Film 13: Drehbuch

Dreizehntes Buch
Kunst oder Leben
(1970) 
 
1301 Theresienwiese, Blick über München


Niemand kann von sich behaupten, er sei ein Kenner dieser Stadt, wenn er das Oktoberfest nicht gesehen hat. Hier wird die Liebe, die man für München empfinden kann, auf eine harte Probe gestellt, denn alle Liebenswürdigkeiten, die sich auf dem »größten Volksfest der Welt« entdecken lassen, werden durch ebenso abstoßende Grobheiten und aggressiven Suff aufgehoben. Das Panorama der Großstadt wird in den Nächten der letzten September- und ersten Oktoberwoche vom Lichterschein der Karussells, der Festzelte und Leuchtreklamen beherrscht. In der Luft schwebt ein Dunstgemisch von Bier, Bratfett und süßen Mandeln. Der Lärm, den Hunderte von Kirmeslautsprechern, Amüsierbetriebe, Blaskapellen und die unübersehbare trunkene Menge erzeugen, liegt wie eine Glocke über der Stadt, so daß niemand, der hier lebt, dieses Fest ignorieren kann. Die U-Bahnen, Bahnhöfe, Zufahrtsstraßen sind verstopft von den Massen, die zum Fest drängen oder einige Stunden später in »ausgelassener Stimmung« von der »Wies'n« zurückkehren. Kaum eine Münchner Firma kann es sich leisten, ihren Angestellten nicht wenigstens einen freien Nachmittag zum Besuch des Volksfestes zu gewähren, und viele Unternehmen stellen ihren Mitarbeitern reservierte Plätze in den Zelten zur Verfügung, in den sogenannten Boxen. Hier darf der betrunkene Angestellte auch einmal den Chef beim Vornamen nennen und mit ihm pinkeln gehen. Seit zehn Jahren lebt Hermann nun in München, und es ergeht ihm nicht anders als den anderen »Zugereisten«, die von Jahr zu Jahr diesem Massenspektakel weniger Freude abgewinnen können. Oft wird der Besuch der Wies'n auch eine lästige Pflicht, weil man auswärtige Freunde dorthin begleiten muß, weil die Kinder den Schutz der Erwachsenen brauchen oder die Firma eine Betriebsfeier veranstaltet und einer als arrogant gilt, der sich ausschließt. Hermann ist zu einem Umtrunk der Isarfilm-Belegschaft mit ihrem Chef auf das Oktoberfest gekommen. Herr Groß, der ihn nach getaner Arbeit vom Studio zur Theresienwiese begleitet hat, wollte aber unbedingt noch mit dem Riesenrad fahren, bevor er sich in die Lärmwüste stürzt. Hermann scheut die schwindelerregende Fahrt in Münchens Nachthimmel. Er wartet unten, bis der kleine Herr Groß die Gondel wieder verläßt. Zwischen den illuminierten Festzelten, Achterbahnen, Sensationsunternehmen und dem Gedränge grölender Menschen geht Hermann durch das unwirkliche Licht des vergehenden Tages. Vor einer Mandelbrennerei bleibt er stehen. Der Duft der süßen Mandeln lockt ihn an. Er kauft sich eine Tüte voll mit den glühendheißen Süßigkeiten. Hermann sieht sich kauend im bunten Lichtermeer um. Das Krachen der Mandeln zwischen seinen Zähnen übertönt den Festlärm in seinem Kopf. Er kommt auf die Idee, sich die Ohren zuzuhalten. Nun hört er nur noch seine Kaugeräusche. Die Bilder, die in seine Augen dringen, wirken verändert, weil die Lärmkulisse fehlt. Herr Groß kommt vom Riesenrad zurück, findet Hermann bei dem Mandelstand. 

HERMANN. Sie müssen mal ausprobieren, wie das Oktoberfest auf jemanden wirkt, der taub ist. 

Nun hält auch Herr Groß sich die Ohren zu. Als Tonmeister versteht er Hermanns Hörexperiment. Auf dem Weg zu dem Festzelt, in dem sie erwartet werden, versuchen sie noch mehrmals, die Bilder von diesem barbarischen Originalton zu trennen, indem sie sich die Ohren fest zuhalten und mit den Augen »Momentaufnahmen« machen. 
1302 Im Festzelt


Das riesige Festzelt ist brechend voll. In endlosen Reihen sitzen Menschen an Holztischen, grölen, trinken, essen, schreien, schunkeln. Die Blasmusiktribüne, die in der Mitte des Zeltes aufgebaut ist, versinkt in Bratendunst und Tabakqualm. Hermann und Herr Groß haben Mühe, sich zu orientieren. An Hendlgrill, Ausschanktresen und Schmankerltheken vorbei müssen sie sich vom Menschenstrom schieben lassen, bis es ihnen gelingt, auf die Seite zu gelangen, wo sich die Firmenboxen befinden. Uber einem Treppchen ist hier ein Schild mit der Aufschrift »Reserviert« angebracht, und neben einem uniformierten Saaldiener, der die Zugänge kontrolliert, prangt am Geländer auch das Firmenzeichen der Isarfilm. Die Blaskupelle in der Mitte intoniert das »Prosit-Lied«, danach entsteht eine von Bierkehlen und dumpfem Johlen erfüllte Musikpause. Es wird getrunken. Hermann und Groß sind angekommen. Konsul Handschuh residiert in der Mitte des Tisches, seine Angestellten, seine Geschäftsfreunde und ein paar Schnorrer haben auf beiden Seiten neben und hinter ihm Platz gefunden. Der Konsul wuchtet seinen schweren Körper hoch, um die Neuankömmlinge gestenreich zu empfangen. 

KONSUL. Willkommen. Schön, daß Sie da sind, unser unermüdliches Genie! Ich möchte wirklich mal wissen, Herr Simon, wann Sie schlafen. 

Und Sie, Herr Groß, wenn Sie so weitermachen, schicke ich Sie in Zwangsurlaub. Kommen Sie hier an meine Seite. 

HERMANN. Dankeschön. 

Der Konsul plaziert Hermann an seine »grüne Seite«, indem er »Haselchen«, seine Frau, bittet, einen Platz weiterzurücken, so daß Hermann zwischen den beiden gewichtigen Menschen eingeklemmt wird. Herr Groß darf auf der anderen Seite vom Konsul sitzen und erhält wie Hermann einen Maßkrug voll Bier gereicht. Die Stimme des Chefs übertönt alle. Er verbreitet Stimmung und versucht sich hemdsärmelig zu geben. 

KONSUL. Wir sind eine große Familie. Es wäre doch gelacht, wenn es bei uns zweierlei Menschen gäbe. Wo ist eigentlich unser lieber Herr Zielke? 

HERMANN. Den haben wir verloren. 

Beim erneuten großen »Prosit«, das durch den ganzen Saal brandet, klirren auch in der Isarfilm-Box die Krüge aneinander. Dann lassen die Gäste das Bier durch die Kehlen fließen. Der Konsul hat einen zünftigen Lodenanzug an. Haselchen trägt ein Dirndlkleid, dessen Mieder unter der Last der überquellenden Brüste schier zu platzen droht. Hermann möchte liebend gern seinen Blick von diesem Fleisch wenden, aber er sitzt so eingeklemmt zwischen dem Chefehepaar, daß er nicht anders kann als hinschauen. Der Konsul betrachtet ihn schmunzelnd. 

KONSUL. Haselchen, bring dem Herrn Simon was zu essen. Der sieht ja ganz verhungert aus. 

Die Konsulin sieht, wie die bayerische Kellnerin gerade einige Brathüh- ner serviert. Sie stürzt sich auf einen der Teller, um ihn für Hermann zu reservieren. 

FRAU KONSUL. Entschuldigen Sie. Ich muß Ihnen das wieder wegneh-men. Sie kriegen das nächste. 

Während Hermann das frisch dampfende Brathuhn vor die Nase ge-stellt bekommt, entdeckt der Chef einen Herrn, der unterhalb der Brüstung durch den Seitengang des Festzeltes geht. Schnell stemmt er sich hoch und walzt auf das Treppchen zu, wo der Herr im Lodenanzug stehengeblieben ist. 

KONSUL. Wen sehe ich denn da! Mein lieber Herr Oberkirchenrat, grüß Gott. Und so braungebrannt! 

Aus der Urlaubsfrische gerade, wie? Schon ist der Oberkirchenrat eingemeindet in die Runde der Isarfilm. Auch er erhält die obligate Maß Bier und Gutscheine für Hähnchen und weiteres Bier. Sobald der lächelnde Kirchenmann Platz genommen hat, gibt der Konsul seinen Angestellten die Geschichte zum besten, wie er den Gast im Urlaubsort kennengelernt hat. Handschuh hat den Kir-chenrat damals dabei ertappt, als er sich eine Rebe von des Konsuls Zierwein klauen wollte. 

KONSUL. Da hätten Sie mal sehen sollen, wie er erschrocken war, als hätte ihn der liebe Gott persönlich ertappt. Wir sind dann die besten Freunde geworden, und ich muß sagen: ein herrliches Fleckchen Erde da unten. 

Hermann hat sich die Geschichte nicht angehört, denn seine Gedanken schweifen in die Ferne. 

HERMANN. Die Situation wäre ganz nach Schnüßchens Geschmack gewesen, denn sie war in einer lauten Riesenfamilie aufgewachsen und liebte es, eingehlemmt zwischen den Eltern, Geschwistern, Bra-tenschüsseln und Geschwätz zu sitzen und eine von ihnen zu sein - ein Familienmensch. 

Ich aber haßte diese Nähe, die sich selbstverständlich gab, aber eigentlich genau das Gegenteil war: das Niederwalzen aller Getüble mit dem Gewicht des Alltäglichen. Die Kapelle animiert erneut zum Trinken. Abermals werden um Her-mann herum die Maßkrüge angestoßen, und die Feststimmung der Angestellten wächst. Einige sind auf die Bänke gestiegen, schunkeln und singen zur Musik der Blaskapelle: »Ein Prosit der Gemütlichkeit«. Es ist wie im Hunsrück, nur mit einer Million, der Einwohnerzahl Münchens, multipliziert. 

KONSUL. Ubrigens, ich war im letzten Monat bei Ihrer Tagung in Tutzing, und ich muß Ihnen sagen, das hat mich mächtig beeindruckt. Sie kennen ja meine Einstellung gegenüber der Kirche. Aber Ihre Kritik am ethischen Zerfall dieser Zeit und der kulturellen Nivellie-rung, da bin ich völlig mit Ihnen einig. Da fühle ich wie ein Evangele. Hermann ist vergessen worden. So überschwenglich der Chef ihn bei der Ankunft begrüßt hat, so konsequent widmet er sich nun seinen Ge-schäftsfreunden und der Mittelpunktrolle, die er hier einnimmt. Her-mann sitzt einsam im Lärm. 

HERMANN. Im Mai dieses Jahres war ich dreif ig geworden. Zehn Jahre waren vergangen, seit ich mein Hunsrückdorf verlassen hatte. Zehn Jahre, auf die ich nicht zurückFlicken mochte, denn alles, was ich hatte erreichen wollen, lag noch vor mir; oder war es längst vom Schicksal beschlossen, daß ich meine Traumziele nie erreichen würde? 

In letzter Zeit plagten mich mehr und mehr Zweifel an mir und meinem Talent. Der Konsul hat schon wieder einen Kunden ausgemacht, den er mit lauter Stimme anspricht und zu sich in die Box bittet. Es ist ein rotbackiger Herr um die Fünfzig in Begleitung von Erika. Auch sie trägt ein zünftiges Trachtenkostüm. 

KONSUL. Lieber Herr Doktor Pöscher, das Bayerische Fernsehen per-sönlich. Und seine liebe Gattin, die uns allen ja keine Unbekannte ist. Ja, sehen Sie, wären Sie bei uns geblieben, dann hätten Sie Ihre wahre Bestimmung nicht gefunden. Ich habe immer gespürt, Ihr Platz ist ganz woanders: im Leben, und nicht im Büro. So, Schorsch, alter Volksverführer. Wie wär's denn, wenn du mal für deine Partei, die CSU, bei uns einen Werbefilm produzieren würdest? Wär doch eine Schande, wenn euch die Roten zuvorkämen. Du weißt, ich bin total unparteiisch, Gott sei Dank! Ja, die Nazis haben mich nicht gekriegt, und ihr werdet mich auch nicht kriegen. Es wäre wirklich eine Schande, Herr Doktor Pöscher, wenn ihr unser Archiv nicht nutzen würdet. Wir haben nämlich die seltensten Aufnahmen aus den An-fangsjahren. Da werden Sie staunen. Also, da kommt Ihr Archiv vom Bayerischen Rundfunk überhaupt nicht mit. Hermann begrüßt Erika, die sich vor Lachen über des Konsuls Anspie-lungen nicht mehr einkriegen kann. Sie genießt es nun, als Ehefrau eines mächtigen Mannes auftreten zu können und zu registrieren, daß selbst die Konsulin ihr den Hof macht. 

HERMANN (grinsend). Grüß Gott, Frau Doktor Pöscher. 

ERIKA. Mensch, Hermann, das ist ja toll, daß ich dich wiedersehe. Wie geht's denn? 

HERMANN. Ja, es läuft so, du kennst es ja, es hat sich nichts verändert, seitdem du weg bist.

HERRGROSS. Jetzt müssen Sie aber »Sie« zu ihr sagen. 

ERIKA. Ach was, um Gottes willen. Wahnsinn, daß wir uns wieder-sehen. 

HERMANN. Prost! 

Der Konsul und Pöscher machen sich nun vor, wie schmal sie in den zitierten »Gründerjahren« nach dem Krieg gewesen sind, und wie sie jetzt mit ihrem Ubergewicht zu kämpfen haben. 

KONSUL.So sah er aus, so sah er aus. 

PÖSCHER. Aber du auch, soo. 

Hermann entdeckt Herrn Zielke, der in der Menge auftaucht und sich ängstlich seinen Weg durch die Sitzreihen zur Box herüber bahnt. 

HERMANN. Herr Zielke! 

KONSUL. Ja, da kommt Zielke. Schaut euch das an. Herr Zielke, hier sind wir! 

Zielke hat sich für den Weg durch das Gewühl Oropax in die Ohren gesteckt. Zur Begrüßung auf den Stufen zur Box muß er sich die Pfrop-fen erst einmal herausnehmen, um den Konsul zu verstehen und sich orientieren zu können. 

KONSUL. Schön, daß Sie da sind, Herr Zielke, ich sage, schön, schön, daß Sie da sind. Haselchen, was zu essen und zu trinken für unseren Herrn Zielke. So, nehmen Sie Platz. 

ZIELKE. Danke, Herr Konsul, aber ich gehöre in eine andere Welt - eine, die untergegangen ist.

KONSUL. Nicht traurig sein, Herr Zielke, es wächst immer was Neues nach. Da wird ein Platz frei am Künstlertisch. Kommen Sie, Herr Zielke, irgendwie sind Sie ja auch ein Künstler. Ich werde Ihnen nie vergessen, was Sie damals für mich getan haben, Herr Zielke, nie! 

Der Konsul steht ein paar Sekunden im Lärm und schweigt, auch seine Gedanken entschweben für einen Augenblick in die Vergangenheit. Am Tisch hat der Oberkirchenrat begonnen, Zauberkunststücke vorzu-führen. Aus seiner Faust zupft er ein rotes Tuch, das er vor den staunenden Zuschauern entfaltet. 

OBERKIRCHENRAT. Und nun, was wird bei der nächsten Bundestags-wahl sein? 

KONSUL. Herr Oberkirchenrat, Sie können ja richtig zaubern! Dafür gibt es eine Ehrenbiermarke fur den Herrn Oberkirchenrat. 

OBERKIRCHENRAT. Danke, Herr Konsul. Wir hoffen doch, daß die Schwarzen wieder drankommen. 

KONSUL. Sag mal, Haselchen, fahren wir dieses Jahr noch nach Kitzbühel in unser Haus? Fein, dann können wir es ja Herrn Doktor Pöscher und seiner lieben Gattin überlassen. Das wird ein Riesenspaß für Sie, nicht wahr? Schorsch, du erinnerst dich genau, bei unserem Haus ist ein kleiner Abhang, das Richtige zum Uben. Tun Sie mir den Gefallen, fahren Sie für ein paar Wochen hin, und erholen Sie sich richtig. Wir brauchen da kein Wort drüber zu verlieren, denn wir profitieren ja nur davon. 

Hermann, den derlei Geschäftspraktiken nicht interessieren, erhebt sich, um seinen Gedanken nachzugehen. Er setzt sich an die Brüstung und sieht in die brodelnde Menschenmenge hinab. 

