen


Der VW-Bus mit Clemens und den Musikern ist in München angekom-men. Die Stadt geht schon längst wieder ihrer alltäglichen Geschäftig-keit nach, als die müden Musikanten daheim eintreffen. Clemens hält direkt vor Hermanns Haustür. 

CLEMENS. Hermann, nächste Woche geht's weiter. Ich hab einen Job in Starnberg. Wenn de Lust hast, biste dabei. 

HERMANN. Ja, emal gucke . . .

CLEMENS. Fuffzisch Mark.

HERMANN. Ja, is gut. Tschöh! 

Hermann verschwindet im Haus. 

1107 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Hermann gibt sich Mühe, beim Eintreten in seine Wohnung keinen Lärm zu machen, was ihm bei seiner Müdigkeit, die ihn ungeschickt macht, schwerfällt. Er schlüpft aus seinen Schuhen, der Jacke, der albernen Bundhose und dem verräucherten Trachtenhemd. 

HERMANN. Im Winter 67/68 ist es mir und meiner kleinen Familie ziemlich schlecht ergangen. Wir wußten oft wochenlang nicht, ob wir am Monatsende unsere Miete bezahlen konnten. Das Geld, das Schnüßchen in ihrem Reisebüro verdiente, reichte kaum fürs Essen und für unsere Lulu, die alle paar Monate aus ihren Kleidern gewach-sen war. Clemens war da oft unsere letzte Rettung. Den konnte man gelegentlich aupumpen. Er beschaffte mir kleine Jobs bei Faschings-festen auf dem Land, bei Hochzeiten oder Dorffesten. Seit Reinhard tot war, gab es auch keine Aufträge mehr für Filmmusiken. Von den anderen Freunden hörte ich sowieso nichts mehr. So vergingen die Tage oft entsetzlich langsam. Ich schlief bis mittags, zermarterte mein Gehirn, spielte mit Lulu und hatte keine, nicht die geringste Musik im Kopf. 

Er öffnet behutsam die Schlafzimmertür. Schnüßchen und Lulu liegen noch in ihren Betten. Hermann, in Unterhemd und Unterhose, schlüpft zu Schnüßchen unter die Decke. Das Kind nebenan dreht sich in seinen Kopfkissen um und ist schon fast beim Aufwachen. Schnüßchen sieht, wie Hermann bei ihr Trost suchen will. Sie dreht sich auf den Rücken, um ihn in den Armen zu empfangen. 

HERMANN. Ich hab euch wahnsinnig lieb, dich und die Lulu. 

SCHNUSSCHEN. Aber ganz verschieden, hoffentlich. Sei ganz leise, dann schläft sie vielleicht weiter. 

Hermann reibt seinen Bauch auf Schnüßchens Körper. Seine Hände fangen an, Schnüßchens Brüste zu erobern, kneten sie durch den Stoff des Nachthemds hindurch. Er genießt ihre Bereitwilligkeit, sein Atem wird schneller, seine Augen beginnen zu rollen. Da meldet sich das Kind im benachbarten Gitterbettchen. 

LULU. Mami, ich bin wach! 

SCHNUSSCHEN. Spätzchen, guten Morgen! 

HERMANN. Lulu, bist du schon wach? 

SCHNUSSCHEN. Na, mein kleiner Hase? 

Hermann wälzt sich von Schnüßchens Körper. Wie alle Paare der Welt, die vor ihren Kindern kapituliert und sich angewöhnt haben, jede Laune ihrer kleinen Monster wichtiger zu nehmen als ihre eigenen Bedürfnisse, wechseln Hermann und Schnüßchen sofort aus der Rolle der Liebenden in die der besorgten Eltern über. Das Kind ist nun ganz zufrieden. Halb verschlafen, aber mit offenen Augen kauert es in seinem Bettchen und schaut im Zimmer umher. Schnüßchen sieht Hermann mit verändertem Blick an. 

SCHNUSSCHEN. Hermann, ich schäm mich so. Darf ich dir eLbes erzäh-len? 

HERMANN. Ich hör zu! 

SCHNUSSCHEN. Ich hab Angst, daß du mir böse bist. 

HERMANN. Ich bin dir doch net bös. 

SCHNUSSCHEN. Bestimmt net?

HERMANN. Erzähl schon! 

SCHNUSSCHEN. Also, wie ich gestern die Schellingstraße raufgehe, du kennst doch die tolle Boutique auf der rechten Seite. . . 

Hermann brummt, er spürt den Schlaf, der über ihn kommt. 

SCHNUSSCHEN... da sehe ich im Schaufenster ein Kleid. 

Hermann brummt. 

SCHNUSSCHEN. Du kannst dir gar net vorstellen, wie schön! Hermann brummt und schließt die Augen. 

SCHNUSSCHEN. Also, ich bin da lang stehengebliebe mit der Lulu, und auf einmal seh ich hinten im Laden noch so'n Hütchen. . . 

Hermann brummt und atmet tief. 

SCHNUSSCHEN... wie ich schon immer eins für sie kaufen wollt, gegen die Sonn, weißt du? 

Hermann brummt. 

SCHNUSSCHEN. Na, ich bin reingegangen und hab das Kleid nur mal so anprobiert. 

Hermann brummt. 

SCHNUSSCHEN. Und es paFte auf Anhieb. 

HERMANN. Jaaa . . . 

SCHNUSSCHEN. Und wie ich so nebenbei nach dem Preis frag. . . 

HERMANN. Hmhm? 

SCHNUSSCHEN... da sagt die Verkäuferin, das wär ein Original. .. 

Hermann brummt. 

SCHNUSSCHEN... von Pierre Cardin. 

HERMANN. Aha... 

SCHNUSSCHEN... und es kostet sechshundert Mark! Stell dir das mal vor! Na ja, da bin ich schnell wieder aus dem Laden rausgerannt. . . 

Hermanns Brummen wird wieder schläfrig. 

SCHNUSSCHEN. Plötzlich ruft mich die Boutiquebesitzerin zurück und bietet mir das Kleid für dreihundert Mark an. Sie sagt, dat wär ein Einzelstück und Größe 3 6. Für die meisten Frauen ist dat zu eng. Ich hab es also noch mal anprobiert. .. 

HERMANN. Ja . . . ? 

SCHNUSSCHEN. Und es pafte wie angegossen, trotz Größe 36! 

Hermann ist jetzt wieder hellwach. Er richtet sich auf. 

HERMANN. Ja, und dann hast du's gekauft! 

SCHNUSSCHEN. Soll ich es mal anprobieren? 

HERMANN. Ja. 

Hermann ist überrollt. Er kann nur noch in sich hineinlachen. Schnüß-chen krabbelt aus dem Bett und verschwindet draußen im Wohnzim-mer. Lulu ist jetzt ganz munter. Sie hüpft in ihrem Bettchen, als wäre es ein Trampolin. 

HERMANN... Ach, Lulu, du bist ja hellwach! Komm, jetzt packe ich dich . . . 

Hermann fängt die Kleine, die sich vor ihm verstecken will, auf und holt sie zu sich ins Bett.

HERMANN. Na, komm, aus euch Frauen soll mal einer schlau werden. 

Die Tür springt auf, und Schnüßchen steht da wie auf einer Bühne. Das Modellkleid schimmert wie von GoldFrokat. Es macht aus Schnüßchen wirklich eine kleine Königin. 

HERMANN. Nä, so ebbes! 

SCHNUSSCHEN. Na? 

HERMANN. Ei wirklisch, wunnerbar. Guck emal, Lulu, dat ist dei Mama! Ist dat net schön? 

Sie dreht eine Pirouette, macht Positionen wie die Fotomodelle in den Journalen. Sie funkelt Hermann an. Dann gleitet ihre Hand an ihrem Körper hinab bis zu dem buschigen Fuchsfell, in dem das Kleid unten endet. Sie geht jetzt auf Hermann zu, um ihn an dem Fell schnuppern zu lassen. 

SCHNUSSCHEN. »Veritable renard« - echt Fuchs! 

HERMANN. Und ich hab heute dem Clemens seine Schulden zurückLe-zahlt. 

SCHNUSSCHEN. Das heißt, wir sind vollkommen pleite. 

HERMANN. Es scheint so. 

Schnüßchen baut sich mit Lulu vor Hermanns Bett auf. Sie setzt der Kleinen das Hütchen auf, das sie mit dem Kleid zusammen gekauft hat. So sind Mutter und Tochter Prinzessinnen, eine süße, aber unlösbare Aufgabe für Hermann. 

SCHNUSSCHEN. Und wie sollen wir jetzt den Monat überleben? 

1108 KZ Dachau 


Das ehemalige Konzentrationslager zeigt auf der Straßenseite noch die ganze Schrecklichkeit der von den Nazis errichteten Anlage. Gräben, Wachtürme, Elektrozäune und Stacheldraht. Esther hat ihren Vater, Herrn Gattinger, in dessen Mercedes-Sportwagen zu dieser Gedenk-stätte gelotst, um ihn mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Neben Reisebussen aus ganz Europa kommt der Wagen Gattingers zum Ste-hen. Gattinger hat nicht die Absicht, hier auszusteigen. Demonstrativ öffnet er die Beifahrertür, um Esther abzusetzen. Blitzschnell hat Esther aber den Zündschlüssel aus dem Schloß gezogen und wirft ihn in hohem Bogen auf den Parkplatz hinaus. 

ESTHER. Los, komm mit! 

GATTINGER. Was ist das für eine alberne Idee? 

ESTHER. Feigling! 

Gattinger steigt halb aus, sieht sich verärgert um. 

GATTINGER. Ich kenne das hier. Alles für den Tourismus hergerich-tet. Rechtfertigungsdekoration für die Dachauer und den bayerischen Staat. In Wirklichkeit steht nämlich niemand hier zu seiner Vergan-genheit, das finde ich beschämend. 

Sein plötzlicher Versuch, den Schlüssel auf dem Parkplatz aufzuheben, wird von Esther vereitelt, die dem Schlüsselbund schnell einen Tritt versetzt, so daß er weiter in das KZ-Gelände hineingeschleudert wird. 

ESTHER. Ich will, daß du mit mir gehst. Ich will mich hier von meiner Mutter verabschieden.

Schnell bückt sich Esther und rennt mit dem Zündschlüssel weg. Gattinger hastet hinterher. Er bekommt sie kurz zu fassen, doch sie kann sich wieder befreien. 

GATTINGER. Hör zu, Esther, hör mir doch zu! Dachau war ein reines Internierungslager für Gegner des Systems, Aufrührer, Kommuni-sten! Da gab es keine Frauen. Deine Mutter ist niemals hier nach Dachau gekommen. Das sind nur irgendwelche ignoranten Gerüchte. Glaube mir, es gab keine Frauen in Dachau! Du kannst ja hingehen. Frage nach, überzeuge dich, aber zwinge mich nicht, mitzugehen, um etwas zu erfahren, was ich schon weiß! 

ESTHER. Wenn du von dieser Zeit sprichst, lügst du. Du lügst, wie alle, die da mitgemacht haben. 

Esther geht rückwärts, nimmt Abstand von ihrem Vater und beginnt ihn zu fotografieren. Gattinger setzt sich dieser Abrechnung seiner Tochter aus, er fühlt sich aber vollkommen im Recht. 

GATTINGER. Esther, ich stehe zu dem, was ich getan habe, ganz im Gegensatz zu vielen anderen, die sich im derzeitigen Staat Pöstchen beschafft haben. Das sind die Lügner, da gebe ich dir ganz recht. 

Esther hört nicht auf, Gattinger zu fotografieren. Aus immer neuen Blickwinkeln bildet sie ihn in dieser Umgebung ab, dokumentiert seine Rechtfertigungstirade. 

GATTINGER. Dickkopf! Was soll denn der Unsinn, Esther! 

ESTHER. Schau dich mal um, schau, hier, hier. 

Gattinger folgt Esther auf das weite Terrain des ehemaligen Appellplat-zes. Sie deutet auf die Baracken des Verwaltungstrakts. 

ESTHER. Und jetzt sage mir, wie das mit meiner Mutter war, damals. 

GATTINGER. Sie haben sie zuerst nach Stadelheim gebracht, das ist ein bekanntes Gefängnis in München. Von da kam sie nach Ravensbrück in Mecklenburg. Wir haben sie dann auf Umwegen in Moringen unterbringen können. Da war sie erst mal sicher. Und da hätte sie auch überleben können. Da haben sie nämlich Seidenraupen gezüch-tet, für Fallschirmseide. 

ESTHER. Seidenraupen... 

Sie sieht, wie aussichtslos es ist, diesen Mann das fühlen zu lassen, was sie hier an diesem Ort der realen Verbrechen an Menschen wie ihrer Mutter empfindet. Sie gibt ihm die Autoschlüssel zurück. 

GATTINGER. Im November 44 haben sie das Lager aufgelöst. Mehr weiß ich auch nicht. 

Sie geht quer über den Appellplatz. Sie fühlt sich völlig verloren. Es ist ihr jetzt egal, ob Gattinger ihr folgt. Sie will den Ort allein und auf ihre Weise begreifen. 

Gattinger sieht hinter ihr her. 

GATTINGER. Ich erwarte dich in der Altstadt, in der Schloßwirtschaft. Du wirst Hunger haben. . . 

Er geht zu seinem Mercedes zurück. Esther ist vor dem Haupteingang des Zentralgebäudes angekommen, wo es ein Ehrenmal zum Andenken an die Opfer gibt. Sie sieht sich hilflos um. Sie sieht die Touristengruppen, die in die Baracken geführt werden, sie versucht, die Geister der Ermordeten zu spüren. Mit ihren leise gesprochenen Worten wendet sie sich an ihre Kamera, als wäre es ein menschliches Wesen. 

ESTHER. Ihre Spuren haben sich verloren, so wie die Spuren von all den Menschen, die hier gequält und ohne Erbarmen zu Tode gefoltert worden sind. Man sieht nichts mehr davon, man hört nichts, alles ist so sauber und aufgeräumt. Da liegt ein Kranz, den so ein Heuchler von Politiker hingelegt hat, um sein Gewissen zu reinigen. Alles ist hier tausendfach fotografiert worden. Ich spüre es genau, wie sie sich hier hingestellt haben und ihre Bildchen geknipst haben, und dann hat sich da einer hingestellt, und dann hat sich der andere da auch hingestellt, wie die Hunde, die ihr Bein heben, weil der andere da auch schon das Bein gehoben hat. Und genauso ist das mit der Fotografie. 

Ich geb's auf. 

11O9 In Dachau

Auf dem Weg durch die Kleinstadt Dachau gelangt Esther an einen Platz, der den Namen »Platz des Widerstandes« trägt. Esther lacht auf. Dieses Straßenschild erscheint ihr wie Hohn. 
111O Dachau, Schloßwirtschaft


Sie findet ihren Vater an einem gemütlichen Ecktisch der bayerischen Wirtschaft. Hier ist die Welt völlig in Ordnung. Auch die Art, in der Gattinger es sich bequem gemacht hat, läft Esther fast verzweifeln. Sie setzt sich an den Tisch, überreicht Gattinger wortlos ein paar Bücher über das KZ, die sie gekauft hat, und ist den Tränen nahe. 

GATTINGER. So, was nimmst du denn? Cordon bleue - oder vielleicht einen Ratsherrentopf? 

