Film 12: Drehbuch

Zwölftes Buch
Die Zeit der vielen Worte
(1968/69) 
 
1201 Grenzübergang Hirschberg


Das kreisrunde Staatsemblem der DDR mit Hammer und Zirkel in der Mitte, mit heraldisch stilisierten Ähren rundum und der schwarz-rotgoldenen Trikolore darunter wirkt schäbig in seiner laienhaft-überladenen Grafik. Es zeigt den Autofahrern, die in den schnittigen Wagen der westlichen Designgesellschaft daherkommen, daß ihre Welt hier zu Ende ist. Von hier ab gelten die Gesetze des ewig Gestrigen, der Uniformen, der Lederriemen, der Unterordnung. Wachtürme, Stacheldraht, hohe Betonzäune, Kandelaber aus verwittertem Eisenbeton bestimmen die bedrückende Atmosphäre des Platzes, der mit rechteckigen Betonplatten ausgelegt ist. Hier zieht es immer. Die Gebäude, die als Befestigungswall und als Unterkünfte der Kontrollbeamten dienen, sind so heruntergekommen und so beliebig in ihrer Bausubstanz, daß man denken könnte, sie seien zur Abschreckung der Fremden erbaut worden. Unter einem langgedehnten Zickzackdach stehen Betonhütten, an denen die Westautos vorbeifahren müssen. Grenzpolizisten, die überall wie Taschendiebe herumschleichen, beobachten vor allem die Westdeutschen, die in den Autos sitzen. Hier herrscht Feindschaft, die sich in jedem Augenblick gegen die Transitreisenden richten kann. Die Abfertigung in den Paßkontrollen und Zollbaracken geschieht betont langsam. In einem Kombiwagen mit Münchner Kennzeichen kommt Stefan angerollt. Olga sitzt neben ihm und hilft ihm, die spärlichen Hinweisschilder zu entziffern. Als der Wagen vor ihnen das Zeichen zur Weiterfahrt erhält, fährt Stefan vorsichtig bis zu einem Stoppschild, das zwanzig Meter vor dem Kontrollhäuschen steht. »Motor abstellen«, liest Olga auf einem der Schilder. Stefan stellt seinen Motor ab. Der Polizist hinter der Glasscheibe läßt sich nicht anmerken, ob Stefan warten soll oder nicht. Ein zweiter Uniformträger umschleicht Stefans Auto, als hätte er einen bestimmten Verdacht. 

STEFAN. Es ist jedesmal so, als würde man ins KZ eingeliefert. Die könnten doch wenigstens mal freundlich »guten Tag« sagen. Aber das ist wohl nicht so im Sozialismus.

OLGA. Die sind neidisch auf uns. 

Der Uniformierte im Häuschen sieht durch Stefan und Olga »hindurch«, als gäbe es im Hintergrund einen Film zu sehen, dem er unbewegt folgt. Stefan wartet. Er weiß, daß hier alles gegen ihn verwendet würde, wenn er ausstiege, um zu fragen, ob und wann er weiterfahren darf. Wäre das vielleicht schon ein Grund, auf ihn zu schießen, oder ihn anzubrüllen und ihn dann endlos warten zu lassen? Dieser Staat vermittelt schon in den ersten Minuten, die man auf seinem Territorium verbringt, das Gefühl völliger Unsicherheit. Stefan atmet seufzend und mit gebändigter Ungeduld. 

STEFAN. Wir müssen nicht vor sechs Uhr in Berlin sein. Vorher ist der Bernd nicht da, und wir kommen nicht in die Villa rein. Rob wird auch erst um diese Zeit mit der Kameraausrüstung ankommen. 

Dem Mann hinter der Scheibe wird von einer anonymen Hand ein Päckchen mit Papieren gereicht. Er studiert die Pässe, wirft gelegentliche Blicke auf Stefan und sein Auto, aber auch wieder in die Ferne auf jenen unsichtbaren Film im Hintergrund. Da kommt das Zeichen. Es ist ein winziges, kaum bemerkbares Winken mit der Hand, die Stefans Paß hält. Schon wieder diese Unsicherheit! Stefan startet den Motor und rollt langsam auf das Kontrollhäuschen zu. Er hat Glück gehabt: Das Winken hat ihm gegolten, er darf weiterfahren.
12O2 Fahrt durch die DDR


Hier beginnt das »andere Lager«, eine Welt, in der Stefan und Olga ihre Freiheit ablegen müssen wie ein unerwünschtes Kleidungsstück. Ihr Auto rollt nun auf dem holprigen Endlosband der Autobahn, über die schon Hitlers Panzer im Zweiten Weltkrieg gerollt sind. Die Landschaft draußen ist gelbbraun, von merkwürdigen Silos und Starkstrommasten besiedelt, und wirkt, als ob hier keine Menschen lebten. Nur der schwelende Gestank von Chemikalien und Düngemitteln dringt ins Innere von Stefans Auto. Olga versucht, von den Angstgedanken abzulenken. 

OLGA. Soll ich dir mal den Esther-Monolog aus der Venedig-Szene vorspielen ?

STEFAN. Nein, jetzt lieber nicht.

OLGA. Ich habe die aber damals ganz genau mit Reinhard durchgespro-chen. Paß auf, das geht so. ..

STEFAN. Olga, du weißt doch, daß ich mich nicht nach Reinhards Vorgaben richte.

OLGA. Ja, aber ich will mich ganz fallen lassen, eine andere sein. Ich stelle mir die Dreharbeiten so vor, daß mich keiner mehr Olga nennt, nur noch Esther, einverstanden ?

STEFAN. Olga!

OLGA. Esther!

STEFAN. Olga, so genial unser Reinhard war, aber für politische oder historische Realitäten hat er überhaupt kein Gespür gehabt.

OLGA. Aber seine Menschen! Seine Menschen, die haben Blut in den Adern. Also, paß auf. Ich hole jetzt den Zettel, den Reinhard damals geschrieben hat, warte doch mal.

STEFAN. Olga, bitte bleib sitzen! Du verstehst mich nicht. Du begreifst das Dritte Reich erst, wenn wir in Berlin sind. München, das war immer nur eine Idylle, ein großgewordenes Kuhdorf. In Berlin, da bekommt unser Film historische Dimensionen. 

Bei ihrem Versuch, das Drehbuch aus dem Gepäck zu holen, das sich auf der hinteren Ladefläche befindet, ist Olga auf den Sitz gestiegen und beugt sich so weit über die Lehne, daß Stefan Angst bekommt, die DDR--Polizei könnte an Olgas Spontanaktion Anstoß nehmen. Tatsächlich stehen am nächsten Parkplatz Uniformierte, die ihn auf die Parkspur herauswinken. Stefan gehorcht, hält an der angezeigten Stelle an. Schon wieder muß er warten, weil die Polizisten erst einmal ein anderes West-Auto kontrollieren und ihm nicht zu erkennen geben, wie lange es dauern wird. Olga versinkt in Gedanken. 

OLGA. Immer sind die Männer, an die ich mich halten wollte, gestorben. Ansgar, Reinhard...

STEFAN. Sag so was nicht in dieser Situation!

OLGA. Vielleicht ahne ich so was und spüre, daß einer nicht lange lebt. Vielleicht verliebe ich mich deshalb.

STEFAN. Du meinst hoffentlich nicht mich!

OLGA. Du wirst einmal uralt werden, Stefan. 

Jetzt kommt der DDR-Polizist auf Stefans Wagen zu. Stefan kurbelt die Scheibe herunter und sieht den Beamten fragend an. 

DDR-POLIZIST. Zeigen Sie mal Ihren Führerschein! 

Stefan hat seine Papiere noch von der Grenzkontrolle her auf dem Armaturenbrett liegen. Der Beamte nimmt das Dokument entgegen. Sein Gesicht nimmt einen arroganten, verächtlichen Zug an. 

POLIZIST. Haben Sie das Schild nicht gesehen? 

STEFAN. Welches Schild?

POLIZIST. Dürfen Sie in der BRD die Geschwindigkeitsbeschränkung überschreiten ?

STEFAN. Welche Geschwindigkeitsbegrenzung?

POLIZIST. Sechzig Ka-em-ha!

STEFAN. Da war aber kein Schild. 

Das hätte Stefan nicht sagen sollen! Der Polizist ist nun entschlossen, ihn seine Macht spüren zu lassen. 

POLIZIST. Werden Sie nicht frech! Da zeigen wir doch gleich mal den Paß. 

Stefan gibt seinen Paß herüber. Olga sitzt aufrecht, als wollte sie jeden Moment aus dem Auto springen. Der Vopo blättert in Stefans Paß und wirft Kontrollblicke in das Auto. 

POLIZIST. Was sind Sie? Regisseur? Was drehen Sie denn da so für Filme?

STEFAN. Spielfilme.

OLGA. Cinema d'amore.

POLIZIST. Das ist italienisch! Ja ja, Italien. .. 

Es scheint, daß der sehnsüchtige Gedanke an Italien selbst diesen Schergen für Sekunden zum Menschen macht. Im Grunde leidet auch er unter dem Eingesperrtsein. Ein Leidenslächeln weht über sein Gesicht. Er wirft einen flüchtigen Blick auf Olga und ihr elegantes Kleid. Er muß einmal kurz schlucken, ehe er wieder zur Sache kommt und sich an Stefan schadlos hält. 

POLTZIST. Sind Sie mit hundert Mark Strafe einverstanden?

STEFAN. Andernfalls?

POLIZIST. Andernfalls müssen Sie nämlich gleich mit. 

Stefan zahlt die Strafe. Er erhält eine Quittung und darf weiterfahren. 

STEFAN. Weißt du, was das war? Eine Devisenfalle. Scheißland! Das paßt zu denen, daß sie sich selbst eingemauert haben, haben sich selbst in den Knast gesperrt, und da gehören sie auch hin.

Die Schlaglöcher in der Betonpiste sind hier besonders tief, so daß Stefan und Olga rhythmische Stöße ertragen müssen. Vielleicht 

1203 Villa in Berlin


Die Villa, in der Stefans Dreharbeiten stattfinden sollen, liegt unweit des Wannsee-Ufers inmitten eines hochherrschaftlichen Gartens mit altem Baumbestand. Das Haus ist im Stil eines Jagdschlößchens gebaut, in dem sich alpenländische und englische Stilelemente auf abenteuerliche Weise mischen. Das Gebäude hat ein ähnlich verspieltes Dach mit Turm und Türmchen wie der ehemalige »Fuchsbau« in München. Es ist alles nur noch großbürgerlicher, noch reicher. Stefans Auto rollt den breiten Kiesweg hinab, an einer Art Gesindehaus vorbei auf einen gepflegten Rasen zu, vor dem es zum Stehen kommt. Olga, die das Haus zum ersten Mal sieht, steigt langsam und von den vielen Fragen, die jetzt in ihr aufsteigen, beunruhigt aus dem Wagen. Sie sieht sich um. 

STEFAN. Olga, das ist also für die nächste Zeit dein Haus. Was sagst du dazu? 

Von einem plötzlichen Impuls der Vorfreude gepackt, rennt Olga in die Wiese hinein. Sie stößt einen Schrei aus. Aber sogleich bremst sie sich wieder ab und kehrt mit gespielter Resignation zu Stefan zurück. 

OLGA. Ach, nein, als Esther habe ich nie darin gewohnt, da kann ich gar kein Verhältnis zu der Villa haben. 

STEFAN. Olga, reg dich doch nicht auf. Schau mal genau hin! Schau, allein der Anblick, der erzählt doch schon eine ganze Menge. Dieser Herrschaftsanspruch, die Fassade, die die kleinen Leute abweist und die großen empfängt. OLGA. Du bist der Regisseur. Die Geschichte mußt du erzählen. 

Hoch oben unter dem Turmdach gibt es einen Balkon, auf dem Bernd, der sächsische Aufnahmeleiter, erscheint. Er ist nach seinem Ausflug ins Land der Gastronomie froh, nun wieder beim Film tätig sein zu können. Er faßt zwei junge Frauen um die Schultern und präsentiert sie seinem Regisseur, der von seinem Turm aus gesehen ganz winzig wirkt, so weit unten auf der Wiese. 

BERND. Grüß Gott, Herr Aufhäuser! Grüß Gott, Fräulein Olga, kom-men Sie ruhig rein, wir warten schon.

STEFAN. Ist die Maske schon da?

BERND. Ja, freilich! Und die Kostüme sind auch schon da mit den beiden Garderobenmädels. 

Während Bernd seine beiden Garderobenmädels wieder ins Haus zu-rückkehren läBt, geht Stefan mit Olga zum Haupteingang des Hauses. 

STEFAN. Wir färben dir die Haare, Olga. Du mußt schwarze Haare haben.

OLGA. Ach, meinst du das immer noch? Du vergißt immer, daß Esthers Vater bei der SS war.

STEFAN. Wie du so auf mich zugekommen bist, da habe ich gespürt, daß du schwarz sein mußt. Das gibt dir so was Fremdes. Das ganze Bild wird irgendwie so fremd davon. 

Rob, der schon eine Reihe von Tagen früher hierhergekommen ist, erwartet die beiden auf der Haustreppe. 

ROB. Herzlich willkommen, wie war die Fahrt?

STEFAN. Teuer.

ROB. Teuer? Übrigens, das mit den schwarzen Haaren ist richtig. Das hat Reinhard so ins Drehbuch geschrieben.

OLGA. Ich bin da anderer Meinung. Ich bin Esther, so einfach ist das.

STEFAN. Du mit deinem Reinhard! Ich habe drei Jahre im »Fuchsbau« gelebt, bevor überhaupt irgendeiner von euch aufgetaucht ist. Durch mich hat Reinhard die ganze Geschichte überhaupt erst kennenge-lernt. Ohne mich hätte er das Drehbuch gar nicht schreiben können. Olga, jetzt bleib mal da! 

Olga hat sich Stefans Reden nicht anhören wollen. Sie ist einfach ins Haus hineingegangen und läßt Stefan keine Gelegenheit, seine Argu-mente auch vor ihr darzulegen. 

1204 In der Berliner Villa


Das Innere der Villa ist bereits für den Film hergerichtet: Die ehemalige Veranda hat sich in einen Masken- und Garderobenraum verwandelt, hier sind die Schminkspiegel und Kleiderständer aufgebaut. Kleindarsteller und Assistenten tummeln sich in den Räumen, probieren Kostüme oder machen sich wichtig. Robs Beleuchter haben begonnen, das Wohnzimmer mit dem benachbarten Salon sowie die geräumige, holzvertäfelte Diele auszuleuchten. Dazu werden sogenannte »Pole Cats«, das sind lange Aluminiumrohre, unter die Zimmerdecke gespreizt. Allerlei Kabel und kleinere Lampen werden auf diese Weise hoch über den herumeilenden Menschen befestigt. Stefan, der das Bedürfnis hat, sofort die Herrschaft über alle Aktivitäten und Teammitglieder zu ergreifen, baut sich hinter dem langen Tisch auf und beginnt eine Ansprache. 

STEFAN. Jetzt hört mal alle her! Ich möchte zur Begrüßung etwas Grundsätzliches sagen: Ein Film besteht aus lauter Einzelheiten, die man nicht sieht. Deshalb möchte ich, das heißt, ich wünsche mir, daß wir alle eine große Familie werden. Ich meine, daß sich jeder für das Ganze mitverantwortlich fühlt. 

Rob kommt mit Herbert, seinem Oberbeleuchter, herein. Nach Robs Anweisungen steigt Herbert direkt vor dem redenden Stefan auf den Tisch, um eine Lampe unter der Decke anzubringen. Rob wendet sich an Herbert. 

ROB. Da mach dir mal keine Sorgen, oder, Herbert?

HERBERT. Wirklich net!

ROB. Schau mal, da oben geht's.

HERBERT. Da oben geht's wunderbar. 

So wird Praxis gegen Theorie, Technik gegen die Regieambitionen gesetzt. Stefan hält inne. Er konzentriert sich nun auf Ulla, seine Regieassistentin. 

STEFAN. Ulla, wir haben uns jetzt drauf geeignigt, daß wir Olga die Haare schwarz färben.

ULLA. Da müssen wir aber sofort einen Termin machen. 

STEFAN. Ja, muß man . . .

Bernd, der emsige Aufnahmeleiter, kommt die Treppe vom Ober- geschoß herunter. Er verteilt Pappbecher an alle und öffnet eine Sekt- flasche.

STEFAN. Also, laßt uns einen schönen Film machen!

ULLA. Prost!

BERND. Na, Fräulein Olga, sind Sie schon aufgeregt?

OLGA. Natürlich. Das wäre ja ganz unnatürlich, wenn ich jetzt eiskalt wäre. Nicht wahr, Frau Wunderlich ? 

Frau Wunderlich ist eine ältere Schauspielerin, mit der Olga sich soeben bekannt gemacht hat. Bernd schenkt auch ihr einen Becher Sekt ein und prostet ihr zu. 

BERND. Nächstes Jahr im Mai werden Sie vielleicht in Cannes auf der Bühne stehen und sich vor der Weltpresse verbeugen. Wer weiß, Fräulein Olga, ob wir nicht sogar einen Preis bekommen. Der deutsche Film ist schwer im Kommen! 

Stefan, Ulla und die Garderobenmädels stehen in der Tür. Was Bernd da sagt, das hören sie allzu gern. 

1205 München, Isarfilm, Tonstudio


Hermanns Studio für elektronische Musik ist inzwischen ein ganz perfekt eingerichtetes Labor für Klangerzeugung geworden. Hermann und Herr Groß sind ein gut aufeinander eingespieltes Team, von Erika immer noch liebevoll umsorgt. Hermann produziert die Filmmusik für Stefan. Mit jeder Steckverbindung, die er herstellt, und mit jeder Reglerbewegung auf dem riesigen Mischpult entstehen neue, meist aggressive, scharf klingende Töne. Das Telefon läutet. Erika, die den Anruf entgegennimmt, reicht den Hörer an Hermanns Ohr. 

ERIKA. Das ist der Stefan! Aber er hat scheinbar wenig Zeit.

HERMANN. Stefan! Wunderbar, sehr gut! Ich habe etwas Großartiges gefunden für unseren Film. Eine Art Titelthema, oder einen Titelklang. Das mußt du dir anhören. 

Warte mal einen Moment. 

1206 Berliner Villa


Stefan hat sich in der Berliner Villa zum Telefonieren in eine Fensternische zurückgezogen. Der Raum ist erfüllt vom Lärm vieler Stimmen. 

STEFAN. Wir haben gerade eine Teambesprechung. Hier ist die ganze Bude voller Leute.

HERMANN. Stefan, bitte, du mußt dir das anhören! Einen Moment. Paß auf!

STEFAN.O. k., laß laufen. 

Hermann startet eine seiner Tonbandmaschinen und hängt dann den Telefonhörer vor den großen Studiolautsprecher. Die elektronischen Klänge klingen nun in Stefans Ohr wie eine gewaltige Übertragungsstö-rung im Telefonnetz, als hätten alle Verstärker und alle Richtfunkstatio-nen der Post angefangen zu schmoren. 

ROB. Kommst du mal? Deine Familie diskutiert. Könnt ihr vielleicht das Ganze woanders hin verlagern? 

Die Diskussionen im Raum sind noch leidenschaftlicher geworden, so daß Rob einschreitet. Er versucht, Stefan vom Telefon wegzulocken. Das aber gelingt ihm nicht, weil draußen im Hof Helga erschienen ist. Zusammen mit ihrer Genossin Katrin und einem jungen, langhaarigen Mann mustert sie die Fahrzeuge mit den Filmgeräten, die im Hof stehen. Schließlich entdeckt sie auch Stefan hinter seinem Fenster. Helga fixiert den ehemaligen Freund mit ihren fanatischen Augen. Stefan, der das Telefon nicht verlassen kann, weil Hermanns Musik immer noch nicht zu Ende ist, verfolgt mit Blicken, wie Helga und ihre beiden Begleiter durch die Hintertür ins Haus kommen. Katrin mischt sich sogleich in die Diskussionen ein, die sich nun um »Demokratisie-rung des Teams«, »Mitspracherecht in inhaltlichen Fragen« und ähnli-che Themen drehen. Helga geht lächelnd auf Stefan zu. Sie grüßt aber nicht. Stefan wird nervös. Er drückt sich an ihr vorbei und legt den Telefonhörer einfach auf einen Stuhl. Dann schaltet er sich in die Diskussion des Teams ein. 

STEFAN. Ich verstehe euch ja, daß ihr Mitspracherecht wollt. Auch in inhaltlichen Fragen. Ich habe das ja erst gestern angeboten. Niemand will gerne Befehlsempfänger oder Ausführungsorgan sein. Aber so habe ich das nicht gemeint.

ZWISCHENFRAGE. Ja, wie denn?

STEFAN. Die Regie ist immer noch unteilbar. Ich könnte stundenlang erzählen, was ich unter Autorenkino verstehe. 

ROB. Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt, Stefan. 

BERND. Also, so ein Filmteam, das ist was Öffentliches. 

1207 München, Isarfilm

Endlich ist Hermanns Musikbeispiel zu Ende gegangen. Voller Stolz nimmt Hermann den Telefonhörer wieder in die Hand. 

HERMANN. Na, Stefan, wie findest du das? 

1208 Berliner Villa


Katrin, die in der Berliner Wohnung den Hörer auf dem Stuhl liegen sieht, hat sich das letzte Stück von Hermanns Musik noch mit angehört. Nun erkennt sie seine Stimme. 

KATRIN. Klingt beschissen! 

1209 München, Isarfilm

HERMANN. Katrin, wie kommst du denn da rein? Grüß dich! 
1210 Berliner Villa


KATRIN. Wir haben ein kleines »Go-in« gemacht. Wir wollen dem Stefan mal auf den Zahn fühlen. Macht Spaß.

HERMANN. »Go-in«?

KATRIN. Willst du nicht herkommen ? Hier versäumst du was. 

HERMANN. Ich habe keine Zeit, ich habe soviel zu tun.

KATRIN. Willst du mal hören? 

Katrin hängt den Telefonhörer an ein Lampenstativ und richtet ihn nach der Diskussionsgruppe aus. Hermann hat nun das Hörspiel einer Teamrevolte am Apparat. 

ROB. Stefan, laß dir das erklären. Die Statisten, die wollen das Drehbuch lesen und anschließend den Inhalt diskutieren. So ist es doch, oder? Ja, und du sollst offenlegen, was du mit dem Film politisch aussagen willst. 

Auch Katrin beteiligt sich nun, versucht, die Diskussion noch anzuheizen. 