HERMANN. In einem Punkt gingen meine Gedanken doch in die Vergangenheit der zehn Münchner Jahre zurück: die Freunde. » Voll von Freunden war mir die Welt, als mein Leben noch licht war. Nun, da der Nebel fällt, ist keiner mehr sichtbar. « 

Ich hatte dieses Herbstgedicht von Hesse schon einmal vertont. Ich war fünkehn. Als hatte ich schon damals gewußt, was Einsamkeit ist. Da steht plötzlich der Konsul vor ihm. Mitten in diesem vor Hermanns Augen verschwimmenden Bild taucht er auf an der Seite eines glatzköp-figen älteren Herrn. Hermann erschrickt. 

KONSUL. Herr Simon?! Wollen Sie sich nicht bei dem Herrn Bundes-bahnpräsidenten bedanken? 

Hermann dreht sich um. Raum und Zeit scheinen um ihn herum den Atem anzuhalten. 

KONSUL. Schauen Sie mich nicht so fragend an, Sie Engelchen, Sie Träumerchen! Das ist der Herr, dem Sie das phantastische Geschenk verdanken. Jetzt schon im zweiten Jahr. Na ? 

HERMANN. Die Netzfahrkarte! 

KONSUL. Endlich! Kein Wort des Dankes? 

HERMANN. Ich bedanke mich. 

KONSUL. Waren wir nicht alle einmal Träumer? Hätten wir ohne unsere Träume unseren Weg gefunden? 

Konsul und Bahnpräsident kehren in den Zigarettenqualm zurück, aus dem sie aufgetaucht sind. Hermanns Blick sucht Halt an dieser lärmen-den Realität. Alle Personen am Tisch, Konsul, Konsulin, Zielke, Groß, Erika und Gäste, sehen ihn an, als wäre er eine Geistererscheinung. Der Blick ins Festzelt zeigt unterhalb der Brüstung eine Tischrunde mit Männern in Krawallstimmung, Nazilieder werden gesungen. Grölend und vom Bedürfnis beherrscht, die Blasmusik noch zu übertönen, singen die Randalierer: »Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit. . .« Hermann beobachtet, wie Herr Zielke unter den neofaschistischen Tiraden leidet. Zu sehr erinnert ihn das an seine Vergangenheit, die er gern ungeschehen machen möchte, denn sie hat auch ihm kein Glück gebracht. Am Prominententisch singt man die Nazilieder gedankenlos mit. Man schwelgt im Gedenken an alte Zeiten. Nun singen die Randalierer das Horst-Wessel-Lied und bringen Haken-krenzfähnchen zum Vorschein, mit denen sie durch den Seitengang ziehen. Zielke wird bleich. Als die Neonazis anfangen, mit dem Saalord-ner unterhalb der Brüstung zu raufen, packt Zielke entschlossen seinen vollen Maßkrug und schüttet ihn über die Köpfe des Pöbels. In Sekundenschnelle bricht ein Chaos los. Die Neonazis springen über das Geländer, kippen Tische und Stühle um und zerren Herrn Zielke vom Podest herunter. Sie werfen ihn wie einen Sack in die Luft und lassen ihn zu Boden fallen. Herr Groß und Erika versuchen noch, Zielke zu Hilfe zu kommen, bewirken aber durch ihr Einschreiten nur, daß die Randalierer die Box stürmen. Der Konsul und seine Freunde rufen um Hilfe. Man schreit nach den Saalordnern und nach der Polizei. Jeder bekommt ein paar Schläge ab, nur Hermann und Erika nicht, die sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Groß findet Zielke, der mit zerbrochener Brille unter dem Podium liegt und sich ganz klein macht. 

GROSS. Herr Zielke, fehlt Ihnen etwas? 

ZIELKE. Meine Brille! Die Neonazis flüchten, als sie merken, daß der Widerstand gegen sie zu groß wird. 
1303 Taxiplatz Nähe Oktoberfest


Hermann und Erika erreichen den Standplatz der Taxis. Noch immer fühlen sie sich verfolgt und werfen ängstliche Blicke zurück zur Fest-wiese, wo aber nur die vielen bunten Lichter zu sehen sind und die Betrunkenen, die mit ihnen die Straße überqueren. 

ERIKA. Ich habe noch oft an dich gedacht. Mein Mann ist sehr nett. Ich glaube, ich habe mich gar nicht von dir verabschiedet damals. 

Sie gibt Hermann ein Zeichen, vorsichtig mit ihr zu sein, weil der Ehemann sie beobachten könnte. 

HERMANN. Ich gehe auch nicht mehr zurück. Ich gehe nach Hause. 

ERIKA. Auf Wiedersehen, Hermann. Es war ein sehr schönes Spiel. Bei den Taxis herrscht Gedränge. Jeder versucht dem anderen den Wagen wegzuschnappen, so daß Erika und ihr Mann Mühe haben, einzusteigen. Hermann sieht sich diese Szene an, als spiele sie in einer anderen Zeit. 

HERMANN. Ich hatte das Getübl, als hätte ich ununterbrochen geredet. Meine Kehle füBlte sich heiser an, und mein Hirn war ein Trümmer-haufen von unnötigen, uunützen Worten. Ich konnte nichts mehr sagen. Was hätte ich Erika sagen sollen? - Ich ging durch die Nacht. Ich wollte nicht nach Hause und ging doch dorthin zurück. 
1304 Straße vor Haus Hermann


So kommt Hermann, ganz in seine Gedanken versunken, vom Oktober-fest zurück. Er bemerkt auch nicht das Taxi, das direkt vor seiner Haustür in zweiter Reihe mit Standlicht parkt. Hermann will gerade das Eisentor zum Hof öffnen, als jemand ihn anspricht. Hermann erschrickt. Er erkennt Herrn Groß, der ihm aus dem Taxi zulächelt und Zeichen gibt. Auf dem Rücksitz ist Herr Zielke zu erkennen, der die Scheibe herunterkurbelt. 

GROSS. Hallo, Herr Simon. 

ZIELKE. Wir haben auf Sie gewartet. Steigen Sie ein, trinken Sie ein Glas Wein mit uns. 
1305 »Alter Simpl«


Die Gaststätte in der Schwabinger Maxvorstadt, in die Zielke Herrn Groß und Hermann einlädt, ist ein beliebter Treffpunkt für Filmleute, Schauspieler, Künstler und Einheimische, die dazugehören wollen. Die Tradition dieser Wirtschaft reicht bis in die berühmten Zeiten der Schwabinger Boheme vor dem Ersten Weltkrieg zurück, als man mit Kunst noch Revolution machen konnte. An den Wänden hängen Filmplakate, meist von den Produktionen des »Jungen Deutschen Films», der hier seine eigenen Mythen kultivieren will. Toni Netzle, die Kneipenwirtin, unterhält sich im Hintergrund mit Gästen. Hier ist nichts vom Oktoberfest zu spüren. Dieser Ort schafft das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Gemeinsamkeit der Geschichten. 

ZIELKE. Ich bin dabei, über Sie nachzudenken, Herr Simon. Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen uns beiden. Wir sitzen auf den Stühlen von Herrn Handschuh und trauern, trauern um unsere verlorenen Hoff-nungen. Haben Sie nicht auch schon mal geglaubt, daß man mit dreifig uralt ist, daß man mit dreißig seine genialen Jahre längst hinter sich hat? Nehmen Sie schon Abschied? 

Ich möchte Ihnen beiden eine Idee vortragen, einen ganz unausgereif-ten Gedanken - aber wäre es nicht denkbar, dieses Musikstudio der Isarfilm abzuzweigen, sozusagen als kleines Unternehmen, ganz der Musikproduktion gewidmet? Würde sich das nicht anbieten: ein freies » Studio der Neuen Musik« ? 

HERMANN. Wie stellen Sie sich das vor, Herr Zielke? 

GROSS. Da steckt doch ein Haufen Geld drin. 

ZIELKE. Gesetzt den Fall, ich hätte im Laufe der Jahre ein ganz schönes Sümmchen zusammengebracht- jedenfalls genug, um eine komplette Technik einzukaufen. 

GROSS. Aber Herr Zielke, das ist doch überhaupt nicht Ihr Fach! 

ZIELKE. Ich beteilige mich an Ihren Ideen. Da nehme ich teil an Ihrem Wagemut, Ihren Idealen, an Ihrer Jugend natürlich auch. Und Sie, Herr Simon und Herr Groß, wären dann meine Engel. Wir brauchen dann nur noch ein paar kluge Köpfe, die uns beim Rechnen behilflich sind, damit wir wissen, was uns unsere Träume kosten. Und wenn ich verliere - mein Gott, in meinem Alter, das macht doch nichts. 

Hermann schweigt. Er steht auf, um sich nachdenkend ein paar Schritte durch das Lokal zu bewegen. An der Wand sieht er ein Plakat, auf dem die Worte »Abschied von gestern« stehen. Ist es das, was Zielke will, oder muß Hermann selbst sich von etwas verabschieden? Er lehnt sich an die Wand, um Zielke und Groß beobachten zu können. 

HERMANN. Herr Zielke schien zu träumen. Vielleicht war auch das Geld, uon dem er sprach, nur Utopie. Ich blieb volikommen rubig. Oder war es umgekehrt, und das Geld gab es wirklich, datür exi-stierte ich aber nicht. Ich war ein Traum. Mein Traum? Zielkes Traum? 

Eine schöne junge Frau kommt auf Hermann zu. Sie hält ihm fragend einen Strauß weißer und roter Rosen vor das Gesicht. Was will sie? Wie im Traum geht die Blumenverkäuferin weiter. Zielke hat begonnen, sich Herrn Groß anzuvertrauen. 

ZIELKE. Im Herbst 44 hatten wir an der Westfront eine Ausrüstung beisammen, die sich sehen lassen konnte: zwölf Kameras Typ Arri-flex, vierunddreißig Scheinwerfer mit Zubehör, Objektive der besten Serien von Zeiss, dann diese Projektionseinrichtung für die Kinozelte, Stromaggregate, Rohfilme, Tausende Meter, noch und noch. Das alles hat unser cleverer Gefreiter »H« . . . 

GROSS. Hitler? 

ZIELKE. Nein, Handschuh. Er hat das alles auf seinem Grundstück am Ammersee »in Sicherheit gebracht«, wie er das nannte. Ich habe als Hauptmann auch noch den Befehl dazu gegeben, ohne zu ahnen, was er in Wirklichkeit damit vorhatte. Mich versteckte er genauso vor den Amerikanern wie diese Filmgeräte. Er brachte mich ebenso über das Kriegsende wie dieses Material, verstehen Sie? 

GROSS. Was haben Sie denn verbrochen gehabt? 

ZIELKE. Nichts. Ich war Spielleiter und Regisseur in der Propaganda-kompanie von Goebbels, Parteimitglied wie alle anderen. In Babels-berg hatten sie uns doch versprochen, nach dem Endsieg könnten wir Spielfilme drehen. Ich gehörte zu den »belasteten Personen«, mehr nicht. 

GROSS. Ich verstehe schon. 

Hermann kehrt allmählich in die Gegenwart zurück. Er hört Zielke zu und beginnt zu verstehen, wovon er spricht. 

ZTELKE. Und 47 hat dann unser Herr H. die Isarfilm gegründet, und ich wurde sein Hausregisseur. Er verschwieg meine Jugendsünden bei der NSDAP und ich die Zweckentfremdung von Heeresbeständen. Ich hätte unserem cleveren Soldaten Handschuh nicht soviel Macht über mich einräumen dürfen. 

Herr Groß trinkt mit Zielke nachdenklich seinen Wein. 

GROSS. Aber Zielke, das sind ja fünfundzwanzig Jahre. 

ZIELKE. Ja, Sie sind doch auch so einer, dem die Sache wichtiger ist als die eigene Person. Ich rate Ihnen, befreien Sie sich mit mir. 

Groß entsinnt sich, daß er ja mit Hermann gekommen ist, und sucht ihn mit den Augen. 

GROSS. Was sagen Sie jetzt da dazu, Herr Simon? 

Aus einem bisher nicht einsehbaren Teil des Lokals kommen Jean-Marie und Volker, im Gespräch mit einer unbekannten jungen Frau, die sie beide hofieren. Einen Augenblick zu spät erkennt Hermann die Freunde. Er reißt sich von Zielke und Groß los, um hinter den Musikern herzurennen. 
1306 Öffentliches Gebäude 


Hermann folgt den Freunden in den neoklassizistischen Palast mit seinem gewaltigen Treppenhaus, das sich um einen vom Mondschein erfüllten Lichthof windet. Gerade ist Corinne, die Begleiterin der beiden Freunde, barfuß auf die weitläufige Marmorfläche geeilt, um im bläuli-chen Nachtlicht einen Tanz aufzuführen. Hermann hat kaum eine Chance, die Freunde auf sich aufmerksam zu machen. Sie geben ihm zwar die Hand, fragen nach seinem Befinden, aber die Blicke folgen nur Corinne, die sich völlig stumm ihren gespen-stischen Bewegungen hingibt: einer tänzerischen Kollage aus militäri-schen Exerzier- und faschistischen Gruß- und Marschierritualen. 

JEAN-MARIE. Achte auf ihre Füße, du kannst alle deine Rhythmen ganz exakt mitzählen. Das ist dein Stück, was Corinne da tanzt. Hörst du es nicht? 

VOLKER. Ich bin völlig durcheinander. Sie fährt fast zweitausend Kilo-meter aus dem Süden Frankreichs hierher, sie lebt weit weg von unserer faschistischen Vergangenheit. SS, SA, Heil Hitler, Blitzkrieg, das sind doch MiEverständnisse. Ihr seid frivol, ihr Franzosen. Man kann doch mit diesen Dingen nicht herumspielen! Jean-Marie, höre mir zu: Corinne ist Jüdin, ich will sie verstehen. 

Hermann steht dicht neben Volker und Jean-Marie. Doch er wird immer noch nicht einbezogen in ihr erregtes Gespräch. Er strengt sich an, die imaginäre Musik zu dem stummen Tanz zu »hören«. 

JEAN-MARIE. Sie tanzt ihre Alpträume. 

VOLKER. Ich beginne das Stück langsam zu hassen. Wir Musiker sind doch alle Huren. 

Hermann hat sich von den Freunden entfernt, um Corinnes Tanz von der anderen Seite ansehen zu können. Ihre Bewegungen werden immer eckiger, der Tanz gerät zusehends zu einer Parodie militärischen Gehor-sams. Volker wendet sich um. Er ist verzweifelt.

VOLKER. Musik läBt sich für alles miEbrauchen. Corinnes stummer Tanz geht weiter, konsequent befolgt sie ihre Cho-reographie bis zum Ende. Ihre Schritte auf dem Marmor, ihre Arme und ihr fliegendes Haar erzeugen leise Geräusche, die allmählich wie kon-krete Musik klingen. Der Rhythmus wird spürbar. 

Corinnes Schatten huschen gespenstisch über die Wände. 

JEAN-MARIE. Ich liebe das Publikum. 

VOEKER. Eine Bestie. 

JEAN-MARIE. Im Gegenteil. Es ist herrlich, wenn es die Zähne zeigt, wild und archaisch. Ich liebe diesen Zweikampf.

Wir fahren morgen nach Avignon, mit Volkers Stück, einer Ballett-musik, wie ich finde. Corinne will es auf dem Festival tanzen. 

VOLKER. Ich bin immer noch dagegen. 

Zuletzt ist Corinne auf dem Marmorboden zusammengesunken, liegt da wie ein Häuflein Asche. Volker geht zu ihr. Er hilft ihr behutsam auf die Beine und führt sie feierlich, wie auf einer Bühne, die Treppe hinauf zu einem der umlaufenden Säulengänge im ersten Obergeschoß. Jean-Marie schließt sich den beiden an, ohne an Hermann noch ein Abschiedswort zu verlieren. 

JEAN-MARIE. Du hättest Literat werden sollen. Da begegnet man seinem Publikum wenigstens nicht persönlich. 

Hermann steht nun allein da, er traut seinen Augen nicht und erinnert sich langsam, daß ja Herr Zielke und Herr Groß noch auf ihn warten könnten. Er ist einfach dort weggelaufen wie einer, der nicht weiß, was er tut. 

HERMANN. Jetzt war es passiert. Ich war sicher, verrückt geworden zu sein. Dieser Auftritt der Freunde bewies mir alles. Das konnten keine Lebewesen sein aus Fleisch und Blut. Sie waren Theaterfiguren, verblendet in ihrem Künstlerwahn. Ausgedacht für dekadente Bil-dungsbürger. Ich wollte aufwachen, wollte, daß es endlich Tag wurde. 

Hermann rennt davon. 
1307 Wohnung Hermann und Schnüßchen


Langsam geht Hermann durch die Räume seiner Wohnung. Er ist allein zu Hause. Das Zimmer Lulus ist ohne Bett, ein ordentliches, leeres Kinderzimmer. Das Schlafzimmer scheint als Abstellraum zu dienen: Das »Japanbett« ist vollgeräumt mit Koffern, Wäsche, Hermanns Kleidern, Taschen. Die Lichter der draußen vorbeifahrenden Autos huschen über Decken und Wände. Die Diele wirkt leblos und leer. Im Wohnzimmer stehen die Möbel stumm und fremd umher - Fernseher, Plattenspieler, Couch und Klavier machen einen unbenutzten Eindruck. Hermann hat an einem kleinen Tisch begonnen, einen Brief an seine Mutter zu schreiben. Schon nach wenigen Worten zerknüllt er aber das Papier und beginnt von neuem. 