ESTHER. Ich habe heute die schlechtesten Fotos meines Lebens gemacht. Gattinger reicht ihr die Leberknödelsuppe herüber, die ihm gerade serviert worden ist. Er drückt ihr liebevoll den Löffel in die Hand und erwartet, daß sie jetzt etwas ißt. Esther führt auch den Löffel in die Suppenschale, nimmt den dicken Leberkloß auf, hebt ihn über die Suppe und weint. 

1111 Straße vor Haus Volker und Clarissa


Es ist Schnee gefallen in München. Der kleine Platz um die Haidhauser Kirche ist ein Paradies für die Kinder, die bei der frühen Dunkelheit noch nicht ins Bett gehen müssen. Sie tollen umher wie Lulu, die ihren Eltern im Spiel davonlaufen will. Hermann fängt sie ein. Er läft sie auf seinem Nacken reiten, während er und Schnüßchen zu dem Haus eilen, in dem Volker und Clarissa wohnen. Bei »Schimmelpfennig« klingelt Hermann. Die Tür geht auf. Dann steigen er und Schnüßchen die Treppen hinauf zum ersten Stock. 

1112 Wohnung Volker und Clarissa


Volker, der den Abendbesuch erwartet hat, öffnet die Wohnungstür. Es ist das erste Mal, daß die beiden Kleinfamilien sich über alle alten Wunden hinweg einladen. Die Begrüßung ist ein wenig forciert, aber es hilft, daß man mit den Kindern eine laute und ungehemmte Schmeichel-sprache praktizieren kann, die zwar idiotisch ist, aber allgemein akzep-tiert wird. Es gibt die vielen Alltäglichkeiten, wie Mäntel ausziehen, Breichen für den Kleinen machen, das schreiende Kind beruhigen, Lulus Mütze bewundern. Alles dies sind Tätigkeiten, die jedes Gefühl einebnen und sämtliche Ängste, die man voreinander haben könnte, über den Haufen rennen. Als Schnüßchen ihren Mantel ablegt, kommt darunter das neue Modellkleid mit dem blauen Fuchsfell zum Vorschein. Volker ist sprachlos über ihre Eleganz.

VOLKER. Oh, siehst du toll aus! 

SCHNUSSCHEN. Damit hab ich uns rniniert. Sonst habe ich ja nie Gelegenheit, so was anzuziehen. Schick, nicht?

Schnüßchen dreht vor Volker und Clarissa wieder ihre Pirouetten. Auch Clarissa kann ihre Bewunderung für diesen Chic nicht verbergen. Schnüßchen versucht von ihrem viel zu feinen Kleid abzulenken. Sie überreicht Clarissa eine Tasche, in der sie allerlei Lebensmittel mitge- bracht hat.

SCHNUSSCHEN. Hier haben wir Öl, Margarine, eine halbe Packung Knäckobrot und ein bißchen Gemüse. Das können wir vielleicht zum Kochen verwenden.

Clarissa hat ihr schnell eine Schürze umgebunden, damit das Kleid in der Küche nicht leidet.

CLARISSA. Das Wichtigste ist der Fisch!

SCHNUSSCHEN. Aha!

Schnüßchen folgt Clarissa in die Küche. Volker, der schon die ganze Zeit vielversprechend gelächelt hat, führt Hermann in sein Wohnzimmer.

VOLKER. Ich habe einen neuen Flügel!

HERMANN. Gekauft?

VOLKER. Gemietet.

Hermann atmet auf. Wie hätte es auch sein können, daß es Volker so viel besser ginge als ihm, der sich nicht mal mehr das Abendessen leisten kann! Volker läBt Hermann am Flügel Platz nehmen, und weil es ihm gerade in den Fingern liegt, spielt dieser eine Kadenz aus dem Beethoven-Konzert, das er mit Clemens verjazzt hatte. Er ist begeistert von dem Klang. Volker mischt sich in das Spiel der Tasten ein und fügt eine Improvisation auf den Bässen hinzu. Die beiden Musiker sind begeistert.

VOLKER. Damit kann man arbeiten! 

1113 Wohnung Volker und Clarissa, Küche


Clarissa wickelt einen Fisch, den sie gekauft hat, aus dem Zeitungspa-pier. Clarissa, die es nicht über sich bringt, das Tier zu enthaupten, hält Schnüßchen das Messer hin. 

CLARISSA. Soll ich den Kopf abschneiden oder nicht?

SCHNUSSCHEN. Ab!

CLARTSSA. Traust du dich? 

Schnüßchen schnttelt den Kopf. Auch sie fürchtet sich vor dem brutalen Akt. Hermann hat die beiden Frauen von der Tür aus beobachtet.

HERMANN. Also, so geht das doch nicht. Laß mich das mal machen! 

Entschlossen nimmt er Clarissa das Messer aus der Hand. Er packt den toten Fisch, legt ihn sich zurecht und schreitet entschlossen zur Tat. Jetzt, wo er den abgetrennten Kopf mit dem geronnenen Fischblut sieht, ekelt auch er sich. 

HERMANN. Also, wenn das ein Fisch aus dem Ammersee wäre, da wäre ich unfähig, davon zu essen.

CLARISSA. Ich habe nicht danach gefragt, als ich ihn gekauft habe. Der Fisch hat mir einfach gefallen. Ich habe ihn mir einpacken lassen, ohne zu wissen, was es für ein Fisch ist.

SCHNUSSCHEN. Also, so große Fische, die kommen aus dem Meer. 

HERMANN. Das machte ich genau wissen!

In Clarissas Eßecke hängen, eigentlich als Dekoration gedacht, zwei große Plakate, auf denen alle möglichen eßbaren Fische aus Gewässern und Meeren abgebildet sind. Auch Volker beteiligt sich an der Identifi-kation des Fisches, wobei allerlei Irrtümer möglich sind, weil viele Fischsorten sich gleichen. Als Hermann den Fisch wieder auf die Zeitung legt, in der er eingepackt war, fällt sein Blick auf einen Artikel, der vom Fischblut durchtränkt ist. 

HERMANN (liest). »Deutsche Werbung gefragt. Auf dem diesjährigen Werbefilmfestival in Cannes konnte auch ein deutscher Beitrag Lorbeeren ernten. In der Kategorie >Hervorragende Einzelleistungen~ erhielt ein Werbefilm der Münchner Isarfilm GmbH den Preis für die beste Musik. Konsul Theobald Handschuh, Hauptgesellschafter, 85 Prozent des Stammkapitals, und Geschäftsführer der gröften deut-schen Werbe- und Auftrags-Filmproduktion, nahm den Preis im Namen des Komponisten H. Simon in Empfang. . .« 

SCHNUSSCHEN. Steht das in der Zeitung? 

HERMANN. Ja sicher, das ist die neueste Ausgabe, der Wirtschaftsteil! 

Schnüßchen begreift viel später erst als alle anderen, was Hermann da vorgelesen hat. 

SCHNUSSCHEN. Ei, Hermann, H. Simon, das bist doch du! Volker nimmt Hermann die Zeitung aus der Hand. 

VOLKER. Das müßte man dir doch längst mitgeteilt haben! (liest) »Auch der preisgekrönte Baumwoll-Dokumentarfilm ist wegen seiner be-sonderen künstlerischen Note besonders positiv aufgefallen. « Das ist doch der Film, den du mit Reinhard gemacht hast! 

HERMANN. Ja. 

Hermanns Gedanken gehen den ganzen langen Weg zurück, von dieser Situation bis zu den Tagen, da Reinhard in Venedig war und er mit Dagmar die Musik im Schneideraum der Isarfilm konzipierte. 

1114 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Am nächsten Morgen ist Hermann um halb acht schon hellwach. Er sitzt in seinem Bett und wartet darauf, daß der Wecker endlich läutet. Als die Glocke schließlich losgeht, erschrickt er und weiß nicht, was er tun soll, damit das Kind nicht aufwacht. Er steckt den Wecker einfach unter die Bettdecke und bringt ihn dort zum Schweigen. Schnüßchen ist wach geworden. 

HERMANN. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Wie machen wir das bloß? Hast du noch ein paar Zehnpfennigstücke, daß ich da wenigstens mal anrufen kann? 

SCHNUSSCHEN. Du kannst ja Rabattmarken einlösen. 

1115 Straße in Schwabing


Im Milchgeschäft gegenüber tauscht Hermann ein vollgeklebtes Rabatt-markenbüchlein ein. Mit den Münzen, die die Milchfrau ihm in die Hand drückt, überquert er die Straße und eilt zu einer Telefonzelle. 

HERMANN. Ich hatte mir in der Nacht ausgemalt, welches Glück da auf mich warten würde! Ruhm, ein Preis, mit viel Geld verbunden, Aufträge, neue Menschen. Schon als Kind hatte ich solche Visionen gehabt, die mich quälten, weil ich sie für absolut wahr hielt und man so endios lange auf die Erfnllung warten mußte. Ein ganzes Leben warten auf etwas, das sowieso kommen würde! Nur der Zeitpunkt, der war immer wieder unbekannt. Ich ging also zu Konsul Hand-schuh. Konsul von »Sauru«, einer Südseerepublik, nie davon gehört -und Chef der Isarfilm, bei der schon Stefan und später Reinhard gearbeitet hatten. 

Hermann telefoniert mit der Isarfilm. Von der Telefonzelle aus begibt er sich direkt in die Innenstadt, wo das Büro der Isarfilm liegt. Das Büro dient gleichzeitig als Konsulat. 

1116 Büro Konsul Handschuh


Der Konsul ist ein dicker Herr von etwa sechzig Jahren, dem das Werbelächeln im Laufe seiner Jahre als PR-Mann regelrecht im Gesicht festgewachsen ist. Er schenkt sich und Hermann das Nationalgetränk der Republik Sauru ein, eine milchige Flüssigkeit, die Ähnlichkeit mit Eierlikör hat. Der Konsul lässt Hermann auf seiner Besuchercouch Platz nehmen und stösst feierlich mit ihm an. 

KONSULHANDSCHUH. Lieber Herr Simon, ich stelle mir vor, daß Sie bei uns ein Studio für elektronische Klangerzeugung aufbauen. Was sagen Sie dazu? Sie sollten im freien Experiment, losgelöst von den Zwängen des kommerziellen Erfolges, die neuen Möglichkeiten der elektronischen Komposition erkunden. Erika! 

Erika ist die junge Sekretärin der Firma. Uber das ganze Gesicht lächelnd, kommt sie mit dem Stenoblock herein und setzt sich an den Schreibtisch, nachdem sie Hermann noch einen kurzen, aber heißen Blick zugeworfen hat. Hermann beginnt sich wie im Märchentraum zu fühlen bei den Angeboten, die da auf ihn zukommen. Das ist wie ein Goldregen. Die folgenden Sätze diktiert der Konsul als Vertragsentwurf in Erikas Stenoblock. 

KONSUL HANDSCHUH. Also, ich stelle mir vor, daß es ganz neue Klangbilder geben könnte, eine völlig unkonventionelle akustische Verarbeitung von Werbesendungen für Rundfunk, haben Sie Rund-funk? Rundfunk und Fernsehen. 

Noch einmal funkelt Erika Hermann an. Der Konsul wird immer vertraulicher. Er beugt sich zu Hermann herüber, soweit das seine Leibesfnlle zuläHt. 

KONSUL HANDSCHUH. Herr Simon, Sie sollen frei sein, frei wie ein Vogel. Sie werden nicht gezwungen, Bier oder Waschmittel zu vertonen. Erschrecken Sie bitte nicht, ich möchte mit Ihnen lediglich Neuland erobern. Wenn Sie es bitte für sich behalten, ich wollte früher auch mal Komponist werden, aber der Krieg! Haselchen, Liebling? 

»Haselchen« ist die Ehefrau des Konsuls. Sie ist kaum schlanker als der Chef, arbeitet als seine rechte Hand und Bürochefin im Betrieb mit und führt offenbar ein strenges Regiment, was daran zu erkennen ist, daß Erika bei ihrem Eintritt ins Büro ehrfürchtig vom Stuhl aufspringt und aufhört zu lächeln. »Haselchen« überreicht dem Konsul ein großes Faltblatt. 

KONSUE HANDSCHUH. Sehen Sie, das ist die Urkunde, die wir für unseren Film bekommen haben. Und jetzt schauen Sie mal die letzte Zeile, Kategorie Musique: Hermann Double-W Simon. Das Diplom gehort Ihnen! 

Hermann steht in der Mitte. Konsul, Konsulin und Erika umringen ihn mit Glückwünschen. 

1117 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Es läutet an der Wohnungstür. Schnüßchen glaubt, daß Hermann von der Isarfilm zurückgekehrt ist. Sie eilt durch den Flur, um ihrem Mann zu öffnen. 

HELGA. Tag, Waltraud! 

SCHNUSSCHEN. Helga! 

HELGA. Können wir reinkommen? Schnüßchen würde die Tür am liebsten wieder zumachen und diese dreisten Gesichter aussperren. Aber Helga drängt an ihr vorbei, zieht ihre Genossen hinter sich her und läft Schnüßchen spüren, daß sie nicht ihretwegen gekommen ist, sondern wegen Hermann. 

SCHNUSSCHEN. Der Hermann ist nicht da. Er ist in der Stadt, um was Wichtiges zu erledigen. 

Ohne noch weitere Erklärungen abzugeben, machen es sich die drei Besucher im Wohnzimmer bequem. Helga und ihre Freundin Katrin fangen an, sich einen Joint zu fabrizieren, während Dirk, der blonde Agitator, Hermanns Bücherregal mustert. Schnüßchen sieht sich ihre Besucher von der Tür aus an, sie verfolgt jede ihrer Bewegungen. Sie ist dauernd bereit, einzuschreiten, falls ihre Rechte verletzt werden. Helga hat den Joint fertig und zündet ihn an. Das Rauchzeremoniell beginnt. Nachdem sie einen tiefen Zug mit zurückgelegtem Kopf inha-liert hat, gibt sie den Joint an Katrin weiter, die den Rauch sehr langsam in ihre Bronchien läft. Nun kommt Dirk an die Reihe, der rauchend zu Schnüßchen geht und ihr den Joint zwischen die Finger drückt. 

DIRK. Und du, was studierst du? 

SCHNUSSCHEN. Ich studiere nicht. Ich kann Ihnen deswegen auch nicht helfen.

DIRK. Aber gerade als Werktätige könntest du uns helfen. 

SCHNUSSCHEN. Ich bin auch keine »Werktätige«, denn ich arbeite in einem Reisebüro. 

Sie streckt den Joint weit von sich, während sie ihn zu Helga zurück-trägt. Sie fürchtet sich vor der Droge wie vor einer ansteckenden Krankheit. 

SCHNUSSCHEN. Bitte. 

HELGA. Danke. 

DIRK. Dann könntest du ja vielleicht diese Unterschriftenliste in deinem Reisebüro auslegen.

SCHNUSSCHEN. Also, ich weiß nicht, was mein Chef dazu sagen würde. 

DIRK. Aber, du wirst doch deinen Chef nicht fragen wollen! 

SCHNUSSCHEN. Er mag so was nicht, da bin ich ziemlich sicher. 

DIRK. Dann mußt du es eben illegal machen. 

SCHNUSSCHEN. Also, ich kenne meinen Chef ziemlich gut. Illegal, das käme für mich nicht in Frage. 