KATRIN. Das ist nicht persönlich gemeint, Stefan. Dahinter steht der ganz normale Anspruch auf nichtentfremdete Arbeit.

ZWISCHENRUF. Jetzt mischt die sich auch noch ein!

KATRIN. Deshalb wollen wir den Inhalt mitbestimmen.

STEFAN. Aber was sollen wir denn diskutieren? Der Inhalt steht doch fest. Es gibt ein Drehbuch, von dem wir nicht abweichen dürfen, weil wir sonst das Geld verlieren. 

Katrin kehrt zum Telefon zurück. Sie bringt den Apparat in eine Ecke, um unbeobachtet mit Hermann sprechen zu können. 

KATRIN. Machst du noch immer Reklamemusik, für diesen unsäglichen Konsul?

HERMANN. Ja.

KATRTN. Und die Familie? 

1211 München, Isarfilm


HERMANN. Danke der Nachfrage! 

Hermann hat sich auch in seinem Studioraum in eine Ecke zurückgezo-gen. Er versucht, Katrins Provokationen in einen Flirt umzuwandeln, was ihm mehr und mehr gelingt. 

1212 Berliner Villa


KATRTN. Laß doch die Scheiße hinter dir. Komm her, hier ist es lustig! 
1213 Isarfilm


HERMANN. Das hört man. Ihr macht Revolution. KATRTN. Revolution, ja. 
1214 Berliner Villa

KATRIN. Aufbruch in neue Gefilde! 
1215 München, Isarfilm 

HERMANN...ZU neuen Ufern.

KATRIN. Ja, zu neuen Ufern, ganz recht! 

HERMANN. Nein, das geht nicht. Ich habe viel zuviel zu tun. 

1216 Berliner Villa

KATRIN. Feigling! Du hast Schiß, hab ich recht? 
1217 München, Isarfilm

HERMANN. Und was hätte ich davon? 
1218 Berliner Villa

KATRIN. Was du davon hättest? 

Katrin läßt eine Spannungspause entstehen. Ihre Augen leuchten. 

KATRIN. Mich zum Beispiel! Jetzt bist du platt. Sag doch was! 

1219 München, Isarfilm 

Hermann schweigt. Er weiß selber nicht, ob er keine Worte findet, weil Katrin ihn verwirrt hat, oder ob es der Gipfel seines Flirts ist, wenn er das Schweigen nun absichtlich verlängert. Katrin hat ein Feuer in ihm entfacht. 

KATRIN. Hermann? 

HERMANN. Ja? 

1220 Berliner Villa


KATRIN. Ich habe oft an dich gedacht. Tatsache.

Stefan hat inzwischen die Diskussionen autoritär abgebrochen. Sein Team ist zwar auf diese Weise nicht zu beruhigen, aber Stefan hat ein wenig Zeit gewonnen. Er besinnt sich auf das Telefonat mit Hermann. Er nimmt Katrin den Hörer einfach aus der Hand. 

STEFAN.So, Freunde, jetzt ist Schluß! Es ist genug. 

Hermann? Ja, ich bin's. Du, hier ist die Demokratie ausgebrochen. Sei mir nicht böse. Was, der Klang? Der Klang ist gut! Er legt den Hörer auf, um zu seiner Arbeit zurückzukehren. Katrin sieht ihm kopfschüttelnd nach. 

STEFAN. Soll ich vielleicht den Beleuchter fragen? Oder den Fahrer, wie das hier zu funktionieren hat?

KATRIN. Du solltest dich mal reden hören, Stefan! Aus deinen Worten spricht das reine bourgeoise Klassenverhalten. Warum soll ein Be-leuchter nicht ein sehr klares Urteil über eine Szene haben, oder?

BELEUCHTER. Ist ja schon recht.

KATRIN. Die Arbeiter wissen vielleicht mehr vom Leben als wir Klein-bürgerkinder mit Universitätsabschluß. Schließlich sollen ja auch die Arbeiter ins Kino gehen. 

Es ist Katrin gelungen, die Diskussion wieder in Gang zu bringen. Nun mischt sich auch Kalle, ihr langhaariger Begleiter, ein. 

KALLE. Riskiere doch mal was mit deinem beschissenen Geld von diesem beschissenen Staat! Mach doch mal einen richtigen Agitprop-Film, daß denen in Bonn die Ohren sausen, daß sie sich wundern, was sie da bezahlt haben.

BERND. Zweihundertfünfzigtausend Eier.

KALLE. Mann, das ist ja verdammt viel Knete, reicht ja für ein paar »Mollis« extra. Rück doch mal was rüber, Mister Regisseur, oder wer ist denn hier der Regisseur?

STEFAN. Ich, dachte ich.

ROB. Dachte ich auch. 

Jetzt ist Stefan beleidigt. Er verschwindet in den benachbarten Salon und schaut dort demonstrativ zum Fenster hinaus. Er wäre so gern der empfindsame Künstler gewesen, den alle respektieren, aber niemand beachtet ihn. 

KATRIN. Die Frage heißt doch: Einzelregisseur oder Kollektivregie? Diese Frage ist ein allgemeines Problem heutzutage. Natürlich gibt es so etwas wie Genies, wobei die große Frage ist, ob Stefan ein Genie ist. Aber selbst wenn er eins wäre, wäre er in dem Augenblick überfor-dert, wo der Film sich mit gesellschaftlicher Realität beschäftigt.

GARDEROBIERE. Wieso?

KATRIN. Wieso, warum, was.

GARDEROBIERE. Das kann er doch! 

Helga, die bisher geschwiegen hat, ist bei Stefan im Salon erschienen. Sie sieht plötzlich müde aus und traurig. 

HELGA. Ich habe mein Kind jetzt bei mir.

STEFAN. Ich dachte, das ist bei deinen Eltern in Dülmen.

HELGA. Ich wollte nicht, daß es in dieser autoritätshörigen Kleinfamilie aufwächst. Das erschwert meine Lage. Außerdem geht meine politi-sche Arbeit vor.

STEFAN. Und der Vater des Kindes?

HELGA. Hundertdreißig Mark Alimente im Monat. Reicht nicht mal fürs Essen. 

Stefan dreht sich nach ihr um. So kennt er sie nicht. Er hat anderes von ihr erwartet, gerade in diesem Moment. Er versucht, sie zu verstehen. 

HELGA. Ich falle der Katrin und der Kommune zur Last, weil ich natürlich nichts zahlen kann. Das sind fünf Leute. Du mußt denen Jobs geben. 

Schon dreht sich alles wieder um. Stefan ist wieder der Angeklagte. Er schweigt und leidet erneut. Im Nebenraum geht die Diskussion weiter. 

KATRIN. Ihr müßt euer Bewußtsein ändern. Ihr müßt eure Motivation analysieren. Deshalb könnt ihr nicht einfach aufhören, diesen Film zu drehen. GARDEROBIERE. Genau, vollkommen richtig.

KATRIN. Also Diskussion statt sinnloses Drehen! 

Olga kommt herein. Ihre Haare sind pechschwarz gefärbt worden. Das verändert sie sehr. Sie ist gereizt, wie es nur Schauspieler sein können, die kurz vor ihrem Auftritt zuwenig Beachtung finden. 

BERND. Sie sehen aber hübsch aus, Fräulein Olga.

KATRIN. Wer ist denn das?

BERND. Unsere Hauptdarstellerin. 

OLGA. Was ist denn hier los, Rob? 

ROB. »Diskussion statt sinnloses Drehen.« 

OLGA. Wo ist Stefan?

KATRIN. Ich schlage jetzt mal vor, daß wir über die Gagen verhandeln. Ich könnte mir vorstellen, jeder sollte mal klarlegen, was er verdient. Nehmen wir alles zusammen, und dann teilen wir das durch die Anzahl der Teammitglieder. 

Olga will ihren Regisseur sehen. Er soll sich ihre gefärbten Haare anschauen und dafür sorgen, daß diese Diskussionen aufhören, an denen sie nicht beteiligt worden ist! Sie findet Stefan und Helga im Salon. Kaum ist ihr klar, welche Rolle Helga zu spielen beginnt, stürzt sie sich auf die Freundin aus alten Zeiten, um sie hinauszuwerfen. 

OLGA. Verschwinde! Du hast ganz richtig gehört, du gehörst nicht zum Team. Jetzt verschwinde hier! Du kommst hier einfach reingeschneit, fängst an, alles in Grund und Boden zu diskutieren, und ich, ich muß dann später als Schauspielerin meinen Kopf dafür hinhalten. Jetzt hau ab!

STEFAN. Olga, laß das. So geht's ja nun auch wieder nicht. 

HELGA. Na komm, nu laß mal. Wir reden später weiter. 

Im Durchgang will Kalle Helga zu Hilfe kommen. Sie nimmt ihn aber mit ins große Diskussionszimmer, um sich mit ihm zu beraten. Stefan beugt sich über Olga, die weint. 

STEFAN. Olga, wir müssen doch beide zugeben, daß viele Köpfe klüger sind als einer. Denk doch mal an die Kritiker. Alles gestandene Linke. Das ist doch wunderbar, wenn unser Projekt ideologisch abgesegnet wird. Die besorgen uns das hier gratis. 

Helga und Katrin haben beschlossen, sich nicht auf Stefans Hilfe zu verlassen. Sie setzen ihre Hoffnung auf den Demokratisierungsprozeß im Team. Helga wendet sich an alle. 

HELGA. Also, Kalle hat Kunst studiert. Er hat das erste Examen ge-macht, hat das zweite Examen gemacht und ist prima prädestiniert.

KATRIN. Die Gagen haben wir jetzt auch alle zusammen. 

STEFAN. Was für Gagen?

KATRIN. Ja, die Gagen, die ich gerade jetzt verhandle, dann teilen wir das Ganze eben durch zehn und nicht durch neun.

TONMEISTER. Seid ihr alle einverstanden? Ich nicht! 

GARDEROBIERE. Ich schon.

HELGA. Also, könnt ihr noch mal die Hände erheben, vielleicht, wer dafür ist. 

Helga, Katrin und Kalle erscheinen in Stefans Salon. Sie wirken locker und zufrieden. 

HELGA. Mit Kalle ist o. k., tschüß! 

KALLE. See you. . . 

Die drei Eindringlinge ziehen ab. Stefan tritt auf die Terrasse hinaus. Es wird Abend. Die Wannsee-Landschaft wirkt so idyllisch, daß man nicht glauben mag, wie aufgewühlt Stefan ist, als er seinen Blick auf dieses Bild des Friedens richtet. 

STEFAN. Seit Tagen drehte sich die Diskussion um die Frage: Was ist ein Team, und was ist ein Regisseur? Was kann der einzelne Künstler leisten? Und wozu bedarf es einer Gruppe, eines Kollektivs? Bei der zeitgeschichtlichen Thematik meines Films war das eine wichtige Frage, denn wie sollte ich allein die Antworten einer ganzen Generation finden? Ich wollte, daß alle Teammitglieder mitdenken und mithelfen, die Geschichte richtig zu erzählen. 

Stefan geht einsam durch das ganze Haus. Sein Team ist nun weggegangen. Nur der eifrige Bernd sitzt noch in seinem Turmstübchen und kocht sich eine Suppe. 

BERND. Herr Aufhäuser, ich kann Ihnen sagen, es hat mich bedrückt, die Kamera den ganzen Tag hier rumstehen zu sehen. 

Stefan antwortet nicht. Er geht die Treppe hinab und bleibt in der Diele stehen. Nun ist sein ganzer Kopf voll von den Szenen seines Films. Alles ist vorbereitet. Aber die Mitarbeiter verweigern ihm die Gefolgschaft. Was ist passiert? Stefan begreift nur langsam, daß sich etwas verändert hat - in den Köpfen seiner Leute. Bernd, der ihm unauffällig gefolgt ist, weil er sich Sorgen um seinen Regisseur macht, trifft auf dem Treppenabsatz Olga, die dort auf einem Fensterbrett sitzt und vor sich hinbrütet.

BERND. Sie werden sehen, Fräulein Olga, es wird sich alles noch zum besten wenden. Ich spüre, daß hier ein wunderbarer Film entsteht. Wir erleben nun mal eine revolutionäre Zeit.

Olga steht auf. Sie gibt Bernd eine schallende Ohrfeige. Dann verzieht sie sich in ihre Privatgarderobe im oberen Stockwerk der Villa. 

1221 Isarrfilm, Studiogebäude

HERMANN. Seit einundzwanzig Monaten war ich Angestellter der Isarfilm in München. Seit mehr als dreizehn Monaten hatte ich mein Studio für elektronische Klangerzeugung aufgebaut, und es war das modernste in ganz Europa, der Stolz der Firma und meines hinge- bungsvollen Mitarbeiters, des Tonmeisters Groß. 

Hermanns Studio befindet sich in einem ehemaligen Kino, das der Isarfilm auch als Aufnahmestudio für Filmaufnahmen dient. Als er mit Herrn Groß das Gebäude verläßt, um in das Auto seines treuen Tonmei- sters einzusteigen, öffnet sich ein Fenster im Obergeschoß. Es ist Erika, die herunterwinkt. 

ERIKA. Herr Simon!

HERMANN. Ja, was gibt s denn?

ERIKA. Der Chef hat grad ogruafa. Sie solln heut no vorbeischaun im Büro.

HERMANN. Gut. Wiedersehen, Erika!

HERMANN. Seit Monaten wartete ich darauf, daß unser Chef, Konsul Handschuh, endlich sein Zeichen zum Aufbruch gab: mein Aufbruch zu neuen. Ufern der Neuen Musik. 

1222 Büro Konsul Handschuh 


Herr Groß bringt Hermann in seinem Auto zum Stadtbüro der Isarfilm. Geduldig wartet er draußen bei seinem Wagen auf Hermanns Rück-kehr. Inzwischen hört Hermann sich die Ansprache des Konsuls von der Bürotür aus an. Er zögert, das Chefzimmer zu betreten. 

KONSUL HANDSCHUH. Ich kann Sie doch nicht laufen lassen, ohne Ihnen dieses zu überreichen: eine Jahres-Netzkarte für die ganze Bundes-bahn. Ein persönliches Geschenk für die Schöpfer von Varia-Vision. Herr Stürmer bekommt auch eine, wenn er aus Berlin zurück ist. Für Ihre Verdienste um das neue Werbekonzept. Jetzt werden Sie mobil sein, und wenn Sie einmal allein sein wollen oder nachdenken müs-sen, dann setzen Sie sich in den Aussichtswagen des TEE und lassen die Natur auf sich wirken. Eine neue Dimension, finden Sie nicht auch?

HERMANN. Vielen Dank!

Hermann nimmt die Netzfahrkarte in Empfang. Er ist wortkarg wie vorher. 

KONSUL HANDSCHUH. Herr Simon, irgend etwas bedrückt Sie. Wollen Sie sich nicht einmal anvertrauen? Kann ich Ihnen helfen?

HERMANN. Eigentlich nein. Die Zeit. Die Zeit vergeht.

KONSUL HANDSCHUH.SO spricht man in meinem Alter.

HERMANN. Sie haben mir einmal versprochen, daß ich frei arbeiten kann in meinem Studio. 

Der Konsul erhebt sich und führt Hermann in die Besprechungsecke. Dort setzt er sich vertraulich neben ihn.

KONSUL HANDSCHUH. In unserem Studio, das wollen wir bitte nicht vergessen, Herr Simon! Überall in der Welt muß man das Geld, das investiert wird, auch hereinwirtschaften. Freiheit kann man nur genießen, wenn man seine Rechnungen bezahlt hat. Aber wir haben jeden Grund zur Freude. Ihre Kennmelodien sind ein großer Erfolg, und unser Studio wird sich in einem Jahr amortisieren. Das ist sensationell. Und Sie, haben Sie nicht auch ein hübsches Sümmchen allein mit den Tantiemen verdient? Und das wird so bleiben, solange die Leute Schokolade essen, Zug fahren, solange Sie leben, Herr Simon! 

Der dicke Chef erhebt sich. Er tut, als ob er nachdächte. Er läuft im Zimmer umher und macht ein Grübelgesicht. 

KONSUL HANDSCHUH. Ich gebe Ihnen Urlaub, Urlaub für Ihre eigenen Projekte. Ab sofort gehört Ihnen das Studio ganz allein. Sagen wir, für zwei Monate. Niemand wird Sie stören. Dichten Sie, machen Sie etwas für die Nachwelt. Ich bin stolz auf Sie und auf Ihren Revolu-tionsgeist. Und nun gehen Sie zu Ihrer lieben Frau, grüßen Sie sie bitte von mir. Was studiert sie noch mal?

HERMANN. Psychologie, Sozialpädagogik.

KONSUL HANDSCHUH. Ach, ich möchte sie unbedingt kennenlernen. 

Am Ausgang hält der freundliche Chef Hermann noch einmal auf. Er versucht, dem traurigen Künstler in die Augen zu blicken. 

KONSUL HANDSCHUH. Und lachen Sie mal. Das hilft! Sehen Sie, ich versuche immer zu lachen oder wenigstens zu lächeln

1223 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Als Hermann sich in seinem Treppenhaus der Wohnungstür nähert, hört er laute Rockmusik und ein Dröhnen von übersteuerten Lautspre-chern. Er beeilt sich, die Tür aufzusperren, um nachzusehen, was in seiner Wohnung los ist. Schon in der Diele kommt ihm Zigarettenqualm entgegen. Hermann schaut in alle Zimmer und ruft nach Waltraud, seiner Frau. Aber in Küche, Kinderzimmer und Schlafzimmer ist sie nicht. Im Wohnzimmer, von wo der Lärm kommt, findet Hermann drei unbekannte junge Leute vor. Einer von ihnen klimpert auf seinem Flügel und versucht den Schlager vom Plattenteller mitzuspielen. Hermann knallt den Klavierdeckel zu, ohne auf die Hände des Jungen Rücksicht zu nehmen. 

HERMANN. Der Flügel ist tabu, verstanden? Ich will nicht, daß du das Instrument versaust. 

Hermann reißt die Balkontür auf, um den Rauch zu vertreiben. Dann stellt er den Plattenspieler ab. Er nimmt seine Gitarre, die auf dem Sofa herumliegt, demonstrativ an sich. 

HERMANN.Wo ist meine Frau?

MANNI. Wenn du die Waltraud meinst, die ist noch mal zurück zur Uni. Ein wichtiger Vortrag.

ILONA. Um halb zehn kommt sie zurück, hat sie gesagt. 

HERMANN. Wie heißt du?

ILONA. Ilona.

HERMANN. Und du? 

MANNI. Manni.

Manni läßt Hermann den Totenkopf sehen, der auf seine Brust täto-wiert ist. Auf dem Boden liegt noch ein junger Mensch. Er scheint auf einem Trip zu sein und nimmt von allem kaum Notiz. Er streckt Hermann nur seine Hand entgegen, auf deren Finger die Buchstaben L-O-V-E tätowiert sind. Hermann gibt sich einen Ruck, er will zeigen, wer der Herr im Haus ist. 

HERMANN. Wißt ihr was? Was ihr hier eßt und trinkt, dafür gehe ich arbeiten. Habt ihr schon mal was von Arbeit gehört?

MANNI. Wir können ja gehen. Aber dann kriegst du's mit deiner Frau zu tun.

ILONA. Wir haben nämlich hoch und heilig geschworen, daß wir hier- bleiben.

HERMANN. Geschworen! Und die Lulu? Habt ihr ein kleines Mädchen gesehen?

MANNI. Mitgenommen. 

HERMANN. Wer? Wen?

MANNI. Ja, deine Frau - das Kind. 

Manni erhebt sich. Mit Drohgebärde geht er auf Hermann zu, so daß dieser den Rückzug antritt. 

MANNI. Und jetzt spiel dich nicht so auf, sonst kriegst du Arger mit mir. 

HERMANN. Ich gehe weg. Sagt meiner Frau, daß ich spät zurückkomme. Und daß ich euch hier nicht wiedersehen will! 

Den letzten Satz brüllt Hermann so laut, daß er selber erschrickt. 

1224 Vor »Renates U-Boot«

Als Hermann vor Renates Kneipe ankommt, spielt Alex dort den »Türsteher«. Mehrere Gäste, die in das Lokal wollen, werden abgewimmelt. Als er aber Hermann sieht, ist er begeistert. 

ALEX. Ach, Hermann, mein lieber, alter Oberstift, hast du die Familie endlich verlassen, diese historisch-veraltete Neurosenküche? Hat dich das Leben wieder? Es schien ja, als ob du ewig krank wärst. 

1225 »Renates U-Boot«


Renate tritt nun nicht mehr selbst auf ihrer Kleinkunstbühne auf, sondern ein Liedermacher, dessen Politlieder den Gästen, meist jungen Leuten und Studenten, gefallen. Renate hat in Bernds Abwesenheit verstanden, wie sie ihr Geschäft den Zeiten anpassen kann. 

POLITSÄNGER. »Komm, heißer Herbst, komm wieder und mache Revolution. Oktober soll es werden, Oktober soll es sein, des Menschen Not auf Erden, sie soll zum Himmel schrei'n. Komm, heißer Herbst, und bringe, weil sonst ja nichts geschieht, den Sturm zu uns und singe mit uns ein neues Lied. Ein Lied, das alle hören in Elend und in Gefahr, die sich mit uns verschwören im Herbst und immerdar. Komm, heißer Herbst, komm wieder. Die Herrschenden zittern schon. Verändere unsere Lieder und mache Revolution. Komm, heißer Herbst, und mache die Bäume alle rot. Komm, heißer Herbst, und lache die Herrschenden mausetot. Verändere unsere Reime, denn Kunst tut nicht mehr not. Gar wie die großen Bäume mach unsere Träume rot. « 

(Text Hanns Dieter Hüsch) 

Das Lokal ist heute abend ziemlich leer. Nur ein Herr vom Finanzamt sitzt da und versucht, gemäß seinem Auftrag Renates Umsätze zu schätzen. (Deswegen hat Alex die Leute nicht hereingelassen.) Hermann steht bei Renate an der Theke. Er und Alex bekommen ihren Champagner unter dem Tisch eingeschenkt. Sie trinken ihn aus Tar-nungsgründen aus Wassergläsern. 

RENATE. Ich bin schon froh, daß ich rechtzeitig aufgehört habe zu studieren. In den Augen meiner Gäste bin ich schon Oma. Bist du auch schon dreißig, Hermann? 

HERMANN. Noch nicht ganz.

RENATE. Für die Revolution sind wir genau acht Jahre zu alt. 

ALEX. Ich nicht.