HERMANN. Ich war allein und wurde von Heimweh gepackt. In den ersten Jahren habe ich es bekämpft. Dann habe ich es vergessen, und ich bildete mir Urteile über dieses Gefühl, das sich zusammensetzt aus Angst, Gewohnheit, kindlicher Unreife und dergleichen. Und jetzt heulte es wieder auf in mir. Ich dachte an meine Mutter im Hunsrück, und mein Herz fing an, weh zu tun. »Liebe Mutter, zu Deinem siebzigsten Geburtstag, der nun bald sein wird, wünsche ich Dir . . . «Welchen sprachlosen Blödsinn schrieb ich da. 

Wieder zerreißt Hermann den begonnenen Brief. Abermals fängt er von vorn an.

HERMANN. »Liebe Mutter, es ist nicht Dein siebzigster Geburtstag, daß ich Dir so unerwartet schreibe, sondern weil ich plötzlich an Dich denken muß, weil ich schon seit Monaten immer wieder, in größeren Abständen, aber grundlos . . . « 

Plötzlich hat Hermann das Dorf vor Augen: Ganz deutlich sieht er die Felder mit der Wintergerste, die Kirchturmspitze und die Schieferdächer von Schabbach. 

HERMANN. »Liebe Mutter, ich möchte Dir endlich erklären, warum ich vor zehn Jahren . . . « Mein Gott. 

Jetzt ist es das Kartoffelfeld des Großvaters, das Hermann vor sich erblickt. Am Waldrand fährt der Traktor des Onkels. 

HERMANN. »Liebe Mutter, in Deinem Leben ist es wohl ein Gesetz, daß man von Dir fortgeht und sich zehn Jahre nicht mehr. . . Hat es mein Stiefvater nicht auch schon so gemacht?« 

Das Hunsrücker Bächlein, an das Hermann jetzt denkt, fließt durch das Tal, in dem er mit Klärchen, seiner ersten Liebe, Mondscheinspaziergänge machte. Die Wohnungsglocke reißt ihn aus seinen Gedanken. Draußen, im Halbdunkel des Treppenhauses, steht Alex, kaum wiederzuerkennen mit seinem ungepflegten Vollbart. Hermann braucht mehrere Schrecksekunden, ehe er den späten Besucher erkennt. 

ALEX. Grüß dich, Hermann. Hast du Alkohol im Hause? 

Er läft den Freund aus Jugendtagen eintreten. Hermann ist immer noch in Gedanken bei seiner Mutter und findet sich mit Alex nicht so schnell zurecht. 

HERMANN. Alkohol? Ich glaube, es ist irgendwo noch Whisky da. 

Hermann sucht in der Küche, während Alex mit fahlem Gesicht und starrem Blick im Flur wartet. Auf dem Etikett der Whiskyflasche ist die Elektrofabrik seines Stiefva-ters in Detroit abgebildet: »Simon-Electric«, ein Relikt aus frühen Jahren im Hunsrück. 

HERMANN. Trinkst du so was? Es ist halb drei. 

Alex setzt sich an den runden Tisch in der Küche. Er gießt sich ein Wasserglas voll und nimmt einen großen Schluck. Er wendet Hermann den Rücken zu. Das Trinken hat, so wie Alex es praktiziert, etwas Technisches, etwas Seelenloses, ist ohne jede Emotion. Hermann geht in der Diele umher. Er muß nun einfach warten, bis Alex seinen Alkoholspiegel in Ordnung gebracht hat. Das dauert eine Weile. Dann erst dreht Alex sich nach ihm um und ist gesprächsbereit. 

ALEX. Am Neujahrstag dieses Jahres, so morgens gegen zehn Uhr, hatte ich plötzlich die entscheidende Vision meines Lebens. Ich trat auf den Balkon meiner Wirtin hinaus - es war einer dieser klaren Wintertage, wie sie in Bayern vorkommen, bevor in den Bergen die Lawinenun-glücke passieren-, also, an diesem Tag sah ich plötzlich sieben Bücher vor mir, die ich schreiben werde. Sieben Bücher über Deutsch-land. Alles Bücher, mehr oder weniger, über Frauen. Hermann, wußtest du, daß wir im Jahrhundert der Frau leben? Alle großen Dinge der Zukunft werden die Frauen vollbringen, leise, hexenhaft. Wir Männer haben ausgedient. Wir sind Fossilien, Relikte einer vorangegangenen Entwicklungsstufe. Weißt du, daß das wahr ist, Hermann? 

Alex trinkt weiter, während er an Hermann »vorbeiredet«. Hermann will von der Kinderzimmertür aus zuhören, sieht ein Bild seiner kleinen Tochter, das direkt neben ihm an der Wand hängt. Lulus Augen schauen traurig aus dem Rähmchen. 

HERMANN. Schnüßchen hatte sich von mir getrennt. Sie lebte mit Lulu wieder in unserer alten Wohnung. Ich wußte nicht einmal, was sie gerade tat und wie weit sie mit ihrem Studium gekommen war. Hin und wieder suh ich Lulu, die nun bald in die Schule kommen sollte. 

War das wirklich das Jahrhundert der Frauen, wie Alex sagte? Merk-würdig, daß sich gerade Alex zum Urbild des untergehenden Mannes machte. Alex, der nie eine Frau gefunden hatte und der die Frauen nur aus dem Leben seiner Freunde kannte. So wie Alex breitbeinig in der Küche sitzt mit seinem verschwitzten Hemd, seinem speckigen Anzug und den strähnigen Haaren, ist er wirklich das Bild des untergehenden Mannes, wie er sagt. 
1308 Am Ammersee Theresienwiese, Blick über München


Uberraschend hat Handschuh seinen Chauffeur zu Hermann geschickt, der den jungen Musiker zur Villa des Konsuls am Ammersee fährt. Hermann sitzt im Fond des Rolls-Royce wie ein Staatsgast. Draußen schweben die Vorortvillen vorbei, und das große Eisentor zum Landsitz öffnet sich wie von Geisterhand vor der Limousine. Hermann wurde mitten aus seiner nachdenklichen Einsamkeit geholt und sieht sich nun mit dem Reichtum Handschuhs konfrontiert. Der Rolls-Royce hält geräuschlos an. Herr Bittner, der Chauffeur, öffnet die Wagentür, läft Hermann aussteigen und führt ihn auf dem Kiesweg nun zu einem Seitenflügel des Hauses. Hier kann Hermann den Eingang allein finden, während Bittner eine Kiste Wein, die er noch nebenher in der Stadt besorgen mußte, eine Kellertreppe hinabträgt. Die Konsulin hat Hermann schon erwartet. Sie erscheint in der Haustür und streckt ihm ihre Hand entgegen. 

HERMANN. Grüß Gott, gnädige Frau. 

FRAU KONSUL. Wir haben Sie sehnsüchtig erwartet. Darf ich Hermann zu Ihnen sagen? 

HERMANN. Wenn Sie wollen. Sie führt Hermann ins Haus. 

1309 Villa Konsul Handschuh 


Frau Handschuh hat Hermann durch die hübsche Diele in ein helles, mit Blumen geschmücktes Wohnzimmer geleitet. Durch die halLgeöffnete Terrassentür kann man auf den See hinaussehen. Hermann spürt, daß er sich auf fremdem Boden bewegt. 

FRAU KONSUL. Mein Mann fühlt sich nicht wohl. Das auf dem Oktober-fest gestern abend war eigentlich nur seine Theaterrolle. Hätten Sie das gedacht? 

Er weiß nicht, was er auf diese Frage antworten soll. Die Konsulin wirkt traurig. Sie sieht ihn warmherzig an. Hermann zuckt mit den Schultern. Sie setzt sich auf eine Sessellehne, um ihn erst einmal in Ruhe und ausgiebig zu betrachten. Hermann ist verlegen, das Schweigen dauert sehr lange. Frau Handschuh gibt sich nun einen Ruck, sie erhebt sich. Hermann folgt ihr in die Diele zurück und die schön gewundene Haustreppe hinauf zur Schlafetage. Die Konsulin öffnet eine Tür und gibt den Blick frei in ein großzügiges Schlafzimmer, dessen Balkon ebenfalls zum See hinaus geht. Sie sagt nichts. Der See liegt in strahlend hellem Sonnenlicht. Da wird ein Motorengeräusch vernehmbar. Hermann wendet den Kopf. Nun bemerkt er das Bett, das vorher nicht zu sehen war, weil es von der Tür verdeckt wurde. Es ist das Bett des dicken Konsuls, der eine elektrische Verstellmechanik in Gang gesetzt hat, mit der sich das Kopfende seines Bettes automatisch aufrichtet, so daß er ohne eigene körperliche Anstrengung in Sitzhaltung gerät. Endlich kann er Her-mann begrüßen. 

KONSUL. Darf ich Hermann zu Ihnen sagen? 

HERMANN. Wenn Sie wollen. 

Die Konsulin sitzt bei ihrem Mann auf der Bettkante, sie sieht Hermann wieder so unbegreiflich lieb an. 

KONSUL. Haselchen, hast du Hermann unser Haus gezeigt? 

FRAUKONSUL. Später, Theobald, später. 

Hermann traut sich nicht, dem Mann im Bett die Hand zu geben. Er steht mitten im Zimmer, ist wie gelähmt. 

KONSUL, Wie Sie vielleicht wissen, sind wir kinderlos geblieben, meine Frau und ich. Jahrelang war es unser gröfter Wunsch. Aber Sie werden sehen, unser Haus ist für Kinder wie geschaffen. Die herrlich-sten Spielecken. Es gibt sogar ein Kinderzimmer. Zum Weinen, nicht wahr?

FRAUKONSUL. Bitte, Theobald, werde nicht sentimental.

KONSUL. Aber ich möchte, daß Hermann uns kennenlernt! 

Jetzt streckt der Konsul Hermann seine Hand entgegen. Es ist die linke, von der es ja heißt, sie käme von Herzen. Die Konsulin erhebt sich. 

FRAUKONSUL. Kommen Sie, ich zeig's Ihnen. 

Sie geht mit Hermann in den Flur und öffnet dort die Tür zu einem weiteren Schlafzimmer. Hermann blickt in eine mit Blümchentapeten und Bildern eingerichtete Mansarde, in der eine romantische alte Kin-derwiege mit Baldachin und Seidenschleifchen steht. Ein Teddybär aus Plüsch sitzt in dem Bettchen, das Frau Handschuh hin- und herzubewe-gen beginnt. Dabei sieht sie Hermann an, als wolle sie ihm anbieten, in das Bettchen zu krabbeln und sich wiegen zu lassen. Hermann bekommt einen Niesanfall. Es ist ihm peinlich. Aber die Konsulin lächelt und begibt sich mit ihm zu ihrem Mann zurück. 

FRAU KONSUL. Sie bleiben doch noch zum Abendessen, nicht?

HERMANN. Ja, j a.

Sie läßt die beiden Männer allein. Der Konsul wuchtet seinen Körper aus dem Bett. Er scheint Schmerzen zu haben, denn er stöhnt und ächzt bei jeder Bewegung. 

KONSUL. Schlechte Prognosen, unmißverständliche Diagnosen - kurz: das Alter, mein Lieber. Ich mache mir keine Illusionen über mich. Wissen Sie, ich verdiene für uns das Geld mit Reklame für Bier, Kaufhäuser, Seife und politische Parteien und all diesen sinnlosen Schrott, weil der liebe Gott mich mit einer Gabe geschlagen hat. Ich bin nämlich ein guter Verkäufer. Ich habe mir früher mal was darauf eingebildet, bis Sie zu uns kamen. Ja, ich leiste mir einen verdammt teuren Luxus mit Ihnen und dem Studio. 

Vor Hermanns Augen hat sich der Chef seinen Schlafanzug ausgezogen und beginnt, sich anzukleiden. Hermann ist froh, daß er Gelegenheit erhält, sich vom Anblick des nackten Mannes abzuwenden. Er gibt seine Antwort, indem er den See betrachtet, das heißt, er spricht zum Fenster hinaus, in diesen unwirklichen Septembertag hinein. 

HERMANN. Aber wissen Sie denn nicht, daß unser Studio das modernste in ganz Europa ist? Wir sind inzwischen so weit, daß ein Komponist sein Werk ganz allein nach seinen Vorstellungen realisieren kann. Wir brauchen in Zukunft kaum noch Musiker, die sowieso immer alles miEverstehen. Wir sind in der Lage, die Wirkung eines Hundert-Mann-Orchesters genauso synthetisch zu erzeugen wie den Klang einer Geige oder eines Klaviers oder von Schlaginstrumenten. Sie können das Studio für zweitausend Mark am Tag vermieten, das schwöre ich Ihnen. Wenn das mal begriffen würde! Was wir aller-dings bräuchten, sind Demonstrationsbeispiele und freie Werke, damit wir bekannter werden. Aber dann kommen auch die Kunden, da bin ich sicher. Dem Konsul ist Hermanns Unsicherheit nicht entgangen. Er läft ihn reden und beobachtet, wie er in das Nachmittagslicht starrt und immer wieder den Faden verliert. Hermann vergißt für einen Augenblick, wo er sich befindet. 

HERMANN. Da war sie wieder, meine Stimme, die ich gestern glaubte, verloren z~ haben. Ich redete, und die Worte purzelten mir aus dem Mund, als hätte sie jemand vorher hineingestopft. Ich fühlte nicht, glaubte nicht, ich beteiligte mich nicht. Mitten in meinem Stolz war ich abgestürzt, ohne Hoffnung. Was bedeutete Musik für mich? Suchte ich noch nach den Gesetzen der Natur wie die Genies der Wiener Schule? Gab es überhaupt noch einen Halt außer dem des Geschmacks und dem der Anerkennung? Ich hörte mich reden und wurde traurig. 

Der Konsul bat sich im Hintergrund fertig angezogen. Er steht in Hose und Weste da und wirkt wie ein Patient kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus. 

KONSUL. Unser Herr Zielke war gestern bei Ihnen, stimmt's?

HERMANN. Ja. Wir haben ein Glas Wein zusammen getrunken.

Hermann kann es nicht fassen, daß Handschuh darnber informiert ist. 

KONSUL. Er hat Ihnen ein Angebot gemacht? Fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß. Sie wissen, ich schätze Herrn Zielke über alle Maßen. Er ist gebildet, humorvoll, skurril, voll von rührenden Eigenschaften. Aber im Geschäftsleben, da zählen nur Realitäten, und vor ebendiesen Realitäten habe ich ihn zwanzig Jahre lang beschützt. Aus Dankbarkeit, weil er mir einmal geholfen hat, I945,46,47. Er wird sich an seinem Lebensabend nicht sorgen müssen. Aber ich warne Sie vor finanziellen Abenteuern mit Herrn Zielke. Haselchen? 

Herr Handschuh hat Schwierigkeiten mit seinen Manschettenknöpfen, die er ohne seine Frau wohl nicht in die Knopflöcher hineinbringt. Hermann folgt ihm die Treppe hinab in die untere Diele. Während seine Frau ihm die Hemdsärmel in Ordnung bringt, beobachtet der Konsul Hermann, der in das helle Wohnzimmer gegangen ist. 

KONSUL. Ich bin von Erbschleichern umgeben.

FRAUKONSUL. Wie meinst du das, Theobald? 

KONSUL. Na ja, also, meine Prokuristen, die Regisseure, der Leiter der Buchhaltung - alle habe ich im Verdacht, daß sie meine Firma erben wollen, wenn ich mal umfalle. Die kriechen mir alle in den Hintern. 

HERMANN. Aber das ist doch. . . 

KONSUL. Sagen Sie es ruhig. Natürlich ist das angenehm, macht aber auch dumm. 

Nun geht der Konsul voraus, durch eine Tür, die in den Salon führt. Hier stehen schwere Polstermöbel in mehreren Reihen auf eine Kinoleinwand ausgerichtet. 

KONSUL. Ubrigens, haben Sie schon gesehen? Ein kleines Geheimnis. Schauen Sie mal - da. 

Handschuh öffnet ein Wandschränkchen, in dem sich ein Steuerpult für das komfortable Heimkino verbirgt. Vom Sessel aus kann er hier alles bedienen: Projektion, Leinwand, Vorhang, Schärfe und dergleichen. Auf Knopfdruck fährt die Leinwand, die eine ganze Breitseite des Salons einnimmt, zur Seite. So verschwindet sie restlos in der Wand. Es gibt sogar einen automatischen Vorhang, der sich vor der Leinwand schließt - das Privatkino eines reichen Filmmanagers. So hat Hermann sich das Haus eines Hollywood-Produzenten vorgestellt. 

KONSUL. Ich hätte gern einen Sohn. So einen wie Sie. Ich meine das ernst. Was macht Ihr Vater, Hermann? 