Mitten im Satz erkennt Schnüßchen, daß Helga und Katrin sich vor ihren Augen küssen wie ein Liebespaar. Schnüßchen hat Mühe, ihre Fassung zu behalten. Sie wird nervös und tritt den Rückzug an. 

SCHNUSSCHEN. Also, ich habe nichts dagegen, wenn Sie hier auf den Hermann warten, aber Sie müssen ruhig sein und dürfen mir das Kind nicht wecken. Ich kann Ihnen auch leider nichts anbieten, nicht mal einen Tee, ich bin. . . wissen Sie, wir sind pleite zur Zeit! 

Den letzten Satz sagt sie, nachdem sie sich draußen im Flur noch einmal Mut zugesprochen hat. Sie öffnet erneut die Wohnungstür. Die drei Besucher lassen sich aber nicht abschrecken. Sie richten sich im TaLak-und Haschischqualm häuslich ein. 

1118 Ammersee, Bootshaus 


Das Auto des Konsuls nähert sich der Reihe von Bootshäusern, die in der Nähe von Robs Forsthaus am Ufer des Sees liegen. Auch hier draußen ist tiefer Winter. Schnee liegt auf den Dächern, Anlegestegen und Anfahrtswegen. Der See ist zugefroren, soweit man sehen kann. 

ROB. Früher hätte ich so etwas Reinhard überlassen. Aber jetzt war ich Autor geworden. Mehr noch, ich hatte eine Art filmisches »Perpe-tuum mobile« erfunden. - Eins dieser Bootshäuser am See gekörte meinen Eltern, oder besser gesagt: dem Forstamt, für das mein Vater arbeitete. Also, in diesem Bootshaus hatte ich seit letztem Herbst exterimentiert, für Konsul Handschuh. Und er hatte alles bezahlt, das Baumaterial, die Arbeitsstunden der beiden Handwerker, Gerä-temieten und alles, was ich im Dorf eingekauft hatte, um meine Versuche zu machen. Ich war nie zuvor so glücklich gewesen! 

Der Wagen des Konsuls, ein eleganter Rolls-Royce mit Chauffeur, hält vor einem Schild mit der Aufschrift »Eintritt verboten«. Das Firmenzei-chen der Isarfilm schmückt den Eingang des Bootshauses. 

KONSUtHANDSCHUH. Herr Stürmer, Herr Stürmer! 

Rob hat den Ruf gehört. Er streckt den Kopf durch eine Holztür. ROB. Grüß Gott, Herr Konsul! 

KONSULHANDSCHUH. Grüß Gott! Wie kommt man denn rein in unser Geheimlabor?

ROB. Kommen Sie nur, aber Vorsicht auf dem Steg, der ist glatt! 

Rob eilt dem dicken Konsul entgegen. Erikas Lächeln perlt durch die Winterluft. Rob begrüßt seine Gäste und staunt, daß auch Hermann dabei ist. Der Konsul, der diesen Ausflug eigens unternommen hat, um Hermann mit dem Geheimprojekt der Isarfilm vertraut zu machen, erklärt ihm die Lage. 

KONSUL HANDSCHUH. Ja, durch mich lernen Sie Ihren Studienfreund erst richtig kennen! Er ist eine geniale Bildbegabung, das haben Sie bestimmt nicht erahnt. Er ist ein Augenmensch. Er ist hinter den Bildern her wie der Teufel hinter den armen Seelen. 

ROB. Ja, wenn Sie mir jetzt folgen wollen. . . 

Rob geht mit der Gruppe zu einer Treppe, die vom Holzsteg hinab auf die Eisfläche führt, die sich zwischen Ufer und Bootshaus gebildet hat. Vorsichtig steigt der schwergewichtige Konsul hinter Rob und Her-mann auf das Eis. Der Hausregisseur Zielke hat einen anderen Weg versucht. Er ist auf dem Ende eines Stegs angekommen, wo es kein Geländer gibt und wo es nicht weitergeht. Hilflos und ängstlich steht er da und blickt auf das Eis hinunter. 

ROB. Eigentlich würden wir jetzt hier ins Boot steigen, aber der Ammer-see ist ja seit zwei Wochen zu. - Also, darf ich Sie jetzt hier auf den Schlitten bitten, Herr Konsul? 

Rob hat fünf Kinderschlitten aneinanderbinden lassen, so daß sie eine kleine Kolonne bilden wie die Wägelchen einer Geisterbahn. Der Kon-sul setzt sich bereitwillig auf den ersten Schlitten, der unter seiner Last ächzt. Hinter ihm nimmt Erika Platz. Hermann folgt als Dritter. 

HERMANN. Da bin ich gespannt!

KONSULHANDSCHUH. Also, springen Sie schon, Zielke! 

Nun traut sich auch Herr Zielke aufs Eis. Er setzt sich vorsichtig auf den letzten Schlitten, so daß Rob, der natürlich auch mitfahren will, den vorletzten Schlitten nimmt. 

ROB. Ich habe die Leinwände und die Projektoren im MaBstab eins zu sieben im Bootshaus aufgebaut. Damit wir also den Eindruck bekom-men, als ob ein Zuschauer unter den Leinwänden durchgeht, fahren wir mit dem Schlitten unter dem Boden des Bootshauses durch. Stutzi zia~o! 

Man hört die Stimmen von zwei Männern, die im Innern des Bootshauses antworten. Das dicke Seil, das am vordersten Schlitten angebunden ist, strafft sich und zieht mit Macht an. Die Schlittenkolonne setzt sich in Bewegung und verschwindet zwischen den morschen Brettern, die den unteren Bereich des Bootshauses zum Wasser hin abschließen. Alle Bedenken des Konsuls, das Eis könnte brechen oder die Schlitten könnten umkippen, werden von Rob, der einen hemmungslosen Enthusiasmus ausstrahlt, zerstreut. Zuerst ist es dunkel, und die Schlittenfahrer sehen nichts. Dann werden viele Leinwände sichtbar, die in vier Reihen über den Köpfen zu schweben scheinen. Das ganze Bootshaus ist erfüllt von geheimnisvollen Projektionen, die überall, wohin das Auge sich wendet, erscheinen und wieder vergehen. Hermann versucht, in den Bildangeboten ein Thema zu erkennen. Erika ruft immer nur »schön«, und Herr Zielke ist neidisch, daß das Projekt ohne sein Dazutun schon so konkrete Gestalt angenommen hat. Der Konsul ist sprachlos vor Begeisterung. 

KONSUL HANDSCHUH. Ein perfekter Eindruck. Man verliert die GrößenmaBstäbe. . . Wie hoch ist das eigentlich? 

ROB. Nur einen Meter, Herr Konsul. In Wirklichkeit sind die Leinwände sieben Meter hoch. Die verschiedenen Projektionen habe ich jetzt nur mit Dias angedeutet. Wir brauchen sechzehn Kinoprojektoren. Unter den einzelnen Leinwänden sind Schrifttafeln angebracht, die Begriffe zur Interpretation des jeweiligen Bildes enthalten. 

HERMANN (liest). Gott, Weltall, Galaxie, Sonne, Erde, Meer, Kontinent, Land, Stadt, Dorf, Straße, Haus, Zimmer, Bett, Kopflkissen, ich. 

KONSULHANDSCHUH. Ja, ich. Ich! 

Die Schlittenfahrt ist zum Stillstand gekommen. Rob ist von seinem Sitz aufgesprungen, um die Anlage besser erklären zu können. Hermann bestaunt die projizierten Bilder: Landschaften, Sterne, Erde und Mond, aber auch private Szenen wie Wohnzimmer, Bett und ein Gruppenbild der Freunde um Reinhard. Hermanns Hochzeit im »Fuchshau« ist ebenfalls dabei. 

ROB. Ich schlage vor, wir lassen die Zuschauer über eine Wasserfläche gehen . . . 

ZIELKE. Wie Jesus, was? 

ROB... indem wir auf dem schwarzlackierten Fußboden, den ich hier mit einer Folie angedeutet habe, einen Projektionsstrahl werfen. Dieser Lichtstrahl übrigens trifft auch die Zuschauer, und sie werden dadurch selbst zur Leinwand, liefern durch ihre Bewegung ständig neue Bilder. Und über den Köpfen behandeln wir die einzelnen Themen. 

ZIELKE. Der Mensch und das Universum . . .

ROB. Nein, die Geheimnisse, die auf dem Grund der Seen liegen. 

Plötzlich zeigen alle Leinwände gleichzeitig das Bild einer dunkelroten Rose.

ZIELKE.So was liegt auf dem Grund der Seen. 

ROB. Utopien, Träume, die letzten Ideen der Ertrunkenen.

HERMANN (fürsich). Reinhard! 

ROB. Reinhard. 

Jetzt wechseln die Projektionsbilder wieder. Wolken, Straßenschluch-ten, Nebel, Feuer, die Pyramiden von Giseh. 

KONSUL HANDSCHUH. Herr Simon, Sie komponieren mir dazu die passende Sphärenmusik! »Die Sonne tönt nach alter Weise«, also diese Vision von Goethe, die müßte sich doch technisch umsetzen lassen! Ich meine, in unserem elektronischen Studio. 

Die Schlittenfahrt geht weiter. Am Ende öffnet sich ein Vorhang, und vor den erstaunten Besuchern dehnt sich die Oberfläche des Sees aus: eine Eisfläche bis zu den Nebelgebilden, die das andere Ufer verhüllen. Dort auf dem Eis wird auch die Männergruppe sichtbar, die die Schlittenkolonne gezogen hat. Die Helfer lassen das Seil los und lachen. 

1119 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Als Hermann nach diesen Erlebnissen nach Hause kommt, nimmt er drei Stufen auf einmal, so schnell will er zu Schnüßchen, um ihr alles zu erzählen. Vor allem davon, daß seine berufliche Zukunft plötzlich in einem rosigeren Licht erscheint. Als er die Wohnungstür aufsperrt, steht ihm jemand im Wege, so daß die Tür nicht richtig aufgehen will. Mit Gewalt verschafft Hermann sich Einlaß. Dirk lehnt sich von innen an die Tür. Er ist dabei, auf Schnüßchen einzusprechen und sie politisch zu agitieren. Hermann wird ärgerlich.

HERMANN. Ich möchte da rein. 

SCHNUSSCHEN. Hermann, ich muß dich warnen! Da ist Besuch, die warten schon seit Stunden auf dich. Du mußt mir aber unbedingt erzählen, wie es war. 

Schnüßchen ist dem Weinen nahe. Hermann hält ihr die Urkunde von seinem Musikpreis hin, aber er versteht nicht, warum sie ausgerechnet jetzt so traurig ist. 

HERMANN. Guck emal - von heute an wird sich in unserem Leben alles ändern! 

SCHNUSSCHEN. Ach, Hermann... 

Dirk nimmt von Hermann einfach keine Notiz. Er folgt Schnüßchen ins Bad und redet auf sie ein. Hermann, auf der Suche nach dem angekundigten Besuch, begibt sich ins Wohnzimmer. 

DIRK. Also, um es noch mal zusammenzufassep: Die Grundursache liegt in dieser vollkommen durchseuchten Justiz! Das sieht man schon mal an den Notstandsgesetzen. Ich meine, diese Gesetze sind nicht nur überflüssig und schädlich, sie sind sogar gefährlich, weil sie es ermöglichen . . . 

Dicker Zigarettenqualm weht Hermann entgegen, als er die Tür öffnet. Im Dunst kann er gerade noch Helga erkennen. 

HELGA. Wir warten schon seit Stunden. Wir gehen auch gleich wieder. Du sollst hier nur was unterschreiben. 

HERMANN. Was denn unterschreiben? Grüß dich, Helga. 

Sie überreicht Hermann die Unterschriftenliste, die er durchblättert. Er liest die Einleitungsworte. 

HERMANN. »Die imperialistische Aggression der Amerikaner in Viet-nam« . . . 

HELGA. Die Amerikaner haben begonnen, in Vietnam die Menschen mit Napalm zu verbrennen. 

HERMANN. Aha. 

HELGA. Der Tod ist kein Einzelschicksal mehr, Hermann. 

HERMANN. Aha... 

HELGA. Ja. Und außerdem wollten wir dich noch zu einem »Teach-in« einladen. Nächste Woche Mittwoch, acht Uhr. Hörsaal 702. 

Er unterschreibt die Liste. Er kann sich auf Helgas Worte aber nicht konzentrieren, weil draußen immer noch die Stimme von Dirk zu hören ist, der auf das arme Schnüßchen einredet. Schnüßchen beschäftigt sich mit Lulu, die sich vor dem fremden Mann fürchtet. Außerdem will das Kind auf die Toilette. 

DIRK. Aber das zieht sich rauf bis in die Regierungsspitze. Bis zu unserem Bundeskanzler mit seiner Nazivergangenheit. 

SCHNUSSCHEN. Entschuldigung, wir müssen mal. . . 

DIRK. Aber ich kann das beweisen! 

Schnüßchen schlägt die Badezimmertür vor Dirks Nase zu. Darauflhin spricht er durch die verschlossene Tür weiter. Hermann und Helga sind ins Schlafzimmer gegangen, wo Katrin im Bett liegt. Katrin schläft. Helga will sie jetzt nicht wecken. Sie deckt sie behutsam mit Schnüßchens Bettdecke zu und schaut Hermann an. 

HERMANN. Weißt du eigentlich, daß Reinhard tot ist? 

HELGA. Ich hab's gehört. 

HERMANN. Und deine Gedichte? Ich wollte immer noch ein paar davon vertonen. 

Helga schweigt. Sie kommt zu Hermann ans Fenster, sieht mit ihm hinaus auf die winterliche Stadt. 

HERMANN. Du hast dich völlig verändert, Helga. 

HELGA. Es gibt Zeiten, an denen es Wichtigeres zu tun gibt, als Gedichte zu schreiben. Wir Intellektuellen, wir haben die Verantwortung für die Demokratie im Land. Und genau in diesem Punkt haben 1933 die meisten deutschen Künstler versagt. Das darf sich nicht wiederholen. Hermann und Helga sehen gemeinsam auf ihr Schwabing, auf den Stadtteil, in dem sie seit Beginn ihres Studiums leben. Ein Augenblick der Verbundenheit entsteht. Da nähern sich Schritte. Es ist Schnüßchen, die ganz aufgebracht ist und sich jetzt, da Hermann wieder da ist, auch stärker fühlt.

SCHNUSSCHEN. Ich hab jetzt genug von euern stundenlangen Diskussio- nen. Der viele Rauch ist auch schädlich fürs Kind. Wißt ihr was, ich schmeiß euch jetzt raus. Außerdem möcht ich mit dem Hermann gern allein sein. Seid mir nicht bös, aber es wird mir sonst zuviel!

Schnüßchen reißt die Bettdecke von der schlafenden Katrin, die entsetzt aufwacht und nicht weiß, wo sie ist. Helga sieht wortlos zu, wie Schnüßchen ihre Hausrechte verteidigt. Sie lächelt von oben herab, als Hermanns Frau an ihr vorbeirauscht und das Zimmer verläft.

HELGA. Katrin, komm!

HERMANN. Schnüßchen. 

Hermann fühlt sich bloßgestellt. Er tritt neben Katrin, die sich rasch ihre Bluejeans über die schönen langen Beine zieht. Er hatte gerade begon- nen, seinen Besuch interessant zu finden. Draußen hat Dirk Lulu auf den Arm genommen.