RENATE. Was haltet ihr davon, wenn ich als revolutionäre Meerjungfrau auftrete? Ich singe das Lied0 vom Untergang der »Vierten Welt«, und dabei tun wir die ganze Bühne mit himmelblauem Wasser auffüllen. (Sie lacht) Schön warm, daß alle zu mir in die Welle neihüpfe könnet. Sexuelle Revolution!

HERMANN. Ich arbeite jetzt autonom: ganz freie, elektronische Stücke, wie du sie noch nie gehört hast!

RENATE. Finde ich gut! (Sie lacht) Autonom!

HERMANN. Davon verstehst du nichts, Renate. 

Alex entwirft für Hermann eine Karikatur der linken Meinung über Kunst, die auch der Liedermacher in seiner Schlußzeile vertritt. 

ALEX. Aber die freie Kunst hat keine Legitimation mehr, in Anbetracht der gesellschaftlichen Widersprüche und in Anbetracht der imperiali-stischen Ausbeutung in der Dritten Welt.

HERMANN. Glaubst du an die Revolution? 

Alex zieht es vor, einen kräftigen Schluck aus dem Glas zu nehmen. Hermann entdeckt Volker, der mit Jean-Marie an einem der Tische sitzt und mit einer hübschen, dunkelhaarigen Frau verhandelt. Hermann freut sich, den Freund endlich wiederzusehen. Er geht mit seinem Glas auf ihn zu, will mit ihm anstoßen. 

VOLKER. Hast du was zu feiern?

HERMANN. Ich kann jetzt endlich autonom arbeiten in meinem Studio. 

VOLKER. Schön für dich.

RENATE. Hermann, hast du schon gehört, der Volker hat einen Kompo-sitionsauftrag für das Südwestfunk-Orchester! Habe ich das jetzt richtig gesagt, Volker? 

VOLKER. Ja, so ungefähr. 

HERMANN. Erzähl mal, das ist ja phantastisch! Aber Volker hat es plötzlich sehr eilig. Er erhebt sich, küßt der dunkel-haarigen Frau auf bourgeoise Weise die Hand und verabschiedet sich schnell von Hermann.

VOLKER. Seid mir nicht böse, ich habe noch eine Verabredung.

JEAN-MARIE. Wir.

HERMANN. Ja, gratuliere trotzdem.

VOLKER. Danke! Ich freue mich auch darüber. Ich fahre morgen nach Baden-Baden.

JEAN-MARIE. Auf bald, Hermann. 

HERMANN. Tschüß!

Schon ist Hermann wieder allein. Er fühlt sich hier genauso ausgestoßen wie zu Hause in seiner Wohnung. 

1226 Straße vor Wohnung Volker und Clarissa


Volker und Jean-Marie kommen im Auto an. Der Platz vor der Kirche liegt in Dunkelheit. Volker parkt ein. Dann steigen die beiden Freunde aus. Sie sind in Aufbruchstimmung.

JEAN-MARIE. Du solltest unbedingt in unserem Haus in Straßburg woh-nen. Von dort bist du in zwei Stunden beim Südwestfunk. Und im ühri-gen hast du alles, was du brauchst: Ruhe, gute Luft und den Flügel.

VOLKER. Und den Blick auf Seesenheim, ich weiß. Jean-Marie, du weißt, das ist nicht meine Welt. 

Die beiden Freunde erreichen die Haustür. Volker sperrt auf. Oben in seiner Wohnung brennt Licht. 

1227 Treppenhaus Volker und Clarissa


Auch in diesem Treppenhaus erklingt Musik, die näher kommt. Aber im Gegensatz zu Hermann hört Volker keine Rockmusik, sondern mo-derne Klassik. Clarissas Gesangsstimme ist zu erkennen. 

VOLKER. Was ist das? 

1228 Wohnung Volker und Clarissa


In der Diele stehen viele Koffer und andere Gepäckstücke, so daß Volker und Jean-Marie kaum wissen, wie sie durch den Flur gelangen sollen. Aus der Küche kommt ihnen eine junge Frau entgegen, die lächelnd einen Teller Spaghetti vor sich herträgt. Sie verschwindet in dem Zimmer, aus dem die Musik dringt. Die beiden Männer steigen über die Gepäckstücke. Sieben junge Frauen sind zu Besuch, die alle Musikinstrumente bei sich haben und entweder gerade Clarissa begleiten oder begeistert zuhören, wie sie singt. Was Clarissa vorträgt, ist ein Teil aus Schönbergs »Pierrot Lunaire«. Es spielen eine blonde Frau am Klavier, eine Cellistin und eine Klarinet-tistin. 

CEARISSA (singt). 

»Finstre, schwarze Riesenfalter töteten der Sonne Glanz. Ein geschlossenes Zauberbuch, ruht der Horizont, verschwiegen. Aus den Qualen verlorener Tiefen steigt ein Duft, Erinnerung mordend. Finstre, schwarze Riesenfalter töteten der Sonne Glanz. Und vom Himmel erdenwärts senken sich die schweren Schwingen unsichtbar die Ungetüme auf die Menschenherzen nieder. Finstre, schwarze Riesenfalter. « 

Das Stück endet mit einem kurz angerissenen Ton auf dem Cello. Die Frauen lachen. Clarissa, die Volker und Jean-Marie schon während ihres Gesangs beobachtet hat, ist froh, ihren Freundinnen endlich Volker vorstellen zu können.

CLARISSA. This is Volker, my husband, this is Jean-Marie. He is conductor and composer as well.

JEAN-MARIE. Das ist großartig!

CLARISSA. I am so happy, that you didn't forget me.

JEAN-MARIE. Clarissa, wie kommt ihr auf »Pierrot Lunaire« ?

CLARISSA. Haben wir öfter mal so zum Spaß in Amerika gespielt. Abends so im »Student Union«.

JEAN-MARIE. Das war der Anfang der Neuen Musik I9II, als Schön-berg das komponierte.

CLARISSA. 1911.

JEAN-MARIE. Es ist unglaublich, wie du das singst! 

Clarissa umarmt ihre amerikanischen Freundinnen der Reihe nach. Sie strahlt vor Glück. Die sieben Frauen sind sehr laut, sie reden durchein-ander, lachen und wollen sofort alles über Volker wissen. Besondere Freundschaft verbindet Clarissa offenbar mit Camilla, der Posaunistin. Sie ist eine rundliche Frau mit einem Kinderlächeln. Clarissa drückt sich an den weichen Frauenkörper und küßt Camilla auf beide Wangen. 

CLARISSA. Sie sind alle hier, um mich zu besuchen. Ich kann es über-haupt nicht fassen. Die schönste Zeit in meinem Leben!

CAMILLA. We are only staying one night. Tomorrow we plan Salzburg.

CLARISSA. Ja, sie sind ein ganz berühmtes Orchester geworden und machen gerade eine Europatournee. Sie haben sogar eine Schall-platte. Volker, das wollte ich dir sowieso zeigen.

Clarissa ist so aufgeregt, daß sie nicht weiß, womit sie anfangen soll. Sie drückt Volker die Platte in die Hand, die dieser mit Jean-Marie studiert, dann eilt sie zu ihren Freundinnen zurück. 

CLARISSA. I want you to come back after Salzburg. Is it possible? Volker, du hast doch nichts dagegen, wenn sie heute hier schlafen? Ich möchte nicht, daß sie ins Hotel müssen. Schaust du mal nach Arnoldchen? Der schläft, bei dem Lärm! Ich kann das überhaupt nicht verstehen! 

Volker ist froh, eine Aufgabe zu bekommen. So kann er erst einmal diesem aufgeregten Frauenleben entkommen und allein sein. Jean-Marie entschließt sich, noch ein biEchen zuzuhören. Die Musikerinnen spielen nun ein Lied von Gershwin. Clarissa singt zu Klavier, Posaune und Klarinette. 

CLARISSA (singt).

»Zoom, zoom, zoom, zoom the world is in a mess with politics and taxes and people grinding axes there's no happiness zoom, zoom, zoom, zoom rhythm lead your ace the future doesn't fret me if I can only get me someone to slap that bass . . . « 

Als Jean-Marie zu Volker ins Kinderzimmer kommt, ist Arnoldchen wach. Der Vater ist gerade dabei, seinem Kind eine Geschichte zu erzählen. Mit einem Ohr hört er aber auf Clarissas Gesang. Auch Jean-Marie weiß nicht, was er zu dieser musikalischen Ausgelassenheit sagen soll. So jedenfalls haben die beiden Clarissa noch nie erlebt. 

1229 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Als Hermann spät in der Nacht nach Hause kommt, ist er betrunken. Er schwankt, wirft seine Jacke über den Garderobenständer, verfehlt sein Ziel, wirft noch mal und verliert seinen Schlüsselbund, während er im Wohnzimmer nachsieht, ob die wilden Kerle vom Abend endlich fort sind. Er kann getrost die Schuhe ausziehen, denn es ist alles wieder in Ordnung, das Zimmer ist sogar aufgeräumt. Er öffnet die Schlafzimmertür. In der neuen Wohnung, die er sich für Schnüßchen und Lulu jetzt leisten kann, ist dieses Schlafzimmer der Clou: Endlich besitzt auch Schnüßchen ihr »Japanzimmer«. Ein Balda-chin aus schwarzem Lattengerüst, mit sepiafarbener Seide bezogen, überspannt den riesigen Futon. Hermann setzt sich auf einen Hocker, um die Hose über seine Beine streifen zu können. Sein Blick fällt auf die schlafende Frau in seinem Bett. Wer ist das ? Das ist nicht Schnüßchen, das ist eine fremde Frau, die da schläft. Hermann ruft Waltrauds Namen. Da erhebt sich hinter der fremden Frau der Kopf von Schnüßchen. Sie sieht ihn erstaunt an. Hermann begreift: Der Platz an Schnüßchens Seite ist heute besetzt. Er geht auf Schnüßchen zu und raunzt sie an. 

HERMANN. Wo soll ich jetzt schlafen?

SCHNÜSSCHEN. Ich mache dir ein Bett drüben bei der Lulu. 

Hermann läßt sich auf dem Bettrand nieder. Schnüßchen beugt sich über ihn. Sie ist noch nicht ganz wach. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, was hast du denn?

HERMANN. Ich denke nicht daran, mitzugehen. Das ist mein Bett! 

SCHNÜSSCHEN. Pst! 

HERMANN. Was ist denn hier eigentlich los? Ich komme von der Arbeit heim, die Wohnung ist ein Vandalenlager für weggelaufene Heimzög-linge.

SCHNÜSSCHEN. Ja!

HERMANN. Uberall Haschischwolken, Dreck, Lärm, Krach. Der Kühl-schrank ist leergefressen, und die Frau ist ständig auf Achse. Keiner begrüßt einen. Ich komme mir vor wie ein Arschloch, ausgestoßen und in den Dreck gekippt. Und dann ist auch noch mein Bett belegt. Wer ist denn das eigentlich? 

Hermann springt auf und brüllt los wie ein alter Haustyrann. Schnüß-chen weiß nicht, wie sie ihn beruhigen kann. 

SCHNÜSSCHEN. Nicht so laut, du weckst sie ja sonst auf! Die heißt Ilona und hat zuviel Drogen eingenommen. 

HERMANN. Ja, stimmt. 

Hermann besinnt sich des Namens. So hieß doch das Mädchen, das diesen aggressiven Manni bei sich hatte. Schnüßchen flüstert. 

SCHNÜSSCHEN.So was nennt man Horrortrip. Verstehst du, da ist man sehr empfindlich für Außenreize. Da können Wahnvorstellungen entstehen. 

Ilona richtet sich im Bett auf und läft sich gleich danach wieder auf die Matratze fallen. Sie ist dabei nicht einmal aufgewacht. Hermann starrt sie an. In seinem besoffenen Kopf dreht sich alles. 

SCHNÜSSCHEN. Ich habe einen Arzt dagehabt, den Professor von der Petra, die kennst du doch noch.

HERMANN. Ja.

SCHNÜSSCHEN. Der ist sehr erfahren mit Drogen. Der hat schon mal selbst welche genommen. Also, der hat ihr eine Valium-Spritze gegeben und gesagt, daß ich die ganze Nacht auf sie aufpassen müßte. Deswegen liegt sie auch neben mir. - Für eine Nacht mußt du das aushalten, Hermann. 

Behutsam führt Schnüßchen Hermann zur Tür. 

HERMANN. Und die anderen? Da war doch eine ganze Clique da, als ich heimkam! Ich bin vielleicht erschrocken. Der eine war schwer aggres-siv.

SCHNÜSSCHEN. Vor denen habe ich auch Angst bekommen. Die sind wieder weg. 

HERMANN. Und die Lulu? Ich mache mir Sorgen um das Kind. 

Schnüßchen bringt eine Plastikschüssel, in der sie für Ilona kalte Um-schläge gemacht hat, in die Küche. Hermann sitzt inzwischen auf dem Klavierhocker im Flur und starrt vor sich hin. 

HERMANN. Willst du nicht doch lieber das nette Kindermädchen wieder anstellen? 

Hermann brummt. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, was »Orgon« ist?

HERMANN. Irgendwas mit Orgasmus.

SCHNÜSSCHEN (holt Luft). Pse! Nicht so laut. Ja! Das sind Kräfte, die sam~peln sich. 

Hermann brummt. 

SCHNÜSSCHEN. Zum Beispiel in unserem Japanbett. Und die haben heilende Kräfte. 

Schnüßchen legt sich neben Hermann. Um ihm zu demonstrieren, wie »Orgon« wirkt, greift sie ihm unter die Decke zwischen die Beine. Er reagierr, brummt nun behaglich. Schnüßchen lacht.

HERMANN. Hast du deswegen die Kleine in unser Bett gelegt?

SCHN0SSCHEN. Daran habe ich gar nicht gedacht. Aber vielleicht hilft es ihr ja auch. 

Schnüßchen sieht zu Lulu hinüber, die sich in ihrem Bettchen umdreht. 

SCHNÜSSCHEN. Hoffentlich wird unsere Lulu nicht auch mal so auf die schiefe Bahn kommen. (Sie holt Luft) Hast du gewußt, daß besonders viele Jugendliche, die in die Drogenberatung kommen, eigentlich aus den besten Familien stammen? Da gibt es auch eine Statistik darüber.

HERMANN. So? 

Schnüßchen zieht Hermann die Socken aus, damit er ordentlich schlafen kann. Sie will ihn einfach schlafen lassen. Aber da kommt ihr wieder ein Gedanke dazwischen, der sie aufhält.

SCHNÜSSCHEN. Hättste nicht Lust, auch mal Drogen zu probieren? Als Experiment. 

HERMANN. Nä, isch weiß net, da han isch Angst! 

SCHNÜSSCHEN. Das könnten wir doch mal probieren. Angsthase! 

Hermann brummt wieder. Sie küßt ihn auf die Stirn. Dann verabschie-det sie sich endgültig und macht das Licht aus. 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt schlaf!

HERMANN. Ja. 

1230 Wohnung Volker und Clarissa, Schlafzimmer 


Clarissa findet in dieser Nacht keinen Schlaf. Sie sitzt neben dem schlafenden Volker in ihrem Ehebett und gibt sich ihren Gedanken und Erinnerungen hin. Ihre ganze Situation wird ihr bewußt: das Ende ihrer Karriere als Musikerin, ihre glücklose Ehe mit Volker, der Verlust ihrer Träume mit Hermann, ihr Kind, das alles von ihr fordert und sie nie ganz bekommt. Volkers Körper liegt abgewendet und ungeliebt neben ihr. Er atmet ruhig und ist unendlich fern von ihr. Ihr Blick fällt auf den Spiegel, der über dem Nachttisch hängt. Sie sieht sich und Volker darin, ein Bild der Hoffnungslosigkeit. Clarissa weint. Sie betrachtet sich im Spiegel, wie sie weint. Da hält sie es im Bett nicht mehr aus. Sie erhebt sich und holt ihren blauen Bademantel. Sie verläft das Schlafzimmer, ohne Volker zu wecken. 
1231 Wohnzimmer Volker und Clarissa 


Die Freundinnen aus Amerika schlafen auch, überall in der Wohnung, wo Platz für sie gefunden wurde. Auf der Couch, auf dem Teppich, unter dem Flügel, ja sogar auf Luftmatratzen im Flur, durch den Clarissa sich mit nackten Füßen tastend voranbewegt. Sie sieht sich alle diese schlafenden Gesichter an. Sie geht leise wie eine Fee über die ausgestreckten Beine und umherliegenden Gepäckstücke hinweg, bis sie in der Nähe von Camilla ankommt, der liebsten Freundin aus glücklicheren Tagen in Kalifornien. Hier geht Clarissa in die Hocke. Ihre Tränen fließen, ihr Kummer verwandelt sich in eine große, unerfüllte Sehnsucht. Da ertönt Camillas Stimme neben ihr.

CAMILLA. Du weinst! 

Clarissa dreht sich nicht nach der Stimme um. Sie spricht einfach ins Dunkle. 

CLARISSA. Ich bin so froh, daß du mich besucht hast. 

CAMILLA. Du bist allein, ich spüre das.

Jetzt weiß Clarissa, daß da jemand ist, der mit ihr empfindet. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und kuschelt sich an Camillas Seite. Sie versucht der Freundin in die Augen zu sehen, so gut das in diesem düsteren Zimmer möglich ist. 

CLARISSA. Kannst du nach der Tournee nicht noch mal zu mir kommen ? 

CAMILLA. Ich bleibe hier. Ich habe lange darüber meditiert, und jetzt habe ich mich entschieden. In California it was so hard. I just had shit jobs. You know, I had to cook Hamburgers, remember, when we usod to get Hamburgers. I worked there at Dairy Queen! Just so I could pay the poor musicians, you know, and that's just no life. Like your husband Volker, he lives from his compositions here, right? The people go to the concerts: they're interested! I just feel the roots of our music here. It's so strong and I just feol I could really do something here. Na ja, vielleicht können wir was zusammen machen.

CLARISSA. Aber ich habe mein Cello aufgegeben.

CAMILLA. Good. It was a bomber anyway. Das war mehr für deine Mutter als für dich.

CLARISSA. Findest du wirklich?

CAMILLA. Ja. Wir müssen unsere Wege selbst finden.

CLARISSA. Ich habe mir immer eine Freundin gewünscht. 

CAMILLA. Ich auch. 

Die beiden Freundinnen nehmen sich fest in die Arme. Camilla ist wie eine Mutter zu Clarissa. Sie hält sie warm und erlaubt ihr, sich an ihrer weichen Brust auszuweinen. 

1232 Straße vor Haus Volker und Clarissa


Am folgenden Morgen holt ein Taxi Volker ab. Es ist sein Aufbruch nach Baden-Baden, wo er den Kompositionsauftrag für das Rundfunk-orchester übernehmen soll. Clarissa ist mit ihm auf die Straße hinausge-gangen, Arnoldchen, ihren Sohn, trägt sie auf den Armen. Sie hilft Volker nicht beim Verladen der Koffer, sie verfolgt nur seine Abreise mit merkwürdiger Nüchternheit. Auch das Kind beobachtet das seltsame Geschehen. 

CLARISSA. Schau, Arnoldchen, jetzt fährt der Papa weg für einige Zeit. 

VOLKER. Warum sagst du ihm das?

CLARISSA. Das ist ein wichtiger Tag für ihn, den soll er in Erinnerung behalten. 

Volker steigt noch einmal aus dem Taxi aus, um dem Kind einen Abschiedskuß zu geben. Auch auf Clarissas Wange drückt er einen flüchtigen Kuß, ehe er wieder einsteigt. 

VOLKER. Mach's gut. Ich denke an dich! 

CLARISSA. Ich denke auch an mich.

Oben, am Fenster der Wohnung, sind die Freundinnen aus Amerika erschienen. Sie sehen zu, wie Volker mit dem Taxi wegfährt. Mit Geschrei und großen Gesten der Heiterkeit winken die Frauen hinter dem Taxi her. 

1233 Englischer Garten


Es ist ein sonniger Tag über München. Schnüßchen rennt mit zwei Kommilitonen, der Medizinstudentin Petra und dem Jungpädagogen Jürgen, über eine Wiese des Englischen Gartens. Die drei nähern sich dem Monopteros und haben es offenbar sehr eilig. 

SCHNÜSSCHEN. Als ich den Hermann kennenlernte, da habe ich alle meine Freunde aufgegeben. Ich habe seine Freunde für meine Freunde angesehen. Das merkwürdigste daran war, es hat mir überhaupt nichts ausgemacht, ungelogen. 

PETRA.SO sind wir Frauen. 

JURGEN. Also, ich kenne aber auch deine Freunde! 

PETRA. Das hat ja auch lange gedauert. 

SCHNÜSSCHEN. Der Hermann kommt heim und sagt: »Lauter fremde Leute in meiner Wohnung.« So seid ihr Männer, wenn wir Frauen eigene Freunde haben.

PETRA. Ich finde es toll, daß du dich da rauswindest.

SCHNÜSSCHEN. Ich bin nicht sicher, ob mich das glücklicher macht. 

Eine Gruppe von Hippies lagert auf den sonnenbeschienenen Marmor-stufen des Monopteros. Einer von ihnen singt zur Gitarre, die anderen kiffen, schmusen oder dösen einfach in den schönen Tag. Schnüßchen und ihre Freunde sind völlig außer Atem, als sie hier oben ankommen. Sie mustern die Gesichter der jungen Leute. Sie suchen jemanden, der aber offenbar nicht unter den Hippies zu finden ist. Erst auf der anderen Seite des klassizistischen Tempelchens entdeckt Petra einen schlafenden Jungen, auf dessen Brust Trixi zärtlich ihren Kopf kuschelt. 

JURGEN. Da ist er.

TRIXI. Was wollt ihr denn? Haut ab! 

JURGEN. Wir haben extra die Vorlesung geschwänzt, weil wir den Sigi gut kennen. Wir haben gehört, daß er aus dem Entzug abgehauen ist. Und bevor die Polizei ihn findet, wollen wir ihm helfen. 

TRIXI. Ich helfe ihm allein. 

JURGEN. Das ist die Petra. Die studiert Medizin. 

PETRA. Was ist mit ihm? Laß mal sehen! 

Petra untersucht den Jungen, indem sie seine Lider hochzieht und die Reflexe der Augen kontrolliert. Anschließend klatscht sie auf seine Wangen. Der Junge reagiert nicht. 

PETRA. Der schläft nicht, der ist ohne Bewußtsein. 

TRIXI. Hör auf, du tust ihm doch weh!

PETRA. Das spürt er nicht. Aber er muß doch zu sich kommen.