HERMANN. Ich habe ihn nur einmal gesehen. Da war ich vier Jahre alt. Mein Stiefvater lebt in Amerika. Er ist Elektrofabrikant, glaube ich. Ich bin mit meiner Mutter aufgewachsen. 

KONSUL. Und Sie haben sich nie einen Vater gewünscht? 

HERMANN. Doch, manchmal schon. Einen, den ich hassen kann. 

Hinter der Leinwand kommt eine Hausbar zum Vorschein, an der der Konsul für sich und Hermann einen Drink zurechtmacht. 

KONSUL. Ich möchte Ihnen jetzt etwas sagen, Hermann. Wenn Sie bei mir bleiben wollen und weiter so engagiert sind, mit Leib und Seele meinetwegen können Sie mich auch hassen -, dann vererbe ich Ihnen meine ganze Firma. 

Hermann kann nicht glauben, was er da gehört hat. Der Konsul hat seine Worte so beiläufig gesprochen, daß er sich ihre Tragweite im Augenblick nicht vorstellen kann. Sosehr er auch seine Stirn in Falten legt und die Augen aufreißt - das Angebot Handschuhs übersteigt sein Fassungsvermögen. 

HERMANN. Aber ich bin doch Musiker, Herr Konsul! 

KONSUL. Das weiß ich doch! 

Die Konsulin serviert auf dem festlich gedeckten Eßzimmertisch drei gebratene Renken aus dem See. Abwesend schaut Hermann auf die Fische hinab. Als er den Kopf nun hebt, treffen ihn die Blicke der Gastgeberin. Ihr Gesicht ist tränenüberströmt. Hermann versucht auf-munternd zu lächeln, ohne zu wissen, was er damit zum Ausdruck bringen kann. Der Konsul scheint auf Hermanns Antwort zu warten. 

HERMANN. Muß ich mich jetzt gleich entscheiden?

KONSUL. Nein. Aber bald. 

Er erhebt sich und nimmt seine dicke, traurige Frau in die Arme. Ein intimes Drama enthüllt sich vor Hermanns Augen. Aber die Situation überfordert ihn. Draußen am See geht die Sonne unter. Das leise Schluchzen der Konsu-lin mischt sich mit dem Geräusch der Wellen, das über die Terrasse hereinweht. Herr Bittner, der Chauffeur, steht im Gegenlicht am Ufer. Er wirft eine Angel aus. Er fischt auf seine Art. 
131O Königsplatz, Münchner Straßen


Hermann ist nach München zurückgekehrt, will aber nicht nach Hause in seine leblose Wohnung gehen. Am Königsplatz, einem der ersten Orte, die er vor zehn Jahren in dieser Stadt kennenlernte, sitzt er genau da, wo Juan gesessen hat, als er zum ersten Mal mit ihm musizierte. Einzelne betrunkene Oktoberfestbesu-cher wanken über den Platz. Der Autoverkehr rollt an ihm vorbei; es ist eine Nacht, die leer und ausgebleicht wirkt. Straßen und Plätze sind in Hermanns Wahrnehmung schäbig, verbraucht. Zehn Jahre Hoffnung, Konkurrenzkampf und Träume haben sich mit dem Anblick dieser Stadt verbunden und verzehrt. Hermann hockt auf den Steinstufen, bis es ihm zu kalt wird. Dann geht er in Richtung Musikhochschule weiter. 

HERMANN. Zum zweiten Mal innerhalb von vierundzwanzig Stunden war ich Traum- und Hoffnungsbild eines alternden Mannes gewor-den. Zum zweiten Mal wurden mir phantastische Summen angebo-ten, mit denen ich planen und wirtschaften sollte. Und immer waren es meine Jugend und mein Idealismus, die soviel Geld wert waren. Ich fing an, mich für beides zu schämen. Ich brauchte einen Rat. 

Schon lange ist er nicht mehr in Renates Kneipe gewesen. Als Hermann aber die kleine Gasse heraufkommt, wo man immer schon diese Mi-schung aus Tabakqualm und Renates Boulettenküche roch, muß er erkennen, daß es »Renates U-Boot« nicht mehr gibt. Der Zigarettenau-tomat neben dem Eingang ist zerstört, die Tür zugenagelt, und die Teile des Leuchtschilds über dem Eingang liegen zerbrochen auf dem Boden herum. Nur noch das »Ren« ist von Renates Namen übriggeblieben. 

HERMANN. Früher, im Hunsrück, da wäre man zu seiner Großmutter gelaufen, so man noch eine hatte, und hätte sie um Rat gefragt. Und die Großmutter wäre stolz auf mich gewesen und hätte gesagt: » Wenn der reiche Herr Konsul ein solches Vertrauen zu dir hat, dann darfst du ihn nicht enttäuschen. Nur deine Großmutter und deine Mutter, die darfst du nicht vergessen, wenn du auch noch soviel Geld zu eigen hast. Versprichst du mir das?« Und ich hätte es ihr verspro-chen, so wahr ich das Schabbacher Hermännsche bin! 

Hermann geht langsam an dem Haus vorbei, in dem Clarissa wohnt. Er sieht die dunklen Fenster. Es ist schon kurz vor Mitternacht. Er erreicht den gegenüberliegenden Platz mit der Kirche. Noch einmal bleibt er stehen und dreht sich nach Clarissas Haus um. Da gehen im zweiten Stock die Lichter an. Sofort macht er kehrt. Er eilt zur Haustür und klingelt. Der elektrische Türöffner surrt. 
1311 Treppenhaus Wohnung Volker und Clarissa


Es ist Clarissas Mutter, die die Tür öffnet, um den späten Besucher zu empfangen. Sie trägt Clarissas Sohn Arnoldchen im Arm. Hermann, vom Treppensteigen noch ganz außer Atem, spricht die Mutter auf den oberen Stufen an. 

HERMANN. Guten Abend, Frau Lichtblau. Ist Clarissa nicht zu Hause? 

MUTTER CLARISSA. Wissen Sie denn nicht, daß sie auf Tournee ist? Schon seit drei Wochen. Und Volker, der ist in Avignon, in Frank-reich. Ja, wissen Sie das denn gar nicht? 

HERMANN. Ich war lange nicht hier. 

Clarissas Kind sieht Hermann ängstlich an. Die Mutter ist aber ganz lieb. Sie empfängt ihn mit leuchtenden Augen. 

MUTTER CLARISSA. Ja, alles zerstreut sich in die Welt. Ob das nun das Gluck auf Erden ist? Kommen Sie rein. Ich kann Ihnen den Plan zeigen. 

HERMANN. Ich hätte nur eine Frage gehabt. 

Sie führt Hermann in den Flur und weist auf einen genauen Tournee-plan, der an der Wand hängt: eine Landkarte, die mit bunten Steckna-deln versehen ist, welche Clarissas Auftrittsorte markieren. 

MUTTER CLARISSA. Die Tournee ist ein großer Erfolg. Hier, sie geht über Bern, Basel, Freiburg, Straßburg; dann nach Norden bis Hamburg, Kiel, Neumünster und dann nach Holland - Amsterdam, Rotter-dam-, Brüssel. Morgen ist sie noch in Heidelberg. 

Hermann entdeckt auch das Plakat, das von dem Tourneeplan halb ver-deckt wird. Er hebt das Papier ein wenig an, um das Poster näher be-trachten zu können. Es zeigt Clarissa und ihre amerikanische Freundin, nackt in hexenhafter Geste, ganz in Violett und Grün gehalten, so daß vor allem Clarissas hochgestreckte Hände den Blick anziehen. 

MUTTER CLARISSA. Na ja, sie tritt ja nicht nackt auf. Das ist nur ein Plakat! 

Er liest den Text, der oben quer über das Plakat geschrieben steht. 

HERMANN. »Hexenpassion - Melodrama in sieben Gesängen«. 
1312 Hauptbahnhof München 


Hermann trägt seinen alten Matchsack und ein dickes Kursbuch bei sich, als er die Bahnhofshalle durchquert und zu den Bahnsteigen geht. Das Geflecht der Oberleitungen, die Signale und eisernen Brückenkon-struktionen, die Gleise, Weichen und Züge - das sind Impressionen, die Hermann aus Varia-Vision und Robs Filmbildern besser kennt als aus der Wirklichkeit. Was sie für den Kameramann bedeuteten - »Reisen, ohne anzukommen« oder »unendliche Fahrt, aber begrenzt«-, das bleibt auch für Hermann fest eingeprägter Sinn dieser Szenen. 

HERMANN. Seit zwei Jahren besaß ich eine Netzfahrkarte Erster Klasse, ein Geschenk der Bahn für Varia-Vision. Aber ich hatte nie Gebrauch gemacht von der Möglichkeit, einfach wegzufahren in eine beliebige Richtung, ohne Ziel, ohne den Zwang, anzuLommen. Jetzt entsprach diese Möglichkeit genau meinen Getühlen. Ich wollte mich bewegen, weiträumig, ruhelos, ohne Ende. Niemand sollte mich finden. Und ich wollte endlich schweigen. 

Hermann studiert die Fahrpläne. Während er noch die Abfahrtszeiten mit den Anschlüssen in seinem Kursbuch vergleicht, erfolgt eine Ansage über die Bahnsteiglautsprecher. Hermann horcht auf. 

STIMME DER ZUGANSAGE. Zum Schnellzug ZI8 nach Heidelberg bitte einsteigen, Türen schließen. Vorsicht bei der Abfahrt. Wir wünschen eine angenehme Reise. 

Er rennt sofort los. Er sieht, daß eine Tür des letzten Waggons noch offensteht. Er erreicht den Waggon tatsächlich, bevor der Zug sich in Bewegung setzt. 
1313 Zugabteil


Hermann läft sich in den Polstersitz eines leeren Erste-Klasse-Abteils fallen. Er ist noch außer Atem. Draußen zieht die Randbebauung des Münchner Bahngeländes vorbei. Rasch erreicht der Zug freie Landschaft. Hermann verspürt große Erleichterung. Auf dem kleinen Klapptisch entwirft er einen Telegrammtext, den er auf die Rückseite seines Kursbuches schreibt. 

HERMANN. »Herrn Konsul Theobald Handschuh, Isarfilm München. 

Bin Ihrem Rat gefolgt, fahre ins Ungewisse - Stop - Wenn ich eine Antwort weiß, komme ich zurück - Stop >Rheinpfeil., II.06 Uhr. Zwischen Adelzhausen und Augsburg, westwärts. Hermann Simon« 
1314 Bahnhof Augsburg

Hermann steigt aus dem »Rheinpfeil« aus. Er läuft durch die Unterfüh-rung und sucht das Bahnpostamt, wo er sein Telegramm an Konsul Handschuh aufgeben kann. Hermann hat es eilig, denn er will sich so kurz nach seiner Abreise nicht schon wieder aufhalten lassen. 
1315 Zugfahrt


Es ist ein frühherbstlicher Tag, der draußen an der Glasscheibe vorbei-zieht: Hügel, abgeerntete Felder, die Donau, die Turmspitze des Ulmer Münsters und immer wieder Gleise, Fahrdrähte, Buschwerk, von der Geschwindigkeit verwischt. Hermann ist in diesem Erste-Klasse-Abteil allein. Seine Augen lassen sich von der Landschaft führen, gleiten leicht hin und her, versuchen die permanente Bewegung zu erfassen. Jetzt ist es die Schwäbische Alb, die vorbeizieht, der Ort Geislingen. Nur Her-manns Spiegelbild steht unbeweglich im Reflex der Scheibe, wird vor dem Hintergrund der dunklen Hügel und Wälder immer deutlicher. Zeit vergeht. Zeit, die nicht genutzt werden muß. Das Geräusch der Räder wirkt hypnotisch. Als sein Blick unabsichtlich und träumerisch in das Zugabteil zurückkehrt, sieht Hermann sich selbst gegenüber: dem zehn Jahre jüngeren Hermann - kurzhaarig, provinziell -, der da sitzt und in einem Buch liest. Es ist Hermann Hesses »Steppenwolf«, ein Buch, das er auf seiner ersten Reise vom Hunsrück nach München mitgenommen hat. Hermann versucht zu lächeln, aber das Hermänn-chen ist ernst, unterbricht seine Lektüre nur eine Sekunde, um sein älteres Ich mit einem Gedankenblitz zu streifen. Hermann richtet sich auf. Er wartet, bis sein Gegenüber ihn wieder ansieht. 

HERMANN. Dat sin eisch. 

Dieser Satz - »Das bin ich« - ist nur halblaut gesprochen, so daß es ungewiß bleibt, ob er für jemand anderen oder nur für sich selbst gemeint war. Hermanus Lächeln spiegelt sich in der Scheibe, als der Zug nun durch einen Wald fährt. Im Spiegelbild ist aber noch eine andere Bewegung zu erkennen: Jemand kommt draußen durch den Gang und klopft geräuschvoll an die Abteil-tür. Renate, im Reisekostüm mit Pelzkrägelchen und Minirock, wuchtet einen großen Koffer herein. Hermann sieht sich suchend um. Aber sein zweites Ich ist verschwun-den. Um so realer erscheint jetzt Renate, die ihren Koffer auf den freien Sitz vor sich stellt und Hermann anstrahlt. 

RENATE. Hermann, ich habe dich doch erkannt. Ich denke, ja, wer sitzt denn da in dem Zug? Weil du dich verändert hast, du hast dich sehr verändert. Bischt älter worde. 

Er erhebt sich und betrachtet sein Gesicht in dem länglichen Spiegel, der über seiner Kopfstütze angebracht ist. Er sieht tatsächlich viel älter aus, hat schon ein paar graue Strähnen an den Schläfen. 

RENATE. Habe ich mich auch so verändert, Hermann? 

Renate schaut sich in dem Spiegel gegenüber an. Dort ist sie neben der Reflexion des Spiegelbildes von Hermann zu sehen. Renates Gesichts-ausdruck wirkt plötzlich sorgenvoll und ängstlich. Doch mit einem aufgesetzten Lächeln bringt sie sich wieder in Schwung. RENATE. Ich fühle mich aber noch so richtig jung. Soll ich es dir auch zeigen? Sie bewegt sich zu Hermann hinüber. Sie öffnet ihre Kostümjacke, so daß ihre Brüste Hermann entgegenschwellen. 

RENATE. Ich fahre gerade nach Basel auf den Gynäkologenkongreß. Weisch d', da hab i glei mehrere Auftritte vor. Soll ich dir's auch zeigen? 

Im Nu hat Renate ihren Koffer geöffnet. Sie packt glitzernde Phantasie- kostüme aus: eine blonde Langhaarperücke, einen Plastikknochen, ein Dirndlkleid und selbstgemachte Gliedmaßen eines Dinosauriers. 

RENATE. Also, was hätten wir da: Das da ist meine große Busen-Pirouettendame, und das da ist das Kostüm von der Jodler-Emma. Da habe ich immer die Goldhaarperücke dazu an. Das sieht superschön aus, immer ich mit blonden Haaren. Das ist der Unterrock dazu, und das da ist vom Kannibalenweible das Frühstück. Am schönsten die Unterwasserhure, die muß ich dir unbedingt zeigen. Willst sie anguk-ken? Das hab ich immer mit den Schuhen an. Da muß ich das Kleid auch dazu ausziehen. 

Ohne auf die ungewöhnliche Situation einzugehen, beginnt Renate, ihren Rock aufzuknöpfen, bis man die schwarzen Strapse, ihre Netz-strümpfe und den kleinen schwarzen Slip sehen kann. Es ist erstaunlich, was Renate da alles aus ihrem Koffer herauszaubert. Hermann genießt grinsend die Erotikphantasien, die Renate ihm prä-sentiert. 

RENATE. Das ist mein Lieblingsgewand. Die anderen Schuhe auch noch. So, und das da habe ich dann oben an, da ziehe ich das dann dazu aus. Manchmal singe ich auch, zur Jodler-Emma.

Nun jodelt Renate mit brüchiger Stimme. Dabei steigt sie auf den Sitz und zieht die Goldhaarperücke über ihren Kopf. 

RENATE. Dann ziehe ich die Perücke dazu auf. Siehst meine blonden Haare, wie von der Lorelei (sie jodelt). Und dann habe ich manchmal noch das Hütle dazu auf, das mache ich je nach Variation, da habe ich das selbergemachte oder da ist noch der andere Schuh. Das Herzle habe ich meistens auch noch dazu an. Gefällt dir das? 

Hermann steht feixend vor dem Fenster. Er schaut Renates Spiel schweigend zu. 

RENATE. Und jetzt meine Unterwasserhure. 

Renates Vorrat an Verwandlungen scheint unerschöpflich. Plötzlich ist sie zu einem grotesken Ungeheuer mit durchsichtiger Plastikhaut ge-worden. Im nächsten Augenblick wird sie ein Zirkusclown, der Kunst-stücke vorführt und mit Tellern jongliert. Schließlich sitzt sie als See-jungfrau im Gepäcknetz und läft ihren überdimensionalen Schweif ins Abteil herunterhängen. Draußen wird das Bahnhofsgelände von Heidelberg sichtbar. 