DIRK. Wenn du mal groß bist, kommst du auch zum SDS!

Schnüßchen nimmt Dirk das Kind weg. Sie verabschiedet ihn und öffnet die Wohnungstür. Dirk braucht lange, bis er den Rausschmiß begreift. Jetzt kommen auch Helga und Katrin, um die Wohnung zu verlassen.

HELGA. Na dann, schönes Alleinsein!

Endlich ist Schnüßchen wieder Herrin in ihrem Reich. Hermann kommt ihr mit müden Schritten im Flur entgegen.

SCHNUSSCHEN. Hermann? Die sind doch nur eifersüchtig auf uns. Hast du das nicht gemerkt? Bitte, du mußt mir sofort erzählen, wie es war. 

HERMANN. Eine Urkunde, aber kein Geld! Ich soll ein Studio aufbauen. Ich habe dir das doch schon erzählt, oder nicht? Ich habe überhaupt keine Lust mehr, darüber zu reden. 

1120 Verlagsgebäude am Isarufer


Esther ist mit ihrer Kamera unterwegs in der Stadt ihrer Herkunft. Sie fotografiert alles, was ihr merkwürdig erscheint. Sie klettert über ein Brückengeländer, um bessere Perspektiven zu finden. So nähert sie sich den Gebäuden, in denen sich der Verlag befindet, der so eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden ist. Sie fotografiert das Verwaltungsgebäude, die Druckerei und die riesige Leuchtschrift über dem Parkplatz, »Cerphal-Verlag«. 
1121 Cerphal-Verlag


Esther geht durch das alte Haus. Sie nähert sich der Bibliothek, die einmal dem alten Cerphal als Arbeitszimmer gedient hatte. Die Tür steht offen, Schreibmaschinengeräusche dringen nach außen. Leise betritt Esther den Raum, in dem zwei junge Männer in Bergen von Papier verschanzt sind und arbeiten. Sie grüßt wortlos, sie sieht sich um. Alle diese Gegenstände, Gemälde, Vitrinen, Möbel muß schon ihr Großvater gekannt, vielleicht sogar besessen haben. Sie geht weiter, um zu sehen, was für Dokumente auf dem Schreibtisch liegen, aus denen die beiden Geistesarbeiter hier schöpfen. Es sind alte Ausgaben vom »Völkischen Beobachter«, der amtlichen Propagandazeitung Hitlers. Es sind Briefschaften, Fotos, Bücher, Inserate und Fachzeitungen, es sind unzählige Beweise einer Vergangenheit, die ihr vorenthalten worden ist, die man ihr gestohlen hat. Sie empfindet keinen Groll. Sie geht weiter durch das Zimmer, liest hier ein Bruchstück, fotografiert dort eine Postkarte, bis sie Fräulein Cerphal entdeckt, die in der Ecke auf dem Sofa liegt und schläft. Esther fotografiert die Schlafende von weitem und dann noch einmal ganz aus der Nähe. Davon wacht die Cerphal auf. Sie gebietet Esther, ruhig zu sein. 

FRÄULEIN CERPHAL. Hier arbeiten Menschen. Wie schön, daß du da bist, Estherlein. Ich freue mich. Diese beiden Studenten, die bringen mir meine Doktorarbeit auf Vordermann. Ich habe wohl zuviel Phan tasie, um eine wissenschaftliche Arbeit zuwege zu bringen. Aber hier, mein Buch über die Verlagsgeschichte, das gedeiht. Doktor Beck hat mir einen entzückenden Autor an die Hand gegeben. 

Die Cerphal macht Esther mit einem der beiden Studenten bekannt, der ein Venezianer ist, wie sich bei den ersten italienischen Worten herausstellt, die Esther mit ihm wechselt. Aber die Cerphal läßt ihr keine Zeit, mit dem jungen Mann zu sprechen, sie führt sie ins Treppenhaus. 

FRÄULEIN CERPHAL.So, mein Kind, jetzt können wir sprechen. 

Die Cerphal setzt sich auf die oberste Treppenstufe und beobachtet Esther, die sich bewegt, als ginge sie über Glatteis. 

ESTHER. Nichts paßt zusammen. Alles, was ich mir ansehe in diesem Land, verbirgt mir etwas, lockt mich auf falsche Spuren. Deutschland ist ein Buch mit herausgerissenen Seiten. 

FRÄULEIN CERPHAE. Du mußt dich orientieren! Du bist das erste Mal in deinem Leben hier. Wie sollst du da alles verstehen oder gar fotografieren! Du weißt, daß ich dich schon vorJahren eingeladen habe. 

ESTHER. Als es unser Haus noch gab. .. 

FRÄULEIN CERPHAL. Mein Geburtshaus steht auch nicht mehr in Bogenhausen. Der Krieg hat vieles ausgelöscht, Esther. Aber ich freue mich, daß du endlich den Weg in deine ursprüngliche Heimat gefunden hast. 

ESTHER. Ihr seid alle so nett, so positiv, so aufgeschlossen. Wenn ich mir dein Gesicht betrachte, Tante Cerphal, dann denke ich: was für eine nette, alte Schrulle. Aber wie siehst du wirklich aus? Was verbirgst du mir? Dieses ganze Haus. Wo sind die Spuren meiner Familie, die hier gelebt hat? Wo hat mein Großvater gearbeitet? Wo hat meine Mutter geschlafen? Wo haben sie gelebt, geliebt, gefeiert, geweint, wo haben sie Angst gehabt, wo war meine Mutter, als sie sie abgeholt haben? 

FRÄULEIN CERPHAE. Oben ist eine Vitrine. Da wird auch das Gold-baum-Andenken gewahrt. 

Esther hält es auf der Treppenstufe nicht mehr aus. Sie rennt durch das holzvertäfelte altdeutsche Treppenhaus und schreit ihre Gefühle heraus. 

ESTHER. Schon wieder eine Gedenkstätte! Für alles habt ihr die passende Schublade, oder es liegt auf dem Grund eines tiefen Sees! 

1122 Münchner Straßen, Limousine


Die Edellimousine des Konsuls fährt mit der Standarte von Sauru über den Königsplatz von München. Die weitere Fahrt geht durch die Ludwigstraße in die Innenstadt. Der Konsul sitzt, eingerahmt von Hermann und Rob, auf dem Rücksitz. Erika fährt vorn beim Chauffeur mit und lächelt wie immer verführe-risch. 

HERMANN. Der Konsul machte uns zu seinen Ratgebern. An einem Tag im Januar mußten wir ihn sogar zu seinen Geldgebern begleiten. Es war mir völlig neu, daß einer seine Kreditmürdigkeit verbessern kann, wenn ich dabei bin, oder Rob, oder wir mit unseren Experimenten und Ideen. 

Hermann nutzt die Gelegenheit, dem Konsul Einblick in seine musikali-schen Ideen zu vermitteln. Er redet und redet. 

HERMANN. Der moderne Mensch ist in der Lage, tausend Eindrücke gleichzeitig zu verarbeiten. Herr Konsul, sehen Sie doch mal den Chauffeur an! Auf wie viele Eindrücke muß der Mann gleichzeitig achten. Das ist genauso wie in der modernen Kunst. Unser Leben ist eine Simultandarstellung, nonstop. 

KONSUEHANDSCHUH. Stimmt das, Herr Bittner? 

CHAUFFEUR. Ja ja, so ungefähr, Herr Konsul! 

KONSUfHANDSCHUH. Meine Herren, es geht natürlich nicht nur um ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, sondern um den Pavillon, der sich auf der Ausstellung mit dem modernen Massenverkehr befaft. Und vergessen Sie nicht, Ihre Träume kosten Geld, meine Herren, viel Geld! 

1123 Bank, Foyer und Flur


Der Konsul und seine jungen Begleiter durchschreiten die riesige Schal-terhalle einer Bank. Sie werden zu einer Marmortreppe geführt, auf deren oberem Absatz Herr Zielke auf die Ankömmlinge wartet. 

KONSULHANDSCHUH. Herr Zielke, da sind Sie, wie schön. 

Der Angestellte führt die Besucher durch eine Flügeltür in einen langen Gang, der mit edlen Teppichen ausgelegt ist. Hermann und Rob verständigen sich während des Ganges über ihre Ideen, die sie für die bevorstehenden Finanzgespräche entwickelt haben. ROB. Jedenfalls lösen wir die Guckkasten-Leinwand auf. Was hat Film mit Theater zu tun? Wir stellen einfach alles in Frage. Keine festen Anfangszeiten mehr, kein Ende, permanente Dauervorstellung. Film - Film - Film! 

KONSULHANDSCHUH. Bitte, merken Sie sich, Herr Zielke, wir verkau-fen keine Ideen... 

ZIELKE... Aber? 

KONSULHANDSCHUH. Nein, wir verkaufen keine Ideen - die Ideen hat der Kunde. Das gilt auch für Sie, meine Herren! 

HERMANN. Ich versuche, mir das alles musikalisch vorzustellen. .. 

1124 Bank, ein Konferenzsaal


Der Konsul hat den prächtigen Konferenzsaal erreicht. Auch hier edle Holzvertäfelungen, ein gewaltiger Konferenztisch in der Mitte und ein fast lebensgroßes Gemälde, das den Bayernkönig Ludwig I. darstellt. 

KONSULHANDSCHUH. Keiner da, nur König Ludwig! 

Herr Zielke klettert auf den Konferenztisch, um ein Architekturmodell besser betrachten zu können, das unter Plexiglas in der Mitte steht. Der Konsul maPregelt ihn wegen dieses Benehmens. Der Chef ist nun zum ersten Mal nervös, fahrig wie eine Diva vor ihrem Auftritt. Als Rob, Hermann und Erika eingetreten sind, werden die Flügeltüren hinter ihnen geschlossen. Der Einzug der Banker, eines Chefs und zweier Mitarbeiter, wirkt wie der Auftritt der Richter in einem Strafprozeß. Der Oberbanker kommt auf den Konsul zu, der plötzlich wie ein kleiner Hochstapler wirkt neben diesen hochkarätigen Herren mit ihren unauffälligen dunklen Anzügen.

V.SCHWEINITZ. Konsul Handschuh? 

KONSULHANDSCHUH. Ja? 

V.SCHWEINITZ. Grüße Sie. Von Schweinitz. 

KONSULHANDSCHUH. Freut mich! 

Der Banker gibt nur dem Konsul die Hand. Hermann, Rob und Erika läft er sich auf englische Art ohne Handschlag vorstellen. Dann begibt er sich auf die andere Tischseite, wo seine Herren schon warten. 

V.SCHWEINITZ. Nehmen Sie doch bitte Platz! 

Der Konsul flüstert Erika zu, sie möge doch gleich die mitgebrachten Exposes verteilen. Auf der anderen Tischseite stellt Herr Zielke sich dem Hausherrn persönlich vor, was des Konsuls Unwillen henorruft, den er in dieser Situation aber nicht zeigen darf. Jetzt muß die Sitzordnung organisiert werden. Herr Handschuh setzt zu seiner linken Seite Rob, dann Hermann, an seiner rechten Seite muß Erika Platz nehmen, sobald sie die Exposes losgeworden ist. Zielke kommt ganz unten an den Tisch, zur Strafe. 

KONSULHANDSCHUH. Erika, komm bitte näher, komm bitte näher, so ist's gut. 

Hermann studiert das Architekturmodell in der Tischmitte. Es besteht aus schematischen Darstellungen von modernen Hallen und Zweckge-bäuden. 

ROB. Das ist das Ausstellungsgelände. 

Eine Dame verteilt Wassergläser und Mineralwasserflaschen auf dem Tisch. Die drei Herren auf der anderen Seite lesen schweigend in den Exposes. Der Konsul und seine Begleiter warten ab. Die Nenosität steht in ihre Gesichter geschrieben: Sie stellen ein Team dar, das Träume realisieren will, das nicht auf plumpe Weise darauf sinnt, nur das Geld zu vermeh-ren oder nur das zu leisten, was von ihnen erwartet wird. Der Konsul ergreift die Initiative. Er wendet sich an Erika, dann an die jungen Künstler an seiner linken Seite. 

KONSULHANDSCHUH. Ich beginne jetzt die Präsentation. 

Er erhebt sich und umkreist den Konferenztisch. Am Kopfende baut er sich vor den Bankern auf. 

KONSULHANDSCHUH. Meine Dame. meine Herren. erwarten Sie bitte von uns keine konventionelle Werbeaussage, Reme ~ana~e rnrorma tion. Erwarten Sie ruhig einmal etwas völlig Unbekanntes. Ich weiß, daß Sie genauso unter Zeitdruck stehen wie wir, deswegen erbitten wir heute noch IhrJawort zu einem Ereignis, das in naher Zukunft ein Begriff werden wird. . . 

Der Konsul ist als alter Werbefachmann nun ganz in seinem Element. Er genießt es zu sehen, wie seine Rede zündet, wie die von ihm entworfenen Ideen anfangen sich zu verkaufen. Er geht zu einer kleinen Tafel und schreibt darauf den Begriff »VARIA-VISION«. Herr Zielke springt auf. Er kennt dieses Wort ebensowenig wie die Herren von der Bank. Er fragt Hermann. 

ZIELKE. Was ist Varia-Vision?

KONSUL HANDSCHUH. Varia-Vision! Ich danke Ihnen, meine Herren. 

Der Konsul schreitet mit bedeutender Miene zu seinem Platz zurück. Er hat eigentlich nichts gesagt, dies aber auf eine Weise, die das ganze Projekt ins Rollen bringt. Hermann, Rob, die Herren von der Bank und auch Herr Zielke sind perplex. 

1125 Bundesbahngelände


Auf einem Abstellgleis mitten in den Einfahrtsbereichen des Hauptbahnhofs wurde ein Plateauwagen bereitgestellt, auf dem Rob mit dem Filmtechniker der Isarfilm seine Filmgeräte für eins seiner Experimente aufbaut. Mit Rohrgerüsten wird zunächst einmal eine Art Beleuchterbühne auf dem Eisenbahnwagen installiert, damit ein riesiger Filmscheinwerfer hoch über der Plattform in Position gebracht werden kann. Das Unternehmen ist so einmalig, daß sogar der Konsul mit Rolls-Royce und Chauffeur auf dem Bahngelände erschienen ist. Er möchte dabei sein. 

ROB. Den Titel »Varia-Vision« hatten Hermann und ich beim Herumblödeln erfunden. Aber an diesem Tag, in dieser Stunde, wurde er wirklich geboren. Er wurde zum Begriff für uns alle und gab den vielen verschiedenen Aktivitäten, die nun folgten, einen gemeinsamen Namen. Sogar Herr Zielke, der eifersüchtige Hausregisseur der Isarfilm, fühlte sich als wichtiger Teil des Unternehmens und wollte mit uns »Neuland betreten «. Wir waren Pioniere der Filmkunst 

Herr Zielke leitet die Aufbauarbeiten, ist aber offensichtlich eifersüchtig auf Rob, der die ganze Zeit neben dem Konsul stehen darf und das Wohlwollen des Chefs genießt. 

KONSUL HANDSCHUH. Wissen Sie, daß ich Herrn Zielke seit 1944 kenne? 

ROB. Ach so. . .? 