JURGEN. Ihr könnt hier nicht einfach liegen bleiben. Der krepiert doch hier.

PETRA. Warum ist er denn abgehauen? Er war doch in Sicherheit in der Klinik.

JURGEN. Der Sigi muß sofort in ärztliche Behandlung. Du kannst ihm nicht helfen. 

Jürgen und Petra heben den bewußtlosen Jungen vom Boden auf und laden ihn auf Jürgens Rücken. Trixi wohrt sich mit aller Kraft, sie will ihren Freund zurückholen, aber Schnüßchen hält sie fest. 

TRIXI. Aber ich liebe ihn doch!

JURGEN. Gerade deswegen mußt du zulassen, daß wir ihn zurückbringen.

TRIXI. Aber dann kommt er wieder ins Heim. Und diesmal bringt er sich wirklich um, das hat er geschworen.

SCHNÜSSCHEN. Das tut er nicht. Wenn er weiß, wo du bist und daß du auf ihn wartest.

TRIXI. Wer seid ihr denn überhaupt?

SCHNÜSSCHEN. Wir sind Studenten. Wir helfen bei der Drogenbera-tungsstelle. Wir sind genauso gegen die Polizei und gegen das Heim wie ihr. Glaubst du mir das? 

Trixi ist mißtrauisch. Als Schnüßchen sie einen Moment lang losläßt, rennt sie davon. Schnüßchen sammelt die Kleider von Trixi und Sigi ein und folgt damit den Freunden. 

1234 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Als Hermann an diesem Abend von der Arbeit nach Hause kommt, rennt Lulu ihm entgegen, sobald er die Wohnung betritt. Das Kind freut sich sehr, den Vater zu sehen. Hermann fängt die Kleine im Lauf auf und herzt und küßt sie zur Begrüßung. Als er mit dem Kind auf dem Arm das Wohnzimmer betritt, kommt Schnüßchen ihm aufgeregt entgegen. Sie macht ihn auf das Mädchen aufmerksam, das da auf dem Sofa liegt, mit einer Wolldecke sorgfältig zugedeckt. 

HERMANN. Trixi, wie kommst du denn hierher?

SCHNÜSSCHEN. Kennt ihr euch? Kennst du sie? 

HERMANN. Ja, sicher. Ihre Schwester arbeitet bei uns. Soll ich die Dagmar anrufen? Soll ich deiner Schwester Bescheid sagen? 

Trixi sagt nichts und reagiert kaum. Sie richtet sich nur langsam auf, sie legt die Wolldecke zur Seite und zieht ihre Lammfellweste an. Hermann weiß nicht, was er von alldem halten soll, denn Schnüßchen blickt auch ganz ratlos. 

HERMANN. Was hat sie denn?

SCHNÜSSCHEN (püstert). Drogen!

HERMANN. Moment, Lulu. Ich muß mal eben telefonieren. Ich sage ihrer Schwester Bescheid. Sie soll sich um sie kümmern. Sie hat schließlich Familie. 

Hermann begibt sich in den Flur hinaus und beginnt zu telefonieren. Trixi hat sich inzwischen die Schuhe angezogen. Nun schnappt sie sich ihre bestickte Hirtentasche, die sie sich umhängt. Draußen hat Her-mann Trixis Schwester erreicht. 

HERMANN. Dagmar, Ihre kleine Schwester ist bei uns aufgetaucht. Ja, ich dachte, das würde Sie interessieren, es geht ihr nicht gut. Meine Frau hat sie aufgegabelt. Aber Sie können doch nicht uns die Verant-wortung für Ihre Schwester übergeben. Dagmar, es geht uns doch im Grunde genommen überhaupt nichts an. 

Trixi läft sich von Schnüßchen nicht aufhalten. Sie geht in die Küche und packt dort ungeniert alles, was sie an Lebensmitteln, Süfigkeiten und sonstigen nützlichen Dingen findet, in ihre Hirtentasche. 

SCHNÜSSCHEN. Was soll denn das! Das habe ich dir aber nicht erlaubt. Bleib wenigstens hier, bis wir wissen, was deine Schwester dazu sagt. Das ist eine Frechheit! 

Nachdem sie noch ein anderes Gepäck und die Jacke ihres Freundes aus dem Kinderzimmer geholt hat, verläft sie schnell und ohne ein Wort zu sagen die Wohnung. Schnüßchen mag versuchen, sie festzuhalten, zu schreien oder zu fluchen - Trixi ist nicht mehr aufzuhalten.

SCHNÜSSCHEN. So was Unverschämtes! Sie hat den Haustürschlüssel. 

Jetzt stehen beide ratlos da. 

1235 Universität


Mit ihrer Kommilitonin Petra läuft Schnüßchen durch die Gänge der Universität. Petra ist sehr aufgeregt. Sie überholt andere Studenten in den Gängen, Schnüßchen kommt bei dem Tempo kaum noch mit. 

PETRA. Wir gehen nach Zimmer 221 ins Hauptseminar und helfen den Genossen, den reaktionären Prof. . ., wie heißt er? 

SCHNÜSSCHEN. Kilian. 

PETRA ... ZU destabilisieren. Das ist von uns ganz klar beschlossen worden, daß in den Veranstaltungen über die Mitbestimmung der Studenten gegen die Profs diskutiert werden muß, wegen dem Interes-sengegensatz, also: kapitalistische und Arbeiterinteressen in den Lehrinhalten und bei Berufen. So, und jetzt weigern die sich und blocken unheimlich ab wegen Beamtentreue und Lehrverpflichtung und dem ganzen Schmarrn. Der Rektor hat die Bullen angefordert, zur Bereitschaft angeblich. Und vorhin ist der Prof total unverschämt geworden. Hat rumgebrüllt und so. 

SCHNÜSSCHEN. Aber diskutieren ist doch erlaubt! Das kann man doch nicht verhindern. 

PETRA. Sowieso nicht. Ein Witz! Die eigentlichen Seminarmitglieder sollten abstimmen, ob sie das normale Seminar wünschen oder die inhaltliche Diskussion. Das hat aber überhaupt nichts geändert, weil die längst agitiert waren. Der Versuch der Reaktion ist auf der ganzen Linie abgeschmettert worden. Jetzt versucht's der Kilian immer noch weiter mit formal-demokratischem Scheiß, dem Recht des einzelnen Studenten, Minderheitenschutz und so.

Es herrscht große Aufregung in der Uni. Studentengruppen ziehen mit Spruchbändern und roten Fahnen durch den berühmten Lichthof, Flugblätter werden verteilt. Als Petra und Schnüßchen den Hörsaal Z~I erreichen, empfängt sie ein ohrenbetäubendes Getöse von Sprechchören und Diskussionen. Hier findet sich auch der SDS-Funktionär Dirk wieder, der auf dem Katheder das Mikrofon erobert hat, um den Professor, der hier sein Kolleg abhalten will, zur Auseinandersetzung mit den Standpunkten der Studenten zu zwingen. Die Studenten in den Bankreihen ergreifen Dirks Partei, sie trommeln Beifall. 

DIRK. Die Gewalt, von der Sie die ganze Zeit reden, die ist uns doch aufgezwängt worden. 

PROF. Aber, Herr Kommilitone, das ist doch glatte Polemik! Sie wissen doch genauso gut wie ich. . . 

DIRK. Wenn hier einer polemisiert, dann sind Sie das, Herr Professor! Unsere Aktionen sind demokratisch beschlossen worden, und die müssen friedlich durchgesetzt werden. 

Dirk hat die Studentenstimmung voll im Griff. Er läft in seiner Rede an effektvollen Stellen immer wieder Gelegenheit für Beifall und Sprech-chöre. 

STUDENTEN IM CHOR. Solidarität - Drittelparität. So-li-da-ri-tät... Drittel-pari-tät! 

DIRK. Erstens nämlich eine Änderung der Institutsverfassung, die uns -der Mehrheit immerhin, Herr Professor - endlich ein Mitbestim-mungsrecht garantiert. Und zweitens die Abschaffung der altväterli-chen und autoritären Ständeordnung! 

Jetzt skandieren die Studenten ihren Sprechchor gegen den abwesenden Kultusminister Huber. 

STUDENTENIM CHOR. Hu-ber. . . wir kommen! 

DTRK. Und da haben Sie, Herr Professor, da haben Sie die Staatsmacht angerufen, und die hat auf uns losgeknüppelt. So war das doch! 

Professor Kilian berät sich mit seinen strebsamen Lieblingsstudenten, die eine Art Schutzwall um ihn bilden. 

PROF. Diesen ungeheuerlichen Vorwurf weise ich zurück! Sie wissen ganz genau, daß in der Sache der Rektor und der Senat sich mit der Thematik befaft haben, daß sie Stellung bezogen haben und daß diese Stellungnahme weitergeleitet wurde an den Bayerischen Land-tag. Hier findet heute mein Kolleg statt. Sind Sie überhaupt Hörer meines Kollegs ? 

STUDENTENIM CHOR. Bullen raus! 

DIRK. Das spielt doch hier überhaupt keine Rolle! Zur Sache! Punkt eins der Beschlüsse der Vollversammlung lautet: Der Lehrbetrieb an der Universität München wird für mindestens eine Woche für Lehrende und Lernende unterbrochen und durch Diskussionen ersetzt. Der Professor sieht, daß er der Lage durch Argumente nicht mehr Herr werden kann. Zu groß ist die Empörung der Studenten über den Polizeieinsatz des Rektors. Er versteht auch nicht, daß eine Zeit ange-brochen ist, in der die Diskussion demokratischer Prinzipien an den Universitäten einfach stattfinden muß. 

PROF. Diese Auseinandersetzung widerstrebt jeder akademischen Tra-dition. Auf Wiedersehen, meine Damen und Herren! 

Als der Professor den Hörsaal verläBt, geraten die Studenten in Sieges-taumel. Auch Schnüßchen und Petra freuen sich über Dirks Leistung. Als Dirk das Mikrofon freigibt, entsteht sofort der Kampf der Redner. Einer erobert schließlich das Mikrofon und beginnt eine flammende Rede gegen den imperialistischen Vietnamkrieg der Amerikaner. 

STUDENT. Tausend Dollar für einen Toten - das ist der Preis des Imperialismus! 

Schnüßchen begrüßt Dirk. Sie fühlt sich von der Siegesstimmung im Saal so angeregt, daß sie nun auch etwas sagen möchte. Sie bittet Dirk, ihr den Zugang zum Mikrofon zu ermöglichen. Dirk hilft ihr gern, denn er hat ja Schnüßchens Weg von der kleinen, engstirnigen Hausfrau zur politisch erwachenden Studentin verfolgt. 

DIRK. Moment mal, Genossen! Einen Moment. Hört mir mal ganz kurz zu. Auch ihr am Mikrofon vorne. Ich glaube, die Genossin hier hat etwas sehr Interessantes zu sagen. Gebt ihr mal eine Minute. Nur eine Minute! 

Mit Dirks Hilfe kann nun Schnüßchen in das Mikrofon sprechen. Ihre Stimme ist so aufgeregt, daß sie sich immer wieder überschlägt. 

SCHNÜSSCHEN. Ich habe da was zu erzählen. Ich bin zwar eine Spätstu-dentin, aber dafür habe ich den Hitler-Faschismus im Hunsrück noch mit eigenen Augen miterlebt. Obwohl - und das muß auch einmal gesagt werden - es in meiner Familie nie Nazis gegeben hat. 

ZWISCHENRUF. Komm endlich zur Sache!

SCHNÜSSCHEN. Meine vier Brüder sind Arbeiter. . . 

ZWISCHENRUF. Was heißt denn hier Arbeiter? So ist doch der Begriff völlig unwissenschaftlich angewendet. 

SCHNÜSSCHEN. Zwei meiner Schwestern haben Arbeiter geheiratet. . .

STUDENT. Genossin, wo bleibt die Analyse? 

SCHNÜSSCHEN. Und... 

Sie hat nicht damit gerechnet, daß kein Interesse an ihren persönlichen Geschichten besteht. Sie hat wohl gemeint, sich beliebt machen zu können, indem sie von ihrer Herkunft und von ihrem Lebensweg erzählt. Aber damit hat sie die Situation völlig falsch eingeschätzt. 

STUDENT. Privatistische Scheiße! 

SCHNÜSSCHEN. Ich, ich fühle mich eigentlich auch eher. . . 

ZWTSCHENRUF.WO bleibt der ökonomische Aspekt? 

SCHNÜSSCHEN... der Arbeiterklasse zugehörig.

STUDENT. Äpfel und Birnen. . . 

Bei all diesen Angriffen verliert sie vollends den Faden. Hilfesuchend wendet sie sich an Dirk, der immer noch neben ihr steht. 

SCHNÜSSCHEN. Hätte ich das jetzt nicht sagen sollen? 

DIRK. Na ja, das war terminologisch nicht ganz auf der Höhe, aber inhaltlich stimmt's. Dirk erhebt seine Stimme. Er wendet sich an die tosende Meute. 

DIRK. Moment mal, Genossen. Einen Moment mal, bitte. Was die Genossin hier inhaltlich artikulieren wollte, ist folgendes: 

STUDENTENIM CHOR. Auf Wiedersehen! 

SchnüRchen zieht sich an die Seite von Petra zurück. In ihrem Kopf ist alles leer. Sie starrt bleich vor sich hin. Am Katheder hat nun Dirk wieder das Wort ergriffen. Es entsteht Ruhe im Saal. Spruchbänder werden entrollt. 

DIRK. Moment mal, Genossen! Einen Moment. Hört mir mal ganz kurz zu. Auch ihr am Mikrofon vorne. Ich glaube, die Genossin hier hat etwas sehr Interessantes zu sagen. Gebt ihr mal eine Minute. Nur eine Minute! 

Mit Dirks Hilfe kann nun Schnüßchen in das Mikrofon sprechen. Ihre Stimme ist so aufgeregt, daß sie sich immer wieder überschlägt. 

SCHNÜSSCHEN. Ich habe da was zu erzählen. Ich bin zwar eine Spätstu-dentin, aber dafür habe ich den Hitler-Faschismus im Hunsrück noch mit eigenen Augen miterlebt. Obwohl - und das muß auch einmal gesagt werden - es in meiner Familie nie Nazis gegeben hat. 

ZWISCHENRUF. Komm endlich zur Sache!

SCHNÜSSCHEN. Meine vier Brüder sind Arbeiter. . . 

ZWISCHENRUF. Was heißt denn hier Arbeiter? So ist doch der Begriff völlig unwissenschaftlich angewendet. 

SCHNÜSSCHEN. Zwei meiner Schwestern haben Arbeiter geheiratet. . . STUDENT. Genossin, wo bleibt die Analyse? 

SCHNÜSSCHEN. Und... 

Sie hat nicht damit gerechnet, daß kein Interesse an ihren persönlichen Geschichten besteht. Sie hat wohl gemeint, sich beliebt machen zu können, indem sie von ihrer Herkunft und von ihrem Lebensweg erzählt. Aber damit hat sie die Situation völlig falsch eingeschätzt. 

STUDENT. Privatistische Scheiße! 

SCHNÜSSCHEN. Ich, ich fühle mich eigentlich auch eher.. . ZWISCHENRUF. Wo bleibt der ökonomische Aspekt? 

SCHNÜSSCHEN... der Arbeiterklasse zugehörig.

STUDENT. Äpfel und Birnen. . . 

Bei all diesen Angriffen verliert sie vollends den Faden. Hilfesuchend wendet sie sich an Dirk, der immer noch neben ihr steht. 

SCHNÜSSCHEN. Hätte ich das jetzt nicht sagen sollen? 

DIRK. Na ja, das war terminologisch nicht ganz auf der Höhe, aber inhaltlich stimmt's.

Dirk erhebt seine Stimme. Er wendet sich an die tosende Meute. 

DIRK. Moment mal, Genossen. Einen Moment mal, bitte. Was die Genossin hier inhaltlich artikulieren wollte, ist folgendes: 

STUDENTENIM CHOR. Auf Wiedersehen! 

Schnüßchen zieht sich an die Seite von Petra zurück. In ihrem Kopf ist alles leer. Sie starrt bleich vor sich hin. Am Katheder hat nun Dirk wieder das Wort ergriffen. Es entsteht Ruhe im Saal. Spruchbänder werden entrollt. 

DIRK. Der Begriff Faschismus kann nur aufgrund einer Analyse der Lage der Klasse angewendet werden. Das heiBt, nur dann wird er mit der Entlarvung der Praktiken der Herrschenden in der spätkapitalisti-schen Gesellschaft synonym. Ich empfehle zum Faschismus-Begriff folgende Literatur. . . 

1236 Isarfilm, Studio


In Hermanos Studio für elektronische Musik laufen alle Maschinen zugleich. Die Tonbandspulen drehen sich, die Mischpultregler werden aufgezogen. Herr Groß ist begeistert, denn mit jedem Knopf, den er betätigt, werden neue Klänge dem Grundklang hinzugemischt, so daß der Raum sich bald mit einem mächtigen Brausen füllt. Hermann sitzt in sich gesunken und resigniert da. Als der Tonmeister ihn stolz um Anerkennung für seine Leistung bittet, springt Hermann auf. Er zieht die Lautstärkeregler zu und lehnt sich muffig in einem Studiosessel zurück. 

HERMANN. Scheiße! Das ist alles Scheiße, was wir hier machen. Das kann man keinem ernsthaften Musiker vorführen. 

GROSS. Herr Simon, gestern waren Sie aber noch ganz begeistert. Ist was anders als gestern? 

HERMANN. Es liegt nicht an Ihnen, Herr Groß. 

GROSS. Ach so, ich habe schon gedacht. .. 

HERMANN. Ich bin schlecht!

GROSS. Aber geh! 

HERMANN. Ich spüre einfach, daß ich nichts zu sagen habe. 

GROSS. Herr Simon, Sie arbeiten zuviel! 

HERMANN. Schauen Sie sich doch mal um: Aufbruchstimmung überall! 

GROSS. Ja. 

HERMANN. Revolution in allen Lebensbereichen. Die Beatles sind tau-sendmal besser als wir. Wir sind meilenweit hinter der Unterhaltungs-musik zurück. 

GROSS. Das finde ich jetzt aber ungerecht. Mensch, wir erzeugen hier Klänge, die gibt es nirgends in der Welt! Ich werde Ihnen das beweisen. 

Herr Groß startet erneut die Maschinen. Er sucht andere Einstellungen auf dem Mischpult.

HERMANN. Dann bin ich eben der falsche Mann auf diesem Platz. 

GROSS. Herr Simon, haben Sie denn nicht ein paar Kollegen oder Freunde, die man mal hierher einladen könnte? 

HERMANN. Was glauben Sie denn, was ich seit Monaten versuche? 

Mitten in Hermanns Brüten bricht Herr Zielke ein. Er reißt die Studio-tür auf und stürzt mit einer Zeitschrift auf Hermann zu. 

ZIELKE. Herr Simon, ich muß Ihnen gratulieren. Lesen Sie mal! »Die Chandonnay-Produktpalette hat infolge eines ultramodernen Wer-befeldzugs der Münchner Isarfilm und ihres Kreativteams als Magnet und Lokomotive eine Umsatzsteigerung von mehr als z7,4 Prozent erreicht, das heißt fast ein Drittel. « Jetzt verstehe ich endlich, was Sie gemeint haben, als Sie sagten, »Aroma eines Klanges«. Ich gebe Ihnen völlig recht. Melodien sind veraltet. Klänge erobern die Masse. Wir sind auf dem Vormarsch. 

Als Herr Zielke in seiner Begeisterung so weit geht, Hermanns Gesicht mit beiden Händen zu umfassen, springt Hermann auf. 

HERMANN (schreit). Lassen Sie mich in Ruhe! 

Ehe Zielke begreift, was passiert ist, hat Hermann das Studio schon verlassen. Aber Herr Groß findet schnell eine Erklärung. 

GROSS. Herr Zielke, bitte. Herr Simon hat eine Krise. 

ZIELKE. Eine Krise? Und das erfahre ich erst jetzt! (Er hustet) Mir geht es auch nicht gut. 
 
1237 Kindergarten


Hermann holt Lulu aus dem Kindergarten ab. Die Kleine weint, als sie den Vater sieht. Hermann, der sich das nicht erklären kann, trägt sein Kind eng an sich gepreßt den Gehsteig hinab. 

HERMANN. Ach, Lulu, wir gehen doch nach Hause! Lulu hört nicht auf zu weinen.

1238 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Als Hermann das Kind in seine Wohnung bringt, ist es auf seinen Armen eingeschlafen. Erst die Stimme der Mutter macht es wieder wach. Schnüßchen sitzt auf dem Fußboden, umgeben von Drucksachen und Büchern. Auf dem Sofa und im Sessel sitzen zwei junge Männer mit langen Haaren und Tätowierungen auf den Armen. Der Fernseher läuft und zeigt einen Bericht über Hörsaalbesetzungen und Studentendemon-strationen in Berlin. Hermann bleibt vor Schnüßchen stehen. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, guck mal, was ich mir heute angeschafft habe: Marx, Lenin, Mao Tsetung, Marcuse: »Der eindimensionale Mensch«, »Triebstruktur und Gesellschaft«, Adorno: »Negative Dia-lektik«. Dann »Die kritische Universität«. Russell und Sartre: »Das Vietnam-Tribunal«. Also, von diesen blauen Marx-Bänden, da habe ich nur »Das Kapital«, Band 6 und 7. Aber nächste Woche kann ich mir den Rest abholen. Im Spartacus-Buchladen, da gibt es wunderbare Bücher, als Raubdruck. Die kosten weniger als die Hälfte. Stell dir das mal vor, Hermann. Die Raubdrucke, die muß man unterstützen, weil das Geld für die Vietnamhilfe verwendet wird. 

Schnüßchen sieht Hermann an. Allmählich bemerkt sie seine fragenden Blicke. 

SCHNÜSSCHEN. Das sind der Heiner und . . . wie heißt du noch mal? 

BLACKY. Blacky. 

SCHNÜSSCHEN. Blacky.

HERMANN. Soll ich das Kind ins Bett bringen? 

SCHNÜSSCHEN. Freust du dich denn gar nicht mit mir? 

HERMANN. Wornber? 

SCHNÜSSCHEN. Die vielen Bücher! Die muß man heutzutage alle gelesen haben - und noch einiges mehr. 