HERMANN. Entschuldige, aber ich muß hier, ich muß raus, ich muß jetzt aussteigen! Es ist Heidelberg, ich muß hier raus. Ich wünsche dir viel Glück. 

Renate, die immer noch im Gepäcknetz sitzt, zeigt unbegrenztes Ver-ständnis für Hermann. Sie läft ihn lächelnd gehen und winkt ein biEchen mit ihren Perlenketten und dem Fischschweif hinter ihm her. Er 
1316 Heidelberger Altstadt


Als er durch die Altstadt läuft, kehren die Eindrücke von Irrealität wieder. Der Anblick des SchloBbergs mit der SchloPruine versetzt ihn wieder in jenen Schwebezustand, in den er schon während der Fahrt geraten ist. Dieser Zustand macht es ihm leicht, sinnlich Erfaftes für Traum zu halten und Träume für Wirklichkeit. Da gehen Lichter an, die Nacht beginnt, und das Heidelberger Schloß wird bunt. Er wäre fast gegen eine Litfafsäule geprallt, auf der Clarissas Plakate von der »Hexenpassion« kleben. In einer langen Reihe wiederholt sich der nackte Körper mit den hochgestreckten Armen. Hermann liest den Auflkleber: »Theater der Stadt Heidelberg«. 
1317 Stadttheater Heidelberg 

Er ist beim Gebäude der Städtischen Bühnen angekommen. Auch hier sehen ihn überall die nackten Silhouetten Clarissas an. Er betritt den Vorraum. Die Abendkasse wird gerade geöffnet. 

HERMANN. Ich hätte gern noch eine Karte für heute abend. Für die »Hexenpassion«. 

KASSIERERIN. Da kommen Sie leider zu spät. Die »Hexenpassion« war nämlich gestern. Und heute morgen war die Vorführung für die Presse. Ja, ab heute spielen wir wieder den »Bettelstudent». 

HERMANN. Wissen Sie, ob die Truppe schon abgereist ist? Ist Frau Lichtblau vielleicht noch in Heidelberg? 

KASSIERERIN. Haben Sie schon im Hotel Ritter gefragt? 
1318 Hauptstraße Heidelberg

Hermann geht an der Kirche vorbei, an deren altem Gemäuer Plakate hängen, die jetzt schäbig aussehen, halb abgerissen, teilweise überklebt. Der Wind spielt mit den lila-grünen Papierfetzen. Er bewegt sich auf die rote Sandsteinfassade des betagten Hotels zu. Er ist müde. 
1319 Hotel Ritter


Hermann fragt nach einem Zimmer, in dem er diese Nacht bleiben kann. Der Portier ist freundlich, sogar ein wenig anzüglich, als er ihm den Zimmerschlüssel überreicht. 

HOTELPORTIER. Jedenfalls ist die »Hexenpassion« heute um vierzehn Uhr abgereist. Mit einem Kleinbus, neun Frauen und ein Fahrer. Das Zimmer von Frau Lichtblau wäre frei. 

Hermann betritt das Zimmer, in dem Clarissa letzte Nacht geschlafen hat. Er vermeidet es, die Beleuchtung einzuschalten; er zieht es vor, das Fenster zu öffnen, um so das weniger grelle Licht von der Straße hereinzulassen. Der romantische Platz vor dem Hotel ist menschenleer. Hermann sieht sich um. Sein Blick sucht nach Spuren, die Clarissa hinterlassen haben könnte. Er läBt sich auf das aufgeschlagene Bett fallen, er schließt die Augen, er atmet die Luft, die Clarissa geatmet hat. Da spürt er etwas, das ihn an der Nase kitzelt. Er versucht im Halbdun-kel zu erkennen, um was es sich handelt. Er findet ein langes Frauen-haar, das vom gepolsterten Kopfende des Bettes herabhängt. Er ergreift es an einem Ende und richtet sich auf: Ob es ein Haar von Clarissa ist? Er pustet das Haar in die Luft. Er ist allein. 
1320 BahnhofHeidelberg 


Am frühen Morgen will er weiterfahren. Hermann kommt am Bahnhof an, ohne zu wissen, welchen Zug er nehmen wird, ja, nicht einmal sein Reiseziel ist ihm klar. Er studiert die Fahrpläne, will sich vom Angebot der Stunde inspirieren lassen. Da fällt sein Blick auf ein Fahndungspla-kat, das die gesuchten Terroristen der Baader-Meinhof-Bande abbildet.

HERMANN (liest die Uberschrift). »Strafvereitelung?« »Anarchistische Gewalttäter«. »Baader-Meinhof-Bande«. »Steckbrieflich gesucht werden die Beteiligten an Morden, Sprengstoff-Verbrechen, Bank-überfällen . . . « 

Eins der paffotogroßen Bildchen auf dem Plakat zeigt das Portrait seiner Freundin Helga mit dem beistehenden Text: »Helga Aufschrey, 3IJahre, Schriftstellerin, blond, Augen blau, Größe 163cm. Zuletzt wohnhaft West-Berlin, spricht hochdeutsch mit westfälischem An-klang. Gesucht wegen Raub, Kauflhaus-Brandstiftung, Strafvereite-lung . . . « 
1321 Zugabte


Hermanns Weiterfahrt führt am Mittelrhein entlang. Draußen die Pfalz von Kaub. Die Bahnstrecke verläuft parallel zur Uferstraße, die gele-gentlich in kleinen Ortschaften verschwindet und am anderen Ende wieder zum Vorschein kommt. Schiefergedeckte Häuser, Fachwerk, heimatliche Architektur prägen das momentane Bild. Im Abteil nebenan unterhält man sich im Huns-rücker Dialekt. Selbst der Schaffner, der die Fahrkarten kontrolliert, spricht mit vertrautem Akzent. Hermann steht im Gang, um bessere Sicht auf den mächtigen deutschen Fluß zu haben. Auf der Uferstraße fährt ein Auto parallel zum Zug, es ist ein Citroen-Cabrio, silbergrau mit roten Sitzen. Hermann erkennt sein Auto und auch, wer darin sitzt: Schnüßchen und sein Töchterchen Lulu. Die beiden fahren mit offenem Verdeck fröhlich dahin, sehen ihn nicht und wissen nichts von ihm. 

HERMANN (schreit). Schnüßchen! Lulu! 

Hermann trommelt gegen das Fenster, er ruft, er versucht sich bemerk-bar zu machen. Schließlich gelingt es ihm, das Fenster zu öffnen. Aber alles Rufen, Winken und Schreien hilft ihm nicht, weil das Geräusch des gz8 Zuges, der Fahrtwind, die Entfernung seine Bemühungen vereiteln. Schnüßchen und Lulu lachen und fahren Auto. Hermann erkennt die Sinnlosigkeit seines Tuns. Er hält resigniert inne. Jetzt verschwindet das Auto mit Schnüßchen und Lulu in einer Ort-schaft. In Bacharach steigt Hermann aus. 
1322 Marktplatz Bacharach

Schon wieder ist Hermann in einer unwirklichen Wirklichkeit gelandet: Als er mit seinem Matchsack suchend den Marktplatz von Bacharach mit den romantischen altdeutschen Fachwerkhäusern überquert, sieht er dort einen als Bacchus verkleideten Weinkönig stehen, der für die Touristen, die ihn umringen, ein Lied singt. 

WEINKÖNT G. »Wie gern bin ich in Bacharach, in Bacharach am Rheine. Die Menschen sind so freundlich hier, so köstlich sind die Weine. Des Morgens, wenn die Sonn' aufgeht und aus dem Nebel steiget . . . « 

Hermann schaut sich die parkenden Autos an. Keins davon ist sein schönes französisches Straßenschiff. 
1323 Rheinufer

Am Rheinufer gegenüber der Lorelei hat ein liebenswerter kleiner Wanderzirkus Station gemacht. Das Viermastzelt ist mit vielen bunten Wimpeln geschmückt. Die Wohn- und Gerätewagen des Unternehmens bilden einen Schutzwall um das Zelt herum und trennen den Zirkus-bereich sowie eine kleine Tierschau von einem großem Parkplatz. Hermann kommt von Bacharach her mit seinem Matchsack die Ufer-straße herunter. Sein Interesse gilt auch hier den geparkten Autos. Plötzlich rennt er los: Auf dem Zirkusplatz steht sein Citroen-DS-Cabrio! Das Auto ist mit offenem Verdeck abgestellt. Hermann erreicht das Flußufer. Die Zirkusmusik kommt immer näher. Die Vorstellung hat zwar schon begonnen, jedoch ist die Kasse noch offen, so daß er sich eine Karte kaufen kann. Applaus und viele Kinderstimmen tönen ihm aus dem Zelt entgegen. 
1324 ZirkusAntoni


Das Zirkuszelt ist mit Kindern gefüllt. Sie werden nur von wenigen Erwachsenen, hauptsächlich Müttern, oder größeren Geschwistern begleitet, die auf die Kleinen aufpassen. Hermann braucht eine Weile, bis sich seine Augen an den Helligkeitsunterschied gewöhnt haben. Er sucht sein Kind, kann es aber zunächst nirgends entdecken. Er setzt sich mitten in eine Kindergruppe in den hinteren Reihen. Die Zirkusdirektorin tritt auf und kündigt eine neue Nummer an. 

DIREKTORIN. Es geht weiter im Programm mit Artistik. Empfangen Sie nun aus Südamerika das »Duo Fernandez«. 

Hermann klatscht mit den Kindern, als die beiden Artisten in Glitzerkostümen auftreten. Die Show besteht darin, daß der Mann eine unglaublich gelenkige Südseeschönheit in allerlei akrobatischen Figuren emporhebt, über seinem Kopf schweben läft und Türme mit ihr baut. Die Kinder im Zelt sehen gebannt zu und applaudieren begeistert, wenn egeistert, wenn eine akrobatische Figur beendet ist. Da treten zwei Clowns auf, die mit der Ansagerin zanken und vorgeben, solche Akrobatiknummern auch ausführen zu können. Dies führt zu allerlei komischen Situationen, in deren Verlauf das Akrobatikpaar immer wieder »gestört« wird. Da Hermann immer noch nach Lulu Ausschau hält, erkennt er zunächst nicht, wer der Akrobat ist, der diese naiv-rührende Artistikdarbietung mit seiner Partnerin präsentiert. Es ist Juua! Er entdeckt jetzt auch Lulu, die mit ihrer Mutter in einer Loge ganz vorn am Manegenrand sitzt und Juans Auftritt gebannt verfolgt. Juans Lächeln ist immer noch das alte, aber es wirkt starrer, noch maskenhafter als früher. Noch einmal erhält das »Duo Fernandez« herzlichen Applaus, dann kündigt die Direktorin eine Pause an und die Möglichkeit, draußen die Tierschau zu besichtigen. Gemeinsam mit Müttern und Kindern verläßt Hermann das Zelt. 
1325 Zirkusanlage 


Die Wagen mit den Raubtieren bilden eine Gasse neben dem Zelt. Von hier aus weitet sich der Spielbereich, in dem auch die Tiere zu bestaunen sind, die den Kindern am besten gefallen: Esel, Ziegen, Ponys, Lamas es gibt sogar ein Kamel. Hermann folgt Lulu von weitem. Er will das kleine Mädchen, das sich mit den anderen Kindern zu den Tiergehegen treiben läßt, nicht erschrecken. Schnüßchen hat sich mit Juan am Artisteneingang des Zeltes getroffen. Juan sitzt in seinem engen Kostüm auf einer Kiste. So hört er unbewegt zu, was Schnüßchen zu erzählen hat. 

SCHNÜSSCHEN. Weißt du, daß ich viel intellektueller geworden bin? Sonst schaffst du das auch nicht mit dem Studium. Du mußt mehr lesen und lernst wissenschaftliches Falsifizieren und Verifizieren. Weißt du, daß ich viel Philosophie gemacht habe und Gruppendynamik-Seminare? Das war hartes Brot. Dann kam meine Identitätskrise: Ich habe das Vordiplom nicht geschafft. Harter Schlag für meinen Ehrgeiz. 

Hermann trifft seine Tochter an einem Laufstall für kleine Ziegen. Das Kind steht einsam da. Es hat ihn kommen sehen, schweigt aber, blickt zu Boden. Alle Fröhlichkeit ist aus dem Kindergesicht gewichen. 

HERMANN. Hallo, Lulu, willst du nicht deinen Papa begrüßen? Lulu, was ist denn los? 

Als Hermann ihre Wange berührt, um sie tröstend zu streicheln, fängt Lulu an zu weinen. Sie läuft weg. Hermann sieht hinter dem Kind her. Er weißt nicht, was er falsch gemacht hat. Schnüßchen hat sich zu Juan gesetzt und plaudert. 

SCHNUSSCHEN. Auf jeden Fall will ich versuchen, dieses Jahr meinen Abschluß zu machen, da muß ich mal gucken, ob ich das hinkriege. Wenn das klappt, das wäre wunderbar, dann könnte ich anfangen zu arbeiten, und dann. .. 

Hermann, der noch einen Augenblick hinter den Schiffen auf dem Rhein hergesehen hat und überlegt, ob er hierbleiben soll oder nicht, geht auf den Artisteneingang zu. Juan erkennt ihn sofort. 

JUAN. Hallo. 

HERMANN. Juan. 

Schnüßchen sieht Hermann überrascht an. 

HERMANN. Ich habe euch gesehen, wie ihr hierhergefahren seid. Aus dem Zugfenster. 

SCHNUSSCHEN. Wir haben die Vorstellung von Juan gesehen. Denk dir mal, der macht eine ganz tolle Artistiknummer und hat eine ganz tolle Partnerin. Wo kommt die eigentlich her? Aus Indonesien? 

JUAN. Aus Java. 

SCHNUSSCHEN. So ein schönes Mädchen! Und ihr paft auch so gut zusammen, wenn die dann so auf dir obendrauf ist. Also, mir fehlen die Worte. 

Hermanns Gesicht wird während der aus Verlegenheit immer flüchtiger dahinplätschernden Unterhaltung trauriger. Er ist den Tränen nahe, als er sich zu Schnüßchen herabbeugt und ihr in die Augen zu blicken versucht. 

HERMANN. Sag mal, was ist denn mit unserer Lulu los? Die ist so merkwürdig. 

SCHNUSSCHEN. Und das wundert dich? 

Schnüßchen steht auf. Ihre Haltung drückt wieder die ganze Gekränkt- heit des getrennten Partners aus. Jeder ihrer Schritte, mit denen sie sich jetzt zum Zirkuszelt begibt, betont noch ihre Vorwürfe und die morali- sche Verurteilung Hermanns. Auch er reagiert nun so, wie geschiedene Ehemänner im allgemeinen reagieren. Er meint, Stolz demonstrieren zu müssen, als er die Situation einfach überspielt und Schnüßchen nicht mehr h~:~chte~t 

HERMANN. Und wie geht es dir, Juan? JUAN. Gut, danke, und dir? 

HERMANN. Ich muß weiterfahren. 

Hermann spürt, daß es Jahre dauern würde, den Freund wieder einzuholen. Er wendet sich an Schnüßchen. 

HERMANN. Sag der Kleinen einen schönen Gruß von mir. Hermann entfernt sich. 

Schnüßchen ist nicht fähig, ein erlösendes Wort zu sagen. Sie kommt näher, blickt Hermann nach. Ihr Gesicht zeigt jedoch fast keinen Ausdruck. Er geht den Weg zurück, den er vor kurzer Zeit in so hoffnungsvoller Stimmung gekommen ist: vorbei an dem einzigen Kamel des Zirkus, vorbei an seinem schönen Auto, das er nun an Schnüßchen verloren hat. Ohne sein Kind noch einmal zu sehen, verläßt er den schönen Platz am Rheinufer.
1326 Im Zugabteil

Die Zugfahrt ins Ungewisse geht weiter. Diesmal über eine Nebenstrecke ins Bergische Land. Hermann sitzt einer älteren Dame gegenüber, die ihn unentwegt beobachtet. Er aber studiert sein Kursbuch, sucht nach den Städten, in denen Clarissa mit ihrer »Hexenpassion« auftreten wird. 
1327 Landschaft mit Bahngleis


Zwei Helikopter nähern sich über einen Hügel hinweg und überqueren das Bahngleis. Als der Zug aus einer Kurve auftaucht, nehmen sie die Verfolgung auf. Einer der beiden Hubschrauber setzt sich vor die Lokomotive und bringt den Zug so zum Stehen. Hier, in flachem Gelände mit Feldern und Wiesen, sind mehrere Polizeifahrzeuge in Stellung gegangen. Sobald der Zug hält, fahren sie los und setzen einen Spezialtrupp von Polizisten ab, der beginnt, die Waggons von allen Seiten zu umzingeln. 
1328 Im Zugabteil


Hermann verfolgt die Ereignisse vom Gangfenster aus. Er kann die zwei Hubschrauber sehen, die auf beiden Seiten des Zuges in geringer Höhe schweben und einen fürchterlichen Lärm veranstalten. Hermann beobachtet die Polizisten, die von allen Seiten durch die Felder vordringen. Er wendet sich an die ältere Dame. 