KONSUL HANDSCHUH. Ja ja, wir waren zusammen an der Ostfront, Wladiwostok. Er war Hauptmann in der Propagandakompagnie, und ich war Obergefreiter bei der Flak. Er hat den Rückzug immer als Vormarsch gedreht. .. 

ROB. Was hat er gemacht? 

KONSULHANDSCHUH. Ja, es gab da eine Vorschrift von Goebbels: Die Deutschen kamen immer von links nach rechts; von links nach rechts, das bedeutete »Sieg«. Also drehte er immer von links nach rechts. 

Rob lacht. Die Techniker beginnen die Kameras auszupacken. 

KONSULHANDSCHUH. Sein Traum war immer der Spielfilm. Er war ja vor dem Krieg Regieassistent in Babelsberg. 

ROB. Und nach dem Krieg? 

KONSULHANDSCHUH. Er war immer ein Ästhet, der Herr Zielke. Auch während des Krieges. Solche Leute brauchen wir in der Werbung, und da habe ich ihn geholt. 

KONSUL HANDSCHUH. Nicht wahr, Herr Bittner?

CHAUFFEUR. Jawohl, Herr Konsul! 

Der experimentelle Aufbau kommt in seine entscheidende Phase. Rob verabschiedet sich vom Chef, um die Arbeiten mit der Kamera selbst zu leiten. Es werden vier große Filmkameras auf eine gemeinsame Stativ-vorrichtung montiert und so ausgerichtet, daß sie ein fortlaufendes Panoramabild aufnehmen können. Dort wo das Filmbild der ersten Kamera am rechten Bildrand endet, soll das Bild beginnen, das die zweite Kamera aufnimmt. Da diese Bildsegmente in Höhe und optischer Wirkung alle gleich sein sollen, damit später die Vorführung eines vierteiligen Rundumbildes möglich wird, ist der Aufbau und das Justie-ren der Geräte eine besondere Präzisionsarbeit. 

ROB. Das Experimentieren warzu unserem neuen Lebenselixiergewor-den. Es schenkte uns ein vorher nie gekanntes Wir-Gefübl. Wir kannten keine Bürozeiten mehr, keinen Feierabend, keine Uberstun-denregeln. Es war ein Arbeitsrausch, an dem alle teilhatten: die Techniker, die Assistenten, die Studiomannschaft und auch unser dicker Chef, der uns Narrenfreiheitgewährte. 
 

1126 Vorgebirgslandschaft mit Schnee


Das Ergebnis aller filmtechnischen Vorbereitungen ist eine der merk-würdigsten Eisenbahnfahrten, die es je gegeben hat: Der Plateauwagen, auf dem Rob, seine Techniker und Zielke mitfahren, ist ein gewaltiger Kamerawagen geworden, der von einer Lokomotive durch die ver-schneite Landschaft geschoben wird. Da die kombinierten Kameras in Fahrtrichtung freie Sicht brauchen, wurde der Aufbau samt brennen-dem Scheinwerfer vor die Lok gespannt. Einer der Techniker hält den Kontakt zum Lokführer, gibt Robs Kommandos für die richtige Fahrt-geschwindigkeit weiter, während Rob Stromkabel verbindet und damit die vier Kameras gleichzeitig ein- und ausschaltet. Herr Zielke sucht Schutz vor dem Fahrtwind. Zusammengekauert sitzt er mit hochgeschlagenem Mantelkragen auf dem Wagenboden. Nun setzt sich Rob neben ihn auf einen Kamerakoffer. Rob strahlt über das ganze Gesicht. 

ZIELKE. Als wir aus dem Tunnel kamen, das war ein Motiv, das hätten Sie machen sollen! 

ROB. Ja, das haben wir auch gemacht. 

ZIELKE. Sie haben doch nicht durch die Kamera geschaut.

ROB. Durch welche, Herr Zielke?

ZIELKE. Man muß doch durchschauen, wenn man dreht. 

ROB. Wie denn durchschauen? Ich hab doch keine vier Augen! Herr Zielke, wir haben vier einzelne Kameras, und die vier Kameras ergeben ein Panorama-Bild. 

ZIEEKE. Ja, läuft das jetzt? ROB. Jetzt nicht, aber jetzt! Rob zeigt Herrn Zielke, wie er die Geräte einschaltet, indem er das Batteriekabel in die Buchsen steckt. Herr Zielke tut sich schwer, zu verstehen, was hier produziert wird. Aber er will seine Rolle als Regis-seur nicht aufs Spiel setzen, indem er zugibt, daß er längst den Anschluß verpaft hat. 

Die oberbayerische Winterlandschaft, die sich vor den Augen der Kameras aufrollt, ist von erhabener Schönheit. 

1127 Isarfilm, Tonstudio


Hermann hat Volker eingeladen, um ihm das Studio zu zeigen, das er mit Hilfe der Isarfilm aufbauen kann. Die Arbeiten sind schon weit fortgeschritten, so daß sich vor Volkers Augen der Eindruck eines für die Zeit ultramodernen Tonstudios ergibt. Hermann ist stolz, fast ein wenig hochmütig. 

HERMANN. Das ist mein Studio für elektronische Klangerzeugung. Na, was sagst du? Das hier ist das ganz neue Mischpult, aus England. Ich meine, das ist alles noch gar nicht richtig ausgepackt und aufgebaut! Ich weiß auch gar nicht, was es alles kann. Aber das hier, das wird unser neuer Vocoder, sechskanalig. Mit dem kann ich die Klanggene-ratoren mit menschlicher Stimme ansteuern. Volker, verstehst du, was das heißt? Ich kann damit zum Beispiel den Sägezahn-Generator, der da im Entstehen ist, sprechen lassen. Ich könnte auch einen VW-Motor sprechen lassen, ich kann die menschliche Stimme zertrüm-mern und die einzelnen Elemente musikalisch verarbeiten. Ich kann sprachliche Strukturen zu Musik werden lassen - und umgekehrt. Und all das hat der kleine Herr Groß für mich gemacht. 

GROSS. Federführend. 

Herr Groß ist ein freundlicher kleiner Bayer, der einen weißen Arbeits-mantel trägt und Hermann und seine Projekte liebt. 

GROSS. I hab da übrigens die Steuerelemente für den neuen Ringmodu-lator. 

HERMANN. Wunderbar! Volker, komm! Es gibt da noch eine kleine Spielerei, ein Abfallprodukt für kommerzielle Zwecke. 

Während Herr Groß die neuen »Steuerelemente« in sein Mischpult einbaut, führt Hermann den sprachlosen Volker in den Nebenraum, der durch ein Studiofenster vom Regieraum getrennt ist. Hermann zeigt ein elektronisches Tasteninstrument, auf dem Volker ein paar seltsame Akkorde spielt. 

HERMANN. Falls so ein Musikus noch Tasten braucht! 

VOLKER. Das bringt mich auf die Idee - ich habe dir doch schon einmal von dem Projekt erzählt, das ich vorhabe . . . 

HERMANN. Ja. 

VOLKER ... elektronische Klangerzeuger mit akustischen Instrumenten zu mischen. 

HERMANN. Ich erinnere mich genau. Weißt du, Volker, wir schneiden auch gar nicht mehr, wir steuern nur noch. 

Volker spürt, daß Hermann nicht mehr fähig ist, ihm zuzuhören. 

1128 Verschneite Abendlandschaft

Robs Zug fährt immer noch durch die Voralpenlandschaft. Es wird dunkel. Der riesige Scheinwerfer sieht vor dem Abendhimmel aus, als wäre die Sonne vom Himmel herabgestiegen, um nun durch Oberbay-ern spazierenzufahren. Der ganze Zug mit Rob und seinen Technikern wirkt unwirklich. Er gleitet geräuschlos vorüber. 
1129 Wohnung Volker und Clarissa


Clarissa hat ihr Arnoldchen zu Bett gebracht. Das Kind liegt in einer altmodischen Wiege, die Clarissa so neben den Flügel geschoben hat, daß sie mit der einen Hand das Kind wiegen kann, während sie sich mit der anderen Hand auf dem Flügel begleitet. 

CLARISSA (singt).

»Schlaf', mein Kind, schlaf' es ist spät, Sieh', wie die Sonne zur Ruhe dort geht. Hinter den Bergen stirbt sie im Rot, Du, du weißt nichts von Sonne und Tod, Wendest die Augen zum Licht und zum Schein. Schlaf', es sind so viele Sonnen noch dein, Schlaf', mein Kind, mein Kind, schlaf ein. Schlaf', mein Kind, der Abendwind weht. Weiß man, woher er kommt, wohin er geht? Dunkel, verborgen die Wege hier sind, Dir und auch mir und uns allen, mein Kind! Blinde, so gehn wir und gehen allein, Keiner kann keinem Gefährte hier sein! Schlaf', mein Kind, mein Kind schlaf' ein. Schlaf', mein Kind und hör'nicht auf mich, Sinn hat's für mich nur und Schall ist's für dich! Schall nur wie Windeswehn, Wasser-Gerinn, Worte, vielleicht eines Lebens Gewinn. Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein, Keiner kann keinem ein Erbe hier sein. Schlaf', mein Kind, mein Kind schlaf' ein. «

Während des Wiegenlieds für Arnoldchen kommt Volker nach Hause. Er schaut müde und enttäuscht aus. Als Clarissa aus dem Kinderzimmer kommt, sieht sie ihn im Flur sitzen. Er hat den Mantel noch an und brütet in sich hinein.

CLARIS SA. Volker, fehlt dir was ?

VOEKER. Ja.

CLARISSA. Willst du es mir sagen, Volker?

VOEKER. Nein.

CLARISSA. Auch gut. Hast du Hunger?

VOLKER. Vielleicht.

CLARISSA. Ich mache uns was warm.

Clarissa geht in die Küche. Sie beginnt, für Volker eine Suppe warmzu- machen.

CLARISSA. Geh nicht mehr ins Kinderzimmer, Arnold schläft schon. . .

Clarissa bemerkt, daß Volker den Flur verlassen hat. Sie findet ihn am Eßtisch wieder, wo er an einer elektronischen Komposition arbeitet. Er zeichnet eine neuartige Notation mit vielen Kurven, mathematischen Zeichen und Resten von herkömmlichen Noten.

VOLKER. Was hältst du eigentlich von diesem Isarfilm-Projekt?

CLARISSA. Kommt drauf an, was man daraus macht. 

VOLKER. Es wird schiefgehen. Hermann durchblickt das nicht. Er läft sich von den technischen Möglichkeiten faszinieren. Ein eigenes Studio, wer würde da nicht ja sagen. - Aber so was ist keine Aufgabe für einen einzelnen. 

Clarissa setzt sich Volker gegenüber. Die Suppe rührt er nicht an. CLARISSA. Habt ihr euch gestritten? 

VOLKER. Ich bin vorher gegangen. 

1130 Isarfilm, Studio


Es ist spät in der Nacht, als Rob und sein Team von den Dreharbeiten zurückkehren. Der Lkw mit den Scheinwerfern und der Kleinbus mit den Kameras fahren am Studioeingang der Isarfilm vor. Herr Zielke, der in seinem eigenen Auto zurückkommt, hat es eilig, ins Haus zu kommen, denn er leidet unter der Kälte. Rob folgt ihm. Die Diskussion, die die beiden auf dem Plateauwagen begonnen haben, dauert noch an. 

ROB. Sehen ist intensiver als Denken. Sehen heißt für mich »wahrneh-men«. Ich nehme Wahrheit in mich auf, wenn ich sehe. 

ZTELKE. Ja, aber welche Wahrheit, Herr Stürmer! Es gibt auch die falsche Wahrheit, die sehr, sehr schlimme, falsche Wahrheit! Da bin ich Experte. 

ROB. Ja ja, Rückmarsch als Vormarsch, Herr Zielke! 

Zielkes Nazivergangenheit findet in Robs Augen keine Gnade. Er läBt den hilflosen Regisseur einfach am Halleneingang stehen. 

1131 Isarfilm, Studio, Tonregie


Auch Hermann und sein Team haben bis jetzt gearbeitet. Die ersten elektronischen Klänge, die er und Herr Groß erzeugen, sind schrill und klingen eher wie das Dröhnen eines Blechwalzwerks. Rob bleibt im Studioeingang stehen und hört zu, bis Hermann ihn bemerkt. 

HERMANN. Wie war s? 

ROB. Kalt war's. Wir sind zwar völlig durchgefroren, aber wir haben's überlebt. Das Schlimmste war der Fahrtwind. 

Erika bringt Rob eine heiße Tasse Kaffee, die er in beide Hände nimmt, um sich daran zu wärmen, ehe er trinkt. 

ROB. Und ich sag ihm noch, er soll schneller fahren! Aber Bilder haben wir, im Gegensatz zu deinen Tönen hier. Klingt ja schauerlich, was du da machst. 

ERIKA. I hab mi scho dran gwöhnt. 

Erika strahlt Hermann verführerisch an. Aus dem Kommandolautsprecher meldet sich nun Ingenieur Groß vom anderen Studio. GROSS. Das macht uns so leicht keiner nach, Herr Simon! Hermann betätigt die Rücksprechanlage. 

HERMANN. Herr Groß!

GROSS. Ja? 

HERMANN. Können wir mal den neuen Vocoder ausprobieren? 

GROSS. Was, heut noch? Ich verwechsle schon Plus und Minus. Hermann hätte gern Rob noch andere Klänge vorgeführt, auf die er stolz ist. Nun, nach der zögernden Antwort des Tonmeisters, entschließt sich die begeisterte Erika, schnell einen Imbiß für alle zu machen. Sie serviert Kaffee und Käsekuchen mitten in der Nacht. 

ERIKA. So, Herr Groß, da, schaun S' her. I bin ja so froh, daß endlich amoi ganz was Neues of angt, bei uns in der Firma. 

1132 Nächtliche Straßen

Erika nimmt Hermann in ihrem Auto mit in die Stadt. Eine Weile sitzen die beiden ganz ruhig nebeneinander und schauen in die schlafende Stadt hinaus. 

HERMANN. Ich arbeite sehr gern mit Ihnen. Das wollte ich Ihnen immer schon mal sagen. 

ERIKA. Mir macht das auch furchtbar viel Spaß. 

Hermanns Lachen springt auf Erika über. Es ist, als hätten die beiden nun endlich ausgesprochen, was sie schon lange füreinander fühlen. 

1133 Wohnung Erika


Im Treppenhaus bringen die beiden kein Wort mehr heraus. Hermann folgt Erika die Stufen hinauf bis in den zweiten Stock, wo sie eine winzige Wohnung hat. Vom Eingang her betreten die beiden eine Kochnische, durch die man hindurchgehen muß, um in den Wohnschlafraum zu gelangen. Hermann zögert. Es ist so eng hier, daß er nicht weiß, wo er seine Aktentasche ablegen soll. Erika zieht sich hinter einem Vorhang die Jacke aus, dann reicht sie Hermann zärtlich die Hand. So führt sie ihn zur Schlafcouch. Hermann findet gerade noch Zeit, seinen Mantel zu Boden gleiten zu lassen, dann nimmt Erika ihn in die Arme. Auf dem Bett schlingt sie auch ihre Beine um ihn. Es ist wirklich, als hätten sie beide seit Wochen auf diese Gelegenheit warten müssen. 