Die Bücher, die Schnüßchen am Boden ausgebreitet hat, sind Lektüre für ein ganzes Jahr. Sie kann sich im Augenblick nicht vorstellen, daß sie das alles lesen wird, aber der Besitz allein gibt ihr schon etwas mehr Sicherheit. Sie erinnert sich. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, ich habe mich heute auf der Uni so blamiert. Ich habe was sagen wollen bei der Hörsaalbesetzung, und da ist mir regelrecht der Faden im Kopf gerissen. Kennst du das? Du stehst da, so blöd wie noch nie. Also, ich habe mir gesagt, das muß jetzt anders werden. 

Unter den Büchern kommen nun auch noch Schnüßchens Füße zum Vorschein, neben denen ein paar hübsche neue Schuhe stehen. 

HERMANN (lacht). Die Schuhe sind doch auch neu! 

SCHNÜSSCHEN. Du merkst aber auch alles. Ich bin dann noch beim Unabhängigen Schülerbund vorbei, um die zwei Freunde da abzuho-len, den Heiner und den Blacky. Die sind von den »Umherschweifen-den Haschrebellen« in Berlin. Die haben gestern in der Staatsoper ein »Smoke-in« gemacht, und da müssen sie jetzt für ein paar Tage untertauchen. 

HERMANN. Was hat denn das mit deinen Schuhen zu tun ? 

SCHNÜSSCHEN. Die habe ich mir auf dem Rückweg gekauft. Und weil die zwei da mir beim Büchertragen geholfen haben, da sind sie jetzt hier beim AbendErot. Hermann, bei dir braucht man wirklich viele Worte. Und ich bringe jetzt das Kind ins Bett. 

Schnüßchen trägt Lulu, die während des ganzen Gesprächs traurig an Hermanns Schulter schwieg, ins Kinderzimmer hinaus. Hermann hat Hunger. Er entdeckt die Brote, die Schnüßchen für die beiden »Haschre-bellen« gemacht hat. Aber ehe er danach greifen kann, haben die Besucher ihm die Brote weggeschnappt. Im Fernseher läuft ein langer Bericht über die Studentenrevolte in Berlin. Die Kommentare sind mit Bildern von der Vietnamkonferenz I968, Straßenschlachten und Demonstrationen illustriert. 

SPRECHER (Fernsehton).... Immer wieder von den Veranstaltern zur Wahrung der Disziplin aufgerufen, bewegte sich der Demonstra-tionszug über die Holstendorf-Straße, Friedherg- und Winstein-straße. Obgleich die Marschroute durch dichte Wohngebiete führte, fanden sich nur wenige Berliner als Zuschauer ein. Der Demonstra-tionszug bewegte sich im ührigen genau auf jener Route, die den Veranstaltern vom Verwaltungsgericht zur Auflage gemacht war. 

Gebrüll Demonstranten. 

1.SPRECHER (Fernsehton). Zuvor waren im völlig überfüllten Audito-rium Maximum zahlreiche Grußtelegramme verlesen worden, unter anderem von dem englischen Pazifisten Bertrand Russell und der kommunistischen Jugend Kubas. Als ein Telegramm der vietnamesi-schen FNL verlesen wurde, kam es zu einem Zwischenfall. 

2.SPRECHER (Fernsehton). Die vietnamesische Bevölkerung. . . (er wird von einem anderen Sprecher unterbrochen) 

3.SPRECHER (Fernsehton). Wir protestieren gegen diese Kampagne, meine Damen und Herren! 

Gebrüll Demonstranten. 

1.SPRECHER (Fernsehton). Nach einer Abstimmung, ob man den Zwi-schenrufer anhören soll, wurde er unter Hinweis auf die Diskussion am Nachmittag aus dem Saal gebracht. Die Vietnamkonferenz wird voraussichtlich bis Mitternacht dauern. 

Gebrüll Demonstranten. 

1.SPRECHER (Fernsehton). Die von der Polizei unter bestimmten Aufla-gen genehmigte Vietnamdemonstration des Berliner SPD-Mitglieds Jürgen Gerund ist heute von dem Rathaus Charlottenburg kurzfristig abgesagt worden. 

Gebrüll Demonstranten. 

1.SPRECHER (Fernsehton). Und so begann der Sonntagnachmittag. Am Ehrenmal für die Opfer des Faschismus am Steinplatz legten Mitglie-der der französischen kommunistischen Jugendorganisation Kränze nieder. Rote Fahnen mit Hammer und Sichel und die Fahne des Vietcong bildeten die Kulisse für diese - vorwiegend von Ausländern gestaltete - Demonstration. 

Gebrüll Demonstranten. 

1.SPRECHER (Fernsehton). Der Zug bewegte sich vorbei an der Briti-schen Militärmission und, von der Polizei nicht behindert, die Uh-landstraße entlang bis zum Kurfürstendamm. Deutsche Teilnehmer dieser eindeutig kommunistischen Demonstration wurden von den Veranstaltern aufgefordert, die Kolonne zu verlassen. 

Gebrüll Demonstranten. 

1.SPRECHER (Fernsehton). Am Kurfürstendamm kam es zu einem ersten Zwischenfall, als ein Pkw-Fahrer den die Straße versperrenden Kommunarden Rainer Langhans anfuhr, aber nicht ernsthaft ver-letzte. Die Veranstalter mahnten zur Disziplin. Unter den französi-schen Jungkommunisten auch der SDS-Funktionär Rudi Dutschke. 

Gebrüll Demonstranten. 

1.SPRECHER (Fernsehton). Von der Höhe des Olivaer Platzes aus be-wegte sich der inzwischen auf rund IOOoO Teilnehmer angewachsene Demonstrationszug über den Kurfürstendamm und in Richtung Ha-lensee, von Sonntagsspaziergängern und von Polizeihubschraubern eskortiert. An der Kreuzung Kurfürstendamm/Joachimsthaler/Fried-richstraße, wo die genehmigte Demonstration in Richtung Stutt-garter Platz in die Bismarckstraße einbog, kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Eine Gruppe von Passanten entriß den Demonstranten mehrfach Fahnen und Transparente. Auch kam es hier erstmalig zu spontanen amerikafreundlichen. .. 

Es klingelt an Hermanns Wohnungstür. Als er öffnet, stehen draußen zwei Polizeibeamte, die zuerst höflich fragen, dann aber an Hermann vorbeidrängen. 

1.POLIZIST. Grüß Gott. Sind Sie derWohnungsinhaber? Herr.. . 

HERMANN. Hermann Simon, ja. Grüß Gott! 

2.POLIZIST. Dürfen wir reinkommen? 

HERMANN. Bitte sehr, worum geht es? Schnüßchen kommt aus dem Kinderzimmer. Sie wird von den Polizisten zur Seite gedrängt. 

1.POLIZIST. Bleiben Sie hier!

SCHNÜSSCHEN. Hermann?

1.POLIZIST. Gehen Sie bitte in Ihr Zimmer zurück! 

Kaum haben die Beamten die beiden Rebellen im Wohnzimmer er-kannt, stürzen sie sich mit Brachialgewalt auf sie und zwingen sie in den Polizeigriff. Innerhalb von Sekunden werden den Jungen, die sich heftig wehren, Handschellen angelegt. 

HEINER. Scheißbullen! 

HERMANN. Das haben wir nicht gewußt. 

BLACKY. Petzer. 

HERMANN. Was liegt denn vor gegen die beiden? 

1.POLIZIST. Wir haben einen Haftbefehl. Sie hören von uns. 

2.POLIZIST. Schönen Abend noch.

HERMANN. Danke, ja, schönen Abend. 

Das Ereignis war wie ein Spuk. Hermann schließt die Wohnungstür und steht nun Schnüßchen gegenüber, die sich für alles schuldig fühlt. 

HERMANN. Ich glaube, du mußt noch sehr viele Bücher lesen, Schnüß-chen. Sehr viele Bücher. 

1239 Straße


Trixi und ihr Freund Sigi, der schon wieder aus der Drogenhilfe abgehauen ist, ziehen durch die Straße. Sie sind auf der Suche nach Autos, die sie aufknacken können. Sie probieren an den Türgriffen. Eins der abgestellten Autos ist bestimmt nicht abgesperrt. Trixi wird fündig. Ausgerechnet ein Porsche läft sich öffnen. Sie steigt ein, klettert auf den Nebensitz und macht Sigi die Tür auf.

TRIXI. Kriegst du den zum Laufen?

SIGl. In drei Sekunden!

Er verschwindet unter dem Armaturenbrett. Dort untersucht er die Kabel. Währenddessen zieht Trixi einen Hausschlüssel aus ihrem Strumpf. Die Szene ereignet sich direkt vor dem Haus, in dem Hermann und Schnüßchen wohnen. TRIXI. Ich gehe jetzt hoch, ja? 

1240 Isarfilm, Studio


Wie alle Tage verschanzt sich Hermann in seinem Studio. Er sucht und findet keine Idee für seine »Autonome Komposition«, auf die er sich doch so gefreut hat. Im Nebenraum kommt ein Anruf an. Herr Groß nimmt das Gespräch entgegen. Dann betätigt er die Gegensprechanlage. Er ruft Hermann. 

GROSS. Herr Simon, nehmen Sie den Hörer ab? Telefon für Sie. Hermann am Nebenstellenapparat. 

HERMANN. Isarfilm, Simon... 

Schnüßchen meldet sich am anderen Ende der Leitung. Ihre Stimme ist weinerlich; sie klingt verzweifelt. 

SCHNÜSSCHEN (off). Ich kann net mehr, Hermann. Du mußt mir helfen! Ich bin völlig mit den Nerven runter. Die Petra hat mich mit Tabletten vollgestopft. Aber ich kriege mich nicht mehr ein. 

HERMANN. Was ist denn passiert? 

SCHNÜSSCHEN (off9. Bei uns ist eingebrochen worden.

HERMANN. Eingebrochen? 

SCHNÜSSCHEN (off). Die Wohnung ist völlig verwüstet. Der Fernseher ist weg, und Geld und Kleider, alles mögliche. Kommst du heim, Hermann? Ich brauche dich jetzt. 

HERMANN. Ja, ist gut. Ich komme. 

Hermann läft seine Arbeit liegen und macht sich sofort auf den Weg nach Hause. 

1241 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Als Hermann in seiner Wohnung ankommt, sind da viele Leute, die er nicht erwartet hat. Petra, ihr Freund Jürgen, eine Dame vom Jugendamt und einige Studenten. Hermann sucht Schnüßchen. Er findet sie nicht unter den rauchenden und diskutierenden Menschen in seinem Wohnzimmer. Nur Lulu sitzt einsam zwischen all diesen Leuten und spielt mit ihrem Brummkreisel. 

STUDENT. Wer ist denn das?

PETRA. Das ist Hermann.

DAME VOM JUGENDAMT. Kennt von Ihnen jemand den Sigi Schöpke? 

Hermann findet Schnüßchen in der Küche. Sie ist dort beim Kaffee-kochen. 

HERMANN. Ist dir eigentlich klar, was du mit mir machst? Du holst mich mitten aus der Arbeit. Ich denke, du stirbst gleich, dabei veranstaltest du hier ein linkes Kaffeekränzchen. Du machst mich zum Waschlap-pen, das lasse ich mir nicht gefallen. 

SCHNÜSSCHEN. Hermann, es ist wirklich was Schreckliches passiert. Hör dir mal an, was die Dame vom Jugendamt sagt. 

HERMANN. Das hättest du mir alles auch heute abend erzählen können! 

SCHNÜSSCHEN. Der Sigi hat unseren Fernseher verkauft und Drogen dafür besorgt und dann der Trixi gegeben, so viel, daß sie ins Krankenhaus gekommen ist. Und da haben sie heute festgestellt, daß sie schwanger ist. Stell dir so was mal vor, Hermann, wo sie doch selber noch ein Kind ist. 

HERMANN. Na ja, und? Willst du ihr Kind jetzt vielleicht auch noch aufnehmen? 

SCHNÜSSCHEN. Ach, Hermann, die Großstadt ist so grausam. Ich möchte am liebsten von hier wegziehen. 

HERMANN. Sentimentales Gewäsch! Weißt du eigentlich, daß ich Nacht für Nacht durch die Gegend laufe und nicht weiß, wo ich hin soll? Ich dachte mal, das wäre mein zu Hause hier. Aber was ist denn das? Das ist eine Studentenkommune mit angeschlossenem Erziehungsheim. Die Polizei geht ein und aus. Jeder findet hier Obdach. Das ist ein akademisches Obdachlosenasyl! 

SCHNÜSSCHEN. Du hast doch auch deine Freunde. Habe ich mich je beklagt, wenn deine Freunde Tag und Nacht bei uns ein und aus gegangen sind? 

HERMANN. Jetzt kommt wieder der Komplex wegen meiner Freunde. Manchmal glaube ich, du hast nur deswegen angefangen zu studie-ren, um deine Komplexe abzureagieren. Hast du überhaupt ein klares Ziel? Das ist doch alles nur Chaos. Und ich bin nur noch zum Blechen gut, mit dem Geld, das ich ganz alleine verdiene. Damit leistet ihr euch das, euer soziales Getue, dein Luxusstudium! 

SCHNÜSSCHEN. Das nimmst du zurück, Hermann, sonst ist es aus mit uns. 

Schnüßchen ist plötzlich sehr ernst geworden. Sie geht in eine Ecke der Küche und sieht Hermann nicht mehr an. Sie erwartet, daß er jetzt einlenkt. Hermann aber möchte ihr noch mehr weh tun. Er zieht den Ehering von seinem Finger und hält ihn ihr vor die Augen. 

HERMANN. Jetzt schau dir mal ganz genau an, was ich jetzt mache. Schluß mit der Täuschung! 

In hohem Bogen wirft er seinen Ehering aus dem Fenster. 

HERMANN. Ich trage diesen Ring am Finger, ich lasse mich darauf ansprechen, ich laufe wie ein Idiot durch die Welt, ich stehe dazu, und wenn ich nach Hause komme, ist nichts davon wahr. 

SCHNÜSSCHEN. So, und mir reicht es jetzt auch! 

Schnüßchen streift nun auch ihren Ehering vom Finger und tut es ihrem Ehemann gleich. 

SCHNÜSSCHEN. Meinst du etwa, ich stehe weniger dazu? Ich habe die Doppelbelastung mit Kind und Haushalt und Studium und Mann und Emanzipation und politischen Aktionen an der Uni und... und Drogenberatung. 

HERMANN (lacht). Ich gehe! 

SCHNÜSSCHEN. Du bleibst hier! Ich will Antwort auf meine Fragen. 

HERMANN. Was für Fragen denn? Ich bin ein freier Bürger. Ich kann hingehen, wohin ich will. 

SCHNÜSSCHEN. Zu deiner Büroschickse, die nichts anderes zu tun hat, als die Beine breit zu machen. 

Das hätte sie nicht sagen sollen, denn nun kann Hermann auch noch den Gekränkten spielen. Er rennt ins »Japanzimmer« und packt in Eile seine Reisetasche. Schnüßchen merkt, daß es ernst wird. Sie hastet hinter ihm her. 

SCHNÜSSCHEN. Du bist immer fein raus. Du bist der edle, feine Herr, der sich aus allem raushält. Hör mir zu, wenn ich was sage! 

HERMANN. Ich denke doch gar nicht dran, auf deinen Stil einzugehen. 

SCHNÜSSCHEN. Egoist! Dann hau doch ab! Hau endlich ab! 

Hermann hat die gemeinsame Wohnung verlassen. Schnüßchen hört nur noch seine Schritte auf der Treppe. Als sie sich umdreht, steht Lulu da und hält sich die Ohren zu. Schnüßchen versucht, das Kind anzulä-cheln. 

SCHNÜSSCHEN. Der Papa kommt wieder. 

1242 Im Flugzeug nach Berlin 


Vom Flugzeug aus hat Hermann einen herrlichen Blick über das Land: Unter den Wölkchen, die wirklich wie Wattebäusche auf der Landschaft liegen, erkennt er Dutzende von Dörfern. Sie alle sehen aus wie Hunsrückdörfer, deren Anordnung zwischen Wäldern, Feldern und Straßen er sich mit geschlossenen Augen vorstellen könnte. 

HERMANN. Ich hatte keine Lust, mich zu rechttertigen. Ja, ich gebe zu, daß ich keinen moralisch hochwertigen Grund hatte, an diesem Tag nach Berlin zu fliegen. Es war nicht dieser lächerliche Krach mit Schnüßchen. Es war auch keine Kurzschlufreaktion wegen Trixis Einbruch in unsere Wohnung. Ich hatte auch keinen beruflichen 

Grund, zum Beispiel Stefan bei seinen Dreharbeiten zu besuchen. Nein, es war an diesem Spätnachmittag eine ganz unbestimmte Sehnsucht, die mich trieb. Es war wie in meinen Studentenjahren, wenn ich das Getühl hatte, daß es immer die anderen sind, die ihre Hände am Puls der Zeit haben. Es war das piötzliche Verlangen, teilzunehmen am Geschehen. Doch was geschah denn? Es lag eine unglaubliche Unruhe in der Luft. Ich flog nach Berlin wie ein nervöser Falter, der zu einem sehr entfernten Lichtpunkt hinflattert. Er ist in Berlin angekommen. Sein Ziel ist ein Haus in Krenzberg. Als er die richtige Hausnummer gefunden hat, ist er erstaunt, daß es so viele Hinterhöfe gibt. Er geht durch eine Toreinfahrt nach der anderen. 

1243 Berliner Kommune


Hermann findet die Wohnungstür im dritten Stock offen. Er zögert zuerst, dann ruft er »Hallo« und tritt ein. Niemand nimmt von ihm Notiz, obwohl die Wohnung voller Menschen zu sein scheint. Er hört Stimmen aus allen Zimmern. In der Küche sitzen Kalle und Heiner. Die beiden bereiten Brathühner zum Braten vor. 

HEINER. Ich traue dem Typen nicht! 

KALLE. Ist doch völlig egal, ob du dem traust oder nicht. Die Frage ist doch, ob wir mit den Medien auf Konfrontationskurs gehen, oder ob wir sie benutzen. 

Hermann versteht nicht, wovon die beiden sprechen. Jedenfalls ist er nicht damit gemeint. Er räuspert sich, um sich bemerkbar zu machen. 

HERMANN. Entschuldigung, kennt ihr eine Katrin Schöps? 

HEINER. Die wird interviewt. 

KALLE. Ja, interviewt. 

HEINER. Wie sollen wir sie benutzen? Die machen doch, was sie wollen. 

KALLE. Das ist alles eine Frage der Taktik. 

Hermann geht weiter durch die Wohnung. Es gibt viele große Zimmer. Uberall sind die Wände vollgeschrieben mit Kampfsprüchen der linken Bewegung. Endlich findet er Katrin. Sie sitzt auf einem riesigen Bett und unterhält sich mit einem Journalisten. Ein Fotograf macht währenddes-sen Bilder. Neben Katrin sitzt noch eine andere hübsche Kommunardin auf dem Bett. 

KATRIN. Typisch Stern, daß Sie uns beide Mädchen hier auf der Bett-kante fotografieren. Immer diese heimliche Geilheit. Fällt Ihnen denn das nicht selber auf? 

REPORTER. Sie können sich gern auch anders hinsetzen. 

KATRIN. Ich habe damit keine Probleme. Ich bin nicht so verklemmt wie Sie. 

REPORTER. Ich weiß. Sie leben Ihre sexuelle Freiheit aus, rund um die Uhr und in jeder Lebenslage. Das haben mir die anderen auch alle erzählt. 

KATRIN. Die Revolution muß eben alle Lebenslagen erfassen. Aber wenn Sie denken, das wäre so wie bei Ihnen, wenn Sie fremdgehen und Ihre spieBigen Abenteuer erleben, da sind Sie schief gewickelt! 

REPORTER. Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, daß die Kommune das Modell für das menschliche Zusammenleben überhaupt ist! 

KATRIN. Doch. Früher haben die Menschen in GroFfamilien, Sippen, Rotten oder Clans gelebt. Da war Arbeit, Liebe, Kinderaufzucht, Kampf gegen die Natur alles eins. Die moderne Kleinfamilie ist - wie wir seit Freud wissen - ein Saustall. 

REPORTER. Na ja, das haben wir jetzt schon oft gehört und gelesen. Das ist abstraktes Gerede. Was mich interessiert, ist der konkrete Mensch, sind Sie. What makes you tik? 

KATRIN. Wissen Sie was? Das verrate ich Ihnen nicht. 

REPORTER. Haben Sie reiche Eltern? 

KATRTN. Gegenfrage: War Ihr Vater auch bei der NSDAP? 

REPORTER. Aha, dann war Ihrer also bei der NSDAP. Ist ja interessant. Was meint der denn zu Ihrer Lebenslage? 

KATRIN. Ich bin mündig. Warum fragen Sie nicht die anderen? Wir sind hier sieben Leute, die alle sehr gut wissen, was sie wollen. Und noch was: Die bürgerliche Gesellschaft ist marode und korrupt. Wir sind die Vorhut einer neuen Gesellschaft. 

REPORTER. Sind Sie glücklich hier? Sie brauchen sich nicht hinter Parolen zu verschanzen. 

KATRIN. Sie haben Vorurteile. Es langweilt mich, mit Ihnen zu sprechen. Die Kommunardin hat Hermann erspäht, der in der Tür stehengeblie-ben ist, um das Interview nicht zu stören. Er hört erstaunt zu. Katrin ist schöner denn je mit ihrem Minirock, ihrem geflochtenen Lederriemen über der Stirn, ihren nackten Armen. 

REPORTER. Wissen Sie, ich gehöre nicht zu den Journalisten, die schrei-ben, was man von ihnen erwartet. Ich beschreibe, gebe wieder, was ich vorfinde. 

KATRIN. Das können Sie sowieso nicht. 

Jetzt hat auch Katrin Hermann bemerkt. Sie hält mitten in ihrer Rede inne und springt auf. Sie fällt Hermann um den Hals, als hätte sie seit Tagen auf ihn gewartet. 

KATRIN. Hermann, ich hätte nie geglaubt, daß du kommst! Das ist ein Festtag heute! Die Typen vom Stern fliegen gleich raus, dann habe ich Zeit für dich. Setz dich in die Küche. Ach, ich zeige sie dir. Komm. Der Reporter ist verwirrt wegen dieser Unterbrechung. Er macht sich Notizen und sieht sich unter den anderen Kommunarden nach einem neuen Opfer um. Katrin stellt Hermann ihre Genossen Kalle und Heiner vor. Die beiden in der Küche sind zurückhaltend gegenüber dem Gast. Ob sie ihn für einen Spion halten? 

KATRIN. Der ist o. k., verstanden? 