HERMANN. Was ist das denn? 

FRAU KRAUSE. Kennen wir uns nicht? 
1329 Bahndamm mit Wegkreuzung

Ein Lautsprecherwagen der Polizei hat sich quer über das Gleis gestellt, einer der Polizisten nimmt darin Platz, ergreift das Mikrofon, und es ertönt eine Durchsage. 

POLIZEISPRECHER. Hier spricht die Polizei. Der Zug wird kontrolliert. Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen, und bewahren Sie Ruhe. Die Fahrt wird in Kürze fortgesetzt. Die kreisenden Hubschrauber, das Geräusch ihrer Rotoren, die schrillen Kommandos aus dem Lautsprecher, die Fahrzeuge, die auf den Feldern Stellung beziehen, die vielen uniformierten Männer, die schweren Waffen verwandeln das Gelände in einen Kriegsschauplatz. 
1330 Im Zugabteil


Schwerbewaffnete Männer mit langen Uniformmänteln, Lederstiefeln und Stahlhelmen kommen durch die Gänge, um die Abteile zu kontrollieren. Auch das Abteil von Hermann wird durchsucht. 

POLIZIST. Guten Tag. Ausweis- und Gepäckkontrolle! 

Hermann muß seinen Matchsack öffnen und seine Taschen ausleeren. Sein Paß wird einer längeren Prüfung unterzogen. Die Dame im Abteil betrachtet das Geschehen eher mit amüsiertem Gesichtsausdruck, sie mustert Hermann und lächelt über seine Nervosität. 

FRAU KRAUSE. A-Moll. Wissen Sie nicht mehr? Ich sagte, daß Ihr Stück in a-Moll geschrieben ist. Jetzt erinnere ich mich! 

Hermann sieht die Dame an. Es ist Frau Krause, die Mitarbeiterin des Anwalts Doktor Bretschneider, bei dem Hermann vor seinem ersten Semester Renate kennengelernt hat. Die Polizisten haben nichts gefunden und verabschieden sich. en sich. 

POLIZIST. Danke. Gute Weiterfahrt. 

HERMANN. Die fahnden nach Terroristen. 

FRAU KRAUSE. So ist es. Frau Krause lächelt schon wieder. Hermann denkt an Helga. 
1331 Straßenkreuzung, Verkehrskontrolle


Unweit der Stelle, an der die Zugkontrolle erfolgt, hat die Polizei eine Straßensperre errichtet. Einer der beiden Helikopter fliegt mit der Einsatzleitung zur nahen Kreuzung und landet dort auf der Straße. Eine kleine Kolonne von Fahrzeugen hat sich hier angesammelt. Be-amte, die ebenfalls schwer bewaffnet sind, durchsuchen Wagen für Wagen. Aus einem der wartenden Autos steigt Stefan, der Filmemacher. Auch er muß seinen Kofferraum öffnen. Wahrend er das tut, hält einer der Polizisten seine Maschinenpistole schußbereit auf das Wagenheck gerichtet. Die Beamten sind nervös. 

I. POLIZIST. Öffnen Sie die Sporttasche.

STEFAN. Ich bin kein Terrorist.

Z. POLIZIST. Was ist das da?

STEFAN. Ein Spielfilm.

Z. POLIZIST. Holen Sie ihn bitte raus. 

Stefan wuchtet eine Kinokopie seines neuen Films »Die deutsche Angst« auf den Asphalt. Der Hubschrauber startet wieder
1332 Münchner Straße



1301 Theresienwiese, Blick über München


Stefan müht sich mit dem gewichtigen Paket das gewundene Treppen- haus hoch. Es gibt hier keinen Aufzug. Er stellt den Film vor der Wohnungstür ab, steckt den Schlüssel ins Schloß und sperrt auf. Er betritt den schmalen Flur seiner Wohnung, deponiert das Paket neben der Garderobe. Seine Reisetasche bringt er ins Schlafzimmer. Die Jacke, die er im Gehen auszieht, legt er sich über den Arm, und dann schaltet er das Flurlicht aus, das seltsamerweise noch brennt. Er zieht seinen Taschenkalender aus der Tasche und sucht nach einer Telefon- nummer. So gelangt er in seine Küche. Dort bemerkt er eine Verände- rung - Lebensmittel, die er nicht auf den Tisch gestellt hat, benutztes Geschirr- und dreht sich um. In seinem Wohnzimmer sitzen Leute, die er nicht kennt: zwei Männer, die ihn schweigend anstarren. Jetzt erst erkennt er Helga, die ein wenig versteckt hinter den beiden Männern sitzt und nun den Kopf wendet. Stefan bleibt in der Tür stehen.

HELGA. Hallo, Stefan! Ankündigen ging nicht, aus verständlichen Grün- den!

Stefan bringt kein Wort heraus. Sein einziger Gedanke ist, die Lamellen- jalousien vor den Fenstern herunterzuziehen, damit niemand herein- schauen kann. Dann setzt er sich auf seine Couch vor das große Plakat von Viscontis »Morte a Venezia«. Helga sitzt vor dem Spiegel, ist dabei, sich zu schminken, wie sie es früher nie getan hat. Die beiden Begleiter sehen Stefan zu, wie er vor Angst Schweiß ausbrüche bekommt. Helga stellt ihre Begleiter vor, ohne Namen zu nennen.

HELGA. Das sind meine Genossen. Heute nacht verschwinden wir wieder.

STEFAN. Wie seid ihr hier reingekommen?

HELGA. Hast wohl vergessen, daß ich noch einen Schlüssel habe. Hier. Sie holt den Schlüsselbund vom Tisch und wirft ihn Stefan zu. Er fängt ihn auf, die »Genossen« schweigen. Stefan folgt Helga in die Küche, er schaut dort zu, wie sie sich Rühreier zubereitet und diese gleich aus der Pfanne ißt.

STEFAN. Mein Gott, Helga, wie kannst du nur so leben!

HELGA. Ich werde endlich gebraucht. 
1334 Rheinbrücke Köln 

Der Zug, mit dem Hermann weitergefahren ist, überquert den Rhein und fährt in den Kölner Hauptbahnhof ein. Die Nacht senkt sich herab, so daß die gotischen Domtürme wie aus Glanzpapier ausgeschnitten vor dem fahlen Himmel stehen. 
1335 Konzertsaal


In der Nähe des Doms findet Hermann Stellwände mit Plakaten zu Clarissas »Hexonpassion«. Ein Auflkleber trägt den Text: »Nur heute«. Hermann sieht sich um: Er steht den Eingängen des Konzertsaals direkt gegenüber. Eine der Türen ist geöffnet. Er reißt den Auflkleber ab und nimmt ihn mit in das Gebäude hinein. Er begegnet aber nur einer Putzfrau, die die Eingangshalle säubert. Hermann kann nicht weitergehen, der Konzertsaal ist geschlossen. Er hält der Frau den Plakatauflkleber vor die Nase. 

PUTZFRAU. Heute ist gestern. 
1336 »Domplatte«


Auch auf dem zugigen, mit Steinplatten belegten Platz vor dem Dom steht eine kleine Plakatsäule, auf der Clarissas »Hexenpassion« angekündigt wird. Hermann sieht zu den Domtürmen empor, die sich im blauen Mondlicht über ihm in den Himmel recken. Nebelschwaden ziehen über ihn und die Turmfassaden hinweg. Er beginnt sich zu drehen. Die Türme über ihm drehen sich mit. Immer schneller dreht er sich, bis die Türme in eine schwindelerregende Rotation geraten. Alles ist subiektiv. 
1337 München, Bude Alex


Alex kommt zu dieser Stunde, betrunken wie immer, in seine über und über mit Büchern angefüllte Bude zurück. Er verliert das Gleichgewicht und versucht sich festzuhalten. Sein Gesicht ist kreidebleich, Schweiß steht auf seiner Stirn. Irgend etwas scheint sich in der Thermosflasche zu befinden, die er noch schnell austrinken will. Sein Zustand verschlechtert sich aber innerhalb von Sekunden. Er torkelt in seinen Schlafraum hinein, er ringt nach Atem, faßt sich an den Hals, an die Brust. Wenige Sekunden danach stürzt Alex zu Boden. Er liegt, aus Nase und Mund blutend, mitten zwischen seinen zehntausend Büchern. Der versoffene ewige Student ist tot. 
1338 München, Wohnung Stefan


Auf Stefans Küchentisch liegt Helgas Pistole mit vollgeladenem Magazin. Helga steckt die Waffe in ihre Handtasche. Sie hat sich eine dunkle Perücke aufgesetzt. Als sie jetzt noch die Brille auf die Nase setzt und Stefan anlächelt, ist sie kaum wiederzuerkennen. Die Maskerade ist perfekt: Jeder wird sie für eine seriöse Chefsekretärin halten. Stefan trinkt Rotwein und schweigt. Er hat immer noch Furcht. Helgas »Genossen« verbrennen alle Papiere und Notizzettel, die sie während des Aufenthalts in Stefans Wohnung benutzt haben. Stefans gefährliche Besucher sind zum Aufbruch bereit. Noch einmal geht Helga zum Telefon, sie wählt Katrins Nummer in Berlin. Der Anschluß ist aber besetzt. 
1339 Berliner Kommune


Katrin telefoniert mit Hermann. In den Räumen der Berliner Kommune hat sich vieles verändert: Die ehemals ausgehängten Türen sind wieder eingehängt, das Zimmer ist gemütlich eingerichtet und angefüllt mit Katrins persönlichen Dingen: Büchern, Möbeln, Nippes, Bildern. Es gibt sogar Blumentöpfe und ein Klavier. An diesem Klavier sitzt sie mit strubbeligen Haaren, im Nachthemd. Sie singt in den Telefonhörer, den sie sich zwischen Schulter und Ohr geklemmt hat. Es ist Schuberts Lied »Der Wanderer«, das sie auswendig weiß und dessen Melodie sie auf dem Klavier begleitet. 

KATRIN, »Die Sonne dünkt mich hier so kalt, die Blüte welk, das Leben alt, und was sie reden, leerer Schall, ich bin ein Fremdling überall. « 
1340 Köln, Hotelzimmer Hermann


Hermann sitzt, einen Wollschal um den Hals, in seinem Hotelbett in Köln und hört zu. Auch er kennt das Lied. So kann er die nachfolgenden Zeilen mitsingen, so gut es seine erkältete Stimme zuläBt. 

HERMANN. »Wo bist du, wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt und nie gekannt. « 
1341 Berliner Kommune


Katrin antwortet mit dem Klavierzwischenspiel. Dann spricht sie Her-mann die Zeilen, auf die es ihr ankommt, ausdrucksvoll vor, damit er jedes Wort versteht. Sie begleitet den gesprochenen Text auf dem Klavier. Fast kommen ihr die Tränen, so innig ist ihr Vortrag. 

KATRIN. »Das Land, wo meine Rosen blühn, wo meine Freunde wandelnd gehn, wo meine Toten auferstehn- das Land, das meine Sprache spricht-oh Land, wo bist du?« 

Plötzlich treten ihre Wohngenossen, die Kommunarden, ins Zimmer. Sie entrollen ein improvisiertes Transparent mit dem Text: 

FASSE DICH KURZ, DAS TELEFON GEHÖRT DER REVOLUTION! 
1342 Hotelzimmer Hermann


Katrin hat sich nicht irritieren lassen, sie spielt die Uberleitung zu Ende und gibt Hermann den Einsatz für den Liedschluß: 

HERMANN. »Im Geisterhauch tönt's mir zurück, dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück. «Die tragisch-romantische Schlußzeile singen beide gemeinsam. Das Telefon verbindet sie in einem vom Prinzip Hoffnung erfüllten Gefühl des Unglücks. 
1343 München, Treppenhaus Stefan

Im Laufschritt stürmen vier Polizeibeamte das geschwungene Treppen-haus herauf. Vor Stefans Wohnungstür verteilen sich die Männer, ihre Waffen im Anschlag. Einer von ihnen betätigt Stefans Glocke. Als nicht gleich geöffnet wird, richten sich die Waffen auf die Tür, noch einmal wird geläutet. 
1344 Wohnung Stefan


Stefan ist wach geworden. In Pyjamahose und mit nacktem Oberkörper geht er in seinem Flur auf und ab. Er glaubt, daß es Helga und ihre Genossen sind, die wieder in die Wohnung wollen. Als nun erneut geläutet wird, wird Stefan sauer. 

STEFAN. Laft mich in Ruhe, ich mache nicht auf! 

POLIZIST. Polizei, machen Sie die Tür auf! 

STEFAN. Hört doch mit dem Quatsch auf! Ich laß euch jetzt nicht mehr rein. 

POLIZIST. Hier ist die Polizei, machen Sie sofort die Tür auf! 

STEFAN. Nein, haut endlich ab! 

Stefan trommelt von innen gegen die Tür, um seine Entschlossenheit zu zeigen. Das gibt den Polizisten Anlaß, gewaltsam in die Wohnung einzudrin-gen. Mit der Maschinenpistole schießen sie einen Ring um das Schloß und rammen ihre Schultern fast gleichzeitig so hart gegen die Tür, daß sie splitternd aufspringt. Stefan ist von den Schüssen im Oberschenkel getroffen worden, er schreit vor Schmerzen und Entsetzen. Die Bullen werfen sich über ihn, zerren ihn zu Boden. Im Nu hat man ihm die Arme mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Nun durchsuchen die Polizisten hektisch die ganze Wohnung. Sie werfen Möbel um, reißen Schränke auf, durchwühlen Bett und Bad, verwüsten die Küche - nur die Terroristen, hinter denen sie her sind, können sie nicht finden. Stefan liegt in einer Blutlache. Einem der Polizisten ist die Winchester in die Hände gefallen, die Stefans toter Freund Reinhard ihm hinterlassen hat. 
1345 Hauptbahnhof Köln


Hermann setzt seine Reise ins Ungewisse fort. Im Kölner Hauptbahnhof kauft er sich eine Münchner Zeitung. Er starrt auf die Titelseite. » Filmemacher von Polizei niedergeschossen«, so lautet die Uberschrift. 

HERMANN (liest). »In den frühen Morgenstunden drang ein Spezial-trupp der Münchner Bereitschaftspolizei in die Wohnung des Filme-machers Stefan A. ein. Es hatte offenbar einen Hinweis gegeben, daß sich gesuchte Terroristen der Baader-Meinhof-Bande in seiner Woh-nung aufhielten. Der ahnungslose Filmemacher hielt die Aufforde-rung, die Tür zu öffnen, für einen üblen Scherz seiner Kollegen und weigerte sich, die Beamten hereinzulassen. Daraufhin eröffnete die Polizei das Feuer durch die Tür und verletzte den Filmemacher schwer. Die Durchsuchung der Wohnung ergab keine Hinweise auf konspirative Betätigung. Ein Sprecher der Polizei erklärte, es habe einen anonymen Anruf gegeben, der die Polizei zum Eingreifen veran-laf t hätte. Nach Auskunft der Ärzte des Schwabinger Krankenhauses schwebt der Filmemacher noch in Lebensgefahr. Stefan A. war vor eini-gen Wochen bekannt geworden, weil sein Film "Die deutsche Angst" einen Spezialpreis auf den Filmfestspielen von Venedig erhielt. « 

Es ist auch ein Foto von Stefan auf der Titelseite der Zeitung abge-druckt. Es zeigt ihn, auf einer Wiese des Englischen Gartens sitzend, sorglos in die Kamera blickend. Hermann wählt für seine Weiterreise einen Zug Richtung Norden. 
1346 Zugfahrt, Speisewagen 


Hermann hat sich im Speisewagen niedergelassen. Dort ist es um diese Stunde zwischen Mittagessen und Kaffeezeit besonders angenehm, weil man vom Personal in Ruhe gelassen wird und auch genügend Platz hat für die Lektüre auf dem Tisch. Er hat sich noch andere Zeitungen gekauft, um mehr über die Vorfälle in München zu erfahren. Er trinkt einen Kaffee dazu. Das Bild Stefans findet sich auch in diesen Zeitungen wieder. Hermann sinniert zum Fenster hinaus. Da nähert sich eine junge Frau seinem Tisch. Ihre Lederjacke, die schußbereite Kamera um ihren Hals und ihr Aluminiumköfferchen weisen sie als Fotoreporterin aus. Sie klopft Hermann von hinten auf die Schulter, so daß er erschrickt. 

ELISABETH. Hallo, Hermann. Das Foto habe ich geschossen. Dann weißt du ja alles. 

Mit dem Zeigefinger tippt sie auf das Titelbild in der Abendzeitur~g. Sie will Hermann zeigen, wie gut sie im Geschäft ist. Hermann dreht sich um und erkennt sie jetzt. 

HERMANN. Elisabeth!