ERIKA. Ein schönes Spiel!

HERMANN. Ja.

ERIKA. Ia. wirklich. ein sehr schönes Spiel! 

1134 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Bei Hermann zu Hause ist der Tag auch noch nicht zu Ende. Volker ist bei Schnüßchen zu Besuch. Er sitzt am Küchentisch, trinkt Rotwein, weil Schnüßchen mal eben nach dem schlafenden Kind sieht. Zwischen den beiden ist eine vertrauliche Stimmung entstanden, die der späten Stunde entspricht. Schnüßchen, die offenbar gerade ins Bett gehen wollte, als Volker hier auftauchte, ist schon im Nachthemd. 

SCHNÜSSCHEN. Volker, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie du und die Clarissa, also, das ist mir jetzt richtig peinlich, ich meine, wie ihr miteinander im Bett seid (beide lachen). Ich denke immer, daß ihr »Sie« zueinander sagt. 

VOLKER (lachtJ. Du wirst dich wundern, wir haben das tatsächlich mal als Spiel versucht. Weißt du, in Frankreich war das früher üblich. 

SCHNÜSSCHEN. Wie bei feinen Leuten. »Ich küsse Ihre Hand, Madame. ..« -»Monsieur, Sie sindaberauch einWüstlingheute« (beide lachen). Ich müßt sofort lachen, und dann wär's aus mit der Liebe. Aber jetzt mal ehrlich, das war bei euch zu Haus doch auch net so, oder? Wie war's denn bei deinen Eltern? 

VOLKER. Meinen Vater habe ich kaum gekannt. Die Eltern haben sich getrennt, da war ich noch ein Baby. Mein Vater war Chef eines Marineorchesters. Nach dem Krieg aber war er gar nichts mehr. Er hat in Nachtlokalen Geige gespielt, bis meine Mutter ihn verlassen hat. 

Schnüßchen entkorkt eine weitere Flasche Rotwein. Sie gießt sich und Volker noch einmal ein.

SCHNUSSCHEN. Volker, du bist schon ein komischer Typ. Soll ich dir mal was sagen? 

VOLKER. Tu das. . . 

SCHNUSSCHEN. Du könntest ein ganz toller Mann sein. Ein ganz toller Künstler, wenn du. . .

VOLXER... wenn ich. . . 

SCHNUSSCHEN... wenn du nicht soviel Schiß hättest und zeigen wür-dest, wie dir's ums Herz ist.

Volker lehnt sich zurück. Er ist eher ein schüchterner Typ, der in dieser Situation nichts anderes als ein verlegenes Lächeln zustande bringt. 

VOLKER. Es fällt mir schwer, dich »Schnüßchen« zu nennen. Ich finde das lächerlich. Wie heißt du noch mal richtig? 

SCHNUSSCHEN. Waltraud. 

VOLKER. Das ist ja noch schlimmer! 

Das Lachen macht die beiden wacher und nüchterner. Schnüßchen fällt wieder ein, warum Volker eigentlich gekommen ist. 

SCHNUSSCHEN. Der Hermann ist zur Zeit wahnsinnig weit weg. Zum ersten Mal weiß ich überhaupt nicht mehr, was er so macht und was er so denkt. Wir sehen uns auch nur noch wahnsinnig selten. Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, dann schläft er meist noch. Und abends, wenn er spät nach Hause kommt, dann schlaf ich immer schon. Dann sitzt er hier am Tisch und schreibt Noten, schaut stundenlang zum Fenster hinaus in die Nacht. Diese Isarfilm, die ist mir unheimlich! 

VOLKER. Ich beneide ihn. .. 

SCHNUSSCHEN. Wolltest du ihn deshalb so spät noch sprechen heut? 

VOLKER. Ja. 

SCHNUSSCHEN. Eure Freundschaft, das hab ich nie verstanden. Warum macht ihr nicht mal was zusammen, arbeitet was? Ein Konzert oder was Lustiges! 

VOLKER. Ja, ich frage mich das auch. Ich will Hermann ein Angebot machen. 

Sie hat Hunger. Sie steht auf und beginnt, Butterbrote zu schmieren. Als sie den Kühlschrank öffnet, um den Käse herauszunehmen, kommt sie Volker näher. 

SCHNUSSCHEN. Weißt du, daß ich Clarissa beneide? 

VOLKER. Waltraud, da haben dir deine Eltern auch keinen großen Gefallen getan mit dem Namen!

Wieder retten sich die beiden in Lachen. 

SCHNUSSCHEN. Wir sind sieben Geschwister. Such dir mal sieben an-ständige Namen aus. Da kann auch mal was danebengehen. Haste auch Hunger? 

Volker ist sehr erregt. Er steht langsam auf, sieht Schnüßchen an, die verlegen wirkt und die Augen niederschlägt. Sein Gesicht kommt ihrem Gesicht immer näher. Er streckt die Hand nach ihr aus, er berührt ihre Wange. Sie kämpft mit sich. Sie will nicht zu den Verlierern gehören wie Volker. Sie spürt, daß sie nun handeln muß. Sie ist ganz vernünftig. Sie sieht Volker ruhig in die Augen, reicht ihm das Käsebrot und fordert ihn auf zu essen. Volker bittet sie um Verzeihung. Er setzt sich auf Lulus niedriges Stühlchen. Er wird klein wie ein Kind vor Schnüßchen, die nun ihrerseits die Hand nach ihm ausstreckt und ihm tröstend über die Haare streicht. Davon muß Volker weinen. 

VOLKER. Sie haben mich einfach abgehalftert. Sie haben mich still-schweigend fallengelassen. Das ist, was mich so fertigmacht. 

SCHNUSSCHEN. Meinst du Hermann und die anderen? 

VOLKER. Jahrelang haben wir gemeinsam versucht, ein Studio für elektronische Musik aufzumachen. 

Schnüßchen ist nun sehr kühl. Sie fühlt sich so überlegen, daß die Situation für sie keinerlei Erotik mehr hat. 

SCHNUSSCHEN. Volker, ich kann dir sagen, was los ist. Der Hermann ist Komponist, und du bist Komponist. Das ist einer zuviel. Was müßt ihr auch alle Komponist sein! Alle wollt ihr unsterblich werden. Ich finde das lächerlich! Ich möchte, daß du jetzt gehst. 

Volker weiß nicht, was er mit seinem Käsebrot machen soll. Er gibt es Schnüßchen zurück, ehe er geht. An der Wohnungstür küßt sie ihn kurz auf die Wange, ehe sie ihn ins kalte Treppenhaus entläft. 

SCHNUSSCHEN. War schön, daß du da warst. Kannst gern mal wieder-kommen, ehrlich Volker. Tschüß! 

1135 Wohnung Erika


Das »schöne Spiel« von Hermann und Erika ist zu Ende. Hermann zieht sich vor Erikas amüsierten Blicken an. Als er die Armbanduhr aufs Handgelenk schnallt, erschrickt er. 

ERIKA. Soll ich raten, wie spät's ist? 

HERMANN. Das glaubt mir kein Mensch, daß ich so lange »gearbeitet« hab. 

ERIKA. Drei? 

HERMANN. Viertel nach. 

ERIKA. Ich finde, das gehört einfach dazu, wenn man sich mag. Wir verbringen doch soviel Zeit miteinander, den ganzen Tag. Weißt, was i moan ?

HERMANN. Ich bin nervös.

ERIKA. Wegen deiner Frau.

HERMANN. Sie sagt, daß ich fürchterlich schlecht lügen kann. Wahr- scheinlich hat sie recht.

ERIKA. Dann sag ihr die Wahrheit. I nehm ihr doch nix weg.

Hermann, der inzwischen auch Hose und Schuhe angezogen hat, kehrt zu Erikas Bett zurück, um sie noch einmal zum Abschied zu küssen.

ERIKA. Komm gut heim.

HERMAN`N. Ich geh zu Fuß durch die frische Luft.

ERIKA. Solln wir morgen wieder »Sie« zueinander sagen?

HERMANN. Ist das so üblich?

ERIKA. Unsere Firma ist a bissel zu klein.

HERMANN. Also gut, Fräulein Brandstätter.

ERIKA. Bei dir ist das anders, bei dir ist das gleich.

Das Schelmenlächeln weicht die ganze Zeit nicht aus Erikas Gesicht. Sie sitzt in ihrem Bett, behaglich an die Wand gelehnt, und läft Hermann einfach gehen.

HERMANN. Es war schön, Erika.

ERIKA. Ja, Hermann, ein sehr schönes Spiel. 

1136 Vor Haus Hermann und Schnüßchen

Hermann ist auf seiner Nachtwanderung endlich vor seinem Hausein-gang angekommen. Als er den Schlüssel aus der Tasche zieht und aufsperren will, packt ihn der Verdacht, daß er nach Erikas Parfum riechen könnte. So unsicher will er sich nicht vor Schnüßchen sehen lassen. Er läft seine Tasche auf der Schwelle liegen und kehrt in den Hof zurück. Was kann er tun, um von seiner Fremdgeh-Affäre abzulenken. Er sieht sich um. Dort steht ein Motorroller, an dessen Benzintank er vielleicht herankommt. Benzingeruch wäre eine plausible Tarnung. Er benetzt seine Hände mit Sprit. Dann sucht er nach glaubwürdigem Schmutz. An der Radnabe des Rollers findet er schwarzes Fett, mit dem er sich einreibt. Mit einer Wischbewegung macht er sich auch noch das Gesicht schwarz, viel zu schwarz. So eilt Hermann endlich ins Haus. 
1137 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Das Badezimmer befindet sich direkt neben der Eingangstür. Hermann hat das Bedürfnis, sich erst einmal gründlich zu waschen. Er macht beim Hereinkommen so viel Lärm, daß Schnüßchen aufwacht und nach-schaut. Sie findet einen öligen Handabdruck, den er versehentlich am Türrahmen des Bades hinterlassen hat. 

SCHNUSSCHEN. Weißt du eigentlich, wie spät es ist? 

HERMANN. Ich hatte eine Autopanne, mit Robs Auto. 

SCHNUSSCHEN. Eine Autopanne? 

Ungläubig betrachtet sie Hermanns Gesicht, das von Altöl und Seifen-schaum ganz entstellt ist.

SCHNUSSCHEN. Wenigstens sieht man dich emal. Ich weiß ja schon gar net mehr, wie du aussiehst. 

1138 AlterNordfriedhof


Schnüßchen hat inzwischen ein Kindermädchen, das mit Lulu Spazier-gänge macht und der Mutter ermöglicht, Freunde zu treffen. An diesem Tag trifft sie Clarissa, die ihren kleinen Sohn mitgebracht hat. Der Spaziergang geht über den alten Nordfriedhof, der ein Idyll von winterlicher Romantik ist mit den verschneiten Grabdenkmälern, den hohen Parkbäumen und den Wegen, auf denen die Kinder Schlitten fahren können. Das Kindermädchen nimmt auch Arnoldchen in ihre Obhut. So kön-nen Clarissa und Schnüßchen Zeit finden, sich einmal richtig auszu-sprechen. 

CLARISSA. Ihr habt Glück mit dem Kindermädchen. Sie ist wie eine große Schwester zu Lulu. Wir waren ja auch mal so jung, es ist gar nicht so lange her. Kommst du dir auch manchmal uralt vor? 

SCHNUSSCHEN. Manchmal, aber manchmal denke ich auch, das Leben hat noch gar nicht angefangen. 

CLARISSA. Mir kommt's manchmal so vor, als wär's schon zu Ende. 

SCHNUSSCHEN. Wenn du willst, kannst du das Arnoldchen ja öfter mal vorbeibringen und mit der Lulu spielen lassen. Dann hast du Zeit für dich und dein Cello. 

CLARISSA. Nein, mit dem Cello ist es aus. Weißt du, wenn man so lange unterbricht, das ist wie beim Sport, wenn man einmal draußen ist, kommt man nie wieder rein. 

SCHNUSSCHEN. Ich versteh ja nix davon. 

CLARISSA. Außerdem hätt ich ein schlechtes Gewissen, wegen dem Kind und wegen Volker. 

SCHNUSSCHEN. Weißt du, was mir ein schlechtes Gewissen macht? Das ist, daß wir plötzlich soviel Geld haben. Vor zwei Monaten hab ich mir doch das tolle Modellkleid gekauft, weißt du noch ? 

CLARISSA. Ja. 

SCHNUSSCHEN. Und jetzt könnte ich mir ohne weiteres noch eins kaufen. Manchmal denke ich, das rächt sich. Eines Tages wird sich das rächen, und das dicke Ende wird kommen. 

CLARISSA. Wo steht denn das geschrieben? Außerdem gibt es Leute, die sehr viel mehr Geld verdienen als ihr. Da passiert nichts. Wegen so was kommt kein dickes Ende. 

Weil die einzige Bank, die am Ende des Wegs steht, voll Schnee ist, setzt Schnüßchen sich auf die Lehne. Sie sieht sich um. Clarissa steht vor ihr und ringt nach Worten. 

CLARISSA. Weißt du, daß ich dich nie leiden mochte? 

SCHNUSSCHEN. Das weiß ich, und ich weiß auch, warum. Weil du Hermanns große Liebe warst. 

Clarissa setzt sich neben Schnüßchen auf die Banklehne. Sie ist erstaunt, daß sie so ehrlich sprechen kann. 

CLARISSA. Du bist plötzlich hier angekommen in einer Zeit, als es uns so gutging, und dann ging's los mit dem Heiraten. Die Freunde fingen überall an, sich zu verheiraten. Das war eine richtige Epidemie. Ich hab's ja dann schließlich auch getan. Dabei habe ich mir vorgenom-men, nie im Leben zu heiraten. 

SCHNUSSCHEN. Ihr habt schrecklich gesponnen, die Clique damals im »Fuchshau«. Ich glaub, das wär nicht mehr lang gutgegangen. Irgend jemand hätt sich aufgehängt, wäre verrückt geworden oder sonst was Schlimmes. 

CLARISSA. Das war eben ein Traum. . . 

SCHNUSSCHEN. Für mich hat der Hermann übrigens nie ein Lied ge-macht. Für dich - aber für mich nicht. Und dabei hätt ich mir's so sehr gewünscht. Aber meinst du, das hätt ich ihm sagen können? Nä, lieber hätt ich mir die Zung abgebissen, als ihm so was zu sagen. Clarissa, das ist mein Drama. Weißt du, was mein Drama ist? Ich sehn mich so sehr nach dieser anderen Liebe, mit Liedern und Gedichten und Träumen und so. Aber alle sehen in mir immer nur das Prakti-sche. Ich wär imstande, einfach abzuhauen. Ich laß das Kind und den Scheißhaushalt und fahr in den Süden und schreib einen Liebesro-man. Dann würdet ihr sehen, was mit mir los ist! Oder ich erleb was mit einem arabischen Scheich. Ich bin so unglücklich! Bei euch war immer alles so anders. Ich wär so gern wie ihr gewesen. Liegt es daran, daß ich nicht studiert hab? Woran liegt das? Ich spür, daß mich der Hermann innerlich längst verlassen hat. Er verachtet mich, weil ich nix von der Kunst verstehe. Meinst du, daß er mich deswegen verachtet? Aber ich bin doch eine Frau! Ich bin eine Frau wie du, mit all den Gefühlen wie ihr. 