Der Illustriertenfotograf macht sein Sensationsbild: Er stellt die ganze Gruppe, die hier ein neues Lebensmodell praktiziert, nackt auf das große Bett. Dieses Bild wird die Runde durch die Medien machen. War es das, was Heiner meinte, wenn er sagte, man solle die Medien »benutzen« ? 

1244 München, vor Haus Hermann und Schnüßchen


Abends versucht Schnüßchen mit Lulu, die Eheringe zu finden, die sie und Hermann aus dem Fenster geworfen haben. Mit Taschenlampen gehen sie durch den Hof und leuchten in alle Ecken. Auch auf einem Rasenstreifen suchen sie, der entlang der Hofmauer angelegt worden ist. Schnüßchen findet nichts, aber Lulu, die im Gras wühlt, entdeckt etwas, das golden aufleuchtet. 

SCHNÜSSCHEN. Hast du ihn? Ach, schön. Das ist der Ring von deinem Papa. Guck mal, ob du meinen Ring auch noch findest, den von der Mama, such mal mit. Komm, Simone, laß uns suchen. Guck auch mal mit, sonst findet ihn morgen vielleicht jemand anderes. 

Lulu hat nun keine Lust mehr. Sie versteht nicht, daß die Mutter noch nicht zufrieden ist. Schnüßchen sucht weiter, aber sie hat kein Glück mehr. Ihr Ring bleibt verschollen. 

1245 »Renates U-Boot«


Später abends, als Lulu schläft, macht sich Schnüßchen auf, um Her-mann zu suchen. Sie kommt in Renates Kneipe, als dort gerade die Fernsehübertragung der ersten amerikanischen Mondlandung angese-hen wird. Die Kneipengäste sitzen vor der Kleinkunstbühne, auf der heute das Fernsehgerät steht. Alex ist einer der begeisterten Zuschauer. 

FERNSEHTON. The eagle has landed. 

Alex und die Gäste klatschen begeistert Beifall. Gebannt folgen sie der weiteren Fernsehübertragung aus dem Raumfahrtzentrum. 

Schnüßchen trifft Renate, die hinter der Theke zu tun hat. 

SCHNÜSSCHEN. Renate, du hast den Hermann auch nicht gesehen? 

RENATE. Ich glaube, vor zwei Wochen zum letzten Mal. 

SCHNÜSSCHEN. Jetzt weiß ich nicht mehr weiter. 

Schnüßchen weint hemmungslos. Renate versucht, sich um sie zu kümmern. 

RENATE. Willst du dich nicht hierher setzen? Komm, da ist ein Stuhl. Ich bringe dir was zum Trinken. 

Schnüßchen weint in ihr Taschentuch. Sie merkt nicht, daß hinter ihr Clarissa sitzt, die mit ihrer Freundin Camilla magische Orakelsprüche deutet. Clarissa sieht sehr verändert aus. Ihr Haar ist in Hunderte von kleinen Locken gedreht. Auch sie trägt das beliebte Stirnband und viele afrikanische Holzketten um den Hals. Unter dem Einfluß Camillas, die schon in Amerika der Hippiebewegung angehört hat, ist sie ein richtiges »Blumenkind« geworden. Camilla betätigt sich als Wahrsagerin. Sie reiht kleine Steine mit germa-nischen Runen vor Clarissa auf, um ihr daraus Weissagungen zu machen. Die beiden Frauen sehen glücklich aus. Schnüßchen wendet ihren tränenumflorten Blick auf das Fernsehgerät. Das völlig unscharfe Bild läft die Konturen des Astronauten Armstrong ahnen, der als erster Mensch den Mond betritt. 

FERNSEHTON. Ich bin am Fuße der Leiter und werde jetzt vom Lande-fahrzeug hinuntersteigen. Es ist ein kleiner Schritt für einen Men-schen, aber ein Riesenschritt für die Menschheit. 

Clarissa erkennt Schnüßchen, die immer noch mit dem Rücken zu ihr sitzt und schluchzt. Clarissa erhebt sich und setzt sich Schnüßchen gegenüber. 

CLARISSA. Schnüßchen, kennst du mich nicht mehr? 

SCHNÜSSCHEN. Nein, doch, du bist die Clarissa! Mensch, Clarissa, ich bin heute ziemlich unglücklich. 

Clarissa wendet sich an Camilla. 

CLARISSA. Schau, Camilla, das ist die Frau von Hermann. Das ist meine Freundin Camilla. Ich habe ihr viel erzählt. 

SCHNÜSSCHEN. Vom Hermann? Darf ich grad mal? 

Schnüßchen greift nach Clarissas Rotweinglas und trinkt es in einem einzigen verzweifelten Zug aus. 

1246 Wohnung Volker und Clarissa


Clarissa und ihre Hippiefreundin haben Schnüßchen mit nach Hause genommen. Nun liegt sie auf der Couch und schläft, während die beiden Musikerinnen ihr Weissagungsspiel fortsetzen. Sie haben viele Kerzen angezündet, die ein flackerndes Licht in den Raum werfen und auch die Gesichter in ein zartes Traumlicht tauchen. Camilla überreicht Clarissa einen indianischen Halsschmuck, auf dem ein magisches Bild dargestellt ist. 

CAMILLA. Schau, zwei Frauen, die nebeneinandersitzen. 

Clarissa studiert währenddessen in einem feministischen Buch. 

CLARISSA (liest). »Warum wurden vierhundert Jahre lang Frauen, die die Kirche zu Hexen erklärte, systematisch gefoltert und gemordet?« 

CAMILLA. Zwei Geister, die versuchen, in die Frauen reinzukommen, aber die Frauen sind noch nicht bereit. 

CLARISSA (liest). »Dahinter steht eine militante Gesellschaft, die Frauen durch AbtreiLungsverbot und Benachteiligung in der Arbeitswelt beherrschen will. « 

Camilla zählt die kleinen Anhänger, die am unteren Ende des Schmucks baumeln. Es sind sieben goldene Körner. 

CAMILLA. Sieben pomegranates, das Fruchtbarkeitssymbol, die Hexen-zahl. Das schenke ich dir. 

Sie legt Clarissa den Schmuck liebevoll um den Hals. 

CLARISSA (liest). »Wenn man die Frauen beherrscht, beherrscht man die ganze Welt. « Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin keine Hexe. 

CAMILLA. Doch. 

CLARISSA. Ich denke zuviel, aber du, du bist eine Hexe. Ich muß lachen über so was. 

CAMILLA. Ich bin eine Hexe. 

Plötzlich wacht Schnüßchen wie aus einem Alptraum auf. Sie fährt auf der Conch hoch, faft sich an den Kopf und ist ganz verwirrt. 

SCHNÜSSCHEN . . . mein Kind, ich hab mein Kind vergessen! Um Gottes willen! Taxi, Taxi! 

Schnüßchen taumelt durch die kerzenbeleuchtete Wohnung. Sie ruft immer wieder nach einem Taxi. Camilla und Clarissa stehen da, sie verstehen nicht, was passiert ist, und sehen sich ratlos an. 

1247 Vor Haus Volker und Clarissa

Schnüßchen rennt kopflos auf die Straße. Wäre der Straßenverkehr um diese Nachtstunde nicht so ruhig, so hätte sie ein Chaos erzeugt und sich obendrein tödlich gefährdet. Sie läuft in irgendeine Richtung. Es ist purer Zufall, daß sie auf diese Weise überhaupt einem Taxi begegnet. 
1248 Wohnung Volker und Clarissa

Clarissa schlägt auf dem Flügel ein tiefes F an. Sie sieht ihrer Freundin erwartungsvoll in die Augen. Der Ton verklingt, aber Camilla greift ihn auf ihrer Posaune auf. Sie läft ihn weiterschwingen. Clarissa hört hinter dem Posaunen-F her. Sie ergänzt den Ton durch einen erneuten An-schlag auf dem Klavier. Dann erhebt sie ihre Stimme. Scheu, tastend, gleichzeitig eine kleine Melodie improvisierend, singt Clarissa eine Gedichtzeile von Else Lasker-Schüler. 

CLARISSA. »Dein Herz ist wie die Nacht so hell . . . « 

Camilla geht auf die melodische Idee ein. Sie modifiziert sie auf der Posaune. Jetzt hört Clarissa zu. Sie spürt, daß etwas Schönes entsteht. Sie singt die Verszeile in der Variante noch einmal. Es ist eine sehr konzentrierte und zugleich träumerische Stimmung zwischen den Freundinnen entstanden. Mitten aus der Schwärmerei für Magie, Frauenaufbruch und Selbstbewußtsein ist ein Projekt geboren worden. Camilla und Clarissa komponieren ein Stück zusammen. 

1249 Berliner Villa


Freunde von Helga und Kalle haben Dokumentarmaterial besorgt, das sie in Stefans Filmvilla auf einer improvisierten Leinwand vorführen. Der Kameraassistent hat den dafür notwendigen Projektor organisiert und spielt den Vorführer. Rob, Bernd und Ulla haben sich unter die Studenten gemischt, die in die Villa gekommen sind, um die Filmauf- nahmen zu besichtigen. Es sind Aufnahmen, die ein Fernsehteam von Demonstrationen und Straßenschlachten in Berlin gemacht hat. Auf- nahmen, die in den Sendungen nicht verwendet worden sind. In den Diskussionen geht es um Fragen der Taktik, um Filmästhetik, sofern es große Unterschiede für die politische Arbeit macht, ob die Filme von Teams der Fernsehanstalten gedreht werden oder von den Revolutionä- ren selbst. Die Standpunkte gehen auch hier auseinander, und die Diskussion leidet darunter, daß die Zuschauer immer wieder sich selbst auf der Leinwand entdecken und in Gelächter ausFrechen. Helga versucht, »Struktur« in die Gespräche zu bringen.

HELGA. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, daß die Revolution sich auf einer Demo entscheidet.

KALLE. Natürlich, warum gehe ich denn auf die Straße! 

HELGA. Die Revolution beginnt genau da, wo wir arbeiten, wo wir leben, wo wir unsere Kinder erziehen - zum Beispiel, weil wir nicht mehr bereit sind, Herrschaftsstrukturen als gegeben hinzunehmen. Also in Betrieben, in der Schule, an der Uni, in der Familie. Das ist Basisdemokratie. Die Genossen schweigen. Helga hat ihnen einen Gedankenbrocken hingeworfen, mit dem sie ihre Köpfe eine Weile beschäftigen können. Sie läßt die Gruppe und den Projektor allein und besucht Stefan, der sich im Nebenraum abgeschottet hat. Er versucht, seine Gedanken auf der Schreibmaschine zu Papier zu bringen. Helga mustert die große Studio-kamera, die aufgebaut im Türdurchgang steht. Als Stefan den Blick hebt und sie ansieht, fängt sie an, auf ihn einzureden. 

HELGA. Es gibt da Szenen und Texte in deinem Drehbuch, Stefan, die kann man heute nicht mehr so bringen. Die sind rein subjektiv, willkürlich geschrieben. Unser toter Reinhard in Ehren, aber das ist romantische Gefühlsduselei. Du machst dich lächerlich damit. 

Sie hat tatsächlich Stefans DrehLuch in der Hand. Sie hat es so zusam-mengerollt, daß Stefan zuerst nicht erkennen konnte, daß sie davon spricht. Als sie aber das Script entrollt und es vor ihn auf den Tisch knallt, weiß er, daß sie sein Buch gelesen hat. 

STEFAN. Wann hat dich jemals interessiert, ob ich mich lächerlich mache? 

HELGA. Die fortschrittliche Kritik macht dich dafür platt. Du wirst vernichtet, wenn du so was verfilmst. Du kannst Figuren heute nicht mehr losgelöst von ihrer gesellschaftlichen Funktion zeigen. Und dazu noch in dieser Geschichte, die in der Hitlerzeit spielt und die Juden, Nazis, GroBbürger, SS-Leute zum Thema hat. Das sind gesell-schaftliche und historische Fakten, Stefan. Das kannst du nicht mit Gefühlen beschreiben. 

STEFAN. Ausgerechnet du. Niemand war je so gefühlsmäBig wie du. 

Stefan nimmt sein Drehbuch an sich. Er versucht es wieder geradezubie-gen. Auf dem DeckFlatt steht sein Titel: »Die deutsche Angst«. Viel-leicht ist dies ein passender Titel für den Erstlingsfilm von Stefan Aufhäuser. Helga nimmt einen neuen Anlauf. 

HELGA. Dein Geld, das kommt doch vom Innenministerium - oder? Steuergelder! Da hat die Arbeiterklasse geschuftet für, Stefan. Und aus diesem Grund ist es nicht egal, was mit dem Geld des Volkes geschieht. 

STEFAN. Das sind doch alles nur Definitionen. Das Geld wurde mir zuerkannt, damit sich in dieser öden Kommerzwelt ein Stückchen Filmkunst entwickeln kann. 

Rob, Ulla, Bernd und andere Teammitglieder erscheinen nun in der Tür, um der Debatte zuzuhören. Helga bezieht die neuen Zuhörer sofort in ihre Rede mit ein, motiviert sie gegen Stefan. 

HELGA. Das Geld wurde ihm als Regisseur zuerkannt, als einem einzel-nen Künstler, der sich einbildet, allein die Filmkunst weiterentwik-keln zu können. 

STEFAN. Was habt ihr nur davon, wenn ihr mir meinen Job wegnehmt -oder ist es vielleicht doch so attraktiv, Regisseur zu sein? Ich frage ja nur. 

ROB. Stefan, so ist es auch wieder nicht. Tatsache ist, daß seit einer Woche nicht gedreht wurde, und anscheinend die nächsten zwei Tage auch nicht. 

Es hat offensichtlich zwischen Helga und Rob eine Ubereinkunft gege- ben, die Kameraausrüstung von hier fortzuhringen. Rob begibt sich zu Helga, die sich während aller ihrer Angriffe auf Stefan immer in der Nähe der Kamera aufgehalten hat.

HELGA. Nehmen wir das Ding gleich mit? 

ROB. Na klar! 

STEFAN. Moment mal, was macht ihr denn mit der Kamera? 

HELGA. Nun mal ruhig. Es geht um eine wichtige Sache. 

ROB. Solange hier nicht alles ausdiskutiert wurde, ist das ja auch kein Problem. 

HELGA. Du hast ja auch genügend zu tun mit den Änderungen an deinem Drehbuch, oder? 

ROB. Martin, auf geht's! 

Rob gibt seinem Assistenten Martin Anweisungen, die Geräte einzupak-ken und ihm nach draußen zu folgen. Auch Kalle beteiligt sich an der Aktion. 

KALLE. Macht kaputt, was euch kaputtmacht. 

Ulla, die Regieassistentin, hält Stefan noch die Treue. Sie stellt sich demonstrativ auf seine Seite, kann aber auch nicht verhindern, daß sein Team sich immer mehr gegen ihn richtet. 

ULLA. Genau, was ich dir vorhin gesagt habe. 

STEFAN. Lächerlich! 

1250 Kommune Berlin


In den Räumen von Katrins Kommune ist Nachtruhe eingekehrt. Hermann liegt neben Katrin im großen Bett und schläft. Da geht Licht an. Katrin schreckt aus den Träumen auf. Sie blinzelt in das helle Zimmer. Es ist Helga, die so spät von ihren politischen Aktionen zurückkommt. Sie trägt Karli, ihren zweijährigen Sohn, im Arm. Das Kind schläft. Auf der Treppe, die aus dem großen Wohnschlafraum ins nächste Stockwerk hinaufgeht, bleibt Helga kurz stehen. Sie hat Hermann an Katrins Seite entdeckt. 

HELGA. Hast du es endlich geschafft? 

KATRIN. Ja. 

Katrin kuschelt sich demonstrativ an Hermanns Schulter. Helga geht in die obere Etage, wo sie ihr Zimmer hat. Dort bringt sie Karli zu Bett. Mit einem starken Tee, den sie sich direkt auf dem Schreibtisch bereitet, macht sie sich um diese Stunde noch verbissen an ihre Arbeit. Einer der Genossen, der hinter einer offenen Tür schläft, beschwert sich über den Schreibmaschinenlärm. 

HEINER. Sag mal, pennen tust du nie, was? 

1251 Isarfilm, Büro Konsul Handschuh


Schnüßchen gibt nicht auf. An diesem Morgen hat sie ihr schickes Ledermäntelchen angezogen und geht in das Stadthüro der Isarfilm. Sie läft sich bei Konsul Handschuh anmelden. Der Firmenchef ist völlig überrumpelt. Nach und nach faht er aber Sympathie für die kleine, aufgeregte Hunsrückerin. 

SCHNÜSSCHEN. Ich wollte doch mal in die Höhle des Löwen schauen. Wissen Sie, mein Mann hat mir nämlich nichts von Ihnen erzählt. 

KONSULHANDSCHUH. Nichts? 

SCHNÜSSCHEN. Ja, so gut wie gar nichts. Ich habe Sie mir genauso vorgestellt, wie Sie wirklich sind, so ein freundlicher und imposanter Herr. So groß und. .. 

KONSULHANDSCHUH... na, und so dick! 

SCHNÜSSCHEN. Genauso muß ein Chef auch aussehen. 

KONSULHANDSCHUH. Bitte... 

Der Konsul bietet ihr einen Platz auf der Besuchercouch an. Er setzt sich ihr gegenüber auf den unter seinem Gewicht ächzenden Ledersessel. 

SCHNÜSSCHEN... Danke. Herr Konsul, ich habe Sorgen. 

KONSULHANDSCHUH. Habe ich, hat meine Firma damit zu tun? Dann ist Ihnen schon jetzt jede Hilfe sicher. 

SCHNÜSSCHEN. Mein Mann ist in letzter Zeit sehr eigenartig gewesen. So wie ich ihn eigentlich gar nicht kenne. Und nun ist er verschwun-den, seit gestern. 

KONSULHANDSCHUH. Und Sie wissen nicht, wo er ist? 

SCHNÜSSCHEN. Wissen Sie's? 

KONSULHANDSCHUH. Na ja, lassen Sie mich mal nachdenken. 

SCHNÜSSCHEN. Um offen zu sein, ich weiß, daß es in Ihrer Firma eine -wie soll ich sagen - eine sehr nette Sekretärin gibt. 

KONSULHANDSCHUH. Sie meinen. . . 

Die Tür zum Sekretariat steht noch offen. Der Konsul fühlt sich von seiner älteren Chefsekretärin belauscht. Er wird unruhig. Wer weiß, was jetzt zur Sprache kommt? 

KONSUL HANDSCHUH. Fräulein Kaldemann, seien Sie so lieb und ma-chen mal die Tür zu ? Danke. 

SCHNÜSSCHEN. Ich meine, daß man Arbeit und Privatleben doch tren-nen können sollte. 

KONSUL HANDSCHUH. Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps -meinen Sie das ? 

SCHNÜSSCHEN. Wenn Sie meinen Mann sehen, werden Sie ihm dann sagen, daß ich hier gewesen bin?

KONSUL HANDSCHUH. Natürlich nicht. Ich wollte Sie ja immer schon mal kennenlernen. Und dazu werden wir in der Zukunft noch viele, viele Möglichkeiten haben. 

Der Konsul atmet auf. Es scheint also doch nicht zu größeren Indiskre-tionen und Firmenklatsch zu kommen. Er erhebt sich erleichtert, um Schnüßchen eines jener milchigen Nationalgetränke seiner Südseerepu-blik einzugießen. 

KONSUL HANDSCHUH. Was Ihren Mann angeht, da bin ich ührigens ganz sicher, daß er in diesem Augenblick eine Bahnreise macht. Allein. Ich habe ihn quasi dazu verführt, indem ich ihm eine Bundes-bahn-Netzfahrkarte zukommen ließ. Wußten Sie das nicht? 

SCHNÜSSCHEN. Nein. 

Nun atmet auch Schnüßchen auf. Der Konsul beugt sich über sie und setzt sein liebenswertestes Reklamelächeln auf. 

KONSULHANDSCHUH. Ich stelle mir vor, daß er jetzt in dem herrlichen Aussichtswagen des TEE sitzt, die Schönheit der deutschen Lande genießt und - komponiert. 

1252 Kommune Berlin


Hermann wacht im Bett neben Katrin auf. Es muß gestern sehr spät und auch berauschend gewesen sein, bevor er einschlief, denn nun, bei Tageslicht, weiß er nicht recht, wo er sich befindet. Vorsichtig hebt er den Kopf. Uberall, über, vor und hinter ihm gibt es diese Sprüche auf den Wänden: »Worte sprengen keine Ketten«, »Macht kaputt, was euch kaputtmacht«, »Haut dem Springer auf die Finger«, »Freiheit für alle politischen Gefangenen«, »Sympathy for the Devil«, »High sein, frei sein, Terror muß dabei sein«. Hermann betrachtet die schlafende Katrin. Ihr Gesicht sieht im Schlaf viel zarter und ausgeglichener, auch mädchenhafter aus als am Tag vorher. Es macht ihn glücklich, sie so zu sehen. Jetzt spürt er seine volle Blase. Rücksichtsvoll und leise steht er auf, um die Toilette zu suchen. Er geht die Treppe empor. Im oberen Gang gibt es mehrere Türen, die alle ausgehängt worden sind, so daß man in die Räume hineinsehen kann. Uberall liegen Leute - Pärchen und einzelne, die noch schlafen. Hermann findet das Bad. Auch hier fehlt die Tür. Selbst die Toiletten- kabine ist immer offen. Hermann sieht sich um. Es ist still in der weitläufigen Wohnung. Jetzt öffnet er die Hose und beginnt zu pinkeln. Währenddessen liest er die Sprüche, die auch hier die Wände zieren. Viele von den Texten sind ihm unverständlich. Plötzlich steht Katrin in der Tür. Sie ist vollkommen nackt und lächelt. Hermann versucht schnell, sein Glied in der Hose verschwinden zu lassen. 

KATRTN. Pinkel ruhig weiter. Wir haben hier überall die Türen ausge-hängt, damit endlich mal Schluß ist mit diesen kleinbürgerlichen Schamhaftigkeiten. Am Anfang war es für uns auch neu. Du mußt eben lernen, in Gegenwart deiner Genossen zu scheißen und so weiter. 

HERMANN. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Ich muß unheimlich kaputt gewesen sein. 

KATRIN. Ich habe dich zugedeckt. Ich habe geredet und geredet, und auf einmal warst du eingeschlafen. 

Im Aufenthaltsraum wird ein großes Frühstück veranstaltet. Kalle und Heiner haben schon am frühen Morgen der Feinkostabteilung des KaDeWe einen Besuch abgestattet. Sämtliche Taschen ihrer Parkajak- ken sind mit den erlesensten Köstlichkeiten gefüllt. Stolz berichten sie ihren Wohngenossen, wie sie es diesmal angestellt haben, die Detektive zu überlisten. Hermann wird in alle Tricks eingeweiht, während man den Tisch für das Festmahl deckt. Helga erscheint als letzte beim Frühstück. Sie bleibt in der Tür stehen und schüttelt den Kopf. 