ELISABETH. Na, ist der Groschen endlich gefallen? Also, ich wohne jetzt in Bonn. Von Rolf bin ich getrennt, die Kinder sind ja groß, da habe ich aus meinem Hobby einen Beruf gemacht. Jetzt fahre ich nach Marl - da wird der Grimme-Preis verliehen. Und du? Lebst du noch mit Schnüßchen oder sie mit dir? Hat sie ihr Studium beendet? 

Sie setzt sich an einen Einzeltisch auf der anderen Seite des Ganges. Von hier aus redet sie lässig über die Distanz mit Hermann. Hermann weiß nicht, auf welche von allen ihren Fragen er zuerst antworten soll. Eigentlich hätte er ebenso viele Gegenfragen. 

ELISABETH. Na ja, uns moderne Frauen kann man nicht mehr ohne weiteres binden. Wir wissen, was wir wollen, und das ist heute mehr als nur Mann und Kinder. Kann ich bitte einen Schnaps haben? 

Sie winkt den Kellner zu sich heran. Hermann sucht nach einer ein-fachen Antwort. 

HERMANN. Wir leben getrennt. 

Elisabeth ist zufrieden. Diese Antwort hat sie erwartet. Plötzlich ändert sich ihr Gesichtsausdruck. Ihre Augen bekommen einen magischen Schimmer, die Lippen spannen sich, ihre Körperhaltung strafft sich, der Zug fährt in einen Tunnel ein, und es wird düster im Wagen. 

ELISABETH. So. Und jetzt werde ich zaubern. Aus zwei mach vier, aus sechs mach acht, aus zehn mach eins - das ist das Hexeneinmaleins. Simsalabim! 

Elisabeth ist langsam immer näher auf Hermann zugekommen. Sie starrt in seine Augen. Dann reißt sie das Tischtuch von seinem Tisch. Sein Blick folgt ihrer Hand: Vor ihm liegen Dutzende von groPformati-gen Aufnahmen. 

ELISABETH. Neunzehnhundertvierundsechzig. 

Es sind die Bilder von Hermanns Hochzeit mit Schnüßchen. Der Zug verläft den Tunnel. Es wird wieder hell. Hermann beginnt in den Fotos zu wühlen. Es ist unglaublich, was da alles zum Vorschein kommt: das Brautpaar mit Trauzeugen vor dem Standesamt; die Hochzeitstafel mit allen Freunden; Hermann, wie er die Braut über die Schwelle trägt; er und Schnüßchen bestaunen Cerphals Spieluhr-Geschenk; das Treffen mit Renate und Juan vor dem »Fuchsbau«; ein Bild des einsamen Juan mit der künstlichen Nachtigall; Stefan und Rob im »Fuchsbau«-Garten; die fröhlich winkenden Freunde auf der Villentreppe; Clarissa im »Fuchsbau«; noch einmal der Eingang zum Standesamt mit Alex; Helga, sie sieht ganz rund aus im Gesicht - wie ein Kind fast -, aber mit fanatischen Augen. Die Erinnerungen überfallen Hermann. Er ist schon während der Betrachtung der Szenen aus seinem Leben immer unruhiger geworden. Jetzt wird ihm schlecht. Er gerät in Panik und rennt zur Zugtoilette. Er muß warten, weil besetzt ist. Hermann lehnt sich an die Wand und versucht, ruhiger zu werden und durchzuatmen. Plötzlich dreht sich das Türschloß auf »frei«. Hermann wartet nervös und ungeduldig, daß die Person, die das Schloß betätigt hat, endlich auch aus der Toilette herauskommt. Als sich eine Zeitlang nichts rührt, klopft er an die Tür. Diese wird von innen aufgerissen. Es ist Helgas Dülmener Großmutter, die da auf dem Klo sitzt und Steinhäger aus der Flasche trinkt. Die Alte hat einen hochroten Kopf vor Empörung. 

OMA AUFSCHREY. Wat fällt Ihnen ein, hier einfach zu kloppen. Kerl! 

Sie knallt die Tür wieder zu. Hermann steht da und verliert die Orientie-rung. Wie kommt diese Frau hierher? Er fühlt sich von Gespenstern der Vergangenheit verfolgt. Er will raus aus diesem Zug! Er rüttelt an der Tür. Da verlangsamt sich die Fahrt. Der Zug fährt in einen Bahnhof ein. Hermann macht sich zum Aussteigen bereit. 
1347 Dülmen, Bahnhof, Innenstadt 


Er steht auf dem Bahnsteig. Erst als der Zug den Bahnhof verlassen hat, erkennt Hermann, wo er ist: in Dülmen, der Stadt von Helga, Dorli und Marianne, der Stadt, aus der er geflohen ist, geflohen vor der Sehnsucht der Frauen. Jetzt würde er sofort wieder in den Zug steigen, den er soeben verlassen hatte. In der Ferne verliert sich das Geräusch seiner Räder. Auf dem Bahnsteig ist außer Hermann kein Mensch. Es gibt hier auch keinen anderen Zug, mit dem Hermann weiterfahren könnte. Nur leere Gleise, die sich in beiden Richtungen in der Ferne verlieren. Dies ist ein Durchgangsbahnhof. Hermanns Schritte hallen wider in der Leere des Bahngeländes. Er setzt sich auf die Stufen zur Uberführung und blättert nervös in seinem Kursbuch. Uber ihm wieder das Fahndungsplakat mit dem Foto Helgas. Er ist in die kleine Stadt hineingegangen. In der Nähe des alten Back-steintores findet er eine Telefonzelle. Er wählt eine Nummer in München. 

HERMANN. Guten Tag, Frau Lichtblau. Hier ist Hermann Simon. Kön-nen Sie mir bitte sagen, wo Clarissa zur Zeit ist? Ich muß sie finden. 

Hermann muß warten, bis Clarissas Mutter auf dem Tourneeplan nachgesehen hat. Schräg gegenüber, ganz nah beim alten Stadttor, parkt vor einem Blumenladen ein weißes Auto. Es gehört einer Frau, die mit ihren beiden Töchtern Blumen kauft. Es ist Marianne, älter geworden, ganz bürger-lich in ihren Bewegungen und der selbstverständlichen Art, sich bedie-nen zu lassen. Frau Lichtblau meldet sich vom anderen Ende der Leitung. Sie steht nun mit dem Telefon vor der Landkarte mit Clarissas Tourneeplan. 

MUTTER CLARISSA. Gestern war sie in Aachen, und heute ist sie für zwei Tage in Amsterdam. 

Marianne schließt den Kofferraumdeckel ihres Wagens. Eine Dülmener Kirchenglocke beginnt zu läuten. Marianne lächelt die Zwillinge, die auf dem Rücksitz Platz genommen haben, an. Es ist Feiertagsstimmung im Städtchen eingekehrt. Die hübsch gekleideten Mädchen, das Glokkenläuten und das Lächeln der Mutter, die sich ans Steuer setzt, lösen dieses Gefühl aus. Hermann verläBt die Telefonzelle. Er erkennt Marianne nicht. Ma-rianne ergeht es ebenso. Sie fährt ganz nah an ihm vorbei. Nichts verbindet sie mehr mit diesem Zeitreisenden. 
1348 Zugfahrt


Auch diese Stadt durchstreift er erst einmal zu Fuß. Das Labyrinth der Amsterdamer Grachten, Brücken, schmalen Straßen mit schiefen Fassaden, Hausbooten und Eckkneipen hält ihn von Anfang an gefangen. Er geht und geht und findet kein Ziel. 

HERMANN. Seit fünf Tagen hatte ich im trüben gefischt: Finde ich Clarissa, finde ich sie nicht, laufen wir uns irgendwo wie vor zehn Jahren zufällig in die Arme? Es hätte mir gefallen, wenn ich diesen romantischen Zufall unbemerkt hätte arrangieren können. Aber das Schicksal sträubte sich. Das Verlangen war eindeutig. Also wollte ich mich auch entsprechend verhalten. Endlich ein Ziel. 

Auf einer Brücke tanzen Hippies und Hare-Krishna-Leute in orangefarbenen Gewändern. Es riecht nach orientalischen Düften und Shit. Als er das andere Ufer der Gracht erreicht hat, wird er von einem Dealer angesprochen, der sich bei ihm unterhakt und ihn in eine Ecke zerren will. 

PASSANT. You want some shit? 

HERMANN. What?

PASSANT. Some shit? 

HERMANN. No, thanks. Later. 

Das Orchester erzeugt ein unheilschwangeres Klanggemisch, das sich dynamisch steigert, bis es in einem schrillen Aufschrei von Clarissa gipfelt. Lichtblitze zucken über die Bühne. Clarissa bäumt sich auf, bevor es dunkel wird im Raum. Die »Hexonpassion« erzählt eine Geschichte aus dem Jahre 1672. Damals wurde in Marburg eine oberhessische Bauerntochter namens Katherine Lips der Hexerei angeklagt und tagelang gefoltert. Das überlieferte Protokoll dieses Martyriums ist von Clarissa und ihrer Freundin, der Posaunistin Camilla, vertont und als kleine Oper inszeniert worden. Dabei werden die Texte des Folterprotokolls, die Clarissa in einer Art Sprechgesang vorträgt, von Liedern unterbrochen. Hermann wird vorerst nicht in den Saal gelassen, weil er zu spät kommt. Er hört an der angelehnten Saaltür zu, wie sich die Aufführung weiter entwickelt. Clarissa tritt jetzt zwischen den Steinsänlen heraus. Sie ist sehr ernst. 

CLARISSA. »Und hat gesagt, sie wäre keine Hexe. Hat sich selber herzhaft und willig ausgezogen. 

Worauf der Scharfrichter sie an den Händen angeseilet und wieder abgeseilet. Peinlich Beklagtin hat gerufen: O weh! O wehe! Ist wieder angeseilet. Hat gerufen: 0 weh, O wehe, Herr im Himmel, komm zu Hilf! Die Zähne sind angeseilet worden, hat um Rach' gerufen, und ihre Arme brechen ihr. Die Spanischen Stiefel sind ihr uffgesetzet. Die Schraube auf dem rechten Bein ist zugeschraubet. Ist ihr zugeredt worden, die Wahrheit zu sagen. Sie hat aber druff nicht geantwortet. Die Schraube auf dem linken Bein auch zugeschraubet, hat geruffen, sie kennte und wüßte nichts, hat geruffen, sie wüßte nichts, hat ums Jüngste Gericht gebeten, sie wüßte ja nichts, hat sachte in sich geredt, sie kennte und wüßte nichts. Die linke Schraube gewendet, peinlich Beklagtin am Seil uffgezogen. Hat geruffen: "Du lieber Herr Christ, komm mir zu Hilf!" Sie kennte und wüßte nichts, wann man sie auch ganz tot arbeitete. Ist höher uffgezogen, ist stille worden. « Clarissas Vortrag wird von Camilla auf der Posaune begleitet. Sie ist während der Rezitation bis zur Rampe gekommen. Dort bleibt sie nun stehen und schweigt im Gedenken an das arme Folteropfer. Das Orchester erzeugt ein unheilschwangeres Klanggemisch, das sich dynamisch steigert, bis es in einem schrillen Aufschrei von Clarissa gipfelt. Lichtblitze zucken über die Bühne. Clarissa bäumt sich auf, bevor es dunkel wird im Raum. Die »Hexenpassion« erzählt eine Geschichte aus dem Jahre 1672. Damals wurde in Marburg eine oberhessische Bauerntochter namens Katherine Lips der Hexerei angeklagt und tagelang gefoltert. Das überlieferte Protokoll dieses Martyriums ist von Clarissa und ihrer Freundin, der Posaunistin Camilla, vertont und als kleine Oper inszeniert worden. Dabei werden die Texte des Folterprotokolls, die Clarissa in einer Art Sprechgesang vorträgt, von Liedern unterbrochen. Hermann wird vorerst nicht in den Saal gelassen, weil er zu spät kommt. Er hört an der angelehnten Saaltür zu, wie sich die Aufführung weiter entwickelt. Clarissa tritt jetzt zwischen den Steinsäulen heraus. Sie ist sehr ernst. 

CLARISSA. »Und hat gesagt, sie wäre keine Hexe. Hat sich selber herzhaft und willig ausgezogen. Worauf der Scharfrichter sie an den Händen angeseilet und wieder abgeseilet. Peinlich Beklagtin hat gerufen: 0 weh! O wehe! Ist wieder angeseilet. Hat gerufen: 0 weh, O wehe, Herr im Himmel, komm zu Hilf! Die Zähne sind angeseilet worden, hat um Rach' gerufen, und ihre Arme brechen ihr. Die Spanischen Stiefel sind ihr uffgesetzet. Die Schraube auf dem rechten Bein ist zugeschraubet. Ist ihr zugeredt worden, die Wahrheit zu sagen. Sie hat aber druff nicht geantwortet. Die Schraube auf dem linken Bein auch zugeschraubet, hat geruffen, sie kennte und wüßte nichts, hat geruffen, sie wüßte nichts, hat ums Jüngste Gericht gebeten, sie wüßte ja nichts, hat sachte in sich geredt, sie kennte und wüßte nichts. Die linke Schraube gewendet, peinlich Beklagtin am Seil uffgezogen. Hast geruffen: Du lieber Herr Christ, komm mir zu Hilf! Sie kennte und wüßte nichts, wann man sie auch ganz tot arbeitete. Ist höher uffgezogen, ist stille worden. « 

Clarissas Vortrag wird von Camilla auf der Posaune begleitet. Sie ist während der Rezitation bis zur Rampe gekommen. Dort bleibt sie nun stehen und schweigt im Gedenken an das arme Folteropfer. Jetzt darf Hermann endlich den Saal betreten. Er kommt durch den Mittelgang und hält nach einem freien Platz Ausschau. Das Publikum sieht gebannt zur Bühne, wo nun eine süße, junge Gitarristin, hoch auf einer Mauer postiert, eine zarte Introduktion zum folgenden Lied spielt. Clarissa sitzt unterhalb einer Marmortafel. Sie singt mit aufgelösten Haaren in dem blauen Bühnenlicht. 

CLARISSA. »Um meine Augen zieht die Nacht sich wie ein Ring zusammen. Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen, und doch war alles grau und kalt um mich. O Gott, und bei lebendigem Tage träum ich vom Tod. In Wassern trink ich ihn und würge ihn im Brot. Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage. « 

Hermann versucht zu begreifen, daß er endlich angekommen ist. Er sitzt in diesem Halbdunkel, umgeben von vielen Menschen, und weiß nicht, ob es wirklich Clarissa ist, die er da hört und sieht. Sie wirkt sehr verändert, schöner und »moderner«. Hermanns Augen sind weit geöff-net, vermögen deswegen aber nicht tiefer in das Geschehen einzudrin-gen. Er muß permanent gegen das Gefühl ankämpfen, daß auch hier wieder alles nur geträumt sein kann. Die Posaune beginnt nun ein neues Klagelied. Clarissa tritt zwischen sieben Frauen hervor, die mit den Gesichtern an die Säulen gelehnt stehen: die Musikerinnen, die mit ihren hochgestreckten Armen und den nackten Füßen aussehen wie Sklavinnen im alten Rom. Clarissa, die Rotgewandete, schreitet auf das Publikum zu. 

CLARISSA. »Und hat nichts reden wollen. Hieruff ist sie hinausgeführt worden von dem Meister, um ihr die Haare vom Kopf zu machen. Darauf er, der Meister, kommen und referiert, daß er das Stigma funden, worin er eine Nadel über Glieds tief gestochen, welches sie nicht gefühlt, auch kein Blut herausgegangen. Nachdem ihr die Haare abgeschoren, ist sie wieder angeseilet worden an Händen und Füßen, abermals uffgezogen. Da sie geklagt und gesagt, sie müßte nun ihr liebes Brot heischen. Brot! Brot! hat laut gerufen, ist wieder ganz stille worden, gleich als wenn sie schliefe. « 

Die Frauen vor den Säulen lassen ihre Arme sinken. Sie wenden sich dem Publikum zu. Das Licht verändert sich. Aus Clarissas Augen fallen Lichtstrahlen, die von der Bühne bis zu Hermanns Platz dringen. Auch auf ihrer Stirn leuchtet ein Punkt. Es ist ein mandelförmiges Mal, ein »drittes Auge«. Hermann wendet den Kopf. Vor den sieben Sänlen sieht er die Körper der Frauen seines Lebens: Helga, Katrin, Renate, die Mutter des Klavierschülers Tommy, die nackte Studentin mit den F-Löchern auf dem Rücken, Erika und Marianne aus Dülmen. Alle diese Frauen sehen aus wie die Geister von Verstorbenen. Sie enthüllen ihre Körper und lächeln ihn so süß an, daß er fast die Besinnung verliert. Das Orchester auf der Bühne beginnt ein neues Klagelied. Wieder wimmert die Posaune mit gestopften Tönen. Hermann wacht auf. Der Spuk ist vorbei. Vor der Bühne steht nun Clarissa im magischen Licht neben ihrer Freundin, in deren Posaunentrichter ein Hexenstern aufleuchtet. 