Schnüßchens Stimme ist immer weinerlicher geworden. Die Tränen fließen ihr übers Gesicht, aber Clarissa empfindet kein Mitleid. Sie legt zwar ihre Hände auf Schnüßchens Schulter, ihr Interesse an dieser Frau ist aber um so gründlicher erloschen, je ausführlicher sie von ihrem Unglück spricht. 

CLARISSA. Beruhige dich, Schnüßchen, du bist o. k. 

KINDERMÄDCHEN. Arnoldchen weint! 

Das Kindermädchen löst die Situation auf. Clarissa eilt zu ihrem Sohn, der hinter einem der Grabsteine steht und nach seiner Mutter schreit. Schnüßchen sieht Lulu an, die in den Armen des Kindermädchens fragend in das verweinte Gesicht ihrer Mutter starrt. Sie nimmt ihre Tochter an sich, herzt und küßt sie. 

SCHNUSSCHEN. Ach, mein Spätzchen, ist die Mami ganz traurig? Komm mal her, wir gehen noch ein bißchen spazieren, du kleine, meine Süße! 

1139 Wohnung Volker und Clarissa


Arnoldchen läft sich nach der kurzen Trennung von seiner Mutter nicht mehr beruhigen. Clarissa kann das Geschrei kaum noch ertragen, als sie endlich in ihrer Wohnung ankommt. Sie schafft es gerade noch, Arnold-chens Schlitten in den Flur zu schleppen, dann verliert sie die Nerven. Volker übt im Wohnzimmer Klavier. In ihre Küche kann sie nicht gehen, weil dort ihre Mutter herumwerkelt. Auch das noch! Den Besuch hat Clarissa nicht erwartet. Sie bleibt mit dem schreienden Kind in den Armen im Flur stehen. Sie muß sich entscheiden, aber zu was? Sie gibt sich einen Ruck, dann trägt sie Arnoldchen zu Volker und setzt ihn ihm auf den Schoß, ohne auf dessen Klavierspiel Rücksicht zu nehmen. Wie auf Kommando ist das Kind still, sobald es den ausgeglicheneren Vater spürt. Volker läft den Jungen auf dem Klavier klimpern und beobach-tet, was Clarissa tut. Er ist bereit zu helfen, aber er weiß nicht, wie. Clarissa kommt in die Küche, versteckt sich in der Ecke hinter dem Eßtisch. Sie versucht, die Augen zu schließen und durchzuatmen. Die Mutter kniet ächzend und vorwurfsvoll vor dem leergeräumten Kühl-schrank, den sie innen auswäscht. Clarissa findet ein Stofftierchen von Arnoldchen. Sie knallt es gegen die Wand, daß es kracht. Die Mutter richtet sich auf. 

MUTTER CEARISSA. Wo warst du eigentlich so lange? Clarissa stöhnt gequält auf. 

MUTTER CCARISSA. Dein Eisschrank stinkt ja schon. Ich habe schon überall ein biEchen saubergemacht, auf deinem Cello lag fingerdick der Staub. Clarissa, übst du eigentlich gar nicht mehr? 

CEARISSA. Nein! 

Dieses Nein ist der reine Protest. Clarissa springt auf, rennt aus der Küche. In Volkers Armen schläft das Kind. Clarissa nimmt keine Notiz davon. 

VOLKER. Deine Mutter ist extra deinetwegen gekommen. Vier Stunden hat sie gewartet. 

Sie zerrt ihren Cellokasten unter dem Flügel hervor. Sie hatte ihre warme Jacke gar nicht erst ausgezogen, nun rennt sie an ihrer Mutter vorbei zur Wohnungstür. 

CLARISSA. Ich muß noch mal weg.

MUTTER CLARISSA. Wo willst du denn hin, Clarissa? 

Clarissa ist mit dem Cello verschwunden, ohne noch einmal zu antworten. 

1140 Zugfahrt nach Wasserburg

Auf der eingleisigen Nebenstrecke der Bundesbahn verkehrt nur ein Schienenbus, ein altertümlicher Wagen, in dem man dem Fahrer bei seiner Arbeit zusehen kann. An jedem Feldweg tutet das Gefährt. Clarissa sitzt mit ihrem Cello finster da. In ihrem Innern gären die Gedanken
1141 Villa Dr. Kirchmayer


Clarissa ist in ihrem Heimatstädtchen angekommen. Sofort begibt sie sich zur Villa ihres ehemaligen Gönners. Hier liegt noch höherer Schnee als in München. Clarissa geht direkt auf das Portal der Villa zu und läutet. Ein Dienstmädchen öffnet. net.. 

CLARTSSA. Sie brauchen nur zu sagen, daß ich das Cello abgegeben habe. Sie kennen mich doch, oder?

DIENSTMÄDCHEN. Ja, aber der Herr Doktor hat nix g'sagt, wie er weggangen ist. 

CLARISSA. Er wird schon Bescheid wissen, wenn er das Cello sieht. Ich gehe jetzt. 

Clarissa sieht das Cello noch einmal an, dann wendet sie sich davon ab.

DIENSTMÄDCHEN. Aber der Herr Doktor kommt bald wieder. Wollen S' net lieber warten? 

CLARISSA. Nein, nein, ich muß zum Zug. Sagen Sie ihm nur, daß. .. Mit bestem Dank zurück, weil ich es nicht mehr brauche! Es war nur leihweise. 

Jetzt hat sie das Cello doch noch zum allerletzten Mal ansehen müssen. Sie kann die Tränen nicht zurückhalten. Sie rennt, ohne sich zu verab-schieden, davon. 

1142 Bahnhof Wasserburg


Der Bahnhof ist menschenleer, denn um diese Zeit fährt gar kein Zug. Clarissas Eile findet hier ein jähes Ende. Mit all ihrer Unruhe im Herzen muß sie nun warten. Sie überläBt sich ihrem Schmerz. Hier darf sie weinen, denn niemand sieht sie, und niemand fragt nach dem Grund. 
1143 München, Fuchsstraße 


Wo einst der »Fuchshau« gestanden hat, sind zwei Betonklötze entstan-den, die bereits ein Jahr nach der Fertigstellung schäbig aussehen: der architektonische Ausdruck der Wohnraumspekulation. Esther, die zur Vorgeschichte dieses Grundstücks nur abstrakt-histori-sche Beziehungen hat, versucht mit ihrer Kamera vergeblich, etwas von alldem einzufangen. Sie hat das Wissen im Kopf, aber es hilft ihr nicht. Verzweifelt läuft sie vor den Betonfassaden umher, schießt Bild um Bild. Aber alle Motive sind geometrisch, abstrakt, modernistisch. Ihre Fotos werden bestenfalls »ästhetisch« - im Sinne von »gut komponiert«. Herr Gattinger wartet geduldig bei seinem Sportauto. Als Esther sich wieder in den Sucher vertieft, kommt er näher und beugt sich über ihre Schulter. 

GATTINGER. Esther, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen. Die beiden oberen Stockwerke gehören mir. 

ESTHER. Ist das dein Geheimnis? 

GATTTNGER. Die Wohnungen sind zwar im Augenblick noch vermietet, aber in ein paar Jahren kann ich dir ein paar davon vermachen. 

ESTHER. Als Wiedergutmachung? 

Esther drückt Gattinger ihre Kamera in die Hand. Sie gibt damit das aussichtslose Bemühen auf, mit der Fotografie ins Innere der Dinge einzudringen. 

GATTINGER. Tante Cerphal weiß nichts davon. Du mußt es ja nicht erwähnen. Ist doch schön, oder? 

Esther geht resigniert einfach fort. Gattinger hebt die Kamera empor, er weiß nicht, was mit seiner Tochter in diesem Augenblick geschehen ist. 

GATTINGER. Esther, was hast du denn, was ist denn los? 

Sie geht und geht. Gattinger hat sie verloren. 

1144 Isarfilm, Studio


Der Tag der Generalprobe ist gekommen. Rob, Hermann und das ganze Varia-Visions-Team erproben zum ersten Mal die Simultanwirkungen von Filmbildern, Texten und Musik. Zwei Kinoprojektoren sind im Studio aufgebaut worden, die Robs Bildkollagen auf zwei riesige Leinwände werfen. Ein Text, den Hermann einmal für sein Moretti-Konzert verwendet hat, das Rätsel, mit dem er Clarissa eine geheime Botschaft senden wollte, taucht jetzt auf der Leinwand wieder auf. »Er liebt sie sehr, Sie liebt ihn nicht. Sie hätt ihn gern Und kriegt ihn nicht. Und hat ihn doch. « Hermann ist begeistert über die Wirkung von Bild und Ton. Er ruft nach Rob, der aber gerade von Herrn Zielke aufgehalten wird. 

ZIELKE. Wollen Sie mich als Banausen hinstellen? Seit Wochen werde ich bei diesem Projekt doch kaltgestellt. 

ROB. Bald sind wir fertig. Dann bekommen Sie von den Ehren mehr ab, als Ihnen zusteht. 

ZIELKE. Wer hier profitiert, das sind Sie doch und Herr Simon - dem ein ganzes Musikstudio in den Schoß gefallen ist. 

ROB. Dafür sind Sie fest angestellt und brauchen sich um die Zukunft keine Sorgen zu machen. 

ZIELKE. Sie konnten die wildesten Experimente machen. Sie haben auf Kosten der Auftraggeber Ihre Ausbildung finanziert. Mit dem Thema »Moderner Verkehr« hat das nun allerdings wirklich nichts mehr zu tun. Ich habe immer den Auftraggeber vertreten - als Regisseur. 

ROB. Was uns unterscheidet, Herr Zielke, das ist, daß ich keine Angst habe. 

Rob läft Zielke stehen und geht zu Hermann in die Halle. 

ZiELKE. Woher wollen Sie wissen, was Angst ist? Schnösel! 

Rob kümmert sich um die Projektoren. Er schwenkt den Anamorphoten vor das Projektionsobiektiv und verwandelt so das Filmbild in ein imponierendes Breitwandformat. Hermann und die Techniker sind begeistert. Sogar Erika ist mit im Studio, um die ersten Wirkungen mitzuerleben. Im Boden wird ein Lautsprecher montiert und unter einer Art Kanaldek-kel verborgen. Es soll versucht werden, das Publikum auch mit Signalen aus der Erde zu beeindrucken. Hermann gibt Herrn Groß, der die Szene vom Regieraum aus mitver-folgt hat, Zeichen. Kommandos gehen hin und her, dann ertönt elektro-nische Musik, gemischt mit einer elektronisch verfremdeten Stimme. 

ROB. Ah, der Geist aus dem Gulli! 

HERMANN. Wir hatten ein Spielzeug bekommen. Was wir früher immer nur in Worten bewegten, das setzten wir nun in Taten um. Film, Architektur, Bilder, Musik oder Texte, das alles sollte zu einer Art Gesamthunstwerk verschmelzen. Alles griff ineinander wie ein Rä-derwerk. Wir entwarfen die kühnsten Utopien und mischten sie mit unseren Kindheitserinnerungen. .. 

Die Freunde versammeln sich um den Fußbodenlautsprecher. Sie sind fasziniert von der Fremdartigkeit der Töne, die sie von unten anwehen. Man berät, wie man es vermeiden kann, daß Schmutz in die Lautspre-cher fällt, aber alle praktischen Fragen werden in der Begeisterung auf später vertagt. 

1145 Isarfilm, Schneideraum


HERMANN. Helga wollte anfangs nicht mitmachen, weil sie unser Projekt ideologisch ablehnte. Dann aber ließ sie sich von den experimentellen Möglichkeiten faszinieren, wie wir anderen auch. 

So wie im Studio die Gleichzeitigkeit von mehreren Filmbildern und Tönen erprobt wird, so versuchen die Freunde, solche Simultanwirkungen auch beim Schnitt der Filme zu realisieren. Im Schneideraum wurden zwei Schneidetische aufgebaut, um gleichzeitig mehrere Bildbänder verarbeiten zu können. Helga ist erschienen, um ihre Texte für Sprachaufnahmen zu überarbeiten. Auf ihr Kommando hin werden die Tische gleichzeitig gestartet. Bilder von Eisenbahnfahrten und großer Geschwindigkeit werden auf den Schirmen sichtbar. 

HELGA. »Das ging an Telegrafenmasten vorbei, vorbei an Schweinekoppeln. .. Rinder rechts, dürftige Wiesen. Sie wußte mit dem Instinkt der Frau, daß das Schicksal sie in Dülmen erwartet, dort wartete aber nichts. « 

Hermann, Rob und Dagmar starren immer abwechselnd auf den einen, dann auf den anderen Bildschirm, um so den geplanten Synchronismus zu simulieren. 

HERMANN. Helgas Texte waren Kollagen aus Kinderversen, deutschen Ortsnamen, Gedichtfragmenten, Rätseln und Liebesgeschichten. Alles, was wir in den Jahren zuvor versucht hatten, schien realisierbar zu werden und fand einen neuen Sinn. 

HELGA. »Verlieben, verwandeln, zerdehnen, anfassen, nicht bekommen, haben wollen. . .« 

1146 Isarfilm, Tonregie 


Herr Zielke hält sich in der Nähe des Tonmeisters Groß auf. Auch der Techniker, den er nun schon lange als Angehörigen der Isarfilm kennt, läßt ihn links liegen. Zielke sinnt auf Rache. 

ZIELKE. Bagage! Denen wünsche ich eine Riesenernüchterung. Der Chef muß verrückt geworden sein, daß er sich von denen so ausnehmen läßt. 

RATRON. Natürlich sind das Argumente . . . 

HELGA. Reiner Formalismus. 

Rob und Dagmar halten sich aus der Diskussion heraus, können aber nicht verhindern, daß ein offener Krach entsteht, an dessen Ende Helga und Katrin weggehen und damit die weitere Mitarbeit einstellen. 

1148 Isarfilm, Tonstudio


Unter dem Mischpult springen elektrische Funken. Herr Groß, der auf dem Rücken liegend in den Eingeweiden des Pultes arbeitet, hat-vielleicht aus Ubermüdung- einen Kurzschluß verursacht. Das Licht im ganzen Haus geht aus. Mit dem Schein einer Feuerzeugflamme versucht er, sich in der Dunkelheit zu orientieren. 

GRoss. Mensch, Stutzi, tu amal die Sicherung rein, i sieg nix mehr! 

Elermann und Rob begegnen sich im dunklen Eingang zum Tonstudio. Das Mondlicht fällt durch das Fenster. Die Gesichter wirken fahl und übermüdet.

ROB. Sag mal, heut ist doch der Achtzehnte!

ERIKA (meldet sich aus dem Dunkeln). Schon seit drei Stunden. 

ROB. Reinhard - vor einem Jahr! Heute vor einem Jahr ist ein Freund von uns im Ammersee ertrunken! Wir sollten an Reinhard eine Hommage in unser Werk aufnehmen. 

Rob wendet sich an Herrn Groß und seine Techniker, die ihn erstaunt ansehen. 

ROB. Wären Sie bereit, jetzt zum Ammersee rauszufahren ? 

Rob liest in den übernächtigten Gesichtern. Kann er das von seiner Mannschaft fordern? 

ROB. Es wird doch bald hell! 

In diesem Augenblick geht das Licht wieder an. Stutzi, wie einer der Techniker heißt, hat die Sicherung gefunden; die Mitarbeiter lachen. Der wiederkehrende Strom gibt ihnen ein Zeichen zum Aufbruch. 