HELGA. Wieder mal geklaut? Wenn ihr das doch endlich mal kapieren würdet! Mit solchen Aktionen, da fallt ihr jeder ernstzunehmenden Politik in den Rücken. 

HEINER. Was denn, wir haben das Kapital geschädigt! 

Helga streicht sich ein Margarinebrot. Sie ißt davon und macht noch ein Brot für ihren kleinen Sohn. Hermann und Katrin würdigt sie keines Blickes. 

HELGA. Ich bring den Karli jetzt in den Kindergarten, und dann suche ich uns eine eigene Bude. Ich halte das nicht mehr aus, dieses Chaos hier. 

HERMANN. Guten Morgen, Helga. 

HELGA. Ich meine, was soll dieses dauernde Gequatsche von kollektiver Kindererziehung? Am Schluß bleibt dann doch alles an mir hängen! Von euch hat in den letzten Wochen kein Schwein sich jemals um Karli gekümmert. Da kann ich uns ja gleich eine eigene Bude suchen. Das kommt auf dasselbe raus. 

KALLE. Von was willst du dann leben?

HELGA. Ich suche mir einen Job bei Osram. 

Katrin versucht die ganze Zeit, mit Helga in Kontakt zu kommen, aber Helga reagiert nicht auf Lächeln und nicht auf Gesten der Hilfsbereit-schaft. 

KATRIN. Bist du sauer wegen Hermann? 

HELGA. »Es reicht nicht, daß der Gedanke zur Wirklichkeit drängt, die Wirklichkeit muß auch zum Gedanken drängen. « 

HERMANN. Das verstehe ich nicht. 

HELGA ... Rudi Dutschke. Ich habe echt Wichtigeres zu tun als eure kleinbürgerlichen Privataffären. 

Helga ruft nach ihrem Sohn, dann verschwindet sie. Katrin und Her-mann sehen sich an wie zwei gescholtene Schulkinder. 

1253 Kinderladen in Berlin


Helga hat in Kreuzberg zusammen mit anderen Müttern einen Kinderla-den aufgezogen. In den Räumen einer ehemaligen Vorstadtmetzgerei werden etwa zwanzig Kinder abwechselnd von den jungen Müttern gehütet und nach der Theorie der repressionslosen Erziehung aufgezo-gen. Das Ergebnis ist ein Chaos von wild durcheinanderschreienden Kindern, die sich gegenseitig wegen aller Bedürfnisse - Spielsachen, Essen, Zuwendung der Erwachsenen - bekriegen. Dabei werden Möbel, Wande, Kleider ebensowenig geschont wie die Nerven der Erwachse-nen. Die Hoffnungen, daß sich geordnete Beziehungen unter den Kin-dern von allein einstellen, erfüllen sich nicht oder zumindest nicht schnell genug. Helga hat beschlossen, dieses Experiment mit der Film-kamera zu dokumentieren. Deswegen wurde die Kamera bei Stefan entwendet und wird nun von Rob und seinem Assistenten im Kinder-laden aufgebaut. Natürlich sind die Kinder zunächst nur an der Kamera und an den fremden Gästen interessiert. Sie wollen alles anfassen und alles auspro-bieren. Unter den Fragen der Kinder fallen die Filmleute sprachlich in ihre frühen Entwicklungsstufen zurück. Auch sie reden jetzt in der Kindersprache. 

KIND. Und was sind das für runde Ohren?

TONMEISTER. Die hier? Das sind keine Ohren, das sind Kopfhörer.

ROB. Und dann schau mal her, da kann man aufmachen.

KIND. Was machst du mit dem Kram?

TONMEISTER. Damit nehme ich euch auf, und nachher, wenn wir den Film fertig haben, dann können wir auch den Ton dazu anhören. 

Helga mischt sich ein. Sie wirkt sehr ernst, denn es geht um ein Erziehungsexperiment, von dem sie zutiefst überzeugt ist. 

HELGA. Das geht so nicht. Wir müssen warten, bis die Kinder uns nicht mehr wahrnehmen. Wir müssen Geduld haben, einsickern in ihre Welt. Erst dann kann man drehen. 

ROB. Das kann lange dauern. 

HELGA. Wir haben Zeit. 

ROB. Stimmt. Wochenlang! 

Robs Gedanken gehen zu Stefan und dem verfahrenen Spielfilmprojekt zuruck. 

1254 Vor Berliner Villa


Mit einem Taxi kommt der berühmte Schauspieler an, der in Stefans Film die Rolle des Villenbesitzers und Verlegers spielen soll. Olga hält sich in Begleitung ihrer Garderobiere im Garten auf, um den Schauspieler abzufangen, denn er weiß noch nichts von den Teamdiskussionen und der Unterbrechung der Dreharbeiten. Sie schämt sich für die unprofessionelle Situation und möchte verhindern, daß der Star Stefan in seiner geschwächten Position begegnet. Als der Mime aus dem Taxi steigt, eilt Olga ihm entgegen. 

OLGA. Ah, Sie sind bestimmt der Herr Rene Christian. 

CHRISTIAN. Ja.

OLGA. Wie schön, daß Sie da sind. Ich bin Ihre Tochter. Ich spiele die Esther, Olga Müller.

CHRISTIAN. Ich habe Sie mir immer blond vorgestellt. 

OLGA. Sagen Sie das bloß nicht, sonst werde ich wahnsinnig! Ich habe wochenlang gekämpft, um nicht gefärbt zu werden. 

CHRTSTIAN. Ist unser Regisseur schon da? 

OLGA. Herr Aufhäuser ist in schwierigen Gesprächen. 

Er läßt gerade das Drehbuch ideologisch absegnen. Der Taxifahrer bringt Herrn Christian eine Quittung über den Fahrpreis. Olga nimmt dies zum Anlaß, das Taxi aufzuhalten. Die Garderobiere möchte nun auch den Star begrüßen, sie reicht ihm überschwenglich die Hand. 

GARDEROBIERE. Guten Tag, Herr Christian. Ich bin ihre Gewandmeisterin. 

CHRISTIAN. Freut mich. 

Olga winkt dem Schauspieler vom Taxi her zu. Sie ist so lebhaft, daß er nicht mehr weiß, in welche Richtung er sich bewegen soll. 

OLGA. Kommen Sie doch mit. Es wird heute sowieso nicht gedreht. Kommen Sie! 

CHRISTIAN. Ja, aber. . . 

OLGA. Das können Sie sich ersparen. Kommen Sie! 

CHRISTIAN. Gut, aber auf Ihre Verantwortung. 

Es ist Olga tatsächlich gelungen, Christian vom Drehort wegzulotsen. Er nimmt neben ihr im Fond des Taxis Platz und läßt sich in den schönen Tag entführen. 

 
1255 Cafe am Wannsee


Am Wannsee-Ufer haben Olga und Herr Christian ein Ausflugslokal gefunden, wo sie den Tag genießen und in Ruhe plaudern können. Nur einzelne Spaziergänger kommen hier vorbei, und der Blick über den See ist eine Wohltat für Olgas angestrengte Augen. Sie hört zu, wie der berühmte Kollege ihr von seinen Erlebnissen berichtet, die er während des Einmarsches der Russen in Prag gehabt hat. 

CHRISTIAN. Ich war noch in Prag am ~I. August, als die Russen einmarschierten. Ich war unterwegs zum Studio Barrandow mit dem tschechischen Standfotografen. Da werden wir aufgehalten. Uberall russische Panzer, quergestellte und umgestürzte Wagen. Die Leute versteckten sich dahinter. In diesem Augenblick war scharfes Schießen zu hören. Die Leute flüchten in Richtung auf uns zu und rufen »Dubcek, Dubcek«. Herr Paniczek, der Standfotograf, rennt mitten in diese Schießerei und fotografiert. Ich habe ihn nicht wiedererkannt, diesen scheuen, ängstlichen Mann. Er war plötzlich ein Held. Ich hatte um ihn mehr Angst als um mich. 

OLGA. Und Sie, welche Rolle haben Sie denn gespielt? 

CHRISTIAN. Ich spiele einen französischen Diplomaten in Wien, Kostümfilm. Wir haben das alte Wien in Prag gedreht. Das ist nicht so modern. Es fehlten mir noch fünfzehn Drehtage. Wir mußten natürlich abbrechen, weil nichts mehr funktionierte. Außerdem mußte die amerikanische Produktion sofort das Land verlassen. Die prozessieren jetzt mit der Versicherung. Wann wir weiterdrehen, weiß keiner. Und Sie, sind Sie mit Ihrer Rolle zufrieden? Ist doch eine schöne Rolle! 

1256 Kurfürstendamm, Cafe Möricke


Auch Hermann und Katrin haben sich von den Strapazen einer Ideologiediskussion davongestohlen. Arm in Arm, in dieser ganz und gar verpönten, spätbürgerlichen Pose, gehen sie den Kurfürstendamm hinab, froh, daß sie hier keiner der Genossen sieht. Im Cafe Möricke finden sie Platz unter der Markise. Die beiden genießen die Romantik ihrer neuen Beziehung. Katrin bestellt eine Tasse Kakao. 

KATRIN. Kakao erinnert mich an meine Mutter. Ich muß noch sehr klein gewesen sein. Ungefähr drei, vier. Da nahmen mich meine Eltern mit nach Wiesbaden. Ich glaube, es war in einem Offizierskasino der Amerikaner. 

HERMANN. Im Kurhaus? Ich kenne das. Ich glaube, es gibt die Amerikaner dort immer noch. Ich bin dort sehr oft vorbeigekommen, auf meinen Radtouren, als ich das erste Mal verliebt war. 

KATRIN. Kakao, das erste Mal in meinem Leben. 

Während er weiterspricht, berührt Hermann Katrins auf dem Tisch ausgestreckte Finger. Diese sehr vorsichtige Berührung gibt allen seinen Worten die Würze. 

HERMANN. Es gab nichts, was begehrenswerter war als Amerika. Die Amerikaner strahlten. Sie waren unkompliziert, sie rochen gut, und sie liebten die Freiheit. Als ich in die Schule kam, da lernten wir aus einem amerikanischen Buch, daß es nichts Verwerflicheres gäbe als den Militarismus. Wer Gehorsam um des Gehorsams willen verlangt, verstößt gegen die Würde des Menschen. Es ist unwürdig, Fremde zu hassen, die Meinung eines anderen zu verachten, im Gleichschritt zu marschieren- all diese Ideale kamen damals aus Amerika. Und ich glaube an sie, mein Leben lang. Das schwöre ich denen. 

KATRIN. Ich war noch sehr klein in den Nachkriegsjahren. Ich kann mich nur noch an Farben erinnern.

HERMANN. Und jetzt fürchten wir die Amis. Die Bilder aus Vietnam erinnern an die Greuel, die unsere Väter angerichtet haben. 

Hermanns Hand findet Katrins nacktes Knie. 

KATRTN. War dein Alter auch ein Nazi? 

HERMANN. Ich glaube, nicht. Er hat I944 eine Bombe entschärfen wollen. Schiefgegangen. 

In Begleitung zweier Herren in karierten Jacken kommt Stefan des Wegs. Er will das Cafe betreten, da sieht er Hermann auf der Terrasse sitzen. Er tippt ihm, der ganz in Katrin versunken ist, von hinten auf die Schulter. Hermann erschrickt. 

STEFAN. Hermann! 

HERMANN. Stefan! 

STEFAN. Was machst denn du in Berlin? Aber erzähle mir das später. Ich habe eine wichtige Verabredung mit den zwei Hollywood-Managern. Weißt du, von dieser Produktion, die letzten Sommer aus Prag fliehen mußten. Besuche mich doch mal am Drehort, am Wannsee. Sie weiß, wo das ist. 

Stefan beeilt sich, die beiden Amerikaner einzuholen, die vor ihm das Cafe betreten haben. Sie warten an einem der kleinen Tische. 

1257 Cafe Möricke


Ein Foto des Stars, der heute eingetroffen ist, wird herumgereicht. Stefan spielt den überbeschäftigten Künstler und mimt Ungeduld. Einer der beiden amerikanischen Filmleute spricht recht gut deutsch, der andere muß sich Stefans Antworten von seinem Kollegen leise übersetzen lassen. 

PRODUZENT. Mister Christian ist ein wunderbarer Schauspieler. Wir lieben ihn. 

STEFAN. Ja ja. Er ist mein absoluter Hauptdarsteller. Er ist fast in jeder Szene, und der Film ist praktisch auf ihn aufgebaut. 

PRODUZENT. Was kostet es, sagen wir mal, wenn Sie Ihren Film verschieben? Zehn oder fünfzehn Tage. 

STEFAN. Aber wir haben schon begonnen. Das ganze Team ist bereits in Berlin. Und alle sind unter Vertrag. 

PRODUZENT. The whole team is in Berlin under contract. Wir müssen unsere Produktion zu Ende bringen, wir prozessieren seit sechs Monaten mit der Versicherung. Jetzt zahlen sie endlich. 

STEFAN. Ja, aber Herr Christian ist bei mir unter Vertrag. 

Stefan zeigt in dem Gespräch seine eigentlichen Qualitäten. Er spürt sofort, daß er mit den Amerikanern ein Geschäft machen wird, wenn er hart bleibt. 

PRODUZENT. Deswegen spreche ich mit Ihnen. Sagen Sie mal, was es kostet, wenn Sie verschieben. 

STEFAN. Verschieben? Das müßte kalkuliert werden. Und das braucht Zeit. 

PRODUZENT. He has to calculate, it takes him time. Wieviel Zeit? Drei Stunden, vier Stunden ? 

STEFAN. Aber da brauche ich meinen gesamten Mitarbeiterstab dafür. 

PRODUZENT. Kommen Sie um fünfzehn Uhr in das Hotel Kempinski. Kennen Sie das ? 

STEFAN. Ja, natürlich, aber - das ist schon in zweieinhalb Stunden. 

Stefan ahnt, daß der Preis für Herrn Christian um so niedriger ausfallen wird, je weniger Zeit er zum »Kalkulieren« bekommt. Er beeilt sich wegzukommen. Als er die Kellnerin zum Zahlen ruft, winkt der Amerikaner ab. 

PRODUZENT. Lassen Sie. Wir bleiben hier und erledigen das. 

STEFAN. Wiedersehen! 

Stefan rennt ein bißchen zu schnell davon. 

1258 Hotelzimmer


Stefan ist im Zahlenrausch. Zusammen mit Ulla hat er sich in seinem Hotelzimmer verschanzt, um das Geschäft seines Lebens zu machen. Er hat sich vorgenommen, mit Hilfe der amerikanischen Produktionsfirma, die ihm seinen Star Rene Christian abkaufen will, aus der Schlappe herauszukommen. Ulla addiert Stefans Zahlenkolonnen, während er mit dem Münchner Büro der Isarfilm telefoniert, um sich von Erika die Preislisten durchsagen zu lassen. 

ULLA. Also, ich komme auf zirka zwanzigtausend Mark pro Woche. Mal drei - macht sechzigtausend Mark. Für sechzehn Drehtage plus zwanzig Prozent sind . . . zweiundsiebzigtausend. 

STEFAN. Zweiundsiebzig. 

ULLA. Ob die Amis so viel zahlen für einen deutschen Schauspieler ? 

STEFAN. Die sind in einer absoluten Notlage. Also, schreib nochmal auf: Hotel - dreitausendvierhundert. 

ULLA. Das habe ich schon. 

STEFAN. Dann schreib es noch mal dazu: Kilometergeld -tausendachthundert. Verpflegung zwei . . . 

Stefan verabschiedet sich von Erika und legt den Hörer auf. Ulla hat Zweifel an diesen unseriösen Rechnungen. 

STEFAN. Die haben mit dem in Prag den größten Teil der Rolle gedreht. Das kostet die hundertmal soviel. 

ULLA. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, daß wir beim Team erscheinen und das Ende der Dreharbeiten verkünden. 

STEFAN. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, weil alles so verfahren ist. Nur, bis jetzt hätte ich es mir finanziell nicht leisten können. Je länger die Diskussionen gingen, um so weniger hätte ich mir leisten können, das Spiel abzubrechen. Verstehst du? 

ULLA. Und jetzt zahlen ausgerechnet die Amerikaner die ganze Revolte. 

STEFAN. Ja. Irgendwie stimmt der Laden. Die Kulturimperialisten zahlen für uns. 

ULLA. Hör auf, Stefan! Ich komme mir kriminell vor. Ich möchte dem Team nicht mehr unter die Augen treten. 

STEFAN.So weit geht das! 

Stefan bindet sich die Krawatte. Er zieht seine Weste und die feine Anzugjacke an. So macht er sich bereit, wieder zu den Amerikanern zu gehen. Ulla denkt an die vergangenen Tage und Wochen. 

ULLA. Es war auch schön. Alle diese Träume von Freiheit und Selbst-bestimmung, das machte irgendwie Hoffnung. 

STEFAN. Gehirnwäsche! 

ULLA. Letzte Nacht haben wir überlegt, was wir nach der Revolution machen. So weit waren wir schon in Gedanken. 

STEFAN. Man muß das trennen: Revolution ist das eine und Film das andere. Bringst du mich in das Hotel Kempinski? 

ULLA. Ich möchte nach München fahren. Heute noch. 

Ulla ist traurig geworden. Stefan steht an der Tür. Mit seiner Sonnen-brille und dem ironischen Gesicht wirkt er schon ein bißchen amerika-nisch. 

STEFAN. O. k. That s movie! 

1259 Hotel Kempinski

Als Stefan in seiner Entschlossenheit und mit seiner Ledertasche die Halle des Luxushotels durchquert, scheint er völlig verwandelt: Er ist ein jungdynamischer Geschäftsmann geworden, der nichts Künstleri-sches mehr vermuten läft. Er geht immer ein wenig auf den Fufspitzen, versucht lässig zu wirken und ist dennoch nicht annähernd so locker wie die echten Amerikaner, die da von den Aufzügen her auf ihn zukommen. Die beiden Produzenten, die er schon kennt, werden von einem Herrn, der »deutscher« aussieht als die anderen, begleitet. 

PRODUZENT. Hallo, Stefan, nice to see you. Herrn Philips kennen Sie? 

STEFAN. Hallo. 

PRODUZENT. Mister Braunitsch von Warner Brothers. Er möchte unbe-dingt Ihr Drehbuch sehen. Wer ist Ihr Verleiher? 

STEFAN. Wir sind noch mit verschiedenen Firmen in Verhandlung. 

PRODUZENT. Mister Braunitsch ist eine sehr gute Adresse. Er kennt Hollywood wie seine Hosentasche. 

Die Herren sind bei einer Sitzgruppe angekommen, wo sie Platz neh-men. Stefan wirkt nun doch fahrig und ein wenig unkonzentriert. Es sind zu viele Augen, die ihn belauern. Er versucht, sachlich zu wirken. 

STEFAN. Wir haben kalkuliert. 

PRODUZENT. They have calculated. So? Zeigen Sie uns Ihr Gesamt-budget. 

STEFAN. Sehr knapp kalkuliert, kämen wir auf einen Ausfall von mindestens achtzigtausend Mark. 

PRODUZENT. Für eine Woche? 

STEFAN. Für fünfzehn Tage. 

Schon hat er als Pokerspieler verloren, denn er hätte merken sollen, daß die genannte Summe auch für eine Woche Drehausfall in den Ohren der Amerikaner sehr niedrig klingt. Stefans Reflexe sind die eines deutschen Bürgerkindes, starr, unflexibel und autoritätsgläubig. Der amerikanische Produzent läft sich nicht anmerken, daß der Preis für fünfzehn Drehtage ein Witz ist. Schnell greift er zum Scheckheft und läht seinen Boß, Mister Braunitsch, unterschreiben. 

PRODUZENT. So, das sind dreifigtausend Dollar. Sie können den Scheck bei jeder Bank einlösen. Ist das o. k. ? 

STEFAN. Das ist o. k. 

Schon ist alles vorbei. Stefan hätte nie geglaubt, daß sein Pokerspiel so schnell zu Ende sein könnte. 

1260 Bankschalter

Trotz allem ist es ja eine Menge Geld, die Stefan mit dem Scheck der Amerikaner abholen kann. Er will die Summe in bar ausgezahlt haben. Er will das Geld mit seinen eigenen Augen sehen und in der eigenen Tasche mitnehmen, bevor er das in die Tat umsetzt, was er sich nun vorgenommen hat. Mit diesem sinnlichen Verlangen ist er geradezu wieder ein Künstler. Die Kassiererin zählt ihm die Hundertmarkscheine vor. 

KASSIERERIN. Dreifigtausend Dollar - das sind hundertsiebzehntau-sendsechshundertfünfundzwanzig Mark und zweiundzwanzig. 

Es ist wirklich ein Haufen Geld, den Stefan da einstecken kann. 

1261 Berliner Villa


In der Filmvilla im Grunewald gehen währenddessen die »revolutionä-ren Umwandlungen« im kleinen Team weiter. Bernd, der sächsische Aufnahmeleiter, ist nun auch völlig von den neuen Ideen zur Demokra-tisierung des ganzen Lebens erfaft. Er ist mit viel größerer Begeisterung bei der Sache als in den früheren Jahren. Nun arbeitet er zum ersten Mal ganz in seinem eigenen Auftrag. Als Katrin in ihrem VW vorfährt und Hermann, den sie mitbringt, aussteigen läßt, tritt Bernd ihr entgegen. Sie will Hermann die Filmvilla zeigen, aber Bernd verwehrt den beiden den Eintritt. 

BERND. Das Team ist gerade dazu übergegangen, sich selbst zu portraitieren, in seinem revolutionären Prozeß. Das heißt, wir filmen uns gegenseitig und nehmen zu den Ereignissen Stellung. Der revolutionäre Prozeß beginnt doch bei einem jeden von uns selber. Das müssen wir doch festhalten. Habe ich recht? 

Katrin nimmt Hermann bei der Hand. Sie kennt sich ja hier gut aus und weiß, wo es kuschelige Ecken und Räume gibt, in denen sie sich mit ihm verkriechen kann. 