CLARISSA. »Und hat gesagt, sie wüßte nichts. Die Schraube am rechten Bein wieder zugeschraubet. Wieder gerufen, und stracks ganz stille worden, und ihr das Maul zugangen. Mit Werkzeugen ihr das Maul uffgebrochen. Am linken Bein zugeschraubet, worauf sie gesagt, sie könnte nichts sagen, wann man sie auch tot machte. « 

Clarissa und die Posaunistin setzen sich dem Publikum direkt gegenüber auf die Rampe. Das Lied, das sie jetzt anstimmen, ist ein Kanon, der von den beiden Frauen gesungen wird. Hermann erkennt in der vorderen Reihe auch Fräulein Cerphal, die von Herrn Gattinger begleitet wird. Sie reist offenbar immer noch wie der Fliegende Holländer rastlos durch die Welt, von Kulturereignis zu Kulturereignis. Nun entdeckt auch sie Hermann. Sie winkt ihm zu. Ihr ist nichts fremd in der Welt, und nichts Unwahrscheinliches setzt sie in Erstaunen. 

CLARISSA und 

CAMILLA (singen) »Dein Herz ist wie die Nacht so hell, ich kann es sehn, du denkst an mich, es bleiben alle Sterne stehn.« Der Mond spiegelt sich im trüben Wasser. Es ist der Vollmond. 

HERMANN. Es bleiben alle Sterne stehn. 

CLARISSA. Ja. 

Er geht zum Bett, das ganz unberührt ist, schlägt die Tagesdecke zurück und macht aus dem Kissen einen Berg am Kopfende. Seine Bewegungen sind liebevoll, fast mütterlich. 

HERMANN. Komm, erkälte dich nicht. 

Clarissa schweigt. Sie liegt ruhig auf dem Rücken. Hermann nimmt das Kissen und das Federbett und kehrt zu ihr zurück. Er schiebt ihr das Kopfkissen unter den Nacken. Er deckt sie zärtlich zu. Clarissa läßt alles mit sich geschehen, ohne sich von der Abwesenheit ihrer Gedanken freizumachen. 

CLARISSA. Ich gehe gerade durch diese zehn Jahre. Ich habe immer auf dich gewartet. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht wußte, wo du bist. Und es kam kaum ein Tag, an dem ich erfahren hätte, was du denkst. Können wir das jemals einholen? 

HERMANN. Ich will es versuchen. 

CLARISSA. Ich habe dich zum ersten Mal vergessen auf dieser Tournee, und besonders heute. 

HERMANN (seufzt). Ich habe dich verfolgt. 

CLARISSA. Es wird lange dauern, bis du mich zum Sprechen bringst. Ich habe so lange geschwiegen. Ich habe immer nur mit mir selbst gesprochen. In meinem Kopf sind tausend Stimmen. Echos meiner Stimme, die eingesperrt war so lange Zeit. 

Hermann legt seinen Kopf auf ihre Brust, sieht zur Zimmerdecke hinauf. 

HERMANN. Ich hatte geschworen: nie mehr die Liebe! Und ich habe mich daran gehalten. Ich schwöre dir, ich habe mein Herz in Schach gehalten die ganze Zeit, seit ich sechzehn war, vierzehn Jahre. 

CLARISSA. Zweimal sieben Jahre! 

HERMANN. Es heißt, nach sieben Jahren ist kein Atom mehr das gleiche in unserem Körper. 

CLARISSA. Aber die Sehnsucht bleibt. 

HERMANN. Ich habe mich immer nach dir gesehnt. 

CLARISSA. Nach der Liebe? 

HERMANN. Nach dem Augenblick, in dem die Seele ja sagt. 

Clarissa richtet sich auf. Sie will Hermann ins Gesicht schauen. 

HERMANN. Ja. Ich könnte dir für alle Frauen in meinem Leben Gründe nennen. Ich habe sie verglichen und abgewägt- aber. . . 

CLARISSA. Keine Namen nennen, bitte keine Namen! 

Sie küßt Hermann auf den Mund, damit er nicht weitersprechen kann. 

CLARISSA. Ich will nicht, daß die Bilder anderer in dieses Zimmer kommen. Laß uns endlich allein sein auf dieser Welt. Immer hat es die anderen gegeben, das war furchtbar - die falschen anderen. Sie springt auf, rennt zum Fenster, reißt es auf und läBt die Nachtluft über ihren nackten Körper wehen. Sie sieht in die fremde Stadt hinaus. Der Vollmond scheint sie an. 

CLARISSA. Ende, Ende, Ende! 

HERMANN. Ich bin frei. 

CLARISSA. Ich glaube, ich bin auch frei. 
1354 Straße vor Hotel Acacia

Das Mondlicht wird von der Wasseroberfläche reflektiert und auf die Hotelfassade geworfen. Es sieht aus, als wolle das Wasser emporsteigen bis zu dem Zimmer der Liebenden. 
 
1355 Hotelzimmer Acacia

Hermann und Clarissa liegen nackt neben dem Bett auf dem Teppich. Auf ihre Ellbogen gestützt, beobachtet sie ihn und sieht, wie seine Lider immer schwerer werden. 

HERMANN. Stört es dich, wenn ich einschlafe? 

CLARISSA. Schlaf ruhig. 

HERMANN. Ich traue mich nicht, einzuschlafen. 

CLARISSA. Vielleicht schlafe ich auch ein. 

HERMANN. Wenn man schläft, wird man so fremd für die anderen. Und man vergißt die Liebe. 

Er zwingt sich, wach zu bleiben. Er richtet sich auf. Er sieht Clarissa daliegen und reißt die müden Augen auf. 

CLARISSA. Ich will mich nie mehr so anstrengen, Hermann. Vergiß einfach die Liebe. Ich glaube, man muß die Liebe vergessen. 

HERMANN. Aber das wäre auch anstrengend.

CLARISSA. Schlaf! 

Er versucht, ihren Wunsch zu erfüllen, er streckt sich wieder aus auf den Teppich. Aber nun kann er die Augen nicht schließen. 

HERMANN. Jetzt bin ich wieder hellwach.

CLARISSA. Was machen wir denn da? 

HERMANN. Vielleicht sollten wir doch ins Bett gehen. Es wird so hart hier auf dem Boden. 

CLARISSA. Nein, ich fürchte mich vor diesem Bett. Das kennt man zu gut. Ich bin froh, daß wir nicht zusammen ins Bett gegangen sind. 

Sie setzt sich neben ihn. Mit ihren vier Augen sehen sie das bis jetzt unberührte Doppelbett an. 

HERMANN. Meinst du, das halten wir durch? 

CLARISSA. Nein.

Die beiden müssen lachen. 
1356 Gracht vor Hotel Acacia

Das Mondlicht über dem Kanal verliert alle Nachtfarben und bleicht aus. Das Wasser wird modriger, der Tag zieht herauf. Alltagsgeräusche breiten sich über der Gracht, dem kleinen Platz vor dem Hotel und den StraRen aus. 
1359 Straßen von Amsterdam 

Hermann unternimmt nun lange Spaziergänge durch die Stadt. Auch hier begegnen ihm noch Plakate der »Hexenpassion«. Er versucht zu bummeln und sich überall solange wie möglich aufzuhalten. Aber gerade deswegen will die Zeit überhaupt nicht vergehen. Auf einem Blumenmarkt kauft er einen Strauß Sonnenblumen, die Blumen des Vincent van Gogh. Dann geht er wieder über Brücken und an Kanälen entlang, bis er das Gefühl hat, daß nun Clarissa von ihrem »wichtigen Termin« zurück sein müßte und auf ihn wartet. Er kehrt rasch um, er beeilt sich. Je näher er dem Hotel kommt, desto schneller werden seine Schritte. Als er den Eingang erreicht, rennt er fast. 

HERMANN. Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich warten mußte. Wie hatte ich einst zu Juan gesagt: Warten macht dumm. Aber ich liebte sie doch, und hatte ich nicht oft genug die Frauen warten lassen, angefangen mit meiner Mutter? 
1360 HotelzimmerAcacia 


Mit seinem Sonnenblumenstrauß betritt er das Zimmer. Es ist alles aufgeräumt, das Bett gemacht, aber Clarissa ist nicht da. Er läft die Blumen aufs Bett fallen, setzt sich enttäuscht auf den Stuhl und versucht es noch einmal mit dem Warten. Da fällt sein Blick auf den Spiegel. Er sieht sein enttäuschtes Gesicht. Eine maBlose Unruhe steigt in ihm auf, er hat das Gefühl, daß er etwas Entscheidendes tun muß, um diesen gewaltigen innerlichen Druck loszuwerden. Er ergreift den schweren gläsernen Aschenbecher, der auf dem Tisch- chen steht, und schleudert ihn mit aller ihm zur Verfügung stehenden Gewalt in den Spiegel. Der Spiegel zersplittert. Hermanns Bild venielfältigt sich, und als er aufspringt, sieht er sein Gesicht in Dutzenden von Spiegelscherben, wie es ihn anstarrt. Es ist alles nur noch schlimmer geworden. 
1361 Zugabteil


Hermann fährt wieder im Zug. Wie zu Beginn seiner Reise sitzt er in einem Erste-Klasse-Abteil, diesmal aber in holländischen Polstern, und schaut in die Landschaft hinaus. Die Fahrt geht durch die niederländi-sche Landschaft. Auch hier Kanäle, die der Zug überquert. 

HERMANN. Ich war auf der Flucht. Dabei hatte ich mir vorgenommen, nie mehr zu fliehen. Etwas war in Unordnung geraten in meinem Leben -ganz zu Anfang, da, wo es mit dem Fliehen angefangen hatte. Am liebsten hätte ich Clarissa mitgenommen in den Hunsrück. Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen. Alle Freunde, alle meine Frauen. Das wäre ein Spektakel geworden. Dieser Haß und dieser Neid, diese Empörung, dieser kleinkarierte Unverstand. Dieses be-drückend enge, beschränkte, hoffnungslose, nach Scheiße stinkende Terrain. das wir Heimat nennen! 
1362 »Melkweg«, Presseraum


Die Pressekonferenz ist auf den Plakaten für vierzehn Uhr angekündigt. Im improvisierten Presseraum haben sich ein Dutzend Journalisten und einige Zuhörer versammelt. Clarissa und Camilla sitzen mit der Veran-stalterin und einer Dolmetscherin auf einem Podium. Der Raum ist mit Plakaten und Modellen des BühnenLilds dekoriert. Ein Amsterdamer Kulturkritiker hat sich erhoben, um ein zusammen-fassendes Statement abzugeben. 

HOLEÄNDISCHER JOURNALIST. Frau Lichtblau, Sie haben jetzt stunden-lang erklärt, was es mit der Hexenverfolgung auf sich hat, und was das wiederum mit der Unterdrückung der Frau zu tun hat. Sie hielten einen Vortrag über Else Lasker-Schüler und ihre Liebeslyrik. Sie haben sogar politische, literarische und historische Erklärungen gege-ben. Aber ich glaube, daß Sie eine ganz wichtige Sache verschwiegen haben. Was ist Ihr persönlicher Hintergrund? Warum haben Sie das Stück gemacht? 

Clarissa trägt eine Frisur aus frischen Löckchen, die das Gesicht wie Engelshaar umflutet. Sie hat ein modisches Kostüm an und wirkt ausgeruht und selbstsicher. 

CkARISSA. Lassen Sie mich Ihre Frage so beantworten: Bei diesem Projekt hat von Anfang an meine Seele ja gesagt, zum ersten Mal. 

JOURNALIST. Sind Sie eine Hexe? Auch Camilla ist schön zurechtgemacht und glänzt an Clarissas Seite. Sie ergreift das Mikrofon und antwortet, nachdem sie sich über Blick- kontakt mit Clarissa noch einmal abgestimmt hat.

CAMILLA. Let's put it this way, baby. Fourhundred years ago we would have been burned at the stake.

DOEMETSCHERIN (erst in holländisch, dann in deutsch). >>Vor vierhun- dert Jahren hätten sie uns sofort auf den Scheiterhaufen gebracht. « Neben dem Podium hängt eine der Marmortafeln aus dem Bühnenbild. Der Text des Schlußliedes, das Hermann so verzauberte, steht darauf. Alle Besucher der Pressekonferenz sollen es noch einmal lesen. » Dein Herz ist wie die Nacht so hell, ich kann es sehn, du denkst an mich, PC hlP;hen ~11P Sterne stehn.« 
1363 Zugabteil

Auf dem letzten Teilstück seiner Reise fährt Hermann im Zug durch den Hunsrück. Nichts, was seine Augen nun sehen, ist spektakulär: Büsche, Hügel, gesichtslose Lagerhäuser am Ortsrand, dann ein kleiner schäbiger Bahnhof mit einem hölzernen Vordach.

SIMMERN heißt es auf dem Stationsschild. Er ist angekommen. Hermann greift nach seinem Matchsack im Gepäcknetz, dann steigt er aus. 
1364 Bahnhof Simmern


Als sein Fuß vom Trittbrett hinab den Hunsrücker Boden berührt, woht eine zischende Dampfwolke von der Lokomotive herüber. Für einen Moment wird Hermann völlig vom Nebel verhüllt. Er sieht sich um. Ja, alles ist immer noch vertraut. Er kennt den Weg. Wenn der Schaffner nicht hinsieht, überquert er rasch vor der Lok die Gleise. Diesen verbotenen Weg hat er schon als Schüler genommen, um den Heimweg ein paar Meter abzukürzen. 
1365 Hunsrücker Landschaft

Hermann findet das Brückchen, das über den stillen Goldbach führt. Dann durchschreitet er die ansteigenden Wiesenhänge, hinter denen Schabbach liegt. Bald sieht er die heimatliche Kirchturmspitze, die sich bei jedem Schritt ein wenig mehr aus den Feldern emporreckt. 

HERMANN. »Lieber Konsul Handschuh. Auf meiner Reise bin ich da angekommen, wo ich vor mehr als zehn Jahren aufgebrochen bin: im Dorf meiner Mutter. Ich weiß, daß ich hier nichts lernen kann, und ich werde hier auch nicht anknüpfen können an all die Entwicklun-gen' die in München begonnen haben. Ich stehe am Anfang. Und dennoch: Ich möchte mich von Ihnen für immer verabschieden. Ihr Vertrauen hat mich überwältigt, aber meine Träume sind andere. Welche, das will ich herausfinden. Ich möchte das Warten lernen. Ihr Hermann W. Simon« 
1366 Straße nach Schabbach


Hermann erreicht die holprige Straße, auf der einst der Bus mitten durch eine Schafherde mit ihm in die Welt gefahren war. Mit Blick auf das Dorf bleibt er stehen. Von weitem kommt ihm ein alter Mann entgegen. Es ist der Glasisch-Karl, der schon bald mit seinem Stock auf Hermann deutet. Er hat den Heimkehrer erkannt. 

GLASISCH-KARL. Du bist doch's »Schabbacher Hermännsche«. Na, so ebbes, disch han eisch ja schon ewig nimmer gesehe. Du bist bestimmt wege deiner Mutter do, der Maria, wege ihrem Siebzigste! 

HERMANN. Tach, Glasisch. 

Hermann gibt dem Glasisch die Hand. Er kann es nicht fassen, daß dieser ihn nach der langen Zeit wiedererkennt. 

GLASISCH. Mensch, Hermännsche, fast hätt eisch die Engelscher pfeife gehört. Eisch war schon so gut wie dot. Der Doktor in Simmern hat festgestellt, daß e Ader im Herzkranz verstoppt war. Dann han sie misch nach Mänz in die Uniklinik geschleppt, da han se mir zwei Bypässer verpaft. 

Der Glasisch knöpft sich das Hemd auf, um Hermann die Narbe auf seinem Brustbein zu präsentieren. 

GLASISCH. Da guck emal die Narb, bis da nunner. Und die Ader, die han sie mir hier unne aus'm Bein geholt. 

Jetzt krempelt der Glasisch auch noch sein Hosenbein hoch. Er zeigt Hermann die andere Narbe am Unterschenkel. 

GLASISCH. Guck emal, zwanzig-, fünfundzwanzig Zentimeter! Dat is die Witwe-Ader, die heeßt so, weil die Männer immer dot umfalle. Aber ich sin ja net verheirat. 

Der Glasisch lacht triumphierend. 

HERMANN. Und die Ader da unne, fehlt Eusch die net? 

GLASISCH. Nä, dat Blut, dat sucht sisch einfach en annere Weg. 

Jetzt trottet der Glasisch einfach weiter. Er pafft eine Zigarre. Dicke Rauchwolken umgeben seinen alten Kopf und werden vom Wind verweht. Hermann sieht hinter ihm her. Da dreht der Glasisch sich noch einmal um. Etwas hat er vergessen zu sagen. 

GLASISCH. Du hast disch überhaupt net verändert, Hermännsche! 

Hermann geht auf das Dorf zu. Er geht und geht. Es sieht aus, als käme er gar nicht voran. Wieder kreuzt eine Schafherde seinen Weg. Es scheint von hier aus noch endlos weit zu sein nach Schabbach.