1149 Ammersee-Ufer


Das erste Morgenlicht wirft einen zarten Schleier von rosarotem Dunst über das Wasser. Die Möwen, vom ankommenden Filmteam aus dem Scl~laf gescheucht, schwirren aufgeregt über der Uferzone. Die Kameras sind nur als Silhouenen wahrnehmbar, als die Techniker sie auf die Stative stellen. Die Arbeit geschieht wortlos. Es ist kalt. Der Atem der Männer gefriert vor den Mündern. Ein Probelauf wird gemacht, die Morgenzeit in vierundzwanzig Partikel pro Sekunde zerhackt. Hermann steht mit Rob an einen Zaun gelehnt. Im Hintergrund das Forsthaus von Robs Eltern.

HERMANN. Als ich sechzehn war, habe ich mir Zukunft immer als etwas vorgestellt, das auf mich zukommt. Zu-kunft - ich dachte, ich bräuchte nur zu warten.

ROB. Wie mit meinem Vater auf der Jagd. Man sitzt da, vergißt, was man will, beobachtet, und dann kommt das Wild. Erika bringt den beiden Künstlern heißen Tee in Pappbechern.

HERMANN. Reinhard hat auch gewartet.

ROB. Vielleicht hätte er einen schönen Film gemacht.

HERMANN. Oder einen schlechten. Das ist reine Spekulation, Rob.

ROB. Du warst nicht sein Freund. Ich war mit Reinhard sieben Monate in Mexiko. Für mich liegt da unten einer, der gute Karten hatte.

HERMANN. Wir müssen uns anstrengen. Das ist das einzige, was zählt.

ROB. Schade, daß Helga weggelaufen ist.

HERMANN. Ja, schade. Wir sind immer weniger geworden.

ROB. Ja, warum? 

Rob sieht, daß er bei den Kameras gebraucht wird. Er läBt Hermann mit seinen Grübeleien allein. Es wird allmählich heller. Vier Kameras stehen aufnahmebereit am verschneiten Seeufer, so ausgerichtet, daß auch hier wieder ein aus vier Teilbildern zusammengesetztes Panoramabild entstehen kann. Dagmar, die mit hierhergekommen ist, hält nach der Stelle Ausschau, an der Reinhard ertrunken ist. Sie wendet sich an Hermann. 

DAGMAR. Wo ist es eigentlich passiert?

HERMANN. Ungefähr da. Genau heute vor einem Jahr. 

Rob hat noch einmal das Licht gemessen. Jetzt ist genau die Menge von Tageslicht vorhanden, die er für die Belichtung des Films braucht. Er gibt seinen Mitarbeitern Zeichen. 

ROB. Ihr seid im Bild!

Hermann sieht auf den See hinaus. 

HERMANN. Für mich wird das Wort »Ammersee« immer nach Reinhard klingen. 

Rob ruft nach Hermann. Da das Panoramabild den ganzen Halbkreis umfassen wird, müssen auch Hermann und Dagmar zu der Gruppe um Rob kommen und dort in die Hocke gehen. Nur so sind sie vor dem Blick ihrer Optik sicher. Rob nimmt die Steckverbindung zu den Batterien in die Hand. Er dreht sich um. Die Gesichter sind voller Erwartung. Ein paar Minuten werden jetzt, wenn die Kameras laufen, aus ihrer aller Leben herausgeschnitten und für alle Zeiten in Film verwandelt. 

ROB. Hommage an Reinhard! 

1150 Elternhaus Rob

Rob lädt die ganze Crew zum Frühstück in sein Elternhaus ein. Am liebevoll gedeckten Tisch essen die Filmleute schweigend, ausgelaugt und erschöpft ihr Frühstück. Die große Standuhr tickt, das Geschirr klirrt, Robs Eltern sehen lächelnd zu, wie es den Freunden ihres Sohnes schmeckt. Als Dagmar durch das Fenster auf den See hinausblickt, entdeckt sie ihre kleine Schwester, die unten auf dem Holzsteg erscheint. Dagmar springt erstaunt auf. 
1151 Ammersee, Bootssteg 


Sie erreicht den Holzsteg. Sie sieht, daß Trixi ganz vorn am Stegende steht und fürchtet, sie könnte hineinspringen, wenn sie ihr zu nahe kommt. Deswegen spricht sie ihre Schwester von weitem an. 

DAGMAR. Trixi, wie kommst du denn hierher? Komm mit rein, bei Rob gibt's Frühstück. 

TRIXI. Ihr frühstückt - und ich mache, was ich will! Ist das klar? Jetzt kommt Dagmar näher. 

DAGMAR. Bist du auch wegen Reinhard da? 

TRIXI. Ja. 

DAGMAR. Traurig. 

TRIXI. Was ist schon dabei, wenn einer stirbt! 

DAGMAR. Du machst mir angst. 

TRIXI. Ihr macht mir angst. 

1152 Reisebüro

Das Reisebüro, in dem Schnüßchen arbeitet, hat Hochbetrieb. Mehrere Kunden wollen gleichzeitig bedient werden, und Schnüßchen ist ganz in ihrem Element. Sie macht sich gut als Geschäftsfrau. Helga und Katrin wollen mit Schnüßchen sprechen. Sie wissen aber nicht, wie sie an die Uberbeschäftigte herankommen sollen. Helga drängelt sich einfach vor. 

HELGA. Entschuldigung, nur eine kurze Frage. 

KUNDE. Nein, jetzt bin ich zuerst dran. Schnüßchen telefoniert gerade mit einer Agentur in Italien. Sie plappert italienisch, als wäre es Hunsrücker Dialekt. 

HELGA. Sag mal, weißt du, wo der Hermann ist? Ich suche ihn seit Tagen, und bei der Isarfilm kriege ich auch keine Auskunft. 

SCHNUSSCHEN. Hast du's mal auf dem Ausstellungsgelände probiert? 

HELGA. Ja, natürlich, aber da lassen sie mich nicht rein. 

SCHNUSSCHEN. Helga, ehrlich gesagt, du kommst mir im Moment ziemlich ungelegen. Entschuldigung! 

HELGA. Mein Gott, jetzt sei doch nicht so geschäftlich! Du siehst ihn doch heute abend, du kannst ihm doch was ausrichten. 

SCHNUSSCHEN. Ich sehe den Hermann seit Monaten nur noch sehr selten. Ich rate dir, versuch's mal auf dem Ausstellungsgelände. _ Schnüßchen läBt Helga stehen. Sie eilt mit den ausgefnllten Formularen eines Kunden zu ihrem Chef, der an einem der Schreibtische im Hinter-grund arbeitet. 

SCHNUSSCHEN. Herr Merkel, können Sie da bitte mal Rimini, Hotel Marina festmachen, ja? 

Als Helga nicht losläBt und Schnüßchen zu einem anderen Tresen folgt, läft sie sich zum Schein auf Helgas Anliegen ein. Sie bittet sie, in der Warteecke zu warten, bis sie die Kunden bedient habe. Schnüßchen verkauft Reisen nach Oberammergau, nach Ruhpolding und anderen schönen Orten im Alpenland. Als sie aber sieht, daß Helga und Katrin sich mit den als Dekoration dienenden Nationalitätenfähn-chen zu schaffen machen, entschuldigt sie sich bei ihrem Chef, um Zeit für ihre beiden Besucherinnen zu bekommen. 

SCHNUSSCHEN. Bei uns hat das Saisongeschäft begonnen, da rennt einem die Zeit richtig davon. Tut mir leid, daß ich euch nicht eher helfen konnte. 

HELGA. Was heißt denn hier nicht helfen können! Ich habe eine Menge Texte gemacht. Ich habe geschuftet wie blöd, und jetzt zahlen die nicht! 

SCHNUSSCHEN. Du, Helga, das mit dem Geld, das haben die sicher nur vergessen. Der Hermann und der Rob, die leben in ihren Experimen-ten. Die arbeiten Tag und Nacht, sogar am Wochenende. Neulich war schönes Wetter, aber die wissen nicht mal mehr, ob Sommer oder Winter ist. 

HELGA. Und was sonst in der Welt los ist, scheinen sie auch nicht zu wissen! 

SCHNUSSCHEN. Also, versauern tun die bei ihrer Arbeit schon nicht! Katrin versucht, der sinnlosen Diskussion ein Ende zu machen. Sie drückt Schnüßchen einen großen Umschlag in die Hand. 

KATRIN. Also, ich hab hier einen Text, und den mußt du Hermann geben. Es ist auch noch ein Brief mit dabei. Ich will, daß der Text mit reinkommt in die Aufführung. Er ist von mir und den Freunden vom SDS. Es handelt sich um eine politische Klarstellung, damit das Ganze nicht ohne gesellschaftskritisches Bewußtsein bleibt. Ich fürchte näm-lich, daß es sonst darauf hinausläuft. 

HELGA. Und kannst ihm ruhig sagen, daß er sich der Ausbeutung von Arbeitskräften schuldig macht, wenn ich mein Geld nicht kriege. 

SCHNUSSCHEN. Also, das mit dem Geld, das sehe ich ein. Ich sag's ihm. Aber mit dem Text, das müßt ihr ihm schon selber sagen.

Schnüßchen gibt Katrin ihren Umschlag zurück und geht entschlossen weg. Nun erwacht ein böser Haß in Helgas Seole. Sie nimmt ihr Feuer-zeug und zündet damit eins von den Fähnchen, die dekorativ im Schau-fenster stehen, an. Es ist die amerikanische Flagge, das Symbol des »Imperialismus«, des »Kapitalismus« und des »Konsumdenkens«. Helga und Katrin freuen sich über ihre »revolutionäre Tat« und suchen das Weite. 

1153 Messegelände

Der Novembertag im Jahre I968, an dem das Wort Varia-Vision end-lich in riesigen Leuchtbuchstaben über der Ausstellungshalle prangt, ist ein schneebedeckter Frühwintertag. Es scheint, daß die Arbeit an dem Projekt sich in allen entscheidenden Stadien immer im Winter abspielt. Helga und Katrin rasen in einem Volkswagen am Zaun des Ausstel-lungsgeländes entlang. Sie suchen einen Hintereingang, denn sie sind zur Eröffnung nicht eingeladen worden, und am Haupteingang hat man sie abgewiesen. Der Volkswagen nähert sich der Halle mit der Leucht-schrift. Katrin hält an. Da ist dieser verdammte Zaun! Helga meint, Hermann zu erkennen, der gemeinsam mit Konsul Handschuh und einer Gruppe von Journalisten am Halleneingang steht. Sie ruft laut seinen Namen. Auch Katrin beteiligt sich an den Rufen. Helga klettert am Maschenzaun empor, um besser sehen zu können und auch, um bemerkt zu werden. Da kommt ein Wachmann mit seinem Schäferhund gelaufen. Er schreit Helga und Katrin an und fordert sie auf, sofort zu verschwinden. Alle Argumente der beiden Frauen, daß sie eingeladen werden müßten, weil sie »dazugehören«, alles Geschimpfe wegen des autoritären Tonfalls des Wachmanns und alles Gekläffe des Hundes ändert nichts daran, daß Hermann die Szene nicht bemerkt, weil er gar nicht in der Nähe ist. 

WACHMANN. Haben Sie überhaupt eine Einladung? 

HELGA. Wir müssen hier rein, verstehen Sie das? WACHMANN. Sie können hier nicht rein. Hier ist ein Zaun, das sehen Sie doch! 

KATRIN. Wie kommen wir denn sonst hier rein? Nehmen Sie Ihren Köter weg hier! 

HELGA. Nehmen Sie Ihren Köter weg!

KATRIN. ScheiEhund!  

HELGA. Haben Sie uberhaupt einen Waffenschein für dieses Tier? 

WACHMANN. Sie haben hier nix zu suchen! HE~GA. Das sind ja Methoden wie früher. . . Das Gekläffe geht noch eine Weile so, bis sowohl der Hund als auch die Frauen die Lust daran verlieren und sich auf beiden Seiten des Zaunes zurückziehen. 

Konsul Handschuh fahrt die Journalistengruppe zum festlich ge-schmückten Halleneingang. Hübsche, uniformierte Hostessen helfen die Leute zusammenzuhalten und kontrollieren die Presseausweise. Es sind Journalisten aus aller Welt und von den bekanntesten internationa-len Zeitungen erschienen. 

HERMANN. Der Premierentag war viel zu früh gekommen. Zuerst hatte es geheißen, es sollte der 5. Februar sein. Dann hatten die Geldgeber den Termin vornerlegt, um die Anwesenheit einer internationalen Journalistengruppe zu nutzen. Die Techniker und wir schufteten Tage und Nächte, um den Termin zu schaffen. Zwei Wochen früher, das war der Wahnsinn! Es ist uns in der ganzen Zeit kein einziger Probelauf gelungen. Seit mehr als einem Jahr hatten wir die höchsten Mafstäbe angewendet, jede Liebe zum Detail, jeden Perfektionis-mus. Und jetzt reduzierte sich alles darauf, die Anlage überhauptzum Laufen zu bringen. Wir waren völlig mit den Nerven fertig. 

1154 Varia-Vision, Ausstellungshalle

Der Zugang zur Halle führt durch eine sogenannte Lichtschleuse. Das bedeutet, daß die Journalisten Konsul Handschuh durch einen Laby-rinthgang folgen müssen, der vollkommen in Schwarz gehalten wurde. Man würde die Richtung verlieren, wenn nicht immer wieder Hinweis-pfeile mit dem geheimnisvollen Titel der Veranstaltung angebracht wären. Die Hostessen verteilen Champagnergläser. Die Reporter halten dem Konsul ihre Mikrofone vor das Gesicht, die Blitzlichter flammen auf. KONSUE HANDSCHUH. Meine Damen und Herren, bevor wir die Halle betreten, um einen historischen Moment zu erleben, möchte ich Ihnen noch ein paar Erläuterungen geben. Es war von Anfang an meine Vorstellung, Film neu zu begreifen. Seit der Erfindung der Cinematographie ist Film ja nichts anderes als die Vorführung be-wegter Bilder auf einer Bühne. Die Leinwand steht auf einer Bühne hinter einem Vorhang wie der Schauspieler, und wenn der Vorhang sich hebt, beginnt die Vorstellung. - Ich frage mich, ist das nicht alles gedankenlose Nachahmung des Theaters? Herr Zielke steht an einem Elektrokasten, an dem es eine Störung zu geben scheint. Er schnuppert, weil es verbrannt riecht. Er öffnet die Metalltür. Dort im Innern des Kastens springen elektrische Funken über, etwas schmort. Herr Zielke schließt den Kasten schnell wieder und stellt sich mit seinem Rücken davor. 
1155 Regieraum

Alle Fäden laufen in dieser eigens eingerichteten Regiezentrale zusam-men. Hier gibt es die Steuerpulte, die Bandspieler, die Gleichrichter und die Relaisstation für das gesamte Programm. Herr Groß, Rob, Her-mann und die Techniker sind fieberhaft damit beschäftigt, die Anlage zum Laufen zu bringen. Auf dem Steuerpult leuchten plötzlich alle Kontrollämpchen auf einmal auf. GROSS. Wir haben eine Störung. ROB. Herr Groß, was heißt Störung? GROSS. Ich weiß es nicht!