1262 Berliner Villa


Bernd hat für seine Filmgenossen Kaffee gemacht. Während er mit der Thermoskanne durch die Diele geht, wird im Wohnzimmer eine Dokumentaraufnahme gedreht. Die große Studiokamera ist wieder hier, und das Team hat sich in überraschender Weise »umstrukturiert«. Die Garderobiere bedient das Tonbandgerät, Martin, der Kamera-Assi, ist zum Chefoperateur avanciert, und Kalle ist nun sein Assistent. Er schlägt die Klappe und macht die Ansagen. »Bestandsaufnahme« wird der Film genannt, den das Team hier über sich selbst dreht. Rob ist gerade an der Reihe, vor der Kamera Statements über sich und sein filmästhetisches Kredo abzugeben. 

GARDEROBIERE. Ton läuft. 

KALLE. »Bestandsaufnahme«. Vierundzwanzig, die erste. 

MARTIN. Läuft. Bitte. 

Rob.Wer in dieser Zeit wertvollen Rohfilm belichtet, trägt Verantwortung. Eine Verantwortung für das gesellschaftliche Bewußtsein. Der Spielfilm kann immer nur mühsam erzählen, was tagelang inszeniert und vorbereitet ist. Was unsere Augen sehen, wird erst dann zur Wahrheit, wenn wir es auch empfinden und dann filmen. Ich meine damit, die Kamera ist eine Maschine, zu keiner Empfindung fähig. Deswegen ist es auch völlig unsinnig, die Kamera einfach nur draufzuhalten, so, wie wir das im Fernsehen oft sehen. Um der Wahrheit näher zu kommen, muß der Kameramann seine Empfindungen abbilden Realität ist nicht Wahrheit. 

1263 Berliner Villa, Foyer


Stefan kommt in dem riesigen Möbelwagen einer Berliner Speditionsfirma vor der Villa vorgefahren. Als er mit dem Ausdruck finsterer Entschlossenheit die vier bulligen Möbelpacker vom Lkw zum Villeneingang führt, fühlt er sich wie ein Westernheld, der mit seinen Hilfssheriffs in eine Räuberspelunke einzieht, um die Gangster festzunehmen. Das meuternde Team ist gerade dabei, Kalle, das neueste unter den Teammitgliedern, gleichberechtigt neben den anderen zu interviewen. 

KALLE (off). Mein Name ist Karl-Heinz Peter Schubert. Genossen und Freunde nennen mich Kalle. Meine maßgebliche Motivation zur. . . 

Der Einzug von Stefan mit seinen starken Männern bringt alles durcheinander. Olga, der Stefan im Durchgang begegnet, erschrickt, als wären Räuber eingebrochen. Im Vorübergehen läßt Stefan die Lampen ausschalten, Proteste kümmern ihn nicht. Die Teammitglieder sind zu sehr überrumpelt, als daß sie begreifen könnten, was hier geschieht. Stefan steigt auf den Kamerawagen. So hat er einen erhöhten Standpunkt. Sein Drehbuch klemmt er sich fest unter den Arm, als wäre es das Strafgesetzbuch, nach dessen Vorschrift er handelt. 

STEFAN. So, das war's! Ich will euch hiermit das Ende der Produktion ansagen. 

ROB. Stefan, was soll denn das? 

STEFAN. Wir werden jetzt alle Geräte, sämtliches belichtetes und unbelichtetes Filmmaterial einpacken. Außerdem werden diese Herren hier von der Speditionsfirma alle Kostüme, Requisiten, Möbel, Werkzeuge - alles, was der Produktion gehört-, mitnehmen. Es wird heute noch alles nach München transportiert. 

BERND. Aber Herr Aufhäuser, was für belichtetes Material? Meinen Sie etwa den Film über unseren revolutionären Bewußtseinsprozeß? Da passe ich aber selber drauf auf. 

STEFAN. Ich beantworte keine Fragen. Das ist keine Diskussion, sondern ein ganz normaler Rechtsakt. Die Produktion ist abgebrochen! 

TEAMMITGLlED. Wir haben doch Verträge. 

STEFAN. Wer gegen die Arbeitsverträge verstoßen hat - und das sind ja wohl fast alle hier-, ist fristlos entlassen. Die Dreharbeiten wurden seit zwei Wochen systematisch be- oder verhindert. Ende! 

Kalle hat schnell noch versucht, Stefans Rede auf Tonband aufzunehmen. Er ist aber zu spät damit. Stefan vermeidet es, Rob in die Augen zu sehen. 

ROB. Stefan, ist das wirklich wahr? Ich habe mich doch nicht so in dir getäuscht? 

STEFAN. Ich diskutiere nicht mehr. 

Stefan beeilt sich. Mit fahrigen Gesten gibt er Befehle an die Möbelpacker, die treuherzig alle seine Anordnungen ausführen. 

STEFAN. Schrank kommt mit, Filme, Tisch, Stühle, der Sekretär, Lampen -alles, was hier rumsteht. 

Olga kann die Veränderung in Stefans Wesen ebensowenig fassen wie Rob. Sie starrt ihn wortlos an.

STEFAN. Olga, du kommst auch mit. 

ROB. Stefan, du machst einen Fehler! Das ist das Ende der Freundschaft. STEFAN. Ich kann nicht anders. 

Stefan hat genug Geld in der Tasche, um sich diesen Auftritt zu leisten. Das macht ihn frei, aber auch unempfindlich. Er verläßt das Haus mit den Möbeln. Im Untergeschoß der Villa ist die Kulisse eines Märchenschlosses aufgebaut. Katrin und Hermann haben sich in das Filmbett verkrochen und geliebt. Nun kommen die Möbelpacker und tragen vor den Augen des erschrockenen Paares die Wände weg. Plötzlich sind sie in ihrer Nacktheit den Blicken der fremden Männer ausgeliefert. 

MÖBELPACKER. Mensch, kiek dir die mal an, det is ja wie im Kintopp. 

So endet auch für Hermann und Katrin dieses Filmprojekt, das sie ebensowenig verhindern wollten wie alle anderen Mitarbeiter. 

1264 Im Auto Stefan, Fahrt nach München


Stefan nimmt Olga in demselben Kombiauto mit, in dem die beiden schon von München nach Berlin gefahren sind. Diese Rückfahrt hätten sie sich niemals träumen lassen. 

STEFAN. Ich könnte mich ohrfeigen, daß ich so langsam reagiert habe. Der Amerikaner fragte bei meinen achtzigtausend Mark »pro Woche?«, und ich Idiot, ich bin so ehrlich und sage »für fünfzehn Tage«. Der hätte glatt achtzigtausend Mark pro Woche hingeblättert. Das war wie beim Pokern. 

OLGA. Mit dir ist etwas Schreckliches passiert, Stefan. 

STEFAN. Schrecklich? Aber es geht doch endlich weiter, Olga. Auch für dich! So, wie du esimmer wolltest. 

OLGA. Du fühlst dich als Sieger! 

STEFAN. In gewisser Weise ist das ja auch so.

OLGA. Nein.

STEFAN. Was hast du denn plötzlich? Bist du nicht einverstanden? 

OLGA. Alles wird ganz normal werden. Wir werden in München ins Studio von Herrn Konsul gehen, werden morgens abgeholt, abends heimgebracht. Es gibt keine Fragen, keine Diskussion mehr. Es wird keine Geheimnisse mehr geben. 

STEFAN. Aber es wird endlich professionell zugehen! 

Olga, die immer gegen die Revolte gewesen ist und sich als die eigentlich Geschädigte dabei empfunden hat, ist nun traurig, daß alles vorbei ist. Sie schweigt. Sie spürt, daß das Glück sie und Stefan verlassen hat. 

1265 Vor Kinderladen in Berlin


Feuer ist in Helgas Kinderladen ausgebrochen. Das ganze Stadtviertel ist in Aufruhr, die Feuerwehr ist im Einsatz, und die Nachbarn stehen in Haufen hinter den Absperrlinien, um das Spektakel mit anzusehen. Daß die Kinder gerettet wurden, erleichtert sie, aber die Berliner Kleinbürger hätten gern mehr Schaden gesehen. Sie haben die jungen Revoluzzer, die hier heranwachsen sollten, immer als Ärgernis empfunden. 

1.BEREINER FRAU. Es ist doch fürchterlich. So was geht einfach nicht, sehen Sie sich doch diese Mütter an. 

2.FRAU. Aber bei den Langmähnigen, was soll man denn da. . . 

1.FRAU. Ja, was soll dabei weiter rauskommen! Und nicht pädagogisch ausgebildet, das muß man sich mal vorstellen. Wie soll denn das. .. Ja, die sollen dahin ziehen, wo die Kommunisten sind. Rüber über die Mauer, die nehmen sie gerne auf. 

Die Feuerwehr hat den Brand schnell unter Kontrolle. Es konnte verhindert werden, daß die Flammen auf das Nebenhaus oder die oberen Stockwerke übergreifen. Das gesamte Inventar des Kinderladens ist aber ein Raub des Feuers geworden. Wände, Fensterstöcke und Türen sind verbrannt. Helga wird vom selben Reporter, der schon Katrin befragt hat, interviewt. Er hat sie für sein Gespräch in die ausgebrannten Räume des Kinderladens gebeten. 

REPORTER. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesem Brand und den Aktivitäten Ihres »Aktionsrats« ? 

HEEGA. Das ist Terror. 

Man sieht Helga den Schock an, den sie bei dem Feuer erlitten hat. Sie wirkt viel ernster als sonst. Sie ist nachdenklich, so, als wollte ein bestimmter Gedanke, eine bestimmte Konsequenz sich in ihrem Innern festsetzen. 

REPORTER. Liest man die Parolen Ihres »Aktionsrats zur Befreiung der Frau«, könnte man als zumindest bürgerlich unemanzipierter Mann durchaus auf die Idee kommen, an Terror zu denken. 

HELGA. Provokation, Hetze der Springer-Presse und jetzt Brandstiftung. 

REPORTER. Sie halten das also für einen Anschlag? 

HELGA. Es hätte ja sein können, daß ein Kind in der Panik nicht mehr rauskommt und verbrennt. 

Draußen auf der Straße kehrt das Alltagsleben wieder ein. Die Feuerwehr ist abgerückt, die Neugierigen sind in ihre Häuser zurückgekehrt. "Normalität" umgibt Helga, die tief in ihrer Seele erregt ist wie noch nie. 

REPORTER. In Ihren Kreisen wird doch gern der Unterschied zwischen "Gewalt gegen Sachen" und "Gewalt gegen Menschen" diskutiert. Was sagen Sie jetzt dazu? 

HELGA. Schwierig. 

REPORTER. Finden Sie diese Position nicht ein bißchen zynisch? 

Ein Fernsehteam ist erschienen. Es filmt einen Schwenk über die rußgeschwärzte Fassade. Helga, die beinah ins Bild gekommen wäre, zieht sich vom Fenster zurück. Der Reporter versucht, sie zu extremistischen Äußerungen zu verlocken. 

REPORTER. Was halten Sie vom sogenannten »Gewaltmonopol des Staates« ? 

HELGA. Was heißt denn »Gewaltmonopol des Staates«? Das ist ein Machtmonopol. 

REPORTER. Aha, Sie halten es also auch für »sozialdemokratischen Dreck«, der Imperialismus lasse sich ohne Gewalt abschaffen. 

HELGA. Das ist schwierig! 

Jetzt glaubt der Reporter, daß er sie festnageln kann. 

REPORTER. Sie sind also für Gewalt? 

HELGA. Es bleibt immer ein Widerspruch. 

1266 Kommune Berlin


In Katrins Kommune gibt man sich der Musik und dem Rausch hin. Die Musik von Jimi Hendrix dröhnt aus den selbstgebastelten Boxen. Heiner, der Hippietyp unter den Wohngenossen, führt einen Phantasie- tanz auf, in dessen Verlauf er nach und nach seine Kleider abstreift. In den Ecken wird geschmust, geraucht, und man singt mit Jimi Hendrix oder trommelt den Rhythmus auf die Wand. Katrin und Hermann lassen es sich auf der großen »Lustwiese« gutgehen. Auch sie wiegen sich in den Wogen der Musik. Katrin füttert Hermann mit kleinen Kuchenstückchen, die er gierig aus ihren Händen ißt. 

KATRIN. Vorsichtig, das ist ziemlich stark. 

HERMANN. Stark?

KATRIN. Spezialgewürz.

HERMANN. Schmeckt wie Weihnachten. 

KATRIN. Das merke ich mir. Da hat der Kalle ein halbes Pfund Shit reingebacken. 

Hermann erschrickt, denn er begreift, was er eben gegessen hat. Da er aber noch keine Wirkung spürt, ist die Angst gleich wieder verflogen. Neben ihm und Katrin hat ein Pärchen begonnen, ungeniert zu vögeln. Hermann findet diese Art der Freiheit überwältigend. Es enthemmt ihn, und seine Hände beginnen Katrins Körper zu erobern. Katrin genießt es, auch wenn Heiner, der seinen Striptease fortsetzt, sich über sie beugt und sie küßt. Sie läßt alles geschehen. Kalle, der heute nach dem Abbruch der Filmarbeiten völlig verstört ist, taumelt die Innentreppe herunter. Den Stiel eines Tennisschlägers be- nutzt er als Maschinengewehrersatz. Er » schießt« in alle Richtungen. Er ballert und weint zugleich. Kalle halluziniert. Er ist in einem tödlichen Krieg, in dem er keine Chancen hat zu überleben. 

Katrin, die merkt, daß Kalle auf einem bösen Trip ist, nimmt ihn zärtlich in die Arme, als er sich erschöpft zu ihr und Hermann auf das Bett fallen läßt. Die laute Musik aus den Boxen geht weiter. Heiner macht weiter seinen Strip, das Paar nebenan nähert sich dem Orgasmus. Hermann beginnt sich unbehaglich zu fühlen. Kalle rückt ihm auch immer näher. Nun kommt auch Heiner, so nackt, wie er inzwischen ist, auf das Bett und legt sich über Hermann und Katrin. Er küßt Katrin direkt vor Hermanns Augen. Hermann kann nicht glauben, daß Katrin das mitmacht und es auch noch mit geschlossenen Augen genießt. Sie ist gar nicht mehr daran interessiert zu wissen, mit wem sie ihre Lust gerade teilt. Das Paar neben Hermann stöhnt atemlos. Eine bewußtlose Rammelei hat begonnen. Als nun auch Kalle nach Hermann greift und seine Hose erwischt, die vom vorangegangenen Spiel mit Katrin noch offen ist, verliert Hermann die Nerven. Er windet sich unter den begehrlichen Körpern heraus und versucht, auf die Beine zu kommen. Er zieht die Hose hoch und schreit nach Katrin, die aber nicht antwortet. Hermann sieht sich plötzlich inmitten eines Alptraums. Er beginnt sich so schnell wie möglich anzuziehen. Als er auf den Stufen der Innentreppe steht und auf das große Bett hinabsieht, bricht die Wirkung der Droge über ihn herein. Sein Zeitgefühl zerfällt, er sieht nun nur noch Fetzen. Sein Zeitkontinuum reißt, wie ein Faden zerreißt. Katrins Körperteile, ihre Hände, ihre Brüste, ihr Bauch, ihre Füße, die Hände und die Füße der anderen, die Musik, die Bewegungen - alles wird zu Splittern eines zerbrochenen Spiegels und dreht sich wie in einem Kaleidoskop. 
 
1267 Berliner Innenhof


Hermann weiß nicht, wie er aus der Wohnung in dieses Treppenhaus gelangen konnte. Es ist ein ganz anderer Aufgang als der, über den er sonst zu Katrin gekommen ist. Er fühlt sich wie auf einem Karussell. Er versucht auf seine Armbanduhr zu schauen. Wie spät ist es eigentlich? Er weiß nicht, in welche Richtung er gehen soll. Da kommt eine Rockergang auf ihren Motorrädern durch die Flucht von Hinterhöfen und Durchfahrten gefahren. Die Luft erbebt vom Dröhnen der schweren Maschinen. Hermann findet zwischen den blendenden Scheinwerfern der Motorräder den Ausgang zur Straße. Er ist gerettet. 
1268 Autobahnauffahrt Dreilinden


Es gibt eine Stelle, an der die Anhalter stehen, die Westberlin verlassen wollen. Im Hintergrund die kreisrunde Gaststätte mit den Neonlichtern. Das Dröhnen der Lastzüge mischt sich mit dem Nachklang der Drogenmusik von Jimi Hendrix in Hermanns Ohren. Er steht in einer Gruppe mit anderen Anhaltern, jungen Leuten, die mit Gitarren oder als buntgekleidete Pärchen unterwegs sind. Hier herrscht der Darwinismus der Landstraße: Der Stärkere fährt zuerst. Hermanns Wahrnehmung der Realität ist noch immer verändert. Es kommt in Wellen, dieses Gefühl, nicht ganz wirklich oder aus dem Zeitempfinden herausgehoben zu sein. Auto um Auto braust vorbei. Hermann lächelt selig. Plötzlich erscheint da der blaue Lieferwagen einer Münchner Filmfirma. Er traut seinen Augen nicht. Es sind die Beleuchter der Isarfilm, die ihn erkannt haben und nun anhalten. Hermann rennt mit anderen Anhaltern um die Wette. 

HERMANN. Ich kenne den. Der ist für mich. Er steigt ein. Er fährt nach München. 

1269 München, Wohnung Hermann und Schnüßchen


Es ist sehr früh am Morgen, als Hermann in seiner Wohnung ankommt. Er sperrt die Tür auf und geht durch die dämmrige Diele. Hier sieht es verlassen aus. Er blickt in die verschiedenen Räume, in denen das Frühlicht erwacht. Durch das Fenster hört er Kinderstimmen, die vom Hof heraufdringen. Vorsichtig klopft er an die Schlafzimmertür. Er will Schnüßchen nicht erschrecken. Aber er erhält keine Antwort. Er öffnet. Da steht er vor einem Notenständer, auf dem ein Briefchen für ihn befestigt ist. 

HERMANN (liest). »Lieber Hermann, Du mußt Dir vorstellen, daß ich jetzt gerade in dem herrlichen Aussichtswagen des TEE sitze und die Schönheit der deutschen Lande genieße und komponiere. Waltraud. Für Lulu habe ich gesorgt. « 

1270 Alter Nordfriedhof


Hermann geht über den kleinen Friedhof, den er so sehr liebt. Kinder spielen hier, und die alten Leute aus dem Viertel sitzen auf Bänken und denken an den Tod. Er läßt sich auf einer Bank nieder. Er hat seinen Matchsack bei sich, der schon seine Reise aus dem Hunsrück hierher mitmachte. Er ist auf einer Reise, deren Ziel er nicht mehr weiß. Hermann denkt nach. Da sieht er Lulu, sein Kind. Plötzlich steht die Kleine in einem Sonnenstrahl, der durch das Geäst auf die Friedhofswiese fällt. Das Bild vor seinen Augen scheint unwirklich. Ist das Realität? Ist es immer noch die Droge, die ihm das Bild seines Töchterchens vorgaukelt? Hermann reißt die Augen auf. Lulu steht immer noch in dem Sonnenstrahl wie eine kleine Engelserscheinung. Die Kleine setzt sich plötzlich in Bewegung. Zuerst langsam, dann schneller werdend, kommt sie auf ihn zu und wirft sich überglücklich an seine Brust. Hermann herzt und küßt sein Kind. Es ist wie im Traum 

HERMANN. Lulu, wo kommst du denn her? Wo ist denn die Mama? 

LULU. Die ist verreist. 

HERMANN. Verreist? Und was machen wir jetzt?

LULU. Wir sind auch verreist. 

HERMANN. Wir sind auch verreist? Na gut, wir verreisen. Wohin verreisen wir? Wir brauchen ein Pferd. Oder ein Auto? Sollen wir ein Auto kaufen? 

Hermann packt die Kleine auf die Arme und erhebt sich. Er entschließt sich, mit dem Kind alles in die Tat umzusetzen. Die kleine Prinzessin soll bestimmen, was er zu tun hat. 

1271 Ein Autogeschäft 


In den Schaufenstern der Autogeschäfte sehen Autos immer viel begehrenswerter und auch viel schöner aus als auf der Straße, wo sie in der Masse der anderen Autos nur noch Teile der großen Blechlawine sind. Hermann bestaunt das Citroen-Cabrio, ein silbernes Straßenschiff mit roten Lederpolstern. Er geht mit dem Kind in den Laden, und er kauft, weil Lulu es so will, den Wagen auf der Stelle aus dem Schaufenster heraus. 
1272 Voralpenl


Hermanns Fahrt im neuen Auto geht nach Süden. Lulu sitzt wie eine Königin auf dem Rücksitz. Hermann chauffiert sie mit offenem Verdeck durch den sonnigen Tag. Der Fahrtwind spielt in den Haaren des kleinen Mädchens. Hermann ist zufrieden. Vor ihm werden die Berge sichtbar, zur Linken weiden Schäfchen. Das bringt doch Glück! Die Straße leuchtet wie ein weißes Band. 
1273 Zugspitzbahn


Hermann und Lulu fahren in der Gondel einer Seilbahn auf den höchsten Berg hinauf. Das Kind sieht schweigend hinaus und staunt, wie klein die Autos werden, die Häuser und selbst der See, an dessen Ufer die Bahn eben noch gestartet ist. Hermann hat die neueste Ausgabe des Stern gekauft, auf dessen Titelseite Katrin abgebildet ist. »Deutschlands schönste Kommunardin« steht neben dem Foto. Katrin sieht eigenartig fremd darauf aus in ihrer Pose, die Nacktheit zeigt und gleichzeitig verbirgt. Hermann vertieft sich in den Artikel, der über sie berichtet. Katrin wird darin wörtlich zitiert mit einer Deutung der Liebe, die Hermann aber nicht versteht. 

KATRIN. »Für die meisten Gefühle haben wir keinen passenden Aus- druck mehr. Wir haben Hunger und sagen, daß wir arbeiten wollen. Wir frieren und sagen, daß wir ein Haus besitzen wollen. Wir sehnen uns nach Solidarität und sagen, daß wir verliebt sind. Die Liebe ist nur ein Trümmerhaufen der Gefühle und die Familie eine Neurosen- küche. Der Mann unterdrückt die Frau, die Frau rächt sich am Kind, das Kind ist eifersüchtig auf den Vater, der Vater hat ein schlechtes Gewissen vor der Mutter. Die Mutter erdrückt das Kind mit Liebe. Das Kind versucht zu fliehen. Der Vater gibt der Mutter die Schuld. Die Mutter erinnert an die Pflicht. Der Vater vertritt den Staat. Das Kind revoltiert. Die Mutter weint, der Vater schlägt zu. 

Es gibt einen Faschismus der Gefühle. Wir sprechen diese Wahrheit aus. Danach ist nichts mehr so, wie es vorher war. «